schrei m
Fundstelle: Lfg. 9 (1897), Bd. IX (1899), Sp. 1686, Z. 31
gebildet zum verbum schreien (s. dieses): ahd. screi, ululatus, clamor Graff 6, 566; mhd. schrei, daneben schrê (letztere form ist bewirkt durch das perf. schrê, s. unter schreien) und schrî, das zum präsens des verbums gebildet ist. mhd. wb. 2, 2, 215ᵇ. Lexer mhd. handwb. 2, 790. 793, mnd. schrei, neutr. und masc. Schiller-Lübben 4, 134ᵇ, nhd. schrei: schrey (der) exclamatio, clamor, einen schrey lassen, tollere clamorem, einen fröhlichen schrey thuͦn, ein schrey lassen, jubilare Maaler 361ᶜ, schrey (der) clamor Steinbach 2, 504 (bezeichnet als eine vox ratione derivationis solum annotata); Frisch 2, 226ᵃ führt den beleg aus Maaler an und bezeichnet darnach das wort als ein alemannisches. noch Adelung empfindet schrey als ein oberdeutsches wort, während es bei Campe als völlig eingebürgert erscheint. dabei ist zu bemerken, dasz bei der wiederaufnahme des wortes eine einschränkung der bedeutung auf einmaliges ausstoszen von starken, schrillen lauten festgehalten wird, die in der alten sprache nicht durchgeführt ist, wenn auch diese engere bedeutung früh bezeugt ist. plur. die schreie, schwacher plural aus Keisersberg unten unter 1 belegt.
1)
von thieren, besonders im waidmännischen sinne charakteristische lautgebung bestimmter thiere bezeichnend: ob ihr (der thiere) schrey laut und stimme natürlich zu verstehen sey. Döbel jägerpr. 3, 175; die ente, welche einen starcken und lauten schrey hat. 1, 71ᵃ; manchmal hörte man einen hund bellen aus den dörfern oder den schrei des wildes im walde. Eichendorff (1864) 3, 295. schrei eines raben:
so bebt das volk vor einem meteore,
vor einer alten frau, vor eines raben schrey.
Gotter 1, 426.
die ältere sprache bewegt sich freier; vom brüllen des löwen: wie fil sind der umbgeng oder schreyen der anfechtung des hellischen löwens. Keisersberg hellisch löw a 8ᵃ; dise zwen schrey. c 3ᵇ. vom gesang der vögel:
nû koment uns die vogele mit ir süeʒen schreie.
Neidhart 32, 14;
mirst swære der süeʒe vogelschrê.
minnes. 2, 264ᵃ Hagen;
in ähnlicher anwendung noch im nhd.:
der trübe winter ist fürbei,
die kranich wiederkehren,
nun reget sich der vogelschrei,
die nester sich vermehren.
Spee trutzn. 26 Balke;
anders in folgender stelle, wo der erste ruf gemeint ist (vergl. hahnenschrei th. 4, 1, sp. 169):
und alle vögel regen sich,
und thun den ersten schrey.
Claudius 5, 204.
2)
von menschen, einen einzelnen heftig, laut, schrill hervorgestoszenen laut bezeichnend; als zeichen heftigen schmerzes, des schreckens, der angst, der überraschung, plötzlicher freude, übermütiger lust, der wilden erregung u. ä., dann auch zur ankündigung, als verabredeter oder herkömmlicher ruf: einen schrey lassen, exclamare clamorem Dentzler 2, 255ᵇ; ein schrey aufthun, thun; ein lauter, heller schrey. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 667ᵇ; einen groszen schrey tuhn, magnum inclamare Stieler 1932; zwei laute schreye thun. Adelung; ein schrei der angst. Campe; e schrai due. Seiler 264ᵃ; schrey-j uslo Hunziker 231; angst-, schmerzens-, schreckensschrei; schrei der entrüstung; charakteristischer ruf: jagdschrei u. ä.; ein wächter-schrey, noht-schrey, mord-schrey Kramer a. a. o.; juchschroa, freudenschrei Schöpf 645; landschrei, allarm durch schreien, schieszen, läuten u. ä. Schm. 2, 691; schrei um, nach rache;
drî schreie am criuze frône
gar bitterlich
menschlîchen tet mîn kint zem vater schône.
Kolmarer handschrift 6, 265;
darmit liesz sie ein lauten schrey.
Sachs 21, 263, 6 Keller - Götze;
der schrey der verzweiflung,
jammernde seufzer der wiederkehrenden menschlichkeit füllten
jeden hügel umher.
Klopstock Mess. 5, 431;
ein lauter schrey entfuhr ihr.
Wieland 18, 168 (Pervonte II);
und — ein schrey des entsetzens wird rings gehört,
schon hat ihn der wirbel hinweggespült.
Schiller 11, 222;
es solte niemand kein wort reden, viel weniger einigen schrei thun. Albinus meisznische chron. (1580) 535; ob du einen schrey ausz deinem mund lasse würdest, so bist erstochen. buch d. liebe 311ᵇ; Bertha (mit einem schrei): stürzt über mich mauern! mein Scipio! Schiller Fiesko 1, 11; der laute schrey der zufriedenheit, der segen der millionen. Klinger 7, 141; den schrey aller unglücklichen, verfolgten und bedrängten. ebenda; als ich endlich bei'm herabgleiten mich in ziemlicher höhe losliesz und heruntersprang, that sie einen schrei. Göthe 21, 30; zwei gellende schreie wurden gehört. Freytag soll u. haben 2, 248; sprichwörtlich: vermag es nicht ein schrei, so können es zwei. Wander sprichw.-lex. 4, 334. freier vom in worten ausgedrückten notschrei:
du wöllest mir erlauben
ein schrei zwen oder drei! ...
den ersten schrei und den sie tet:
'hilf Jesu, Marie sone!
und kumst du nicht so balde,
so bleib ich in disem walde'.
Uhland volksl.² 111 (nr. 74, 19).
in älterer sprache im sinne von geschrei, das schreien (s. nhd. wb. und Lexer mhd. handwb. a. a. o.), besonders für wehklage (der prägnanten bedeutung von schreien folgend):
in ruwelicher stimme
sich hub ein ungevelle,
von schreie ein groʒ geschelle.
Elisabeth 4716;
zur neueren bedeutung überleitend:
ich wach zu gott,
zu dir, mein gott!
mein augen zu dir kehre,
und ruf dann frei
mit mattem schrei:
'mich dürstt nach dir so sehre!'
Spee trutznacht. 21 Balke;
mit starkem schrei.
28;
aber auch von jubelnden rufen:
gegenander ruften sie (die Seraphim) mit groszem schrei.
wunderhorn 1, 63 Boxberger;
im sinne von anrufung, name:
wol dich, gebenedîter schrê (der name 'weib').
Frauenlob minneleich 23, 6;
gerücht:
da sie den schrei vernamen
von deme lobesamen,
daʒ er verscheiden were.
Elisabeth 4701;
in besonderer anwendung: schroa, m. zank, streit cimbr. wb. 229ᵃ.
Zitationshilfe
„schrei“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/schrei>, abgerufen am 20.08.2019.

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