schmetterling m
Fundstelle: Lfg. 6 (1896), Bd. IX (1899), Sp. 1047, Z. 32
1)
papilio, das aus der raupe sich entwickelnde geflügelte insect. zeugnisse zur geschichte des wortes hat Bierwirth in den beitr. 15, 387 gesammelt. er belegt es zufrühest aus dem vocabularius optimus gemma dictus (Leipz. 1504). ferner findet es sich bei Corvinus fons latin. (1653), in A. Reyhers lexicon lat.-germ. (1686), in Kramers neuem diction. (Nürnb. 1678) u. a. Schottel und Stieler verzeichnen das wort nicht. Steinbach 2, 464 führt es als landschaftlich auf: schmetterling (der, allis zweyspalter, Silesiis molckendieb, insectum) pupilio. Frisch 2, 208ᵃ erwähnt es unter schmettern, womit er es in verbindung bringt (vgl. auch desselben beschreibung von allerlei insecten in Teutschland 3. vorbericht). schmetterling ist eine mitteldeutsche bezeichnung, Popowitsch versuch einer vereinigung d. mundarten (1780) 515 verweist es nach Sachsen, auch in Thüringen ist es üblich Hertel Salzunger wb. 41; den oberd. mundarten ist der ausdruck fremd Schm. 2, 559. von interesse wäre eine genauere landschaftliche abgrenzung der volksthümlichen bezeichnungen. einzelnes s. oben bei falter th. 3, sp. 1302 und feifalter sp. 1440; andere namen sind maienvogel, sommervogel, tagvogel, bienenvogel, müllermaler (Schm. 1, 1588), nd. flörlörken (Schütze 1, 328), fluchter (Strodtmann 58), fledermaus (oben theil 3, sp. 1746), hess. raupenscheiszer, der kohlweiszling (Pfister 229), in Lübeck merkwürdig ketelböter (nd. korrespondenzbl. 10, 14), vgl. Frommanns zeitschr. 6, 76. eine gruppe von namen, die besonders im nd. und md. gebiete heimisch sind, setzt das thier mit butter, milch, molke in beziehung: buttervogel, butterfliege (vgl. ags. buttorfleóge, engl. butterfly), schmantlecker (oben sp. 936), botterlicker, molketewer (nd. korrespondenzbl. a. a. o.), molkentöfer (Adelung unter schmetterling), molketêwer (Frischbier 2, 70ᵃ, hochd. molkenzeber, -zöber, daneben molkenschubber), mulkentöwer (brem. wb. 3, 144), molkendew (Dähnert 311ᵇ), molkentoiwer (Frommanns zeitschr. 4, 268, 5), schles. molkendieb. entstellungen sind molkenstäuber, molkendieb. der ursprüngliche sinn dieses molkentöver ist 'molkenzauberer' (zu mnd. toverer, tover, zauberer Schiller - Lübben 4, 599ᵇ), später wurde der zweite bestandtheil des wortes umgedeutet und ein 'molkendieb' daraus. eine alte vorstellung des volksglaubens liegt hier zu grunde, dasz hexen die gestalt von schmetterlingen annehmen und in dieser verhüllung einem ihrer hauptgeschäfte, dem verderben der milch- und buttervorräte nachgehen. vergl. hierüber Grimm myth.⁴ 897 und weiter über die bedeutung des schmetterlings im volksglauben ebenda 905, 691, nachtr. 247. Meyer myth. 63. 98. 113. 120. 127. W. Grimm kl. schriften 1, 477. darnach wird auch buttervogel, butterfliege mit diesem volksglauben in verbindung zu bringen sein, wenn man auch später den namen besonders auf die gewöhnliche gelbe art (citronenfalter) beziehen mochte (s. oben butterfliege theil 2, sp. 585). schmetterling in ähnlichem sinne zu deuten liegt nahe (doch s. auch unter 3), denn schmetten, milchrahm, und schmetterling sind in derselben gegend, dem östlichen Mitteldeutschland zu hause, auch das nd. smantlicker unterstützt diese auffassung; freilich macht die form des wortes schmetterling schwierigkeiten. Frisch 2, 208ᵃ brachte das wort mit nd. smetten maculare zusammen, weil der schmetterling 'seine eyer auf allerley grünes schmeiszt oder legt'. nld. ausdrücke für schmetterling sind kapel (woher stammend?) und vlinder, flatterer (ins vläm. ist aus dem hochd. schmetterling eingedrungen Schuermans vlaamsch id. 631ᵇ), dän. sommerfugl, dagvugl, schwed. fjäril (zurückgehend auf altn. fífildri, feifalter), sommarfaͦgel. in der deutschen schriftsprache wird das wort seit dem vorigen jahrhundert üblich. Göthe in einem Leipziger liede braucht neben schmetterling papillon (d. j. Göthe 1, 98). die schmetterlinge (butterfliegen). Comenius übers. von Docemius 223; mit molkendieb wechselnd:
ein schmetterling,
ein kleines, aber stolzes ding ...
(der adler) liesz dem molkendiebe sagen.
Lichtwer 45 (fabeln 2, 2).
der schöne schmetterling entwickelt sich durch puppengestalt aus der häszlichen raupe: es zieme den schmetterling schlecht, eine spanne über den dornenstrauch erhaben, so verächtlich nach der demüthigen raupe auf dem blatte herab zu blicken. Lessing 8, 209; (das christenthum ist) gleich einem schmetterlinge dem leeren raupengespinnste und der todten puppengestalt des judenthums entflogen. Hamann (1825) 7, 50;
da meiner wünsche winterliche raupen
als goldne schmetterlinge mich umspielen.
Grillparzer Sappho 2, 1.
daher wird er ein sinnbild der fortdauer nach dem tode: die tode raupe, die sich als schmetterling neu verjüngt in die luft erhebt, (reicht) uns ein treffendes sinnbild unsrer unsterblichkeit. Schiller 4, 42;
wenn des lebens schmetterling in der puppe tod erwacht.
Rückert poet. werke (1882) 5, 217.
bunte farbenpracht und flatterndes schweben der schmetterlinge: die buntgefiederten bälle flatterten wie schmetterlinge, glänzende bogen hin und her beschreibend, durch die blaue luft. Eichendorff 3, 109; der schmetterling gaukelt:
gaukelt nur, ihr bunten schmetterlinge.
Hölty 52 Halm;
ich sehe wie der frühling und seine gaukelnden schmetterlinge aus. J. Paul uns. loge 3, 63. das schweben des schmetterlings von einer blüte zur andern wird auf unbeständigen sinn gedeutet, so wird er sinnbild der unbeständigkeit und flüchtigkeit, besonders der flatterhaften lüsternheit:
die schmetterlinge, voll wollust,
und unentschlossen im wählen, umflattern die blumen.
E. v. Kleist 2, 19;
mit zweifelndem flügel
wiegt der schmetterling sich über dem röthlichten klee.
Schiller 11, 76.
die verblühte rose zieht ihn nicht mehr an:
der schmetterling,
der, als ihr reiz begann,
voll lüsternheit an ihrem busen hieng,
blickt ihren rest kaum an.
Hölty 47 Halm.
auf menschliche art bezogen: schwester, bist du doch stets von schmetterlingen umschwärmt. Schiller Fiesko 3, 8;
welch mädchen ist kein schmetterling,
kein schalk?
Gotter 1, 18;
den kennerblick, der hier sich gern verwirrte,
und gleich dem schmetterling auf einer blumenflur,
um hundert fromme schönen irrte.
Wieland 21, 164;
das soll ich ruhig schauen,
dem schmetterling zu weichen.
Göthe 57, 237.
mehr in beziehung auf eitelkeit und putzsucht: ich bin lustig ohne durchfallend, bescheiden ohne kriechend, geputzt ohne ein pfau oder schmetterling zu sein. Plant akad. liebe (1783) 172. er umgaukelt die flamme, bis er sich an ihr verbrennt: der schmetterling, der das licht oftmals ungestraft umgaukelt hatte, blieb daran kleben. Musäus volksmärchen 4, 17 Hempel. schmetterling zur bezeichnung beweglicher freiheit im gegensatze zu lästiger gebundenheit: o, was haben sie, schmetterling, gegen mich packesel es gut. Bürger 463ᵇ; so schnell leicht und gewandt wie Achill, der schmetterling. Musäus volksm. 4, 94 Hempel. schmetterling an der nadel: in einem augenblik siebenmal kurz und siebenmal lang zu werden, wie der schmetterling an der nadel. Schiller kab. u. liebe 4, 3; (einige) haben versucht die schönheit wie einen schmetterling zu fangen, und mit stecknadeln, für den neugierigen betrachter festzustecken. Göthe briefe 1, 238 Weim. ausg.; das lebende ist nicht für sie; der schmetterling ist ihnen nur an der nadel interessant. Ludwig 5, 498. in anderen bildlichen wendungen: die träume — diese nachtschmetterlinge des geistes. J. Paul Hesp. 2, 83;
eis dein (des winters) schmuck und fallend laub
deine schmetterlinge.
Grillparzer⁵ 1, 157.
besonderes: schmetterling scherzhaft für orden; es ist ihm ein schmetterling angeflogen, er hat einen orden erhalten Albrecht 203ᵇ. nach Campe name einer blauen und schwarzen, schön gezeichneten baumklettenart in Amerika; eine art von napfmuscheln wird der bunte schmetterling genannt; s.schmetterlingsflügel.
2)
schmetterling, einmaliges schmettern, schallender schlag: gibt im ein schmetterling an eyn backen, daʒ es umb durmlet. Keisersberg bilg. 141ᶜ. laut schallendes lachen: einen schmetterling aufschlagen Albrecht 203ᵇ, oben th. 1, sp. 724, 9. ähnliche zu verben gebildete ableitungen sind schreiling (Fischart Garg. 47ᵃ), schlenkerling (oben sp. 636).
3)
in eigenthümlicher bedeutung bei Stieler: schmetterling, der, dicitur ovum contusum, fractum et allisum, it. homo macer et infirmus. er ist ein dürrer schmetterling, exanguis, junceus est. 1877; man hat schmetterling, papilio in diesen zusammenhang gezogen, vgl. Frommanns zeitschr. 6, 76.
Zitationshilfe
„schmetterling“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/schmetterling>, abgerufen am 17.10.2019.

Weitere Informationen …