schimmel adj.
Fundstelle: Lfg. 1 (1894), Bd. IX (1899), Sp. 157, Z. 58
zwen omen rotzwins, der nit schimel si. weisth. 5, 371.
schimmel m
Fundstelle: Lfg. 1 (1894), Bd. IX (1899), Sp. 155, Z. 3
etwas weisz schimmerndes, weiszlicher pilzüberzug faulender gegenstände, weiszes oder graues pferd. eine auf das deutsche im engern sinne beschränkte ableitung zu dem stamme skim (vgl. scheim, schemen, schimmer), vielleicht ursprünglich zusammensetzung? ahd. scimbal in scimbalac, scimbalôn, scembel, scimbli, schimbli mucor, aerugo Graff 6, 498, mhd. mit assimilation schimmel, schimel, schemel, schinnel. Lexer handwb. 2, 742 f., niederl. schimmer in beiden bedeutungen, s. Kilian. das mnd. wörterbuch verzeichnet schimmel nicht (vgl. indes 2), dagegen steht es bei Lübben mnd. handwb. 328ᵇ, ebenso in neueren nd. mundarten Dähnert 407ᵇ. Mi 76ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 123ᵇ. Woeste 229ᵃ. die heutigen bair.-österreichischen mundarten haben den ableitenden labial als p bewahrt (vgl. indes 2): schimpl, schimpel Schm. 2, 421. Höfer 3, 87 (schimpel oder schjempel). Castelli 242. Hügel 136ᵇ. Lexer 217. Schöpf 610. cimbr. wb. 228ᵃ. vgl. auch Weigand 2, 575. Kluge⁴ 302ᵃ.
1)
collectivbezeichnung für kleine pilze aus der familie der schwämme, die sich besonders an faulenden vegetabilien entwickeln, mucor Nemnich. Pritzel-Jessen s. 452. 457, vergl. auch Oken 3, 59 ff. schimmel des hopfens Jacobsson 7, 220ᵃ. in diesem sinne schon ahd. und mhd., s. oben. mucor scembel, schemel, schymmel, scheymmel Dief. gloss. 369ᵇ; schelm (l. schemel) also an dem brode is. nov. gloss. 258ᵃ; niederl. schimmel situs, mucor, rancor. Kilian; nhd. schimmel rancor, schimmel von feuchtigkeyt, mucor, situs Dasyp.; schimmel, das ist grau wollechtig ding, mucor. Calepinus (Basel 1570) 959; vgl. Schottel 1399. Stieler 1795; schimmel, ein auswachs in der feuchtigkeit verfaulender sachen, situs, mucor; es liegt der schimmel darauf, situ obductum est. Frisch 2, 183ᵃ;
alleʒ ir gereite,   was gar vri vor schimmel und roste.
der jüng. Tit. 3324;
rôt flamme ouʒ in gêt,
nebel, gestanc und schimel,
daʒ eʒ roucht an den himel.
Heinr. v. Neustadt von gotes zuok. 7906;
im bilde von Maria:
dû mirren vaʒ ân allen schimel.
goldene schmiede 198;
die farb (des geschwürs therioma) ist blawfleckicht, oder schwartz ... die feuchte ist wie eyn bützle oder schymle (et muco similis humor!) Khüffner Celsus (1531) 83ᵃ; wenn der wein nach schimmel riecht, so nimm ein gute hand voll salvey. Hohberg 1, 380ᵃ;
Christus spricht, schatzt üch imm himmel,
do üchs keyn rost, schaab, noch schimmel
verderbt.
Kohlrosz betracht. D 2ᵇ;
was läst uns doch die bahr
als ein verstelltes aasz, das blauer schimmel decket.
Gryphius 1, 247;
tragend in einer hand den schönen helm, in der andern
einen gewaltigen schild, entstellt von alter und schimmel.
Voss Od. 22, 184;
sprichwörtlich: wann man das gelt unter die leut laszt kommen, den schimmel davon treibt, unnd des gelts ein meister ist. Garg. 164ᵃ; werden jhnen manche gröszere reichtumb einbilden, dann sie empfinden, auch den schimmel wol von gelt bringen. groszm., s. kloster 8, 622; man liesze uns nicht lang feyren oder viel schimmel unter den füszen wachsen. Simpl. schr. 3, 272, 13 Kurz; häufig bildlich, namentlich mhd.:
brinnet danne der himel,
diu erde und och ir schimel.
Hugo v. Langenstein Martina 190ᵈ, 104;
sîns (Konrads von Würzburg) silbers schimel (sein glänzender, prächtiger ausdruck)
gap gimmen velsen schurc (kraft, d. h. machte seine gedanken eindringlich).
Frauenlob 313, 14 (vgl. die anmerk.).
während in diesen verbindungen die bedeutung des schimmernden hervortritt, überwiegt gewöhnlich der begriff des schmutzes und der fäulnis; so sehr oft der sünden schimmel u. ähnl.:
im (St. Felix) was zu dirre werlde leit
und zu ir sunden schimele.
pass. 95, 8, 5 Köpke;
aller unkuscheite schimel
brachte im nimmer ungemach.
366, 90;
daʒ er sulche lute vant,
die in mit kreftiger hant
iageten hin zu himele,
von dem armen schimele
den die sunde uf erden git.
514, 5;
dis alles heist der bapst gotts dienst,
spricht man verdient damit den himel
und löst mit ab der sünden schimel.
H. Sachs 2, 1, 85ᵈ;
des verjährten grolles schimmel,
wascht ihn ab von euren herzen!
H. Heine 1, 470 Elster.
2)
die weisze oder graue farbe eines pferdes, sowie ein pferd von solcher farbe, schimmel (der) grauw pfaͤrd als die ungerischen geül. Maaler 352ᶜ; equus coloris cani, glaucus. Schottel 1399; schimmel, ein weiszes pferd, so die farb wie der schimmel hat, equus glaucus. Steinbach 2, 414; wortspielend mit der ersten bedeutung im rätsel:
den reichen trägt das thierlein durch den koth,
das pflänzlein iszt der arme auf dem brod.
Hebel (1853) 1, 282, 28.
a)
den älteren dialekten ist diese verwendung fremd: ahd. ûfen einemo blanchen rosse. Graff 3, 254; vgl. ags. blanca, blonca Bosworth-Toller 108ᵃ. 112ᵇ; schimmel findet sich mhd. noch nicht (vgl. indes Lexer handwb. 2, 743 und unten e, δ), doch schon 1374: ein schemeliges pferd. Frankfurter urk. bei Weigand 2, 575; nd. golinus, golmus eyn schymmelch perd. Dief. nov. gloss. 196ᵃ (quelle vom jahre 1417); einn schimlicht pfferdt. urk. von 1549 bei Dief.-Wülcker 837, mnd. setzt Schiller-Lübben 4, 93ᵇ schimelink an; da das wort sonst nicht bezeugt ist, so könnte man vielleicht in dem einzigen belege dat scymelinghe perd (aus dem j. 1373) einfach eine nebenform zu dem adj. schimmlig sehen. niederl. schimmel, schimmel-peerd murinus, leucophaeus, cineraceus equus Kilian, vgl. zum ganzen Weigand a. a. o. auch in heutigen mundarten weit verbreitet, s. Hunziker 220. Seiler 253ᵃ. Weinhold 83ᵃ. Woeste 229ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 123ᵇ. Mi 76ᵃ. in diesem sinne auch bair. schimmel Schm. 2, 420. Höfer 3, 88. nur Lexer 217 giebt auch diese bedeutung unter schimpl, vgl. auch Jacobsson 7, 220ᵃ und über den schimmel in der mythologie und in volksbräuchen E. H. Meyer germ. mythol. 257. Weinhold deutsche frauen 2, 137.
b)
die andere haubt-farbe sind die schimmeln, so nach den braunen für die beste gehalten wird .. die vornehmste und rareste farb sind gantz schneeweisz .. die übrigen schimmel geben uns auch die apfelgrauen oder spiegelschimmel. Hohberg 2, 127ᵇ; das nahm den fuhrmann grosz wunder, absonderlich da er deutlich wahrnahm, dasz der schimmel des reisigen einen fusz zu wenig hatte. Musäus volksm. 1, 58 Hempel; ich habe einen herrlichen schimmel zu verkaufen. Schiller 4, 191; das alter fliegt zum fenster herein auf einem wolkenleiterwagen. zwei alte schimmel vor, bauernpferde. Raimund 1, 273 (bauer als mill. 2, 9);
stalknech, gang hin und hüet unseri kuo ...
und setz den schümel in den karren.
fastnsp. 822, 24;
nach dem der reich sasz auff sein schimel.
H. Sachs 2, 4, 117ᵃ;
zwen weisze schümmel führten hin,
Turnum auff einem wägelin.
Spreng Aeneis 246ᵇ;
mit räppel und schimmel
kombt man, weisz got, nit in himmel.
Abr. a S. Clara Judas 2, 183;
zieh, schimmel, zieh,
im dreck bis an die knie!
wunderhorn 1, 531 Boxberger (vgl. das ganze lied);
ich hob ihn flugs auf meinen schimmel.
Pfeffel s. ebenda 1, 413;
der ritter wüthig schmäht und springt
im sattel, reiszt den schimmel.
Fr. Müller 1, 250;
wie prächtig könig Sanherib
im reichen gallakleide
herum den stolzen schimmel trieb.
Schiller 3, 173;
auf einem schimmel herrlich sasz er da.
H. v. Kleist prinz von Homburg 2, 5;
laszt mir bringen nun mein schlachtrosz,
unsern schimmel, den bewährten.
Immermann 12, 27.
c)
nach den nuancierungen des farbentons unterscheidet man verschiedene arten: equorum candidorum, der schimmel, varia genera sunt: apfelschimmel, equus pomulatus, scutulatus, seu variegatus, fliegen- sive mückenschimmel, albus nigro infuscatus, maculis notatus, et distinctus, grauschimmel, leucophoeatus, rotschimmel, ruboris subalbeseentis, spiegelschimmel, conchyliatus. Stieler 1795; schwarz-schimmel, niger, albis pilis admixtis. Frisch 2, 183ᵃ; der blau- oder eisschimmel. Jacobsson 7, 220ᵃ; der blauschimmel ist gewöhnlich, und am schönsten geapfelt. Voss georg. 546; ferner atlasschimmel, eisenschimmel, forellenschimmel, hechtschimmel, honigschimmel, mohrenschimmel, pfirsichblütenschimmel, silberschimmel, staarschimmel, weinschimmel, zimmtschimmel u. s. w.
d)
sprichwörter und redensarten: einem zureden wie einem kranken schimmel. Weinhold 83ᵃ; wenn du des nachts reitest, so nimm einen schimmel, er dient dir zur laterne. Simrock sprichwörter 9018; wenn ich wieder was erfahre, will ich ihn ins loch stecken lassen; und da könn er sitzen bleiben, bis mein schimmel schwarz wird. Siegwart 1, 77; där schimmel jît ä jûten schritt, die sache hat einen guten fortgang, meist ironisch. Jecht 93ᵇ; er sitzt auf dem schimmel und sieht ihn nicht. Wander 4, 183, 22; der schimmel von Bronzell mit anspielung auf die schlacht bei Bronzell zwischen den Preuszen und den vereinigten Österreichern und Baiern, in der nur ein schimmel fiel, zum ausdruck eines geringfügigen erfolges nach groszen veranstaltungen. 17; so auch den schimmel von Bronzell zu tode reiten, einen falschen weg bis aufs äuszerste verfolgen. 14; der schimmel von Bronzell hat keine ruhe im grabe. 18. bildlich vom gelde: wenn die schimmel (silberstücke) nicht ziehen, so musz man füchse vorspannen (es mit golde versuchen). 10; er hat den schimmel vor den unrechten wagen gespannt, seine geschenke an falscher stelle angebracht. 21; ein grawer schimmel zeucht oben (l. eben?) so wol, als ein rother fuchs. Henisch 1274, 42. Petri V 3ᵃ; ein schimmel trabt so weit, als ein hengst. Y 3ᵇ; gewöhnlich obscön: schimmel trägt so gut als rapp, je nachdem die hohlgasse ist. Simrock sprichw. 9017; wolan ich mercks nu, sprach der alte herr, liebe tochter lasz den kummer faren, weistu nicht, dasz ein grawer schimmel eben so wol zeucht, als ein roter fuchs. die fraw striche die hand uber jhre brust, bisz für den bauch hinab, und sprach: ja, aber auff der straszen nicht, denn da sind gräben, und ohngefehr löcher, da man eins satten, steiffen zugks wol von nöthen ist, dasselbige kan ein roter junger fuchs viel basz, denn ein alter grawer schimmel, auszrichten. Frey gartenges. 75ᵇ f.; ähnlich Frischlin facet. (1602) 24; daher auch schimmel, demin. schimmele, geradezu für 'liebhaber': wie nun die from dirn gesehen, das kain ufhören seines begerens, und villeicht sie ain jungers und liebers schimmele im haus (hatte). Zimm. chron.² 2, 192, 34 Barack.
e)
übertragen auf andere thiere und menschen.
α)
sehr gewöhnlich ist grauschimmel für 'esel', vgl. daselbst: wie er in zukunft dem grauschimmel die last aufbürden und gemächlich nebenher gehen würde. Musäus volksm. 1, 50 Hempel; dafür auch schimmel allein:
nun schlieszt er (Silen) sich an seinen schimmel.
Hagedorn 3, 131.
β)
schweiz. auch von rindern und menschen Hunziker 220; weisze kuh Seiler 253ᵃ; 's schimmeli, kind oder erwachsener (nicht greis) mit weiszem kopfhaar. ebenda; bair. der routschimmel, person mit ungewöhnlich rotem gesicht. Schmeller 2, 420. schimmel für greis (vgl. oben d): nominant etiam einen alten schimmel, senem, canum et decrepitum, vel silicernium. Stieler 1795:
denn sieh! der graue schimmel (Charon)
nahm willig itzt die alte fee
und unsern groszen lümmel (Aeneas)
in seinen kahn.
Blumauer Aen. 2, 104.
γ)
schimmeln silbermünzen, thaler. Hügel 136ᵇ.
δ)
unklar ist:
dâ man den schimel wiget baʒ unt den valken krenzet.
Frauenlob 87, 5,
vgl. Bech in Germ. 29, 19, der dafür den namen eines jagdvogels einsetzen will.
Zitationshilfe
„schimmel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/schimmel>, abgerufen am 22.07.2019.

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