schemen m
Fundstelle: Lfg. 14 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2536, Z. 47
schatten, schattenbild.
I.
Formales. in älterer sprache scheiden sich deutlich scheme, schime, m. umbra, und scheme, f. larva. ersteres ist speciell md. und nd., letzteres speciell hochd.
1)
scheme, m. schatten häufig im mnd.: scheme, umbra Dief. 626ᵃ, scena 517ᶜ, umbra nov. gl. 384ᵇ. Schiller - Lübben 4, 67ᵇ; vereinzelt als f.: yn der schemen des dodes. quelle bei Schiller - Lübben a. a. o. hierzu z. b. scheemsel, schemekin, umbraculum Dief. 626ᵃ, schemeren, umbrare, schemeringe, dunkelheit, dämmerung, schemich, schattig Schiller - Lübben 4, 69ᵇ. Kilian verzeichnet schemel, umbra, vana apparitio. die nd. mundarten haben scheme, umbra bewahrt: scheme und schemel brem. wb. 4, 633. Dähnert 403ᵇ, schemen Schambach 182ᵃ, daneben schem, n. dämmerung, schatten, schiem Woeste 228ᵇ, schem 227ᵃ; scheme, schem, schim, schemel, schemte ten Doornkaat Koolman 3, 109ᵃ; schamel, schatten eines menschen Frischbier 2, 256ᵇ, nordthür. schemen Kleemann 18ᶜ. dasz das e der stammsilbe secundär ist, wird durch die in älteren quellen häufige form schime (beispiele unten, s. Lexer mhd. handwb. 2, 742) bewiesen (vergl. schiem aus A. Gryphius unten unter 4), ferner durch alts. scimo, umbra kl. altnd. denkm. 92, 29. nd. korrespondenzbl. 11, 63. ags. scima umbra, nld. schimme j. scheme, umbra Kilian. für die einführung des wortes in die nhd. schriftsprache ist Luthers vorgang maszgebend gewesen, der dasselbe seiner mundart entnahm und in der bibelübersetzung anwendete (s. unten unter den belegen); er gebraucht die formen scheme und schemen, indes hält sich die gekürzte nominativform noch lange: schem, m. umbra seu aliquid umbrae simile Schottel 1397, schäm Stieler 1729. Frisch 2, 173ᵇ. Adelung bezeichnet schemen noch als ein in der schriftsprache ungewöhnliches wort, indessen erscheint es häufig bei den schriftstellern der classischen zeit und hat sich, wenn auch in beschränkter anwendung, völlig eingebürgert. eigenthümlich als neutr.: indessen das herabgesunkene violette schemen dem auge gleichfalls ganz deutlich vorschwebt. Göthe 59, 99.
2)
im ahd. ist uns ein f. scema, larva, persona bezeugt (Graff 6, 495), entsprechend im mhd. und ältern nhd. ein f. scheme, schem in gleicher bedeutung (beispiele s. unten unter 6), mundartlich zum theil erhalten, vgl. Schm. 2, 418. Schmid 458. Schöpf 600. Firmenich 2, 490 (gegend von Donaueschingen); als m. in einem beleg von 1528 bei Schmid a. a. o.;
nymbt er ain fraiszlichen schemen.
Hätzlerin 2, 13, 123.
3)
es ist nicht sicher, ob die beiden angeführten wörter ursprünglich zusammengehören; schime führt man gewöhnlich auf die wurzel ski zurück, die in scheinen, schimmern, ahd. scîmo u. s. w. auftritt.
II.
Gebrauch.
1)
das durch einen lichthemmenden körper hervorgerufene dunkel: brede bome, de vele schemes maken und hinderen den krudeken, dat dar under steit. J. Veghe 93, 8, vgl. Woeste 227ᵃ. mit beziehung auf die kühle des schattens: alse de khonig umb der hitte willen etwas was bisyts int kule und schemen gegan. Schiller - Lübben 4, 67ᵇ. freier, schime der nacht:
want iʒ (das pferd) sach vil wol daʒ arc
vor im, daʒ sînen (des reiters) ougen barc
dâ der vinstern nachte schim (: im).
Nicol. v. Jeroschin 22422;
als der breite nachtschime
vor der sunnen swînet,
swanne ir liecht erschînet.
pass. 236, 96 Köpke;
scheme des todes: lose se van der walt der dusternisse unde van deme scheme des dodes. quelle bei Schiller-Lübben 4, 67ᵇ (so öfter); in weiterer übertragung:
ob lîchte sînes zwîvels schime
gewunne bekêre.
pass. 421, 56 Köpke.
scheme, schime zur bezeichnung von dunkelheit überhaupt:
die ie allein schein âne allen schime.
Marienl. in zeitschr. f. deutsches alterth. 10, 5, 30 (vergl. ebenda 57, 34. 110, 30).
2)
scheme, das dem lichthemmenden körper entsprechende schattenbild: hei wörpet kenen schemen (doch selten so). Schambach 182ᵃ, vergl. Woeste 227ᵃ; der schemen eines baumes als masz. rechtsalterth. 105. vor freuden springt jemand nach seinem schemen: de sulffe was so vul frowden, dhat he nha synem eigen schemen spranck. quelle bei Schiller-Lübben 4, 67ᵇ. der überängstliche fürchtet sich vor seinem eigenen schemen: der fürcht sich für seinen schemen. Luther 5, 212ᵇ; he growet vor sinen egenen schemen. brem. wb. 4, 634. von dem schattenbild, abbild im wasser: wie der scheme im wasser ist gegen das angesicht. spr. Sal. 27, 19; als er aber den schemen vom fleisch im wasser sihet. Luther werke 5, 271ᵃ;
des keses schemen he sein (sehen) begunde.
G. v. Minden 5, 8;
das wahlschwein, als es sah rumblauffen auff dem meer
der groszen flügel schäm und schatten hin und her
(l'orca, che vede sotto le grandi ale
l'ombra di qua e di là correr su l'onda).
Dietr. v. d. Werder Ariost 10, 102, 4;
in jener krümmung tanzten fische
zwischen den schemen der wilden rosen.
Stolberg 1, 354;
(wo) der gleichtende goldfisch
funkelt zwischen den zitternden schemen der purpurgestreiften
gelben blüthe.
377;
von der mitte des see's bis an die schemen der pappel.
380.
3)
schemen, als ein wesenloses, ein scheindasein führendes, dem wirklich seienden, kräftig lebenden gegenüber gestellt, von einer mehr sinnlichen vorstellung eines abbildes ausgehend bis zur freiesten übertragung: sie gehen da her wie ein schemen. ps. 39, 7; es bliebe der alte schalck zu starck in jm, und were ein schein und schemen von einem christen. Luther werke 5, 214ᵇ; wolan, wir wissens fast wol, das die Walhen uns Deudschen nicht für menschen, sondern für eitel hülsen oder schemen halten. 227ᵃ; so haben sie auch an gott ... nicht mehr, denn einen bloszen ledigen namen oder schemen von gott. 8, 287ᵃ; dennoch fand sichs in der that, dasz solcher amächtiger (anzusehen) scheme die wasserlast trug und uns beschützet. briefe 4, 129; solche leute nennet der heilige geist ein schämen oder schatten weil sie keine rechte menschen und ihr leben kein rechtes leben sondern nur ein schatten ist. Scriver seelensch. (1684) 756; Philipp Cluver war vor seinem ende wie ein schäm und sceleton. Paulini philos. luststunden (1709) 2, 610; um aus flüchtigen schemen wahrhaft gegenständliche wesen zu werden. Göthe 50, 40; der blosze schatten und schemen eines menschen. Fichte reden an die d. nation 91; he sagg uut as een scheme. Dähnert 403ᵇ, vgl. Kleemann 18ᶜ. Stieler 1729;
des gienc er durre als ein schime.
passional 249, 28 Köpke;
dem pâbeste was alsam ein schime
swaʒ Grêgôrius zuo im sprach.
211, 12;
ich bin ein schäm und schein zu nennen
und kan mich selber kaum erkennen.
Schwieger geh. Venus 59 neudruck;
herr abt, sprach Hans Bendix, was mögt ihr euch grämen?
ihr schwindet ja wahrlich dahin, wie ein schemen.
Bürger 66ᵇ;
(Herakles:) ich scheme, den die füsze nicht mehr tragen.
Stolberg 14, 149;
erbarmt des jammervollen schemens euch
vom manne Oedipus, der ich einst war.
13, 212;
wie du, o herbst,
dacht er, der du die blätter färbst,
bin ich, des maien kühler schemen.
Immermann 13, 95 Boxberger.
in eigenthümlicher anwendung zur bezeichnung der urbilder aller dinge:
umschwebt von bildern aller creatur (sind die mütter);
sie sehn dich nicht, denn schemen sehn sie nur.
Göthe 41, 76.
4)
schattenhaftes spukbild, gespenstische erscheinung, schattenbild eines verstorbenen; von 3 her überleitend: was ein eitel ding, schemen, oder gespenst ist. Luther 3, 369ᵃ; hei sach en'n schemen, er sah einen geist Schambach 182ᵇ; weihnachtsmitternacht wallen die schemen von personen, welche das folgende jahr nicht überleben werden, männer, weiber, kinder, wittwen und mädchen in feierlichem aufzuge über den gottesacker in die hellerleuchtete kirche. Zelter an Göthe 5, 400;
Maria! schwermt dein schiem mitleidend um uns her.
A. Gryphius 1, 278;
ha, was geht der schemen mich an? was, ob dolch' ihn entleibten.
Klopstock 2, 132;
so erschien leere gestalt,
wie in Elysium
irrt der schemen, an Lethe's strom
schweigend flattert.
224;
der enkel siehet einst von Elysium
Achäas schemen kommen.
7, 18;
(die rose) wird zu den schemen nun bald der pfirsichblüthen hinabgehn.
2, 196.
5)
scheme, trübung der augen, ein bestimmtes augenübel: wedder den schemen der ogen nym schellewort. quelle bei Schiller - Lübben 4, 68ᵃ; scheme, schime, schiem aus älteren quellen bei Schmeller 2, 419: für den schiem vor den augen. nim ainer frauen gespun, und thue das in dy augen. bei Megenberg 285, 29 augenschimel (vgl. schimel, larva unter 6), was dem nd. schemel entspricht. schime der augen in nicht prägnanter anwendung:
ir herzen sunde, ir augen schime
Augustinum nindert vant.
pass. 435, 86 Köpke.
6)
scheme, die larve, im ahd. als fem., s. Graff 6, 495; larva, sceme, schaͤm, schem, schiem, schoem Dief. 319ᵇ; schiem, scheim, schem, schimel nov. gloss. 229ᵃ; larva, ein scheme, oder butzenantlitz. larvatus, verbutzet, das eyn scheme anträgt. Dasypodius; reisz die larve unnd schemen der mesz vom angesicht ab. quelle bei Schmid 458; es kommt die zeit, da man diesen mummereyen die schämen wird abziehen. Andreae chym. hochz. 1, 2, 29;
als dakten sich die scheme ê,
dâ si diu kint schrakten mite.
K. v. Haslau d. jüngling 698;
sie sprach: wârleich, ich wil mich
machen als ain schem gevar.
ges. abent. 2, 598, 31.
schemen laufen, in Tirol das herumlaufen in masken zur fastnachtszeit. Schöpf 600.
Zitationshilfe
„schemen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/schemen>, abgerufen am 26.06.2019.

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