schürfen verb
Fundstelle: Lfg. 11 (1897), Bd. IX (1899), Sp. 2040, Z. 19
ritzen, aufschneiden, die oberfläche aufreiszen, graben. ein auf das hd. sprachgebiet beschränktes wort. der zusammenstellung mit ags. sceorfen nagen, beiszen Bosworth-Toller 829ᵇ (z. b. bei Noreen urg. lautl. 102) steht das im ältern hd. (noch bis ins nhd. hinein) herrschende pf im wege; richtiger hat es daher schon Grimm gramm. 2, 62 zu scharf und dessen verwandten gestellt; das zu grunde liegende starke verb. findet sich im ags. als sceorpan; gewöhnlich mit umstellung screpan, vgl. dazu schröpfen (sp. 1769), ferner scharf (theil 8, 2180). Kluge⁵ 338ᵇ. Weigand 2, 652. natürlich hindert das nicht, beide verben, das mit germ. p und das mit f, als parallel-bildungen und wurzelvariationen (nämlich als erweiterungen der wurzel sker- in scheren) zu fassen. die urkundlich belegten formen sind: ahd. scurphan, -en, surphen, scurfen, gewöhnlich schurfen Graff 6, 544; mhd. schürpfen, schürfen, schorfen Lexer hwb. 2, 830; im mhd. haben besonders schweizerische quellen noch vielfach schürpfen, sonst finden sich kaum abweichungen. mundartlich ist schürfen in Oberdeutschland verbreitet. schweiz. schürpfe, -a Stalder 2, 355. Hunziker 233. Bühler Davos 1, 149. 2, 27ᵇ, schürpfe und schürffe Seiler 265ᵇ; schwäb. schürfen Schmid 483; bair. schurffen, schürffen, schürpffen, scherpffen Schm. 2, 464, österr. Höfer 3, 119; tirol.-kärntn. schürpfn Schöpf 652. Hintner 217. Lexer 227. von mitteldeutschen idiotiken ist das wort nur bei Liesenberg 211 unmittelbar an der grenze des nd. verzeichnet (als schurfen). bedeutung.
1)
die ursprüngliche allgemeine bedeutung 'ritzen' oder 'schneiden' hat sich vielfach erhalten, namentlich in den mundarten, meist in speziellen anwendungen.
a)
ritzen, die haut aufreiszen oder durch reiben verletzen, leicht verwunden: schürpffen, ein wenig verwunden, stringere Maaler 362ᶜ; das schürpffen oder streyffen, wenn sich ein rossz schürpfft oder entbrennt, intertrigo Maaler 362ᶜ; vgl. sich scherpffen, summam cutis stringere. voc. v. 1618 bei Schm. 2, 464. die spätern wörterbücher verzeichnen diese bedeutung nicht mehr, doch ist sie auch heute in der schriftsprache noch nicht erloschen (nach Adelung in Schwaben 'noch völlig gangbar'). im oberdeutschen noch weit verbreitet, s. Stalder 2, 355. Seiler 265ᵇ. Bühler Davos 1, 149. 2, 27ᵇ. Schmid 483. Schm. 2, 464. Höfer 3, 119. Schöpf 652. Liesenberg 211 (schürfen, kratzen, von der haut entblöszen). belege aus der litteratur: er nam ein starck sper und kam gegen Olyffier, und Olyffier gegen im, mit söllicher stercke, das Olliffier Maffredons kräpsz durchstach und schurpft im ein wenig das fleisch. Morgant d. riese 71, 18 Bachm.; denn er nicht nur ein wenig zu verletzen oder obenhin zu schirpfen pflegte, sondern die pfeil giengen durch der feind schilt und waffen hindurch. Philand. (Leiden 1647) 7, 63; eine stosz-klinge ging mir fast zu gleicher zeit durch den rock und camisol, an der brust hinweg, schürffte aber nur die haut. cav. im irrg. 595;
mit schürpfen und mit kreczen
kond er die veinde leczen.
Heinr. Wittenweiler ring 40ᶜ, 1;
daʒ pheil (der Venus) ist scharff und heiss ze vil,
won sey schürphen, brennen wil.
16ᵇ, 20;
aufschürfen in etwas stärkerem sinne, die haut aufreiszen: dasz sie einer die schienbein aufgeschurft, und mit der marter 60 fl. abgenöthigt. quelle bei Schm. 2, 464 (vgl. 2).
b)
gegenstände ritzen; in intransitiver fügung: der jude schürfte heimlich mit seinem groszen daumnagel daran (an dem silbernen gefäsze). Keller 5, 188.
c)
die henne schürpft das ei, wenn sie es legt, bevor die schale hart geworden ist, daher die redewendung mit einem umgehen, wie mit einem g'schürpften ei, sehr vorsichtig und schonend; in Baiern und Österreich, s. Schm. 2, 464. Höfer 3, 119. Schöpf 652.
d)
in der Schweiz vielfach als ausdruck der landwirthschaft, den rasen abstechen, in dünnen schollen aufbrechen. Stalder 2, 355; das unkraut schürpfen, ausstechen, jäten, einen garten ausschürpfen. Höfer 3, 119. auch vom schneiden des grases: man schürpfte nur das gras oben ab. Gotthelf Uli d. knecht 264 Vetter.
2)
gewöhnlich ist schürfen indes nur als kunstausdruck einzelner berufe, so schon ahd. als jägerwort vom ausweiden der erlegten thiere: (ih) scurfo, scurpho, scurffo, surphen, exentero, eviscero, ventrem aperio, scurfit, eviscerat; scurfi, -ffi, -phi, -fe, -phe, -pha, schurfi, schûrfe, eviscera (hunc piscem); scurftun, rescindebant. scuriphento, scurfanto, eviscerando; gscurphtemo, fonna giscriphtemo, eviscerata (carne); zi vorscurifanne, eviscerandum Graff 6, 544 f.; exenterare .. scurpen, präs. scurffo, schurphe (sumerl.), ig scerphe Dief. gloss. 216ᵃ; einen hirschen schürfen, aufbrechen Höfer 3, 119; oder dû schürfe einen hannen unde wirf daʒ ingetuome ouʒ. Pfeiffer arzneib. 146, 33;
schürf unde schint
schâf unde rint.
Konr. v. Würzburg lieder 2, 12.
häufig in der zusammensetzung aufschürfen: aufschürfen, heiszt bey den jägern im aufbrechen, discissio cutis cervi a mento et pectore usque ad anum Frisch 2, 234ᶜ; do hieʒ in der engel, dc er den visch her ûʒ zuge und dc er in ûf schürfte. Grieshaber pred. 2, 18; schürf schwalben auf, so vindestu darinne ein roten stein. quelle bei Schm. 2, 464; nachdem man von kien den gantzen leib hinunter bisz hinten die haut auffgeschürffet, auffgebrochen, und die viscera gehalten. Fleming t. jäger 129ᵃ; entstellt zu aufschärfen (vgl. th. 1, 720): soll es dann nun zerwürcket werden, so wird ... vorne auff dem kiehne hinunter auffgeschärffet, bisz auf dem brust-kern. 263ᵇ.
3)
am meisten wird schürfen im nhd. als bergwerksausdruck gesagt: einen schurf (s. das. 2) graben, um nach gängen und erzlagern zu suchen, s. Jacobsson 4, 65ᵇ. Veith 431 f. Scheuchenstuel 218. Adelung. Höfer 3, 119; schörffen, fossas ducere. Golii onomast. (1582) bei Dief. gloss. 244ᶜ; schürfen ist ein bergwort, wan einer am tage anhebt zusuchen nach gängen und kluften. Schottel 1410; schürfen, [term. metall.] scrutare, cercare vene ò mine metalliche, far cave nuove per buscar metalli. in die erde schürfen. Kramer diction. 2, 683ᵇ; schürfen, verbum metallicum, scrobem fodere, terram leviter exscalpere, diciturque quando metallarii recentem fossionem ordiuntur atque venas et fibras scrutantur, wenn sie nach gängen und klüften zusuchen anheben. Stieler 1737; ich schürffe (mache graben), fossam ago. Steinbach 2, 525; schürfen, in die erde graben, erz zu finden, bey den bergwerken, fodiendo quaerere venas metallicas. wann man nach der bergleute art am tage, das ist, aussen anhebt in die erde zu graben, und erz-gänge und klüffte zusuchen, fossas ducere, nach erze schürfen, auf gute gänge schürfen. Frisch 2, 234ᶜ. die sichern belege für diese heute durchaus vorherrschende verwendung reichen nicht über das 16. jahrh. zurück. zweifelhaft musz bleiben, ob folgende stelle (aus dem 15. jahrh.) hierher zu rechnen ist:
da gieng ich, da man feile hett
vil hosen und ander gerätt,
des ich doch nit bedorfte,
wen daʒ ich abentür besech, wie mancher darin schorfte.
Neithart fuchs 52.
Lexer handwb. 2, 830 erklärt 'dem käufer das fell über die ohren zog, ihn übervortheilte', der neueste herausgeber (Bobertag narrenbuch s. 151): 'wie mancher auf abenteuer ausging' (eigentlich nachgrub), — beides nicht sehr überzeugend. man könnte auch einfach an die unter 5 angeführte bedeutung denken.
a)
absolut: ausz welchem geschlecht (der leichteren bergwerksarbeiten), diese zwey die fürnembsten seindt, als nemlich schürffen, und wäschen. Agricola bergwerkb. 21; derhalben so diese die natur, oder ein fall an ein orth, das zu schürffen geschickt ist, entblöszt hat, daselbsten schürffet alsbald ein bergmann, unnd so es sich nicht alsbald erzeigt, so schürffet er als lang am selbigen orth, bisz dasz er ein silbergang auff dem rasen getroffen hat. 31; wie etliche das wort schürpen, von zarapf oder sarepta, unnd röschen vom rösch herfüren, weil man von erst schürffe würfft, und röschen treibet, wenn man geng auszrichten will. Mathesius Sar. 18ᵇ; wenn aber der bergman schürfft unnd röscht, unnd berürt ein schönen schweiff in der thamerden .. da fehet er an stercker zu hoffen. 37ᵃ; Giges ist ein landsasz .. in Lidien .. der lesset auff seinem gute schürffen, oder kompt ohne gefehr uber ein alte binge, last es gleich eine klufft sein. 161ᵃ; schürfen, einen schurf werfen, heiszt eine grube in die erde machen, um die unter der dammerde befindlichen und durch dieselben verdeckten lagerstätte zu entblösen. Köhler berg. taschenb. (1791) 148; nach einer pause trat ein bergmann mit einer hacke hervor, und stellte .. die handlung des schürfens vor. Göthe 18, 148; schon in den tagen Friedrich's des rothbarts erklangen im Erzgebirge die bergreihen und das herzhafte glückauf der schürfenden knappen. Treitschke d. gesch. 3, 488;
mittlerweile schmiegt sich der bergmann in tiefen gebürgen
emsigschürfend.
Zachariä tageszeiten s. 83.
sprichwörter: es hat jederman freies schurfen. Eiselein 557. Simrock sprichw. 9283. Wander 4, 391. — so ist es wol alle tag jagtag, aber nicht alle zeit fachtag, man mag wol teglich schürffen, man findet aber nichts sonders. Mathesius hist. von Jesu Christo (1569) 2, 84ᵇ. im bilde: ein geistlicher bergkmann bin ich und bleib ich .. und diene dem öbersten bergkhern Jesu Christo, unnd schürffe, sincke, haw ertz, röste, schmeltze unnd treibe in gottes bergkwerck und hütten. Sar. vorrede 3ᵃ.
b)
nach erz, metall schürfen, um es zu finden:
jedermann schürfte bey sich auch nach basalten und lava,
denn es klinget nicht schlecht, hier ist vulkanisch gebürg!
Schiller 11, 119 (Göthe, xenien 162);
o unglücksel'ger, dessen schaufel einst
zum erstenmale nach metall geschürft.
Platen 205ᵃ;
o herr, in solcher einsamkeit entsetzen
schürft treu der bergmann dort nach ew'gen schätzen.
Eichendorff² 3, 596.
so auch in freierer verwendung: bey euch bergkleuten hab ich allein von den alten sinckern, unnd nach den alten worten, so viel ich hab erreichen können, schurffen wöllen, damit ich den jungen hebreischen ein anleytung gebe, diesen worten ferner nachzudencken. Mathesius Sar. 12ᵇ;
nach ihrer (der mütter) wohnung magst in's tiefste schürfen.
Göthe 41, 73 (Faust II, 1).
c)
selten transitiv, erz schürfen:
als die köpfe sich senkten aufs satteldach,
kam schrei und beiles krache-krach,
als ob sie gestein und erz wollten schürfen.
Rückert Firdosi 1, 379.
dafür gewöhnlich erschürfen (s. theil 3, 975): einen neuen gang erschürfen. Frisch 2, 234ᶜ, auch bildlich: da habe ich erst den heiligen sinn dieses räthselhaften bildnisses (des crucifixes) recht gefaszt, und den edelsten gang meines herzens erschürft, der mir eine ewige ausbeute gewährt hat. Novalis 1, 130. auch ausschürfen, ein eisen-bergwerck, fodiendo venam ferri detegere Frisch 2, 234ᶜ.
d)
seltnere fügungen sind eine grube schürfen und ähnl., übertragen:
der aus vom kampf noch blut'gen händen
die körner in die furche wirft,
so mit dem pflug von end' zu enden
ein jüngst vertriebnes volk geschürft.
Keller 9, 69.
die erde anschürfen:
angeschürft wird das planetchen
nun um eines menschen länge
und ein bettlein aufgelockert
in der duftig weichen erde.
10, 214.
4)
eigenthümlich ist die verwendung von schürfen für 'feuer schlagen' im oberdeutschen. man darf dabei nicht an schüren denken, da die bedeutung augenscheinlich ist 'den funken durch schlagen aus dem steine locken'. eher könnte man eine übertragung von 3 aus annehmen. so schon ahd.: scurfta, excudit (silici scintillam achates) Graff 6, 544; ignemque excudit Achates, daʒ fiûr schurfta Stêinunch. uuola chad er den schurfenden stêin. der sînen namen habeta. Notker ps. 28, 11;
er schurft ein viur und briet daʒ.
Iw. 3905.
in der nhd. schriftsprache nicht mehr bezeugt, aber noch jetzt in Tirol und Kärnten üblich: foir schürpfn. Hintner 217. Lexer 227.
5)
nicht hierher zu gehören scheint folgende bedeutung: schurpffen mit den füeszen, als wann man auf dorn gieng, pedibus terram potius attingere quam calcare (ut atta). voc. von 1618 bei Schm. 2, 470.
6)
zuweilen gehen die formen von schürfen und schärfen durch einander. schärfen, scherfen für schürfen s. oben und schärfen 3, f. g (th. 8, 2194). — schürfn scharf machen, wetzen, im kärntnischen Lexer 227.
Zitationshilfe
„schürfen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/sch%C3%BCrfen>, abgerufen am 15.10.2019.

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