schädel m
Fundstelle: Lfg. 11 (1892), Bd. VIII (1893), Sp. 1979, Z. 35
hirnschale; calvaria, cranium, caput Stieler 1750; mhd. schedel. die ältern dialekte und verwandten sprachen kennen das wort nicht, sondern gebrauchen dafür andere ausdrücke: ahd. gebal, ancha, hnol, hirniscala; altn. hauss, ags. héafodpanne, s. Grimm gramm. 3, 399. die herkunft des wortes ist dunkel; entlehnung aus mnd. schêdel 'scheitel' ist wol kaum anzunehmen (vgl. Weigand 2, 538. Kluge 293ᵇ). besonders spricht dagegen holl. schedel 'schädel' gegenüber scheiden, und älterm scheydel vertex Kilian. ein reim wie schedele: sedele bei Nicol. v. Jeroschin 14877 f. beweist allerdings nichts. die ältern wörterbücher und meisten belege bevorzugen die schreibung schedel; Stieler gibt schädel und schedel. erst in der classischen litteratur und bei Campe ist schädel durchgedrungen. mundartlich ebenfalls schädl, schedl; abweichend nur schârl am Erzgebirge Frommann 2, 237. vereinzelt als fem.: dasz einem die haare auf der schädel sausen. Claudius 1—2, 108. Bedeutung.
A.
1)
hirnschale schlechthin:
biʒ ûf die beckenhûben starc,
diu dar under im verbarc
den schedel und die hirneschal.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 31071;
daʒ (ross) traf Achilles unde sluoc
dur schedel und dur hirne.
39531;
aber ein weib warff ein stück von einem mülstein Abi Melech auff den kopff, und zubrach jm den schedel. richt. 9, 53; jre bosheit ist auff jren kopf komen, und jr frevel auff jren scheddel gefallen. Luther 8, 250ᵃ; ich dürmel wie ein gansz herein, dasz mir der schedel kracht. Garg. 93ᵇ;
als unser fürst ...
ich weisz nicht wem, das schwerdt aus beyden fäusten risz,
und dem, der auf ihn schlug, nach brust und schädel schmisz.
A. Gryphius 1, 74;
wenn er die greisen haar von seinem schädel riesz
und seufftzer, fluch und weh auf seinen sohn ausstiesz.
1, 104;
'ich schlage dir gleich den schädel ein,
wenn du sie mir nicht kannst nennen!'
und schlügst du mir auch den schädel ein,
da könnt' ich ja nimmer reden.
Göthe 2, 274.
2)
mit rücksicht auf das gehirn, das er einschlieszt: du sollst wunder sehen, dein gehirnchen soll sich im schädel umdrehen, wenn mein kreisender witz in die wochen kommt .. riesenplane gähren in meinem schöpfrischen schedel. Schiller räuber 1, 2 schausp. (s. 35); da krabbeln sie nun, wie die ratten auf der keule des Herkules, und studieren sich das mark aus dem schädel. ebenda (s. 28); schade nur, ewig schade für die unze gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren schädel wuchert. kab. u. liebe 4, 3;
bückst du dich doch vor manchem hohlen schädel.
Tell 3, 3;
die schädel leere stuben!
werke 1, 269;
gesteht nur, euer schädel, eure glatze
ist nicht mehr werth als jene hohlen dort.
Göthe 41, 101.
3)
häufig für den von fleisch und haut entblöszten schädelknochen als theil des skeletts, totenschädel: da sie aber hingiengen, sie zu begraben, funden sie nichts von jr, denn den schedel und füsze. 2 kön. 9, 35; seinen (Sauls) scheddel hefften sie (die Philister) ans haus Dagon. 1 chron. 11, 10; und das nakte gefild begonn zu kreisen, und aufzuwerfen schedel und rippen und kinnbacken und beine. Schiller räuber 5, 1 schauspiel;
aus deinem schädel trinken wir
bald deinen süszen wein,
du Ungar!
Gleim kriegsl. s. 12 neudruck (3, 9);
weiland grosz und edel,
nickte dieser schädel
keinem grusze dank!
Hölty 178 Halm;
zum schädel, ohne zopf und schopf,
zum nackten schädel ward sein kopf.
Bürger 15ᵇ;
hoch hinter dem garten vom rabenstein,
hoch über dem steine vom rade
blickt, hohl und düster, ein schädel herab,
das ist ihr schädel, der blicket auf's grab.
62ᵃ;
was grinsest du mir hohler schädel her?
Göthe 12, 41;
wenn banditen nur mit dolchen morden,
bleicht man ihren schädel auf dem holz.
Seume 5, 65 Hempel;
aus deinem hohlen, morschen schädel schaut
kein solcher himmel mehr voll seligkeit.
Chamisso 2, 33 Koch.
4)
schädel in freierer verwendung für 'kopf', namentlich in der volkssprache Frisch 2, 167ᵇ (mit belegen). Frommann 3, 240, 2, 5. 5, 505. häufig übertragen für die geistige anlage und fähigkeiten eines menschen (vgl. 2): ich musz gestehen, er hat einen so verschmützten schettel, dasz sein gelbschnäblichter witz meine alte rencke weit übertölpelt. Schoch studentenleben D 2ᵇ (29, 4 Fabricius); und hette sie meinen stürmischen schedel nicht so wol gewust, ich weisz, sie hette ihn die stunde noch nicht für ihren gümpel angenommen. D 3ᵇ (30, 5). schädel für 'kopf' in redensarten, wie österr. du hast an dick'n schäd'l, du bist eigensinnig; wann si' der N. amahl was in sein schäd'l setzt, bringt ihm 's ka' teuf'l mehr auszer, von einem starrköpfigen; es geht nix in sein schäd'l, er hat kein talent, u. a. m. Hügel 133ᵇ.
5)
alter schädel für 'alter mann': ist nû iendert dekein alter schedel, der sich in den selben strik bestrûchet hât mit altmüeden beinen. Berth. v. Regensburg 413, 36 Pfeiffer; ein alter schedel. 416, 34. vgl. auch abe, abe, weiser schedel! mürbe knochen, fahret in die grube mit freuden! Schiller räuber 4, 3 schausp.
B.
daneben laufen worte von derselben lautform in andern bedeutungen, bei denen der zusammenhang mit schädel 'hirnschale' wegen der unklarheit der herkunft eine offene frage bleiben musz.
1)
mhd. schedel ein trockenmasz, s. Lexer handwb. 2, 678.
2)
oberd. trümmer, zerbrochene stücke. so in der Schweiz mauernschädel für die überreste eines alten schlosses. Adelung.
3)
lusern. schädlen, plur., borsten Zingerle 49ᵃ.
Zitationshilfe
„schädel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/sch%C3%A4del>, abgerufen am 18.10.2019.

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