religion f
Fundstelle: Lfg. 5 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 801, Z. 22
die aufnahme dieses fremdwortes erfolgt erst um 1600. lat. religio leitete Cicero de nat. deor. 2, 28 von relegere ab. in der christlichen theologie herrschend wurde die etymologie des Lactantius (inst. div. 4, 28): vinculo pietatis obstricti deo et religati sumus, unde religio nomen cepit. diese seite des begriffs, in sofern sie ein rechtliches verhältnis gegenüber gott darstellt, tritt charakteristisch in den ältesten deutschen übersetzungen von religio hervor. ahd. êhaftî, êhaftida, religio Graff 1, 513, êhaltî Notker 32, 2. im mhd. finden wir in diesem sinne das einfache ê:
er hât sô vil der recken   in kristenlîcher ê.
Nib. 1202, 1;
er truoc den touf und kristen ê.
Parz. 108, 21.
der begriff religio verengt sich dann auch in der weise, dasz religio die gesamtheit der normen für glauben und leben darstellt, zu welchen sich eine geistliche genossenschaft verbindet (vgl. unter religiös 1). religio geistlich verbintnisz, glubdt, haltung, leben. verbintnisz zum deinst gocz. Dief. 491ᵃ; eyn gheystlik leuent. nov. gl. 316ᵃ. religion erscheint als erstes glied einer überreichen menge von composita. das ableitende s bei denselben ist schon sehr alt, s. Grimm gramm. 2, 936. 1020.
1)
religion als ein system von lehren, welche sich auf das verhältnis des menschen zu gott beziehen, satzungen die den cultus betreffen: natürliche, geoffenbarte religion; die christliche, jüdische, mohammedanische, buddhistische religion; seine religion ändern, die christliche religion bekennen. auch im plural: alle religionen stimmen in gewissen punkten überein. eigentlich uncorrect ist es von einer evangelischen, katholischen religion zu sprechen. besonders Luther gebraucht häufig die alte religion im gegensatz zu seiner lehre: der gottlose ... als ein commissarius der alten religion, und trewer diener (wie sein titel lautet) der bepstlichen heiligkeit. 8, 249ᵃ. ebenso im 16. jahrh. die neue religion: die drei grafen ... regieren ire landtschaft in groszer ainigkait, aber der newen religion und glaubens sachen nemen sie gleichwol sich vil an. Zimm. chron. 2, 277, 24;
ein burgerin in einer statt,
zu jhr ein magd gedinget hat,
die war der religion verwandt,
welche die lutherisch genandt.
Sandrub delit. hist. et poet. 40 neudruck;
numehr als ich auf zureden vornehmer und verständiger leute zu der catholischen religion geschritten bin, hab ich noch nichts unter die hände bekommen, dasz mir nicht mehr als erwünscht wäre von statten gangen. Chr. Weise erzn. 49 neudruck. der begriff wird freier gefaszt: liebe zur religion und zu den schönen wissenschaften. Gellert 4, 136; die hohen wahrheiten der religion. 5, 275;
nun sag', wie hast du's mit der religion?
du bist ein herzlich guter mann,
allein ich glaub', du hältst nicht viel davon.
Göthe 12, 179.
2)
religion als das subjective verhalten zu gott, die ehrfurcht und hingabe an ihn: religion ist subjectiv betrachtet die erkenntnis aller unserer pflichten als göttlicher gebote. Kant 6, 333; ein mensch ohne alle religion; religion haben;
welche religion ich bekenne? keine von allen,
die du mir nennst; 'und warum keine?' aus religion.
Schiller 11, 172.
ganz frei gewendet: mit welcher sorgfalt, mit welcher religion folgten sie (die poeten und prosaisten von entschiednem namen) auf ihrer bahn einer aufgeklärten überzeugung. Göthe 45, 132.
Zitationshilfe
„religion“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/religion>, abgerufen am 23.02.2019.

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