puppe f.
Fundstelle: Lfg. 12 (1889), Bd. VII (1889), Sp. 2244, Z. 1
früher auch pupe, md. pope, poppe, boppe, im 15. jahrh. entlehnt aus mlat. pupa, puppa, poppea, woher auch franz. poupée (von lat. pupa, mädchen, spielpuppe); der alte name dafür ist docke, s. theil 2, 1208 und W. Grimm kl. schriften 1, 397. Weinhold d. d. frauen² 1, 107. vgl.pup, bupf theil 2, 531.
1)
was docke 1, spielpuppe der kinder.
a)
eigentlich: puppe, do kint mit spilent. Dief. nov. gl. 309ᵇ (15. jahrh.), puppe od. docke voc. nig. alb. 4065; wie man ein kind mit puppen und schletterle stillet. Fischart bienenkorb (1580) 108ᵇ; sie spielt noch mit den puppen, und solte einen mann nehmen. Stieler 254; zu hof gehet man mit leuten umb wie kinder mit poppen, die sie bald schmucken und liebeln, bald schlagen, schelten und hinweg werfen, hernach so der zorn fürüber, wider holen und wider liebeln. Lehmann 387, 6; ala mode bekleidete puppen und tocken. Philander (1650) 2, 85; ich verliehre gantz das gedächtnusz; glaube, dasz ich erster tagen mit pupen spillen werde. Elis. Charl. (1871) 564;
das mädchen spielt mit puppen.
Willamov 233;
es ist ein zeichen eines guten kindes, wenn es begehrt, dasz die amme auch der puppe die brust gebe. Hippel 9, 108; nun wollen wir spielen, sagte sie und führte mich in das andere zimmer .. da waren alle arten von puppen .., küchen, läden u. s. w. Göthe 24, 91; eine puppe .., mit der er spielte .. wie ein kleines dirnchen. Klinger theat. 1, 196; gleichgültigkeit, womit ein knabe die puppen und spielwerke seiner kindheit anzusehen pflegt. Wieland 2, 5; er erhob ein so klägliches geschrei als ein kleines mädchen nur immer erheben kann, wenn man ihm eine neu geschenkte puppe wieder nehmen will. 12, 211; vergeszt es doch nie, dasz spiele der kinder mit todten spielsachen darum so wichtig sind, weil es für sie nur lebendige gibt und einem kinde eine puppe so sehr ein mensch ist, als einem weibe eine erwachsene. J. Paul Levana 1, 93;
das kind. wenn ich schöne puppen habe,
sie vermähle, sie begrabe,
da gefällt mirs in der welt.
Langbein ged. (1854) 4, 217;
und für jegliche puppe
findet's (das kind) eigene namen aus.
Kinkel ged. (1857) 127.
b)
uneigentlich, von personen oder sachen, die wie eine puppe gestaltet, gekleidet, geputzt sind, oder die wie eine puppe zum spielzeug, zum zeitvertreib dienen.
α)
von personen (vgl. 3, b): sie .. butzte mich herausz wie ein frantzösische popp. Simplic. 1, 315, 27;
wie verdrüszlich
wird mir der umgang mit geputzten puppen,
die nur beim spieltisch denken.
Cronegk 1, 378;
die menschen gehen eigentlich nicht selbst in gesellschaft, sondern sie schicken eine angekleidete puppe statt ihrer hin, die sie auskleiden, wie sie wollen. Lichtenberg 1, 196; zu Paris liebt man die glatten zierlichen puppen, von denen die kunst alle kühne natur hinwegschliff. Schiller 2, 344;
(die mädchen sind) lebend'ge puppen für die männer.
Gleim 1, 122;
(wir haben) aus dem schönsten und besten von allen geschöpfen,
dem weibe,
blosz eine puppe gemacht zum zeitvertreibe.
Wieland der neue Amadis 14, 2;
aber ihre puppe will ich nicht sein, sie möchten meiner sonst gar zu balde müde werden. Möser 4, 49; sei die puppe eines erwachsenen mädchens, komm wie eine zahme wachtel, wenn sie pfeift. Leisewitz Jul. 1, 2.
β)
von figuren, besonders als verächtliche bezeichnung der (katholischen) heiligenbilder: bald wird kirmess .., so wollen dann wir wieder newe poppen (figuren von Christus und Maria) kauffen. Weidner apophth. 114;
und ständ' ich im verkehre
mit Roms verjagtem greis, fleht' ich als katholik
es von den puppen aller hochaltäre.
Thümmel werke (1839) 8, 85.
berlinisch puppe, bildsäule, statue, figur, redensart das geht bis in die puppen, sehr weit, zu weit (aus der zeit Friedrichs II., wo der grosze, damals sehr entlegene stern im thiergarten, der puppenplatz, mit bildsäulen verziert war) Trachsel gloss. der berlin. wörter 44. der richtige Berliner (1878) s. 30; leipz. über die puppen (zu weit, übertrieben) etwas lieben, loben u. s. w., bis in die puppen (immerfort, unbegrenzt) Albrecht 186ᵇ.
γ)
von sachen und abstractionen: glücklich ist der, dem sein geschäft auch zur puppe wird, der mit demselbigen zuletzt noch spielt und sich an dem ergetzt, was ihm sein zustand zur pflicht macht. Göthe 21, 210; hab ich doch wieder eine puppe, womit ich spielen kann. eine wohnung für sie (frau v. Stein)! br. 553 (3, 132) Weim.;
das mädchen, dem die heiligsten gefühle nur puppen waren.
Schiller 3, 489 (kabale 5, 4).
2)
die draht-, gliederpuppe (marionette) im puppenspiele 2, s. dasselbe und Schultz höf. leben² 1, 152. Weinhold d. d. fr.² 2, 139 (dafür auch docke, s. bei puppenkomödie).
a)
eigentlich: der vornehmste acteur von diesen pupen heist .. polichinel. Elis. Charl. (1871) 331;
und findt kein schauspiel schön,
als wo die poppen sprechen.
Wernike überschriften (1701) 74;
jede puppe war mit der rolle zufrieden, zu der sie ihre gelenke bestimmten. Thümmel reise 5 (1794), 85; so glaubten wir endlich das blinde schicksal eben so gewisz aus dem seichten zu führen als unsere puppen. 87; er .. fand die puppen und war im augenblick in jene zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt schienen. Göthe 18, 11; ich erblickte auf beiden seiten des gestelles die herabhängenden puppen in der ordnung, wie sie auftreten sollten. 25; die puppen regieren und mit verstellter stimme die verschiedenen rollen hersagen. 19; ich lag in meinen frei- und spielstunden in der kammer und liesz die puppen wacker durcheinander spielen. 27; was sich auf bretern .. durch puppen vor kindern ausführen läszt. 44, 3; schau- und trauerspiele, die wir, nachdem wir den puppen über den kopf gewachsen waren, selbst aufzuführen lust hatten. 24, 75; die puppen (des marionettentheaters in Straszburg) sind über halbe lebensgrösze und werden mit taktfester pünktlichkeit dirigirt. Matthisson erinn. (1825) 5, 58; der maschinist, der diese puppen regiert. H. v. Kleist 5, 96 H.
b)
uneigentlich, von personen, die wie drahtpuppen regiert werden, sich wie solche dirigieren lassen:
gaukelten um mich die freier ...
und mein wink regierte sie
all die puppen sonder müh.
Clodius ged. 111;
habe ich nicht ein meisterstück von intrigue .. gemacht? he, und sie merkten es nicht einmal, dasz sie meine puppen waren, dasz ich es war, der den feinen faden in der hand hielt? .. dasz ich alles führte, alles leitete? Klinger 1, 488; glaubt ihr wohl, diese .. seien nur zum verderben, nur zu puppen eures satanischen spieles da? Schiller 2, 185 (räuber 5, 1 schausp.); schade nur, dasz die zürnende liebe dem draht nicht so gehorsam blieb, wie deine hölzerne puppe. 3, 504 (kabale 5, 8).
3)
was docke 2.
a)
wickelkind:
sie hat die puppe gewickelt.
Göthe 40, 295;
kärnt. puppe, gewöhnlich dimin. puppile Lexer 46.
b)
junges (wie eine docke geputztes, sauberes) mädchen, vgl. 2, b, α: sind .. unsre allerliebsten puppen nicht lauter dinger, die sich in verschlossenen sänften herumtragen lassen müssen, damit der frühlingswind sie nicht austrockne? Möser 1, 118; besonders als kosewort (s. püppchen):
liebe puppe (vorher liebes kind), fürcht' ihn nicht!
Göthe 12, 182 (Faust I 3476 Weim.).
4)
die (wickelkindähnliche) larve der insekten, franz. pupe und daraus im 18. jh. entlehnt Frisch 2, 1092. Oken 5, 714. 1096 ff. (vgl.nymphe 2, c): die puppe der schmetterlinge ist mehr verwahrt als bei jedem andern insekt; denn die einzelnen glieder hüllen sich nicht nur in die zarten häute, welche wir auch anderwärts finden, sondern werden auszerdem noch von einer gemeinsamen, gegliederten chitinschale umschlossen, weshalb man die puppe eine 'bedeckte' genannt hat. Brehm thierl. 6, 294; nach einigen wochen bricht ein schöner nachtvogel aus dieser puppe (der bärenraupe) heraus. Frisch insecten 2, 39; in der häszlichen puppe ist ein schöner schmetterling verborgen. Börne 3, 96;
(wer kann) der puppe, die am boden liegt,
die zarte schale helfen durchzubrechen?
Göthe 2, 150;
sieh die raup' in ihrer puppe
stillem, dunklem schattenreich.
J. Kerner lyr. ged. (1847) 100;
dort fliegt aus seiner puppe
ein schmetterling.
Rückert 4, 341;
als puppen knüpfen sie (raupen) sich auf am lichten faden.
brahm. 2, 29;
bildlich: was für und für so ruhelos
dich dunkel treibt auf deinen wegen,
es ist das erste flügelregen
des falters in der puppe schoosz.
Geibel juniusl. 123.
verkleidung, maske: wie danke ich gott, dasz er mir diese puppe (altdeutsche tracht als maske) auf die paar tage gegeben hatt. Göthe br. 355 (2, 290) Weim.
5)
sonst etwas puppenähnliches (s.docke 3 und 4).
a)
der walzenförmige rohr- und schilfkolben Campe.
b)
im felde aufgerichtete, mit den ähren nach oben gekehrte (10 oder 15) garben; man setzt puppen in feuchten sommern oder auch um den nicht völlig ausgereiften garben nachreife zu geben (in Thüringen, Obersachsen, Lausitz) Weber öcon. lex. 428ᵇ und mittheilung von dr. Kant.
c)
der auf dem wasser schwimmende quast oder büschel, woran die fischer den köder binden Jacobsson 3, 322ᵃ.
d)
bei den webern das bündel der zu einem kegelzuge eingelesenen schnüre. ebenda.
e)
im tabakhandel ein pack feiner tabakblätter, malotte. ebenda 5, 329ᵇ ff.
f)
ein zusammengeschlagener klumpen ausgeglühten bruchmessings, woraus mit zusatz von kupfer und galmei neues messing gebrannt wird. 3, 322ᵃ.
Zitationshilfe
„puppe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/puppe>, abgerufen am 16.09.2019.

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