noch conj
Fundstelle: Lfg. 5 (1884), Bd. VII (1889), Sp. 872, Z. 61
und nicht, auch nicht, und auch nicht. goth. nih, ahd. nih, nëh (in nihein, nëhein), noh, mhd. nëh, nëch (in nëhein, nëchein), noch, nhd. noch (nach Murmelius 191. Schade sat. 2, 363 f. Kehrein kirchenl. 1, 44, 10. 152, 20 u. o.), alts. nig (in nigên), nek und noh, mnd. neg (in negên), noch, nl. nd. noch, nog, altfries. noch, nach, der bildung und bedeutung nach dem lat. neque, nec entsprechend. gramm. 3, 23. 69. 719 f. Scherer zur gesch.² 502. 504 f. Curtius³ 295. 444. Meyer goth. spr. § 410. — der nhd. gebrauch des wortes ist beschränkt auf die theilung, fortführung oder erweiterung einer vorausgehenden verneinung (gegensatz zu sowol — als auch), während es in der alten sprache auch zur anknüpfung eines negativen satzes an einen positiven dienen oder überhaupt eine stärkere verneinung ausdrücken, auch einen fragesatz im sinne des lat. nonne, numquid einleiten kann, s. Schulze goth. gloss. 252ᵃ ff. Graff 2, 980 ff. mhd. wb. 2¹, 404ᵇ ff. die correlation wird ausgedrückt:
1)
durch noch — noch (nequeneque), nicht das eine und auch nicht das andere, wedernoch: goth. þarei nih malô nih nidva fravardeiþ (οὔτε, οὔτε, da sie weder motten noch rost fressen). Matth. 6, 20; nih sa fravaurhta nih fadrein is (es hat weder dieser gesündigt noch seine eltern). Joh. 9, 3; ahd. noch thesêr suntôta noh sîne eldiron. Tatian 132, 2;
thaʒ ir noh hiar noh ouh thâr   ni betôt then fater.
Otfrid 2, 14, 63;
mhd. si (minne) hât noch sêle noch den lîp.
Walther 81, 31;
elliu êre gar zergât,
diu noch zuht noch meister hât.
Freidank 53, 24.
nhd. ist diese fügung noch bis zum ausgange des 18. jh. neben weder — noch im gebrauch: das ir noch an disem berg noch in Jherusalem anbet den vatter. vierte bibelübersetzung, Joh. 4, 21 (weder auff diesem berge noch zu Jerusalem. Luther); noch sichtbarlich noch unsichtbarlich. Luther br. 5, 85; die gott noch mit süsze noch saur, noch mit locken noch mit trauen zwingen können. Luther 1, 25ᵃ; sie möchten noch (var. nit) dulden noch leiden, das. Aventin. 4, 1018, 7; so irn vorvordern ... nie noch trau noch glauben gehalten hieten (var. weder — noch). 1133, 3; auch noch Christus, noch Petrus, noch Paulus, noch all heilig marterer solichs .. hinder inen gelon. Schade sat. 3, 31, 11;
ihr findt bei mir noch wehr noch waffen.
Waldis Es. 1, 55, 10;
all andre glübd sein gar kein nutz,
gebn dem menschen noch trost noch schutz.
das päpst. reich 2, 8;
wann er schon hat noch land noch leut.
Fischart nachtrab 1406;
ach mutter liebste mutter mein,
ich kann noch essen noch trinken.
Uhland volksl. 221;
noch weg noch steg lasz werden hart.
Kehrein kirchenl. 1, 134, 3;
kein brod ist da, noch bei noch nah.
337, 3;
das federbürschlein zart ...
noch kunst noch athem spart.
Spee trutzn. 1 B.;
dasz nie so süsz ...
noch harf noch cither sein.
71;
hier will noch Ceres weichen
noch Bachus.
Opitz (1644) 1, 49;
verhindert dasz noch recht noch satzung reden kan.
82;
nun kan er aber nie noch kusz noch liebe tragen.
Biermann trewungsred B 3ᵃ;
jener (der todte) thut noch arg noch wol.
Logau 1, 4, 67;
noch frech wagen,
noch weich zagen
hat iemals gar viel nutz getragen.
1, 4, 86;
dasz mein buch, sagt mir mein mut,
noch gantz böse, noch gantz gut.
1, 6, 30;
durch das reich der tugend
gilt noch geld noch jugend.
3, 7, 35;
sie konnte aber die ursache noch wenden noch enden. Harsdörfer lust- u. lehrr. gesch. 1, 34; daselbst ihn noch schmertzen, noch qual, noch irgend eine hitze berühre. Schuppius 493;
wem vor diesem (des todes) bogen graut,
kennt noch die welt noch sich.
Gryphius trauersp. 232 Palm;
(er) kennt noch sich noch gott.
ebenda;
noch die gefärligkeit des weges, noch die wohlgelegten posten machen mich glauben .. Butschky kanzl. 51; seines gleichen war nicht auf erden, noch vor noch nach ihm. Patm. 350;
ich sparte vor (für) das volk noch zeit noch blut noch leben.
Hofmannswaldau getr. schäfer 134;
ins elend, wo noch tag noch sonne dich bescheint.
Lohenstein auserles. ged. 1, 279;
noch müh noch laster scheuen.
Brockes 3, 409;
noch macht noch hasz .. befreit von seinen (des gewissens) bissen.
Haller urspr. des übels 3, 122;
dann seine güte nimmt ...
noch maasz, noch schranken an.
3, 192;
noch unrecht, noch versehn kann vom allweisen kommen.
3, 225;
darin .. ist noch kraft, noch anmuth. Klopstock 12, 127;
noch stand noch alter wird gespart.
Wieland Oberon 22, 213;
(nicht geneigt) noch ohr noch hand noch lippen herzuleihen.
der neue Amadis 12, 20;
nein! mich beklemmt und entmannt noch furcht,
noch trägheit.
Bürger 168ᵃ;
noch stand noch alter wird geschont.
Schiller 9, 339;
Alba. (wer) nimmts auf sich den könig zu belehren?
Domingo. noch sie, noch ich.
5, 1, 142 (don Carlos 2, 13);
noch krankheit kannten sie, noch furcht noch klage.
A. W. Schlegel im musenalm. 1798 s. 49;
noch der äuszre, noch der innre mensch.
Hamlet 2, 2;
du bist noch volkes, noch des königs freund.
Heinrich VI. erster theil 1, 3;
und noch gefahr noch tod soll mich erschrecken.
Tieck 2, 28 (vom jahre 1799);
auch nl. noch — noch (Kramer 1, 219ᵇ) und in oberd. mundarten: noch segen (sehen) noch anrüarn, noch man noch baip (weib). Schmeller cimbr. wb. 150ᵇ; kärnt. nou — nou. Lexer 198.
2)
im ersten gliede steht eine andere negation.
a)
nicht, nie, kein u. s. w. mit nachfolgendem noch; goth. ni — nih, aber auch nih — ni: jah þarei þiubôs ni ufgraband nih stiland (οὐ — οὐδὲ, da die diebe nicht nach graben, noch stelen). Matth. 6, 20; þei ni saiand nih sneiþand nih lisand in banstins (sie seen nicht, sie erndten nicht, sie samlen nicht in die schewnen). 6, 26; nih du airþai ni du maihstau fagr ist (οὔτε — οὔτε, es ist weder auff das land, noch in den mist nütze). Luc. 14, 35; ahd. ni — noh oder ni — noh ni (wenn im zweiten gliede ein anderes verbum steht als im ersten): nist iungiro ubar meistar noh scalc ubar sînan hêrron (nonneque). Tatian 44, 16; siê ni sâwent noh ni arnônt noh ni samanônt in skiurâ. 38, 2;
ni nâmun thia meina   wâfanes gouma
... noh fiures brennennes.
Otfrid 5, 23, 66;
thie tôthes nie korônt êr   noh ni thultent thaʒ sêr.
3, 13, 40;
mhd. dône vant er loch noch tür.
Iwein 6740;
der drîer tage lanc
vor dem grôʒen leide niht aʒ noch entranc.
Nib. 1012, 2;
nhd. nicht — noch (s. auch nicht III, 3, b), nichts — noch, nie — noch, kein — noch u. s. w.: nit verderbet disen man .. noch die frawen. Tristrant 86, 3 Pfaff; damit ir .. guͦter leymet nitt mindert noch geswecht werde. Bocc. 165, 27 K.; ich habe nie erfahren noch gelesen. Keisersberg granatapf. A 7ᵇ; es ist kein neid noch hasz noch vergunst da, sunder liebe. emeis 44ᵃ;
ist nit in ein sect noch orden gangen.
N. Manuel Barbali 619;
sie werden mir nicht gleuben, noch meine stimme hören. 2 Mos. 4, 1; wer nicht predigen noch schreiben kan. Luther 3, 56ᵃ; die kein unrecht noch ubel ... leiden wöllen. 118ᵇ; Christus ist nicht geborn noch gezeuget von David. 8, 127ᵃ;
der im kain args noch guͦts mag thuͦn.
Schwarzenberg 155ᵈ;
weis ich .. mein kinder nicht zu nehren
noch des hungers uns erweren.
Rebhun Susanna 2, 2;
sie werden kein frawen schenden mehr
noch fälschlich brengen umb ihr ehr.
5, 5;
kein zucht noch straff (er) wolt nemen on.
H. Sachs 1, 84, 32;
und hab kein sünd noch unrecht lieb!
140, 13;
da ward niemands, nit vatter, nit son, noch freunde auszgenommen. Polychorius Sal. 10ᵇ; du habs es nicht gewisset noch verstanden. Witzel ps., vorrede; so ich doch dessen nichts höre noch lese. ebenda; so wolte er doch die krone nit annemen, noch wider seinen herren .. etwas handelen. eselkönig 53; alldieweil Justitia nicht liegen noch triegen kan. Philander (1650) 1, 31; sie hassen mich darumb, das ich nicht bin noch werden will der, für welchen sie mich offenlich angeben. 2, 174; du solt nicht gehorchen noch bewilligen. Schuppius 371; er habe nicht sehen noch warnemen können. Widmann Fausts leben 212 K.;
ich habe nie den tanz
der musen angeschaut, noch irgend einen kranz
... zu tragen mich beflissen.
Rachel 1, 3;
welche ihren ursprung nicht aus den sternen noch aus den dünsten der erden (hätte). Lohenstein Armin. 1, 433ᵇ;
den nie in hoher see das brausen wilder wellen,
noch der trompeten schall in bangen zelten weckt.
Haller die alpen 488;
kein laut, noch geräusch von redenden wurde
durch die versammlung gehört.
Klopstock Mess. 4, 100;
es ist nicht schuld noch wille.
Göthe 10, 212;
ich habe nicht gelernt zu hinterhalten,
noch jemand etwas abzulisten.
9, 65 (Iphig. 4, 1);
ich bin nicht müd noch hungrig. 8, 88; sie kann nichts davon, noch dazu thun. 175; die übrigen geschäfte ... liefen nicht alle so glücklich, noch so vergnügt ab. 18, 140; sie hat keine art noch geschick, ihren zustand zu verbergen. 19, 4; ziemt keinem soldaten noch liebhaber die arme eingewickelt zu haben. 8, 233; aber nichts wollte mir schmecken noch gelingen. 25, 10; er steht abgewendet und so, dasz Max ihm nicht beikommen, noch sich dem fräulein nähern kann. Schiller 12, 322 (Wallensteins tod 3, 23);
nicht himmel war noch erdgefild,
nicht stern- noch sonnenflimmer.
Rückert 3, 346;
hier helfen nicht sprüche noch kreuze noch schwüre.
Geibel juniuslieder (1883) 228.
auch im älteren nhd. kann zu noch eine verneinung treten, wenn es mit einem andern verb verbunden ist als das vorausgehende nicht: wir mügen in nit entreiten noch nit entlauffen. Tristr. 96, 7 Pfaff; er leufft auch nicht leichtlich ubel an, noch irret nicht. Luther tischr. 2ᵃ. — die verneinung des noch wird durch beigesetztes minder verstärkt (vergl. b):
und fragte nicht, wohin? woher?
noch minder, wie wir hieszen.
Bürger (1778) 192.
manchmal ist die negation des ersten gliedes schon im sinne der aussage enthalten: weil ir denn mein wort verachtet, noch meines vaters willen gethan habt (weder mein wort geachtet, noch). Luther 5, 454ᵃ; sich für winckelpredigern zu hüten, noch dieselben geister zu hören. 6, 349ᵃ.
b)
weder, gekürzt aus ahd. niwëdar, newëder, mhd. newëder, enwëder (keiner von beiden), aber gewöhnlich schon mit abgefallenem ne, en in der nhd. form wëder (s. dasselbe): ahd. dâr ne weder ist ze heiʒ noh ze chalt. Notker ps. 65, 12; andere heiligon ne mugon imo gelîch sîn, neweder in divinitate, noh in humanitate. Williram 35, 3 Seemüller; mhd.
wand im wart von rechter liebe neweder wol noch wê.
Walther 14, 1;
nun hab ich weder schapel noch gebende
noch frowen zeinem tanze.
25, 9;
vrô enwas dâ niemen,   weder man noch wîp.
Nibel. 1005, 2;
nhd. z. b. so haben sy ... weder brot noch keinerlei ander speisz. Tristr. 98, 15 Pfaff; aber ich weder von inen noch sie von mir verstanden warn. Bocc. 123, 21 K.;
weder bapst noch mensch hat des gewalt.
N. Manuel Barbali 744;
ich bin doch weder gans noch fogel. Murner Eulensp. 18; gleich wie er es weder geboten noch verboten hat. Luther 3, 55ᵇ; weder jung noch alt. Aventin. 4, 1016, 29. 1108, 25; diser Caligula hat weder seim vater noch anherren nachgeschlagen. 755, 16; war weder scham noch zucht bei inen. Polychorius Sal. 16ᵇ;
verdienst mit (damit) weder dank noch lob.
Scheidt Grobian. 2834;
dich hier zu behalten, ist weder mein noch dein gelegenheit. Simplic. 1, 66, 12; dasz er weder hände noch füsze regen kundt. historia von d. Fausten 26 neudruck; es wird genug sein, wenn wir weder die ersten noch die letzten darinn (mode) sind, uns weder zu neu noch zu alt, weder zu geringe noch zu kostbar kleiden. Gellert moral. vorl. (1774) 1, 320; ich möchte .. in einer solchen sache weder streiten, noch den ausschlag geben. Göthe 17, 204; unsere reise war daher weder angenehm noch glücklich. 25, 44; izt fürcht ich weder quaal noch entzücken. Schiller 3, 153 (Fiesko 5, 3);
ich will .. mir ein örtlein suchen,
wo weder birk noch buchen,
wo weder tann noch eichen,
und gar nichts dergleichen.
Rückert 1, 414.
mit verstärkung des noch durch nachgesetztes weniger (vergl. Keller antibarb. 130): ein schauspiel, das weder geschrieben, noch weniger memorirt war, aufzuführen. Göthe 19, 110; und doch konnte er ihn weder als privatmann, noch viel weniger als regenten achten. Strausz Schubarts leben 2, 316.
3)
die dem noch correspondierende negation kann auch fehlen, wie das eigentlich schon bei (aus neweder entstandenem) weder der fall ist.
a)
die negation fehlt im ersten gliede: mhd.
in rüeret regen noch sunne.
Iwein 570;
in beschirmet der tiuvel noch got.
4635;
dem sint die engel noch die frowen holt.
Walther 13, 9;
nhd.
α)
noch ohne weitere verneinung: daʒ sie sich als vast mit geraisigem zeug noch mit fuszvolk bewurben. Schürstab 128, 6; also .. konnt ich dasz rosz um keren, noch absitzen. F. Platter 293 B.;
wird creutz noch peinen satt.
Spee trutzn. 4;
kan reden mehr noch dichten.
35;
der himmel .. als ein fewersflamm,
darunter wind noch wolke kam.
Ringwald Eck. E 4ᵇ;
und hatt für gott noch menschen scheu.
H 1ᵇ;
darin ich ersterben noch genesen kan.
J 1ᵇ;
seht stand noch alter an!
Gryphius 2, 262;
gottes erbarmen kennt gränzen noch zeiten.
267;
er schwor, in wasser noch in luft,
noch wo im blüthenhain die zweige balsam regnen,
noch wo der hagre greif ...
bei zauberschätzen wacht, ihr jemahls zu begegnen.
Wieland Oberon 8, 58;
niemand war mit sich selbst noch mit seinem platze unzufrieden. Göthe 19, 208.
β)
noch vor nachfolgender, zur verstärkung dienender negation war namentlich im 16. jh. beliebt, ist aber nun wie überhaupt die doppelte negation nicht mehr gebräuchlich: die lilien des ackers .. arbeiten noch spinnen nit. bibel von 1483 472ᵇ (sie erbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Matth. 6, 28); aber sie ihn mit lieb noch leid von der schrifft nicht mögen bringen. Luther 3, 410ᵇ; falsche lere gehet noch feret nicht. 4, 266ᵃ; denn in deinem bosem noch in der welt wirst du sie nicht finden. 5, 511ᵃ; sie verteidingt noch entschüdligt sich nicht. 6, 120ᵃ; und ist an Rom noch einigen ort nicht gebunden. 8, 127ᵃ; aber er stiesz ihn noch den kaiser drumb nicht vom stuel. br. 2, 142; denn wir vertrawen, noch gläuben gott nicht. tischr. 2, 26 u. o.; si trauret noch weinet nichtsnit. Aventin. 4, 295, 2; ich will und kan noch mag nit zuͦ im. Th. Platter 73 B.; ich bitte, dasz du (gott) mir deine gnedige hülff noch geleit nicht entziehen wüllest. Amadis 356 K.; dasz du uns einer schmach .. beschuldigst, das mir noch andern in keinem weg zu leiden ist. buch d. liebe 225ᵃ;
liebe, die nicht ist erticht,
sieht, noch hört, noch gläubet nicht.
Koschwitz ged. des Königsberger dichterkreises 7, 18, 8 neudruck;
und dasz dein ruhm, preisz, noch ehr
(wie hoch immer) nimmermehr
deinem verdienst zu vergleichen.
Weckherlin 585;
sie asz, noch trank nichts. Zesen Assen. 129; der verräther schläfet noch schlummert nicht. 138.
b)
selten steht noch im ersten gliede, dessen verneinung sich durch folgendes oder, und auch auf das zweite erstreckt: daʒ er noch essen oder drinken möcht. Murner Eulensp. 128;
er weisz, dasz göldne gaben
noch werth und würde haben,
zu kommen ins gesicht
für ein so himmlisch licht.
Logau, anhang 8, 45;
ihr kennt noch weg und steg.
Gryphius lustsp. 218 Palm.
noch
Fundstelle: Lfg. 5 (1884), Bd. VII (1889), Sp. 866, Z. 25
s.nach.
noch adv.
Fundstelle: Lfg. 5 (1884), Bd. VII (1889), Sp. 866, Z. 26
goth. naúh, ahd. alts. noh, mhd. md. noch, mnd. noch, nocht (vgl.dannocht, dennocht), altfries. noch, neufries. nog, nl. nd. noch und nog; md. und alem. auch nach Murmelius 192. Waldis Es. 3, 16, 20. 4, 74, 50. Kehrein kirchenl. 1, 163, 6. 612, 1. 681, 2. Schade sat. 3, 363 f., mundartlich mit abfall des ch (Weinhold bair. gramm. § 188) no Schm.² 1, 1715, kärnt. nou, bei composition na (denna) Lexer 198, schweiz. no Tobler 334ᵃ. Seiler 222ᵃ, leipzigerisch na und no Albrecht 174ᵃ. 176ᵇ. — goth. naúh (ἔτι) ist nach L. Meyer goth. spr. § 199 aufzulösen in nu-h (dessen u vor h zuwurde) und entspricht der alten verbindung sanskr. nu kam, griech. νύ κε, nun wol, nun eben, jetzt.
I.
noch ist seinem ursprunge gemäsz zunächst ein zeitadverb und bezeichnet die fortdauer einer handlung oder eines zustandes
1)
bis zur gegenwart und in derselben, bis jetzt, jetzt noch, noch immer: goth. nauh libands (da er noch lebet). Matth. 27, 63; jah nauh stads ist (es ist aber noch raum da). Luc. 14, 22; ahd. (gewöhnlich verbunden mit nu) noh nu ist stat. Tatian 125, 10; noh nu blintaʒ habêt iwar herzâ? (adhuc caecatum habetis cor vestrum?) 89, 5;
thâr lag oba felisa,   sô noh nu in lante ist wîsa.
Otfrid 3, 24, 65;
bî thiu forahtên sie se noh sô.
1, 1, 84;
mhd. eʒ schînet noch als eʒ dô schein.
Iwein 2458;
(ir) sît noch vrisch und gesunt.
H. v. Freiberg Tristan 1827;
nhd. die zal die steet noch an meiner kerben.
fastn. sp. 734, 14;
dasselb mir noch am herzen leit.
759, 27;
Engelmair, der noch ganze schinken hat.
420, 24;
ertber, die noch gruͤn seind. Keisersberg emeis 79ᵃ; esset das fleisch nicht, das noch lebt in seinem blute. 1 Mos. 9, 4; welche puecher noch verhanden sein. Aventin. 4, 1125, 2; der teuffel hat allweg, wie auch noch, die art gehabt, dasz er fried und einigkeit ... zerstörte. Kirchhof wendunm. 1, 22 (1, 14) Öst.;
trinckt weidlich ausz, ihr seidt noch junck.
Scheidt Grobian. 1914;
noch ist Messias ungeborn.
H. Sachs 1, 171, 29;
sih da, weil ich noch red, kompt sie daher.
Frischlin Ruth 3, 1;
wie er noch halb voll schlaff musz auff die wälle gehn.
Opitz Zlatna 359;
(Niobe) ward gemählich zu dem steine,
der noch so heist wie sie.
Fleming 136;
wer gold im stollen noch besitzet.
Logau 2, 4, 71;
wenn noch der kühle mond des nachtes in der mitten
des hohen himmels steht.
Rachel 4, 194;
noch bin ich frei, noch kann ich dich bitten.
Klopstock Mess. (1748) 1, 127;
Jesus liebt den unwürdigen noch.
3, 463;
der sturm ist nicht mehr, die rosen und die nelken zittern noch. Geszner 2, 32; warum ist mir noch bang? 2, 18;
mit so vertauschten waffen zogen
und ziehen noch, beide durch das land.
Lessing 1, 2;
(begierden) nach dem noch unbewuszten glück.
Wieland Hermann 1, 236;
wallt sie hervor in leichtem kleide,
noch ungeschnürt.
Bürger (1778) 114;
ich fühls .. noch hab ich kraft.
Göthe 2, 95;
ihr seid noch ziemlich wohlgebaut.
12, 99;
bin ich doch noch so jung, so jung!
12, 238;
die klostergebäude sind noch wohl erhalten. 21, 13; an einem tische sizt frau Millerin noch im nachtgewand. Schiller 3, 356; geh — noch ist es zeit. 2, 296 (räuber, trauersp. 4, 12);
die göttin, die der ernstern tugend
in das noch weiche herz der jugend
... die pfade gräbt.
3, 175;
wenn endlich dich eine
von tücken noch reine
mit zärtlichkeit liebt.
Stolberg 1, 124;
eile! heb dich weg!
noch bin ich herr, von dir noch unbesiegt.
Uhland (1879) 3, 184;
ich bin noch frisch, ich bin noch jung.
Chamisso (1872) 1, 65;
elliptisch: wo kam der schmuck her? ..
trotz meiner aufsicht, meinem scharfen suchen
noch (sind immer noch da) kostbarkeiten, noch geheime schätze!
Schiller 12, 399 (M. Stuart 1, 1).
mit näherer zeitbestimmung noch heute, heute noch (wofür auch bis noch gesagt wurde. Stieler 1366, s. th. 2, 45), noch immer, noch jetzt, s. th. 4², 1297. 2070: ahd.
si (karitâs) noh hiutu .. wibit Kriste sîn gifank.
Otfrid 4, 29, 52;
mhd. sî jehent er lebe noch hiute.
Iwein 14;
nhd. noch heut bei tag. B. Zink 122, 13; die lept noch auf anno 66 (noch jetzt im j. 1466). 139, 11;
das stet noch auf disen tag.
fastn. sp. 755, 30;
noch heutes tages. Luther 3, 67ᵃ; noch zu meiner zeit. Kirchhof wendunm. 1, 528 (1, 2, 65); noch diese nacht. Gryphius lustsp. 525 Palm;
du bist noch heute der gott der welt.
Haller über die ehre 3;
noch zur zeit bin ich voller muth. Rabener br. 126;
heute noch wollt ich mein jugendlich blut dem tode zollen.
Wieland Hermann 1, 127;
verziehe ...
diesen tag noch bei mir.
2, 66;
du bleibst noch immer was du bist.
Göthe 12, 90;
was noch itzt höchst wichtig ist. Lessing 10, 323; noch jetzt währt die alte sitte. Stolberg 7, 158;
weil der fremde
noch geht in purpur jetzt.
Rückert 3, 278.
noch kaum (s.kaum 6, b), noch früh, noch spät u. dergl.: es ist noch zu früh, mit dir zu reden. Leisewitz Jul. 3, 2;
noch so spät, ihr nachtigallen,
laszt ihr liebesklagen schallen?
Göthe 3, 78 H.
vor einer verneinung noch nicht, noch nienen (s. nienen 2), noch nimmer: und vermögens auch noch nimer. Luther 3, 31ᵇ; der mond scheint noch nicht und die sterne sind noch nicht fur seinen augen. Hiob 25, 5;
mein noch nicht altes leben.
Weckherlin 207;
nun bist du mein;
doch ich, o schäfer,
bin noch nicht dein.
Götz 1, 130;
ach sie weis es noch nicht.
Klopstock Mess. (1748) 3, 527;
du bist noch nicht der mann den teufel fest zu halten.
Göthe 12, 77;
noch schröken mich deine besorgnisse nicht. Schiller 4, 39; contrahiert in nochnet, nochent, nochet. Schmeller cimbr. wb. 150ᵇ.
2)
von einem zeitpunkte der vergangenheit bis zur gegenwart, bis jetzt noch, bisher, affirmativ oder negativ: ahd.
thes mannes muat noh io giwuag,   thâr ist es alles ginuag.
Otfrid 5, 23, 200;
ther man, theih noh ni sagêta.
1, 8, 1;
mhd. die ich noch ie gesach.
Nibel. 605, 3;
die er noch nie gesach.
271, 3;
nhd. und habst noch nie daran gedacht.
Scheidt Grobian. 1506;
hat er doch noch kein wort gesprochen.
Fleming 270;
ich habe mich noch niemahlen selbst gelobet. Liscov 64; so wäre das die älteste spur, die mir noch von ihrem dasein wäre vorgekommen. Lessing 10, 364;
dunkle .. wolken verhüllten noch ihre gebirge.
Klopstock Mess. (1748) 1, 518;
doch gott redte noch nicht.
363;
so fühlte schon mein herz
noch ungefühlten schmerz.
Uz 1, 15;
ich hab ihm noch nicht weh gethan.
Göthe 12, 68;
(die kirche) hat ganze länder aufgefressen
und doch noch nie sich übergessen.
145;
wir haben uns noch nie bestellt.
Uhland (1879) 1, 29;
noch öffnete sich ihnen keine burg.
3, 49.
noch allzeit, noch immer, bisher noch immer: mir riethe er noch allezeit, ich solte mein gold besser anlegen. Simplic. 1, 458, 7; noch immer keine zeile von ihnen! Schiller 4, 283; bis jetzt noch: du wusztest bis jezt noch nicht, was entbehrung sei. 4, 38.
3)
in einem zeitpunkte der vergangenheit oder im laufe derselben, damals noch: ahd. mittiu noh thô finistarnessi wârun (cum adhuc tenebrae essent). Tatian 216, 1;
thaʒ noh thô siu firholan was.
Otfrid 2, 6, 20;
mhd. noch lac der herre Keiî dort.
Iwein 2624;
und stuont noch ûf der wâge ir lebn.
7346;
nhd. weiland er noch war im leben.
Rebhun Susanna 2, 1;
wie ich noch .. in die schuͦll gieng. Th. Platter 65 B.; dan der grundt noch lugk (locker) was. F. Platter 233; und hab ihn noch allda gefunden. Amadis 236 K.; als sie noch beid jung gewesen. Kirchhof wendunm. 1, 178 (1, 146) Öst.; da ich noch fast ein knabe gewesen. Opitz poeterei 24 neudruck; noch sank der nächtliche thau, noch schwiegen die schlummernden vögel, noch ruhete nacht im thal. Geszner 1, 140;
überall faltete noch tiefe verwundrung
heilige hände vor ihm.
Klopstock Mess. (1748) 1, 458;
da er noch sprach.
2, 297;
damals flosz noch in deutschen adern das blut der helden.
Wieland Hermann 1, 9;
noch als er in wagen stieg, schrie ich ihm nach. Lessing 2, 548; die sonne stand noch hoch. Göthe 21, 3; noch war es tag. 21, 9; wenn es eine periode gegeben hat, wo noch keine geister waren. Schiller 4, 34; er seufzte noch beständig um sie. Stilling jug. (1780) 86; wie ich noch mit dir zusammen war. Bettine br. 1, 146;
vor zeiten, da der teufel noch
das christenvolk vexirte.
Pfeffel 2, 114 Hauff;
als noch die erde
lag in trauernder stille.
Stolberg 1, 178.
mit näherer zeitbestimmung wie bei 1: noch dieselbe nacht .. wurden zwei weiber in die landstracht verkleidet. Simplic. 2, 38, 11; noch gestern abend waren sie so ruhig. Leisewitz Jul. 1, 1; der alte der mich noch immer festhielt. Göthe 24, 85;
(da) sprach das kind noch immerdar.
Uhland volksl. 271;
und als es (laub) noch im knospen war,
da ging sie noch im lande.
G. Keller ges. ged. 84.
ehe noch, kaum noch:
sein ende war ihm da schon auszerkohren,
eh als ihm noch sein anfang war gebohren.
Fleming 285;
der aufgehört hat eh er noch begonnen.
Schiller 15, 2, 413;
spröde sondert sich ab, was kaum noch liebend sich mischte.
11, 78.
4)
bis zu einer späteren oder in einer späteren, künftigen zeit: goth. nauh leitila hveila mit izvis im (ich bin noch eine kleine zeit bei euch). Joh. 7, 33; nauh leitil mêl liuhaþ in izvis ist (es ist das liecht noch eine kleine zeit bei euch). 12, 35; ahd. daʒ io geschah alde noh geschehen sol. Notker ps. 2, 7;
thaʒ giloubi thu mir:
quement noh thio zîti.
Otfrid 2, 14, 62;
iʒ wirdit noh giweiʒit!
23, 20;
mhd. obe dir got noch gefüeget   eins rehte guoten rîters lîp.
Nibel. 16, 4;
ich wil noch meit belîben.
586, 3;
got lâʒe mich dich .. gesehen noch gesunt.
862, 2;
manec vrum rîter kumt noch dar.
Iwein 1828;
iwer minne lêrt noch ritters hant.
Parz. 372, 11;
nhd. ich wil es noch wol an dir rechen.
fastn. sp. 232, 18;
ich schlach noch den kätzerischen unflat.
N. Manuel Barbali 1255;
wer weisz, wer noch den andern jagt.
Opel u. Cohn 245;
ich will disz feuer noch wol leschen. Simpl. 1, 74, 21; noch sollte der tod meinen staub nicht hinnehmen, noch soll ich im sterblichen leibe dich loben, noch mehr wunder deiner unendlichen gnad erfahren. Geszner 1, 128;
zwar kömmt das beste noch.
Lessing 2, 220;
und dann auch soll ...
... noch unsre liebe dauern.
Göthe 1, 7;
es droht noch mancherlei tumult.
12, 301;
(das) wird manchen noch gereun.
Bürger (1778) 152;
ihr dürft nicht weilen,
wolt ihr sie noch ereilen.
314.
wieder mit näherer zeitbestimmung: mhd.
wir vinden in noch hiute.
Iwein 1285;
si ergazte uns mîner vrouwen noh lîhte in alten tagen.
Nib. 1110, 3;
nhd. dir wirt noch heint zurinn
all deiner freunt hilf.
fastn. sp. 47, 26;
die wil ich noch heur eim schefer geben.
738, 32;
der würdt noch disen monat sterben müssen. Fischart groszm. 22 neudruck;
heute fürwahr noch
wollt' ich sie traun.
Voss ged. 1, 81;
noch früh genug besteigt man jenen thron.
Göthe 12, 313.
II.
aus den temporalen bedeutungen des wortes sind dann andere abgeleitet worden, in denen der zeitliche begriff zurücktritt oder ganz schwindet vor dem nebenbegriffe der wiederholung, hinzufügung, steigerung oder des gegensatzes.
1)
dazu noch, noch auszerdem, noch ferner: goth. nauh ganôh skal quiþan izvis (ich habe euch noch viel zu sagen). Joh. 16, 12; ahd. hôre noh (höre ferner). Notker ps. 70, 23; mhd.
noch hœre waʒ sîn reht (des baumes art) sî.
Iwein 565;
vernemt noch von ir wæte.
Nib. 417, 5;
noch müget ir hœren gerne.
Helmbrecht 82,
(daher mhd. bei dringender bitte auch ein starkes doch vertretend, nun doch, doch nur, doch endlich:
noch gêt mit mir eʒʒen.
Erec 6410;
noch bekêre dînen muot.
Greg. 1501;
tohter, lâʒe es noch durch mich.
minnesinger 1, 349ᵇ);
nhd. vielen ist viel witz gegeben,
diese (weisheit) selten noch daneben.
Logau 2, 1, 79;
welche nicht allein Christum verkauffen, sondern auch noch .. verspotten. Philander (1650) 1, 464; (sie nannte ihn) volle sau und noch wol anders. Simplic. 1, 64, 1;
da warf er verwüstend
noch ein ganzes gestade in abgrund.
Klopstock Mess. (1748) 2, 414;
noch eins will ich ihnen rathen. Rabener (1755) 3, 51; ich glaub er spottet noch. Göthe 7, 104; welches wunderbare unterpfand seiner gunst können wir noch verlangen? Schiller 4, 162. elliptisch:
Amine. noch blumen!
Lamon. hier! das sind die besten.
d. j. Göthe 1, 117;
noch was 1, 389; noch etwas Rabener br. 278; noch eine ladung, und noch eine! Hippel 1, 298.
2)
nochmals, zu wiederholtem male: mhd.
wold erʒ noch versuochen   daʒ zæme degene.
Nibel. 1993, 2;
nhd. voller wunder, sag ich noch,
ist der keuschen liebe joch.
P. Gerhard 304. 307 Göd.
gewöhnlich in verbindung mit dem zahladverb: mhd.
daʒ ich sîn schœne houbet   noch einst (noch einmal) müeʒe sehen.
1008, 2;
nhd. noch éinmal, éinmal noch, nóch einmál, wofür belege th. 3, 231 gegeben sind (hinter ausrufungen: donner noch einmal! u. dgl. d. i. donner! und noch einmal donner! vgl.nochmal); ebenso noch dreimal, noch viermal u. s. w.:
wenn ichs gleich noch dreimal sag.
Ackermann Tobias B 4;
dreimal seufzt er noch.
Klopstock Mess. (1748) 2, 667.
noch einst so (s. th. 3, 305), noch einmal so (viel, grosz u. s. w.), zweimal so, doppelt so: noch einst so vil, duplo Maaler 307ᵈ;
das weisze wird so dann noch einst so rein,
noch einst so klar, noch einst so helle.
Brockes 1, 105;
und gebe ihr (henne) noch einmal so viel zu fressen. Lokmans fab. 12; es wird gewisz in England ... noch einmal so viel Portwein getrunken, als in Portugal wächst. Lichtenberg 2, 193; in der älteren sprache genügt dafür einfaches noch so, noch als:
und wenn es dir gleich tet noch als zorn,
und dich gleich noch als vast test spitzen.
fastn. sp. 37, 3;
wern sporn und geiszel noch so grosz.
Kirchhof wendunm. 1, 130 (1, 101) Öst.;
stielestu vil, so versihe dich gewislich, das dir noch so viel gestolen werde. Luther 4, 403ᵃ; darumb ists ja nichts, das man im wolt begegnen mit fünfzig oder sechzig tausent man, wo nicht noch so vil oder mehr im hinderhalt ist. 445ᵇ; wie das selbige (holz) mehr denn noch so hohes kaufs gestigen als vor 30 jahren gewesen. Leipz. stadtordn. (1540) E 4ᵇ;
und dasz er noch als edel wär.
Liliencron volksl. nr. 40, 936 (16. jahrh.);
und wern der buͤcher noch so vil,
so thuͦt man doch das widerspil!
Scheidt Grobian., vorr. 15;
doch gilt der nam vil mehr, der ruhm ist noch so grosz,
wann ihn ein fürst erhöbt, als wann er iergend blos
auff wan des volks besteht.
Rompler 160;
nein, es ist was bessres noch,
gilt auch mehr als noch so hoch.
Logau 1, 4, 63;
der kan bald ein echo machen, der nur redet was er wil,
als er etwa reden möchte, wird er hören noch so viel.
1, 8, 87;
kunst und tugend machet adel, adel machet auch das blut;
wann sie beide sich vermählet, ist der adel noch so gut.
3, 6, 11;
kühnheit und vermessenheit
bringt es ofters noch so weit
als bedacht und witzigkeit.
1, 8, 27 u. oft;
denn die leute geben ihren glaubensgenossen noch so gern, auch noch so grosze stücker. Simplic. 2, 348, 2. später hat sich dieses noch so zum begriffe quantumvis verallgemeinert: eine blume rieche noch so lieblich: sie wird doch von einem oder dem andern gehast. Butschky Patm. 9;
es sei ein kluges kind auch noch so klug und schön.
Günther 445;
und sei er noch so gelehrt. Gellert moral. vorles. (1774) 1, 320; die sache noch so genau genommen. Lessing 10, 23; um jeden noch so kleinen vortheil geltend zu machen. Schiller 4, 281;
was einer noch so emsig griffe,
desz hat er wirklich schlechten lohn.
Göthe 12, 294.
3)
häufig steht noch bei zahlwörtern oder unbestimmten pronominibus, um wiederholung oder hinzufügung auszudrücken: goth. nauh ainis þus van ist (ἔτι ἕν σοι λείπει). Luc. 18, 22; ahd. giholô mit thir noh thanna einan odo zwênê. Tatian 98, 2; mhd.
si heten noch manegen recken.
Nib. 10, 4;
der sach man vor in stân
noch wol zweinzic tûsent.
2020, 4;
wær im ein trinken noch getragen.
Iwein 2463;
er hât noch ir viere.
4483;
nhd. z. b. dann eins, jud, sag mir noch in gut.
fastn. sp. 24, 27;
noch ein spruch mant mich dran.
N. Manuel Barbali 1461;
wa ich noch einen tag ligen solt. Murner Eulensp. 128; denn noch uber sieben tage wil ich regen lassen auff erden. 1 Mos. 7, 4; wo der mann noch dreihundert sein. Kirchhof wendunm. 1, 24 (1, 15) Öst.; bald darauf noch einer. Amadis 65 K.; darbeneben er auch noch ein anders mittel gebrauchete. eselkönig 29;
thuts einer nicht, so stehn hier zehen noch.
Fleming 285;
ihr freunde, nur noch eines!
Uz 1, 61;
noch einen bisz, so ists geschehn.
Göthe 12, 78;
nah und fern
ist mir noch manches zubereitet.
1, 113.
4)
daher auch steigernd bei comparativen: ahd.
sie scolta ruaren noh thô mêr,   thaʒ selba woroltlîcha
sêr.
Otfrid 5, 14, 12;
mhd. noch mê des rôten goldes.
Nib. 93, 3;
ich wils noch lenger pflegen.
486, 6;
daʒ sis noch versuochten baʒ.
Iwein 2005;
nhd. z. b. stündestu uf dem dach, so werstu noch höher. Murner Eulensp. 76; das der ablasz .. noch vil minder kraft und grund haben möge. Gengenbach der liebesspiegel 75; er fieng an noch herter zu zürnen. Kirchhof wendunm. 1, 137 (1, 108) Öst.;
und was ich noch viel mehr dergleichen wolt erzehlen.
Opitz Zlatna 305;
nein, es ist was beszres noch.
Logau 1, 4, 63;
noch weiter findet sich ein unbefugtes klagen.
Rachel 2, 121;
dieses machte ihn noch begieriger. Weise erzn. 30 neudruck; er ist noch ein ärger narr. 36;
der nachruhm selbst spornt unsre sinnen
noch gröszre thaten zu beginnen.
Haller über die ehre 317;
noch stärker peitscht den geist das zornige gewissen.
ursprung des übels 3, 121;
und sollte schöne nicht noch schöner machen?
Lessing 2, 353;
das ist bald gesagt
und bälder noch gethan.
Göthe 12, 196;
bedeutender noch .. blieb für uns das rathhaus. 24, 25; ein wachender traum, also noch weniger als ein traum. Leisewitz Jul. 1, 1.
5)
aus der temporalen bedeutung (auch da oder künftig noch, sogar dann, unter den gegebenen verhältnissen noch) entwickelt sich der auf den gegensatz oder auf eine beschränkung weisende: und doch, doch noch, dennoch, jedoch, gleichwol, trotzdem, dessen ungedachtet, nichtsdestoweniger.
a)
noch allein stehend: mhd.
swie grôʒ ir hôchzît   bî Rîne was bekant,
noch gap man hie den helden   vil beʒer gewant.
Nibel. 655, 5;
swie starc und swie küene   von Troneje Hagne sî,
noch ist verre sterker,   der im dâ sitzet bî.
1706, 2;
und wann daʒ eʒʒen ûf dem tische stûnt ... und si noch nüchtern wâren, noch sô liefen si enweg ungeʒʒen. zeitschr. f. deutsch. alterth. 8, 309. so auch im älteren nhd. bis ins 17., vereinzelt auch im 18. jahrh.:
und solt ich immer ein narre wern,
noch wil ich frauen nit enpern.
fastn. sp. 127, 2;
sehstu ein fremden bei ir ligen,
noch solstu sweigen und es verdrücken.
164, 19 u. oft;
noch mag ich dem tod nit entgan.
N. Manuel todtentanz 55;
wan du in (fisch) schon uf ein seidin küssen leitest, noch ist er lieber im wasser. Keisersberg brösaml. 1, 27ᵃ; nim die vögel in keffinen, wie genug du inen ze essen gibst, noch wesen sie lieber in dem wald. ebenda;
noch (trotz der erlösung durch Christum) sind wir also toub und blind.
Gengenbach die 10 alter 22;
bruͦder du kanst vil glatter wort ..
noch soltu glouben sicherlich.
Nollhart 1358;
wie jung sie was, noch giengs für sich.
Murner narrenbeschw. 39, 37;
hat mich das gleich ins ellend bracht,
noch hats mich zuͦ keim lügner gmacht.
Än. D 6ᵃ (Än. 2, 80);
niemanz wil in da (den dreck in der speiskammer) haben, noch thuͦ ich, als ir mich heiszen. Eulensp. 76; hie ist auch ein gotsdienst .., noch wil er sein nicht. Luther 4, 34ᵃ; dieselbige welt war dieselbige zeit vil beszer denn jetzt, noch hat er sie vertilget. 4, 51ᵇ; dem fromen könig David wolte sein hertz brechen, da sein son Absolon .. erstochen ward, noch muszt ers lassen gehen und geschehen. 6, 12ᵇ; noch liesz er sich das jung weib überreden. Aventin. 4, 764, 21; wie kaiser Theodosius oft glücklich den Persiern oblag, noch macht er frid mit inen. 1126, 23; noch muͦst er übel hören, ... noch halff es nicht. Frank weltb. 37ᵃ;
Adam und Samson,
David Salomon
die hetten grosz weiszheit und krafft,
noch zwang sie weibes meisterschafft.
Freidank (1539) bl. 20;
noch (trotz dem schrecken) hab ich behalten ..
desz visch herz, lebern und die gallen.
H. Sachs 1, 144, 35;
und ob ich wol gesätigt war
noch must der schäfer leiden fahr.
E. Alberus 37ᵇ;
es laut wol schändlich dasz mans sag,
noch ligt es all zu klar am tag.
48ᵇ;
noch dörffen sie sich gottes rhümen
und mit der schrifft ir sach verblümen.
Waldis Es. 4, 24, 75;
wie wol du bist ein köstlich weib,
noch wirst vom todt verzehret.
Fischart ehz. 79;
er hat studiert so lange zeit ..
noch hat er nicht so viel erbawt.
nachtrab 304;
wiewohl er (wein) darmgicht gerne bringt,   noch geht er lieblich ein.
Logau 2, 1, 24;
wie stark es immer ist, noch wird es müssen brennen.
Fleming (1666) 55;
gott war zwar von allen sünden frei,
noch henckt man ihm zween schächer bei.
Kehrein kirchenl. 1, 203, 121;
wir sehen, hören und lesen solche und dergleichen täglich, noch lauffen wir in unser verderben. Schuppius 562; noch blieb sie auf vorigen gedanken. polit. stockf. 331;
mit was vor wachen, lieb und müh
hat er sie unterrichtet! ...
noch waren sie so blind und taub.
Günther 28.
b)
in verbindung mit gleichwol, doch: die Schweitzer haben grosz unrecht, das sie ihre herren verjagt haben, noch gleichwol ist iren herren recht geschehen. Agricola sprichw. nr. 389; noch gleichwol will dieses alles nicht glecken oder helffen. Widmann Fausts leben 302 K.;
es werden viel füchse bei hofe gefressen,
noch sind sie doch häuffig daselbsten gesessen.
Logau 2, 3, 52;
die wahren schrifften melden,
dasz Alexandern nie enthertzet eine schlacht,
noch hat ihn doch ein weib zu einer frau gemacht.
Fleming (1666) 153.
c)
die ahd. verbindung noh danne, noh denne oder danne noh, denne noh, damals noch (Graff 5, 49 f.), flieszt schon mhd. gewöhnlich zusammen in dannoch, dennoch oder nochdan, nochdenne mit temporaler und adversativer bedeutung, welch letztere im nhd. dannoch, dennoch und nochdann die allein herrschende geworden ist (s. th. 2, 748. 952 und nochdann). im 15. bis 17. jh. ist auch die verstärkung des dannoch, dennoch durch nochmalige vorsetzung von noch gebräuchlich, wofür schon th. 3, 749. 953 f. einige beispiele gegeben sind.
α)
noch dannoch, noch dannocht:
wie wol der narren sind zuͦ vil,
noch dannocht mer ich seien wil.
Murner narrenbeschw. 4, 6;
noch dannocht furchten ich dich nit.
H. R. Manuel weinspiel 630;
noch dannocht kundten sie Davids sterke ... nit vergleicht werden. Aimon, vorr.; noch dannocht will ich vil lieber jetz under weiszwas dann dieses verlieren. Bolz Terenz 108ᵇ; noch dannocht faszt er im ein hertz. Wickram rollw. 92, 5 K.; wiewol sy unschuldig gewesen, noch dannocht hat sy groszer schrecken und forcht umbgeben. 103, 19;
noch dannoch wirds geschehen.
Logau 1, 6, 77.
β)
noch dennoch, noch dennocht:
noch liesz ichs dennoch als sein wett.
fastn. sp. 48, 29;
ja wenn ichs gleich noch dreimal sag,
noch dennoch thut sie was sie wil.
Ackermann Tobias B 4;
so sy doch nit juden sein wöllen, noch dennocht der judenpfaffen .. recht sich gebrauchen. Frank chron. 239ᵃ; noch dennoch hiesz er die segeltuͤcher aufspannen. Fronsperger 259ᵇ; noch dennoch so bist du so boszhaftig. Ayrer proc. 1, 2;
kan ich dich schon nit preisen wol,
noch dennoch ich nit schweigen sol.
Kehrein kirchenl. 1, 153, 18;
und ob manche seele gleich peinliche zeit gehalten wird, noch dennoch kan der zorn den kleinen glauben nicht verschlingen. J. Böhme vierzig fragen 24, 7 s. 110;
ich bin, ob ich verkehrt, noch dennoch nicht verkehrt.
Logau 1, 3, 4;
Calvus hat so groszen schedel und noch dennoch kein gehirne.
2, 4, 52;
der mensch, der nichts kan für sich selbst ...
wil gott, der alles kan, noch dennoch selten viel vertrauen.
3, 6, 40 u. oft;
noch dennoch must du drum nicht ganz
in traurigkeit versinken.
P. Gerhard 23 Göd.
III.
substantivisch das noch: aber wenn man so in banger spannung auf etwas geliebtes auf erden wartet, denkt man an jenes entsetzliche warten nicht, sondern man sitzt auf glühendem stuhle und wiegt die wenn und aber ab, die ob und noch, die was und wie. Gotthelf geld u. geist (1859) 195.
Zitationshilfe
„noch“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/noch>, abgerufen am 17.09.2019.

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