neigen verb
Fundstelle: Lfg. 3,4 (1883), Bd. VII (1889), Sp. 568, Z. 9
inclinare.
Form und verwandtschaft.
1)
aus der zu grunde liegenden wurzelform knigv hat sich lat. (co-) nîv-ere und nîc-ere (für cnigvere und cnicere), germanisch hnîvan und hnîg-an (beide für hnîgvan) entwickelt: goth. hneivan, ahd. hnîgan und nîgan, alts. ags. hnîgan, altn. hnîga, mhd. mnd. nîgen als starke verba, aus denen die schwachen factitiva goth. hnaivjan, ahd. hneigan, hneiken, neigen, mhd. neigen, mnd. neigen und negen, ags. hnægan und die iterativa ahd. nicchen, mhd. nhd. mnd. nicken hervorgegangen sind. über die etymologie und urverwandtschaft handelt J. Grimm kl. schriften 1, 138 f., Dief. 2, 571 f., L. Meyer goth. spr. § 40 und Delbrück in der zeitschr. für deutsche philologie 1, 18 (zu νεύω, nuo, coniveo von einer urform knu oder kni). vergl. auch Kuhns zeitschr. 9, 28. 12, 422 anm. 17, 271.
2)
nhd. ist das schwache trans. neigen auch an die stelle des starken intr. nîgen getreten, dessen letzte spuren mit dem 15. jahrh. verschwinden: der voc. venez. - todesco vom j. 1424 fol. 92 (bei Schm. 1, 1733 Fromm.) conjugiert noch präs. ich neig, wir neigen, prät. ich naig, wir naigen (statt nigen), partic. genigen; der voc. 1482 unterscheidet noch zwischen neigen (nîgen) und naigen (neigen) x 3ᵇ. 2ᵃ f. der plur. prät. nigen kommt vor in den Erlauer spielen (15. jahrh.) 3, 1186, infin. niegen (: fliegen) Weller dichtungen des 16. jahrh. 6 (aus Oppenheim); das von Schm. a. a. o. aus Aventins chron. 126ᵃ (nicht 226) beigebrachte niegen beruht aber auf einem fehler des alten druckes statt des handschriftlichen müegen (s. 4, 602, 29 meiner ausgabe).
Bedeutung und gebrauch. neigen drückt im allgemeinen eine niederwärts oder seitwärts gehende bewegung und die dadurch hervorgebrachte geneigte stellung aus, in der man ist oder in die man etwas bringt.
I.
intransitiv, entsprechend dem alten starken nîgen oder dem absolut gebrauchten neigen.
1)
sich niederwärts bewegen, ins neigen kommen, sich senken, sinken, fallen: goth. þanuh dags juþan dugann hneivan (aber der tag fieng an sich zu neigen). Luc. 9, 12; nhd. neigen, inclinare. voc. 1482 x 3ᵇ, naigen, sidere. 2ᵇ (vergl. sidere, sinken Dief. gl. 533ᵃ);
jetzt rief sie die neigende sonne zum ländlichen gastmahl.
Wieland Cyrus 1, 169;
mit angabe der richtung: md.
zu dal di sunne was genigen.
Elisabeth 235;
nhd. (wenn) der sonne trunkne augen abwärts neigen.
F. Schlegel ged. 16;
o grab, in das die sonnen neigen, o heiliges meer.
Rückert 2, 497;
ein fruchtbeladner zweig neigt mit dem haupt zur erde.
Bostan 136, 6;
bildlich, zum untergange sich neigen, vergehen:
vil wollen gern durch ein gesang
ihr, mir gestolne, kunst erzaigen:
jedoch ihr stoltz und lieder naigen
und sterben stracks in dem auffgang.
Weckherlin od. 1, 2.
2)
sich beugen, verneigen:
kan neigen und sich bücken.
Ringwald geistl. l. D;
neigen aus, sich herausneigen, herausnicken:
vögel neigen
aus den zweigen,
heiszen schweigen
mich zuletzt.
Platen 17ᵃ (1, 66);
besonders sich verneigen zum zeichen der anbetung, ehrerbietung und unterwerfung, des (ehrerbietigen) gruszes, des (segnenden) dankes und der anerkennung: indem sie erstlich (beim gebet) ihre händ entbor heben, hernach mit dem ganzen leib für sich neigen, und dann auch auff die knie niderfallen. Rauwolf reise 237.
a)
mit dativ der person, vor der man sich verneigt: ahd.
joh suahtin fon then liutin, thaʒ nigin se in bî nôtin
(amant et salutationes, und habens gern, das sie gegrüszet werden Matth. 23, 7).
Otfrid 4, 6, 40;
mhd. dô neic sî im unde gote.
Iwein 6013;
er neic ir und enpfienc sî.
107;
sî neic dem künege und schiet von dan.
3200;
er neig ir minneclîchen, genâde er ir bôt.
Nib. 292, 1;
nhd. welch frau sich kan also erzaigen,
derselben soll wir alle naigen.
fastn. sp. 103, 19;
ich hoff, man sull mir auch hie neigen.
104, 16;
im nigen throni.
Kummer Erlauer spiele 3, 1186;
wer ohn neid ist, dem sollen wir neigen.
Renner (1549) 74;
die nit gehorsam erzeigen
der kirchen, in demuͦt ir neigen,
die doch ein meisterin ist allen.
nüw schiff von Narrag. bei Zarncke 107ᵇ;
fraw Warheit zu dem thron sich wendt
und zeigt mit eim finger auff mich
fraw Grechtigkeit, der neiget ich.
H. Sachs 7, 249, 9;
laszt uns dem kindlein neigen,
ihm lieb und dienst erzeigen.
Kehrein kirchenl. 144, 2;
den du ..
ins krippelein gelegt und ihm geneigt.
438, 6;
bist nun unser,
wir neigen dir.
Göthe Proserpina (1778),
in den späteren ausgaben:
wir neigen uns dir.
werke 14, 50;
und sie, der unser sinn in demuth neigt,
die reizende Lavinia.
Tieck Tit. Andron. 1, 1;
einem grusze neigen, einen grusz mit verneigung erwiedern:
die zu uns hernieder steigend
mit uns wandelt unsre pfade,
unsrem grusze freundlich neigend.
Göthe 13, 248;
auch vor leblosen gegenständen neigt man sich, um sie zu segnen und zu benedeien, ihnen segnend zu danken oder ehrerbietung zu erweisen (myth.⁴ 26): mhd.
wie gerne ich dem stîge
iemer mêre nîge,
der in her ze mir truoc.
Iwein 5538;
vil dicke er dem wege neic,
den diu juncfrouwe gienc.
Parzival 375, 26;
si zwei si nigen dem lande dô,
und baten den gotes segen
der liute und des landes pflegen.
Tristan 11532;
nhd. derselbig (Tell) gieng nun etwa dick und menig mal für den huot uff und nider und wolt dem stecken und huot nit neigen. Etterlin chron. d. eidgen. 29.
b)
der dativ kann mhd. auch fehlen oder statt desselben die präpositionale fügung mit gegen, zuo oder ein adverb der richtung stehen, s. mhd. wb. 2¹, 351ᵃ f. Lexer 2, 82, z. b.:
dô neic daʒ schœne magedîn.
Nibel. 364, 4;
wan daʒ ich tiefe nîge.
Walther 18, 20;
mit süeʒem danke nîgen nu wol der fürste kunde.
jüng. Tit. 1217;
vil schône er gein dem künege neic.
Tristan 3254;
ze gote begund er nîgen.
Gregor. 874;
ich wil dâ hin nîgen,
dâ Achilles ist begraben.
Herbort 16673;
der gegenstand, wofür gedankt wird, steht im genetiv:
der rede neic im Criemhilt.
Nibel. 1224, 4;
des hundes von mir wart genigen
und grôʒeʒ danken niht verswigen.
Lichtenstein 114, 29.
3)
in geneigter stellung sein, lehnen, inniti. voc. 1482 x 2ᵇ (vergl. inniti, lenen, leinen Dief. gl. 299ᵇ), neigende hügel (colles supini) Voss georg. (1789) 3, 555, in der ausg. von 1800 gelehnete hügel; md. nîgen ûf, sich lehnen auf:
dô er ûf die krucken neic.
passional 233, 17 K.
4)
sich wenden, richten, wofür md. das absolute neigen mit angabe der richtung steht:
swenne ich neigen dar ane (sobald ich mich darauf richte).
Pilatus 35;
darum her abe neigit
und lât daʒ strîten nû bestân!
Jeroschin 23939;
und dô er von in neigete
unde quam ein lutzil dan.
24903;
nhd. er sagt, von disem zweifel naig (wende dich ab).
Schwarzenberg 151ᵈ;
wir bewundern am magnete,
dasz er ost- und westwärts neiget.
Brockes 9, 60;
so stark ist liebes kraft, dasz selber gott liebeigen
dahin, wo er geliebt sich fühlet, hin musz neigen.
Rückert 1, 35;
neigen zu, sich hinwenden, eine neigung, einen hang haben zu: und wessen antliz also geschaffen, der .. neigt zur strenge. Scheffel Ekkeh. 3. vergl. III, 5, b.
II.
transitiv entsprechend dem mhd. neigen, nîgen machen; ohne oder mit angabe der richtung und des mittels.
1)
machen, dasz etwas sich neigt, senkt: herr, neige deine himmel und fare herab. ps. 144, 5; er neigete den himmel und fur herab. 18, 10; und er (Simson) fasset die zwo mittel seulen .. und neiget sie krefftiglich. richter 16, 30.
2)
niederlassen, senken.
a)
in den boden senken, pflanzen, inserere. voc. 1482 x 2ᵃ, vergl. inserere, einsenken Dief. gl. 300ᶜ.
b)
mhd. diu sper neigen, die speere einlegen als zeichen des beginnenden kampfes:
sô neicten sî diu sper
und sluogens ûf die brust her.
Iwein 7077;
diu here ze beiden sîten   neigeten ir sper.
Alphart 367, 2;
nhd. die fahne, die waffen neigen als ehrenbezeichnung: die soldaten .. begleiten den zug (der senatoren) mit musik und neigen die fahnen. Schiller 3, 339 (Fiesko, bühnenbearb. 5, 5); als die Vandalen bei Irmgard vorüberzogen, erhoben sie plötzlich hellen jubelruf und neigten die waffen .. vor ihr. Freytag ahnen 1, 125; neigen auf:
die krieger jauchzen laut den nahenden und neigen
bis auf die erde schild und speer.
Alxinger Bliomb. 9, 7;
langsam niederlassen auf:
hiesz machen ein pflaster von feigen
und dem könig auff sein sterbküsz neigen.
H. Sachs 4, 1, 52ᶜ.
c)
niederlegen in:
in arme schlechte windelein
wand die jungfrau das kindlein ein,
ward ihn ins krippleîn neigen.
Kehrein kirchenl. 107, 7.
3)
in geneigte stellung bringen, beugen: mhd.
der hagel eines kornes fluor
niht sô balde neiget.
troj. krieg 25976;
ein rôr, daʒ in dem bruoch
der wint mit sturme neiget.
turn. v. N. 745;
nhd. neige deinen krug, und las mich trincken. 1 Mos. 24, 14;
doch neigten hang und winde
und alter ihn (apfelbaum) zu weit nach linker hand.
Pfeffel 2, 29;
fruchtbare bäume neigten um seine scheitel die zweige.
Voss Od. (1781) 11, 588;
besonders vom leibe und dessen theilen
a)
den leib neigen als zeichen der unterwürfigkeit und ehrerbietung: mhd.
ich wil mit dienest neigen
mînen lîp in iwer gebot.
Wigal. 229, 37;
nhd. tiefes hauptschlagen, neigen des leibes. Hahn hist. (1721) 1, 64 anm. k.
b)
das haupt (antlitz, ohr) neigen.
α)
mhd. einem daʒ houbet neigen, ihn unterwerfen, bezwingen, erschlagen: mhd.
ir deheiniu ist sô tiure, ine getürre ir houbet wol geneigen.
Gudrun 1524, 4;
dô sach man mit den swerten geneiget manegeʒ houbet.
1419, 3;
vil manegem wart daʒ houbet geneiget sô ze tal,
daʒ er muost ersterben von ir swinden slegen.
Nibel. 2013, 2;
vergl. einen mit dem tôde neigen, unten 6, a.
β)
sein haupt (antlitz) neigen, einschlafend, sterbend oder aus schmerz und kummer sinken lassen: und neiget das heubt und verschied. Joh. 19, 30;
da wo mein heiland einst sein mildes haupt geneiget,
und wo sein schwacher mund für alle sünder bat.
Günther 1043;
und er neigte sein haupt und starb.
Klopstock Mess. 10, 1052;
er (der streiter) neigt das haupt wie schlummerschwer.
Uhland ged. 249;
ob sie (die wittwe) das haupt zum busen neigt.
F. Dahn ged. 1, 270;
entgegen neigen, mit dativ:
er sagts und neigt sein haupt dem tode, wie die ähre
am ärntetag ihr haupt in reifer schwere
der sichel selbst entgegen neigt.
Alxinger Doolin 1, 25.
γ)
das haupt (antlitz) neigen wie I, 2 und III, 2, c; ohne oder mit dativ (auch präpositionaler fügung) der person, vor der oder zu der man das haupt neigt: mhd.
dô neigte si ir houbet vür die schœnen meit.
si sprach .. lâʒ dir wesen leit
mînen starken jâmer.
Gudrun 1505, 1;
mîn houbet ich ir neige.
ich und mîne meide suln ir immer dienen hie vür eigen.
1039, 4;
nhd. David neigt sein andlitz zur erden und bettet an. 1 Sam. 24, 9;
dann werd ich (der stamm) meines wippels krantz
um sie (die schäferin) zu ehren neigen.
Gryphius lustsp. 418 Palm;
dreimal neigt er (Eloa) nunmehr sein tiefanbetendes antlitz
auf den staub des hügels (Golgatha) herab.
Klopstock Mess. 8, 26;
er neiget ir sein haubet (zum grusze).
H. Sachs 1, 208 Gödeke;
mein haubet ich ir neigt,
gantz dankpar mich erzeigt.
3, 248, 15 K.;
ach neige ..
dein antlitz gnädig meiner noth.
Göthe 12, 189;
meinem wagestück vergieb, und meiner
liebe neige dein verklärtes antlitz.
Platen (1847) 4, 242;
elliptisch er neigt das amen (spricht mit verneigung des hauptes das amen) im mitteln vatterunser. Fischart Garg. 129ᵃ; sie standen auf und neigten ihm einen willkommen (grüszten ihn mit neigung des hauptes). Göthe 17, 224.
δ)
das haupt, das ohr, die ohren neigen um zu hören oder zu erhören: undeutlich drangen die laute einer männerstimme an sein ohr und unwillkührlich neigte er das haupt, den sinn aufzufassen. Freytag handschr. 1, 65; und wirstu deine ohren neigen, so wirstu weise werden. Sir. 6, 34;
ach! lasz mich dir mein elend klagen ..
naig dein gehör.
Weckherlin 13 (ps. 5, 1);
mit dativ: neige mir dein ohr und verschliesze nicht deiner aufmerksamkeit thor. Rückert mak. (4. aufl.) 128; neigen zu, auf: und hab .. mein ohre nicht geneigt zu denen, die mich beraten. spr. Sal. 5, 13; neige deine ohren zu meinem geschrei. ps. 88, 3; er (gott) neige seine ohren zu dem waisenhausz .. und erhöre so vieler menschen tägliches gebet. Schuppius 669; neigen sie ihre ohren zu meiner rede. Liscov 155;
warum neigest du so dein ohr zur flöte, du satyr?
Herder zur griech. lit. 97;
o neig auf meine leyer
dein allgefällig ohr!
Bürger 7ᵇ.
ε)
die augen, den blick neigen, niederwärts richten, wenden:
wie den blick ich neige
zu des lebens frühstem grün.
Rückert 3, 2.
ζ)
den mund, die lippen neigen (zu trinken, zu küssen): daʒ ich ee stürbe, ee daʒ ich den mund neigte ze trinken. Steinhöwel Es. 226 Öst.; und hier neigte sie ihre lippen nach den meinigen. Heinse Ardingh. 1, 202.
η)
die schultern neigen, um eine last auf dieselben zu nehmen: er hat seine schultern geneigt zu tragen, und ist ein zinsbar knecht worden. 1 Mos. 49, 15.
θ)
die knie neigen aus andacht, ehrerbietung oder unterwerfung: sie neigten die ... knie vor ihr. Freytag ahnen 1, 125.
4)
innerlich (vergl. 6, d), das herz, gemüt (eines andern) neigen, ihm eine bestimmte richtung geben, es wozu geneigt machen: des königs hertz ist in der hand des herrn, und er neigets wohin er wil. spr. Sal. 21, 1; neige mein hertz nicht auff etwas böses. ps. 141, 4; neige mein hertz zu den zeugnissen und nicht zum geitz. 119, 36; sie werden gewis ewre hertzen neigen iren göttern nach .. und seine weiber neigeten sein herz. 1 kön. 11, 2 f.;
der dein hertz möcht zu liebe neigen.
H. Sachs 3, 2, 133ᵃ;
neige mein herz in die worte deines (gottes) mundes. Th. v. Kempis übers. von Arnd (1670) 141; wolte einer fürgeben, das, gleichwie der unterschied in den geburts-nerven die menschlichen gemutter unterschiedlich eines zur kühnheit, das ander zur forchtsamkeit neige, also auch u. s. w. Butschky Patm. 668;
was ist darinnen, das mir solt
jetzt neigen (zu sich hinabziehen) mein gemüte?
P. Gerhard 33, 34 Gödeke;
mit dativ der person:
zärtlich liebte die nichte der onkel, und was sie nur wünschte,
war zu ihrem befehl; doch wünschte das fräulein nur wenig,
welches drum mehr noch das herz des häuszlichen alten ihr neigte.
Zachariä (1772) 1, 280;
das (eigene) herz, gemüt neigen, kehren, wenden, richten auf, zu (auch infinitiv mit zu): ich neige mein herz, zu thun nach deinen rechten (var. zu thun dein gepott). ps. 119, 112; und neiget ewer hertz zu dem herrn. Joh. 24, 23; so las dein ohre auff weisheit acht haben, und neige dein hertz mit vleis. spr. Sal. 2, 2; wir, als von natur neuer dinge begirig, neigen unser gemütte stündlich auf was anders. Butschky Patm. 60;
so will ich stille schweigen,
mein herz zur ruhe neigen.
P. Gerhard 28, 52 Gödeke;
es lebet unterm mond
kein sterblicher, zu dem ..
ein innrer zug mein herz, als wie zu euch, geneigt.
Wieland Idris 4, 56;
die huld neigen zu, zuwenden: aber der herr neiget sein hulde zu im. 1 Mos. 39, 21.
5)
mit deutlicher anknüpfung an das sich neigende zünglein der wage, an den ausschlag des wagebalkens: vier protestantische stimmen gegen drei katholische im churfürstenrathe muszten das übergewicht der macht auf protestantische seite neigen. Schiller 8, 44;
was wird zulezt des schäfers urtheil neigen?
der Juno majestät?   der Pallas würde? — nein!
die flöszen nichts als ehrfurcht ein;
ein stärkrer reiz wird hier den ausschlag geben müssen.
Wieland 10, 128.
6)
mit persönlichem objecte.
a)
ins fallen bringen, niedersinken machen: mhd.
eʒ was geneiget (durch den stosz hintenüber geneigt)
ir ietweder alsô sêre,
daʒ er dâ vor nie mêre
sô nâhen kom dem valle.
Iwein 7092;
einen mit dem tôde neigen, ihn tödten (vergl. II, 3, b und neige 1):
daʒ ir die alle neiget
mit dem tôde an eime tage.
Hester 745;
nhd. geneigt werden, zu falle kommen, erniedrigt werden:
beständig schwebt,
den gott erhebt;
wer selbsten steigt,
wird bald geneigt.
Logau 2, 6, 78.
b)
anknüpfend an das beugen des nackens, unterwerfen, unterthänig, gehorsam machen: md.
und die heiden er im neigete.
kreuzfahrt 149;
ob dir sind sün, ler sie und neig sie von irer kindheit (erudi illos et curva illos a pueritia illorum). bibel v. 1483 34ᵇ (hastu kinder, so zeuch sie, und beuge iren hals von jugent auff. Sir. 7, 25).
c)
bewegen herabzukommen, niederziehen:
geist. du flehst erathmend mich zu schauen,
meine stimme zu hören, mein antlitz zu sehn;
mich neigt dein mächtig seelenflehn,
da bin ich!
Göthe 12, 34.
d)
jemanden seiner gesinnung nach gewinnen, ihn auf die eine oder andere seite (wie durch das übergewicht bei der wage) ziehen und bringen, geneigt machen: sie hat in (meinen mann) geneigt mit der menge ires anziehens. Luther 1, 505ᵃ;
du, seine gattinn, magst dich bittend an ihn wenden,
neig ihn durch deinen hochberedten mund.
Schiller 6, 390;
neigen auf, zu (auch infinitiv mit zu): böse gewonhaiten, die in hinder sich auff die alten sünden mächtiklich ziehen und neigen. Keisersberg pred. 122ᵈ;
weil sie den trost Christum verschweigen,
die leut auf ire lügen neigen.
Fischart Dominic. leben 1282 Kurz;
den churfürsten von Sachsen, den die privateifersucht gegen Pfalz, die eingebungen seiner hofprediger .. ohnehin schon auf österreichische seite neigten. Schiller 8, 87; umsonst suchte Condé .. das volk auf seine seite zu neigen. 9, 284. — tugent ist eine geschicklichkeit der seelen, die den menschen neiget zu andern guten werken. Keisersberg seelenp. 97ᵃ; welche geschicklichkeit einen menschen neiget, tugenthaft, still oder gütig zu sein gegen jedermann. ebenda;
die Tartarn, welche sonst nichts mächtig ist zu beugen ..
kann dieser nahm (herzog Friedrichs von Holstein) allein zu solcher güte neigen,
dasz ihre räuber-hand des teutschen bluthes schont.
Olearius reisebeschr. (erstes ged.);
der charakter seiner (Matthissons) muse ist sanfte schwermuth und eine gewisse contemplative schwärmerei, wozu die einsamkeit und die schöne natur den gefühlvollen menschen so gern neigen. Schiller 10, 254.
III.
reflexiv, entsprechend dem mhd. intransitivem nîgen (wofür auch schon fehlerhaft sich nîgen vorkommt, s. Lachmann zum Iwein 3944. Lexer 2, 82) und reflexivem sich neigen.
1)
wie I, 1, eigentlich und bildlich: die wageschale neigt sich zu ihren gunsten. Göthe 16, 187 H.;
zwei eimer sieht man ab und auf
in einem brunnen steigen,
und schwebt der eine voll herauf,
musz sich der andre neigen.
Schiller 11, 354;
er kommt noch nicht — die sonne neigt sich schon.
1, 316;
die sonne neiget sich. Maaler 303ᵈ; der tag neiget sich. Stieler 1344; herr bleib bei uns, wann es ist abend worden, der tag hat sich jetzund genaigt. Keisersberg pred. 60ᵃ; aber der tag fieng an sich zu neigen (goth. dags dugann hneivan). Luc. 9, 11;
wenn die sonne steiget,
suche ich den wald;
und wenn sich der abend neiget,
o, so bist du, freundschaftshütte, mir ein aufenthalt!
Herder 1, 250 H.;
doch neigt das jahr sich wieder.
Uhland ged. 160;
bisz sich die welt wird neigen.
Gryphius lustsp. 231 Palm;
ein herz, das getreu,
sich nicht mit forcht und ehr bald neiget.
Weckherlin 8 Gödeke;
dasz mein fleisch sich in der blüthe neiget.
Günther 701;
mit angabe der richtung (dativ oder präpositionen): mhd.
der tac der naht neigete sich.
U. v. Türheim Willeh. 117ᵇ;
nû hete sich der sunnenschîn
dem âbent sus geneiget.
Lohengrin 2507;
dô sach man die sunnen
gegen dem âbende sich neigen.
Mai u. Beafl. 180, 37;
daʒ sich der swær luft ... neigt zuo der erden. Megenberg 110, 36; sô naigt sich danne diu fruht in der muoter leib ze tal gegen der porten in die werlt. 41, 19; nhd. ist sie (die frucht) aber todt, so eröffnen sich weder die geburtsglieder noch neigen sich solche todte geburt zum ausgang. Ryffius schwang. frauen roseng. 96ᵇ; der tag neigt oder zeucht sich gegen dem abend. Maaler 303ᵈ; da meine tage sich gegen den abend des lebens neigen. Klinger 12, 168;
so, dasz es sich mit beider tagen
zum ende neigt.
Gotter 1, 79;
die sonn indessen neigte
sich westwärts.
Alxinger Bliomb. 8, 41;
und die matte sonne neiget
sich dem untergange zu.
Lenau (1880) 1, 101;
die sonne neigte sich und mit ihr seine hoffnung schon wieder zum untergange. H. v. Kleist 4, 134 H.; giebet die wage einen ausschlag auf eine seite, und das zünglein der wage neiget sich herüber. Chr. Wolff vern. ged. von gott. etc. § 494; denn ihr haus neiget sich zum tod. spr. Sal. 2, 18; ein haus, das sich zum faal neigt. Maaler 303ᵈ; das haus Valois ... neigte sich .. zum untergang. Schiller 9, 342; in jedem moralischen wesen legt sie (die ordnung) ein neues centrum an, einen staat im staate .. gegen dieses centrum müssen sich alle thätigkeiten dieses wesens mit einem zwange neigen, wie sie ihn in der physischen welt durch die schwerkraft ausübt. 4, 290.
2)
mit persönlichem oder personificiertem subjecte.
a)
sich herabneigen von, hinabneigen, hinneigen zu: mhd.
er sprach, zuͦ mir neige dich, ergriffen wil ich,
ob du eʒ bist Esav.
Milstätter genesis 50, 11;
nhd. götter werden sich vom himmel neigen.
Schiller 1, 328;
bis sie selbst, schön wie morgenstralen,
in ihrem glanz sich zu dir neigt.
Hermes Soph. (1776) 6, 448;
und als sich der alte zum horchen geneigt.
Bürger 34ᵃ;
er neigte sich zum ohr des erstaunten bruders hinab und sagte leise. Freytag ahnen 5, 253; mit dativ:
der du sonst mit liebendem behagen
dich neigtest unserm (der blumen) glanzgeflimme.
Rückert 2, 60.
b)
von einschlafenden, sterbenden, die das haupt, den körper sinken lassen (vgl. II, 3, a, β): da neiget sich Israel auff dem bette zun heubten. 1 Mos. 47, 31;
und er neigte sich tief, rang seine hände gen himmel
und verstummte ... so neigte
Abel sich als er entschlief.
Klopstock Mess. 5, 812 ff.;
sich zum sterben, ins grab neigen:
so wie ein kranker, der sich neigt zum sterben.
Lenau (1880) 1, 97;
alles leben musz hinab,
das nicht mehr kann steigen:
und so will ich in mein grab
mich, o liebchen, neigen.
Rückert 1, 317.
c)
sich verbeugen zum zeichen der unterwerfung, der verehrung und anbetung, des dankes oder höflichen gruszes, der gnädigen herablassung und hilfe (vergl. I, 2 und II, 3, a, γ); sich neigen, die knie biegen oder bucken, sich auff die knie lassen. Maaler 303ᵈ; sich neigen als weiber oder betende, genua flectere. Frisch 2, 14ᵇ; mhd.
sô wil ich mich neigen
und tuon alleʒ daʒ si wil.
Walther 116, 21;
Alexander neigt sich und gieng enweg.
Dioclet. 7818;
nhd. da naigten sie sich und garten (begehrten) frid ze han. B. Zink 44, 9; da was der alt .. gar stoltz und wolt sich ie nit naigen. 51, 13; hett ainen aid geschworn, ob sich hertzog Ludwig nicht naigte (unterwürfe), dieweil er zu Ulm war, dasz ers dann nimmer richten wolt lan. 156, 6; da neiget sich der mann und betet den herrn an. 1 Mos. 24, 26; sie neigten sich und fielen fur im nider. 3, 28;
ich aber mich fast naiget,
der göttin mich erzaiget
ghorsam und undterthenig.
H. Sachs 3, 257, 31;
ich naigt mich, dankt in guter art.
393, 1;
er naigt sich und spricht.
Ayrer 3274, 5;
wenn ich mich neig nach hofsgebrauch.
2599, 7;
wie sich ein trewer vater neigt (gnädig herabläszt)
und guts thut seinen kindern.
M. Weisze bei Wackernagel kirchenl. 3, 333, 4;
er hub seine hand auf,
hielt sie vor sein antlitz und neigte sich tief
anbetend.
Klopstock Mess. 8, 235;
schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.
Göthe 12, 236;
wie der bischoff endigte und ich mich neigte (zum abschiede), sah sie mich an und sagte: auch von mir einen grusz unbekannter weise! 8, 50;
geh doch einmal herum. — gut! hieher! — neige dich (mache eine verbeugung)!
da haben wirs, das fehlt.   nein, sieh! so neigt man sich.
Schlegel bei Lessing 7, 61;
er dankt, indem er still sich neigt.
Platen (1847) 1, 54;
mit dativ: md.
die mit trûwen wolde
sich mîm dienste neigen.
Marienleg. 20, 227;
nhd. Gotfridus naigt sich williglich dem kaiser und erlangt sein hult. Meisterlin 89, 21;
o schaut, wie ihm sich alles neigt.
Bürger 51ᵇ;
wir neigen uns dir.
Göthe 14, 50;
das bild, dem sich mein herz in tiefer ehrfurcht neigte.
7, 75;
und da nun Marcus nach genossnem mahle
dem herrn und seinen wirthen sich geneigt.
13, 188;
neigt euch dem könige, der treu
sich dem gesetze neigt.
Lavater nachgel. schriften 1, 364;
aber still und im gehorsam selig
neigen tief sich ihm die fraun und scheiden.
Platen (1847) 4, 24;
so werd ich dir mich neigen,
sprechend: ich bin dein eigen.
Rückert 1, 129;
mit präpositionen: mhd.
die muosen sich gegen im neigen.
Servat. 1731;
die gein der krône sich nicht geruochent neigen.
Frauenlob 35, 5;
nhd. und sol sich der mair auch gegen im naigen.
fastn. sp. 568, 5;
gedenkst du nit, wie sich die Römer gegen dir also gedemütigt und geneigt. Schöfferlin Livius 37; und eure garben neigeten sich gegen meiner garben. 1 Mos. 37, 7; sich gegen einem neigen, ad aliquem se inclinare Aler 1459ᵃ; der hofprediger neigete sich gegen dem fürsten, und antwortete. Schuppius 15; das gesicht gegen morgen gerichtet, stellte sich der magier jezt auf den teppich .. und neigte sich dreimal gegen die bibel. Schiller 4, 215; sich vor einem neigen, genua submittere alicui Denzler 211ᵃ; fur dir werden deines vaters kinder sich neigen. 1 Mos. 49, 8; mich dauchte, die sonne und der mond und eilff sternen neigten sich fur mir. 37, 9; wie ich meine obrigkeit ehren und mich neigen sol für dem baum, davon ich schatten und früchte habe. Schuppius 637;
die cherubim sich vor dir neigen.
Kehrein kirchenl. 392, 10;
weil ihr euch nicht für Rom auch naiget.
Weckherlin 337 (4 Gödeke);
vor seiner helleren klarheit
neigten sich seine brüder.
Klopstock Mess. 11, 543;
nicht jung genug, vor götzen mich zu neigen.
Göthe 9, 157 (Tasso 2, 3);
der starre fels er scheint sich noch zu neigen
vor ihrer hoheit, ihrer majestät.
13, 252;
und Branor neigt vor dem könig sich (sich verabschiedend).
Wieland 18, 66;
die sich vor ihrer gottheit neigen.
Tiedge Urania 2, 362;
Verrina. Fiesko! mein geist neigt sich vor dem deinigen — mein knie kann es nicht. Schiller 3, 78 (Fiesko 2, 18); sich neigen auf, zu: und er gieng fur inen und neigete sich sieben mal auff die erden bis er zu seinem bruder kam. 1 Mos. 33, 3; und Joseph .. neiget sich zur erden. 48, 12;
dasz wie ein knecht vor königsthron
er sich zum staube neigt.
Rückert 3, 11;
sich zu einem neigen: ich harret des herrn, und er neiget sich zu mir und höret mein schreien. ps. 40, 2;
jetzt unvermittelt neige
du dich zu unserm schmerz.
Uhland (1879) 1, 117.
3)
mein haupt, mein antlitz u. s. w. neigt sich für ich neige mein haupt:
so mache, dasz sein haupt sich gleichfalls artig neigt.
Zachariä (1767) 1, 71;
sein haupt, das sich zum schlafe neigte.
Lavater verm. schriften 1, 280.
4)
eine geneigte stellung haben (vergl. I, 3): der aequator des Saturn neigt sich in einem winkel gegen die fläche seiner bahn. Kant 8, 293; gesetzt aber, man könnte diesen sich neigenden berg durch einen andern unterstützen. Schiller 10, 183;
das staunen seiner zeit, das stolze Jovisbild
(musz) im tempel zu Olympia sich neigen.
6, 272,
sich unterordnen, aber auch wirklich 'gebückt stehen', s. briefwechsel mit Körner 2, 72.
5)
allgemeiner, sich wenden, richten, kehren, mit angabe der richtung (vergl. I, 4).
a)
äuszerlich: die paum naigent sich gern an ander paum und slingent auf ir est. Megenberg 330, 30; stengelein, .. die sich gegen der erden neigen. Rauwolf reise 116; von farben: sein holz naigt sich ain klain von der grüen zuo ainer swerz. Megenberg 332, 3; die ain grüen varb habent, diu sich etwaʒ naigt zuo der gelben. 342, 3; mit persönlichem oder personificiertem subject:
zum kreuzweg thu dich neigen,
dort findest ihn allein.
Spee trutzn. 37 B.;
nach dir, herr, durstet mich ..
wie ein entsaftet land, das sich zum himmel neigt,
und .. die tiefen risse zeigt.
Fleming 13 L.;
Louise. wehe mir, wehe! verbrecherin, wohin ich mich neige! Schiller 3, 479 (kabale 5, 1).
b)
von innerlicher neigung, gesinnung und meinung:
unser herz sol sich nit anderst neigen.
fastn. sp. 303, 1;
wohin sich das glück neiget, dahin neiget sich auch die gunst der menschen. Aler 1459ᵃ. mit präpositionen: sô des menschen sin sich ie auf mêr naigt. Megenberg 118, 10; sich auff ein wilde und grobe art neigen, degenerare in feritatem Maaler 303ᵈ; dasz seine besten und sonst anhänglichsten zuhörer sich sämmtlich auf die seite der gemeinde neigten. Göthe 19, 331; C. neigt sich noch immer gegen die meinung des B. Lessing 8, 54; des menschen herz neigt sich stets nach dem, was verboten ist. Stieler 1344;
beweist doch, dasz ihr euch zu Frankreichs sitten neigt.
Zachariä (1767) 1, 153;
du weiszt, wie sehr ich mich zur dichtkunst neigte.
d. j. Göthe 1, 14;
der mensch neigt sich ursprünglich zum verderblichen: ich glaub es nicht. Schiller 2, 362;
schwarze augen neigen
sich zu schwarzer kunst.
Rückert 4, 408.
IV.
das attributiv und prädicativ gebrauchte particip geneigt (s. auch dasselbe) kann vom transitiven oder reflexiven neigen gebildet sein in der eigentlichen oder übertragenen bedeutung desselben.
1)
niederwärts oder seitwärts gesenkt: wenne der habich gesunt ist, sô hât er aufgereht federn; wenne aber er krank ist, sô hât er genaiget federn. Megenberg 170, 8;
die sonne war geneigt im untergang.
Lenau neue ged. 94;
die sonne war geneiget.
Rückert 4, 317;
wie der herr erst sah geneigt
Abels opferdüfte.
5, 41;
abhängig, schief: sô wonent nu die newen läut in genaigten steten durch gemach der waʒʒer und pawent pei den waʒʒern. Megenberg 95, 33; die geneigte ebene, fläche u. dergl.; mit angabe der richtung: propensus, vast für sich geneigt. Frisius 1077ᵇ; ist aber die erdlage .. nach einer seite geneigt. Kant 9, 50; der abhang dieser wölbung ist .. nach dem meere hin geneigt. 51.
2)
geneigtes haupt, ohr (s. II, 2, a, β. δ): mhd.
dô er mit pînen
geneigtes houbetes ûf gap den geist.
minnesinger 3, 161ᵇ;
nhd. und starb also mit gneigtem haupt.
Kehrein kirchenl. 174, 13;
mit geneigten ohren hören, pronis auribus accipere Steinbach 2, 117;
(das mädchen) bittet ein geneigtes ohr sich aus,
um in geheim ihm etwas vorzutragen.
Wieland Klelia u. Sinib. 3, 38;
dasz ich auch das beispiel erzählen will, wenn ihr mir ein geneigtes gehör (s.gehör 2, th. 4¹, 2, 2496) gönnen wolt. Göthe 19, 25; ein geneigter zuhörer ist jener, der mit geneigtem haupte aufmerksam zuhört: der nicht alle augenblicke bereit gewesen wäre, einer geneigten zuhörerschaft über alles ... vorzuschwatzen. Wieland 1, 17.
3)
daher überhaupt mit wolwollen und hinneigung zugewendet, gewogen, günstig, hold: weil uns gott und das geneigte glück erst zusammen fügen. Opitz (1644) 2, 408;
in gröszer maszen
ist gott mit liebesbrunst geneigt und kan nit laszen
von denen ab, die er ihm einmahl auszerwehlt.
Rieman trawungsrede (1654) C 3ᵃ;
ist aber ja kein halten mehr,
so seegle mit geneigten winden!
Günther 281;
nimm mit geneigter hand den erstling meiner lieder.
1055;
der geneigte leser. Egenolff historie (1735) vorrede. Günther (1742) vorrede. Chr. Wolff vern. ged. von gott etc., vorrede. Gottsched vorrede zu Schönaichs Hermann I, viii. Hebel (1843) 4, 1. 3, 208. 213. 273 u. o.; geneigter wille, propensio Frisius 1077ᵇ. Luther 6, 11ᵃ; ich erkenne deinen geneigten willen, agnosco favorem tuum. Steinbach 2, 117; das ich keine, die nit ein sunder geneigten willen und liebe gegen mir drage, nemmen wolt. F. Platter 239 B.; mit geneigtem gmuͤt, volenti animo Frisius 1404ᵃ; wil (weil) ich nun gwis wisse, das meiner zuͦkünftigen gemüet so geneigt gegen mir sye. F. Platter 257;
doch bitt ich, nehmt vor gut
mit willigst euch zu dienst geneigtem muth.
A. Gryphius lustsp. 221 Palm;
den frohen blick, der ein zufriednes leben
und ein geneigtes herz dem wirthe zeigt.
Göthe 9, 7 (Iphigenia 1, 1);
mit dativ oder gegen: einem gunstig und geneigt, volens. Frisius 1404ᵃ; einem geneigt sein, benevolentia aliquem prosequi, complecti Stieler 1345; den gûten cristen was her gûtig unde geneigit. Ködiz Ludwig 46, 33; das sie (gewisse poeten) so hertzlich gegen ihnen (ihre gedichte) geneiget sein: wie die eltern gegen den kindern. Opitz poeterey 13 neudruck;
da ich den gelehrten umgang ..
eurer mir geneigten seelen schon so früh verliehren musz.
Günther 840;
er kam zur Dorilis; sie war ihm sehr geneigt.
1137;
wäre mir der himmel so geneigt.
1145;
gottheit, die du deine liebe,
und wie sehr du uns geneigt, ..
auch in dieser frucht gezeigt.
Brockes 9, 174;
götter waren ihr gewogen,
menschen waren ihr geneigt.
Herder ged. 1, 15;
fühl ich mein herz noch jenem wahn geneigt?
Göthe 12, 5;
beide (söhne) weisz ich kindlich mir geneigt.
Schiller 14, 16 (braut von Mess. 1, 1);
seine tochter ward mir geneigt, und wir wurden gute freunde, sogar dasz wir uns vest verlobten. Stilling wand. (1780) 165.
4)
einen hang, eine neigung (inclination) wozu habend (wie das zünglein der wage).
a)
körperlich, in bezug auf eine krankheitsanlage: er ist geneigt zum fieber, zum rheuma u. dgl.; die genaigt sint zuo der elephantischen auʒsetzichait (qui ad lepram elephantivam dispositi sunt). Megenberg 138, 12; etlich sind mer auff ein kranckheit geneigt dann die andern, procliviores alii ad alios morbos. Frisius 1063ᵃ.
b)
innerlichen hang oder neigung wozu habend, zu etwas gestimmt, bereit und willig: mhd. darnâch als die liute genaigt wâren (je nachdem sie gestimmt waren). Zürcher jahrb. 52, 28; si wurden alle genaigt und willig. 56, 17; geneigt zu: mhd.
einer baʒ geneiget stât
zuo den sünden dan der ander.
Teichner 93 Karajan;
daʒ der mensch vil genaigt ist zuo unkäusch. Megenberg 183, 4; nhd. gleich wie da ist ein geneiget gemüthe zu wollen (goth. muns du viljan), so sei auch da ein geneiget gemüthe zu thun. 2 Cor. 8, 11; niemant ist, der nit auf eigen nutz und nur auf sein er genaigt sei. Aventin. 4, 8, 20; zu freiheit geneigt sein. Schöfferlin Livius 23; zu freundlichkait genaigt. Fischart gl. schiff 870; mer geneigter zur warheit. Frisius 1077ᵃ; mein sinn war dahin geneiget, dasz ich diesen (in das wasser gefallenen) erwischen und herausziehen wolte. pers. rosenth. 1, 37; die jugend ist zu lastern geneigt. Steinbach 2, 117;
dein fröliches herz und frische jugent
ist geneigt auf alle tugent.
Schade klopfan 25 (16. jahrh.);
dasz ich nicht daran denken konnte, ihnen etwas (die annahme der einladung) abzuschlagen, wozu ich selbst so geneigt war. Wieland 32, 120; mit infinitiv und zu: darumb .. bin ich geneiget, auch euch zu Rom das euangelium zu predigen. Röm. 1, 15; die alten heiligen veter sind zu mal geneigt gewesen, die propheten .. zu entschuldigen. Luther der proph. Jonas (1526) C 2ᵇ; all menschen sein mer genaigt zu tadeln dan zu loben. Aventin. 4, 8, 17; die fürstin .. die aus eigenen liberalen gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Göthe 15, 48; der herzog war nicht sehr geneigt, .. die amnestie zu bewilligen. Schiller 4, 123; es ist ein wunderbares etwas in uns, das immer geneigt ist, die dinge auszer uns als bloszen stoff zu behandeln. Wieland 32, 25; in solchen stimmungen sind die frauenzimmer am geneigtesten, einer neuen empfindung gehör zu geben. Immermann epig. (1865) 2, 4.
neigen n
Fundstelle: Lfg. 4 (1883), Bd. VII (1889), Sp. 577, Z. 30
der substantivisch gebrauchte infinitiv des vorigen: das neigen, inclinatio Frisch 2, 14ᵇ;
die sonne liesz den strahl im neigen
erzittern auf den erlenzweigen.
Lenau (1880) 1, 43;
und die birken streun mit neigen
ihr den süszten weihrauch auf.
Göthe 1, 46;
besonders die neigung des hauptes, die verbeugung:
mit neigen und paretlin zucken.
Grobian. 1187 neudruck;
das gar ungestalte und gar zu gemeine jetzige neigen und bücken, hände und füsze küssen. Philander 2, 95;
durch sein entblösztes haupt, durch ehrerbietigs neigen
die höflichkeit, so er besitzt, zu zeigen.
Hagedorn (1729) 82;
er sprach nach öfterm neigen.
Gleim 3, 117;
bis endlich die freunde kämen, denen du aufstündest und ihren platz mit freundlichem neigen anwiesest. Göthe 17, 224; auch sah ich dort häufiges neigen der häupter. Scheffel Ekkeh. 263;
wir danken dir mit neigen.
Rückert 2, 61;
innere neigung: mhd. daʒ indewendige neigen. Eckard 12, 19; sô man niht merkelîches neigennes gewar wirt, lîhte als mit eime wolgevallen. 663, 34; nhd.
sie theilt die gütter aus nach ihres hertzens neigen.
Wiedeman oct. 18;
alle das neigen
von herzen zu herzen,
ach wie so eigen
schaffet das schmerzen!
Göthe 1, 93.
neigen
Fundstelle: Lfg. 3 (1883), Bd. VII (1889), Sp. 568, Z. 8
s.nähen 2.
Zitationshilfe
„neigen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/neigen>, abgerufen am 15.09.2019.

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