moral f
Fundstelle: Lfg. 14 (1885), Bd. VI (1885), Sp. 2526, Z. 38
1)
sittenlehre. nach dem im 16. und 17. jahrh. beliebten lat. wissenschaftlichen ausdrucke philosophia moralis, in zahlreichen lehrbüchern der zeit gebraucht, hatte der Franzose kurz sein subst. la morale (nämlich philosophie) gebildet, was gegen den schlusz des 17. jahrh. ins deutsche eindrang; zunächst noch im franz. gewande und durch den druck als fremdwort ausgezeichnet: dasz wir gegen einander halten, was die bisher demonstrirte wahre erkäntnisz von gott und seiner vorsehung in der morale für einen nutzen habe. Chr. Thomasius einleitung zur sittenlehre 147 (daselbst s. 349 auch moralist, sittenlehrer); wer .. die fundamente zur physic oder morale habe. einleitung zu der vernunftlehre (1699) 85; nach dem beginn des 18. jahrh. aber als eingebürgertes wort. Chr. Wolff von den kräften des menschlichen verstandes (1713) braucht im text immer sittenlehre; im 'andern register' aber moral: moral, kan mathematisch demonstriret werden; in dieser form setzt es sich nach ihm in der wissenschaftlichen sprache fest: dieselbe (die historie) ist nichts anders als eine praxis der ganzen philosophie .. die moral stecket darinnen, man lernet allerlei leute und menschen gemüther erkennen. Gundling in Wackernagels leseb. 3, 1, sp. 1057; die moral, oder die kenntnis von der pflicht des menschen, soll unsern verstand zur weisheit und unser herz zur tugend bilden. Gellert 5, 187; so geht es, wenn man seinen kindern nicht bei zeiten ein gründliches erkenntnis von der moral beibringen läszt. 3, 62.
2)
in gewöhnlicher sprache auch zu dem begriffe sittlichkeit gewendet, wenn das fremder klingende moralität vermieden wird; man hört: es ist ein mensch ohne moral; es steckt in diesem menschen keine moral. vergl. dazu moralisch 2.
3)
moral, die gute lehre, die man einer erzählung entnimmt, hiesz im 16. jh. bei deutschen fabeldichtern das morale: hierher gehört auch das morale der siebenden fabel. E. Alberus 40ᵃ;
das vöglin Cassita fürwar
zeigt dirs morale selber klar,
vom selben lern, so wirstu klug.
58ᵇ;
in Wolgemuts newem Esop (1623) ist die lehre jeder fabel durch die besondere überschrift morale bezeichnet, bisweilen auch morale, oder lehr. 1, 66. diese form ist im 18. jh. zur femininen die moral geworden: die erzählung leidet mehr als éine moral, nachdem sie gewendet wird. Gellert 1, 324; bei dem Euripides zwar, dessen fabel gleichwohl von dem wesentlichen der lateinischen fabel um nichts unterschieden ist, will der pater Brumoy eine ganz andere moral entdeckt haben. Lessing 4, 255; dieser gedanke ist, wie mich dünkt, die moral dieses trauerspiels. ebenda; und geht aus der wissenschaftlichen in die gemeine rede über: kriegt aber der mensch so einen spruch auf zu rathen (sagt der hofschulze), so ruht er nicht ehender, als bis er die moral davon heraus hat ... es läszt sich viel mit dem menschen ausrichten, wenn man ihm die moral beibringt .. die moral steckt aber in kurzen sprüchen besser, als in langen reden und predigten. Immermann Münchh. 1, 154;
nicht fallet, wenn ihr jemals freit,
grob mit der thür ins haus ...
das ist der kern des stücks,
ist die moral.
Göthe 11, 38 (Jery u. Bätely);
plur. moralen: einem dutzend kalter moralen auf einem credenzteller. Fr. Müller 2, 177; moralien (noch im andenken an das ehemalige das morale):
und blum und früchte weisz ich euch (in den gedichten)
recht zierlich aufzufrischen,
wollt ihr moralien zugleich,
so geb ich von den frischen.
Göthe 5, 10.
Zitationshilfe
„moral“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/moral>, abgerufen am 19.04.2019.

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