männchen n
Fundstelle: Lfg. 9 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1571, Z. 25
kleiner mann (vgl. auch männlein).
1)
von menschen: männlein, männgen, homunculus, homuncio, homulus, tyrunculus. Stieler 1238; männchen, pumilio, homuncio, homunculus. Steinbach 2, 24; sobald ihn das kleine männchen ganz verstand, fuhr es wie besessen in die höhe. G. Keller leute v. Seldwyla 2, 86; auch von geistern, zwergen, die in solcher gestalt erscheinen: auch soll nach solchem begebnis das männchen noch einmal erschienen sein. Grimm d. sagen 1, nr. 40; hüpfte ein jung erdmännchen aus der erde, stellte sich kurz hin vor dem schäferjungen und sprach: ich war dahin verbannt, du hast mich erlöst und ich will dir dienen; gieb mir arbeit, dasz ich etwas zu thun habe. bestürzt antwortete der junge: nun gut, du sollst mir helfen schafe hüten. das verrichtete das männchen sorgsam bis der abend kam. nr. 44;
Wilibald werde benannt, du an wuchs menschähnlicher alraun.
Chrimhild, bade das männchen im siedenden kräuterbade!
Voss 2, 186;
sowie von kunstwerken, schnitzarbeiten u. ähnl. in der beregten form: aber Anton sieht doch immer nur aus, wie ein geputzter gärtner, just so wie die Nürnberger männchen in meinem putzschranke. Gotter 3, 135; ich stehe wie vor einem raritätenkasten und sehe die männchen und gäulchen vor mir herumrücken. Göthe 16, 98; plur. auch männerchen: die hervorliegenden adern an den männerchen in unsern alten domkirchen. Winkelmann 2, 390.
2)
gern, wenn von menschen gebraucht, mit verächtlicher, mitleidiger, ironischer betonung: er ist nur ein kleines, unscheinbares männchen; was kann auch so ein männchen leisten; nein, männchen, das geht nicht, in herber abweisung eines, der nicht für einen vollen mann angesehen wird; daher sogar im wechsel mit kerl: es hatte ein männichen böse augen, der gieng zu einem pferde- und mauleselarz, und begehrte arznei von ihm, der arzt schmieret ihm in die augen (salbe) ... der kerel aber wird ganz blind darvon. pers. rosenth. 7, 14. der plur. männerchen ist neben männchen beliebt: weil man noch manchmal hier und da einige gebückte zitternde männerchen über die gasse so (in einer altväterischen tracht) schleichen sieht. Lessing 1, 242; vermuthlich gehört er unter die weisen männerchen, welche ihre zeit übel anzuwenden glaubten, wenn sie ein buch, das ihnen nur zum zeitvertreib gemacht zu sein scheint, mit aufmerksamkeit lesen sollten. Wieland 9, 294; er (der verfasser der patriotischen phantasien) zieht den groszen kaufmann allen groszen und kleinen männerchen vor, damit derselbe sich nicht durch einen adelbrief erniedrigen, oder seine tochter zu unbürgerlichen ehen bereden möge. Möser patr. phant. 3, 117;
die männerchen, die ehmals dich geneckt,
sind durch vergessenheit gedeckt,
und nun zu klein für deine rache.
Seume ged. 37.
3)
aber auch mutwillig und halb kosend: er wird doch nicht verdrieszlich geworden sein, dasz ich ihm ein wenig auf den zahn fühlte? das brave männchen! (Lisette von Theophan). Lessing 1, 403 (freigeist 2, 4); vom liebhaber: sage, Lisette, hast du unsre männerchen schon einmal gegeneinander gehalten? 1, 403; und zärtlich vom ehemanne:
und Gulpenheh, frisch und gesund,
steigt aus dem grab und wirft sich mit entzücken
dem männchen an die brust. das war ein wiedersehn!
Wieland 18, 285;
sie sinnt und weisz, was männchen liebt,
und macht es ihm noch lieber.
Voss Luise 3, 2, 256;
und wünscht ihm küssend gute nacht;
auch fragt sie leis, ob männchen wacht.
273;
in der anrede: Hilaridis, seine liebste, sagte, mein männichen auf den abend, geliebts gott, werden wir so wohl in einer stadt als hier in der kutsche zusammen sein. unwürd. doct. 423; herr Oront. ja, mein englisches weibchen. frau Oront. das ist wahr, mein goldnes männchen. Lessing 2, 388; nun, liebes männchen, hübsch redlich, artig und vernünftig erzählt. Göthe 15, 269; ach! du lieber gott! was soll das heiszen? du bist ja ganz verändert, männchen. 11, 275;
lächelnd erwiederte dann die gute verständige hausfrau:
männchen, das (geräusch) war in der küche!
Voss Luise 2, 89;
will mein männchen noch thee?
idyll. 13, 26.
4)
männchen heiszt das männliche thier, wie weibchen das weibliche, soweit nicht bei den hausthieren beide eigene namen (hengst, stute u. ähnl.) empfangen haben. Nemnich 3, 515; bei den meisten, mit unter auch sehr bekannten thieren, musz man das geschlecht, durch die beinamen männchen und weibchen unterscheiden, z. b. das weibchen des elephanten, der eidechse u. s. w. ebenda; zumal gern von singvögeln:
der itzt (von zwei spatzen) wegflog, wird, ich wette,
ganz gewisz das männchen sein.
Hagedorn 2, 156;
(das vöglein) gestärkt zum dulden
durch des männchens gesang; ihn lehrte liebe!
Stolberg 2, 279;
liebend wärmt mit mutterschwingen
jede nachtigall ihr ei;
männchen füttern sie und singen
von der segenskraft im mai.
Gotter 1, 183;
(vogelweibchen) locken, schmachten, und entfliehn
schaamhaft zu gesträuchen,
wo, mit zärtlichem bemühn,
männchen sie erreichen.
73;
spaszhaft selbst von niedern thieren:
s kommt keine fliege ins serail, sie wird
erst wohl besichtigt und beschaut, ob sie
ein männchen oder weib, und, ists ein männchen,
wirds ohne gnad gekreuzigt und gepfählt.
Schiller Turandot 3, 7;
als lockruf: (er lockt den vogel). he männchen! he männchen! liebes männchen! Iffland dramat. werke 11, 161.
5)
ein männchen machen, oder im plur. männchen machen, zunächst von vierfüszigen thieren, wenn sie auf den hinterfüszen stehen oder sitzen: ein männichen macht ein haase, wenn er nur auf den hintersten läuften sitzt und hält die vordersten in die höhe; dergleichen thut auch ein bär. Tänzer jagdgeheimnis (1682) 13;
er (der hase) wartet bald mit zierlichen manieren
dem löwen auf, macht männchen.
Hagedorn 2, 128;
gleich hebt er (der gast, ein kaninchen) den kopf empor,
macht ein männchen, spitzt das ohr.
Lichtwer fab. 4, 10;
von einem pferde: dieses pferd war trefflich zugeritten, und Ludwig liesz es alle tage vor den fenstern der Pantasilea seine männchen machen (andava a saltabeccar con questo cavallo). Göthe 34, 91 (Benv. Cell. 1, 6); und freier auch von menschen, narrensprünge, possen, seltsame geberden machen: setzen sie ihren helden einmal auf die nadelspitze, und lassen ihn diesesmal unter ihrem moralischen microscopio einige männchen machen! Möser patr. ph. 1, 113; der vornehme abbé mit überschlag und langem kinn macht wenigstens einmal die woche vor dem der die beneficien auszutheilen hat, seine männchen. Göthe 36, 145; (ein gemach) wo der general Armfelt und der oberkammerherr graf Stenbock mit einander possen trieben, und zwar mit so lächerlichen männchen, dasz es der gegenwart der königlichen majestät bedurfte, damit ich nicht in lachen ausplatzte. Arndt leben 98; plur. auch männerchen: dasz sie mit den personen ihres stücks nicht anders umgehen, als gewisse spaszhafte leute mit ihren bekannten, denen sie mit ihren höflichkeiten so zusetzen, dasz sie ihren antheil an der allgemeinen unterhaltung gar nicht nehmen können, sondern nur immer, zum vergnügen der gesellschaft, sprünge und männerchen machen müssen. Lessing 7, 417; die fakchen und gakchen, wie z. b. die noten f und g, die fiekchen und giekchen, wie er fis und gis benannte, waren auf einmal wieder vorhanden und machten die wundersamsten männerchen. Göthe 24, 186; selbst männerchens in nicht gewählter rede: ha! ha! ha! du machst ja ganz vertrackte männerchens! (von steifen geberden beim declamieren). H. Smidt Devrient-novellen 24.
6)
bei den buchdruckern heiszt männchen auf männchen, wenn ein schon gedrucktes buch neu aufgelegt, und zwar so gesetzt wird, dasz die kolumnen oder seiten der vorigen ausgabe mit der neuen auflage genau übereinstimmen. Jacobsson 3, 15ᵇ; bildlich: so dasz folglich jede zeit von der andern, männchen auf männchen abgedruckt würde. J. Paul Levana 1, 15; der ausdruck scheint alt, und schon von Brant gebraucht, um einen nachdruck zu kennzeichnen, der seite für seite mit der originalausgabe stimmt:
vil trachten allein uff gewinn,
von aller erd sie buͤcher suͦchen,
der correctur etlich wenig ruͦchen,
uff grosz beschisz vil yetz studyeren,
vil drucken, wenig corrigyeren,
die luͦgen übel zuͦ den sachen,
so sie mennlin, umb mennlin machen.
narrensch. 103, 86.
7)
männchen in der probierkunst: die männchen oder herfürsprossungen, welche aus dem abgetriebenen silber, wenn die äuszere fläche erkaltet, in die höhe treten (heiszen sprazlinge u. ähnl.). Jacobsson 4, 234ᵃ.
8)
männchen im auge, die pupille, vgl.männlein, und kindlein 2, th. 5, 767 fg.
Zitationshilfe
„männchen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/m%C3%A4nnchen>, abgerufen am 19.05.2019.

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