leer adj
Fundstelle: Lfg. 3 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 507, Z. 44
vacuus, inanis. ahd. lâri, mhd. lære, welche schreibung als lär im ältern neuhochdeutsch (gestützt durch entsprechende aussprache, die noch heute in den oberdeutschen mundarten fortdauert) sich behauptet, während die form leer, eine vorzugsweise mitteldeutsche, seit dem 16. jahrh. durchdringt; auch alts. altniederfr. lâri, mittelniederl. laer, nnl. laar; in andern dialekten ist das wort nicht bezeugt. lautete es, wie anzunehmen, im gothischen lêseis, stamm lêsja, so gehört es zur wurzel las zusammenlesen, auflesen, sammeln, und ist der bildung nach eins jener adjectiv gewordenen participia futuri passivi, wie deren für das gothische Bopp vgl. gramm. 3, 342 eine reihe nachweist; die bedeutung gieng, wie aus der alten anwendung noch zu ersehen, zunächst jedenfalls auf einen behälter, ein gefäsz oder sonst einen raum, in den eingelesen, gesammelt werden musz, der also noch inhaltlos ist. leer gilt
1)
von einem behälter oder gefäsz, einem hohlraum: alts.
lârea stôdun thar
stênfatu sehsi.
Heliand 2036;
sind thesa stedî lârea,
thit graf an theson griote.
5825;
mhd. daʒ grap was lære.
fundgr. 2, 275, 31;
ein man ist alle zît ir (der minne) spot,
der læren seckel dinset.
troj. krieg 2265;
die manegen biutel machent lære.
Renner 9020;
nhd. die selbige grube war leer und kein wasser drinnen 1 Mos. 27, 24, bitte drauszen von allen deinen nachbarinnen lere gefesz. 2 kön. 4, 3; lege auch den topf lehr auf die glut, auf das er heis werde. Hes. 24, 11; ein lär und ungeladen schiff, inanis navis Maaler 260ᵈ; begegnet jm ein bawr mit vier pferden, und einem leeren wagen. volksb. von dr. Faust 95 Braune; einen ... auf einen lähren wagen zu setzen. 96; ich wollt es wäre mit den köpfen wie mit den wagen, worunter alle mal die leeren den vollen ausweichen. J. Paul biogr. belust. 1, 161; rechtssprichwort leerer wagen gibt halben zoll. Graf u. Dietherr rechtsspr. (1869) s. 510; ein leeres glas, eine leere flasche, ein leeres fasz; leere fässer klingen hohl. Simrock sprichw. s. 119; fülle ein leer fasz, so siehst du wo es rinnt. 120; die flasche ist leer. Göthe 8, 110;
auch die leeren teller zeigten
dasz ein ganz gesunder hunger
kürzlich hier beschwichtigt ward.
Scheffel trompeter (50. aufl.) s. 37;
leere, sive schlappichte zitzen, ubera pannosa, inania Stieler 2631; ein leeres haus, entweder von menschen oder auch von gütern entblöszt: als aber Wilwolt von Schauberg haimb kam und er ain hoch haus, unden lär, oben nit vill darin het (zog er wieder in den krieg). Wilw. v. Schaumb. 33; eine leere stube, keine möbeln oder auch keine menschen enthaltend;
ihr schlafgemach ist leer, und sie ist nirgends
zu finden.
Schiller Wallenst. tod 5, 8;
ein leeres nest; sprichwort sequester machen leere nester. Pistorius thes. par. 7, 41; bergmännisch ein leeres nest finden, wenn man auf ein schon abgebautes feld stöszt; eine leere scheune; leere speicher;
dasz verschwendung aus
der weisen milde sonst nie leeren scheuern
so lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch
die armen eingebornen mäuschen drinn
verhungern?
Lessing 2, 256;
die leere bühne, auf der keine darstellenden sich befinden;
schaut her! nie wird die bühne leer.
Schiller das spiel des lebens;
ein leerer beutel, eine leere tasche; leere kisten und kasten;
sein schatz
ist jeden tag mit sonnenuntergang
viel leerer noch als leer.
Lessing 2, 208;
leere ähren, die keine körner in sich haben: lär, taub, als so ein ähere lär ist, vanus Maaler 260ᵈ; leere hülsen, siliquae sine granis sive semine. Frisch 1, 593ᶜ; leere nusz, cassa nux. ebenda; leeres stroh; sprichwörtlich leeres stroh dreschen, eine arbeit verrichten, bei der nichts herauskommt:
will ich (glück) mich nicht mit dir verbinden,
so drischt dein wissen leeres stroh.
Günther 220;
ein leerer magen, der weder speise noch trank empfangen hat; leerer magen, jejunus stomachus Frisch 1, 593ᶜ; dafür leere seele: gleich wie einem hungerigen trewmet, das er esse, wenn er aber aufwacht, so ist seine seele noch leer. Jes. 29, 8; in übertragenem sinne auch ein leeres herz, in dem keine empfindung wohnt; ein leerer kopf, der keine kenntnisse birgt; leere stirne. Geszner in Wackernagels leseb. 3, 2, 173; der fruchtbarste kopf schreibt sich leer. Lessing 7, 393, was in die bedeutung nr. 7 unten ausläuft. in Vorarlberg unterscheidet man ein leeres rind von einem tregigen, trächtigen. Fromm. 5, 485.
2)
von einem flächenraume, wo einerseits zunächst an das fehlen der menschen gedacht wird: die erde war wüst und leer. 1 Mos. 1, 2; sihe der herr macht das land lehr und wüste. Jes. 24, 1; denn das land wird lehr und beraubet sein. 3; die lehre stad ist zubrochen, alle heuser sind zugeschlossen, das niemand hin ein gehet. 10; darumb wil ich diese leute ausrotten, jre schlösser verwüsten und jre gassen so lere machen, das niemand drauf gehen sol. Zephanja 3, 6; ein leeres feld; der markt war leer; läre auszgesicht, da einer nienen kein leüt nit sicht, prospectus sterilis Maaler 260ᵈ;
durch die wälder ruf ich, durch die wogen,
ach! sie wiederhallen leer.
Schiller götter Griechenlands v. 104;
das herz ist gestorben, die welt ist leer.
Piccol. 3, 7;
da muszt er mit dem frommen heer
durch ein gebirge wüst und leer.
Uhland ged. 328;
ein leerer platz, auf dem niemand sitzt; ein leerer stuhl, ein leerer sessel, was bildlich auch auf das freisein eines amtes bezogen wird, das man sich sonst besetzt denkt: leere stelle, platz, vacans locus, der päbstliche stuhl ist leer, sedes vacans Frisch 1, 593ᶜ; der prediger sprach vor leeren bänken; hier sind noch leere sitze; andrerseits aber auch von flächen, die das entbehren was auf oder an sie gehört: lärer tisch, darauf kein speisz ist, mensa inanis Maaler 260ᵈ; seitdem die verdienste unserer vorfahren mit ihren porträts zu einerlei gebrauch dienen, die leeren seiten nämlich unserer zimmer und unsres charakters (vergl. dazu unten 7) zu tapezieren. Göthe 8, 54; ein leeres blatt; leeres papier. Gotter 3, 115. 116, unbeschriebenes; freute sich schon einen herrlichen platz in einer seiner zeichnungen leer und ledig zu wissen, den er mit den gestalten so holder personen künstlerisch zu verzieren gedachte. Göthe 22, 130; eine seite, eine zeile leer lassen; ein leerer zettel, bei der lotterie, auf den kein gewinnst geschrieben ist:
(der hof ist) ein kloster, da man sieht die reichsten brüder betteln;
ein glückstopf, welcher meist besteht in leeren zetteln.
Caniz 130;
ein leerer himmel, wolkenloser: ich erwäge das begeisternde, nicht berauschende land mit der rechten mitte zwischen armer steppe und erdrückender fülle so wie zwischen gluth und frost und zwischen ewigen wolken und einem leeren himmel. J. Paul vorsch. d. ästh. 1, 85; leere luft:
dein name sei vergessen, in ewge nacht getaucht,
sei wie ein letztes röcheln in leere luft verhaucht!
Uhland ged. 392;
mit meinen armen, die den leeren winden
nur ausgebreitet waren, dich zu fassen!
Göthe 9, 54;
auch von andern gegenständen die dessen entbehren, was an sie gehört:
er steckt sie (die goldnen blätter) ein, geht eilends fort,
und läszt das leere bäumlein dort.
Rückert vom bäumlein das andre blätter hat gewollt.
3)
die leere hand, zeichen der besitzlosigkeit, vgl. unter hand theil 4², sp. 329: lär hend, die nüt bringend, manus steriles Maaler 260ᵈ;
die mit lähren händen
euch bitten.
Weckherlin 190.
4)
leer, in verschiedenen wendungen, so viel wie habelos, arm: niemand wird volkommen, sondern blosz und leer geboren. pers. rosenth. 1, 5; leer kommen, gehen, abziehen; einen leer ziehen, gehen lassen u. ähnl.: und welchen du begabest mit freiheit, in keiner weis so erleide in hinzugeen leer, sunder gib den wegfertigen von den herden und von dem acker und von deiner weinbresz, in dem dich dein herr got hat gesegnet. bibel von 1483 91ᵇ (ebenso bei Luther 5 Mos. 15, 13); wo nicht der gott meines vaters .. auf meiner seiten gewesen were, du hettest mich leer lassen ziehen. 1 Mos. 31, 42; ich wil diesem volk gnade geben fur den Egyptern, das, wenn jr ausziehet, nicht leer ausziehet. 2 Mos. 3, 21; erscheinet aber nicht leer fur mir. 23, 15; vol zoch ich aus, aber leer hat mich der herr wider heim bracht. Ruth 1, 21; du solt nicht leer zu deiner schwiger komen. 3, 17; auch schüttelt ich meinen bosen aus, und sprach, also schüttele gott aus, jderman von seinem hause, und von seiner erbeit, der dis wort nicht handhabet, das er sei ausgeschüttelt und leer. Neh. 5, 13; die widwen hastu leer lassen gehen. Hiob 22, 9; sie namen jn aber und steupten jn, und lieszen jn leer von sich. Marc. 12, 3; die hungerigen füllet er mit gütern, und leszt die reichen leer. Luc. 1, 53; er tritt lär dahär, er bringt nüt, inanis incedit. Maaler 260ᵈ; leer kam ich hieher, leer zieh ich wieder hin. Schiller räub. 5, 1; leer ausgehen, ohne etwas zu bekommen: und ich soll leer ausgehen, sagte Philine. Göthe 18, 323;
keiner gieng leer aus und lustig
zechend sasz die schaar beim feuer.
Scheffel trompeter (50. aufl.) s. 121;
was auch in bezug auf leiden und dulden gesagt wird: das also die, so den geistlichen segen und benedeyung haben, den leiblichen fluch und vermaledeyung tragen und leiden, werden verfolget und wol geplaget, die gottlosen gehen hie gemeiniglich leer ausz. Luther tischr. 95ᵃ.
5)
leer, wirkungslos, ohne etwas zu fruchten, von einem thun, einem schlage, einem streiche: es war ein leeres bemühen; ein leerer schlag, ein leerer streich; vornehmlich in der verbindung leer abgehen: ja wo gott die taufe lesset stehen und bleiben, und da das evangelium gepredigt wird, da gehets nicht leer ab, wie im propheten Esaia .. auch gesaget wird, dasz sein wort nicht wieder leer zu jhm kommen sol. Luther tischr. 12ᵇ; im neben hinrennen vermeint der riesz jn mit seiner stangen zu treffen, aber er rucket zu schnelle forth, und gieng der streich leer ab. Amadis 126; zucket er das schwerdt, der meinung jn zu schlagen, aber Galoar war so geschwind und hurtig, dasz er sich dafür hüt, und der streich lehr abgieng. 236; welcher taugentliche und glückliche zeit hat, und selbige läst lehr fürubergehn, der erlangt sie selten, und gar langsam wiederumb. 361; du hast mein beten und flehen niemals fehl schlagen und leer abgehen lassen, sondern dasselbe allezeit gnädiglich erhöret. 683.
6)
leer, gehaltlos, ohne das zu haben, was ein gegenstand nach seiner art als unentbehrliche eigenschaft haben soll, in Baiern: læres bier, ohne hinlänglichen malzgehalt. Schm. 1, 1498 Fromm.; læres, schindellæres vieh, das nicht beleibt, das mager ist. ebenda. leere speisen, kraftlose, oder die wenig oder keine nahrung geben, führt auch Campe, aber als ungewöhnlich an.
7)
leer, in bezug auf worte, gedanken, bildungen des menschlichen geistes, ohne kern und eigentlichen inhalt (vgl. dazu hohl 2 theilsp. 1712 fg.); schon alts.:
ne witun gôdes geskêd,
ak sind im lâri word   leoboron mikilu,
umbitharbi thing,   thanna theodgodes
werk endi willeo.
Heliand 1729;
nhd. ob raum und ausdehnung leere wörter sind, oder ob sie etwas bezeichnen. Kant 6, 31; lernen sie, nachplauderndes hofmännchen, lernen sie von einem weibe, dasz gleichgültigkeit ein leeres wort, ein bloszer schall ist, dem nichts, gar nichts, entspricht. Lessing 2, 165; er lobte meinen vorsatz; aber es war bei mir nichts weniger als ernstlich gemeint; dieszmal war es nur ein leeres wort. Göthe 19, 275; doch alles dieses, so genau und bestimmt wir auch zu sprechen gesucht, bleiben doch nur leere worte, ohne die anschauung der bilder selbst. 43, 422; ich werde mit leeren versprechungen gewisz nicht hingehalten. 14, 223; obgleich ich diesen vorwurf .. als ein durchaus leeres mährchen betrachten muszte. 24, 109; vergehen! was heiszt das? das ist wieder ein wort! ein leerer schall! ohne gefühl für mein herz. 16, 179;
doch, wenn gemütherharmonie
kein leerer schall ist.
Gotter 1, 80;
und die tugend, sie ist kein leerer schall,
der mensch kann sie üben im leben.
Schiller die worte des glaubens;
entweihet nicht das allerheiligste
der göttlichen natur, in red und sang,
durch leeres wortgeschäum von seelensturm,
von schwung und allkraft, drang und hochgefühl!
Matthisson ged. (1794) 140;
leere hoffnung, spes inanis Frisch 1, 593ᶜ; die idee ist praktisch betrachtet nicht leer. Kant 6, 163; widrigenfalls man nicht gewisz ist, dasz der gedanke nicht leer, d. i. ohne alles object ist. 7, 210; ja es ist sogar leer, wenn ein volk über geisterreichthum das andere zur rede setzt und z. b. das französische uns fragt, wo sind euere Voltaires, Rousseaus, Diderots, Büffons? J. Paul vorsch. d. ästh. 1, 107;
der einfall, spricht der könig, ist nicht leer,
herr seneschall, wir könnens ja probieren.
Wieland 18, 143;
deiner plirasen leeres was
treibet mich davon,
abgeschliffen hab ich das
an den sohlen schon.
Göthe 5, 23;
da er seiner natur nach von aller leeren galanterie weit entfernt war. 18, 305; selbst die gewöhnlichen zeitvertreibe der gesellschaft schienen in diesem hause nicht so leer wie anderwärts. 19, 292;
wenn ich dir sonst in trüben augenblicken
ohnmächtgen guten willen, arme liebe,
dir leere tändeleien kindlich bot.
9, 272;
ob ihr sie anerkennt, ob nicht, mylady,
das ist nur eine leere förmlichkeit,
die des gerichtes lauf nicht hemmen kann.
Schiller Maria Stuart 1, 7;
die bösen (geister), zur strafe ihrer verbrechen, irrten unstät und flüchtig auf der erde umher, den frommen ein leeres, den ruchlosen ein verderbliches schrecken. Lessing 8, 251; weil ich dich mit leeren grillen nicht beschäftigen wollte. Göthe 10, 96; mein armes herz! .. fühl wie es schlägt, von dem leeren schrecken. 109;
die eitlen sorgen, leeren schrecken,
die sich der kleinmuth unterm monde schafft.
Gotter 1, 107;
das sind nur leere schrecken, Zeus, mir bangt
vor deinem drohen nicht!
Schiller Semele v. 512;
leere täuschung nenn ich glück und ruhe.
Platen 323.
dann auch vom menschen selbst, in bezug auf sein wissen und inneres leben: wie kann ein junger mensch sich bilden, der nicht eitel ist? eine leere, hohle natur wird sich wenigstens einen äuszern schein zu geben wissen und der tüchtige mensch wird sich bald von auszen nach innen zu bilden. Göthe 22, 45; eben so erschaffe das beseelte wort den klang, nicht der klang das wort, und man setze nie wie der leere La Harpe und tausend Franzosen und hundert Deutsche die leiter mühsam an, um auf eine — tonleiter zu steigen. J. Paul vorsch. d. ästh. 2, 220; aus den öffentlichen büchersälen ging ich so heraus, wie ich hinein gekommen, mehre mädchen- und knabenschulmeister in Sachsen, die über Fibels buch lesen lieszen, standen noch leerer von mir, als ich. leb. Fibels s. 3;
geh, umhüpft von leeren schmeichlern!
geh! vergisz auf ewig mich!
Schiller an Minna;
von der menschen treiben, inhaltlos:
majestät der menschennatur! dich soll ich beim haufen
suchen? bei wenigen nur hast du von jeher gewohnt.
einzelne wenige zählen, die übrigen alle sind blinde
nieten; ihr leeres gewühl hüllet die treffer nur ein.
majestas populi;
von der zeit, die mit nichts bedeutendem zugebracht wird: man ward einig in leeren stunden, deren ein schauspieler leider so viele hat, in gesellschaft die berühmtesten schauspiele beider theater durchzugehen. Göthe 19, 239; der grosze schwarm, mit dem ich umgeben war, zerstreute mich und risz mich wie ein starker strom mit fort. es waren die leersten jahre meines lebens. 275;
und hältst, wie jener fürst, den leeren tag verlohren,
an dem du ohngefehr kein gütig werk gebohren.
Günther 718;
von gegenständen, wie sie in des menschen empfindung erscheinen, wo die verwendung von leer wieder unmittelbar an die bedeutung no. 1 und 2 oben anknüpft: der hauptmann schien vor ihr zu stehen. er füllte noch das haus, er belebte noch die spaziergänge und er sollte fort, das alles sollte leer werden! Göthe 17, 129; die welt ist so leer, wenn man nur berge, flüsse und städte darin denkt, aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht uns dieses erdenrund erst zu einem bewohnten garten. 20, 41;
unselges licht! du rufst mich auf zum leben,
mich zum bewusztsein dieser welt zurück
und meiner selbst. wie öde, hohl und leer
liegt alles vor mir da!
9, 308;
ein leerer blick, ein ins leere starrender, nichts fassender: (wenn) sein erstarrter blick die entvölkerte unendlichkeit fruchtlos durchwandert, gott sucht und gott nicht mehr finden kann — und leerer zurück kommt. Schiller kab. u. liebe 5, 4; vom leben selbst:
es war ein traum! wie schal, wie leer und todt ist neben
so einem traum mein vorigs ganzes leben!
Wieland 22, 149 (Oberon 4, 7).
8)
leerer schatten, leeres bild, ein scheinwesen, gespenst:
fühlst du den arm des freundes und der schwester,
die dich noch fest, noch lebend halten? fasz
uns kräftig an; wir sind nicht leere schatten.
Göthe 9, 60;
mit einem leeren bild, das weder druck noch kusz
zurück giebt.
Wieland 21, 290;
übertragen: dieses urtheil wäre nicht ein leeres schreckbild, mich zu ängstigen, durch furcht und drohung zu strafen, mich zu erniedrigen? Göthe 8, 291.
9)
leer von tönen, wo sonst hohl steht (theil 4², 1713, no. 3): die meisten wurden mit einem leeren schlucken befallen. Jacobi Thucyd. 2, 179 (bei Heilman ein holer schlucken);
(es) stöhnt dort dumpfigtief ein schweres, leeres
qualerpresztes ach!
Schiller gruppe aus d. Tartarus.
10)
leer, nicht trunken, nüchtern (wie der gegensatz voll für trunken gebraucht wird): meister, sagte ich zu ihm, wäre es auch wirklich so gar unmöglich, einmal mehrere tage hindurch in der leeren verfassung zu bleiben? das heiszt ohne strich? fragte er. Immermann Münchh. 2, 140.
11)
leer in die bedeutung blosz, baar, einzig, nichts als übergreifend (einen ähnlichen übergang bei dem sinnverwandten ledig, s. d. no. 15): wolt jr die lade des gottes Israel senden, so sendet sie nicht leer, sondern solt jr vergelten ein schuldopfer, so werdet jr gesund werden. 1 Sam. 6, 3 (vgl. dazu v. 8);
der oberstand raubt hin den letzten bissen brot,
und läst gemeiner schaar nichts, als die leere noth.
Logau 1, 58, 33.
12)
leer mit näheren bestimmungen, wobei die scharfe beziehung auf einen inhaltlosen raum häufig verschwimmt und das adjectiv wie ledig 3, oben sp. 499 fg., im sinne von frei, baar eines dinges, gebraucht wird.
a)
mit dem genitiv: mhd.
nû wundert si vil starke
wie si (die barke) dar komen wære
alsô gar liute lære.
Gregor. 786;
was iender boum dâ sô grôʒ
daʒ er stuont, der wart blôʒ
und loubes alsô lære
als er verbrennet wære.
Iwein 661;
nhd. aber wer hett kein tugent nitt,
kein zuͦcht, scham, ere, noch guͦte sitt,
den halt ich alles adels lär,
ob joch ein fürst syn vatter wer.
Brant narrensch. 76, 61;
so bricht (in der morgendämmerung) der vögel muntres heer,
da erd und luft fast aller töne leer,
der dunkeln nächte tiefe stille.
Brockes 1, 21;
ach, so vergehen mir dann die übrigen tage voll schwermuth,
wie, der liebe leer, keiner vordem uns entfloh.
Klopstock 2, 116;
du schonest desz umsonst,
der, leer des gefühls, den gedanken nicht erreicht!
1, 230;
ich schwöre,
wie ihn jemals ein sterblicher starb, den furchtbarsten tod dir,
du verruchter! und ihn leer, leer der letzten erbarmung!
4, 23;
mit niederstarrendem auge,
leer der thränen.
133;
mein trauter war so lieb und hold,
war lauter, echt, und treu wie gold,
und aller falschheit leer.
Bürger 47ᵃ;
ihr blick ist finstrer ränke leer.
Göthe 1, 111;
aus diesen fügungen mit dem genitiv sind der neueren gehobenen sprache zusammensetzungen entstanden, wie blumenleer, blüthenleer, früchteleer, freudenleer, liebeleer, thränenleer, wonneleer u. andere.
b)
mit der präp. von:
er (ein gürtel) was niender lære
von gesteine noch von golde.
Wigalois 13, 25;
der boge Jonathan hat nie gefeilet, und das schwert Saul ist nie lere widerkomen von dem blut der erschlagenen und vom fett der helden. 2 Sam. 1, 22; sein haus wird von gästen nie leer;
von den mönchen zu sanct Blasien
würde leer und öd die strasze.
Scheffel trompeter (50. aufl.) s. 28.
c)
mit an: so leer sein kopf an allen nützlichen kenntnissen ist, so reich ist er an kniffen. Schiller parasit 1, 2;
mein liebestempel wird an seiner göttin leer.
Hoffmannswaldaus u. a. auserles. ged. 4, 44;
schon ist sie dahin,
die freude, dasz mir Sarja wiederkam!
sehr kurz warst du, sehr schnell bist du entflohn,
du einzige, nach so viel leeren tagen,
nicht leer an schwermuth!
Klopstock 9, 32;
der erdkreis würde bald an narrn und helden leer,
wenn wir zur führerin die logik nehmen müszten.
Wieland 17, 308 (Idris 5, 99);
(es ist) kein volk an guten dichtern leer.
Gökingk 1, 191;
was ist dir übrig, freund, als, selbst an gütern leer,
zu einem freien volk zu wallen?
3, 155;
wozu noch länger tragen
des siechen lebens lastendes gewicht,
an thaten leer, seitdem mich Jovis blitz geschlagen!
Schiller zerstörung von Troja v. 110.
13)
das leere, substantivisch, ein leerer raum: als wär um ihn die welt weggeblasen und er allein mit dieser Julia im ewigen leeren? Schiller Fiesko 1, 1; leider wenn ich an jene zeit zurück denke, die ich mit ihr (einer gesellschaft) zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches leere zu sehen; es ist mir nichts davon übrig geblieben. Göthe 20, 4;
hier sah er von ferne
flüchtigen schimmer, so weit die letzten sterne der schöpfung
noch das unendliche leere mit sterbendem strahle durchirrten.
Klopstock 3, 65;
entzünde strahl des himmels dich im leeren
und triff der kühnen thürme sichres haupt!
Göthe 9, 311;
leere fläche:
oft auch sitzt sie am rahm und schaft auf dem leeren der leinwand
helle gefilde (stickend).
Zachariä 2, 122;
im leeren, in nichtsbedeutenden dingen:
herr Vanus ist ein mann, der nimmer nicht kan ruhn,
er müht sich, dasz er schwitzt, im leeren nichts zu thun.
Logau 2, 116, 92;
auf seelenzustände gewendet (vgl. oben unter 7): mancher, dem sein verstand nicht einmahl so viel licht giebt, als vonnöthen wäre, um in das unendliche dunkel hinaus zu sehen, welches auf dem öden leeren seiner seele ruhet. Wieland 13, 262; aber, wenn gleich die fantomen, die ich ehemals als wahrheit liebte, verschwunden waren, so war doch der raum noch da, den sie eingenommen hatten; und dieses ungeheure leere wieder auszufüllen, wurde nun das dringendste meiner bedürfnisse. 27, 269; wie dringend bei mir das bedürfnis war, das leere, das meine letzte entzauberung in meiner seele zurück gelassen hatte, wieder auszufüllen. 286. — Schweizerisch zleerem, ungelabt, mit leerem magen: Anne Marei ... that es nicht anders, die weiber muszten hinein kommen und kaffe trinken ... so zleerem lasse es sie nicht fort. J. Gotthelf schuldenb. 67.
leer n
Fundstelle: Lfg. 3 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 513, Z. 1
leerer raum:
dasz die küsse flügel namen,
hin und her mit heeren kamen,
völlten alles leer der lüfte,
wiese, thal, berg, wald, feld, klüfte.
Logau 3, 100;
sie flattert durch das leer
der weiten luft im sturmwind hin und her.
Wieland 23, 106 (Oberon 8, 60).
Zitationshilfe
„leer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/leer>, abgerufen am 16.10.2019.

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