lebendig adj
Fundstelle: Lfg. 3 (1879), Bd. VI (1885), Sp. 424, Z. 73
vivus.
1)
das ahd. lebentig (Graff 2, 43), altniederfr. levindig (getimberd mit then levindigon stênon. Werdener psalmencommentar 58), mhd. lebendec, ist eine jener nicht häufigen weiterbildungen auf -ig, die von participien präs. ausgehen (beispiele gramm. 2, 304. Schm. 1, 1408 Fromm., vgl. auch hebendig th. 4², sp. 731). sie trägt, wie natürlich, in der alten sprache den hochton auf der ersten, der stammsilbe, namentlich auch noch in den quellen nicht nur des 16. jahrh.:
nach dem Antiochus der grosz
in hoffart ward also verblendt
den tempel Salomonis gschendt
sandt jm got durch sein groszen grim
das läbendig würm wuͦchszen usz jm.
P. Gengenbach Nollhart 354;
desz waren läbendigen gott.
Daniel 1545 R iijᵇ;
woln lebendig quellen haben,
nach lauterem wasser graben.
Soltau 259;
sondern selbst des 17. und des beginnenden 18. jahrh.:
nehmt nun, ihr andern schwestern all,
ein lebendig exempel.
Hildebrand volksl. 373 (v. 1631);
wer aber mit der stadt es recht und redlich hält,
sol todt und lebendig stets ehre von mir sehen.
Opitz 1, 171;
die andern zwar die werden künstler sein,
als lebendig zu bilden erz und stein.
2, 55;
der ich schon itzt vorhin
ein lebendiger todt und todtes leben bin.
P. Fleming 30;
ja lebendig bin ich auch todt,
der sünden ganz ergeben.
P. Gerhard s. 81 Gödeke;
so ward Olympie wol lebendig gerührt!
A. Gryphius 1, 195;
man hat ein zartes kind noch lebendig geschunden.
214;
so wünscht er lieber todt als lebendig zu bleiben.
Mühlpfort hochzeitged. 4;
ein lebendiges buch, besudelt eingebunden.
Hoffmannswaldau verm. ged. s. 55;
der du, eh ich das licht geschaut,
den cörper, den du mir gebaut,
mit lebendigem geist hast wollen selbst versorgen.
Caniz 37;
eine betonung, die mundartlich noch erhalten ist, so siebenbürgisch (Kramer 79), niederdeutsch (brem. wb. 3, 57), und auf der die zusammenziehung lemptig, lempig fuszt (letztere noch jetzt bairisch Schm. 1, 1408 Fromm.; lusernisch lente, lemte, cimbrisch lenteg Zingerle 40ᵇ): vivus lebntig, lemptig Dief. 624ᶜ; vivus lembtig, lemptig nov. gloss. 384ᵃ; mhd. auch schon lentig, lendig:
swaʒ lentiges denne dâ bestêt,
liute oder vihe, daʒ treit er hin.
Wigal. 124, 20 hdschr. A (ähnl. 141, 25).
das auffallende und höchst vereinzelte abgleiten des hochtons von der stamm- auf die nächstfolgende bildungssilbe ist schon bei einem fahrenden des 13. jahrh. zu beobachten:
swer giht, der guot dur êre neme,
daʒ sich der sêre sünde,
nein; al die dir lebendec sint,
die nement durch êre guot.
Friedr. v. Sonnenburg 1, 115 Zingerle (MSH. 2, 354ᵃ);
indes wol nur in folge einer ungenauen betonung, die sich bei diesem dichter mehrfach findet, gegenüber der richtigen:
swaʒ lebendec ist, daʒ hât für wâr
von sîner gabe eʒ leben.
1, 141 (MSH. a. a. o.);
im 16. jahrh. aber, wo das wort von allen ähnlichen bildungen allein übrig geblieben ist und neben einer reihe von ableitungen steht, die den hochton unmittelbar vor der ableitungssilbe -ig haben (vgl. von dreisilbigen beständig, verdächtig, gefräszig, ergibig, gewärtig, gesprächig und viele andere), beginnt lebendig in der betonung sich nach diesen zu richten; das früheste hier zu gebende beispiel ist von 1568:
des schechers glaub war fest und bstendig,
dein glaub der wankt, ist nit lebendig.
Stephani geistl. action E bᵃ;
schwanken zwischen dieser neuen und der oben belegten alten betonung wird durch einen viel angeführten vers von Opitz:
du bist tod lébendig, ich bin lebéndig tod.
2, 128,
und viel später noch von Stieler bezeugt: obwol .. das wort lebendig, die länge auf der ersten sylbe, ordendlich hat, und die folgende beide kurz sein; so kan man doch auch die erste kurz, die zweite lang, und die dritte wieder kurz aussprechen, ja man setzet auch wol die letzte in den verschen lang. kurze lehrschrift v. d. hocht. sprachk. 18; Steinbach 1, 1006 führt nur die neue betonung als zu seiner zeit gebräuchlich auf, bei Günther findet sie sich auch:
ich aber bin auch als sein knecht
lebendig drum gestorben.
36;
dein, Jesu, bin ich stets lebendig und auch .. (todt).
1031;
indesz kann sie auch in den ersten zeiten des 18. jahrh. die ausschlieszliche noch nicht gewesen sein, da noch Brockes schwankt:
jedweder erdenklos
wird trächtig und gebiert ein fast lebendig grün.
1, 37,
gegen: lebendig wird der (schwefel) genennet,
den man gräbt, der rein und weich.
9, 36;
im zweiten viertel des 18. jahrh. kennt indes die schriftsprache wol nur noch die betonung lebéndig:
die auf dem land, an trägen sitzen kleben,
sind lächerlich in ihrem pflanzenleben.
insecten sind lebendiger, als sie.
Hagedorn 1, 73.
lebendig ist seiner eigentlichen bedeutung nach stärker als das blosze particip lebend, es drückt mit die bethätigung des lebens aus, obschon vielfach der sinn beider worte sich berührt und in den fällen 2—6 für lebendig auch lebend stehen könnte, wie denn auch beide worte wechselnd gebraucht werden: dasz Homers welt wieder ganz in ihm auflebt, alles vorgebildete lebendig, alles lebende strebend wird, sieht man mit einem blick auf die übersetzung mit zehn versen in dem original verglichen. Göthe antwort auf Bürgers anfrage, teutsch. Merkur 1776, febr. s. 193.
2)
lebendig, vivus, leben habend und äuszernd, von geschöpfen insgemein: das dritte teil der lebendigen creaturen im meer storben. offenb. 8, 9; und gott sprach, es errege sich das wasser mit webenden und lebendigen thieren. 1 Mos. 1, 20; die erde bringe erfür lebendige thier. 24; wenn jemands ochse einen andern ochsen stöszet das er stirbt, so sollen sie den lebendigen ochsen verkeufen. 2 Mos. 21, 35; das er zween lebendige vogel neme, die da rein sind. 3 Mos. 14, 4; so sol er den lebendigen bock er zu bringen. 16, 20; ein lebendiger hund ist besser weder ein todter. pred. Sal. 9, 4; lebendige kreatur, animans Stieler 1099; thiere mit lebendigen jungen;
seh ich darinn (in der luft) zugleich so manche gefärbte schmetterlinge
fliegen,
vermehrt, an den lebendgen blumen im luftreich, sich noch mein vergnügen.
Brockes 9, 331;
die lebendige natur, was in der natur lebt: von der natur, sagte er, sollten wir nichts kennen als was uns unmittelbar lebendig umgibt. Göthe 17, 291;
statt der lebendigen natur,
da gott die menschen schuf hinein,
umgibt in rauch und moder nur
dich thiergeripp und todtenbein.
12, 31;
substantivisch das lebendige = lebendiges wesen: dort (am meere) habe ich heute die wirthschaft der seeschnecken, patellen und taschenkrebse gesehen, und mich herzlich darüber gefreut. was ist doch ein lebendiges für ein köstliches, herrliches ding! 27, 144; die menschen halten sich mit ihren neigungen ans lebendige. die jugend bildet sich wieder an der jugend. 49, 71; er entsagte fortan den betrachtungen der seraphim und ward das, wozu der mensch hienieden erschaffen ist, ein arbeitendes lebendiges unter dem throne. Herder zerstr. blätter 3 (1787), 296; und mehr abgeblaszt: man schliesze das auge, man öffne, man schärfe das ohr, und vom leisesten hauch bis zum wildesten geräusch .. ist es nur die natur, die spricht, ihr dasein, ihre kraft, ihr leben und ihre verhältnisse offenbart, so dasz ein blinder, dem das unendlich sichtbare versagt ist, im hörbaren ein unendlich lebendiges fassen kann. Göthe 52, x. Von pflanzen: lebendig als die frucht, vegetans, vegetativus, vegetatus. voc. inc. theut. m 2ᵃ; man spricht von lebendigen blumen, im gegensatze zu nachgemachten, künstlichen; lebendige pflanzen, im gegensatze zu getrockneten: der graf .. wünschte davon (von einer buchenart) eingelegte zweige und was sonst noch zu genauerer kenntnis beitragen könne, besonders aber wo möglich einige lebendige pflanzen. in der folge waren wir so glücklich diesz gewünschte zu verschaffen .. und hatten das vergnügen von dem zweideutigen baume lebendige abkömmlinge zu übersenden, auch nach jahren von dem gedeihen derselben erfreuliche nachricht zu vernehmen. Göthe 31, 230.
3)
vom menschen: teilet das lebendige kind in zwei teil. 1 kön. 3, 25; es verdampt der verstorben gerechte die lebendigen gottlosen. weish. Sal. 4, 16; auf das .. deine wolthat dich angeneme mache, fur allen lebendigen menschen, ja beweise auch an den todten deine wolthat. Sir. 7, 37. es heiszt lebendig werden, sein, bleiben, einen lebendig machen: und da er hin kam und die gebeine Elisa anrüret, ward er lebendig, und trat auf seine füsze. 2 kön. 13, 21; wil euch odem geben, das jr wieder lebendig werdet. Hes. 37, 5; meine tochter ist jtzt gestorben, aber kom und lege deine hand auf sie, so wird sie lebendig. Matth. 9, 18; da das kind noch lebendig war. 2 Sam. 12, 18; weil ich gottes hende, ich sei lebendig oder tod, nicht entfliehen mag. 2 Macc. 6, 26; wer weis, ob mir der herr gnedig wird, das das kind lebendig bleibe. 2 Sam. 12, 22; es ist besser, das wir NebucadNezar dem groszen könig dienen, und dir gehorsam sein, und lebendig bleiben, denn das wir umbkommen. Judith 3, 3; das man die jungen kindlein hin werfen muste, das sie nicht lebendig blieben. ap. gesch. 7, 19; der herr tödtet und macht lebendig. 1 Sam. 2, 5; in dem er dem könig erzelet, wie er hette einen todten lebendig gemacht. 2 kön. 8, 5; denn wie der vater die todten auferweckt, und machet sie lebendig, also auch der son machet lebendig, welche er wil. Joh. 5, 21;
und läge sie dem todt auch albereit im rachen,
so wüste Silvio sie lebendig zu machen.
Hoffmannswaldau getr. schäfer s. 180;
das sie lebendig hinunter in die helle faren. 4 Mos. 16, 30; und griffen den könig zu Ai lebendig und brachten jn zu Josua. Jos. 8, 23; David aber lies weder man noch weib lebendig gen Gath komen. 1 Sam. 27, 11; so verschlüngen sie uns lebendig, wenn jr zorn über uns ergrimmet. ps. 124, 3; (dasz der verbrecher) lebendig vergraben und gepfält werden soll. Carolina art. 192; eine hexe ward lebendig verbrannt; auch ist unsere gemessene order ihn in die enge zu treiben und lebendig gefangen zu nehmen. Göthe 8, 84; man hat tausend louisdore geboten, wer den groszen räuber lebendig liefert. Schiller räuber 5, 2;
schwört uns zu,
dasz, wenn wir euch die namen nun entdeckt,
für unser leben nichts zu fürchten sei,
noch dasz ein ewger kerker uns lebendig
begraben und der welt verbergen soll.
Turandot 4, 1;
lebendig sein begraben,
es ist ein schlimmer stern.
Uhland ged. 45;
in einem bilde:
das recht, das eine schlimme zeit
lebendig uns begrub.
87;
und danach: von lebendigem vergraben (vergraben eines lebendigen). Carolina art. 192; sollt es im folgenden der späten nachwelt misfallen, dasz .. er (Fibel) schon bei lebzeiten so viel lob auszuhalten hat: so frag ich diese späte nachwelt, ob nicht noch gröszere leute sich dasselbe lebendige einmauern in ihre ruhmtempel, oder das lebendige begraben unter ihre rauchopferaltäre muszten gefallen lassen. J. Paul leben Fibels 156.
4)
in substantiver stellung: da lobet ich die todten, die schon gestorben waren, mehr denn die lebendigen, die noch das leben hatten. pred. 4, 2; alle lebendige unter der sonnen. v. 15; bei allen lebendigen ist das man wündscht, nemlich hoffnung. 9, 5; ich bin der erst und der letzt, und der lebendige. offenb. 1, 18; von dannen er komen wird, zu richten die lebendigen und die todten. Luther 8, 349ᵃ; teufel .. welche in die lebendige gefahren. Simpl. 4, 262 Kurz; theile mit den lebendigen die hoffnung! Göthe 8, 283;
an jeder
schwelle, wo ein lebendiger wohnt.
Schiller br. v. Mess. v. 2280;
das war kein glücklich zeichen, dasz des grabes mund
geöffnet blieb im hause der lebendigen.
v. 2614;
im lande der lebendgen ist sie (die weisheit) nicht.
Herder;
was ehret ihr die todten? hatten die
doch ihren lohn und freude, da sie lebten;
und wenn ihr uns bewundert und verehrt,
so gebt auch den lebendigen ihr theil.
Göthe 9, 120.
5)
lebendig von theilen lebender geschöpfe, durch die oder an denen das leben sich zeigt, so von seele, geist, athem: und gott der herr machet den menschen aus dem erdenklos, und er blies jm ein den lebendigen odem in seine nasen, und also ward der mensch eine lebendige seele. 1 Mos. 2, 7; zu verderben alles fleisch, darin ein lebendiger odem ist. 6, 17; das gieng alles zu Noah bei paren, von allem fleisch, da ein lebendiger geist innen war. 7, 15; alles was einen lebendigen athem hat, wird euch für gute ruhe und sicherheit danken. Schuppius 398;
da blies der herr den vögelein
alsbald lebendgen odem ein.
Fr. Kind gedichte;
auch von anderem: der herr der gott uber alles lebendigs fleischs. 4 Mos. 27, 15 (variante über die geister alles fleischs); und kein lebendig auge wird mich mehr sehen. Hiob 7, 8;
lebendgen theil von ihrem leben,
ihn hat nach leisem widerstreben
die allerliebste mir gegeben ...
sie schenkte mir die schönen haare,
den schmuck des schönsten angesichts.
Göthe 1, 48 ('lebendiges andenken').
6)
lebendig, in bestimmten festen und formelhaften verbindungen.
a)
kein lebendiger mensch, keine lebendige seele, die negation eindringlicher machend: denn in demselbigen deinen gericht für dem thron deiner gerechtigkeit, mag kein lebendiger mensch bestehen. Schuppius 445; weil sie einen schwur gethan hat, keinem lebendigen menschen ihre wohnung und herkunft näher zu bezeichnen. Göthe 20, 169; sonst war alles so still und starr und öd und theilnahmlos, als ob kein lebendiger mensch hier sei. Felder sonderl. 2, 257;
die drei personen hier nehmt in verwahrung!
bewacht sie wohl, hört ihr, laszt sie mit keiner
lebendgen seele reden.
Schiller, Turandot 3, 7.
b)
hervorhebend ist lebendig auch bei nennung einer gröszeren kinderzahl: der mann hat acht lebendige kinder; ich erinnere mich, einen armen schelm gesprochen zu haben, ... der im taglohn arbeitet und eilf lebendige kinder hat. Schiller räuber 5, 2; so wie bei einer schelte (vgl. dazu leibhaft): sie gedacht, er ist ein lebendiger narr. Frey garteng. 2; der mensch ist ein lebendiger teufel; ein teutscher Wal ist ein lebendiger teufel. darum hüte dich für einem Italo Germano. Luther tischr. 4, 675 Förstemann; und so vom teufel selbst: und übergebe dich kräftiglich, würklich und thätlich dem (durch kirchisch gebet) unverwehrten gewalt des lebendigen sathans. Schuppius 679.
c)
so kann lebendig, wie leibhaft, auch in bezug auf das walten der phantasie stehen, die etwas unbelebtes belebt: nahe gerückt lag die erleuchtete erde um sie her und Albano konnte die weiszen statuen auf Lianens dach lebendig unter dem blühenden gewölk erröthen sehen. J. Paul Tit. 2, 131.
d)
bei lebendigem leibe, so lange einer das leben hat: bei lebendigem leib ergib ich mich dem keiser nit. Aimon bog. O 1; papiere hatte er mir schon bei lebendigem leibe genug gegeben. J. Paul teuf. pap. 1, ix; abt Richard von Verdun der schon bei lebendigem leibe ein heiliger war. Schlosser weltg. 5, 278; einige Hessen .. meinten, dasz niemand bei lebendigem leibe umgehn könne (als geist). Immermann Münchh. 1, 21;
das er in (der vater den töchtern) ubergeb sein gut
pey lebending leib.
meisterl. f. 23 no. 218;
früher pei mir, pei im lebentigen, pei meinen lebentigen zeiten, tagen, s. Lexer mhd. handwb. 1, 1848.
e)
mit seinem gegensatze todt: welche aber in wollüsten lebet, die ist lebendig tod. 1 Tim. 5, 6;
der tante, die, aus mangel guter säfte
lebendig todt für alle weltgeschäfte,
indessen sie der mittagstafel harrt,
im sorgestuhl, zur schonung ihrer kräfte,
begraben liegt.
Wieland 21, 181;
sie ward mehr todt als lebendig in den wagen getragen; ich war mehr tot als lebendig, da er diese worte sprach, und der schreck fuhr mir in alle glieder. Platen 348;
gestorben nicht, doch auch nicht mehr lebendig.
Uhland ged. 456.
7)
lebendig, von gott, vgl. dazu das verbum leben 6, a sp. 404: das es hören müge die stimme des lebendigen gottes aus dem fewr reden. 5 Mos. 5, 26; dabei solt jr merken, das ein lebendiger gott unter euch ist. Jos. 3, 10; mein leib und meine seele frewen sich in dem lebendigen gott. ps. 84, 3; du bist Christus, des lebendigen gottes son. Matth. 16, 16; der deist glaubt einen gott, der theist aber einen lebendigen gott (summam intelligentiam). Kant 2, 484;
und ein gott ist, ein heiliger wille lebt,
wie auch der menschliche wanke;
hoch über der zeit und dem raume webt
lebendig der höchste gedanke.
Schiller die worte des glaubens.
8)
lebendig, in erhöhter bedeutung, vividus, voll leben; von menschen: vivax lebendig, niederd. levendig, levendich Dief. 624ᶜ; er ist ein kleiner lebendiger mann hört man im gemeinen leben, bei einer personenbeschreibung; das ist ein höchst lebendiges kind; du hättest sehen sollen, wie sie darauf (in einem gespräche) lebendig ward, und sich alles an ihr regte. Heinse Ardingh. 1, 261; der buchstaben tödtet, aber der geist machet lebendig. 2 Cor. 3, 6;
des herzens andacht hebt sich frei zu gott;
das wort ist todt, der glaube macht lebendig.
Schiller Maria Stuart 5, 7;
lebendig zu etwas:
bei gott, ich bin lebendig zu dem streit,
es boszt mich, dasz sie uns so wehrlos fanden.
Tieck 2, 124;
lebendig, lebenswarm: immer achtsam soll die liebe den schönsten trost in ihren lebendigen armen dir bereiten. Göthe 8, 282; in die bedeutung munter, wach, übergreifend: guten morgen, herr pathe, so früh schon lebendig? Kotzebue dram. sp. 1, 291.
9)
auch von dem innern des menschen, das sich in bedeutendem masze kundgibt: er hat einen lebendigen geist, eine lebendige phantasie; lebendig, vivax, proprie pertinet ad ingenium, ut ille habet vivax ingenium. voc. inc. theut. n 2ᵃ; Burchard von Gramm ... ist ein alter teutscher edelmann gewesen, welcher mit der grammatic eben nicht überflüssig den kopf zerbrochen, sondern sein lebendiges groszes ingenium in viel höhern dingen employret. Schuppius 342; mit der stimme des lebendigsten gefühls. Heinse Ardingh. 1, 147. in bezug auf religiöses leben: ein lebendiger glaube; diese herren und stätte .. vol rechtschaffenes und lebendigen glaubens. Schuppius 842; gelobet sei gott .. der uns nach seiner groszen barmherzigkeit widergeborn hat, zu seiner lebendigen hoffnung. 1 Petr. 1, 3.
10)
lebendig von dem, was durch die angeregten inneren kräfte des menschen entsteht, von bewegungen, vorstellungen, begriffen, erzählungen, schilderungen, bildungen u. ähnl.: ein mann von lebendigen bewegungen; die bewegungen seines kopfes, der ausdruck seines gesichtes, das spiel seiner augen waren höchst lebendig; ein lebendiger traum;
wie hohe kräfte rastlos mich durchdrangen!
sie lieszen nicht des schlafes mich verlangen,
lebendig kurzer traum vertrat die stelle.
Uhland ged. 132;
ich will auch nicht mehr ruhen, bis mir nichts mehr wort und tradition, sondern lebendiger begriff ist. Göthe 29, 7; wie glücklich bin ich, dasz nun alle diese namen (italiänischer maler) aufhören namen zu sein, und lebendige begriffe des werthes dieser trefflichen menschen nach und nach vollständig werden. 42; eine lebendige theilnahme; er brachte der erzählung die lebendigste aufmerksamkeit entgegen; unsere aufmerksamkeit auf diesen mann hielt jedoch Herder immer lebendig. Göthe 26, 107; eine lebendige thätigkeit;
der dienst, mit dem du deinem fürsten dich,
mit dem du deine freunde dir verbindest,
ist wirklich, ist lebendig, und so musz
der lohn auch wirklich und lebendig sein.
Göthe 9, 186;
soll doch nicht als ein pilz der mensch dem boden entwachsen,
und verfaulen geschwind an dem platze, der ihn erzeugt hat,
keine spur nachlassend von seiner lebendigen wirkung!
40, 258;
adverbial:
indesz nun diese walten,
bestimmen und gestalten
der sprache form und zier,
so schaffe du inwendig
thatkräftig und lebendig,
gesammtes volk, an ihr!
Uhland ged. 75;
nicht was lebendig, kraftvoll sich verkündigt,
ist das gefährlich furchtbare.
Schiller Wallensteins tod 1, 5;
wenn sich die lang vertriebenen bewohner
heimkehrend nahen mit der freude schall,
den neuen bau lebendig zu beginnen.
braut von Messina 1275;
lebendige bilder, lebendige gestalten unserer phantasie;
was mir noch jetzt die ganze seele füllt,
es waren die gestalten jener welt,
die sich lebendig, rastlos, ungeheuer,
um einen groszen, einzig klugen mann
gemessen dreht und ihren lauf vollendet.
Göthe 9, 134;
er gab eine lebendige erzählung seiner erlebnisse; er schilderte in lebendigen worten; lebendiges wort heiszt aber auch das in der rede vorgetragene, im gegensatze zum blosz geschriebenen: jedes volk besitzt ein vierfaches dasein, in religiöser, politischer, wissenschaftlicher und künstlerischer beziehung. ihr höchster ausdruck ist das lebendige wort, wodurch diese beziehungen allein gedeihen können. Platen 353; was lebendiger vortrag der wissenschaft anbelangt, so dürfen vielleicht die deutschen universitäten, wenigstens der idee nach, den übrigen europäischen nationen als muster gelten. ebenda; und in der geistlichen sprache ist das lebendige wort das göttliche, in uns wirkende: dieser (Moses) empfieng das lebendige wort uns zu geben. ap. gesch. 7, 38; ernstliche zuhörer des lebendigen wortes. Schuppius 842. worte werden im herzen lebendig, regen unser herz an: danke gott dem heiligen geist .. dasz er alle angehörte trostworte in deinem herzen habe lebendig gemacht. 207; selbst eine kunde wird lebendig, klingt in aller herzen wieder:
dasz es lebendig werde,
dasz von der asche des verloschnen herdes
die vatergötter fröhlich sich erheben,
und schönes feuer ihre wohnungen
umleuchte!
Göthe 9, 72;
in neutraler substantiver stellung: graf Buffon .. hatte eine heitere freie übersicht, lust am leben und freude am lebendigen des daseins. Göthe 50, 217.
11)
so gilt lebendig von einem regen treiben, und es heiszt in diesem sinne selbst ein lebendiges leben, ein wechselnd bewegtes:
mir gefällt ein lebendiges leben,
mir ein ewiges schwanken und schwingen und schweben
auf der steigenden, fallenden welle des glücks.
Schiller braut von Mess. v. 881;
ein lebendiger tag:
das herz ist munter, es regt sich, es wacht,
es lebt den lebendigsten tag in der nacht!
Göthe 40, 376;
ohne aufhören ging die wilde jagd im hofe herum und ein unendliches gekläff begleitete den sturmlauf. die fensterflügel des hauses öffneten sich. das wird eine lebendige nacht, herr Hummel, rief Gabriel hinunter. Freytag handschr. 1, 183; oft hört man auf der strasze wird es schon lebendig; auch die ganze gasse wird lebendig; die lebendigen himmel jauchzen in tausend engelstimmen um den thron. Göthe 25, 291. mit anklang an no. 2, von einem käse, auf dem maden wimmeln: der käse ist lebendig; sein kopf ist lebendig, von einem der ungeziefer hat.
12)
lebendig, in der ältern sprache, in bezug auf etwas das man erlebt oder durchlebt hat: die aber Christum im geist gsehen und erfarn haben, was glaub ist, wissen lebendig jres glaubens ankunft, rechenschaft zu geben. das leren (lernen) nacher die gotlosen nachlallen, stelen den gotseligen dise wort gots, und reden auch also, aber es ist ein gehört, gelesen und gstolen, und kein lebendig erfaren, gesehen ding. S. Frank sprichw. 2, 168ᵇ; wer selbs mit und beim handel gewesen und den es selber angangen, der kan von sachen lebendig reden, das meiste theil redet von hören sagen. Mathes. Luther (1583) 139ᵃ.
13)
lebendig, von personen die einem gegenstande verglichen werden, und denen man durch zugabe des adjectivs ihre persönlichkeit wahrt: dieser mensch ist eine lebendige rechenmaschine; er (ein pfarrer) sitzt an keinem ort lieber als im beichtstuhl, und vergäbe, als ein weiter, lebendiger mantel der liebe, für ein geringes die sünde gegen den heiligen geist, käme einer damit vor den stuhl. J. Paul herbstblum. 3, 215; aber eben so gewis ist es, dasz gerade die jugend, diese lebendige poesie, mitten unter ihren blütenästen .... und auf ihren sonnigen warmen anhöhen nichts lieber dichtet und gedichtet liest als nachtgedanken. uns. loge 1, xxxix; in der rechtssprache lebendige urkunde, zeuge: und dessen gnugsame schriftliche versiegelte oder lebendige urkunde vorhanden. Kirchhof mil. disc. 253; lebendiges geleite, geleit durch bewaffnete, im gegensatz zu blosz schriftlichem: das lebendige geleite. Schweinichen 2, 334;
ein lebendiges kräuterbuch (von einem botaniker).
Morhof ged. (3. ausg.) 124;
von der als person hingestellten kirche: sie ist der lebendige buchstab, die jhr zeichen den leuten eintrucken, einhauen und einbrennen kann. Fischart bienk. 67ᵃ. selbst in bezug auf theile lebender wesen:
er richtet aus sich selber gleichsam lebendge palisaden auf (der igel, durch seine stacheln).
Brockes 9, 302;
ein lebendiges gemälde, gemälde das von lebenden personen dargestellt wird, lebendes bild, vgl. sp. 409: von dem lebendigen gemählde, das ihn bei seiner ankunft empfing, sprach er gar nicht. Göthe 17, 277; eine lebendige mauer, die von personen gebildet wird; lebendige wehre nennt der jäger die jagdleute, die an stelle eines nicht ausreichenden zeuges stehen, um acht zu geben, dasz kein wild durchbreche. Jacobsson 2, 576ᵃ.
14)
lebendig von etwas fortlebendem, vgl.leben 9 und 12, c sp. 406. 407: die erinnerung an ihn bleibt lebendig; sein andenken ist unter uns noch immer lebendig; manches von seinen früheren besitzungen, das sich dem namen und dem ruhme nach noch lebendig erhalten hatte. Göthe 31, 213; ein begegnis, ein abenteuer wird mir wieder lebendig, lebt in der erinnerung auf.
15)
auch sonst von dingen, in mehrfacher weise.
a)
vom sprudelnden oder rinnenden wasser: läbendig oder frisch wasser, das gerad aufwallt, aqua viva. Maaler 259ᵈ; auch gruben Isaacs knechte im grunde, und fanden daselbs einen brun lebendiges wassers. 1 Mos. 26, 19; wie ein born lebendiger wasser, die vom Libano flieszen. hohel. 4, 15, wer an mich gleubet, wie die schrift saget, von des leibe werden ströme des lebendigen wassers flieszen. Joh. 7, 38; bei dir ist die lebendige quelle. ps. 36, 10; eins weisen mans lere fleuszt daher wie ein flut, und wie eine lebendige quelle. Sir. 21, 16; des gerechten mund ist ein lebendiger brunn. spr. Sal. 10, 11; sein weg führte ihn zu einem angenehmen thal, dessen an muthig grünen baumreichen wiesengrund die wasserfülle eines immer lebendigen baches bald durchschlängelte, bald durchrauschte. Göthe 17, 183; vom gebäude her, neben der schnurgeraden chaussee, flieszt zu beiden seiten lebendiges wasser dem kommenden entgegen. 27, 86;
flachgegraben befand sich unter den bäumen ein brunnen.
stieg man die stufen hinab, so zeigten sich steinerne bänke,
rings um die quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll.
40, 284:
übertragen auf das dichterische empfinden: ich fühle die lebendige quelle nicht in mir, die durch eigene kraft sich empor arbeitet, durch eigene kraft in so reichen, so frischen, so reinen strahlen aufschieszt: ich musz alles durch druckwerk und röhren aus mir herauf pressen. Lessing 7, 448.
b)
von anderm bewegten und treibenden: und die reder huben sich neben jnen empor, denn es war ein lebendiger wind in den redern. Hes. 1, 20; sie brauseten die weisze strasze nach Blumenbühl hinauf, an beiden seiten schlug das goldgrüne meer des frühlings die lebendigen wellen. J. Paul Titan 2, 131; die lebendige sonne, die hell strahlende: die sonne schien mir lebendig in die fenster und weckte mich. Claudius 8, 70; lebendiges feuer, hell brennendes; eine lebendige kohle, eine noch glimmende im gegensatz zu der erloschenen: eine lebendige kohle im pulver. Butschky Patm. 818; vom safte der in einem baum aufsteigt:
nur vergebens nähr ich (ein von epheu umschlungener baum) mich noch; die gewaltige wurzel
sendet lebendigen safts, ach! nur die hälfte hinauf.
Göthe 1, 324;
in den alpen wird der schnee lebendig, wenn er sich zu lawinen ballt und herabstürzt: ein einziger fehltritt neben dem unmöglich noch zu findenden alten weg muszte den neuen, noch nicht festliegenden schnee unter, neben und ob dem wagenden schrecklich lebendig machen. Felder sonderl. 2, 260; der schusz den irgend ein esel abfeuerte, hat alles (die ganzen schneemassen) lebendig machen müssen. 266; lebendiges silber, quecksilber:
wenn sich lebendig silber neigt
so gibt es schnee und regen.
Göthe 4, 120;
selbst von der feder, die über das papier gleitet: glücklich sind wir herüber gekommen und so wäre auch dieses abenteuer bestanden. die freude über unser gutes schicksal wird mir noch eine halbe stunde die feder lebendig erhalten. 16, 250.
c)
eine lebendige sprache, die noch gesprochen wird, im gegensatz zur todten (vgl. unter leben 12, c sp. 407): bei gedichten, die in einer lebendigen sprache geschrieben werden. Hagedorn 3, 78 anmerkg.; und dazu eine sprache lebendig lehren, durch den mündlichen verkehr in ihr: auf den gedanken, pensionen zu errichten, war man durch die nothwendigkeit gekommen, welche jedermann empfand, dasz die französische sprache lebendig gelehrt und überliefert werden müsse. Göthe 24, 189.
16)
in der technischen sprache,
a)
beim maler ein lebendiges gemälde, mit notwendigen, und nicht blosz zur ausfüllung des leeren vorhandenen figuren. Jacobsson 2, 576ᵃ; lebendige farben, in die augen stechende, gegensatz vonstumpfen, ↗matten, todten farben; allein das kan ich nicht wol leiden, dasz die naseweise prediger unterweilens auf der canzel stehen, und die leute also beschreiben, als ob sie mit lebendigen farben abgemahlt weren. Schuppius 655.
b)
lebendiger stein, lebendiger fels, ohne verwittertes: senkrecht ging die mauer hinab in die tiefe, auf dem lebendigen felsen ruhend. F. Jacobs Alwin u. Theodor (1820) 236.
c)
lebendiger schwefel, gediegener: nim lebendigen schwebel, wie er am stärksten ist und man ihn aus dem berg bricht. Gäbelkhover arzneibuch (1599) 4, 285.
d)
lebendiges holz, das schlag- oder unterholz, das vom stocke wieder ausschlägt. Jacobsson 2, 576ᵇ.
e)
lebendige hecke, hecke von lebendigen, treibenden gesträuchern: eine lebendige hecke schied die blumenbeete vom gemüsegarten. Freytag handschr. 1, 90; lebendiger zaun, septum naturale, sepes sylvestris. Stieler 1099.
f)
lebendig, bei den botanikern: eine menge auf botanische art aufbewahrter kräuter heiszt bekanntlich eine lebendige sammlung. Gökingk 2, 37 anm.
g)
lebendiges wasser, beim müller, das wasser, das so schnell flieszend ist, um eine unterschlächtige mühle treiben zu können. Jacobsson 2, 576ᵇ. lebendiges gefälle ist im mühlenbau dasjenige, welches die gerinne zu ihrem schlusz oder kröpfung bekommen. 6, 430ᵃ.
h)
lebendiger kalk, ungelöschter. Adelung.
i)
lebendiger zehend, zehend vom vieh und von eiern. 8, 240ᵇ.
k)
lebendige kraft, in der mechanik: man unterscheidet sie (die kraft) insgemein in die todte und lebendige. die todte kraft, vis mortua, sollicitatio, wird von dem herrn von Leibnitz diejenige genennet, welche keine wirkliche bewegung hervor bringet. dergleichen ist an einer kugel zu sehen, die an einem faden herab hanget, ingleichen an einer gespannten feder, die zurück schnappen will .. die lebendige kraft, vis viva, heiszet hingegen diejenige, welche in einer wirklichen bewegung angetroffen wird; als wenn ein stein in die höhe steiget, oder eine gespannte feder zurücke springet. math. lex. 1 (1747) 754. 755. lebendige kraft eines körpers, d. h. eine solche, vermöge deren der körper das bestreben hat, seine bewegung frei, immerwährend und unvermindert ins unendliche in sich zu erhalten. Kant 8, 162.
l)
der lebendige galgen, der als galgen verwendete baum, an welchen auf der that ergriffene verbrecher in früherer zeit ohne umstände aufgeknüpft wurden. Vilmar 424, noch als eine flurbezeichnung in Hessen.
m)
lebendiges fleisch, beim wundarzte das gesunde fleisch im gegensatze zum wilden oder todten, worin keine lebenskraft ist.
n)
das lebendige, im volksmunde der sitz der lebenskraft (vgl. das subst. leben no. 19 sp. 420); sprichwörtlich: einem an das lebendige greifen, ihn an der empfindlichsten stelle fassen; hier traff mir zwar Eraszmus das lebendig und rühret mir das gewissen. Simpl. 4, 128 Kurz.
Zitationshilfe
„lebendig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/lebendig>, abgerufen am 20.10.2019.

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