lappe, lapp m
Fundstelle: Lfg. 1,2 (1877,1878), Bd. VI (1885), Sp. 192, Z. 28
1)
homo stolidus, ineptus. ein in den oberdeutschen volksmundarten weit verbreitetes (Schm. 1, 1496 Fromm., lappes Kehrein 256), schon dem späteren mhd. eigenes, und mit laffe sp. 56 aufs engste verwandtes wort, das, wie letzteres auf laffen lecken, schlürfen, so auf das gleichbedeutende lappen (s. unten) sich stützt, und vom leckenden, naschenden kinde ausgeht; wobei aber der begriff in den eines schlaffen, weichlichen, und hernach geradezu thörichten menschen um so leichter umschlägt, als neben dem verbum lappen schlürfen ein in der form ganz gleiches lappen schlaff hangen steht (s. unten), beide wol im grunde éin wort, und nur zu verschiedener bedeutung später auseinandergegangen. die schriftsprache verschmäht das substantiv zu gunsten von laffe, doch hat sie die adjective ableitung läppisch beibehalten. lappe, iners, fatuus, stultus, vulg. narr. voc. inc. theut. m 1ᵇ; lappe, fatuus, agrestis, homo stolidus, er ist ein lappe, homo est fatuus Steinbach 1, 976; höret nur ferner, wie der lappe hat hungern müssen. unw. doct. 375; drei söhne, von denen der jüngste Hans hiesz, und ein rechter lappe war. Zingerle hausmärch. 2, 17; schalten ihn einen lappen, dasz er sich so etwas einfallen lasse. 21;
die vasnacht machet vil lappen,
das sich mancher macht zu eim ackertrappen.
fastn. sp. 91, 19;
richter, ich klag euch uber disen lappen,
der get mir des nachts umb mein haus trappen.
221, 7;
das wendt mir an mein weib von Säckhendorf
und spricht: laap dich soll nun gar benüegen,
und lasz ein jungen werben
nach werder min.
Püterichs ehrenbrief bei Haupt 6, 36;
so henkt si mir zwuͦ schellen dran,
so heb ich an und gnappe,
ain groszes klinglen ich da han,
gleich als ain ander lappe.
Uhland volksl. 642;
das er in seiner spanschen kap
nicht herzög als ein ander lap.
froschm. 2, 2, 3, bl. Y 3ᵇ.
die eigentliche vorstellung des kindischen, die in lappe liegt, zeigt sich in der häufigen verbindung junger lappe (vgl.junger laffe sp. 56 fg.): so wir jungen lappen müszig gehn, pflegen wir der wollust. A. v. Eyb philogenia 109ᵃ; da nun die nechsten stett hörten was sich verloffen hett, und die jungen lappen das regiment der statt beseszen. Keisersberg narrensch. 168ᵃ; du siehest wol, er ist ein junger aufgewachsener lapp (che egli è un cotal giovanaccio sciocco). Bocc. (1535) 58ᵃ; kurz, die allerklügste müssen mich ohn allen zweifel vor einen jungen lappen gehalten haben, dessen hoffart nothwendig nicht lang dauern noch bestand haben würde. Simpl. 1, 292 Kurz; hiermit wandte er sich zu dem jungen lappen, der viel wuste was der krieg vor ein ding wäre. Chr. Weise erzn. 195; er, als ein junger lappe. pol. näscher 108;
man findet manchen jungen lappen
der auf der gassen get her gnappen.
fastn. sp. 315, 20;
du junger lapp, du wirst mir geben
die meit! es gilt dir sust mein und dein leben.
549, 29;
und stiesz den jungen lappen inn dreck.
756, 20.
sonst ist lappe mit thor und narr formelhaft verbunden: sollich lappen und dildappen seind wir under dem christlichen namen. S. Frank trunkenheit Gᵃ;
ach du verheiter lapp und tor.
fastn. sp. 686, 17;
sprach so sol man bedören
sollich lappen und doren
die geren hören schmaichlerei.
Nürnb. meisterl. fol. 23 no. 98;
(die weiber) setzen ihm (dem manne) auf die eselohrn,
machen zu eim lappen und thorn.
H. Sachs 3, 4, 75ᵈ;
wiewol ich bin ein groszer lapp
und mich die narren gar hand bsessen.
trag. Joh. A 2;
oder es treten adjective oder andere beisätze ähnlichen sinnes hinzu: dasz der gute lapp nichts thun darf, er musz sein weib erst drumb begrüszen. Creidius 1, 427;
sy sprach: du magst ain lapp wol sein
mit deinem torochten wesen.
Hätzlerin 282, 252;
so haisz ich der Ackertrapp
und bin auch ein müesalig lapp.
fastn. sp. 398, 5;
herr der wirt, ich heisz der Tiltapp,
ich bin gar ein einveltiger lapp.
857, 11;
heimlich anlegen die narrenkappen,
gleich einem unsinnigen lappen.
H. Sachs 3, 2, 47ᶜ;
und hab Simson dem groszen lappen
an hals gestreift die narrenkappen.
3, 1, 54ᵃ;
doch musz man vor den armen lappen
verstelln mit einer narrenkappen.
E. Alberus 190;
denselben geiln bulerischen lappen
bring ich auch in die narrenkappen.
J. Ayrer 457ᵇ (2298, 18 Keller);
ihr schwestern, lacht jhr nicht der alber-klugen lappen,
die damen sperren ein als wie in blinde kappen.
Logau 2, 10, 37.
in Baiern ist der lapp ein blödsinniger, taubstummer. Schm. a. a. o.
2)
lappe, auch als fem. gebraucht, närrin:
(die jungfrau spricht zum schneider auf seine werbung)
schweig, du böser schneider-knapp,
ich bin nit ain solche lapp.
fastn. sp. 618, 12.
3)
lappe für einen weibischen, schlaffen menschen, unter einflusz des verbums lappen hangen (s. oben unter 1) entstanden: es lief in mir herum, ich würde, wenn ich mein schülerleben so fortsetzte, zu einem weichlichen und liederlichen lappen werden. Arndt leben 66. Logau braucht das wort für kapaun:
du stacktest, Veit, nechst unterm dache
in einer unvergunten sache.
wofern du mehr wirst drinnen stecken,
so magst du dich wol besser decken,
sonst möcht es sein vergunte sache
dasz man den hahn zum lapen mache.
3, 95, 99.
hierzu steht ein schles. adjectiv lâpe schwach, untüchtig (Weinhold 50), das düringische adjectiv lappe, lapp bezeichnet schlaff: ein lapper kerl; die arme hängen ihm ganz lappe am leibe; auch von gegenständen, die nicht fest schlieszen: der deckel auf dem kruge ist lappe geworden; lapp werden, flaccescere, lapp oder lappicht sein, flaccere Frisch 1, 576ᶜ. vergl. hierzu auch das adj. schlapp.
4)
ganz im entgegengesetzten sinne scheint lappe in der Zimmerschen chronik zu stehen: herr Johanns freiherr zu Zimbern, herrn Wörnhers selligen son, ward ain groszer starker herr, also das er in seiner jugendt umb der ungewönlichen lenge willen und sterke der lap von Zimbern gehaiszen ward. 1, 205, 2. doch wird bei dieser bezeichnung nicht sowol auf die stärke, als auf die ungewöhnliche länge betonung gelegt, weil die glieder und die haltung langer menschen den eindruck des schlaffen machen, oder die ganze erscheinung an einen halbwüchsigen knaben erinnert; vgl.schlank, ↗schlankel undschlingel.
5)
sprichwörtliches. amor excaecat etiam Argum, die lieb macht lappen. S. Frank sprichw. 1, 10ᵃ; die welt ist voll lappen und diltappen. Simrock sprichw. 329;
jedem lapp
gefällt seine kapp.
ebenda.
wortspielend mit dem folgenden subst. lappen: denn unzüchtige liebe macht lappen, und wie jener schriebe, so ist es schneiderwerk. Mathesius Syrach 1, 117ᵇ;
lieben macht lappen,
von disem tuech tragt manicher ein kappen.
Schm. 1, 1496 Fromm.;
mit dem volksnamen Lappen: zum beschlusz ist nicht zu vergessen, dasz es in dem mondreich viel Lappländer gibt, sind aber nicht von denen, die den wind verkaufen und mit rehnen und schlitten fahren, sondern man nennet sie bald Lappen, bald Lappländer, bald Lappenhäuser und Lappenmäuler. Simpl. 1684 3, 804.
lappe, lappen m
Fundstelle: Lfg. 2 (1878), Bd. VI (1885), Sp. 194, Z. 1
1)
herabhangendes stück zeug (vergl. unten das verbum lappen hangen); ahd. lappa (fem.) lacinia, ags. läppa (masc.) saum, franse, mhd. lappe masc. und fem.; fem. ist es auch nhd. noch bisweilen, vgl. unten 4. als modische verzierung eines kleidungsstücks: sie trugen lappen an den kogeln, hinten und vornen, die waren verschnitten und gezottelt. die ritter wann sie hoffarten, hatten lappen an ihren armen bis auf die erde, gefüttert mit bunt. Limburg. chron. bei Frisch 1, 577ᵃ; frauenlappe, klier, scapulare. ebenda; pero grosz schuche mit lappen (neben gelabte schu) Dief. 428ᶜ; die lappen, schuͦchlappen, obstragulum Maaler 262ᵈ;
ir müesent mir ein rotten rock abschniden,
wis hosen und ein gruenen ermel han
und ein blawen labben dran.
fastn. sp. 835, 16;
theil der priesterlichen kleidung:
daʒ er die lappen treit,
daʒ sol iu werden geseit:
diu lappe ist gescaffen
ze manenne den phaffen,
diu bezeichenet die kiuscheit.
deutung der messgebräuche, in Haupts zeitschr. 1, 275.
häufiger abgerissenes stück zeug oder leder, fetzen, fleck: quadrillus (sutoris, in calceo) lappe, lapp Dief. 476ᵇ; pictacium ein lappe leders nov. gloss. 291ᵃ; lappe, vulg. flecke oder ein zotten, sarcimen, pecies. voc. inc. theut. m 1ᵇ; lappe, plätz, immissura Dasyp.; niemand flickt ein alt kleid mit einem lappen von newem tuch, denn der lappe reiszet doch wider vom kleid und der risz wird erger. Matth. 9, 13; niemand flicket einen lappen vom newen kleid, auf ein alt kleid, wo anders, so reiszet das newe, und der lappen vom newen reimet sich nicht auf das alte. Luc. 5, 36 (im Basler nachdrucke wird lappen erklärt als stuck, pletz, lump, vgl. Fromm. 6, 43ᵃ); meine kunden bevortheile ich nicht um den kleinsten lappen (spricht ein schneider). Kotzebue dramat. sp. 2, 215; der palast Ostheim stand noch in seiner integrität, allein zur schneiderherberge, zu einquartierungs- und wachtstuben verwandelt ... säle von lappen und fetzen, dann wieder die gypsmarmornen wände mit haken und groszen nägeln zersprengt. Göthe 30, 323; scheuerhader oder lappen, bestehet aus einem groben leinenen zeug. Jacobsson 7, 202ᵇ; lappen, flecken, die kleinen stücke zeuges, so bei seite gelegt und zum ausbessern gebraucht werden können. 6, 417ᵇ. vgl. die composita fegelappe, flicklappe, scheuerlappe, waschlappe, wischlappe, zeuglappe; ein lappen schwamm, ein groszes stück feuerschwamm. Campe; mediziner sprechen auch von hautlappen, stücken haut, wie sie bei verwundungen u. ähnl. sich vom körper lösen. bildlich: wie schlecht sieht es .. mit jenen poetischen blumenlesen und vorrathsschränken aus, in denen man sich fremde lappen für zukünftigen gebrauch sammlet. Herder zerstr. bl. 3 (1787) 103; wer in der kürze einen eminenten fall sehen will, wie man mit der gröszten gemüthsruhe und behaglichkeit einen neuen lappen auf ein altes kleid flickt, der lese .. Göthe 54, 206; formelhaft lumpen und lappen: phantasie, die aus tausenden zusammenträgt, aber nicht das rechte, sondern auszerwesentliche, ist .. bettlerarmuth; lumpen und lappen und kein ganz stück. Heinse Ardingh. 1, 360. Sprichwörtlich: besser ein lappen denn ein loch. Simrock 329. auf die lappen treten, zuschreiten, vielleicht ist hier an die fuszlappen (theil 4¹, 1034) angeknüpft, die statt der strümpfe getragen werden, da man für fortgehen auch sagt sich auf die socken, sich auf die strümpfe machen: er tratt tapfer auf die lappen, so dasz er in bälde eine junge baurendirn aus seinem dorfe einholete. Simpl. 3, 399 Kurz, auch niederdeutsch heiszt sich fortmachen sik up de lappen geven. Brem. wb. 3, 15; einen beim lappen haben, beim ärmel?: wenn ich ihn nur einmal beim lappen habe, er soll nicht los kommen. Göthe 8, 84, wofür aber im jungen Göthe 2, 307: wenn ich ihn nur einmal beim lippen habe, sonst sind die verbalformen lippen und lappen im ablautspiele verbunden, vgl. unten unter lappen, und für läppern hat Stieler lippern minutatim solvere 671.
2)
verächtlich heiszt lappe, lappen auch ein ganzes kleidungsstück oder kleidung: die frau base aber sieht mehr auf die lappen, auf den bettelstaat. Rumohr novellen s. 28; hessisch ist lappen das halstuch oder kopftuch der weiber. Vilmar 237; vgl. dazu die Göthestelle unter läppchen.
3)
lappen, bei den jägern tücher zur umstellung einer jagd: zum betrug (des wildes) gehören garn und netze: und die man zuͦm gewild gebraucht, nendt man auf weidmännisch wildseil, wildgarn, rechgarn, hasengarn, wehrplahen, höhe zuͦ der wehrplahen, halbtücher, wänd, wehrtücher oder lappen: und die zuͦn schweinen, schweinseil. Sebiz feldb. 563; dasz dem andern theile dadurch nicht gelegenheit gegeben werde, seinem nachbar das wildpret des nachts mit lappen zu verziehen, sich zuzulappen, und ihme alsdenn abzufangen. Göchhausen not. ven. 245; das wild geht durch die lappen, entrinnt den fangtüchern: ich werde indessen die treiber an das äuszerste ende der landzunge schicken, damit sie die schmale verbindung derselben mit dem walde durch netze absperren; das wild könnte uns sonst, während wir essen und trinken, durch die lappen gehen. didaskalia vom 29. dec. 1872; auch in freiem sinne, durch die lappen gehen, ausreiszen: es ist kein verlasz mehr auf erden, nichts ist fest, die heiligsten verhältnisse werden gewissenlos ruinirt, auf seine freunde durfte man schon lange nicht mehr vertrauen, jetzt gehen sogar die feinde durch die lappen. Freytag handschr. 3, 7. vgl. federlappen, tuchlappen.
4)
lappen, nennen auf dem Rheine die schiffer ihre segel. Jacobsson 2, 559ᵃ. sonst wird in der schiffahrt ein eingesetztes oder aufgesetztes stück holz an einer schadhaften verfaulten stelle eine lapp genannt. Campe.
5)
lappe, hangende haut am menschlichen oder thierischen körper, schon ahd. brustlappa paliaria Graff 2, 38; nasenflügel: die breite der nase bis an die lappen der nüstern. Winkelmann 4, 177; zipfel des ohres, vgl. oben unter läppchen; der jäger nennt lappen die niederhangenden ohren eines hundes (s. unten lappendig); lappe beim hahn, beim truthahn, die hangende haut unter dem schnabel (vgl. läpplein); beim fleischer ist lappen an einem rind die fleischichte haut, welche den wanst ausmacht, auch der dicke lappen genannt: was aber aus dem bauche weiter unten gehackt wird, heiszt der dünne lappen. Jacobsson 2, 559ᵃ. im Hennebergischen lappen die kaldaunen.
6)
anatomisch lappenartige theile mehrerer weichgebilde, besonders der leber und der lunge; die lappen, oder halbkugeln des kleinen gehirns. so heiszen die durch den sichelfortsatz von einander geschiedenen beiden seitentheile des kleinen gehirns; .. die lappen des groszen gehirns. diesen namen führen diejenigen theile, in welche die untere oberfläche der halbkugeln des groszen gehirns abgetheilt ist. Nemnich 3, 432.
7)
lappen, die beiden abtheilungen eines samenkorns, welche das sich in der erde in milch verwandelnde mehl enthalten. Jacobsson 2, 559ᵃ. auch durch einschnitte gebildete herabhangende theile der pflanzen, lobi.
8)
lappen beim schlosser, die vorspringenden stücken eines eisernen bandes zum kofferbeschläge. Jacobsson ebenda; lappen eines fischbandes ist der theil vom fischbande, der in das holz hinein gehet, wie ein zapfen eines zapfenlochs. 6, 417ᵇ. sonst ist lappen der nach oben stehende breitere theil eines im rechten winkel geschmiedeten hakens.
9)
lappen der stangen beim sporer ein stück eisen, welches wie ein lappen gebildet ist, und an der stange eines pferdezaums zur zierrath dienet. 2, 559ᵇ.
10)
lappen, spindellappen, beim uhrmacher die beiden lappen an der spindel einer uhr, worein das steigerad mit seinen zähnen wechselsweise greift. 2, 559ᵃ.
11)
lappen die zwei, zwei zoll dicken blätter, die an jeder seite der zwange an den armen des kehrrades eines wassergöpels vorhanden sind. ebenda.
12)
lappen im wasserbau, die vorstehenden ränder an den eisernen wasserröhren, die in der erde zu den wasserkünsten gelegt werden, zwischen welche, wenn man zwei dergleichen röhren vereinigt, man leder oder hutfilz legt und dieselben hernach mit schrauben zusammenschraubt. 2, 559ᵇ.
Zitationshilfe
„lappe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/lappe>, abgerufen am 22.10.2019.

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