lucke, lücke f
Fundstelle: Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1226, Z. 25
apertura.
1)
ahd. lucha, luccha, aus luchja, mhd. lucke und lücke; ein dem hochdeutschen gebiete eigenes wort, dem im niederdeutschen und im scandinavischen die nachher unter luke aufzuführenden bildungen am nächsten stehen. wenn im Schwedischen das fem. lucka auszer der dort zu würdigenden bedeutung laden, klappe auch die des hochdeutschen lücke zeigt (lucka i en slagordning, lucka i en skrift), so ist das übertragung eines neueren hochdeutschen sprachgebrauchs. der begriff des hochd. lücke ist der des zu schlieszenden (bair. im gegensatze zum neutr. luck, welches das schlieszende bezeichnet, vgl. Schm. 1, 1435 Fromm.), der sich in mehrfacher weise ausgebildet hat. der umlaut des wortes ist namentlich Luthers sprache gemäsz (während die Oberdeutschen ihn fern halten), und erst in der neueren schriftsprache allgemein geworden.
2)
alt ist im Oberdeutschen lücke als öffnung des hages, die durch querstangen beliebig zu schlieszen ist: die lucken, ein weite zwüschen den pfälen, intervallum Maaler 275ᵃ; so macht man auch etwan zwischen den zäunen (eines feldes) lucken, verhüt und fahet also das wildpret, so es bei nacht hinein gehet. Sebiz 562; so noch alem. lücke, lügge, luckete, eine art sperre mit thorweit aus einander stehenden säulen, durch welche drei bis vier stangen gehen, oder eine gatterthür im zaune um ein stück gut. Stalder 2, 182; bair. die lucken, eine öffnung im zaune, die man durch querstangen beliebig schlieszen und öffnen kann. Schm. 1, 1435 Fromm.; tirol. luke, zaunöffnung mit beweglichen querbrettern zum schlieszen. Schöpf 400; ebenso kärnthnisch. Lexer 181.
3)
dieser bedeutung nahe steht lücke als enger, sperrbarer durchgang zwischen zwei häusern, sonst schlupf, obersächsisch schlippe (aus schlüpfe): dasz wir .. gesammletes wasser dahin (auf des nachbars grund) oder auf die gemeine schlippe oder lücke fallen lassen. Haymen allg. teutsches jurist. lex. (1738) 34; in der Preszburger mundart ist lucka ein schmaler durchgang: a reden, das is pai'n Nîglsdarfarn a gassen, und a lucka-r-a gassel. Fromm. 5, 504.
4)
gewöhnlich heiszt lücke die unterbrechung des zusammenhanges bei etwas als reihe oder fortlaufend gedachtem: lükke, intervallum, distance, die weite von einem zum andern. Schottel 1559; ist aber, daʒ er (der hof um die sonne) ie lenger ie liehter wirt und daʒ er sich tailt und lucken gewint oben oder beseits, sô bedäut der hof wint. Megenberg 96, 32; er sol och wa ein lukü ist verstoszen (eine lücke in den zaun eingebrochen ist), als vil er zu bringen mag, mit einem burdi dornen. weisth. 1, 308 (Schwarzwald, 15. jahrh.); und als wir nun schier zu ihrer wagenburg kamen, wolten sie dieselbige beschlieszen ... so wolt es auch meines verstands die nothdurft erfordern, dasz ich den fordersten fuhrmann von dem gaul heraber stach, das thät ich nur darum, damit der wage nit weiter kommen könnt, und dasz die andern auch still halten musten, und behielt ich dieselbige lucken, ... dasz sie die wagenburg nit gar schlieszen könnten. Götz v. B. 54; da Salomo Millo bawet, verschlos er eine lücke an der stad David seines vaters. 1 kön. 11, 27; da .. unser feinde erfuren, das ich die mauren gebawet hatte, und keine lücke mehr dran were. Neh. 6, 1; der die lücken verzeunet und die wege bessert. Jes. 58, 12; der herr hat geboten, das man die grosen heuser schlahen sol, das sie ritze gewinnen, und die kleinen heuser, das sie lücken gewinnen. Amos 6, 11; zur selbigen zeit, wil ich die zerfallen hütten Davids wider aufrichten, und jre lücken verzeunen. 9, 11, vergl. ap. gesch. 15, 16; zän die kein lugken habend, dentes continui Maaler 275ᶜ; den namen lückennetze führt es (ein jagdzeug) deswegen, weil es in denen kleinen feldhölzern oder gesträuchen in eine lücke oder in ein loch und schlupfwinkel gestellet wird. öcon. lex. 1383;
er hiuw dâ bêdenthalben lucken unde phat (in die schar der feinde).
Wolfdietr. A. 339;
her an, her an, her an,
welcher do hat ein posen zan! ..
ich full im vor die lucken schon
mit rosfeigen, wagensmalz und witwenlaimen.
fastn. sp. 377, 34;
ich schlug im zwen zen ausz seim drüszel
und ich maint, ich wolt im in die lucken scheiszen.
755, 28;
doch zu Strasburg an der Reinprucken,
da hat der Rein gesucht ain lucken
von altem her hinein inn dstat
mit aim arm aus sonder libthat.
Fischart glückh. schiff 716;
vgl. auch mauerlücke, zahnlücke, zaunlücke. bei den steinsetzern heiszt lücke im pflaster eine vertiefung oder bruch im steinpflaster, längs den rinnen oder auf dem rücken desselben. Jacobsson 2, 640ᵃ; in der militärischen sprache lucken, lücken, die öffnungen oder leeren plätze in einem bataillon. Eggers kriegslex. 2, 84; vgl. dazu lückenregister.
5)
bisweilen geht lücke in die bedeutung loch über: dieweil nu dieselbige (kachel des ofens) eine kleine lucke hett. Kirchhof wendunm. 341ᵃ;
die lews pissen mir lucken.
Hätzlerin 1, 37, 24;
den spiesz tet er da zucken:
hüt dich! hüt dich! ..
ich schlag in dich ain lucken
und gib dir ainen stich.
Uhland volksl. 655;
was ist das eitel leben,
in dem wir mänschen schweben,
verlassen uns darauf?
ein faules holz auf brucken;
ein fahrweg voller lucken.
Rompler 143;
in der Heanzenmundart lukka fem. loch Fromm. 6, 337.
6)
formeln, redensarten und bilder lehnen sich an die bedeutung 4 an. eine lücke suchen, durch die man durchschlüpfen oder entschlüpfen kann: etlich oberkeit begeren von den unsern, das sie doch wolten, jnen zu willen und gefallen, der heiligen feier halten, fleisch essen meiden, einer gestalt des sakraments brauchen, und ander stück dergleichen. so sind denn etliche, die rahten dazu und sagen, weil solche stücke euszerlich ding sei, müge man, ja man solle der oberkeit darin gehorsam sein, und sei es schüldig, also sucht der teufel jmer lücken, und legt stricke dem armen gewissen. Luther 3, 523ᵇ;
man merkt sehr wol euch mammelucken,
wie jr sucht alle weisz und lucken,
dasz jr nur hoch herfürher kemen.
Fischart nachtrab 1074;
wiewol jr suchet weg und lucken,
die bekantnusz under zutrucken.
1883;
eine weite lücke, die man findet oder die offen steht: sie sind komen wie zur weiten lücken er ein, und sind on ordnung daher gefallen. Hiob 30, 14;
wan du bist mir nüwlich entloffen
und stat din luk noch wit offen:
da muostu oder ain andra drin.
des teufels netz 258;
vor die lücke treten, für einen in oder vor die lücke stehen, für jemand einstehen, einen in oder vor die lücke stellen (mundartlich bairisch Schm. 1, 1435 Fromm., tirol. Schöpf 400): sie tretten nicht fur die lücken, und machen sich nicht zur hürten umb das haus Israel, und stehen nicht im streit. Hes. 13, 5; es sei dieser Andreas ... in solche unsinnigkeit auszgebrochen, das er sein maul wider den himmel gesetzt, und mit seiner zung wider den apostolischen stuͦl, ja gott selbs, des lucken er vertrete, ungötliche, falsche wort .. auszgossen. Wurstisen 468; ein haan zeigts mit seinen geberden an, was er kann; darumb wer sein lück nicht vertreten kann, so ist sein text, der soll sich deren nicht maszen an, oder ein andern das best thun lan. Lehmann 163 (vorher wer sein lück nicht versehen kann, der soll des weibs müszig gan); wer einen schalk will fangen, der musz ein schalk an die luck stellen. 108;
man sagt, welcher schälk fangen wöll,
derselb schälk für die lucken stell.
J. Ayrer fastn. sp. 77ᵇ (2727, 3 Keller);
wil glück zu eim,   so günt mans keim.
man stellt in für die lücken.
Ambr. liederb. 21, 10;
die lücke büszen, vgl. theil 2, 572 und unten lückenbüszer, im eigentlichen sinne: die creuzherrn gruben den tham durch an dem flusz Rodaune. den dritten tag hernach, da man die lücken am tham widerum gebüszet, kam das wasser in die stadt wie vor. Waiszel chronik (1559) 214ᵃ; bildlich: die lücke büszen, esse vicarium, sustinere partes ad se non pertinentes, subordinatum esse. Frisch 1, 626ᵇ; einen schaden gut machen: alsbald ist Tiberius ein bruͦder Drusi vom römischen rath auszgesendt mit fünfzehen legion, die lucken Vari zu büszen. S. Frank Germaniae chron. (1538) 12ᵇ. Der bedeutung 5 näher steht die bairische redensart lucken auf, lucken zue (wenn eine neue schuld gemacht wird, um eine alte zu bezahlen). Schm. 1, 1435 Fromm.; eine lücke auf-, die andere zumachen, versuram facere Frisch 1, 626ᵃ; vergl. dazu unter loch 13, sp. 1098.
7)
gern verwendet auch die gewählte neuere sprache lücke nicht nur in der eigentlichen bedeutung 4: erblickten sie durch zufällige lücken der hohen bäume das fürstliche schlosz links. Göthe 15, 311; um die lücken zu ergänzen, welche der tod in ihr vordertreffen gerissen. Schiller 965ᵃ; tags darauf sprengte eine mine eine weite lücke in die burgbastei. Beckers weltg. 9, 412; da liesz es die drei seltsamen weiber herein und machte in der ersten kammer eine lücke (unter den aufgehäuften vorräthen), wo sie sich hinsetzten und ihr spinnen anhuben. H. Heine 7, 74; auch dann, wo die eigentliche bedeutung entfernter und mehr nur ein fehlen hervortritt: eine lücke im manuscript; er ist mit seinem geiste bei seinem manuscripte, und füllt die lücken aus. Gellert 6, 290; an dem gärtner aber hatte sie zu trösten über manche durch Lucianens wildheit entstandene lücke unter den topfgewächsen. Göthe 17, 304;
dann der mutter haupt erfaszt er, ..
auf des nächsten rumpfes lücke
setzt ers eilig.
2, 14;
ferner auf seelische empfindung oder geistige anschauung übertragen: so pflegen auch die lücken in unsern moralischen begriffen und die miszhelligkeiten zwischen dem kopf und dem herzen immer gröszer und gefährlicher zu werden. Wieland 2, 266; er konnte und wollte die lücken, die damahls im system seiner meinungen und überzeugungen entstanden waren, nicht länger unberichtigt lassen. 3, 433; so entsteht in meinem innern durch ihren abschied eine lücke, die sich so leicht nicht wieder ausfüllen wird. Göthe 20, 117; die bemerkung ist nicht neu wie die erscheinung eines vorzüglichen menschen in irgend einem cirkel epoche macht und bei seinem scheiden eine lücke sich zeigt, in die sich öfters ein zufälliges unheil hineindrängt. 23, 179; mit dem gelde habe es keine noth. er selbst fühle diese lücke gar nicht und stehe dem prinzen jeden augenblick mit noch dreimal so viel zu diensten. Schiller 745ᵃ; die entfernung des prinzen von Oranien ... hatte in ihr vertrauen eine lücke gerissen, von welcher graf Egmont ... einen unumschränkten besitz nahm. 816ᵇ; neue entdeckungen im kreise seiner thätigkeit, die den brodgelehrten niederschlagen, entzücken den philosophischen geist. vielleicht füllen sie eine lücke, die das werdende ganze seiner begriffe noch verunstaltet hatte. 1003ᵃ; zwischen meiner darstellung des mittel- und neuhochdeutschen wird eine lücke empfindlich sein. J. Grimm gramm. 1², s. x;
ein dunkler wörterkram von form und qualität
ist, was er andre lehrt und selber nicht versteht.
zu glücklich, wenn sie nicht mit spitzig seichten grillen
die lücken der natur durch leere töne füllen!
Lessing 1, 177;
zum unglück für den mann, der lauter wunder spricht,
entsteht dadurch (durch das wallen ihres busens), und sie bemerkt es nicht,
ich weisz nicht welche kleine lücke,
die seinen flug auf einmal unterbricht.
Wieland 9, 65;
allitterierende verbindung lücke und leere: wenn ihr abschied, nach den zwei vergnügten nur zu schnell verflosznen tagen, mich eine grosze lücke und leere fühlen liesz. Göthe 38, 55; wir wissen, .. dasz das junge herrchen .. hier im geist in der stirn mehr lücke und leere, als überfülle besitzt. Tieck ges. nov. 11, 50; wie in eine grosze lücke und leere stürzt das leben! Gutzkow ritter v. geiste 2, 1.
8)
in der neueren sprache steht unumgelautetes lucke für luke, s. d. und dachlucke theil 2, 665: lucke, ein viereckigtes loch in dem verdeck eines schiffes, wodurch man auf treppen auf und ab steiget. Jacobsson 2, 640ᵃ; ich und meine Juliana lagen in der einen cajüte, und die lucken waren zugenagelt. Pierot 1, 205; bei Frisch 1, 626ᵇ in der form lücke: die grosze lücke auf den schiffen.
lucke, lücke f
Fundstelle: Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1226, Z. 25
apertura.
1)
ahd. lucha, luccha, aus luchja, mhd. lucke und lücke; ein dem hochdeutschen gebiete eigenes wort, dem im niederdeutschen und im scandinavischen die nachher unter luke aufzuführenden bildungen am nächsten stehen. wenn im Schwedischen das fem. lucka auszer der dort zu würdigenden bedeutung laden, klappe auch die des hochdeutschen lücke zeigt (lucka i en slagordning, lucka i en skrift), so ist das übertragung eines neueren hochdeutschen sprachgebrauchs. der begriff des hochd. lücke ist der des zu schlieszenden (bair. im gegensatze zum neutr. luck, welches das schlieszende bezeichnet, vgl. Schm. 1, 1435 Fromm.), der sich in mehrfacher weise ausgebildet hat. der umlaut des wortes ist namentlich Luthers sprache gemäsz (während die Oberdeutschen ihn fern halten), und erst in der neueren schriftsprache allgemein geworden.
2)
alt ist im Oberdeutschen lücke als öffnung des hages, die durch querstangen beliebig zu schlieszen ist: die lucken, ein weite zwüschen den pfälen, intervallum Maaler 275ᵃ; so macht man auch etwan zwischen den zäunen (eines feldes) lucken, verhüt und fahet also das wildpret, so es bei nacht hinein gehet. Sebiz 562; so noch alem. lücke, lügge, luckete, eine art sperre mit thorweit aus einander stehenden säulen, durch welche drei bis vier stangen gehen, oder eine gatterthür im zaune um ein stück gut. Stalder 2, 182; bair. die lucken, eine öffnung im zaune, die man durch querstangen beliebig schlieszen und öffnen kann. Schm. 1, 1435 Fromm.; tirol. luke, zaunöffnung mit beweglichen querbrettern zum schlieszen. Schöpf 400; ebenso kärnthnisch. Lexer 181.
3)
dieser bedeutung nahe steht lücke als enger, sperrbarer durchgang zwischen zwei häusern, sonst schlupf, obersächsisch schlippe (aus schlüpfe): dasz wir .. gesammletes wasser dahin (auf des nachbars grund) oder auf die gemeine schlippe oder lücke fallen lassen. Haymen allg. teutsches jurist. lex. (1738) 34; in der Preszburger mundart ist lucka ein schmaler durchgang: a reden, das is pai'n Nîglsdarfarn a gassen, und a lucka-r-a gassel. Fromm. 5, 504.
4)
gewöhnlich heiszt lücke die unterbrechung des zusammenhanges bei etwas als reihe oder fortlaufend gedachtem: lükke, intervallum, distance, die weite von einem zum andern. Schottel 1559; ist aber, daʒ er (der hof um die sonne) ie lenger ie liehter wirt und daʒ er sich tailt und lucken gewint oben oder beseits, sô bedäut der hof wint. Megenberg 96, 32; er sol och wa ein lukü ist verstoszen (eine lücke in den zaun eingebrochen ist), als vil er zu bringen mag, mit einem burdi dornen. weisth. 1, 308 (Schwarzwald, 15. jahrh.); und als wir nun schier zu ihrer wagenburg kamen, wolten sie dieselbige beschlieszen ... so wolt es auch meines verstands die nothdurft erfordern, dasz ich den fordersten fuhrmann von dem gaul heraber stach, das thät ich nur darum, damit der wage nit weiter kommen könnt, und dasz die andern auch still halten musten, und behielt ich dieselbige lucken, ... dasz sie die wagenburg nit gar schlieszen könnten. Götz v. B. 54; da Salomo Millo bawet, verschlos er eine lücke an der stad David seines vaters. 1 kön. 11, 27; da .. unser feinde erfuren, das ich die mauren gebawet hatte, und keine lücke mehr dran were. Neh. 6, 1; der die lücken verzeunet und die wege bessert. Jes. 58, 12; der herr hat geboten, das man die grosen heuser schlahen sol, das sie ritze gewinnen, und die kleinen heuser, das sie lücken gewinnen. Amos 6, 11; zur selbigen zeit, wil ich die zerfallen hütten Davids wider aufrichten, und jre lücken verzeunen. 9, 11, vergl. ap. gesch. 15, 16; zän die kein lugken habend, dentes continui Maaler 275ᶜ; den namen lückennetze führt es (ein jagdzeug) deswegen, weil es in denen kleinen feldhölzern oder gesträuchen in eine lücke oder in ein loch und schlupfwinkel gestellet wird. öcon. lex. 1383;
er hiuw dâ bêdenthalben lucken unde phat (in die schar der feinde).
Wolfdietr. A. 339;
her an, her an, her an,
welcher do hat ein posen zan! ..
ich full im vor die lucken schon
mit rosfeigen, wagensmalz und witwenlaimen.
fastn. sp. 377, 34;
ich schlug im zwen zen ausz seim drüszel
und ich maint, ich wolt im in die lucken scheiszen.
755, 28;
doch zu Strasburg an der Reinprucken,
da hat der Rein gesucht ain lucken
von altem her hinein inn dstat
mit aim arm aus sonder libthat.
Fischart glückh. schiff 716;
vgl. auch mauerlücke, zahnlücke, zaunlücke. bei den steinsetzern heiszt lücke im pflaster eine vertiefung oder bruch im steinpflaster, längs den rinnen oder auf dem rücken desselben. Jacobsson 2, 640ᵃ; in der militärischen sprache lucken, lücken, die öffnungen oder leeren plätze in einem bataillon. Eggers kriegslex. 2, 84; vgl. dazu lückenregister.
5)
bisweilen geht lücke in die bedeutung loch über: dieweil nu dieselbige (kachel des ofens) eine kleine lucke hett. Kirchhof wendunm. 341ᵃ;
die lews pissen mir lucken.
Hätzlerin 1, 37, 24;
den spiesz tet er da zucken:
hüt dich! hüt dich! ..
ich schlag in dich ain lucken
und gib dir ainen stich.
Uhland volksl. 655;
was ist das eitel leben,
in dem wir mänschen schweben,
verlassen uns darauf?
ein faules holz auf brucken;
ein fahrweg voller lucken.
Rompler 143;
in der Heanzenmundart lukka fem. loch Fromm. 6, 337.
6)
formeln, redensarten und bilder lehnen sich an die bedeutung 4 an. eine lücke suchen, durch die man durchschlüpfen oder entschlüpfen kann: etlich oberkeit begeren von den unsern, das sie doch wolten, jnen zu willen und gefallen, der heiligen feier halten, fleisch essen meiden, einer gestalt des sakraments brauchen, und ander stück dergleichen. so sind denn etliche, die rahten dazu und sagen, weil solche stücke euszerlich ding sei, müge man, ja man solle der oberkeit darin gehorsam sein, und sei es schüldig, also sucht der teufel jmer lücken, und legt stricke dem armen gewissen. Luther 3, 523ᵇ;
man merkt sehr wol euch mammelucken,
wie jr sucht alle weisz und lucken,
dasz jr nur hoch herfürher kemen.
Fischart nachtrab 1074;
wiewol jr suchet weg und lucken,
die bekantnusz under zutrucken.
1883;
eine weite lücke, die man findet oder die offen steht: sie sind komen wie zur weiten lücken er ein, und sind on ordnung daher gefallen. Hiob 30, 14;
wan du bist mir nüwlich entloffen
und stat din luk noch wit offen:
da muostu oder ain andra drin.
des teufels netz 258;
vor die lücke treten, für einen in oder vor die lücke stehen, für jemand einstehen, einen in oder vor die lücke stellen (mundartlich bairisch Schm. 1, 1435 Fromm., tirol. Schöpf 400): sie tretten nicht fur die lücken, und machen sich nicht zur hürten umb das haus Israel, und stehen nicht im streit. Hes. 13, 5; es sei dieser Andreas ... in solche unsinnigkeit auszgebrochen, das er sein maul wider den himmel gesetzt, und mit seiner zung wider den apostolischen stuͦl, ja gott selbs, des lucken er vertrete, ungötliche, falsche wort .. auszgossen. Wurstisen 468; ein haan zeigts mit seinen geberden an, was er kann; darumb wer sein lück nicht vertreten kann, so ist sein text, der soll sich deren nicht maszen an, oder ein andern das best thun lan. Lehmann 163 (vorher wer sein lück nicht versehen kann, der soll des weibs müszig gan); wer einen schalk will fangen, der musz ein schalk an die luck stellen. 108;
man sagt, welcher schälk fangen wöll,
derselb schälk für die lucken stell.
J. Ayrer fastn. sp. 77ᵇ (2727, 3 Keller);
wil glück zu eim,   so günt mans keim.
man stellt in für die lücken.
Ambr. liederb. 21, 10;
die lücke büszen, vgl. theil 2, 572 und unten lückenbüszer, im eigentlichen sinne: die creuzherrn gruben den tham durch an dem flusz Rodaune. den dritten tag hernach, da man die lücken am tham widerum gebüszet, kam das wasser in die stadt wie vor. Waiszel chronik (1559) 214ᵃ; bildlich: die lücke büszen, esse vicarium, sustinere partes ad se non pertinentes, subordinatum esse. Frisch 1, 626ᵇ; einen schaden gut machen: alsbald ist Tiberius ein bruͦder Drusi vom römischen rath auszgesendt mit fünfzehen legion, die lucken Vari zu büszen. S. Frank Germaniae chron. (1538) 12ᵇ. Der bedeutung 5 näher steht die bairische redensart lucken auf, lucken zue (wenn eine neue schuld gemacht wird, um eine alte zu bezahlen). Schm. 1, 1435 Fromm.; eine lücke auf-, die andere zumachen, versuram facere Frisch 1, 626ᵃ; vergl. dazu unter loch 13, sp. 1098.
7)
gern verwendet auch die gewählte neuere sprache lücke nicht nur in der eigentlichen bedeutung 4: erblickten sie durch zufällige lücken der hohen bäume das fürstliche schlosz links. Göthe 15, 311; um die lücken zu ergänzen, welche der tod in ihr vordertreffen gerissen. Schiller 965ᵃ; tags darauf sprengte eine mine eine weite lücke in die burgbastei. Beckers weltg. 9, 412; da liesz es die drei seltsamen weiber herein und machte in der ersten kammer eine lücke (unter den aufgehäuften vorräthen), wo sie sich hinsetzten und ihr spinnen anhuben. H. Heine 7, 74; auch dann, wo die eigentliche bedeutung entfernter und mehr nur ein fehlen hervortritt: eine lücke im manuscript; er ist mit seinem geiste bei seinem manuscripte, und füllt die lücken aus. Gellert 6, 290; an dem gärtner aber hatte sie zu trösten über manche durch Lucianens wildheit entstandene lücke unter den topfgewächsen. Göthe 17, 304;
dann der mutter haupt erfaszt er, ..
auf des nächsten rumpfes lücke
setzt ers eilig.
2, 14;
ferner auf seelische empfindung oder geistige anschauung übertragen: so pflegen auch die lücken in unsern moralischen begriffen und die miszhelligkeiten zwischen dem kopf und dem herzen immer gröszer und gefährlicher zu werden. Wieland 2, 266; er konnte und wollte die lücken, die damahls im system seiner meinungen und überzeugungen entstanden waren, nicht länger unberichtigt lassen. 3, 433; so entsteht in meinem innern durch ihren abschied eine lücke, die sich so leicht nicht wieder ausfüllen wird. Göthe 20, 117; die bemerkung ist nicht neu wie die erscheinung eines vorzüglichen menschen in irgend einem cirkel epoche macht und bei seinem scheiden eine lücke sich zeigt, in die sich öfters ein zufälliges unheil hineindrängt. 23, 179; mit dem gelde habe es keine noth. er selbst fühle diese lücke gar nicht und stehe dem prinzen jeden augenblick mit noch dreimal so viel zu diensten. Schiller 745ᵃ; die entfernung des prinzen von Oranien ... hatte in ihr vertrauen eine lücke gerissen, von welcher graf Egmont ... einen unumschränkten besitz nahm. 816ᵇ; neue entdeckungen im kreise seiner thätigkeit, die den brodgelehrten niederschlagen, entzücken den philosophischen geist. vielleicht füllen sie eine lücke, die das werdende ganze seiner begriffe noch verunstaltet hatte. 1003ᵃ; zwischen meiner darstellung des mittel- und neuhochdeutschen wird eine lücke empfindlich sein. J. Grimm gramm. 1², s. x;
ein dunkler wörterkram von form und qualität
ist, was er andre lehrt und selber nicht versteht.
zu glücklich, wenn sie nicht mit spitzig seichten grillen
die lücken der natur durch leere töne füllen!
Lessing 1, 177;
zum unglück für den mann, der lauter wunder spricht,
entsteht dadurch (durch das wallen ihres busens), und sie bemerkt es nicht,
ich weisz nicht welche kleine lücke,
die seinen flug auf einmal unterbricht.
Wieland 9, 65;
allitterierende verbindung lücke und leere: wenn ihr abschied, nach den zwei vergnügten nur zu schnell verflosznen tagen, mich eine grosze lücke und leere fühlen liesz. Göthe 38, 55; wir wissen, .. dasz das junge herrchen .. hier im geist in der stirn mehr lücke und leere, als überfülle besitzt. Tieck ges. nov. 11, 50; wie in eine grosze lücke und leere stürzt das leben! Gutzkow ritter v. geiste 2, 1.
8)
in der neueren sprache steht unumgelautetes lucke für luke, s. d. und dachlucke theil 2, 665: lucke, ein viereckigtes loch in dem verdeck eines schiffes, wodurch man auf treppen auf und ab steiget. Jacobsson 2, 640ᵃ; ich und meine Juliana lagen in der einen cajüte, und die lucken waren zugenagelt. Pierot 1, 205; bei Frisch 1, 626ᵇ in der form lücke: die grosze lücke auf den schiffen.
lücke f
Fundstelle: Lfg. 7 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1229, Z. 10
das lucksein, lockerheit: lucke, fungositas Dasyp.; lücke, mangel an muͦt und dapferkeit, liederligkeit, remissio animi ac dissolutio, languor, marcor Maaler 275ᶜ; schweiz. lüggi, schwachheit Stalder 2, 183.
Zitationshilfe
„lücke“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/l%C3%BCcke>, abgerufen am 17.06.2019.

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