kranich m
Fundstelle: Lfg. 9 (1869), Bd. V (1873), Sp. 2020, Z. 29
grus.
I.
Formen und verwandtschaft.
1)
die nhd. form zeigt eine ganz seltene alterthümlichkeit, kurze stammsilbe vor einfacher consonanz in einem zweisilbigen worte; freilich neigt unsere aussprache mehr zu krannich (wie z. b. Fischart auch schrieb, s. II, 1, b. c) und auch krânich hört man, geziert oder mundartlich (?). aber z. b. in kranichfeder hört man noch, bei raschem sprechen sicher, blosz èin n. nhd. krănich stimmt bis auf den anlaut und die aussprache des -ch noch zu ahd. chranih. auch das unbetonte -ich ist nhd. ungewöhnlich (in hâbicht erhält -icht meist einen tiefton), die zu erwartende form wäre kranch, wie mhd. und noch landsch., auch bei schriftstellern im 16. 17. 18. jh. (s. u. II, 1, a). übrigens galt auch mhd. kranich, z. b. Haupt 7, 353.
2)
neben ahd. chranih steht aber chranuh (Graff 4, 613), auch geschwächt chranoh, weiter geschwächt mhd. kranech, ganz wie ahd. hapuh habicht durch hapoh (Graff 4, 754) zu mhd. habech wurde. merkwürdig ist ahd. granich Graff 4, 614, granuh Hattemer 1, 295ᵃ (neben chrawa krähe daselbst); vgl. das md. grûn und grunch unter 4, d.
3)
mhd.
a)
neben kranech kranch (vgl.hapch habicht 4², 91 mitte, pl. hebch MS. 2, 207ᵃ), vgl. u. 1 zuletzt; in der zusammengeschobenen form auch mit verlust der aspiration kranc Schwabensp. 283 Wack., Neidh. xlii, 2 var., noch im 15. jh. kranck grus Dief. n. gl. 198ᵃ (krang Dief. 270ᵇ), wie hapk 15. jh. Dief. n. gl. 5ᵇ. s. auch krenkmaister unter kranichmeister.
b)
aber auch mit umlaut krench Neidh. a. a. o., Mones anz. 8, 399, noch im 15. jh. voc. inc. teut. n 6ᵇ (vgl. unter II, 2, b), auch mit voller endung chrenich Dief. 270ᵇ. ein bair. beleg aus 14. jh.: er hat ain farw als ein krench. Schiltberger 111, vorher ebend. gröszer dann ein kranch. s. auch krenkmaister (16. jh.) unter a, kränchskragen unter kranichskragen. danach wird ahd. chranih eine echte nebenform von chranuh sein, nicht aus diesem geschwächt. ist in mhd. hebch und valken MSH. 2, 335ᵃ das e nur vom pl.? auch ahd. schon habich Graff 4, 754.
c)
es gab aber auch eine schwache form, die Haupt zu Walther 19, 31 (4. ausg.) nachwies, z. b.: daʒ was dem kranchen swære (vorher kranich). Haupts zeitschr. 7, 353, 14; des kranechen. 354, 50; kranechen acc. pl. Biterolf 6983. ebenso von der umlautsform, krenechen gen. pl. Walth. 19, 31 in B (Weingartner liederhs. s. 174). und so noch im 16. jh., auch von beiden formen, oberd. wie md., mit der starken gemischt:
antvögel, kranchen samleten sich.
Waldis Es. 1, 60, 4;
wildgens, kränchen in lüften oben.
Schmelzl Saul 34ᵇ
sichst nicht, das krench dort umbher gehen? ...
es müssen mir ja krenchen sein.
Eyring sprichw. 1, 751.
in folg. steht vielleicht stark und schwach nebeneinander:
kompt er zuletzt zum kranch gegangen.
er sprach: ach lieber kranche mein ...
Alberus Es. 97.
ebenso wieder bei habich, s. 4², 91 mitte habiche, dem habichen, auch diesz schon mhd.: sô man die habechen hete lân. Bit. 6980.
4)
aber auch noch anders, besonders im nd. sprachgebiete.
a)
zwar findet sich da dem hd. entsprechend nnd. krâneke m. (pl. krâneken) Schambach 111ᵃ, westf. krânek Kuhns zeitschr. 2, 191, schon mnd. nach kraneken snavel kranichschnabel (s. d.) Mones anz. 4, 239, krankesnavel Dief. 275ᵃ, also schwach und stark wie mhd.; s. auch krankwort unter kranichwurz.
b)
aber vorherschend ist eine einfachere, alterthümlichere form (die doch auch hd. nicht ganz fehlte, s.kran 3, a), aus der jene erst weitergebildet ist: nnd. krân brem. wb. 2, 864, Dähnert 252ᵃ, krane Strodtmann 115, nnl. kraan; mnd. krane schwach und kran stark (nach kranes hals Haupt 7, 295); auch mnrh. kraen Fromm. 2, 442ᵃ (pl. kranen 1, 217), craen Teuth. 59ᵃ, altnrh. crano Nyerup 267; auch das alts. kraru grues der Straszb. gl. wird in kranu (kranun?) zu bessern sein, nicht in kranc, wie Schmeller, Heyne thun. auch engl. crane, ags. cran (cranu?) Ettm. 398. eigen aber altn. trani m. und trana f. Fritzner 678ᵇ (vergl. kränchin), schwed. norw. isl. trana f., dän. trane, s. dazu K 6.
c)
nd. aber auch krôn Rein. Vos, Dief. 270ᵇ, kroen Chytr. c. 83, Neocorus 1, 466, noch jetzt Dähnert 256ᵇ, Danneil 118ᵃ (vgl. frz. crone kran sp. 2018 b), auch altengl. cron Stratm. 123. das verhält sich ablautend zu krane, wie hôn (hd. huon) zu hane hahn. daher nd. auch kruen (ue = û) Theophilus 204 nach der Stockholmer hs., meckelnb. kraun (au gleich û) als fem.; vgl. im nrh. kinderlieden 'krune krane' Aachener mundart 125, und noch merkwürdiger westf. krukrane kranich Woeste volksüberl. 58, Kuhns zeitschr. 2, 191.
d)
auch md. taucht die form auf in grûn (û = hd. uo) erlösung 60, Haupt 2, 132, was mit dem gr- sich an das ahd. granuh I, 2 anschlieszt und dieses stützt als echt. überaus merkwürdig aber an die hd. form anschlieszend grunch Nemnich 1, 436, wozu das kronchwurz unter kranichwurz gehören kann. hierher gehört wol auch in einem hd. oder md. voc. des 15. jh. grumen, gruere, rufen als dy krench (so l.) Dief. 270ᵇ.
e)
endlich noch einfacher gestaltet, aber doch stammverwandt mhd. krîe, ahd. chreia, s. das dritte krei.
5)
urverwandt stimmt am nächsten zu crano kelt. garan, kymr., bret., gadh., auch altcorn. bezeugt (Zeusz 1113, Diefenb. celt. 1, 130), und gr. γέρανος. ohne das -n aber und mit anderm vocal lat. grus, gruis, dem unser krîe (4, e) nahe tritt. in die mitte zwischen das lat. und gr. stellt sich dann das sl., altsl. žeravĭ, žeravlĭ, serb. žerav, poln. žóraẃ, böhm. geřáb, jeřáb u. s. w., litt. gérwẽ, lett. dsehrwe, altpreusz. gerwe.
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
der vogel.
a)
anfangs herscht noch lange kranch vor; zu den belegen unter I noch folg. spätere und neuere:
fängt etwa einen kranch, der in den lüften irret.
Opitz 1, 156;
die kranche fliegen mandel- und steigenweise mit einander (keilförmig geordnet). Paris v. d. Werder friedensrede, Hamb. 1640 s. 6;
kein muthiger pygmä ist Schwaben zu vergleichen,
wann für der waffen blitz die kranche schüchtern weichen.
Rost das vorspiel 23.
b)
der pl. erscheint ohne und mit umlaut: setzen einen wächter aus inen, als die kranch. Forer fischb. 201ᵃ;
der trübe winter ist fürbei,
die kranich widerkehren.
Spee trutzn. 35.
mit umlaut (doch vgl. dazu I, 3, b krench als sg.): kränche Bocc. 2, 9ᵇ; von dem krieg der erdleutlin pigmeorum und kränche. S. Brant bei Steinhöwel 168ᵇ (vgl. unter bergmännlein); fliegen hoch die kränch, schöne gedenk (hoffe schön wetter). Fischart groszm. 128 (Sch. 647), nach dem reime ist kränk gemeint (s. unter I, 3, a); der streit der hochgebeinten und hochbekragten krännich wider die .. pygmäermännlin. Garg. 196ᵇ (Sch. 364); den armen krenchen. das.
c)
kranich, anfangs auch mit nn (s. I, 1): friszt nicht der krannich seiner kränchin zu leid seine eigene eier? Garg. 195ᵇ (362), kränchin f. das weibchen des kranichs (zur sache ist zu bemerken, dasz den jungen kranichen im gegentheil kindliche zärtlichkeit nachgerühmt wurde, wie sie die kranken alten füttern, s. Fromm. mund. 1, 217); besser ein spatz in der hand als ein kranich aufm dach. Lehman flor. 1, 99;
der weite reifrock rauscht, die jungen stutzer ziehn
wie kraniche davon.
Zachariä ren. 2, 225,
wie oft habe ich mich mit fittigen eines kranichs, der über mich hinflog, zu dem ufer des ungemessenen meeres gesehnt. Göthe 16, 75;
da rauscht der kraniche gefieder.
er hört (schon kann er nicht mehr sehn)
die nahen stimmen furchtbar krähn.
Schiller, die kraniche des Ibykus.
d)
sprichwörtlich war der stolze gang des kranichs:
hôchvart diu hât kranches schrite.
Freidank 30, 13,
vgl. Walther 19, 31 L., 21, 13 WR., 201 Pf. anders aber ist gemeint, wie sich Theophilus a. a. o. (I, 4, c) verschwört:
scholde ik ok gan also ein kruen,
dat my swarliken is to dragen,
sprichwörtlich von magerkeit (s. kranichhals 4), sollte ich auch von hunger schmal werden;
Gerana, zuvor schön, und jetz ein kranch.
Weckherlin 723, dürr.
2)
kranich gleich kran sp. 2017, als werkzeug.
a)
als hebezeug: altifra, kranche. rhein. voc. Dief. 26ᵇ; tornus, kranch. 588ᶜ (vgl.drehlade); instrumentum ad sublevanda onera gravia, kranch oder kran. Alberus p 2ᵃ; hebzeug, gewege, keffer oder kranich. Mathesius 146ᵃ; an einem kranich, zug oder keffer. 149ᵇ; keffer .. heiszt der galgenförmige .... kranich von holz, auf dem der schwengel ruhet. Chemnitzer bergwerkslex. (1743) 324ᵇ. s. auch kranichgeld, kranichrad, kranichmeister.
b)
auch wie kran 2, nach folg.: krench, damit man wein abzieht und stain ufhebt, fallacra. voc. inc. teut. n 6ᵇ schon mhd.: die kreniche, dômit men die wîne ûf ziehet. Königshofen 287.
Zitationshilfe
„kranich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/kranich>, abgerufen am 18.10.2019.

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