krampf m
Fundstelle: Lfg. 9 (1869), Bd. V (1873), Sp. 2010, Z. 59
spasmus.
I.
Die formen.
a)
mhd. krampf wb. 1, 882ᵃ, ahd. schwach chrampho Graff 4, 611 (gl. trev. 18, 21, 12. jahrh.), cramfo chirurgus (aus chiragra, geschr. crafo, d. i. crāfo) Diefenb. nov. gl. 91ᵇ aus Nyerup 384ᵇ; gewiss auch chramph, wie im vorigen schwach und stark nebeneinander stehn. ebenso schwaches krampfe noch im 15. jh. Dief. 544ᶜ, Weigand d. wb. 1, 633.
b)
alts. cramp articulorum dolor Haupt 5, 200ᵇ, nd. kramp br. wb. 2, 875, aber wieder auch schwach krampe m. (acc. krampen, Schambach 111ᵃ. nl. kramp f. wie auch mnd. krampe f. Dief. 544ᶜ. ags. cramp, cromp, engl. cramp; dann dän. krampe, schwed. kramp, vielleicht entlehnt.
c)
auch franz. crampe f., und it. granfo, granfio (Rädlein, Adelung), jenes völlig für spasmus eingetreten, diesz wol volksthümlich neben spasimo, spasima, während granchio krampf gleichfalls aus deutscher quelle ist, mhd. kranch spasmus Mones anz. 7, 167 (s. unter krank I, d).
d)
die form kramp erscheint übrigens auch als mitteld., z. b. in Diefenbachs gl. 121ᵇ. 443ᵇ. 544ᶜ, in dess. Erfurter wb. v. 1470 sp. 254, noch wetterauisch u. a.; ja merkwürdig krampig (neben krampf) selbst im voc. inc. teut., auch das chramp 15. jahrh. Dief. 544ᶜ ist wol rein hd., vgl. dazu krampe m.
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
körperlich, ein krümmendes sich einziehen in den gliedern, wenn die glieder sich krimpfen, 'verstrupfung des geäders', d. i. muskelwerks, wie Maaler erklärt.
a)
der krampf zieht hiesz es ursprünglich:
ich vluoch der hant,
die dan der krampf ziuht, swenn sie lœsen sol
der tugent ir pfant (freigebig sein).
Frauenlob spr. 324, 16,
das ziehen wie gr. σπασμός von σπᾶν ziehen; spasmaticus, einer den der kramp zuget (für ziuhet). mitteld. 15. jh. Dief. 544ᶜ; podager, den der krampf zuget 443ᵇ.
b)
zu beachten ist der bestimmte art., der noch jetzt gilt, wie bei andern krankheitserscheinungen: er wurde beim schwimmen vom krampf befallen und ertrank;
feuer im dache? ...
mich lähmet der krampf.
Göthe 11, 150.
man empfand nämlich einen solchen anfall, der plötzlich in das innere leben eingreift, wie eine persönliche macht, und der krampf könnte urspr. geradezu das packen, ergreifen (krimpfen) des dämons wie mit klauen sein; vgl. unter dem vorigen und krampe klaue, krimmen packen, kramm krampf, auch nachher III, 9.
c)
doch auch mit dem unbestimmten art., vom einzelnen krampfanfalle: nimm einen mönschen, der von natur forchtsam ist .. sol der etwas handlen vor einer gemein ... (wird er so beklommen) das er ganz erstutzet, und sein gesicht und gehörd allen iren gebrauch verlierent, und auch in einen krampf kumm und begossen mit kaltem schweisz darnider fall. Keisersberg irrig schaf E 2ᵇ; der ganze körper dehnt und rekt und verdreht sich (vom seelenleiden), als ob er einem allgemeinen krampf widerstünde. Engel mimik 1, 299, von schauspielerkunst. der einzelne krampfende anfall ist es auch in folg.: wie er (der kranke) den krampf jedes schmerzens in bittern zuckungen zeigt. Hermes Soph. reise 4, 352.
d)
daher auch im pl., der in neuerer zeit vorzuwiegen beginnt, eig. von den rasch sich folgenden anfällen: krämpfe kriegen, in krämpfe fallen; weibliche reizbarkeit giebt convulsionen, und männliche mehrentheils nur krämpfe. Zimmermann eins. 2, 151; für reiche, die mit krämpfen und langer weile geplagt sind. Sturz 1, 208; (ein schauspieler) der krämpfe spielt, wenn er heftig wird. 1, 96; da kriegte die bäurin wieder krämpfe, sagte endlich, für diese lüge kann ich nichts. Gotthelf 4, 359, kam 'auszer sich' vor ungeduld, vgl. unter 2.
e)
bestimmte arten von krampf: chiragra, der kramp in der hant, hendekrampf. Dief. 121ᵇ, podagra fuszkrampf, -kramp 443ᵇ, für beide aber auch blosz krampf, condylomatica 140ᵇ; aus podagra umdeutend noch niederrh. putekramp ('pfotenkrampf') Aach. mundart 191, wie im 16. jh. in podegram das -gram als krampf gemeint ist. ferner der krampf in der hand vom stricken, schreiben, schreibkrampf, fr. les crampes, vgl. Lessing 11, 665. der eselskrampf:
schaw wie sie mit den füszen stampf,
als ob sie hab den eselskrampf.
H. Sachs 2, 140 Göz;
schwäb. hundskrampf, verziehen des mundes nach den ohren. Auerbach dorfg. 1, 40. kinnbackenkrampf, fingerkrampf, augenkrampf, wadenkrampf, magenkrampf, brustkrämpfe u. a., auch lachkrampf. vgl. bergkrampf.
f)
der todeskampf heiszt der tödtliche (nicht 'tödtende') krampf: er zerschnidt die inwendige gedärm und spannt die adern (muskeln) mit dem tödlichen krampf. Cyrill 26ᵇ. ähnlich: ins ohr des allwissenden schreit auch der letzte krampf des zertretenen wurms. Schiller 205ᵃ.
g)
in letzter stelle ist es aber mehr äuszerlich gefaszt, sich krümmen. und so in folg. krampf für verrenkung, krampfhafte bewegung: es gab eine zeit, wo man die formen übertrieb, wo härte für ausdruck, krampf für bewegung .. galt. Sturz 1, 231 (1786 2, 140), es ist von malerei die rede, wie in folg.: die Bouchers ... zaubern ... gestalten aus einer feenwelt herab. diese gaukeln dann in behäglichen krämpfen auf lauter purpurwolken, schweben in der goldenen morgenröthe. 1, 48 (1, 188).
2)
ins seelische und bildliche übergehend.
a)
auf der scheide des leiblichen und seelischen stehend: dasz es (nämlich Mignon) bei seiner groszen reizbarkeit, die es verberge, von einem krampf an seinem armen herzen oft heftig und gefährlich leide. Göthe 20, 155;
weh mir! alle eingeweide
presst der bängsten ahndung krampf!
Bürger, als Molly sich losreiszen wollte;
grasz mit verzerrter geberd', im ängstenden krampfe des herzens.
Voss der riesenhügel v. 137.
b)
mehr ins innere zurücktretend:
scheidet sie? scheid' ich? ein grimmiger schmerz
fasset im krampf dich ...
Göthe 40, 411;
da im krampfe des zorns berührt' er beide
mit dem zepter der rache.
Matthisson (1797) 47;
so oft ich in die ferne sehe, fühle ich mich von unwillkürlichem krampf ergriffen, der mich vorwärts treibt. Göthe 42, 406, hier ist nur noch wenig schmerzliches in krampf, krankhaftes kaum noch.
c)
auch ohne alles krankhafte: in solchen stunden (inneren schaffens) war er (Schiller) wie durch einen krampf ganz in sich zurückgezogen und für die auszenwelt gar nicht vorhanden. (Streicher) Schillers flucht von Stuttgart s. 109.
d)
bildlich auf ähnliche verhältnisse übertragen:
bald ist der krampf des lebens aus dem busen
hinweggespült.
Göthe 9, 57;
das leben ist ein krampf,
ein feindlich widerstreben.
Rückert 255 (1868 1, 491);
während der letzten krämpfe der revolution. Mommsen röm. gesch. 2, 312, da liegt gleichsam ein ganzes volk in krämpfen.
III.
Ursprung und verwandtschaft. Das wort verdient eine weitere betrachtung, es läszt einen tiefen blick thun in die werkstatt des sprachgeistes.
1)
krampf ist ablaut zu krimpfen (praet. krampf), wie trank masc. zu trinken, schwang m. zu schwingen u. a.; es gab aber auch ein so gebildetes adj., ahd. chramph, wenigstens widirchramf repandus, krumm Graff 4, 611 (wie z. b. adj. schwank, mhd. swanc biegsam wb. 2², 807ᵃ neben der swanc); vgl. Rückerts adj. krampf sp. 2013.
2)
das subst. geht aber durch den ganzen dreiklang des ablauts (wie bei binden) in mhd. krimpf m. zusammenziehung Herb. 1537 (: rimpf m.), nd. krimpe f., und schweiz. krumpf m. krümmung; auch adj. mhd. krimpf, krimp schrumpfelicht, vergl. krump krumm.
3)
der auslaut der wurzel zeigt eine art abwandelung in krampf und kramm krampf, wie im verbum krimpfen und krimmen; und auch die mittelglieder fehlen nicht, in oberd. krampe, krämpel und mhd. krump, krumber krumm, vgl. krambe unter krampe 7. also die volle reihe -mpf -mp -mb -mm, auch in krampfe (haken, klammer) : krampe : kramme sichtbar und in klampfer : klamper (oberd.) : klamber : klammer (s.klamper), um nur im bereich dieses stamms zu bleiben. s. auch 8.
4)
aber ähnlich auch der anlaut, denn der krampf hiesz auch klampf, wie nach mitteld. klamp zu vermuten steht, der kramm krampf ebenso auch klamm, die krampe, krampfe auch klampe, klampfe und wieder auch klambe, klamme (klammer), wie krambe und kramme, die klammer schwed. kramla; nicht anders sind krimmen und klimmen urspr. eins. der übertritt des r in l reicht weit in die vorgeschichtliche zeit zurück, vgl. hier unter kerben, krachen, krauen, kirche, klamm 4. so ist denn z. b. sichtbar, dasz altn. krappr eng mit unserm klamm im grunde eins ist.
5)
der anlaut tritt aber noch anders auf, in mhd. rampf (auch rimpf) krampf, nd. ramp und ramme, ram (Dief. 544ᶜ), auch im roman., prov. rampa, lomb. ramf, ranf (Diez 280, 2. ausg. 1, 340). sie gehören zu rimpfen zusammenziehen = krimpfen, der ablaut erfüllt sich auch da in mnd. rimpe, engl. rumple, hd. rumpf runzel (Dief. 503ᵃ), rumpf der krumme rücken (vgl.zu rumpf schlagen, krumm schlagen Mone schausp. d. m. 2, 318). auch ranft gehört hierher (s. das vor. 2, a), vgl.krampfen a. e.
6)
wieder anders, am vollsten, in mhd. schrimpfen gleich krimpfen, vgl.schrumpfen, und oben sp. 951 mitte, auch krank.
7)
die wurzel zeigt aber auch ferner im auslaut die wandelung des consonanten (s. sp. 6) in ital. granchio krampf, das in dieser bed. nicht von lat. cancer (Diez 181, 2. a. 1, 223) sein kann, sondern von einem verschollenen deutschen worte für krampf (vgl. unter 9), das doch noch zu erweisen ist: spasmus, kranch. voc. des mag. Engelhusen Mones anz. 7, 167, engl. dial. cranks (pl.), pains, aches Hall. 277ᵇ. das deckt sich völlig mit krampf, nur mit -k für -p; s. dazu krank, und kränke a. e. auch der ablaut erscheint in altengl. crinch einschrumpfen, crincum krampf, zusammenziehung; ferner kring (krang) kreis, nd. krünkel runzel, und wieder ohne k- rank krümmung, ranft, rinke agraffe (= krampe), runken = klumpen. selbst der dritte mögliche wandel tritt auf in kranz und in runzel, rand (der gebogne), rinde (die geschrumpelte).
8)
ohne die stützende liquida zeigt sich der stamm in krapfe haken, kropf, krüppel, nd. krükel runzel, krauchen 2, sich wenden u. a., s. besonders unter kracke. der grundbegriff überall sich krümmen, krumm, gewunden sein u. dgl., er greift und läuft aber fast endlos noch weiter aus in andere formen, wie kaum wieder einer (s. z. b. unter krabbeln, dazu krageln), bei uns wie in allen verwandten sprachen.
9)
endlich ist noch beachtenswert, wie die begriffe krampf und klammer, haken u. ä., auch kralle oft in éiner form zusammenstoszen, so in krampf, kramm (kramme), klamm, klamp und klampe, schwed. kramla, ital. granchio krampf und klammer (grancire packen, also auch klaue?); franz. crampe krampf : crampon klammer, it. grampa kralle; prov. rampa krampf : it. rampo haken, rampa kralle; nd. ram krampf : altn. hrammr krallespricht das nicht für die unter 1 vermutete persönliche auffassung von krampf? merkwürdig ist endlich, wie weit und tief, ja vollständiger erhalten als bei uns, diese wortsippe in den rom. sprachen eingewurzelt ist (vgl. unter krapfe), und es mag noch manches hier fehlen.
krampf m
Fundstelle: Lfg. 9 (1869), Bd. V (1873), Sp. 2010, Z. 28
1)
haken, klammer, wie kramme, krampe, krapf, alle vier sind eigentlich éin wort, mit alter wandelung der wurzel, s. das folg.
a)
z. b. krämpfe an büchern, krampen, clausuren. Apherdian. 109, b. Frisch 1, 543ᵇ; 'krampen, krampf, krapf, hake'. M. Kramer 1719 2, 126ᵇ. luxemb. kramp m., pl. krämp, die stollen an den hufeisen, franz. crampons. Gangler 251. nrh. kramp (pl. krämp) haken von draht an kleidern, kramp en ôg (auge), haken und öhr. Aach. mundart 126, auch luxemb.
b)
wie krampe 7: krampf an einer reben, claviculus, capreolus Dasypodius 367ᵃ, Serranus syn. O 7ᶜ, Stieler 1045.
c)
auch in schwacher form kramphe fixula (fibula) Trochus Lpz. 1517 R 2ᵃ (Dief. 233ᵃ), wenn es nicht fem. ist gleich krampe; doch vgl. krampe m.
d)
schon ahd. stark chramph, haki, aduncus Graff 4, 611 (das lat. wort gleich uncus gebraucht, vgl. chrapho aduncus 596), und auch schwach chrampho nach 'chramphun ferrum' (acc. sing.), eisenhaken. mhd. noch unbelegt, aber Engelh. 4054 tôdes krampf läszt sich so verstehen, des todes klaue (wie das masc. krampe 2) und das passt zu dem 'ziehen' dort besser oder allein, s. dazu todtenkrämpel sp. 2008. vgl. it. sgramfo sp. 2006 mitte, und krampf hirschkäfer unter krampfen a. e.
2)
folgende krampf, kramp, die ich sonst nicht unterzubringen weisz, mögen hier stehn.
a)
runcus, krampf. Dief. 504ᵃ, scheint ranft ('rampf'), s. dazu das zweite krapfe; vgl. ahd. 'cramph labium', und 'ranfte labium' Dief. 314ᵃ, rand eines gefäszes, eig. krümmung? dasselbe meint wol ahd. 'chramph corona', vgl.ranft, ↗bort, corona Graff 2, 512, doch s. auchkranz.
b)
in Aachen krämp pl. ränke, tücke; möglicher weise sehr alt und wie rank eig. wendung, drehung. s. weiter krapfe.
krampf adj
Fundstelle: Lfg. 9 (1869), Bd. V (1873), Sp. 2013, Z. 23
krampfig, krampfhaft:
er hält das haupt mit krampfen händen.
Rückert ged. 3, 71 (poet. werke 1868 1, 491),
doch wol von ihm gebildet; vgl. ahd. chramph sp. 2012 (III, 1).
Zitationshilfe
„krampf“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/krampf>, abgerufen am 21.07.2019.

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