kostbar
Fundstelle: Lfg. 8 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1857, Z. 72
sumptuosus, pretiosus.
I.
Die form gibt einiges zu erinnern.
a)
mhd. vielmehr kostebære, kostbære, diesz aber früh auch gekürzt, da das -stb- übelklingend und beschwerlich ist, zu kospære, kosper (das p aus tb gleichsam addiert, wie in schamper aus schantbære): schonu (l. schœniu) cleider .. unt kosperu. Mones schausp. d. m. 1, 333, 13. jh., kospæriu zu lesen:
der nu vil kosper wænet sîn,
des bôsheit würd der welte schîn.
Boner 69, 55;
das du uns also rehte diure kouft hest mit dime kospern bluͦte. Merswin 52, 14. jh., vermutlich noch kospêr (kospær) gesprochen, wol auch noch im folg.:
und wil all sein fremd gest begaben
mit kosperr reicher reverenz ('verehrung', geschenk).
fastn. sp. 761, 15, kóspêrr aus kóspêrer.
b)
doch muszte das weiter zu kósper werden mit kürzung des vocals: kosper, preciosus. voc. 1482 r ijᵃ. Dief. nov. gl. 300ᵇ, es ist im 15. jh. und länger die herschende form, und noch jetzt volksmäszig, wie in md. landen kusper (zu kust sp. 1852 mitte), alem. chosper ('choschper'):
schuh mit gstickte blumen und chosperi goldeni chappe.
Hebel 294.
daher noch im 17. jh. im compar. auch kostbrer für kóstberèr, selbst dichterisch (wie nl. noch heute, s. J. Grimm oben 1, 1121, vgl. scheinbrem dort aus schéinberèm, nicht aus schéinbàrem):
viel thewr- und kostbrer auch die mawren daran sein.
Dietrich v. d. Werder Ariost 10, 55, 3;
gesprochen ward natürlich das -stbr- nicht, man sprach es kosprer aus, wie noch oberdeutsch. auch wer in mittel- und nordd. rede 'nach der schrift' spricht, erspart sich doch das t, er spricht kosdbar, höchstens kosᵗpar (das t nur andeutend).
c)
woher aber überhaupt diesz nhd. -bar? es erscheint schon im 15. jh. als verbreitet, in oberd. wie md. vocabb., bei Dief. 452ᵃ kostpar (bair. bald nach 1400), kospbar, cuspar (md., das -pb- sucht den klang und die entstehung zugleich zu bezeichnen, zu dem u s. unter köstlich); pretexta, ein kospar mantel. nov. gl. 302ᵇ (tirol.); s. auch unter kostbarkeit, kostbarlich. ebenso andere -bar, wie fruchtbar schon im 15. jh. (4, 266), vgl. Weinhold al. gr. 269, bair. gr. 229, wo ein egebar, furchtbar, aus dem 12. jh. verzeichnet ist in bair. sprachgebiete, in dem auch sonst ahd. â dem umlaute oft widerstanden hat bis in nhd. zeit. aus dem nhd. dann auch dän. schwed. kostbar, wie nl. kostbaar (noch nicht bei Kil.) wol auch nicht ohne hd. einflusz ist.
d)
auch mit umlaut köstbar, wie köste sp. 1852: vitriolium romanum ist köstbar. büchsenmeisterei Straszburg 1529 s. 30; s. auch unter kostbarlich.
II.
Gebrauch und bedeutung.
1)
was kosten macht, grosze ausgaben mit sich bringt.
a)
als adj.:
wie kostbar waren krieger, die länder auszuzehren?
wie kostbar ist gesinde, die länder zu ernähren?
Logau 3, zug. 12;
kostbare spitzen Stieler 1019, kostbare reise, pferde u. dgl. Steinbach 1, 919; ein kostbarer rechtshandel. Rabener 3, 72; ihr habt noch eine brauerei, ein wirtshaus, eine schönfärberei und viele andere kostbare anlagen nöthig. Möser patr. ph. 1778 2, 277; die kostbare politik, in jedem cabinet Europens verräther zu besolden. Schiller 776ᵃ; die vorrathskammer dieses kostbaren krieges. 776ᵇ; kostbare gesandtschaften. 788ᵃ; das reisen zu maulesel ward mir doch ziemlich kostbar. Seume; hat sich das schauspiel verbessert, ist es ein fünftheil mehr werth als sonst? nein, nein, es ist kostbarer, aber nicht köstlicher (wertvoller) geworden. Börne 5, 94. jetzt ist es fast zurückgetreten vor dem neueren kostspielig, weil die bed. 2 überwiegt.
b)
zumal im adv. kommt es uns schon fremd vor: kostbar bezahlen. Stieler; kostbar anschlagen, hoch taxieren Steinbach (kann doch auch adj. sein, für als kostbar anschlagen); die güte der ziegeln mag auch etwas dazu beitragen, wenigstens in alten zeiten hat man solche in diesen gegenden kostbar gebrannt. Göthe 27, 165, mit kostenaufwand, wenn nicht unter 4 zu ziehen; zeigen sie mir allenfalls einen weg an, wie ich ihnen ihr exemplar monatlich am bequemsten und minder kostbarsten übermachen kann. Wieland in Mercks briefs. 2, 56.
2)
verallgemeinert theuer, wertvoll, dann gleich prächtig, herrlich.
a)
eigentlich, sinnlich: ein kostbarer demant. Rädlein; kostbar, prächtig, magnifique. das., z. b. eine einrichtung, ausstattung;
der schilt es (mein gedicht) ein pasquill, der nennt den ausputz
schlecht,
weil weder Bengals gold, noch süsz' und seltne sachen,
noch ambra, noch saphier die zeilen kostbar machen.
Günther 387,
prächtig ausschmücken, wie bei Hoffmannswaldau u. a. dgl.; gestern abend dacht ich, dasz mich die götter wol für ein schön gemäld halten mögen, weil sie so einen überkostbaren rahm drum machen wollten. Göthe an fr. v. Stein 1, 171.
b)
besonders unsinnlich, von wert der nicht in geld ausgedrückt wird (wie eigentlich schon bei Göthe, Günther eben):
fort lasz uns eilen, schnell! der augenblick
ist kostbar —
Schiller 505ᵇ;
ihr erinnert mich,
wie kostbar die minuten sind.
402ᵇ;
erhöhen willst du mich, zeigst mir von ferne
bedeutend einen kostbarn preis.
420ᵇ;
eine kostbare gesundheit. Gotter 3, 52;
darf ich es wagen, ihro majestät
an ein kostbares leben zu erinnern?
Schiller 271ᵇ;
eurer redlichkeit
gutherziger mann, hab ich mein kostbarstes,
mein heiligstes vertraut.
ders.;
wir haben damals kostbare tage zusammen verlebt; das ist kostbar, dasz sie uns besuchen will! köstlich, herrlich, selbst das schmeckt, riecht kostbar (öfter doch köstlich).
c)
mit einem sprunge des gedankens selbst kostbarer verlust: o Adriane! wie kan dein uns leibeigenes herz den kostbaren verlust deiner .. kinder sehen? Abele gerichtsh. 1, 330; empfand unsern kostbaren verlust leider mehr als zu wahr. Felsenburg 1, 251.
d)
auch mit dativ, wie theuer, wertvoll gleichfalls: die spuren der menschheit, die ich an ihm (Luther) finde, sind mir so kostbar als die blendendste seiner vollkommenheiten. Lessing 3, 275; man liebt an einer frau nicht allein die tugenden, man liebt auch ihre munterkeit, ihr schmeichelndes und liebkosendes wesen ... ihre art womit sie einem die zärtlichkeiten kostbar zu machen weisz. Gellert 1784 3, 393, vergl. sich kostbar machen unter g.
e)
auch von menschen: sie (die gemahlin) ist mir noch so kostbar als ehedem. Gellert 1784 4, 327, wieder mit dat.; ich that gelassen und frei gegen ihn, weil ich mir keine rechnung auf sein herz machte, anstatt dasz ich vielleicht ein gezwungenes und ängstliches wesen an mich genommen haben würde, wenn ich ihm hätte kostbar vorkommen wollen. 4, 249, jetzt kaum noch sagbar.
f)
aber ironisch, z. b. das ist ein kostbarer kerl! der uns viel spasz macht, denn man spricht so auch von kostbarem spasz, einer kostbaren, geschichte, die 'unbezahlbar' lustig ist. so wol folg.: worüber der kostbare mann (Monti) höchst verdrieszlich und aufgebracht das ihm zugedachte falsche lob gar nicht anerkennen will. Göthe 38, 247 (245), wol wunderlich, unbegreiflich eigen. aber auch ein witzbold wird rühmend als kostbar bezeichnet (span. precioso ist geradezu auch witzig).
g)
auch kostbar durch seltenheit, theurung, schwer zu haben, z. b. von einer gesuchten waare die 'sich kostbar macht': jetzt macht der arme teufel sich kostbar. er wird seine kunst nicht auskramen, bis er geld klingen hört. Schiller 720ᵃ; Alcmena sieht aus einem fenster wie diejenigen thaten, die ihre gunst feil hatten, oder spröde thun und sich kostbar machen wollten. Winkelmann 3, 253, doch diesz zugleich nach 3.
h)
substantivisch: v. G. aber eins must du mir zu gefallen thun. Marianel. alles, alles, mein kostbarle! sag! red! ... denk doch! kostbarle, bist sehr verschleckt. L. Wagner kindermörderin 10, straszburg., liebkosend 'kostbarlein', vgl. kleinelein.
3)
man brauchte es im 18. jh. viel nach franz. précieux, sich zierend, affectiert, sich kostbar machend, bes. 'une précieuse':
drum, liebe jungfern, merkt, ihr müst vor junggesellen
nicht mehr so spröde thun, euch nicht so kostbar stellen.
Picander 2, 329;
ein kostbares frauenzimmer. Rabener;
nichts von der misgeburt der kostbaren Lucinde?
Gellert 1784 1, 154;
aus groszer behutsamkeit (im reden) wird man oft kostbar und gezwungen. 4, 71; das übertriebne im anstande, das kostbare und gezwungne. 6, 318; seine schreibart übrigens schmeckt ein wenig nach der kostbaren art, die auch keine kleinigkeit ohne wendung sagen will. Lessing 4, 112, franz. stile précieux, manière précieuse; er (sein ausdruck) ist zugleich so gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend ... 7, 263; bei einer gesuchten, kostbaren, schwülstigen sprache kann niemals empfindung sein. 7, 265; vielleicht liegt die ursache in den allzu langen und allzu kostbaren reden des originals. Chr. H. Schmid theaterchronik 1772 s. 39; kostbare zierpuppen (kinder). Möser phant. 1, 3; sie sollten sich des städtischen zwanges und der kostbaren beschäftigungen, wozu sie der müsziggang verdammt, auf dem lande entschlagen. 2, 85; dergleichen wendungen aus falscher würde gänzlich vermeiden zu wollen, das würde gerades weges zum kostbaren und steifen führen, was einige selbst unsrer guten schriftsteller so unlesbar macht. Fr. Schlegel Lessings ged. u. mein. (1804) 1, 13. Auch als subst.: man sehe die grosze dame! sonst wissen sich jungfern ihrer herkunft noch glücklich, wenn sie herrschaften finden. wo will denn sie hinaus, meine kostbare? Schiller 203ᵇ, 'ma précieuse!' Ebenso übrigens dän. kostbar, it. prezioso.
4)
ein gleichfalls jetzt vergessener blosz franz. gebrauch des 18. jh. ist dieser: sich um eines beifall ängstlich und kostbar bemühen. Rabener 5, 42, précieusement, mit gröszter sorgfalt; dasz bei so schöner gelegenheit von untersuchen meine alten stückchen genauer aufgerüttelt und fein kostbar am tag revidirt würden. Fr. Müller 3, 220; vielleicht auch Göthe 27, 165 unter 1, b. Doch erhielt es sich im kunstgebrauch, wie bei den malern von der färbung, gleichfalls nach dem franz.: eine kostbar gearbeitete goldene dose. Zschokke, schon Stieler 1019 kostbare arbeit, opus summa opera elaboratum, vgl. köstlich II, 1, a, β von kunstarbeit.
Zitationshilfe
„kostbar“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/kostbar>, abgerufen am 16.10.2019.

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