kirchweih, kirchweihe f
Fundstelle: Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 828, Z. 63
dedicatio templi, encaenia, ahd. chirihwîhî Graff 1, 724, mhd. kirchwîhe Amis 352. 934, auch kirwîhe Amis 352 var., wie schon ahd. in alem. kilwîha Schmeller 2, 329, s. über die ausstoszung des ch kirchspiel 1, c. überhaupt hat das vielgebrauchte wort an seiner form viel veränderungen erfahren.
I.
Die formen.
a)
der wegfall des ch ist im gebrauch des lebens vorherschend, ganz wie bei kirchmesse, kirchtag; nur für die kirchliche bedeutung wird die volle form meist beibehalten. das h des zweiten wortes wird auch verhärtet: von der pawren chirbeiche. Mones anz. 5, 337; kirchweich Schm. 2, 329 v. j. 1331, voc. 1482 q 4ᵃ, kirchweig voc. opt. Lpz. 1501 H 4ᵃ, elsäss. kirwige Scherz 790 14. jh., kirchwich Wickram rollw. 13, 6.
b)
aber auch das zweite wort ward, wie bei kirchmesse, kirchtag verkürzt. daher zunächst kirbei fastn. sp. 735, 19. 267, 21 u. ö., Scherz 787, und kirweih bei Fischart u. a. ist nichts anderes. aus der mhd. form kirwîhe ward kirwi, kirbi, kirwy (Scherz 787):
wer solche vögel kennen wil,
der findt sie auf den kirwin wol.
Wickram irr. bilg. 14;
also auch auf den kirbin gschicht.
das. P 2 (bl. 54).
c)
das ward aber weiter zu kirbe weisth. 2, 192. 3, 887, noch bei Charlotte v. Orleans 174 (sp. 831 3 a. e.), sie braucht ihren Pfälzer ausdruck; kirwe z. b. in kirwenschlemmer Garg. 66 Scheible (die ganze stelle ist in der ausg. von 1594 43ᵃ nicht enthalten). selbst kirm nordfränk. Schm. 2, 330, Fromm. 6, 169. 318, merkwürdig auch in Kärnten Lexer 158, aus kirben? Weiter kirb:
uf disen tag ist kirb zum h. crüz zu Rom.
Scherz 787 aus einem kalender;
nit lang darnach begab es sich,
dasz man im dorf kirb halten solt.
Alberus Es. 89ᵇ,
auch im diction. so: paganalia dorfkirb, dorffest, epulum ein grosz mal, als uf einer hochzeit, kirb, fest; ebenso im 17. jh. bei Lehmann (II, 3 a. e.). kirbe (kerbe) ist noch schwäb., auch bair. kirwe Schm. 2, 329; wetterauisch kirb, in Nassau kirb, kerb, auf dem Hundsrück kêreb (pl. kêrwe) Rottmann ged. in H. mundart. Fränkisch kirwa, kerwa, nürnb. körwa, mit a für mhd. î in unbetonten silben (Frommann zu Grübel 3, 231); auch diesz schon im 16. jh.:
morgen die kirba hat ein end.
H. Sachs 3, 2, 29ᵈ.
d)
mit entstelltem vocal kürbe, so schwäb. 16. jh. Soltau 2, 155, häufig im Simpl. (II, 4, e), schon in einem voc. d. 15. jh. kurbe Dief. 202ᵃ (vgl. sp. 776 u. β); kürwîche weisth. 1, 384 15. jh. bei Hebel chülbi.
e)
alem. natürlich noch mit l, kilchwih Brant 61, 20 (aber kirchwich 110ᵇ, 31), kilwihi (mit ahd. endung) 15. jh. Dief. 202ᵃ, Tobler 104ᵃ, kilweih auch Frischlin dicht. 25; kilwy Maaler 243ᵇ, dorfkilwe 91ᵈ, kilbe Lenz Schwab. 121ᵃ (eigen selbst im Simpl. haberkilbe 3, 119). jetzt schweiz. kilbi, kilwe, dazu selbst kilben, kilbelen kirmse halten, oder auf der kirmse tanzen und jubeln Stalder 2, 99, appenz. chilbela buntscheckig sein, geschmacklos verziert sein (nach der kirchweihtracht der bauern) Tobler 104ᵃ, vgl. kirchweihen als verbum im pl. kilwine (schon 16. jh.), bei Hebel chülbene, Tschudi 2, 120 kilchwine.
f)
über diesen entstellungen, die zum theil noch jetzt in büchern und zeitungen ihr recht haben, ist aber die volle form nie vergessen worden, während doch kirchmesse über kirmes wirklich so gut wie vergessen ist. ja kirchweih hat heute noch die geltung des gewählteren ausdrucks im ganzen bereiche der schriftsprache: kirchweihen und jahrmärkte Göthe 26, 157, wie es auch früher im mitteld. bereiche neben den heimischen formen sich findet, z. b. kirchwey enceneatus in Diefenbachs md. voc. v. 1470 sp. 108 (neben kirmes dedicacio 89), kirchweig dedicatio im Leipz. voc. 1501 (neben kirmesse encenia K 1ᵃ). das volle kirchweihe geben auch oberd. vocc. d. 15. jh. Dief. 169ᵇ, der voc. 1482 q 5ᵃ, Maaler 244ᵃ, allerdings besonders in der kirchlichen bed., für die auch kirchweihung (s. d.) galt, aber nicht allein.
g)
auch kirchenweihe kommt vor, wie kirchenspiel für kirchspiel; s. sp. 815 und nachher II, 1, b.
II.
Bedeutung und gebrauch.
1,
a)
kirchlich, einweihung einer neuen kirche (genauer jetzt kirchenweihe) und die jährliche erinnerungsfeier der weihe: und die kirche (auf dem Grünenwerd zu Straszburg) wart gewîhet in êre der heiligen drîvaltikeit ..., gleich darauf ist die rede von der begehung dieser kirwîhe alle jôr jêrliche (daher 'jârkirmesse' myst. 1, 230). C. Schmidt, die gottesfreunde im 14. jh. s. 36; es ist die rede von zwein kirwîhen (s. 38), die zweite fällt ûf den achtesten tag der alten (ersten) kirchwîhen, an dem ein 'groszer ablasz' ertheilt wird (37), vgl. nachkirchweih u. b.
hie mite vuor er in ein lant
dâ er ein kirchwîhe vant,
unt bat den phaffen der dâ was ...
daʒ er in dâ predigen lieʒ.
pf. Amis 352, vgl. 934 (kirchweihpredigt).
so spricht sie 'narr, kniestu dar für (um liebe flehend)!
nun pistu doch auf keinr kirwei,
meinstu dan das ich heilig sei?'
H. Folz bei Haupt 8, 515.
übertragen auf ein jüdisches fest: das ir itzt wolt die kirchweihe (σκηνοπηγία) mit uns halten. 2 Macc. 1, 9, vgl. 2, 9 da die kirche geweihet und der tempel fertig ward; es ward aber kirchweihe (τὰ ἐγκαίνια) zu Jerusalem. Joh. 10, 22; sie (die Juden) hetten dreierlei kilchweih des tempels. Keisersberg evang. 1517 67ᵃ; an statt der lauberhüttenfest haben wir unsere messtäg und kirweihen. Fischart bien. 1588 167ᵃ.
b)
es hiesz die heilige kirchweihe (vgl. kirchmesse 1, a): 'nun vergelts gott und die heilig kirchweih'. Garg. 51ᵇ (83), als redensart, freilich hier satirisch, von unzüchtiger 'nachkirchweih' des pfarrers, mit personification wie die Fasnacht als person behandelt wird. die satire erklärt sich aus folgendem gebrauche: die priester richten (bei der kirchweih) ihre krämerei auch zu, thun die tafel auf, setzen die heiligen gözen (heiligenbilder) herfür mit einem aufgesetzten kranze, von diesen musz man 'die heilige kirchenweihe' lösen (mit geschenken). einer (priester) sitzt darbei, der musz dem stummen gözen das wort thun, der hat auch seinen sold, zu den gebenden sagt er 'vergelt es gott und die heilige kirchweihe'. Hormayr taschenbuch für die vaterl. gesch. 1835 s. 261 (aus einer nicht genannten alten quelle). ebenda vorher: darnach kommt die heilig kirchweihe, daran ein grosz gefräsz ist unter den pfaffen und laien, die einander weit darzu laden. die bauern laden gemeinlich ihren pfarrer zu sich in das wirtshaus mit seiner köchin ... zu morgens (darauf) halten die priester gemeinlich einen jahrtag, dazu kommen viel pfaffen geladen ... darnach halten sie um die präsenz nachkirchweihe im wirtshause oder pfarrhofe ... doch geht man früh zuvor in den tempel, sonderlich an der kirchweihung (dem haupttage), mit spieszen und hellebarten, grüszen die heiligen darnach mit der sackpfeifen auf dem platze.
c)
die verweltlichung des festes ist alt (vgl. unter kirchtag):
so weis ich ganz uf erterich
kein schimpf, der si eim ernst so glich,
als das man danzen hat erdocht,
uf kilchwih, erste mess ouch brocht.
Brant narr. 61, 20;
und zuvor (unter den überflüssigen kirchenfesten) solte man die kirchweye ganz austilgen, seintemal sie nit anders sein dan rechte tabernn, jarmarkt und spielhoffe worden. Luther an den adel H 4ᵇ.
2)
weltlich, kirchspielsfest, ortsfest, mit häuslichem schmause, öffentlichen lustbarkeiten, jahrmarkt, wovon nach umständen und örtlichem gebrauche eins oder das andere allein gemeint sein kann
a)
als ortsfest: wann kirwyhen sint in demselben gericht, was dan von spieler und kegelschieber gescheen will, das moisz mit der drier herren (des orts) erlaubunge sament gescheen. weisth. 2, 208;
darnach kumbt sich der herbst daher
und bringt uns vil der kirchwey.
da schlagen (schlachten) die bawren küe,
kelber und seu,
da hebt sich denn ein saufen und fressen u. s. w.
Neidhartslied bei Schade bergreien s. 160;
zuͦ einer zeit begab es sich, dasz er (der pfaff) von einem andren dorfpfaffen auf die kirchwich geladen ward. Wickram rollw. 13, 6; noch viel minder vergasz die lieb Grandgurgel die ordenliche kirchweihen, die messtag, die jarmärkt, da lindiert er (tanzte um die dorflinde), kelberiert er, dorfariert er, kegelt, sprang umb die hosen, jagt umb den barchat u. s. w. Garg. 51ᵃ (82); da (damals) liefen sie nit also selbs, wie die huͦren auf ein kirchweich, ungefordert zuͦ (zum kriege, wie nun die landsknechte). S. Frank chron. 1536 1, 253ᵇ. die bauerburschen kamen übrigens bewaffnet dazu: zuo der kirchweihe kummen die jungen gesellen mit trummen und pfeifen, gewapnet als zuo einem krieg, den si auch etwan (manchmal) finden oder erwegen, und geen oft mit pluͦtigen köpfen von der kirchweihe, so si den aplasz (den sonst an kirchweihen die kirche austheilt) zur vesperzeit mit spieszen haben auszteilt, wider heim. S. Frank weltb. 1534 51ᵃ (Wack. leseb. 3, 1, 340), vgl. unter 1, b aus Hormayr, es erschien wol urspr. auf der kirchweih als dem orts- und gemeindefest die bewaffnete gemeinde.
b)
als jahrmarkt, wie kirchmesse, kirchtag schon im 14. jh.: ze Cheverlôch an Sant Egidien âbent und an seinem tag, sô ze kirchweich ist (auf die kirchweih fällt). mon. boica 8, 545 v. j. 1331, von demselben orte das. 543 an Sand Gilgen (d. i. Egidien) tag, als tult dâ ist, es ist der jetzt noch berühmte viehmarkt zu Keferloh bei München (s. Schmeller 2, 285); zum dreizehenden (fragt der schultheisz), wie man die zwo kirchweihung zu Nunkirch und die kirchweihung zu Biebern handhaben soll? daruf der scheffen erkant, wer uf die kirbe komme, der möge freien kauf (handel) haben und treiben .... wie weit die freiheit gehe gemelter dreier kirben? weisth. 2, 192, vom Hundsrück 16. jh., bemerkenswert die würdige vollste form und die kurze volksmäszige dicht beisammen;
(der krämer) musz durchlaufen all kirchweich
und auch die jarmärk dergeleich.
H. Sachs 1 (1590), 398ᵇ
H. Sachs erzählt einmal von der kirchweih zu Tettelbach, von lust und schwänken aller art, dabei:
da ich nun auf die kirchweih kam,
da sah ich gar mannichen kram,
mit leckuchen und brändtenwein,
kölchte haarband und schlötterlein,
mit gürtel, beutel, nestel, taschen,
mit roten schüsseln, plechen flaschen,
pfeifen, schabhüt (schaubhüte), würfel und karten,
lange messer und spitzbarten.
1, 529ᶜ (1590 396ᶜ).
in Baiern heiszt z. b. der michaelismarkt zu Amberg noch die kalte kirchweih. am Bodensee heiszen die jahrmärkte gewöhnlich kilben. In der geschichte Nürnbergs spielt im 15. 16. jh. eine rolle die kirchweih zu Affalterbach, auch kirchtag (Soltau 1, 176 ff.) genannt, kirchliches fest mit wallfahrten, weitberühmtem jahrmarkt und lustbarkeiten, dessen mittelpunkt immer das kirchle, die kapelle im orte blieb; Nürnberg und die markgrafen von Ansbach lagen um den kirchweihschutz, die besetzung der messnerstelle in der kapelle, den besitz der kirchenschlüssel, die erhebung des kirchtaggeldes u. a. in langem heftigem hader, öfter blutig ausgefochten (s. v. Soden gesch. des ehemal. weilers Affalterbach. Nürnb. 1841).
c)
sprichwörter und redensarten: es ist kein dörflein so klein, es wird eins jars einmal kirchweihe darinnen. Agricola nr. 342; man lasz den edelleuten ir wildpret und den bawren ir kirchweihe, den hunden ir hochzeit, so bleibt man ungerauft. nr. 425; kein dörfchen so klein, des jahrs doch einmahl kirchweih drein, sagts sprüchwort. Fr. Müller 1, 280; wer sich nicht schämt, macht sich die kilbe zu nutz. Simrock 8875; auf andrer leute kirchweih ist gut gäste laden. 5692; auf solcher kirchweih gibt man solchen ablasz. 5693, s. unter a S. Frank; Zachäus ist auf allen kirchweihen. 11954 (s. darüber kirmesfahne); von ungefähr, wie die predigermönche nach Dieszenhofen auf die kilbe kommen. 10640ᵇ; s. auch unter kirmes. zu spät auf die kirchweih kommen, post festum venire, μετὰ τὴν ἑορτὴν ἥκειν:
wer sich der wiber zank annem,
derselb versumpt (versûmt) uf dkilchwih kem.
Murner geuchm. 1083 Scheible.
d)
s. auch dorfkirchweih, nachkirchweih, der letztern gegenüber heiszt die hauptkirchweih die grosze (schwäb. saukirwe Meier sagen s. 447). auch nach den heiligen und dem kirchspiel benannt, z. b. in Augsburg Jacoberkirchweih, St. Ulrichskirchweih, auch michelikirchweih (Birlinger Augsb. wb. 279ᵃ). vorarlb. allerweltskilbe das allgemeine kirchweihfest im oct. Felder Nümmamüllers 40.
3)
geschenk von der kirchweih, jahrmarktsgeschenk, wie kirchtag und kirchmesse (kirmes, kirmse) auch:
trumetten, pfeifen, lautenschlagen,
der kirweich (var. kirmesz) kaufen, singen, sagen
ich hab umb ein (eine jungfrau) geübet stet.
fastn. sp. 285, 3;
so dunk ich mich ein stolze diern
und hor die knaben gern hofiern
mit singen und mit seitenspil ...
den wil ich allen der kirbei kaufen:
520, 2. 735, 19;
so will ich dir bringen der kirchwei,
es si dann das der tüfel darinnen si.
de fide meretricum 74, 20 Zarncke,
über den genit. obj. s.kirchtag 1, c, s. auch hier 4, i.
ich will dir schon ein kirchwey schenken.
Ayrer 21ᵇ;
und wenn ich morgen komm zu haus,
so bring ich dir ein kirchwey mit.
ders. fastn. 115ᵃ;
er wolt seinen teufeln so wol kommen, als wann er ein kirchweih von einem jarmarkt mitbrechte. Ayrer proc. ij 5; ehrlichen leuten ist gut ein kirb kaufen, sie gedenkens lang. Lehmann flor. 1, 134; ich habe eüch ja versprochen alle jahr eine kirbe von Versaille zu schicken, hiebei kompt sie. Elis. Ch. von Orleans 174 (i. j. 1714).
4)
Von welcher wichtigkeit die kirchweih im gemeindeleben war, zeigt die vielfache, zum theil merkwürdige weitere anwendung des wortes.
a)
als fest überhaupt, lust, festfreude, d. h. in ganz natürlicher weise der allgemeine begriff 'fest' entnommen von dem hauptfeste des orts. bei Alberus 'kirb solemnitas', und 'solemnitas, ein jargezeit, fest, kirb'. in einem weingrusz des 15. jh.:
nun grüsz dich gott, du gesunde arzney,
wo du rast, da ist grosze kirchwey,
genad und ablasz gelerten und leien.
altd. bl. 1, 412. fastn. sp. 1344,
'gnade und ablasz' sind eben auf der kirchweihe zu haben, s. unter 1, a und 2, a a. e.; bemerkenswert ist, wie da noch die kirchliche und die weltliche seite der kirchweihe ungetrennt erscheinen. die fastnacht heiszt der narren kirchwich Brant narr. 110ᵇ 31 und im schluszworte; narrenkirchweihe der montag vor fastnacht, s. westfäl. anzeiger 1807 561 ff. ebenso ist ja fest erweitert, z. b. 'das ist ein fest für die kinder!'
b)
der kindtaufschmaus heiszt auf dem Hundsrück 'kindchenskirchweih', kinncheskêreb, fränk. kindskerwa, kindleskirm Fromm. 6, 329, ebenso henneb. kirmes Reinwald 2, 70, thür. kinnerkerms, osterl. kengerkerms, in der Zips kirms Schröer 69ᵇ, vgl. kirchtag 1, d. ebenso md. erntekirms ernteschmaus Krünitz 38, 434.
c)
öfter noch im schlimmen sinne, mit vorkehrung der genuszsucht, ausgelassenheit, roheit die ein theil der kirchweih wurden: also ist Christus abendmal hie auch zur kirchwey worden. Luther 3, 379ᵇ, schmaus; das sie eine kirchwey oder fastnacht draus machen. 380ᵃ;
so ist aber die kirchweih aus.
H. Sachs 3 (1588), 1, 147ᵇ,
so klagt eine buhlerin, deren liebhaber (der verlorne sohn) 'ausgebeutelt' hat;
botz küre leiden! was soll ich sagen,
der hagel hat int kirchweih gschlagen!
das.,
klage des schmarotzers in gesellschaft des verlornen sohnes. Fischart sagt von Rom: derhalben (weil es mit morden, rauben und notzüchtigen gegründet sei) es kein wunder ist, dasz alle dergleichen vögel alda ir kirchweihe halten. bien. 230ᵃ (1588 254ᵃ), bei Marnix 249ᵃ kermis houden.
d)
ausgelassener scherz, derber spasz, schwank (wie fest auch neckerei, scherz bedeutet, 'sein fest mit einem haben'):
in dem ein hündlein sprang entpor,
erwischt ein kalbskopf bei eim ohr,
raisz den herab, zöscht ihn darvan.
der kirchwey lachet iederman.
H. Sachs 2, 4, 61ᵈ.
e)
überhaupt wo es bunt zugeht, wo es drunter und drüber geht, ist eine kirchweih, wie ähnlich wirtschaft solchen sinn bekommen hat, mehr komisch beschönigende ausdrücke: also erwarteten wir der käiserlichen völker einbruch in die stadt, meine kostfrau zwar mit angst und zittern, ich aber mit groszer begierde zu sehen was es doch vor eine neue ungewöhnliche kürbe setzen würde. Simpl. 2, 122 (3, 14, 13 Kurz); aus sorge dasz ich einmahl auf so einer kürbe (unzucht) erdappt .. werden mögte. 1, 371 (1, 377, 4); mit solchem sündlichen wollust brachte ich die nacht vollends zu, bis es anfieng zu tagen und meine gewesene jungfer anhub zu schlafen ... wie aber diese kürbe dem guten menschen (neutr.) künftig bekommen sei, davon hab ich weiter keine nachricht erhalten. 2, 327 (3, 416), es geschieht eben auf einer kirchweih. appenz. hest e schöne chilbe angstellt, eine saubere geschichte; von einem burschen der vater eines unehelichen kindes wird, sagt man er habe e schöne chilbe Tobler 103ᵇ. schweiz. heiszt bauernkilbi auch eine geschmacklose macherei, z. b. verschnörkeltes schnitzwerk. Stalder 2, 99, s. kilbelen sp. 829 mitte.
f)
besonders oft werden aber schlägereien, kampf und streit verblümt so bezeichnet (vgl. S. Frank u. 2, a): die (bauern) fiengen an so greulich zu schreien, so grimmig darein zu setzen und darauf zu schieszen (auf die plündernden soldaten), dasz mir alle haar gen berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichen kürbe gewesen. Simpl. 1, 49 (1, 47 Kurz). in dem liede von der schlacht vor Pavia 1525 am schlusse:
der uns das liedlein newes sang,
von newem hat gesungen,
das hat gethan ein lantzknecht guͦt,
den reien hat er (mit) gesprungen (im streit).
wan (denn) er ist auf der kirchwey (mit) gewest,
der pfeffer (bratenbrüh) ward versalzen,
man richt in mit langen spieszen an,
mit helleparten (war er) geschmalzen.
Soltau 1, 293,
der reie ist als kirchweihtanz, der braten als kirchweihbraten gedacht. besonders der sieger eben nennt den waffentanz triumphierend eine kirchweih (vgl. unter kirchmesse 4), schon im 14. jh.:
dér kirchwih ward si (die bauern) verdrieszen,
dér ablasz ward in sure.
Liliencron hist. volksl. 1, 182ᵃ.
g)
man droht seinem feinde, man wolle ihm auf die kirchweih kommen (wie auf die hochzeit Scheit grob. R 1ᵇ, hochzeit noch als fest). ganz eigentlich in dem streite der Nürnberger und Ansbacher um den kirchweihschutz von Affalterbach (sp. 831): ist (a. 1502) der markgraf und die von Nürnberg uneins und aufstöszig worden der jurisdiction halb einer kirchweich, von denen nie nichts guͦts kummen ist (dan sie des teüfels fest seind) ... als die Nürnberger solten auf die kirchweich ziehen fielen (die markgräfler) hinaus, lägerten sich in Nürnberger wald, in hoffnung den Nürnbergern, so sie auf die kirchweich zugen oder darvon, auf die kirchweich zuͦkummen. S. Frank chronica 1536 1, 254ᵃ, sie in der feststimmung zu überrumpeln;
sie hetten gar wol vernumen,
das (der) markgraf put auf in all sein land,
er wolt auf die kierchwey kumen.
landsknechtlied bei Soden 138;
were er zu in auf die kirchwey kommen,
sie wolten in gar schon han entpfangen.
139.
es war eine alte kriegslist, dem feinde bei einem solchen feste über den hals zu kommen, so enthält auch diese redensart sicher ein stückchen wirklicher geschichte. in einem spruche von dem kriegszuge des landgr. Philipp und kurf. Joh. Friedrich gegen herzog Heinrich von Braunschweig 1542 heiszt es von den beiden verbündeten, die den herzog überraschten, dasz er nicht stand halten konnte:
sind dem fromen man zu frü auf die kerbei kommen,
haben im also ein rang abgelaufen.
Wolffs hist. volksl. 126.
ähnlich von dem kriegszug landgr. Philipps 1534 nach Würtemberg:
Hessen thet sich nicht saumen,
zu schimpf gar wol gerüst,
wolt auf der kürbe kramen.
Soltau 2, 155,
er kommt den Österreichern auf die kirchweih, um einzukaufen, gleichsam 'seinen schlag zu machen'. in einem schweiz. liede von der schlacht auf der Malser heide 1499, wo die Graubündener die Tiroler zurückschlugen, trutzen diese jenen, sie sollten künftig ihrer kirchweih sich enthalten, d. i. sie wollen sie 'heimschicken':
wir wends inen wol erbieten (ironisch)
den bünden allgemein,
unser kilwy (gen.) sönd si sich nieten,
keiner kumpt in wider heim.
wir wend in schenken usz eim fasz (auf der kirchweih):
in der Etsch wend wirs ertrenken,
so dörfends (brauchen sie) nienen glas.
Körner hist. volksl. 36. Lenz Schwabenkr. 121ᵃ.
h)
der ausdruck ist sogar kräftig genug, um als bild von hölle und jüngstem gericht zu dienen: als er (pabst Silvester II.) mess darinnen that, ward er krank und vermerkt, das der teufel ihn auf die kirchweih zuholen käme. Fischart bien. 1588 240ᵃ, dat de duyvels hem quamen ter kermisse halen Marnix 233ᵇ; reist zu seinem meister auf die fegfewrkirben ins seelfegerland. 240ᵇ (d. i. starb), te kermis, int vagevyer 234ᵃ; das er kurz hernach die seelen im fegfewr solte besuchen und kirchweih auf aller seelen kegelplatz mit ihnen halten. das.
i)
der redensart unter g gleich heiszt es auch einem eine kirchweih kaufen:
so gébt ir in (den feinden) einen fürlasz (vorsprung),
alsdánn wil ich zuͦ rechter masz
kúmen und in mit meim haufen
érst der rechten kirchweich kaufen.
Teuerdank 93, 18;
ich wil der siben freud mit in spilen (ironisch)
und in all tag der kirbei kaufen,
das in die zeher die packen ablaufen,
das in der ruck vor freuden erplabt (blau wird).
fastn. sp. 267, 20).
k)
noch jetzt ist eine südd. höhnende redensart, dasz man einen auf die kirchweih ladet (ad lambendas nates), wie auf den kirchtag sp. 827 e, s. z. b. Fromm. 2, 415. 6, 318, 227 aus Franken; auch sächs. einen auf die kirmst bitten.
Zitationshilfe
„kirchweih“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/kirchweih>, abgerufen am 24.04.2019.

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