kind npl
Fundstelle: Lfg. 3,4 (1865,1866), Bd. V (1873), Sp. 707, Z. 9
proles, infans, liberi; das neutr. hat da die aufgabe, beide geschlechter zu umfassen (vgl.mensch), oder vielmehr das geschlecht als noch gleichgültig, wie noch nicht vorhanden zu bezeichnen, ganz wie bei lamm, kalb, kitz, den hausthieren; doch s. unter II, 4, a.
I.
Formen und verwandtschaft.
a)
ahd. chint, chind, mhd. kint (gen. kindes), alts. altfries. kind, mnd. mnl. kint (kindes), wie auch hd. meist noch um und nach 1500 (und gesprochen noch heute), nnl. kind. nd. und md. (schon vor der nhd. zeit) auch kent, kend.
b)
goth., altn., ags. fehlt es. nordisch hat (noch jetzt) barn seine stelle, das aber auch ahd. mhd. da war (s. 1, 1137). ags. aber heiszt es (neben bearn) merkwürdig abweichend und doch gleich cild, daher engl. child (pl. children, wie nl. kinderen). daneben aber findet sich doch ein anklang an kind in engl. kindle (schott. kendle) junge werfen, von hasen, kaninchen u. dgl., was von ziegen kid heiszt; diesz kid als subst., junger bock (s. kitz), bedeutet aber im cant selbst auch kind, wie in kidnap kinder stehlen. auch schwed. dial. gibt es doch kind (kinn, könn), kind, als m. und n., z. b. in wiegenliedern, auch norw. kind m., s. Rietz 319ᵃ.
c)
einen noch merkwürdigern anklang an kind bietet das altn. neben barn dar, nicht sowol in kind (kynd) fem., kind, eig. aber geschlecht, nachkommenschaft (vgl.kyn n. in gleicher doppelter bed., das mhd. künne), als in dem dichterischen kundr m. sohn (s. Egilsson, Biörn), das sich sonst als adj. zeigt; so ags. z. b. godcund divinus, eig. von gott entsprungen, gezeugt, ahd. cotchund, und schon goth. in gôdakunds von guter (vornehmer) abkunft, himinakunds himmlisch (eig. 'coeligenus'); auch kind kommt noch mhd. deutlich als adj. vor, s. 716 unten. freilich stimmt die lautstufe des d nicht zu ahd. chind (goth. kunþs entspricht vielmehr unserm kund), aber es ist mit ahd. cotchund derselbe fall, und dasz in chind das d ursprünglich sei, nicht t, ist bei der erweichenden kraft des n durchaus nicht sicher. das alts. kind kann mit für urspr. hd. t sprechen, und ahd. kintô gen. pl. findet sich einmal wirklich (Graff 4, 457). vgl. binden, winden, wind, land, hand, wo derselbe fall ist.
d)
der stamm ist kin und stellt sich aufs natürlichste zu der mit ablaut ausgestalteten wurzel kin kan kun, die in ahd. kichennan, alts. kennian erzeugen belegt ist für kan, in goth. kuni, mhd. künne, dem kundr, chund unter c (vgl. könig) für kun, in kind für kin, und zusammenfällt mit dem lat. griech. gen in γίγνομαι, ἐγενόμην, gigno (für gigeno), genus, γένος, γόνος, γονεύς u. s. w., skr. ǵan, zend. zan, litt. gimti (geboren werden), s. weiter können.
e)
das auslautende d t liesze sich fassen wie in alt, kalt (s. d.), als participisches passivzeichen, kind gleich genitus, wie barn (von bërn) natus; doch kann es auch derselbe zusatz sein der sich bei dieser wurzel in altn. kynd, ags. cynd neben kyn, cyn, in ags. cynde, gecynde gleich cynne, gecynne zeigt; dafür spricht bes. altn. konr filius neben kundr (s. unten kone).
f)
im pl. kennt das 16. jh. noch die mhd. formen, nom. acc. kint, gen. kinde (kind), dat. kinden: die kind, so sie ire augen verhalten, vermeinen man sehe sie nit. Forer fischb. 28ᵃ; die da raten das man kind thuͦn sol in unreformierte klöster. Keisersberg irrig schaf D 1ᵇ; die goukler, die kind erschrecken mit iren frömden weisen und butzenantlitter. G 5ᵇ; keiner sol sein frawen küssen vor den kinden. brösaml. 1, 15ᵃ; das man sie ein pfaffenhure, die kind pfaffenkind schilt. Luther an den chr. adel H 1ᵃ; von kind zu kindes kinden. ps. 72, 5, doch gewöhnlich ist in der bibel von 1545 kinder;
ich bitt euch, burgermaister,
ir wölt mein pfleger sein
und meiner klainen kinde.
Uhlands volksl. 324;
ich hab der kind wol sibne.
das.;
do er am allerbesten
mit seinen kinden asz.
315;
wer päsen (bösen) kinden waich erscheint.
Schwarzenb. 127ᵃ;
dann euch zu dien und euren kinden
wil ich mich willig lassen finden.
E. Alberus 137ᵇ;
wann gott gibt weisheit seinen kinden (: finden).
H. Sachs 5, 169ᵇ. 171ᵇ u. ö.;
man spricht das ausz jungen kinden (: gründen)
werden auch redlich dapfer leut.
Soltau 2, 174;
anmutung gegen den jungen kinden. Forer fischb. 96ᵃ. der pl. kind, besonders als reimform, selbst noch im 18. 19. jh.:
die armen kind! soll michs nicht schmerzen?
J. Chr. Rost bei Gödeke eilf büch. d. d. 1, 545, 72 u. ö.,
wie bald sind nicht kind zu erfreuen. Göthes vater brieflich an Lavater 23. sept. 1774, nach Frankfurter mundart;
auch uns bedenke, bedrängt wie wir sind,
die hausgenossin, drei arme kind!
Göthe 2, 37 (Joh. Sebus),
nur stille, kind! kinderlein, stille!
1, 226 (getr. Eckart);
so trag ich durch dörfer und städte
die lieben kleinen kind (: findt).
Immermann ged. 23 (storchlied).
so noch in manchen mundarten, wie in der Wetterau (keann), in Siebenbürgen (kengd) Frommann 4, 197 als gewöhnlicher plural, in der Schweiz chind. ebenso nhd. in 'weib und kind', sie sind geschwisterkind. doch ist auch der pl. kinder schon mhd., s. gr. 1², 680.
g)
eine schwache genitivform kinden schweiz., z. b. bei Maaler 243ᶜ zweier kinden genäsen u. ö., s. u. kindenbrot; schon im 13. jh. schweiz. chindon so, z. b. uns ze rechnon in die zale sînr chindon. Engelberg im 12. u. 13. jh. s. 118; ebenso rossen Boner 842, 11, tagen Haupt 4, 516 u. a., s. J. Grimm gr. 1², 632. 4, 585. Weinhold al. gr. s. 415.
h)
landschaftlich bestehn manche andre namen für kind, z. b. nordd. gör, göre, schweiz. gôf m., gorsch m., vgl. u. blage 2, 60
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
kind in beziehung auf vater und mutter.
a)
kind im mutterleibe, neugebornes kind, kind an der mutterbrust.
b)
kinder zeugen vom vater, früher auch von der mutter:
wie ist dein liebe braut so bleich,
als ob sie ein kindlein hab gezeugt? (schwanger sei).
Uhlands volksl. 278.
früher auch erzielen (mhd. ziln, auch von der mutter, erlösung 2644), zimmern, pflanzen: dasz die geistliche prelaten, äpt und mönch patres oder vätter heiszen, dieweil sie also on unterscheid hin und wider kinder zimmern. Fischart bien. (1588) 170ᵇ. Auch, wie τεκνοποιεῖν, kinder machen, prolificare Melber varil. t 1ᵇ. voc. opt. Lpz. 1501 Y 3ᵃ. gemma gemm. 1518 T 8ᵈ, doch jetzt, auszer im scherz oder derber rede (s. kindermachen), nicht von ehelicher kinderzeugung: er hat ihr ein kind gemacht; der marschall von Bassompierre, welcher einer tochter aus groszem hause ein kind gemacht hatte. Göthe an Knebel 450. früher aber auch im würdigen stil (s. kindermacher), selbst von der mutter: nam ain frawen, die machet ain kindt von im. Braunschweig chir. (1539) 72; zu Meinz im stift was ein glöckner, der machet dem pfarrherren ein kindt, wann er hat beide geschirr (war zwitter). Steinhöwel chron.; eine 'pfaffenmetze' sagt:
wenn ich denn ouch mach ein kind.
N. Manuel 348;
und macht ein pabst, das was ein hur
und macht ein kind by einem man.
374;
den kindermachenden weibern. Fischart Garg. 104ᵇ (185 Sch.). so beinahe noch in Lessings lustspiel die alte jungfer, Orontes sagt zur alten jungfer Ohldinn: soll denn ihr schönes vermögen an lachende erben kommen? .. selbst kinder gemacht, so weisz man doch wem mans hinterläszt. 2, 388.
c)
kinder haben, auch bekommen (kriegen), mhd. gewinnen Parz. 455, 21. 826, 9, von beiden eltern, bekommen doch mehr von der mutter: sie haben schon vier kinder mit einander (gezeugt), vgl. Sirach 42, 10; von einer ein kind haben Maaler 243ᶜ. kindshabung act des gebärens, kindshaberin puerpera. Schm. 2, 309, würzburg. hebammenordn. v. 1739.
d)
von der mutter kinder gebären (früher auch vom vater), mit einem kinde niederkommen (eig. zu liegen kommen, sich legen müssen), gewöhnlich blosz niederkommen. im höheren stile heiszt es, die mutter schenke dem vater das kind, 'meine liebe frau hat mich mit einem sohne beschenkt'. ähnlich geben:
auch die mutter (Jokaste) wuszte nicht,
dasz sie den eignen sohn umfieng. so gab
ich kinder meinem eignen kind.
Schiller 236ᵇ,
bei Euripides τίκτω δὲ παῖδας παιδί. allgemeiner heiszt es von der mutter ein kind zur welt bringen (in die welt setzen vom vater, scherzhaft oder verächtlich), auch nur ein kind bringen (s. 2, 385, schweiz. kindbringete f., geburt Stalder 2, 102), von einem kinde entbunden werden, mit dem alten schönen und schonenden ausdruck eines kindes genesen. früher von dem kinde kommen, entbunden werden: ein schwanger weib zum todt verurteilt solt nit getödt werden, bisz(s) von dem kind kem. Frank weltb. 10ᵇ.
e)
vom eintreten des gebärens, von den wehen hiesz es, es wird einer weh zu einem kinde, zum kinde kreisten (s. d. und kreiszen):
dem schüsselkorb ward weh zu einem kinde.
Ambr. lb. 141, 9.
ebenso zum kinde arbeiten (1, 542), ganz einfach bair. zum kinde gehn, gebären wollen Schönwerth Oberpfalz 1, 156 (eig. in die kammer gehn, s. unter h): die n. n. ist hartiglich zu einem kind gangen, dasz man vermaint, kind und mueter werden beisamen bleiben (sterben). Aufkircher mirakel, Schm. 2, 309. auch grosz zum kind, schwanger Maaler 243ᶜ (mhd. kindes grôʒ, s. h). diesz 'zu' schon mhd.: eine frouwe, diu schrei zuo eime kinde. Haupt 7, 144. vom gebären mhd. in arbeiten gên der kinder (d. i. in bezug auf kinder) myst. 1, 89, das 'gehn' wie vorhin; so frz. être en travail d'enfant, engl. to labour with child, s. kindesarbeit. von leichter geburt heiszt es 'ein kind verlieren'; da ligt es, sagt jhene gute magd, da entfiel ir das kind am tanz. Agricola spr. nr. 106. dagegen am kinde sterben:
dasz ihm sein herzallerliebster schatz
am kind verschieden wäre.
schwäb. volksl. Meier 318.
f)
von fehlgeburt (vgl. myth. 1111) 'ums kind kommen, misgebehren, sie ist ums kind gekommen, es ist ihr übel (falsch) gegangen' Rädlein 534ᵇ: und ob sach wer daʒ ein fraw umb dʒ kind kem, dʒ es nit zuͦ touf kem, so mag sie trüwen dʒ es gotts angsicht (doch) nit beroubet werd. Keisersberg evangelib. 177ᵃ. ein solches kind heiszt ein böses (zu böse 6): die arme princess hat abermal ein bös kind gehabt mit blutsturz. Elisabeth Ch. von Orleans 305, ebenso ein bös kindbett bekommen 307. vgl. verwerfen. Von künstlicher fehlgeburt: das kind von einer treiben, ein kind verderben (so mhd. Renner 12470), abigere foetum, inferre abortum Maaler 243ᶜ, kinder vertreiben Stieler 948, gewöhnlich abtreiben Rädlein, früher auch verthun (vertumen Dief. 4ᵇ):
etlich vertun den weiben
ir kíndtraht.
M. Behaim in Mones anz. 4, 451.
g)
von der schwangerschaft: mit einem kinde schwanger gehn (RA. 408), oder nur mit einem (dem) kinde gehn (noch unterm volke, und schon mhd., s. erlösung 2640), am kinde grosz gehn Junius nom. 12ᵃ, engl. be (big) with child, nl. met kind zijn:
(der arzt) ihm seinen puls begriff,
sagt ihm darnach geschwind,
er gieng mit einem kind.
H. Sachs 1 (1590) 372ᵇ;
iezund seit ir ein meidlein jung,
bisz jar get ir mit kinde.
Uhland volksl. 259;
gesund und krank geschwind, wie ein magd mit eim kind. Fischart groszm. 590 Sch., wie engl. with child, schwanger. Auch ein kind tragen früher: nit dörfen (nicht nötig zu haben, es ist von nonnen die rede) schmerzen zu leiden in kind tragen und geberen. Keisersberg hell. löw c 4ᵃ; sie gieng schwanger und trüge ein kind. Agricola sprichw. nr. 106;
wann die schwanger frau frisch, gsund und
nit schwermütig in dem kind tragen (ist).
H. Sachs 5, 333ᵃ;
ich hab mit einem jungen ritter gespielt,
ein kindlein musz ich tragen.
volksl. bei Erk liederhort 82.
jetzt nur noch dichterisch (mit zusatz): dasz Sperata ein kind von ihm im busen trage. Göthe 20, 265.
h)
früher stand da kind im gen., mhd. kindes swanger, kindes grôʒ, swære, auch kindes haft (Flore 569), verhüllend sich eines kindes befinden u. a., von wöchnerinnen (eines) kindes ligen, geligen, inne ligen (s. gramm. 4, 671. 733), des kindes ze kemenâten gên sp. 528 mitte; ebenso altfranz. une femme gisant d'enfant weisth. 4, 454. und so noch im 15. 16. jh.: eine frauwe die kindes inne läge. rechtsalt. 446; eine frau die kinds insetz (säsze). weisth. 4, 559; dazu besorgt ich auch meines weibs und kindern, die lag auch eines kinds innen. Götz v. Berl. leben (1813) 135. dieser gen. dann auch in andern verwandten wendungen: wen ein frow zu kilchen gat eines kindis. weisth. 4, 380, ihren kirchgang hält als wöchnerin. derselbe gen. der beziehung noch in eines kindes genesen, kindesnot.
i)
die mutter spricht von dem kinde das sie unter ihrem herzen getragen (Göthe 1, 268), von den kindern aus ihrem schosze Jacobi Woldemar 222, von dem kind ihres herzens, ihrer schmerzen u. ä.:
so wär er dein und deines herzens kind.
Göthe 10, 24,
könig Philipp. nein! es ist dennoch meine tochter ...
kind meiner liebe, ja du bists.
Schiller 285ᵇ;
mein kind, kind meiner schmerzen, meiner sorgen!
509ᵃ.
daher schmerzenskind, ähnlich angstkind (das einzige kind heiszt sprichw. ein angstkind), herzenskind, das jedoch gewöhnlich das liebste kind meint, ebenso schoszkind, busenkind, goldkind, mutterkind.
k)
endlich afterkind oder nachkind, posthumus Stieler 948, Rädlein 50ᵃ, Frisch 1, 14ᵃ, auch witwenkind, vgl. brautkind. findelkind, waisenkind, wechselkind.
2)
In beziehung auf rechtsverhältnisse und verwandtschaft.
a)
eheliches kind, früher auch echtes kind, noch im 18. jh.
was ist Cupido vor geschlechtes?
ein ächt kind oder ein unächtes?
Picander ged. (1732) 1, 367.
ehekind, mhd. êkint, auch adelkint (da nur freie einer 'echten' ehe fähig waren), das in der ehe, 'recht und echt' geborne, vgl. rechtes kind filius legitimus Stieler 948. es ist allein zu vollem erbe berechtigt, daher erbkind: 'proles, filius vel filia, ein erbkind'. voc. opt. Lpz. 1501 Y 3ᵃ, gemma g. Str. 1518 T 8ᵈ. nachkind, aus zweiter ehe, dagegen vorkind.
b)
auszereheliches, uneheliches, natürliches kind, auch unechtes kind und nach verschiednen beziehungen kind der liebe, liebeskind, liebkind, liebkindlein Fischart bien. 1588 90ᵇ, schweiz. hübschkind, ferner kebskind, bankkind, bänkelkind (Chr. F. Weisze), bastartkind, beikind, nebenkind, jungfernkind, fallkind, hurkind, pfaffenkind; sehr schön im bair. gebirge armes kind Schönwerth Oberpfalz 1, 236; Vreneli (ein fallkind) wurde roth und sagte, kinder wie es (sie) eins sei, wüszten eigentlich nie recht ob sie verwandte hätten oder nicht. Gotthelf 3, 420.
c)
es findet sich aber, dasz im strengsten sinne der name kind den echten kindern vorbehalten bleibt, so in 'kind und kegel' (sp. 389), auch von Luther wird einfach kind und bastart unterschieden: so ir die züchtigung erduldet, so erbeut sich euch gott als kindern .. seid ir aber on züchtigung .. so seid ir bastarte und nicht kinder. Hebr. 12, 8, νόθοι ἐστὲ καὶ οὐχ υἱοί; so ir aber auszerhalb der straf seit .. so seit ir auch bankharten und nit kinder. Schwenkfeld tröstung aines der unter dem creüz Chr. steht B 8ᵃ. vielleicht ist diese beschränkung in kind ursprünglich, und wurden in alter zeit weder bastarte noch sclavenkinder so genannt ('kind filius nobilis' rechtsalt. 229. 266); denn die bastarte standen rechtlich auszer der sippe, dem künne (rechtsalt. 475). s. noch 7, a.
d)
nach den verschiednen beziehungen der verwandtschaft, der familienverhältnisse, des erbrechtes heiszt oder hies es: bruderkind, schwesterkind (bruderskind, schwesterskind Stieler 948), brüder- und schwesterkinder, mhd. bruoderkint, swesterkint (wb. 1, 818. Nib. 1238, 3): daʒ die halbe brûder (stiefbrüder) sullen neme glîchen teil mid swesterkindern und mid brûderkindern. Michelsen rechtsdenkm. aus Thür. 192, 14. jh., aus dem 16. jh. das. 86, vgl. 33 ff. dazu coll. geschwisterkind, mhd. gebrüederkint Höfer ausw. d. ä. urk. 19. das ward auch so ausgedrückt: ja der ist mein vetter, der ist mein gevatter, der zuͦ den dritten kinden, er gehört dir eins blechs neher zuͦ dann der schmid zuͦ Matzenem. Keisersberg brös. 12ᵃ, d. i. dritt geschwisterkind, wie man jetzt sagt; in Schwaben sie sind z'ander kind geschwisterkind, z'dritten kind Schmid 21. Ebenso sohns- und tochterkind Michelsen a. a. o. 30. 36. 85, muhmenkind u. a., kindeskind, groszkind, enkelkind.
e)
ferner stiefkind oder halbes kind (s. d, f), adoptivkind (früher wunschkind, kürkind), angenommenes kind, zum kind annehmen adoptare Frisch 1, 514ᶜ, jetzt an kindesstatt; pflegekind, ziehkind, haltekind (Frisch 1, 514ᶜ). s. auch mantelkind, auskind, vogtkind.
f)
diesen entgegengesetzt leibliches kind, auch rechtes kind, besonders den stiefkindern gegenüber: wu sie aber zuvorn von den kindern getheilt weren (ihren 'theil' erhalten hätten, so sind) die rechten kinder den halben (stiefk.) nichts mehr schuldig zu thun (d. i. geben). stadtr. von Arnstadt Michelsen 29. mhd. edel kint Freidank 126, 7. im geschlossenen kreise der familie, des hauses heiszt der sohn kind des hauses (lat. filius familias), das kind im haus Frisius 544ᵃ, der sohn vom hause; selbst der angenommene:
sie alle waren fremdlinge, du warst
das kind des hauses, Max, du kannst mich nicht verlassen!
Schiller 384ᵃ.
3)
In beziehung auf das alter.
a)
neugeborenes kind, wickelkind oder windelkind, kind in der wiege, an der brust, schoszkind, zartes kind, in zartem alter Schiller 338ᵇ. 464ᵇ; im hause heiszt es wochenkind, vierteljahrkind, halbjahrkind, dreivierteljahrkind, jahrkind. kleines kind, gegenüber den andern kindern, früher auch junges kind (mhd. z. b. Renner 23315): wem man noch milch geben mus, der ist unerfaren in dem wort der gerechtigkeit, denn er ist ein junges kind. Hebr. 5, 13. 3 Macc. 6, 13; man gibt solchen jungen kindern so gar vil zu essen, dasz sie es wider geben müssen. Albertinus narrenh. 237; vil junge in der wigen ligende kinder. das.; J. Agricola schrieb '156 gemeiner fragstucke für die jungen kinder in der teutschen kinderschule' Straszb. 1528;
er starb ein junges kind.
Fleming 137;
(die) von der haushaltung so viel versteht als ein junges kind vom geigen. Gotthelf 2, 118.
b)
das kind wird zum knaben oder zum jüngling, zum mädchen oder zur jungfrau: das kind wird knabe. Lessing 10, 321, vgl. unter kinderhand;
(wie) das kind sich selbst als jüngling enthüllte.
Göthe 40, 294;
die kinder schön, die jugend nicht, die alten gesichter sehr ausgearbeitet. 43, 264; spielsachen und galanteriewaaren, kinder verschiedenen alters anzulocken. 263; 'aus kindern werden leute'. Doch dem vater, der mutter gegenüber bleibt die bezeichnung kind, besonders in würdiger, förmlicher rede, so nennt sich don Carlos gegen könig Philipp kind:
ihr Alba
und ihr Domingo werden siegreich thronen,
wo jetzt ihr kind im staub geweint.
Schiller 256ᵇ.
so in den Nib. Siegfried daʒ Siglinde kint, daʒ Sigmundes kint, Kriemhild der schœnen Uoten kint u. s. w. sonst heiszt es im leben: sie haben schon grosze oder erwachsene kinder, selbst heiratsfähige, verheiratete kinder.
c)
mhd. aber umfaszte kint auch den jüngling, jungen mann, die jungfrau mit, ohne bezug auf die eltern, wie altengl. child, und so zuweilen noch im 15. 16. jh. in einer tagweis im liederbuche der Hätzlerin heiszt es von zwei buhlen im bett, fräwlein und gesell:
daran gar friüntlich lagen
die selben chinder baid.
11ᵇ, 128.
ein dichter des 16. jh. entschuldigt seine geringe kunst am ende:
so muͦsz ich mer studieren,
ich bin noch ain junges kind.
Soltau 1, 228.
In der mhd. zeit können junge männer selbst nach dem ritterschlage, ja in der ehe noch kint heiszen (s. wb. 1, 817ᵃ); der Hohenstaufer Friedrich der zweite hiesz in Deutschland lange daʒ kint von Pülle (Apulien), s. Rückert zum welschen gast s. 588. die adelichen jungfrauen am hofe und die edelknaben im fürstendienst hieszen titelmäszig kint, auch die jungen edeln u. a., die im gefolge der ritter und fürsten um die ritterschaft dienten; so sind Dankwarts mannen, die edelen knehte, Nib. 1866, 3. 1869, 1 kint genannt, vgl. 'kint, rîter unde knehte' turnierend 132, knehtkint von einem edeln knappen Helbling 4, 566; vgl. dazu 8, c. Neidhart redet aber auch die jungen bauern, seine 'freunde' so an (74, 29. 38, 9. 21. 42, 4. 31, 15 u. ö.), wie sonst knappen, knaben, knehte, ganz mit den bei hofe geltenden namen; ebenso ein bauer seine 'knechte':
trinket vaste, lieben kint ...
hebet ûf den becher, liebiu kint.
Stricker kleine ged. 5, 145. 154.
erhalten ist diesz kind von der jungfrau (s. 4, c), einzeln aber auch vom jungen manne.
d)
einige handwerker nennen oder nannten noch in nhd. zeit ihre gesellen kinder, so die tuchscherer (Frisch, Adelung), wie andere knappen, auch knechte. in den seestädten hiesz die schiffsmannschaft dem schiffherrn gegenüber de schepeskinder, schiffskinder (s. Lappenberg hamb. rechtsalt. 1, 316 anm., Frisch 1, 514ᶜ), wie noch auf engl. schiffen die matrosen boys; so hd. schifkind und manic bub schleiertuch 226, 22, schifkinder Hätzl. 252ᵃ. ähnlich nl. kraenkind Kilian, arbeiter im kran. s. davon weiter knabe, knappe.
e)
sonst nur noch in bezug auf geschlecht und abkunft, in den volksmäszig bürgerlichen redensarten er (sie) ist guter (hübscher) leute kind, d. h. von 'ehrlicher' oder selbst ansehnlicher herkunft, aus nicht geringem stande, auch vornehmer, frommer leute kind, bonis prognatus Steinbach 1, 852. das ist alt formelhaft, kind stets so nachgestellt und zugleich in der bed. ehekind, von rechter und echter geburt (s. 2, c). dazu dann bürgerskind, bauernkind, predigerskind, kaufmannskind, schauspielerkind, soldatenkind u. s. w.
ermannen sie sich, edler prinz! der enkel
des groszen Carls fängt frisch zu ringen an,
wo andrer (geringerer) menschen kinder muthlos enden.
Schiller 251ᵇ,
so sagt die königin zu don Carlos; du kannst von glück sagen, andrer leute kindern wird es nicht so leicht gemacht.
f)
davon genommen ist es, wenn man menschenkind oder mutterkind als kräftiger für mensch überhaupt braucht, es ist einem damit der allgemeine stammbaum in ermangelung eines anderen titelmäszig beigelegt, jetzt meistens mit einem gewissen humor, ironie u. ä.:
(gott) schaw aller menschen kinder an,
wo sie auf ganzer erden leben.
H. Sachs 5, 10ᵇ;
der herr schawt ab von himel schwind
und schawt auf aller menschen kind.
5, 27ᵇ;
dann weil in deinen kriegen
so mancher mutter kind pflegt täglich aufzufliegen.
Opitz lob des kriegsg. 142;
ist es (der mann) kein ehrlich mutterkind,
so mags ein bankart sein.
Chr. Weise überfl. ged. (1701) 174;
denn mag er noch so viel sich stellen,
als wenn er keines menschen kind
bedürfte.
Gökingk 2, 110;
denn was nun auch die leute sagen,
die diesem (dem soldaten) stand nicht günstig sind:
so ward doch mancher mutter kind
von einem herrn oft klug geschlagen u. s. w.
Gellert (1784) 1, 245;
nun dächt ich, lieber herr baron,
wir lieszens beide wie wir sind:
sie blieben des herrn vaters sohn
und ich blieb' meiner mutter kind.
Göthe 18, 294.
schon mhd. ganz ebenso:
iʒ beweinet noch vil sêre
maniger muoter kint
diu leit diu hie geschehen sint.
Roland 254, 27;
durch sîn eines sterben starp vil maneger muoter kint.
Nib. 19, 4;
jâ habet ir ze vînde, daʒ wiʒʒet, maneger muoter kint.
822, 4;
daʒ maneger muoter kint sach.
Haupt 8, 283;
Eisten ouch heiden sint,
die hânt vil maneger muoter kint (sind zahlreich).
livl. reimchr. 368;
daʒ sît noch ê sîn genôʒ
geborn wart von menschen kint.
Martina 254, 31.
auch muoter barn wb. 1, 143ᵃ, oben 1, 1137. s. menschenkind, mutterkind. Ähnlich Adamskind (1, 176), Adam als stammvater aller, urheber von unser aller 'stammbaum':
swie die liute geschaffen sint,
wir sîn doch alle Adâmes kint.
Freidank 135, 11;
sît nu sô manger leie kint
von Adam her bekomen sint.
Renner 250;
Adam, thut unser pfarrherr lesen,
ist unser aller vatter gwesen,
so sind wir je (doch) all seine kinder.
H. Sachs 1 (1590), 353ᶜ;
die nasen dran wischen, da Adams kinder auf sitzen (den hintern). Luther 5, 231ᵇ;
die welt ist gschwind (betrügerisch) ...
viel tausent list trifft jetzund Adams kind.
Ambr. lb. 124, 5;
standespersonen müssen auch wissen, dasz sie und ihre kinder menschen sind ... ein mann (chirurg) der ihnen in ihren nöthen beisteht, denen sie wie alle kinder Adams unterworfen sind. Göthe 15, 11. ebenso heiszen die frauen kinder der Eva in einer bestimmten beziehung:
die vrouwen die dér arte sint,
die sint ir muoter Êven kint.
Trist. 450, 20;
sus sint si alle Êven kint,
diu nâch der Êven gêvet sint.
451, 7;
zwar nenn ich nicht der Eva vorwitz schön,
doch gleiche lust verleitet ihre kinder.
Hagedorn 2, 156,
das. 170 Adams sohn, der Even tochter; wîbes kint für weib Neidhart 72, 37.
4)
In bezug auf das geschlecht findet sich, dasz kind ohne weiteres auch eins der beiden geschlechter bezeichnet.
a)
kind als knabe, sohn: wir sehend wie gar gehorsam die schaf sind irem hirten, das ein kind oder döchterlin leichtiklich mit einem kleinen ruͤtlin regiert dreiszig oder vierzig schaf. Keisersberg irrig schaf A 4ᵇ Konrad gibt die trinität an geist vater unde kint Silv. 2969, gold. schm. 1899. schon ahd. öfter 'chint puer, filius' Graff 4, 455. es folgt dann auf kint bezogen er, der statt es, das (s. gramm. 4, 267):
wolde niht mîn kint leben
nâch mînem willen als er sol,
ich slüege in unde ruogte in wol.
ob aver dîn kint niht leben wolde
dar nâch und er von rehte solde,
ichn wolde mich niht an nemen daʒ,
daʒ ich in slüeg, dû tætestʒ baʒ.
Thomasin welsch. gast 12660.
thiz kind, ther blintêr ward giboranêr Otfried III. 20, 82. auch nd.: darnâ stêch up dat kint, dê dat evangelium vorkundet hadde. Waldis vorlorn son s. 127. daher sogar der kint Haupt 1, 132, er erwelte einen kint Kelle spec. eccl. 84, s. Pfeiffers Germ. 4, 497. Es spricht sich darin ein gefühl vom höheren werte des männlichen geschlechts aus, das früher sehr lebhaft und auch rechtlich ausgeprägt war (rechtsalt. 407. 472), als wäre nur der sohn recht eigentlich ein kind, nicht die tochter. noch hört man im scherz behaupten, töchter seien eigentlich keine kinder, ein vater habe etwa zwei kinder und ein mädchen, z. b. in Thüringen; im Hennebergischen sagte früher ein vater alles ernstes, theilweis noch jetzt, er habe zwä kinner un drei mädla, s. Frommann 2, 212. so bedeutet in den deutschen gemeinden am Monte Rosa (sp. 382) chind schlechtweg sohn, s. Schott 278. 144.
b)
aber auch für tochter, mädchen gilt kind schlechthin, in der Schweiz besteht die kleine familie aus buben und kindern, bei einem neugebornen fragt man ob es ein büebli sei oder es chint. ebenso engl. child, z. b. in Devonshire Halliwell 246ᵃ. bei Shakspeare the winter's tale 3, 3 fragt der schäfer, der das ausgesetzte kind findet: mercy on's (on us), a barn! .. a boy or a child I wonder? vielleicht ist ebenso mhd. gemeint wîp unde man, kint unde knabe lobges. 57, 11 Haupt 4, 534. Der widerspruch mit dem vorigen gebrauch ist nur scheinbar, dort meint kind dem erbe gegenüber das rechte, eigentliche kind (wie u. 2, c dem unechten kind gegenüber), hier aber ist es den söhnen gegenüber die geschlechtlose allgemeine bezeichnung, die auch den erwachsenen töchtern bleibt; trat doch die frau überhaupt aus der vormundschaft, also einem gewissen kinderverhältnis nie heraus. Damit könnte zusammenhangen, dasz in der Schweiz von dem mädchen im hause nicht im fem., mit sie, ihr geredet wird, sondern mit dem neutr., es, sein, auch wenn der name eben genannt war, der freilich meist deminutiv ist; ebenso von mägden und frauen überhaupt, s. z. b. Gotthelf Uli der knecht cap. 9 und 2, sp. 710 mitte. Auch dieser gebrauch von kind ist schon ahd. nach 'chint filia', mhd. heiszen junge mädchen kint (wb. 1, 817ᵇ), auch Neidharts dorfdirnen, z. b. Hiltburc ein vil schœneʒ kint 42, 10, s. auch 49, 1. 20, 8. 25, 2, ein tanz von 'höfschen kinden' 15, 36.
c)
das blieb im nhd., junge mädchen werden so von männern, auch von älteren frauen genannt, mit einem gewissen ausdruck der eignen überlegenheit und reife oder einer art väterlichen, mütterlichen fürsorge (ebenso τέκος Od. 7, 22, vgl.πάτερ 28), von männern besonders in bezug auf liebe, namentlich die geliebte heiszt kind mit einer gewissen zärtlichkeit:
mir träumet, wie ich hette
so gar ein wunderschönes kind
bei mir an meinem bette.
Ambr. lb. 216, 11.
Luther nennt nonnen elende (d. i. eltern- und heimatlose) kinder br. 3, 9; vil frommer kind und bruͤder (nonnen und mönche), die vil zuͦ streng inen selbs sind. Schade sat. u. pasqu. 3, 21;
als der pfarr fragt ohngefehr,
ob sie eine jungfer wer?
sprach sie: ja, ich armes kind,
aber wie sie heuer sind.
Logau 1, 8, 78;
sie gaben dem guten kinde alle schuld. Riemer polit. stockf. 294; die liebe kinder, virgines, puellae amabiles. Stieler 948;
nun liebstes kind, was willst du dich betrüben?
Chr. Weise überfl. ged. (1701) 368;
gehab dich wol, mein kind, gehab dich wol, mein leben.
370;
du loses tausendkind.
407;
das frauenzimmer wird nicht wissen,
wo wir so lange bleiben.
die guten kinder müssen
die zeit vor sich allein vertreiben.
443;
schönen kindern lieder singen
ist das amt der poesie.
Günther 175;
die morgenröthe deiner jugend,
du schon so früh galantes kind!
verspricht uns rosen aller tugend.
177;
dort spielt ich mit dem lieben kinde
früh, mittags, abends, durch die nacht.
183;
meide doch nur meine blicke,
du für mich gefährlichs kind.
274;
nimm das letzte sehnsuchtszeichen,
nun, mein kind, besinne dich.
277;
wist ihr nicht der Phillis spuren?
habt ihr nicht mein kind erblickt?
282:
erzehlt, ihr kalten nordenwinde,
die seufzer meiner schäferin,
verkündigt dem verlasznen kinde
dasz ich der alte Redlich bin.
286;
hier setze dich, verschämtes kind,
hier ist gut sein, hier lasz uns bleiben.
290;
geh in dich, falsches kind.
634.
und ebenso bei Hagedorn, Haller, Gellert, Zachariä, Hölty, Lessing u. a. in lyrischem und erzählendem stile; dafür nur ein paar ungewöhnlichere beispiele:
Julia das schönste kind.
Hölty 170;
ein verführtes kind.
Haller (1777) 47;
das schönste schwarze kind (negerin).
Gellert (1784) 1, 247,
aber 1, 334 in späterer selbstkritik eines gedichtes nennt er 'das kind' anstatt 'schöne' unnatürlich; mein kind, dein kind für geliebte. Lessing 1, 82;
nun, kind, was ist ihr wille?
1, 122.
beispiele aus lustspielen zum beleg des gebrauchs im leben: darf ich mit ihnen reden, mein schönes kind? Gellert (1784) 3, 39; ach, mein schönes kind! es fehlt mir nichts als das glück, sie ewig zu besitzen. 34; ach liebstes kind! werden sie es denn niemals glauben, wie gut ichs mit ihnen meine? 40; wirt (zur Franciska) .. und auch ihr, mein schönes kind, — Franciska. ein höflicher mann! Lessing 1, 528; (ders. zu ders.) nun mein kind? 533. 547. 548. 549; das schöne kind hier (Franc.) mag sprechen. 550; sie weisz, mein kind, den ring! 551. 590;
das arme kind (Recha) erschrack wol recht darüber.
2, 327;
Odoardo (zur gräfin Orsina die ihm den dolch gegeben hat) ich danke, ich danke. liebes kind, wer wieder sagt dasz du eine närrinn bist, der hat es mit mir zu thun. 2, 174 (Em. Gal. 4, 7). sehr häufig bei Göthe:
doch leider hat das schöne kind
dergleichen nicht gefühlt.
1, 31;
träumte da von vollen goldnen stunden
ungemischter lust,
hatte schon das liebe kind empfunden
tief in meiner brust.
1, 79;
merket auch ein schönes kind
wen ich eben (mit dem trinkspruch) meine,
nun so nicke sie mir zu:
leb auch so der meine!
1, 135;
als er nun hinausgegangen,
wo die letzten häuser sind,
sieht er mit gemahlten wangen
ein verlornes schönes kind.
1, 251;
wer gewänn an seel und leib
solch ein kind und solch ein weib!
3, 42;
ich, der ich diese kunst verstehe,
ich habe mir ein kind gewählt,
dasz uns zum glück der schönsten ehe
allein des priesters segen fehlt.
47, 10;
dafür war mir manch schönes kind
dazumal von herzen treu gesinnt.
47, 93
Mephisto, siehst du dort
ein blasses schönes kind allein und ferne stehen?
12, 218;
Meph. (zu Gretchen). ihr wäret werth gleich in die eh zu treten.
ihr seid ein liebenswürdig kind.
12, 152;
Sophie (zu Marie Beaumarchais). du hast das mit gar manchem guten kinde gemein, dasz dein liebhaber treulos ward und dich verliesz! 10, 84; Carlos (zu Clavigo). unter allen ständen gibts gute kinder, die sich mit plänen und aussichten beschäftigen, dich habhaft zu werden. 10, 95, unmittelbar vorher spricht er von den weibern, in dem guten kind liegt ein gewisses ironisches mitleid; Serlo (zu Philinen). wir finden es gar tröstlich, wenn ein gutherziges kind uns gesellschaft und beistand leisten will. 19, 169; diese (Charlotte) suchte das gute kind (Ottilien) zu beschäftigen. 17, 175; dasz Charlotte Eduarden, als er von reisen zurückgekommen, Ottilien zugedacht, dasz sie ihm das schöne kind in der folge zu vermählen gemeint habe. 17, 353; das herrliche kind (Ottilie). 17, 369; das himmlische kind. 17, 373,
ach! und der dichter selbst vermag nicht zu sagen 'ich liebe',
wie du himmlisches kind süsz mir es schmeichelst ins ohr.
1, 307;
beim abschied zeigte sich .. dasz von den jungen rüstigen männern sich gar mancher mit den hübschen kindern des dorfs und der gegend mehr oder weniger befreundet hatte. 23, 226. 24, 263; indem ich über das blatt weg nach dem schönen kinde (Gretchen) hinschielte. 24, 269; zugleich liebte ich mein zaudern, weil es mich in der nähe des kindes (Gretchens) hielt. 24, 283.
weine nicht, mein kind, weine nicht, mein kind,
deine ehr will ich bezahlen.
schwäb. volksl. Meier 317.
so nl. zij is een zoet (süszes) kind.
d)
selbst von frauen: er schwur bei seinem ehrlichen namen, er wolte das liebe zarte kind (seine frau) unter ein ganz kriegesheer ohne alle sorgen vertrauen. Riemer pol. maulaffe cap. 174. so sagt Julia in cabale und liebe zu Leonore mitleidig triumphierend: warum auf diese höhe, mein kind, wo sie nothwendig gesehen werden müssen? nachher, trösten sie sich, mein kind! er (Fiesco) gab mir die silhouette im wahnwitz. Schiller 153ᵃ, dazwischen gutes thierchen und 'du'; den K. v. K. werden sie mit seiner frau hier finden, er ist glücklich, da seine frau ein sehr gutes kind ist, das ihn herzlich liebt. Lessing 12, 424 (brieflich). der mann redet zärtlich seine gattin so an, ja liebes kind, gleich mein kind, herzenskind: Rodoman (zu seiner jungen frau, sie küssend). schweig, mein kind, hier hastu alles was du wünschen und begehren kanst. Weise überfl. ged. (1701) 199; Orgon (zu seiner frau). hat sich die frau schwägerinn so geputzt, mein liebes kind? Gellert (1784) 3, 228; lasz mich nicht so viel reden, mein kind. 230 u. ö.
e)
die frauen geben das aber zuweilen zurück:
musz ich nicht immer fertig sein,
für dich, mein kind, es (das leben) aufzugeben?
Hagedorn 2, 108,
eine junge frau sagt es zu ihrem alten manne;
so komm denn, kind, die gesellschaft im garten
wird gewiss auf uns mit dem kaffee warten.
Göthe 13, 109,
frau Bahrdt zu ihrem manne (prolog zu den neuesten offenb.). daher bei Steinbach 1, 853 'schatz, liebster, liebste, delicium', und schon mhd. ebenso sogar sünel (söhnchen), auch im munde einer jungen frau zu ihrem alten manne:
ich hân gehœret von ir
niht eines, mêr danne zwir,
daʒ sie in sünel nennet,
swie alt sie in erkennet (weisz).
Helbling 1, 133.
5)
Redensarten.
a)
von kind auf (s. 1, 604), von der kindheit an, lat. a puero, a pueris, griech. ἐκ παιδίου, ahd. fone chinde, mhd. von kinde, von kinde her, dâ her von kinde, engl. from a child, wie von einem knehtkint Helbling 4, 566, von einem kleinen kinde Morungen frühl. 136, 11, vom knaben Göthe 18, 294:
langes dienstes, des er da pflag
vón kind aúf so manig tag.
fastn. sp. 424, 19;
was hab ich vón kind aúf vor wehmuth nicht empfunden.
A. Gryphius 1, 103;
wie sie (Lilli) von kind auf durchaus manche neigung und anhänglichkeit erregt und sich daran ergötzt habe. Göthe 48, 160; auch zusammen geschrieben, wie mans spricht, von kindauf, z. b. schon Rompler 85, daher die betonung kindaúf vorhin (wie bergaúf). ebenso von klein (jung) auf, von kindheit auf. auch von kind an (1, 290), s. auch kindesbein.
b)
vielfache vergleichungen vom thun der erwachsenen mit dem der kinder. sich freuen wie ein (kleines) kind, so aufrichtig, innig und laut, weinen wie ein kind, so herzlich und ergriffen oder so weich und kleinlich, u. a.:
und kerst mir wol den rucken
und reitst dahin von mir;
so tuͦ ich als ein kleines kind
und wain auch, edler herr, nach dir.
Uhlands volksl. 188;
ich hätte wie ein kind geweint.
Gellert (1784) 1, 128;
nur die freude die ich habe wie ein kind, sollten sie im spiegel sehen können! Göthe an fr. v. Stein 1, 128;
Maria. lasz mich der neuen freiheit genieszen,
lasz mich ein kind sein, sei es mit.
Schiller 425ᵃ;
ist hart — drum wirble du. tambour
den generalmarsch drein.
der abschied macht uns sonst zu weich,
wir weinten kleinen kindern gleich.
Schubarts Kaplied,
und ich bin ein banges mädchen
und ich fürcht mich wie ein kind
vor den bösen bergesgeistern.
H. Heine b. d. l. 282;
ich musz so lehrbegierig sein wie ein kind. Gellert (1784) 3, 246;
und eh vier wochen noch vergiengen,
war sein Johann (der wildfang) fromm wie ein kind.
1, 246 (235).
von einem zarten, schwachen menschen, man musz ihn halten, behandeln wie ein kind: freilich wil es (neuerungen in der orthographie) das auge oft übelnemen, und hierin wie ein kind gehalten sein. Bürger vorrede zu den ged. 1778 s. xvii; auch halte ich mein herzchen wie ein krankes kind. Göthe 16, 10; auch diesen tag hat uns das glück wie verdorbene kinder behandelt, alle unsere wünsche erfüllt und auch unsere nachläszigkeiten zum besten gekehrt. an frau v. Stein 1, 268 (frz. enfant gâté, verzogenes, verwöhntes kind).
c)
ein erwachsener wird auch, ohne vergleichung, selbst kind genannt, in manigfachem sinne: disz (wenn wirklich die zauberer den mond herabholen könnten) wer eben so viel, als müszten die götter solchen bescheiszenden kinden als dienstpflichtige ihres mutwillens geleben. Fischart daemonomania 1591 48, besch. statt 'sich besch.', wie jetzt 'er ist ein beschissenes kind', eig. ein ganz kleines, dummes. von übermütigen, läppischen, furchtsamen, unerfahrnen menschen u. a. sagt man, er ist ein rechtes kind; ihr seid ein rechtes kind, ipsa es simplicitas Stieler 948; kind sein, ohne falsch sein. Frisch 1, 514: armes volk, wann wirst du aufhören kind zu sein, wann wirst du endlich der amme hierarchie entwachsen? Fr. X. Bronners leben 3, 172;
sein (Octavios) schlechtes herz hat über mein gerades
den schändlichen triumph davon getragen ...
ein kind nur bin ich (Wallenstein) gegen solche waffen.
Schiller 379ᵃ;
Minna. nun? (indem sie ihm lächelnd ins gesicht sieht) lieber Tellheim, waren wir nicht vorhin kinder? Tellh. ja wol kinder, gnädiges fräulein, kinder die sich sperren wo sie gelassen folgen sollten. Lessing 1, 573; weil ich im 29. (jahr) noch so ein kind bin. Göthe an fr. v. Stein 1, 183;
lasz mich ein kind sein, sei es mit.
Schiller Maria Stuart 3, 1.
daher 'sei kein kind!' im wortstreit:
ach vater! spricht er (der lügner), seid kein kind
und glaubt (zu glauben), dasz ich dergleichen hund gesehen.
Gellert (1784) 1, 150.
selbst von dingen, bildlich: ihre (der Spanier) allerältesten stücke hatten viere (akte), sie krochen, sagt Lope de Vega, auf allen vieren wie kinder, denn es waren auch wirklich noch kinder von komödien. Lessing 7, 281.
d)
daher zum kinde werden, nicht blosz von alten leuten:
durch liebe maneger wirt ze kinde,
der doch niht ist der jâr ein kint.
waʒ ich der selben kinde vinde,
diu durch die liebe tôren sint!
MSH. 3, 421ᵇ;
wer es glaubt, der wird zum kinde.
Logau 2, 2, 70 s. 47.
aber auch von kinderfreunden: (Gargantuas vater) halset und küsst in, tätschelt in .. und ward mit im zum kind, fragt in allerlei kindische fragen. Garg. 136ᵃ.
e)
daher altes kind, alte kinder, kindische erwachsene (henneb. Haupt 3, 367), oder auch kindliche: nun gehts besser mit den kindern und so gehts auch mit mir altem kind. Wieland in Mercks briefs. 2, 105;
das publikum will unterhalten sein,
und diesz besteht fast blosz aus alten kindern.
Gökingk 2, 123;
töne lied aus weiter ferne ...
alte kinder, junge kinder
hörens immer gerne.
Göthe 3, 1.
vgl. schon mhd. drîʒicjærigeʒ kint Haupt 7, 369, umgekehrt junc altiu kint 8, 555, frühreife kinder.
f)
mhd. ward diesz kint sogar ganz gleich einem adj. gebraucht, z. b.:
si sîn alt oder kint.
Helbling 4, 339;
man vindet liute sô kint.
Haupt 7, 503;
dar zuo bist du noch ze kint.
Lanz. 324;
niemen ist sô kinder (puerilis) ...
Neidhart 67, 23.
die alten
suln sîn deste kinder (vor lust und freude).
19, 36.
s. mehr gramm. 4, 256. wb. 1, 817ᵃ. das mag wol noch später zu finden sein, ähnlich z. b. schalk als adj.: je schälker in der büberei, je plumper in der lehre. Henisch 542. gerade kind übrigens könnte von haus aus adjectivnatur haben, s.I, c.
g)
eine andere mhd. wendung hat sich lange erhalten, kint mit dem gen. der beziehung, der witze, sinne ein kint, des wânes Haupt 7, 320 u. a.:
du bist für war der witz ein kint.
Mone schausp. d. m. 2, 382. fastn. sp. 823, 16;
ich bin der sachen (noch) ein kind, zu schwach um das zu erkennen. Stieler 948. Rädlein 534ᵇ. Steinbach 1, 852; so lange ich nun der sachen ein kind bin. Weise erzn. 103; 'gelt ihr jungfern, das lied (ein zweideutiges) ist gut gegeben?' Lisette. ich bin der sachen ein kind, ich versteh mich nicht drauf. ders. überfl. ged. (1701) 417.
h)
'gutes kind', 'liebes kind' u. ä. ist gleichfalls aus dem kinderleben in das der erwachsenen übergegangen, franz. bon enfant, doch meist nur im munde älterer, bes. vorgesetzter gegen jüngere. der abt sagt in des mönches not so zu dem wieder zu gnaden angenommenen mönche:
du salt gên zu chôre mit êren
und salt singen unde lesen,
du salt ein gût kint wesen,
alsô du vor tete,
und habe mich in dîme gebete.
Haupt 5, 448.
in dem osterspiele fundgr. 2, 318 nennen die frauen den knecht des kaufmanns, Rubin, der sie tröstend anspricht, so: gut kint, got lone dir. ebenso artiges kind, die verheiratete tochter sagt zur mutter:
mütterchen, habe mich lieb, ich will auch artiges kind sein.
Voss siebz. geb. 216.
Ähnlich liebes kind, liebling, günstling, schoszkind:
swaʒ aber liebeʒ kint getuot,
daʒ dunkt und ist niht halbeʒ guot.
Renner 208ᵃ;
ze sælden sît ir gezelt
unt gelücke ze ingesinde,
dem heile ze liebem kinde.
Haupt 1, 509;
da (als ich nur noch wider den ablasz eiferte) war der Luther ein feiner lehrer ... und war Luther das liebe kind (bei den bischöfen) und fegete die stift und pfarren von solchem treudelmarkt. Luther 5, 79ᵃ; gleich wie ein vater sein kind zuerst hart und scharf zeucht, aber darnach ists das liebe kind und eitel süsze liebe fürhanden. 4, 252ᵃ (1556); wie ich nun i. f. gn. ausführung thät (den wahren verlauf der sache genau berichtet hatte), waren sie wol zufrieden, und war darüber liebes kind. Schweinichen 2, 55, hatte des fürsten gunst wieder; und die zuvor i. f. gnaden am heftigsten zuwider gewesen, die wollten nun liebes kind sein. 2, 60;
weil iedermann nun musz die lieb gewinnen,
so wolt iedwede frau bei ihr sein liebes kind.
Lohenstein liebeszunder;
sich lieb kind machen, sich bei einem einschmeicheln Hennig preusz. wb. 122; er (Uli) wolle sich liebes kind (beim bauer) machen, hätte flausen im kopf und meine da bauer zu werden. Gotthelf 2, 233; vgl. den namen Liebeskind, auch Lieberknecht, Süszkind. der fehlende artikel erklärt sich wol so, dasz es unmittelbar von der anrede 'liebes kind!' übernommen ist, der fürst mochte im fall der gunst seine diener so nennen, wie wol auch der abt vorhin seine mönche; s. des bauers rede zu seinen knechten 3, c a. e. und 8, b. Sehr hübsch im 16. jh. jedermans kind, bei jedermann gern gesehen, oder jedermann zu willen, vgl.allermannsfreund:
das ist so artlich und holdselig,
jedermans kindt, lieb und gefellig.
H. Sachs 3, 1, 238ᶜ.
i)
noch andere redensarten: das kind mit dem bade ausschütten: (und wirt) erznei guͦt auf dem strosack, da die meid das kind het (bekam) und es die kelnerin mit dem bad ausz schüt (aus versehen). lasztafel des d. Grillen 1540 A 2ᵇ; doch ist es der alten väter (kirchenväter) brauch, dasz sie das kind oft mit dem bade ausschütten. Weise erzn. 323. Stieler 77 erklärt rectum usum propter abusum tollere, Steinbach 1, 55 totum subvertere malum cum bono, s. 1, 1069. 963. das kind aus der wiege werfen, einen schwer erzürnen M. Kramer teutschholl. wb.; das kind ist todt, die gevatterschaft hat ein ende. das. von einer sehr leichten sache heiszt es, das kann ein kind machen, begreifen, verstehn:
dies ist die ganze sach, es kanns ein kind verstehn.
A. Gryphius 1, 383.
er hat weder kind noch rind (teutsch-engl. wb. Lpz. 1716), gar nichts von einem hausstand, nd. nig kind nog kiken (küchlein), keine ehlichen erben (engl. nor child nor chicken): (die Israeliten ziehen) mit rindern und kindern, mit sack und pack. Lessing 10, 22. Eigen 'das kind beim rechten namen nennen', ohne rücksichten die wahrheit grade heraus sagen: nimmermehr aber kann was redliches sein, wo man so gar hinder dem berge haldet, wann man brei im mund hat und dem kind nicht will den rechten namen geben. Philander ges. 1, 8;
Faust. ja was man so erkennen heiszt!
wer darf das kind beim rechten namen nennen?
Göthe 12, 38;
ohne umschweife gesagt, geradezu, das kind bei seinem namen genannt. 45, 145; ich gebe dem kinde seinen namen, nenne eine sache wie sie ist. M. Kramer deutsch-holl. wb. (1787). woher stammt das? ein sprichwort: hätte jedes kind seinen rechten namen, so hieszest du nicht Peter Götz. Simrock 5584. Ähnlich ist und doch anders 'das kind musz doch einen namen haben!' man musz es doch einmal entschieden aussprechen, oder es musz sich doch sagen lassen, oder auch das ding musz doch einen namen erhalten: Leander. wenig (kriegt das mädchen mit) — sie wissen ja selbst was man wenig nennt. Staleno. nur heraus mit der sprache! das kind musz doch einen namen haben. drücke er doch das wenige mit zahlen aus. Lessing 1, 467 (schatz 1). das könnte wol von der verhandlung unter verwandten über den zu wählenden taufnamen eines kindes herrühren. bei Simrock sprichw. 5656 man musz dem kind einen namen geben, in Bern dem chind e name gä, suo quoque res insignare nomine Frommann 2, 482ᵇ.
6)
Sprichwörter in groszer fülle, hier nur eine auswahl: wer nicht kinder hat, der weisz nicht warumb er lebt. Agricola nr. 333; zu solchen kindern gehöret eine solche mutter. Luther 6, 24ᵇ, auch man siehts dem kind an, was es für einen vater hat; an dem kind kennet man den vater wol. 6, 186ᵇ. bei Simrock 5574 ff.: das kind fällt wieder in der mutter schosz, die mutter beerbt das kind, s. vom schoszfall beim erbe rechtsalt. 476, vgl. das. 325 (470). das kind folget dem busen, partus sequitur matrem, hess. das kind büsert; das kind fällt zur ärgern hand, s. das. 324; wenns kind geboren ist, ist das testament schon gemacht; es ist besser das kind weine, denn der vater (es ist besser die kinder weinen, dann du. Schottel 1127ᵇ); es ist besser, die kinder bitten dich, als du sie (s. dazu Sirach 33, 22, vgl. auch das sprichw. u. keule 1, b); ein vater nehret ehe zehen kinder, dan zehen kinder einen vater. Schottel 1127ᵇ; jeder mutter kind ist schön;
es meint jede frau,
ihr kind sei ein pfau,
wer die kinder verzärtelt, setzt sie ins leichte schiff;
ungezogne kinder
gehn zu werk wie rinder;
heim erzogen kind
ist bei den leuten wie ein rind
(vgl. Suchenwirt im leseb. 913, 11);
lieber ungezogen kind als verzogen kind; ein gut erzogen kind ist eine rechnung ohne probe; je lieber kind, je schärfre rute (vgl. spr. Sal. 13, 24); kinder soll man ziehen, dasz der apfel bei der rute liege; das kind sagt wol dasz mans schlägt, aber nicht warum;
wies kind gewöhnt ward,
so schlägts in die art;
wie man die kinder gewöhnt (zieht), so hat man sie; wenn man den kindern den willen thut, so schreien sie nicht; wären kinder nicht lieb, wer möchte sie ziehen?; kinder sind lieb, denn sie werden sauer; liebe kinder haben viele namen (den lieben kindern gibt man viel namen. Schottel 1128ᵃ); kind macht der mutter immer mühe; wer ein säugendes kind hat, der hat eine singende frau (Haupt 3, 33); kinder weinen macht frauen singen; wie man sagt, so sind die kinder der mutter erzt (mit der milch gehn krankheiten fort). Agricola nr. 593 erkl.; kinder kommen vom herzen und gehen zu herzen (s. unter herz);
kleine kinder kleine sorgen,
grosze kinder grosze sorgen;
sind die kinder klein, so treten sie der mutter auf den schosz, sind die kinder grosz, so treten sie der mutter auf das herz. Schmitz Eifel 1, 189, in Leipzig klein hängen die kinder der mutter an der scherze (schürze) und grosz am herze; éin kind angstkind (notkind), zwei kinder spielkinder; einzig kind liebes kind; éin kind kein kind, zwei kind ein halb kind, drei kind éin kind; éin kind kein kind, zwei kind spielkind, drei kind viel kind, vier kind ein ganzes haus voll kinder (12358ᵃ); viel kinder viel vaterunser, viel vaterunser viel segen; so viel kinder, so viel vaterunser; je mehr kinder je mehr glücks; wol geratene kinder des alters stab; böse kinder machen den vater fromm; kinder und narren reden die wahrheit; das kind das seine mutter verachtet, hat einen stinkenden atem; man küsst das kind oft um der mutter willen; wer dem kinde die nase wischt, küsst der mutter den backen; frühweise kinder leben nicht lange oder es werden gecken daraus (vgl. Eyering u. dollisieren); frühwitzige kinder werden tölpel; aus gescheiden kindern werden gecken; kluge kinder leben nicht lange;
aus kindern werden leute,
aus jungfern werden bräute;
es ist besser zehn kinder gemacht,
als ein einziges umgebracht;
kinder findet man nicht auf dem mist; kinder schöpft man nicht aus dem brunnen (s. kinderbrunnen); kinder leckt man nicht aus schnee; kinder wachsen keinem an den fersen (vgl. 3, 1545 mitte, es erinnert an die stammtafel am menschlichen körper, vgl. rechtsalt. 470); kinder sind einem nicht am schienbein gewachsen (vgl. Rochholz kind. 128); kinder hat man, kinder kriegt man; kinder und bienenstöcke nehmen bald ab bald zu; an ander leut kinden und an fremden hunden hat man das brot verlorn. Frank spr. 2, 6ᵃ; fremde kinder werden wol erzogen; ein kind redet wie es weise ist; speikinder gedeihkinder (auch schreikinder gedeihkinder); quarrige kinder gehn am längsten; wenn kinder wol schreien, so leben sie lange; starkes kind starke krankheit; verbrannt kind fürchtet das feuer (vgl. Müllenhoff denkm. 324 fg.); wenn das kind ertrunken ist, deckt man den brunnen zu; wenn kinder und narren zu markte gehn, lösen die krämer geld; wir sind auch kinder gewesen; kindermasz und kälbermasz, das müssen alte leute wissen.
7)
Die kindschaft auf andere verhältnisse des menschen übertragen.
a)
nach altbürgerlichem ausdrucke wird einer ein kind des ortes, der gemeinde genannt, wo er rechtlich geboren und erzogen ist: ein darkommender man (advena) .. mag ein gebawerschaft kaufen .. also (im fall) das er bringe sein manrecht eins erbarn wandels, darzu drei gulden unverzuchlich: wer es aber ein gezogen kind des dorfs, der gibt halb als vil. weisth. 1, 461;
zieht usz, zieht usz (aus dem belag. schlosz), ihr vögelein
die kinder von Ulm gehören drein,
es ist ihr vätterlich erbe.
landsknechtlied in Adrians mittheil. 129
es ist darin die alte familienhafte geschlossenheit und zusammengehörigkeit der gemeinde ausgedrückt, die unserer zeit kaum noch in der erinnerung gegenwärtig ist als kleinstädterei; aber da nur aus einer nach gemeinderecht geschlossenen ehe ein rechtes kind hervorgieng und nur ein 'echtes und rechtes' kind gemeinderechte hatte, so wird zugleich diesz rechtsverhältnis mit allem stolze darin ausgesprochen; nur ein bauernsohn aus rechter ehe ist in jenem kind des dorfs gemeint, die kinder von Ulm sind die bürger der stadt von echter herkunft. man sieht das recht deutlich aus einer äuszerung Michael Beheims über den aufruhr der Wiener i. j. 1462
dis ding zu Wien peschehen sint.
aber dy rehten Wiener kint
kain solches niht haben getan,
es waren nur schuldig dar an
die unelichen kinder
und pankart ....
rehte art nit unertet (schlägt aus der art).
buch von den Wienern 49, 14,
das spricht dafür, dasz kind ursprünglich nur ein eheliches 'adelkind' war, s. u. 2. einer ohne heimat und herkunft heiszt daher ein wildes kind.
die wilden kind
und das verkehrt pfaffengesind.
Rollenhagen froschmeus. S 8ᵃ
die fändlein allesammen,
die in Sachsenhausen gelegen sind,
der waren sechs mit namen,
darunder manch wild kind.
Soltau 1, 408,
heimatlose landsknechte. Gewöhnlich wird von dem stadtnamen das adj. gesetzt
wann er (der vertriebene blinde abt von Hersfeld) ein
schuler hört etwan,
sprach er in mit den worten an:
'so du bist ein Hersfeldisch kind,
umb gottes willn mir verzeich die sünd'.
hess. chron. bei Adrian mitth. 183;
Nôrtensch boren togen kind, in Nordheim geboren und erzogen, Bremsch tagen baren kind; ein Rigisch oder Rigisches kind, Revalsches kind. Hupel livl. id. 109; ein Venediger kind Bocc. 2, 8ᵃ;
der uns dies liedlein erstlich neu thet finden,
das hat gethan eins von den Nürnberger kinden.
Soltau 1, 130;
er ist ein Leipziger kind. Rädlein 534ᵇ; ich ein Frankfurter kind wie du (Göthe). Bettine br. 2, 323; herr Martinus Äsb, ein hiesig kind, dessen vatter allhier burger und guten adeligen geschlechts .. gewesen ist. Bechsteins deutsches mus. 1, 200 aus einer Schweinfurter hs. des 16. jh.; daher stadtkind (voc. opt. Lpz. 1501 N 5ᵇ), dorfkind, kind vom lande. Vom volke benannt:
von andern wird erwiesen,
du (Mars) seist ein Thracer-kind des volkes der Odrysen.
Opitz 1, 89.
schon mhd. z. b. lettesche kint für Letten:
der selbe helt unverzaget
bûte daʒ hûs zer Winden
den letteschen kinden.
livl. reimchr. 635.
dagegen nennen die städter die räuberischen edelleute galgenkind Uhlands volksl. 370, vom galgen stammend.
b)
das ward übertragen auf das verhältnis zum heimatland, 'vaterland', landeskinder, wie söhne, töchter des landes:
o führt ja alle leid,
die ihr mit treuer pflicht des landes kinder seid.
Opitz 2, 97,
ist Ronsard Frankreichs sohn, es hat wol schlechtre kinder.
Rachel 8, 246,
als sich die mehrzahl der kinder des nordens .. nach England und Irland wandte. Dahlmann dän. gesch. 1, 60; ein kind des urwalds, des gebirges u. a.;
das kind des lagers spricht aus dir, mein sohn (Max).
Schiller 336ᵃ;
du hast noch eltern? ja? dein vater dient
dem könige und ist ein kind des landes?
257ᵇ (Carlos 2, 4);
das land kann seine kinder nicht schützen.
491ᵃ.
ebenso dann vom 'staate', im mund des marquis Posa:
bürgerglück
wird dann versöhnt mit fürstengrösze wandeln,
der karge staat mit seinen kindern geizen.
279ᵃ.
doch spricht darin schon mehr die spätere auffassung von der kindschaft der unterthanen dem angestammten fürsten, der landeskinder dem landesvater gegenüber: dasz ein landesherr als vater seinen kindern das brod nicht entziehe und es den fremden gebe. Möser phant. (1778) 1, 38.
c)
selbst das ganze land wird als kind seines fürsten bezeichnet. so von Opitz in einem gedicht auf den tod der fürstin Elisabeth Magdalenen, herzogin zu Münsterberg und Öls:
die durch viel frömmigkeit ihr kind, das vaterland,
viel mehr geschützet hat als jemand mit der hand.
2, 97.
ähnlich könig Karl von Frankreich bei Schiller.
soll ich, gleich jener unnatürlichen mutter,
mein kind zertheilen lassen mit dem schwert?
456ᵃ.
d)
merkwürdig schon mhd. des rîches kint, so nennt kaiser Karl in seiner todtenklage über den gefallenen Roland diesen und seine gesellen ehrend:
kint des rîches,
iuwer gelîche
newart nie ûf der erde geborn (so?).
Konrad 242, 3;
ir sît gewesen des rîches kint,
sîn êre ist elliu von iu komen.
Stricker 8354.
in rîche ist land (staat) und kaiser nach alter weise in éinem gedacht (vgl.'enfant de France').
e)
ähnlich ist auch die semitisch orientalische sitte, ein volk, einen stamm als kinder des 'stammvaters' zu benennen, die kinder Israel, die kinder Ammon, die kinder Korah, die kinder Levi u. a. in der bibel; die kinder der wüste, Beduinen. Enakskinder soldaten Göthe 17, 127 (4 Mos. 13, 29), ebenso Enaks enkel Picander
f)
auch die kirche nimmt, wie der staat, eine kindschaft ihrer angehörigen in anspruch, sie selbst als die mutter:
die ketzer si (die kirche) betwingen sol,
wan si wâren ir kint wol.
swenne der man (mensch) getoufet ist,
er ist ir kint für die vrist (fortan).
Thomasin welscher gast 12667 ff.;
(mein gewissen) das seine seelensorgen
auf gottes herze setzt, dem ich (Karl) wie je und eh
auch sterbend als ein kind der kirch (katholik) entgegen geh.
A. Gryphius Car. Stuard. 5, 408 (1663 s. 420).
noch jetzt treuer sohn der kirche. vgl. dazu 8, d.
g)
auch der einzelne kirchensprengel, die pfarre, denn man spricht von pfarrkind, wie von kirchkind, kirchenkind: des herrn hauptpastors liebe kinder in Christo. Lessing 10, 176. das ist das kirchliche seitenstück zu der politischen kindschaft u. a. man nannte sich auch kind des schutzheiligen einer einzelnen kirche, eines landes, z. b. in dem reformationsstreit zu Solothurn 1533 die katholischen nach St. Ursus:
si sprachend, wir sind Sant Ursen kind,
die von den Luterischen verraten sind,
sin kilch wend wir behalten (retten).
Soltau 2, 147;
dich loben, dir danken
deine kinder in Franken,
Sanct Kilian!
Ditfurth fränk. volksl. 1, 62.
h)
ebenso dann in der antik-modern heidnischen redeweise 'kind der musen', der den musen huldigt und den sie lieben, hegen, schützen, musenkind Günther 745, musensohn.
gott Amor, überwinder,
umarme deine kinder.
Schiller 10ᵇ.
8)
In manchen verhältnissen des lebens nimmt einer die stellung des vaters zu andern an und nennt diese dann kinder.
a)
so im alltagsleben in lebhafter freude und ähnlichen erregungen, auch nur in naher vertraulichkeit, da thut einer, nicht immer nur ein älterer, unter freunden, verwandten, genossen wie der vater: kinder, ich weisz wie wir das machen! oder hört, kinder, ich will euch was sagen! ein älterer redet andern damit zu, begütigend, mild tadelnd, ermunternd u. dgl., wie Göthe z. b. in lehrhaften gedichten, in den sprüchen den leser öfter mit kind anredet, s. 47, 253; öfter aber im gemütlichen scherz. daher ist sogar kinder! eine interjection geworden, bes. der verwunderung, auch kinder kinder! brem. wb. 2, 773, o kinder! o herre kinder! Dähnert 226ᵇ. so kommt in Minna von Barnhelm (1, 12) Werner jubelnd ins zimmer, nur Just ist anwesend: lustig, kinder, lustig, ich bringe frisches geld! Lessing 1, 523. ähnlich ward die anrede kerl! (sp. 560) zu einer bloszen interjection.
b)
der vorgesetzte, höhere nennt 'die seinigen' so, der hausherr, der familienvater das ganze hausgesinde (die ganze familie), das haupt eines geschäfts 'seine leute'. so im Tell (2, 1) Attinghausen seine knechte:
geht kinder, und wenns feierabend ist,
dann reden wir auch von des lands geschäften.
Schiller 525ᵃ;
edelmann (zu seinen leuten). brav, ihr kinder! brav! Göthe 14, 255; kinder, was gibts? 300, hier zu allen anwesenden. das ist sicher alt, vgl. den bauer beim Stricker u. 3, c, auch das mhd. kint in höfischem gebrauche das. mag nach einer seite daher entsprungen sein, und der gebrauch unter a hier ist vielleicht dem nachgeahmt
c)
der officier seine soldaten: sein (des majors) erstes wort war: kinder, was macht ihr da? ... allons kinder! zumarschirt. tagebuch eines lieut. v. j. 1747, Freytag bilder 2, 397; der general (zu den husaren). aber nun, kinder, marsch! es ist zeit zur wachparade. Kretschmann 4, 13; auf den tod getroffen rief graf Wedell seinen landwehrmännern zu 'kinder, rettet das vaterland!' Droysen leben Yorks 2, 354; major Leslie, von zwei kugeln getroffen, schritt immer noch seinen grenadieren voran, bis er erschöpft niedersank. 'vorwärts kinder!' war sein letztes wort. 360; lieutenant von Eberhardt, der während der attaque von einer kartätschkugel zu boden gestreckt, von seinem bataillon zertreten, noch ehe solches den feind erreicht, keuchend mit einer bedeutenden kopfwunde wieder vor demselben erscheint und ausruft 'nein, kinder, ich musz auch mit in den feind!' general Hünerbein das. s. 365;
er (Napoleon) sprach 'ihr kinder, halt euch fein,
sonst büszen wir ganz Frankreich ein'.
Soltau 2, 471.
Auch das ist alt überliefert:
ons edel prince Maximiliaen
hy beete hem (bot ich) neder te voet (zum beten) ...
'kinderen, dus wil ick dat ghi allen doet,
ende ghi heeren van hooger weerde (adel)'.
niederl. lied im Antwerp. lb., hor. belg. 11, 10,
es ist nach dem sieg bei Guinegate i. j. 1479, Maximilian heiszt die krieger zum dankgebet knien, er unterscheidet aber die 'herren' und die 'kinder', die knechte, die schon mhd. kint hieszen (s. 3, c). mit diesem namen der edeln knechte sind gewiss nun oft die landsknechte schmeichelnd angeredet worden, wie sie ja auch andere worte und dinge aus dem ritterthum auf sich herübernahmen. die soldaten des 17. jh. setzten wieder manches von den landsknechten fort. in einem liede v. 1628 redet obrist Arnheim vor Stralsund seine soldaten aufmunternd an:
recht so, recht so, mein kinder.
Soltau 2, 359.
Götz von Berlichingen zu den seinen: kommt, kinder, kommt! macht eine bahre von ästen. Göthe 42, 356;
'herzhaft, kinder mein, zur arbeit!
kinder mein, zum streit hervor!'
neugriech. volksl., Göthe 3, 224.
d)
geistlich, beichtkind gegenüber dem beichtvater, wie auch beichtsohn (1, 1361) und beichttochter weim. jahrb. 6, 438, mhd. bîhtetohter Merswin neun felsen 46. Neidhart als beichtvater verkleidet spricht zu den beichtenden bauern:
kind, wildu von mir lernen,
ich will dich hören gerne.
knie nider, guoter man,
sag mir, was hastu getan?
fastn. sp. 431, 21;
ich sag euch, lieben kind.
434, 31.
aber überhaupt dem 'geistlichen vater' gegenüber sind die gläubigen 'die kinder': audite, filii, hlosêt ir, chindô liupôstûn. exhort. ad pleb. christ. (leseb. 52, 7); nosse debetis, filioli mei, chindilî mîniu. das. (52, 30);
nu hœret, herzenliebiu kint.
Mariengrüsze Haupt 8, 290;
er (der pfarrer) sprach zu in mit worten lind
'nu losend all, mein lieben kind'.
Ph. Frankfurter pf. vom Kalenberg (leseb. 950, 2),
spricht Jesus zu inen (den jüngern) 'kinder, habt ir nichts zu essen?' Joh. 21, 5; kinder, es ist die letzte stund. 1 Joh. 2, 18, noch traulicher kindlein 2, 12. 28. 3, 7. 18. 4, 4; ich habe keine gröszer freude denn die, das ich höre meine kinder in der warheit wandeln. 3 Joh. 4. in der Donaueschinger passion redet der proclamator die ganze hörerschaft an ir aller liebsten kind in got und liebe kind. Mones schausp. d. m. 2, 186. vgl. dazu 7, f. g.
9)
In der alten gesundheitslehre hiesz einer ein kind des planeten, in dem er geboren war, unter dessen einflusz er stand:
was kinder under mir (Venus) geboren werden,
die sint frolich und singen gern.
Naumanns Serapeum 3, 188;
Saturnus ain stern bin ich genant ....
mein kinde sind siech, blaich, türr und kalt.
xylogr. planetenbüchl. in Bechsteins deutsch. mus. 1, 246. 247;
alle min (des Mars) geborne kind
zornig, mager, gellig sind ....
und was mit für (feuer) sol geschehen,
das mussend mine kind verjehen.
248,
'meine geborene kinder', für die unter mir geborenen;
ich (die sonne) bin glücklich, edel und fin,
also sind och die kinder min.
249;
mine (Mercurs) kinde sich zu hupschhait keren.
250;
arbaitsam sind Mercurius kind.
251;
miner (des monds) kind man kaines gezemen kan.
252;
ji sint dat rechte Venuskint,
dê gêrne bî hoveschen frouwen sint.
Waldis vorlorn son 575;
(man findet) das vil Saturnuskind
dannacht (trotz der planetenlehre) gerecht, frumm, heilig sind,
dar gegen sunn und Jupiter
hant kind, die nit sind bosheit lär.
Brant narrensch. 65, 17;
seine (Mercurs) kinder .. werden gute goldschmid u. s. w. Fischart groszm. 620 Sch.; ihr übermonsichtige kinder. 622;
die kreise in den kreisen, die sich eng
und enger ziehn um die centralsche sonne,
die sieht das aug nur, das entsiegelte
der hellgebornen heitern Joviskinder.
Schiller 341ᵇ (Piccol. 2, 6),
Fischart nennt sie Jovisten groszm. 597 Sch.
10)
Ferner religiös, biblisch u. ä.
a)
gott dem vater stehn die menschen als seine kinder gegenüber (vgl. allvater):
o heiliger, du leihst uns schwachen kindern
kein irdisch gut zu einem eigenthum.
Haller über den tod der Elise, seiner gattin (1777 s. 269);
dasz du mich hören mögest, o aller kinder im himmel
vater und aller auf erden!
Klopstock Mess. 15, 75;
hilf gott, hilf! wer den vater kennt,
der weisz er hilft den kindern.
Bürger Lenore str. 7.
b)
im besondern christlichen, kirchlichen sinne aber sind gottes kinder die durch den glauben 'wiedergebornen', in gottes kindschaft neu aufgenommenen, vgl.kindschaft 2: selig sind die friedfertigen, denn sie werden gottes kinder heiszen. Matth. 5, 9; liebet ewre feinde, segenet die euch fluchen .. auf das ir kinder seid ewrs vaters im himel. 5, 45; wie viel in aber aufnamen, denen gab er macht gottes kinder zu werden, die an seinen namen gleuben. Joh. 1, 12; denn welche der geist gottes treibet, die sind gottes kinder. Röm. 8, 14, vgl. 1 Joh. 3, 10.
c)
daher heiszen besonders fromme leute mhd. gotes kint, namentlich mönche, geistliche, märtyrer, keusche frauen, kreuzfahrer, gotteskämpfer, z. b. Rol. 161, 11. Trist. 468, 35. Walther 123, 34. Neidhart 88, 3. Stricker Karl 149. 10774. Renner 139ᵃ. 202ᵇ. 209ᵇ; diu sêle diu gotes kint wil sîn. Eckhart 295, 35. in dem osterspiele fundgr. 2, 323 (leseb. 1024, 21) werden die engel am grabe so angeredet. in Bürgers ballade 'der bruder graurock und die pilgerin' wird letztere vom mönche mehrmals so genannt (nicht in Percys engl. original):
kind gottes, wie soll kenntlich mir
dein herzgeliebter sein?
46ᵇ;
kommt aber nur einmal herein,
begrüszt die heilige capelle ...
diesz wird euch kindern gottes taugen,
erbaut euch und ergötzt die augen.
Göthe 3, 179.
d)
ebenso heiszen die feinde gottes, zauberer, die gottlosen, ungläubigen kinder des teufels (s. 1 Joh. 3, 10) oder der hölle, auch bilwiszkinder, pilmiskinder (16. 17. jh.) u. dgl.: o du kind des teufels (Paulus zum zauberer Elimas). apost. 13, 10; machet ir aus im ein kind der hellen zweifeltig mehr denn ir seid (Pharisäer). Matth. 23, 15, mhd. kint der helle myst. 18, 36;
ein spieler ist nit gottes fründ,
die spieler sind des tüfels kind.
Brant narr. 77, 95;
(gotteslästerer) sind des tüfels kind.
87, 4;
die bösen Sodoms-kinder.
Günther 702.
vgl. teufelskind, höllenkind.
e)
auch kind des lichts u. ä.: wandelt wie die kinder des liechts. Eph. 5, 9, vgl. Joh. 12, 36; ir seid allzumal kinder des liechtes und kinder des tages. 1 Thess. 5, 5; die kinder des lichts weinen am halse der weinenden teufel (Karl Moor, da Amalia an seinem halse weint). Schiller 142ᵃ. auch kinder des himmels von höheren wesen, himmelskinder, lichteskinder (oben 2, 385), der selig sterbende wird ein kind der ewigen freud Pauli sch. u. e. 198 (s. 3, 1252).
f)
entgegengesetzt kinder dieser welt, weltlich gesinnte, der zeitlichkeit dienende: die kinder dieser welt sind klüger, denn die kinder des liechtes. Luc. 16, 8; und Jhesus antwortet und sprach zu inen 'die kinder dieser welt freien und lassen sich freien'. 20, 34. daher weltkind, mhd. kint der erde lobgesang 3, 4 Haupt 4, 515, der werlte Rol. 243, 3. Barl. 40, 6. Haupt 7, 350, dagegen kint der kristenheit christ Stricker Karl 10392. der leib ist kint der erden Tit. 6179. auch mit zeit für zeitlichkeit, welt: sei ein kind der zeit, engl. be a child o'the time. Shakspeare Ant. u. Cleop. 2, 7, Antonius ermuntert damit den Octavian zum trinken.
g)
danach dann kind der zeit im heutigen sinne, kind des jahrhunderts, des zeitgeistes u. a., der biblischen redeweise sich anschlieszend und doch auch bildlich neu gefaszt als geschöpf, 'ausgeburt' (wie sohn der zeit): er war bei aller grösze ein echtes kind seiner zeit, seines jahrhunderts; eine gewisse cultur, die vom herzen ausgeht, ist daselbst (im nördl. Deutschland) einheimisch, wie vielleicht nirgends. er selbst (G. Hiller der naturdichter) ist ein kind, eine ausgeburt dieser cultur. Göthe 49, 181.
h)
kind der natur (naturkind), der erziehung u. a.: die schönen scenen, die das kind der natur mit ihnen verlebt hat, giengen neu lebendig wieder vor mir auf. Heinse; das kind der erziehung fängt mit langsamen aber sichern schritten an, es holt manches glücklicher organisierte kind der natur spät ein. Lessing 10, 312 (erz. d. mensch. § 21). kinder des zufalls sind wir. U. Hegner berg- land- und seereise (1818) 34.
11)
Der biblische ausdruck geht aber noch weiter in dieser verbindung von kind mit abstractionen, und auch das prägte seine spuren in unsern stil ein.
a)
kinder der bosheit 2 Sam. 7, 10, kinder des unglaubens Eph. 2, 2. 5, 6. Col. 3, 6, des zorns (gottes) Eph. 2, 3, der auferstehung Luc. 20, 36, ein kind des friedes 10, 6, das kind des verderbens 2 Thess. 2, 3.
wie kan ein mensch, der des verderbens kind,
stum, taub und blind
zu allem guten werk, wie oft er fehlet merken?
Weckherlin 77;
also kommt ein haus voll plage
durch ein kind der eitelkeit (eitle frau).
Günther 243,
in die nacht der tannen oder eichen,
die das kind der freude schauernd flieht.
Bürger 121ᵇ (var. v. 1789);
kinder der klugheit, o habet die narren
eben zum narren auch, wie sichs gebührt.
Göthe 1, 143;
die fürsten dieses hauses sind zum glück ihrer länder seit mehr als einem jahrhundert meistens kinder des friedens. Seume. Es ist da in dem gen. mit kind nur noch ein vorwaltendes merkmal in dem wesen des betreffenden ausgedrückt; das kind der freude, des friedens ist gleichsam aus dem element der freude, des friedens genommen, wie es biblisch für kind gottes auch heiszt der aus gott ist, das kind des verderbens ist wie schon ganz verderben geworden.
b)
in den sprachgebrauch übergegangen ist bes. kind des todes, 'du bist ein kind des todes', dem tode verfallen, nach einem alttest. ausdruck: so war der herr lebt, ir seid kinder des tods. 1 Sam. 26, 16; der man ist ein kind des tods, der das gethan hat. 2 Sam. 12, 5, vgl. ps. 79, 11. 102, 21. gerade der tod erschien unserm mittelalter auch als person, und ganz nahe an dieses biblische kind des todes rührt die vorstellung, dasz im blutigen kampfe der tod nach 'seinem gesinde' sucht (Nib. 2161, 3. myth. 806). ähnlich war unsern vorfahren das glück, diu sælde wie eine göttliche gestalt, daher glückskind, des glückes schoszkind, mhd. der Sælden kint von einem besonders glücklichen, s. myth. 827, vgl.des Wunsches kint 126. 129; dagegen unglückskind:
kind des unglücks, was bittest du mich?
Zachariä Phaeton 1, 148.
ein solches glückskind ist besonders ein sonntagskind (Steinbach 1, 853 nennt auch montagskind). schweiz. so frohnfastenkind als besonders begünstigtes, s. Gotthelf 3, 307. ähnlich mhd. kint der Minne Walther 102, 13, 'kind des hasses vom neide (als mutter)':
swer ir dekeines valsches giht,
an dem hât haʒ bî nîde ein kint.
Heinrich von Rugge minnes. frühl. 104, 14.
c)
'geistes kind' in der wendung 'wes geistes kind er ist', aus welchem geiste, von welcher art, von welcher gesinnung, was an ihm ist; nach Luc. 9, 55: Jhesus aber wandte sich und bedrawet sie (die jünger welche über die ungastlichen Samariter das feuer des himmels wünschen) und sprach 'wisset ir nicht welches geistes kinder ir seid (im orig. nur οἵου πνεύματός ἐστε, vulg. cujus spiritus estis)? des menschen son ist nicht komen, der menschen seelen zu verderben, sondern zu erhalten'. woher rührt das merkw. wes statt Luthers welches? es gilt fast allgemein in dieser wendung: der (Christus) konnte dräuen und vor dem hatten die jünger sich zu schämen, dasz sie nicht wuszten, wes geistes kinder sie waren. Claudius 6, 175; was das Langensalzer horn (1782 in der Unstrut gefunden) betrifft, so wirst du aus dem Merkur die zeit her näher gesehen haben, wesz geistes kind es ist. Göthe an Merck 1, 368; welches geistes kinder also die egyptischen einsiedler und mönche waren. Zimmermann eins. 2, 124;
wes geistes kind im kopf gesessen,
konnt er an jeder nase lesen.
Schillers anthol. (Bülow) 63.
12)
Übertragen auf andere wesen und dinge.
a)
aus der natur. blumen, bienen, schmetterlinge heiszen kinder des frühlings u. ä.:
des frühlings erste kinder,
die veilchen brechen aus.
Opitz 1, 422;
man würfe mir (als braut) des frühlings kinder zu.
Hoffmannswaldau heldenbr. (1699) 125;
lasz dich der frühlingskinder pracht
auf andere gedanken bringen.
Brockes 1 (1728), 108;
das muntre heer
der frühlingskinderchen, der kleinen klugen bienen.
473;
kinder der verjüngten sonne,
blumen der geschmückten flur.
Schiller 9ᵃ;
kinder der verjüngten au.
55ᵃ;
schön ist er (der kranz) wirklich, sieh ihn nur an! es wechseln die schönsten
kinder Florens um ihn bunt und gefällig den tanz.
Göthe 1, 306. 308.
Hoffmannswaldau nennt die perlen oder diamanten kinder des thaus, wie diesz bildliche kind bei den dichtern des 17. jh. überhaupt besonders beliebt ist:
es muste Tyrus mir das weisze kleid beflecken (purpur),
des thaues rundes kind den zarten hals verstecken.
poet. geschichtreden (1699) 9;
der tag, das kind der sonnen.
Zesen Helicon 2, 72;
diese ulmen, mit reben umsponnen,
sind sie nicht kinder unsrer sonnen?
Schiller 491ᵃ;
kurze beete und kindergärten .. hielten ihre bunten blühenden kinder auf dem arm und schosz. J. Paul Titan 3, 39; ich watete durch grünes aus- und einatmendes leben, umflogen, umsungen, umhüpfet, umkrochen von freudigen kindern kurzer warmer augenblicke (insecten). uns. loge 2, 78. die fische heiszen kinder des flusses, die vögel kinder der lüfte:
(wer) freud am spiel mit ihren (der Zorge) kindern fand,
dem trägen krebs, der lustigen forelle.
Gökingk 3, 149;
die kinder der gewässer.
Lichtwer fab. 3, 3;
die kinder der lüfte, die leichten geschlechte der vögel.
ders.
alle wesen aber sind kinder der natur:
segenvolle wolken streuen
warme tropfen auf die flur,
labsal, nahrung und gedeihen
jedem kinde der natur.
Bürger 1ᵃ (nachtf. der Venus);
über die lange grüne wiege voll schlummernder kinder hieng die wiegendecke der nacht. J. Paul Kampan. 12. das echo ein kind der felsen, die wolke des meers und der winde u. dgl.:
schallt schon des jägers horn und weckt das felsenkind.
Haller 1777 s. 38 (Alpen);
da sprach ich zu dem kinde
des meeres und der winde.
Zachariä (1761) 470, die wolken;
in viel bunten abwechselnden farben, den kindern der sonne.
ders., tageszeiten (1757) 103;
dunstkind der irrwisch, und so fort in dichterischer vermenschlichung.
lebe wol, kind meiner sorgen,
rosenbusch, den jeden morgen
ich mit meinen thränen gosz.
Gotter 1, 260.
mhd. der este kint, diu zwî (zweige) Haupt 7, 513, ähnlich von den früchten:
wie mancher schwank und zäher ast
ward durch der schweren kinder last
nicht nur gebeugt, gebrochen und gespalten.
Brockes 2, 433 (1727);
Cythere streckt die finger aus
und klaubt ein rebenkind heraus (traube).
J. N. Götz 2, 70.
Aus vorchristlichem glauben stammt vielleicht 'der wind, das himmlische kind' kinderm. nr. 15, s. myth. 598. aber auch der wind hat kinder (myth. 602. Schönwerth Oberpfalz 1, 114): wenn der wind sehr wehet, so kan man solchen stillen, wenn man einen mehlsack ausstaubet und darzu spricht 'siehe da wind, koch ein mus für dein kind'. rockenphilos., 4. hundert, cap. 3; das stimmt trefflich zu Grimms wörtlicher auslegung von windsbraut (s. 2, 332), in der Oberpfalz windin f., s. Schönwerth a. a. o. auch in dem ditmars. sprichwort vom sturme de grote windkerl is verrêst un de lütt let den sack flegen (Groth quickborn) sind wol vater und sohn gemeint.
b)
aus der menschenwelt:
zorn, lüge sint
der unstætekeite kint.
welsch. gast 2031;
und die liechtmesz, was ist sie anders als ein kind der heiden liechtmesz .. zu ehren der göttin Ceres, Proserpina und Flora? Fischart bien. 1588 58ᵃ;
das kind der finsterniss, die wilde barbarei.
Günther 493;
der schädlichen gewohnheit kind,
die unempfindlichkeit.
Brockes 1 (1728), 10;
die urtheile müssen von uns selbst herrühren, es müssen eigene, nicht blosz adoptirte kinder des geistes sein. Th. Abbt (1768) 1, 81; die kinder des mitleids, thränen. Lessing 1, 206; seine liebe ist blosz ein kind seines ehrgeizes. Leisewitz Jul. v. Tarent 27 (1, 6); der musen erstgebornes kind, der gute geschmack. Th. Abbt werke 4, 46;
fremde kinder, wir lieben sie nie so sehr als die eignen;
irrthum, das eigene kind, ist uns dem herzen so nah.
Göthe 1, 400;
das wunder ist des glaubens liebstes kind.
12, 45;
wie ein gespenst der mitternacht .. in folgenden augenblicken der fassung für ein kind des schreckens gehalten wird. 18, 112; diese schwärmereien sind kinder der einsamkeit und der musze. Wieland 1, 96;
fahret wol, ihr goldgewebten träume,
paradieseskinder, phantasien.
Schiller 5ᵃ;
die schönheit ist ein kind der freien seele
und kräftiger gesundheit.
L. Schefer laienbrevier;
dieses herzige kind des augenblicks. Gotter 3, 335 von einem gedicht aus dem stegreif (vgl. J. Paul u. a); die persiflage des welttons, eine rechte mittlerin zwischen satire und scherz, ist das kind unserer zeit. J. Paul ästh. (1813) 216 § 29; auf der erde haben wir aber nicht nur sinnliche dinge, sondern auch kinder des geistes schweben unter uns .. ich meine die ideen. Gotthelf 5, 292, nachher kinder des lichtes, himmelskinder. schriftsteller, dichter nennen ihre werke ihre kinder, z. b. Gökingk 2, 157. 161, Kotzebues 'die jüngsten kinder meiner laune'.
13)
Von thieren, wie vater, mutter, jetzt selten und nur dichterisch oder humoristisch, denn der ausdruck des lebens ist das junge, allenfalls das kleine. meist in der fabel: eine häsin kömpt einmahl mit einer löwin ins gespräch und saget 'ich bin fruchtbarer als du, denn ich gebäre alle jahr viel kinder' u. s. w. Olearius Lokmans fab. 10; rabenkind die jungen raben Spee trutzn. 150; dort sasz eine alte katze bei ihren jungen und war wechsels weise bemühet bald sich selbst bald ihre kinder zu lecken und zu putzen. Gottsched vern. tadl. (1725) 1, 262; darauf besuche ich die rebhüner und wachteln in ihrer stube auf dem taubenhause und zugleich die jungen tauben. eine angenehme scene! hier füttert die mutter ihre kinder, dort brütet die andre eine noch zukünftige nachwelt aus. Gellert (1784) 4, 238 (briefe nr. 73); die alte katze hatte ihn (den vogel) so lieb als eines ihrer vierbeinigen kinder. Münchhausens reisen (1822) 143. Mhd. dagegen und noch länger ist wie es scheint kint eben so gewöhnlich wie daʒ junge:
nu merket wie der adelar
versichert sîniu kleinen kint.
Wolfram Wh. 189, 3. 17;
wan swâ die hûsgenôʒe sint
gantlützet als der tûben kint
und als des slangen kint gezagel.
dâ sol man kriuzen vür den hagel.
Tristan 379, 20;
eins gouches kint (junger kukuk).
welsch. gast 8572;
diu lewen tôt ir kint gebirt.
Freidank 136, 17;
doch ziuht der lêbart
kint von sîn selbes art.
136, 24;
diu mûs ungerne ziuhet kint
swâ si weiʒ dâ katzen sint.
141, 13, vgl. 137, 2. 144, 13;
diu äffin het ir kinde zwei.
Stricker kl. ged. 9, 6;
si truoc daʒ liebe kint hin.
9, 11;
ein wülfin tet ir kinden niht.
Renner 208ᵃ;
und ist ein vogel tugentlîch,
sô werdent ouch diu kindel guot.
Teichner leseb. 905, 21;
auch schaf und rinder (gib uns zu essen),
ire kinder
mügen ninder
sich vor uns verbergen noch erneren.
Hätzl. 71ᵃ;
guter gott, du hast allen creaturen kind gegeben, den tieren und den vögelein und den vischen, die fröwen sich alle irer kind, und hast mich allein ausgelassen. heiligenleben Augsb. 1472 102ᵃ; Keisersberg spricht von einer löwin als kindbetterin, Fischart vom kindbett einer maus. und das scheint das ursprüngliche, da man von anfang an die thiere auf gleichem fusze mit den menschen behandelte. werden doch noch in der Schweiz bei den bauern hausthiere mit den taufnamen der kinder benannt, die füllen nach den buben, die stuten, kalben nach den mädchen, s. Rochholz alem. kinderlied 292. s. auch katzenkind, lachskind, rabenkind.
14)
Auch auf todte dinge wird die kindschaft übertragen. so bei Stieler 948 kind in der bauernsprache pars agri exuberans: 'der acker hat ein kind, ager tumet', von einer erhöhung des bodens, auswuchs gleichsam, oder in dem bilde der schwangerschaft? vgl. kindlein 3 und hurkind. nd. kind von garben, die beim zusammensetzen in stîgen (s. Schambach 210ᵇ) übrig bleiben und für sich zusammengesetzt werden. weisth. 4, 688.
15)
Zusammensetzungen in groszer fülle und endlos zu vervielfältigen. auszer den schon angeführten z. b. Christkind, Jesuskind, wunderkind, donnerkind, bettelkind, erdenkind, schulkind, armenkind, gassenkind, straszenkind, lehrkind, christenkind, heidenkind, türkenkind, negerkind, königskind, fürstenkind, nachbarskind u. s. f.; ehrenkind ehrbares mädchen Abele gerichtsh. 1, 435, flatterkind, geburtstagskind. In den folgenden zusammensetzungen wechseln kind-, kindel-, kindes- und kinder-, oft bei demselben worte, die verschiedenen landschaften und die schriftsteller schwanken zwischen ihnen. bair. z. b. ist kinds- herschend, doch gilt auch kind-, kindel-, s. Schm. 2, 309. die ältesten haben nur kind-, das nhd. hat die neigung das pluralische kinder- auszudehnen.
Zitationshilfe
„kind“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/kind>, abgerufen am 22.10.2019.

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