künstler m
Fundstelle: Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2706, Z. 51
artifex, artista. es erscheint erst im 16. jh., aber schon so allgemein, dasz es älter sein musz, obwol ich im 15. jh. nur künstener, künstner oder künster aufweisen kann; das nl. und nord. haben an dieser form festgehalten: nl. kunstenaar, dän. kunstner, schwed. konstnär. vergl.künsteln, mit dem es doch keinen unmittelbaren zusammenhang hat, an dem -l für -n mag mehr künstlich betheiligt sein; aber mhd. schon tûsentlistelære, tausendkünstler (sp. 2677).
1,
a)
künstler als gelehrter, zu kunst in der ursprünglichen bed. wissenschaft, ist selten, wo nicht zweifelhaft; aber da die vocc. des 15. jh. dafür künster und künstener artista angeben, wird auch künsteler nicht fehlen (das entsprechende artista war an den alten universitäten der name derer von der philosophischen facultät). folgende stellen aus dem 16. jh. gehören doch wesentlich zu dieser bed.: sein (des byzant. kaisers Theodosius) hausfrauw Eudoxia, ein tochter Leontii, eines künstlers und philosophi von Athen. Aventinus chron. 280ᵃ; ein vihisch leben kan kein himlisch speculacion haben ... das hungerig Schwabenland und das nuͤchtern Italia, item das arbeitselig Niderland und das weinlos Grecia gibt mehr künstler, dann alle volle land und leut. wein redt vil, aber bös latein. Frank spr. 2, 152ᵇ, nur dasz da die künstler im heutigen sinne mit eingeschlossen sind, wie bei dem spruche das. 1, 90ᵇ künstler seind die ersten im narrenschiff (s. sp. 2671 unter ε), und ehr macht künstler, honos alit artes 1, 162ᵃ, vergl. zu dieser vermischung sp. 2674 und 2681.
b)
in zusammensetzungen, wie siebenkünstler Rachel 6, 413, magister der sieben freien künste, im 15. jh. sibenkünster artista Dief. nov. gl. 36ᵃ (vgl. freikünstig unter künstig), vernunftkünstler logiker, meszkünstler mathematiker, scheidekünstler chemiker, im 18. jh., herbeigeführt durch vernunftkunst, meszkunst, scheidekunst. vom mathematiker oder astronomen aber auch kurz künstler:
wassers ist als landes mehr, wie die künstler abgemessen.
Logau 2, 10, 71.
2)
zu kunst (3) als fertigkeit, geschicklichkeit.
a)
im allgemeinsten sinne, wie kunst selbst:
du falscher böser mensch, du künstler arger list.
Opitz 1, 234 (Troj. 891),
doch in übers. des lat. machinator fraudis et scelerum artifex Seneca Troades 754; die menschen kanst du aus den worten erkennen, welche ausfallen im wein, zorn ... die Spanier sein in diesem fall wunderliche künstler, welche ein simulation mit der andern vertreiben und disz böse sprichwort halten 'sage ein lügen und du wirst die warheit ergründen'. Schuppius 763; der gröszte künstler im verdunkeln dessen was klar ist. Kant 3, 372, mit in wie auch sonst, z. b. künstler in kleinen werklein, fabricator minutorum opusculorum Schönsleder h 4ᵈ, künstler in subtiler wachsarbeit Krünitz 55, 398. Rädlein 572ᵃ erklärt einfach „künstler, der etwas sonderliches kan, ingénieux, industrieux“.
b)
von gewissen künsten, z. b. des gauklers, taschenspielers, bereiters, geht auch auf die ausübenden der name künstler über, wenn auch nicht ohne spott, sobald an die heute herschende bed. dabei gedacht wird:
ein künstler war nechst hier, der suff nur wasser ein,
gab wieder doch heraus gebrant- und rothen wein ...
natürlich war es nur, es war nicht zauberei,
es blieb doch wasser nur, list, kunst war blosz dabei.
Logau 2, 5, 32,
mit der überschrift von einem landstreicher, er hat sich gewiss selber eben einen künstler genannt. so kartenkünstler, der kartenkünste macht, reitkünstler u. a.
c)
ebenso zu künste als zauberkünste u. ä., besonders tausendkünstler (s. sp. 2677 mitte), schwarzkünstler (daselbst, s. auch künstiger), auch künstler allein:
sagt im sin troum und alle ding ...
ja dasz die wisheit kumm von gott,
von keinem künstler, todtenfrager.
Ruff Etter Heini 3635,
vorher schwarzkünstler 3602, d. i. geisterseher. Diesz übertragen auf quacksalber, die in die arzeneikunst pfuschten mit künsten, überlieferten, mehr zauberhaften mitteln (s. besonders Rüff unter künstlein): solcher fantasei und aberglauben seind vil bei uns eingerissen ... etliche empirici und künstler halten, wann eichemistel, hesele oder birbeume mistel die erde nit berüren, sollen sie gut sein für die fallende sucht. H. Bock kreuterb. 311, vgl. empiricus, landfarender arzet Dief. 201ᵇ. In der Schweiz gibt es noch künsteler (küsteler), zauberer Stalder 2, 144, chöstler tausendkünstler Tobler 117ᵇ, wie künsteln zaubern.
d)
dem heutigen begriffe näher tretend (s. dazu kunst 3, e spalte 2678) z. b. von buchdruck: do zmal was ein gar finer künstler uf der trukery, Peter Schäffer, usz welches geschlächt die trukery zu Menz erfunden ist. Th. Platter 93, zu dem uf .. s. sp. 2667 unten. von technikern, mechanikern: des magneten kraft .. dringet auch durch .. dickes glas .. daher die künstler werklich abenthewer mit den magnetenspiegeln zurichten. Mathes. Sar. 142ᵇ; keiser Maximilian hat sein künstler gar wol gehalten. denn da der jenig, so das werk zu Insbruck gesetzt, und die wasserkunst auf dem Kuttenberg angeben, und einen groszen see .. gar trucken abgezogen hat, und von etlichen leg und schlecht gehalten war und klaghaftig bei dem herrn keiser fürkam, sagt der fromme keiser: die leut wissen nicht mit künstlern umbzugehen. 143ᵇ; nun hat gott künstler geben .. dasz man schwengreder, haspelwinden ... an die haspel gemachet, damit es etwas leichter zugehe. 145ᵃ; ehe noch der herzog von Parma mit seiner brücke zu stande war, arbeitete schon in den mauern Antwerpens ein ingenieur an ihrer zerstörung. Friedrich Gianibelli hiesz dieser mann, den das schicksal bestimmt hatte, der Archimed dieser stadt zu werden ... verliesz der beleidigte künstler den hof (Philipps) ... dieser künstler ... Schiller 872ᵃ; der ganze strich landes .. sollte aufgenommen und eine eigene karte davon entworfen werden, wozu er sich von dem herzoge die nöthigen künstler und feldmesser ausbat. 853ᵇ, zugleich zu 1, b. von einer geige heiszt es:
in prachtloser einfalt hat sie der welsche künstler erschaffen.
Zachariä ged. (1761) 467.
e)
unter umständen auch von handwerkern (s. unter kunst sp. 2678 unten, auch Philander auf sp. 2679), wie von Nürnberg S. Frank äuszert: umb die statt ist ein unfruchtparer sandiger boden, aber ein künstreich, arbeitsam, empsig volk, fürbündig künstler in allen handwerken. Germ. chron. Augsb. 1538 300ᵇ; ich dächte, unsere anakreontische dichter könnten ihrer in einem jahr mehr machen als ein Nürnberger künstler stecknadeln oder glascorallen. Kästner bei Lessing 3, 237, hier freilich von der Nürnberger kunst (s.kunst 5, a) herabgekommen auf den Nürnberger tand. von einem pastetenbäcker: ein knabe .. fragte .. ob wir denn von den unvergleichlichen Verduner pastetchen noch nicht gekostet hätten? ... der künstler .. sprach aber seine verzweiflung .. aus .. Göthe 30, 128. wol auch in folg.: wer die kaufmanschaft befördern und geld in ein land bringen wil, der sehe dasz er gute künstler, gute handwerksleut hinein bringe. Schuppius 58.
f)
auch von thieren (vgl. kunsttrieb): jene vogelgemeinschaft, deren mitglieder als die gröszten künstler unter den vögeln, oder vielmehr unter den thieren überhaupt angesehen werden müssen. unsere zeit 1872 2, 119, von den webervögeln.
3)
zu kunst im heutigen erhöhten sinne.
a)
im 16. 17. jahrh. noch oft oder meist mit beimischung der bed. 1 oder 2 oder beider, z. b.: er (Dietrich von Bern) hat vil köstlicher gebeuw in Welschland gethan, gern fried gemachet, die kunst und künstler lieb gehalten. Aventinus chron. 293ᵃ, wo gelehrte und techniker nicht ausgeschlossen sind; anno mdxxxviij. ist in der carwochen gestorben der vil künstlich in allerlei kunst erfaren künstler, Albrecht Türer zuͦ Nuͤrnberg, ein mann lauter kunst, dergleichen die welt kaum tragen (hervorgebracht) hat. S. Frank chron. 1536 278ᵇ, am rande heiszt er maler und künstler, sodasz das zweite zugleich auf seine leistungen in der technik u. s. w. deutet, von denen dann auch die rede ist, am schlusse: summa, es ist kein 'freie kunst' (s. sp. 2669 ε, vgl. sp. 2682) welche die hand hat erheischt, davon er nit ein grosz stuck hab gewiszt, hat ers nit gar gekündet (hat ers auch nicht ganz offenbart), wobei das gewiszt nicht zu übersehen, s. dazu sp. 2674;
wo nur das aug man wendet hin,
mit lüsten wirds ergetzet ...
ohn masz ist alle welt geschmückt,
wer künstler möchts (vermöchte) erdenken?
Spee trutzn. 125.
in den wbb. verflieszen die bed. 2 und 3, doch letztere überwiegend, z. b.: künstler, artifex, fabricator, opifex, operarius, artificiosus. Maaler 255ᶜ, daneben ein künstler des tribnen werks, der meister der tribnen arbeit, anaglyptes.
b)
aber auch vom sänger oder musiker: gleich als wann man ein künstler oder senger zuͦsingen durch bit, wie ir art ist, nit kan bewegen. Frank Germ. chron. vorr. bb ijᵇ;
ist dies ein künstler allein? auf einer einzigen geige
rauscht er vollstimmig, als wie ein concert?
Zachariä 467.
vom dichter, oft als sänger gedacht:
als nur mein Opitz kahm
und liesz den schönen ton erst ümm den Bober schallen ...
die niederdeutsche Maas' entsatzte sich und dachte,
was ist disz für ein lied, das höher wird geführt,
als meine künstler tuhn?
Fleming 75 (Lapp. 132);
ich habe keine lust zu eingen solchen sachen ...
die mehr nicht als ein wahn und bloszer vorwitz sein
und mit dem künstler selbst zu letzte gehen ein.
108 (179);
einige proben zu geben, dasz die alte deutsche litteratur nicht allein für den wortgelehrten und kunstrichter sondern auch für den künstler einigermaszen ergiebig ist. (Gleim) gedichte nach den minnesingern Berl. 1773 vorb. A 5ᵃ; ich darf wol sagen, ich habe mich in dieser anderthalbjährigen einsamkeit selbst wiedergefunden, aber als was? als künstler! Göthe an Carl Aug. 1, 115 aus Rom 17. märz 1788, wo freilich, wie s. 79 das. da ich doch einmal ein künstler bin, nicht an den dichter allein gedacht ist, doch ist er mit unter den neuen hohen begriff der kunst gestellt.
c)
im engeren sinne nachahmender, bildender oder darstellender künstler, Gottsched im wb. der sch. wiss. 979 erklärt künstler: diesen namen leget man denjenigen bei, die eine von den schönen künsten treiben, sonderlich den bildhauern, malern, tonkünstlern und kupferstechern. Adelung nennt auch baumeister, tanzmeister,nur von dichtern und rednern ist es ungewöhnlich“. im wissenschaftlichen zusammenhang auch der freie künstler (Göthe sp. 2682), oder schöner künstler (vergl.schöne wissenschaften spalte 2674): wenn der mechanische künstler seine hand an die gestaltlose masse legt, um ihr die form seiner zwecke zu geben .... wenn der schöne künstler seine hand an die nämliche masse legt .. Schiller 1153ᵇ (ästh. br. 4), es ist dann auch vom pädagogischen und politischen künstler, staatskünstler die rede, also künstler selbst zugleich im allgemeinsten sinne und doch zugleich in der neuen erhöhung, wonach die kunst die höchste menschenleistung darstellt zum denkbar höchsten zwecke. auch von gartenkünstler sprach man schon kurz vorher: die chinesischen künstler wissen immer schnelle abwechslungen und gegensätze .. zu erhalten (d. i. obtenir, erzielen). Sulzer theorie 1792 2, 300ᵃ, u. gartenkunst. von schauspielern: die beifallssucht der künstler. Devrient gesch. d. d. schausp. 3, 419. Unterschieden von kenner, liebhaber (vgl.kunstkenner, kunstliebhaber): der liebhaber und kenner zeigt dem künstler an, was er wünscht .. Göthe 18, 270; so bilden sich der liebhaber und künstler wechselsweise. 20, 249.
4)
bemerkenswert gott als künstler, wie schon mhd. als bildgieszer, maler (sp. 2680 unter ε):
der zierlich aufgeführt den himmlischen pallast,
der künstler dieser welt kompt, wird in ihr ihr gast.
Opitz 3, 231 (lobges. Jesu Christi),
mit gen. obj., künstler gleich opifex, bildner, wie bei Schiller 279ᵇ der künstler der maschine (anders künstler des lebendigen im gegensatz zum bloszen nachahmer Göthe in Mercks briefs. 1, 230);
der weise künstler hat im wechsel aller sachen,
die auf der erden sind ...
2, 42;
bei jeder abweichung von der regel, die uns der oberste künstler als ein gesetz Polyklets im menschen darstellte .. Herder ideen 2, 4 (9, 96 D.);
er, der grosze schöpfer .... ihn,
den künstler, wird man nicht gewahr, bescheiden
verhüllt er sich in ewige gesetze.
Schiller Carlos 3, 10.
5)
in zusammensetzung nach allen drei bed., z. b. vernunftkünstler, wisskünstler mathematiker (vergl. 1, b), heilkünstler, rechenkünstler, sprachkünstler, redekünstler, schreibkünstler, bartkünstler, haarkünstler, kleiderkünstler, bühnenkünstler, bildkünstler, tonkünstler, baukünstler, kleinkünstler, staatskünstler, kriegskünstler u. s. w. Die zusammensetzungen nach folgender art sind wieder unerschöpflich.
Zitationshilfe
„künstler“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCnstler>, abgerufen am 24.07.2019.

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