heuer m
Fundstelle: Lfg. 6 (1873), Bd. IV,II (1877), Sp. 1284, Z. 8
der mietsmann, pächter. Frisch 1, 449ᵇ. aus der ostfriesländ. teichordnung. s. das folg.
heuer adv
Fundstelle: Lfg. 6 (1873), Bd. IV,II (1877), Sp. 1284, Z. 40
hoc anno. ahd. hiuro, hiure, wie bekannt aus einer alten instrumentalverbindung hiu jâru in diesem jahre zusammengeflossen, mhd. hiure, erweitert hiuwer, mitteldeutsch hûre (Lexer wb. 1, 1309), in den andern dialecten fehlend, im nhd. jetzt veraltend und in gewählter sprache gemieden. Es drückt aus
1)
genau in diesem, gegenwärtigem jahre, sowol auf den schon verflossenen, als auf den noch ausstehenden theil des jahres bezogen: heuer im frühjahre bekam er befehl, sich schlechterdings marschfertig zu halten. Rabener sat. 1, 191; dieser neue ehestand gedeiht der alten frau so gut, dasz sie noch in ihrem fünf und siebzigsten jahre so munter sein wird, als heuer. 4, 374; ich weisz nicht, ob Göthe heuer nach Frankfurt kommen wird. Karl August bei Merck 1, 397; ich nehme mich seiner seit heuer wieder mit verdoppelter sorgfalt an. Bertuch daselbst 2, 227; auch heuer war alles übel gerathen. Riehl culturgesch. nov. 276;
heur ein fart (einmal) do gieng ich vom wein.
fastn. sp. 345, 24;
da man heur den habern schneid.
587, 31;
wol heur zuͦ disem meien
in grün wil ich mich kleiden.
Uhland volksl. 128;
heur gen disem summer
ich armer ellender man
ain weib hab ich genummen.
716;
allein das bringt mir grosz unruh,
das ich heur hab mein weib verlohrn.
J. Ayrer 435ᵇ (2187, 7 Keller);
ei nein, der strick ist viel zu theur,
der hanf ist nicht gerahten heur.
A. Gryphius 1698 1, 747;
die sechste (jungfer sprach): heuer musz ich freien,
wo nicht, so werd ich zeter schreien.
Picander 3, 326;
und schwatzt vom ackerbau, vom wiesewachs, von saaten;
wie heuer recht nach wunsch des nachbars korn gerathen.
Hagedorn 2, 101;
heuer nur, um gotteswillen,
liebe mutter, keinen kohl!
Göthe 3, 60;
die gerste ist heuer nicht gerathen.
Kotzebue dram. sp. 1, 290;
die furcht des hahnen, wie wir sehen,
ward heuer allgemein:
man bebt vor einem dreisten krähen,
ganz wie der Wallenstein!
Freiligrath dicht. 3, 69.
pleonastisch in der verbindung heuer disz jahr:
wüchse das laub und auch das gras,
als untreu, finanz, neid und hasz,
so hetten die schaf und rinder
heur dis jar ein guͦten winter.
Keisersberg narrensch. 194.
heuer, substantivisch:
sie schaut nach dem lieben freier,
der uns bringt ein neues heuer.
Fleming 289, 32 Lappenb.
2)
heuer, in dieser bedeutung in gegensatz gestellt zu fert, s. zahlreiche beispiele theil 3, sp. 1547. 1548:
so geheit ir mich gleich heur als fert.
fastn. sp. 42, 25;
er hat unser tochter begert
zu einem weib hewer und fert.
H. Sachs 2, 2, 38ᵇ;
ich bin ein jahr zu frü geborn;
was ich heur darf, habs fert anworn;
drumb nach ich jtzt am hungertuch.
J. Ayrer fastn. sp. 16ᵈ (2419, 8 Keller);
sind gute gesellen, bleiben hewer wie fern. Luther tischr. 221ᵇ;
manchen dunkt, er wer witzig gern,
und ist ein gansz doch, hür als vern.
Brant narrensch. 34ᵇ;
was ich sol heur verzeren,
das hab ich fern vertan.
Uhland volksl. 581;
ebenso zu übers jahr:
so bleibt er dennoch heuer
so gut als übers jahr an geiz, petanderey,
list, falschheit, stolz und zank auf seiner alten leyer.
Günther 555.
3)
heuer, in freierem sinne auch in jetziger zeit, heitiges tages:
sagt mir, ist es Venedig reis?
so ist es heur ein guote fastenspeis.
fastn. sp. 368, 14;
gute wort und falsche treu
ist heur nicht neu.
Schweinichen 2, 281;
ihrer viel sind zwar beflissen
sich im Helicon zu wissen,
ob sie gleich nun ziehn und ziehn,
kommen langsam sie doch hin,
denn ihr bestes pferd ist heuer
viel zu seltsam und zu theuer.
Logau 1, 30, 2 (überschrieben 'wein, der poeten pferd');
alles thun und alles tichten
blosz auf eignen nutzen richten,
wer sich dessen wil befleiszen,
kan politisch heuer heiszen.
1, 210, 71 (überschrieben 'heutige weltkunst').
bei Uhland auch im sinne bis auf heutigen tag:
herr Naimes diesen ausspruch that:
schon vielen rieth ich heuer:
doch süszes wasser und guter rath
sind oft zu schiffe theuer.
ged. 348.
heuer m
Fundstelle: Lfg. 6 (1873), Bd. IV,II (1877), Sp. 1283, Z. 81
der heumacher, mhd. höuwer, houwer, vgl. Lexer mhd. wb. 1, 1359: heuer foenisex, foeniseca Stieler 789; die heuer drunten im dorf hatten ihre strohhüte längst wieder aufgesetzt. Felder sonderl. 2, 8;
wer fröud wil han   der selbig man
mit uns das höw verdempfen frei!
nun rat wer doch der höwer sei?
Uhland volksl. 606.
anders heuer, die nebenform zu hauer, besonders bergmännisch (mit dryen heuwern. Veith bergwörterb. 267), vgl. sp. 581.
heuer f
Fundstelle: Lfg. 6 (1873), Bd. IV,II (1877), Sp. 1284, Z. 10
miete, pacht und das dafür entrichtete. ein nur dem niederdeutschen sprachgebiete angehöriges wort, ags. hŷr miete, hŷrian, fries. hêra pachten, engl. hire miete, niederl. huere, hueringhe conductio, locatio Kilian, mittelniederd. und neuniederd. hure locatio Dief. 335ᵃ (aus Cölner glossen), hüre: kôp brikt alle wege hür, quando locata domus venit, fit libera semper. Tunnicius no. 389;
wenig begerden se to kope edder tor hür.
Lauremberg 2. scherzged. 92.
auch in die neunord. sprachen eingedrungen: schwed. hyra miete und mietgeld; dän. hyre monatslohn der schiffsleute. die nordd. schriftsteller seit dem 17. jahrh., die das wort in die hochdeutsche schriftsprache einführen, brauchen seltener die form hauer, dem nd. hûre entsprechend: in einem geringen schafstalle zur haur sase. Mestwert fluchspiegel 61; im haur und gebrauch haben. Frisch 1, 449ᵇ (aus Staphorsts hamb. kirchenchron.); gewöhnlich heuer, nach dem nd. hiure: hernach nahmen wir von dar an mietpferde, und giengen mit einem postillion, der die pferde zur heüer hatte, .. bisz Paris. unw. doct. 404; wir müssen also durchaus darauf denken, die heuer unsrer äcker und wiesen nicht sinken zu lassen. Möser patr. phant. 3, 249; der krieg von 1756 bis 1762 hat gewiesen, wie wenig das durch die auslobungen entkräftete liegende gut den öffentlichen lasten gewachsen war; und während der zeit dieses alle beschwerden trug, flüchtete der abgefundene in Holland, oder sasz still zur heuer. osn. gesch. 1, 113. Der norddeutsche schiffer nennt heuer den fahrlohn den er sich bedingt, der matrose den lohn für eine seereise; im wasserbau bedeutet heuer so viel, als der wert oder preis eines auszendeiches, einer anzahl faschinen und dergleichen herdpfähle. Jacobsson 2, 256ᵇ. s.kampheuer.
Zitationshilfe
„heuer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/heuer>, abgerufen am 21.07.2019.

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