hägel adj
Fundstelle: Lfg. 1 (1868), Bd. IV,II (1877), Sp. 145, Z. 3
fein, dünn:
meine glieder zart und hägel
ihr erfült mit höchster pein.
Spee trutzn. 257.
hägel scheint nichts als nebenform zu hager, für das in Oberdeutschland häger gilt (Schm. 2, 163), mit wechsel zwischen r und l. die unumgelautete form hagel mag vielleicht in hagelgeschrei enthalten sein, s. d. im Nassauischen bedeutet hägel, hegel einen dummkopf (Kehrein 1, 180); ist das zum adj. hägel zu stellen, so könnte sich der begriff aus der vorstellung des in der entwickelung zurückgebliebenen heraus entwickelt haben.
hagel m
Fundstelle: Lfg. 1 (1868), Bd. IV,II (1877), Sp. 141, Z. 68
grando. ahd. hagal, ags. hagol, altn. hagall, altengl. haggle, mhd. mnd. nnl. schwed. hagel, dän. hagl, engl. hail. goth., alts. und altfries. nicht bezeugt. die ursprüngliche genaue bedeutung des wortes festzustellen fällt nicht schwer. hagel ist von jener oben unter hag angeführten deutschen wurzel hag schlagen, stoszen, stechen (vgl. auch hauen) ebenso gebildet wie ahd. huotal hütender, hüter von huotan, wie goumal wärter von gouman besorgen, oder wie nagel als durchbohrender von ahd. nagan corrodere, dilacerare. der hagel ist demnach der schlagende, versehrende; dieser bedeutung entsprechend wird von hagel sowol wie von donner und wetter gesagt, dasz sie schlagen, und wetter, was in seiner ältesten und eigentlichen bedeutung den hagel mit in sich schlieszt, insofern es ungewitter im allgemeinsten sinne, das sich nach uralter anschauung als blitz, donner und hagel manifestiert, bezeichnet, geht ebenso auf die vorstellung des schlagens zurück (Delbrück bei Kuhn 16, 266 ff.); wer do sicher und on schaden syner selen wil wandlen durch den zerschlagenden hagel. Keisersberg bilg. 59ᵃ;
ze dem wil ich mich ziehen
und solhen bû fliehen
den daʒ fiur unde der hagel sleht.
arm. Heinr. 791,
vergl. lat. non verberatae grandine vineae.
Horat. Od. 3, 1, 29,
s. unten no. 2 und hagelschlag; nicht minder heiszt der hagel scharf, schneidend:
sîn wolkenlôseʒ lachen bringet scharpfen hagel.
Walther 29, 13.
hagel bezeichnet
1)
die vom himmel herabfallenden eiskörner, und zwar unterscheidet man gewöhnlich den hagel von den graupen, jener bezeichnet die gröszern harten eisstücken, diese die kleinen graupenähnlichen, im innern weichen, wie sie viel öfter als jener hagel fallen; andere nehmen hagel, schloszen, graupen gleichbedeutend: graupen, ein hagel, schloszen, granula, species grandinis Henisch 1735. im bair. sprachgebiete, wo hagel ein ungewöhnliches wort ist, tritt dafür meist schauer ein (Schm. 3, 386. Lexer 215), auch risel (Schm. 3, 133), welches wort in der Schweiz nur den kleinen hagel, die in Mitteldeutschland sogenannten graupen bezeichnet (Stalder 2, 275). In der regel ist hagel ein collectivum, seine einzelnen stücke heiszen hagelkörner, hagelsteine oder schloszen:
jene gewaltigen wetterbäche,
aus des hagels unendlichen schlossen,
aus den wolkenbrüchen zusammen geflossen.
Schiller braut von Messina.
doch ist auch der plur. hagel für die einzelnen hagelstücke, wiewol selten, verwendet: und werden grosze hagel kommen, die es fellen. Hes. 13, 11; die schrift nennet die hagel und blitzen gottes pfeil und speere. Luther 3, 257ᵇ. hagel, donner, blitz erscheinen häufig zusammen genannt: der christliche bilger der do sicherlichen wandeln wil durch das ungewitter, hagel, donder, schne und blix. Keisersberg bilg. 58ᵈ; und da der hagel oder dunner vergieng. sünd. d. m. 33ᵇ; und der donner und hagel höreten auf. 2 Mos. 9, 33; das der regen und donner und hagel aufhöret. v. 34; trenneten sich die wolken mit hagel und blitzen. ps. 18, 13; bei donner und hagel, oder wenn die nacht einfällt. arm. mann im Tockenb. 24. — Der hagel fällt, regnet herab, fliegt, schlägt, prasselt, es schneit hagel: so der hagel auf sie fellet. 2 Mos. 9, 19; also lies der herr hagel regen uber Egyptenland. v. 23; und der hagel schlug in ganz Egyptenland alles was auf dem felde war. v. 25;
wie donner und hagel her prasselt.
Rollenhagen froschm. Bbb iiij;
wie wenn es hagel schneit.
Günther 509;
wie wenn der schnee aus wolken daherfliegt, oder der hagel,
kalt und geschnellt vom stosze des hellanwehenden nordwinds.
Voss Il. 15, 170;
als jetzt, ihr herrn, da ich zum sprung just aushol,
mir eine handvoll grobgekörnten sandes ...
wie hagel stiebend in die augen fliegt.
Kleist zerbroch. krug, 7. auftr.
Es ist eine uralte deutsche rechtsgewohnheit, dem zinspflichtigen zinserlasz zu gewähren, wenn er auf seinem felde durch nicht abzuwehrende ereignisse schaden erleidet: zwei solcher ereignisse vorzüglich sind allgemein gesetzlich angenommen, hagelschaden und verwüstung durch krieg, und werden durch die allitterierende formel hagel und heer ausgedrückt: sol den herren weder her noch hagel an iren zinsen nit schaden denne nach landes gewonheit. weisth. 4, 11; hagel und her. Haltaus 778; her unde hail. Kehrein Nassau 1, 194. Zauberer verstanden hagel zu machen: schwarzkünstler und zauberer können durch des teufels gewalt underwiesen, wetter machen, regen, donner, hagel und schauer, und andere dergleichen ding, die sich in dem luft und element zutragen, fürbringen. Vogel von bekanntnusz der zauberer u. hexen (1590) 29ᵃ; es geschah das durch kochen von zauberkräutern in einem kessel oder topfe, worüber mythol. 1040 ff. ausführlich gehandelt ist. einer ruft im zorne:
o könt ich jetz ain hagel kochen,
ich liesz es doch nicht ungerochen.
Fischart flöhhatz 781.
vgl. hagelkocherin, hagelsieder, auch hagelbacher. Sprichwörtliches: ebenso unnütz als der hagel in einem glaskram. baurenst. lasterpr. 18; der hagel hat geschlagen, der schade ist geschehen, es ist aus mit einem dinge: da wurde ich allererst gewahr, dasz der hagel geschlagen und die betrugerin betrogen worden wäre. Simpl. 3, 67 Kurz; der hagel hat darein geschlagen, incidit amori nostro calamitas. Maaler 207ᵃ;
was ich in der jugendt triben han (nämlich buhlerei),
das selb noch in mir regen thuot.
darzuo wer mir das hertz noch guot,
hät sunst der hagel nit drin gschlagen.
fastn. sp. 1049, 29.
einen schlägt der hagel her, er kommt plötzlich, überrascht andere wie ein hagelwetter: oho, du kerl, schlägt dich der hagel auch her? ich habe vermeint, dich zu meiner heimkunft bei dem Olivier in unsrer höllischen wohnung anzutreffen. Simpl. 2, 10 Kurz; güter .. die sonst ihnen erblich zugefallen wären, wann mich, wie sie sagten, der hagel nicht hingeschlagen hätte. 3, 120. kommen wie der hagel in die stoppeln, zu spät und vergebens, wenn kein schaden mehr anzurichten ist: ich merke beiläufig, du seiest die alte Courage, du wirst zwar wohl kommen, wie der hagel in die stoppeln, aber gleichwol schiere dich herunter (steige ab), damit wir hören mögen, was du guts neues anzubringen hast. Simpl. 3 (1699) s. 143.
2)
hagel, blitz, donner sind manifestationen der gewittergottheit, des Donar, daher erscheinen diese ausdrücke oft in persönlicher geltung und sind an stelle des gottes selbst genannt (vgl. blitz 2, 130; donner 2, 1240. 1241): mit dem gab er seinem pferdt die sporn und rant als greulichen, das es erschein als ob ine der hagel jagt. Aimon bog. K iiii, sonst heiszt es als ob ihn der böse jagt, der teufel reitet. besonders bei flüchen und verwünschungen, der fluch ist ja eine anrufung der gottheit um böses:
der hagel schlag den argen knecht!
Frischlin deutsche dicht. 45;
so schlag ihm der hagel ins maul, weils der alte scheusser nicht hat halten können! Simpl. 3, 127 Kurz; so musz der hagel in die grösten häufen schlagen! 270; dasz dir der hagel ins loch schlag! 322. mit unterdrücktem verbum: dasz der hagel! schenk ein. Fr. Müller 1, 174; dasz dich alle hagel! 's mädel musz sie kennen. Schiller 183; das blaszt ab zu einem bloszen ausruf bei etwas begegnendem, mag es freudig oder schmerzend sein: alle hagel! da geht er zu Lieschen. Kotzebue dram. spiele 2, 209; alle hagel! das ist eine verfluchte proposition. 328; (der schneider sieht das masz nach): ja wahrhaftig, deine länge. (er umspannt sie) ei alle hagel! auch deine dicke! 2, 192; der zurückgeschreckte prätendent gerieth in eine art von wuth. alle hagel! schrie er. Immermann Münchh. 3, 148; potz hagel! wenn ich noch so jung wäre .. wie du! arm. mann im Tockenb. 78;
all der hagel! welche sprünge
that mein leutnant und husar!
Voss Idylle 'die bleicherin';
hagel! ich selbst wol möchte das willkommstänzchen mit ansehn!
ders. 'die leibeignen';
potz hagel! was erblickt ich da!
Blumauer 2, 32 (Aeneis 2. buch).
ferner: hagel und wetter! ich würde das äuszerste versuchen. Schiller 113; blitz, donner und hagel! seid still. das.; blitz, donner, hagel und wetter! 119; blitz und hagel! Kotzebue dram. sp. 2, 259; donner, hagel, blitz und blei! all mein gelt ist schier verzehrt. schaub. engl. u. fr. com. 569; aus seinen reden merkte man, dasz seine innern theile nicht feiner waren. blitz, donner, hagel, strahl, dann bei gott, teufel und hexen, alles untereinander, beim zweiten wort. arme mann im Tockenb. 258;
wolkenbruch und hagel!
Göthe 7, 113;
auch in der zusammensetzung donnerhagel, s.donner 6, th. 2, 1240 und donnerhagelsaas 1244. Man sagt daher einem alle hagel an den hals fluchen, den hagel an den hals wünschen; wenn wir im gleich ain hagel schwören und uns all zuͦ tod sündigeten, so bleibt er gleich wol got, der er ist, und ist die sünd allain wider uns, und aigentlich nicht wider got. S. Frank paradoxa 6ᵃ, no. 9.
3)
wenn so hagel ein häufiger fluch ist, so erlangt das wort auch die bedeutung von fluch, schelte, verwünschung überhaupt: wann einer was weniges übersihet, da gehet man mit hagel hinter ihm weidlich drein. Butschky kanzl. 403; dies war der erste hagel wider mich bei dem hauptmann, dasz es ihm nicht gehen wollte, wie er ohne zweifel gehoffet. Schweinichen 3, 47. vgl. das verbum hageln 2, a.
4)
hagel bildlich für verderben, unglück:
dô hôrte ich man unde wîp
jehen dirre mære,
daʒ ein rise wære
hagel al der lande.
Biterolf 6481;
Wolfdieterich der freche ward der heiden hagel.
d. grosze Wolfdietrich 1052, 1;
owê dir tôt! du bist ein hagel.
vil bitter riuwe treit dîn zagel
und jæmerlîcheʒ ende.
Wigalois 200, 6.
dahinter steht gleichwol noch der verdunkelte persönliche begriff, wie oben no. 2, und bei donner 7 (2, 1241), wie aus folgendem deutlich hervorgeht: l'homme n'a point de plus grand ennemy que l'homme, ein mensch ist des andern wolf, ja teufel oder hagel. Düez diverses proverbes franç. et allem. (1679) s. 20, wo hagel dem teufel gleichgestellt wird. im bairischen hochlande ist haggl eine schelte, wie teufelskerl, verfluchter kerl, in der Schweiz in abgeblaszterm sinne hagel grobian. Stalder 2, 10. die zusammensetzungen hagelskerl, hagelsmensch stammen ebenfalls aus dieser anschauung, gleichwertig sind teufelskerl, teufelsmensch, vgl. auch donnerkerl, blitzkerl, wetterkerl, die unter kerl (5, 588) in etwas anderer weise aufgefaszt werden.In solchen substantiven gibt nachher das erste compositionsglied den begriff des hervorragenden, aber in dämonischer oder verderblicher weise hervorragenden her, ihnen entsprechen adjective ähnlicher geltung wie hageldumm, hagelmäszig, vielleicht auch hageldick, welches letztere auch anders gedeutet werden kann (s. unten no. 6 und hageldicht); in den substantiven hagelsmeile, hagelswerk tritt abgeblaszter nur der begriff des bösen, beschwerlichen hervor.
5)
hagel für hergelaufenes volk, gesindel, pöbel, knüpft wol an die vorstellung des verderblichen, bösen an, was dem hagel inne wohnt, und an seine verwendung im fluche:
zigeuner, zahnenbrecher,
und was des hagels mehr, als hexen, segensprecher,
sind alle meines volks.
Kongehl Innocentia 9;
daher der ersonnene eigenname für pöbel Hans Hagel, Janhagel (vgl. auch unter Hans): Hanns Hagel hob rings um ihn grosz gelächter an. Musäus moral. kinderklapper (1799) s. 93;
wenn all die grüsze
und gegengrüsze
Hanns Hagel hört.
Blumauer 1, 89;
Hans Hagel glaubt, man sei nur da
zum beten und zum singen.
Voss;
da gafft auf beiden seiten
Janhagel aus der see.
Bürger.
6)
hagel als bildliche bezeichnung dessen, was dicht und schwer auf uns niederfällt, wir reden von einem hagel von geschossen, einem pfeilhagel, auch einem hagel von schimpfreden, einem hagel von entschuldigungen, der uns entgegengeschleudert wird: laufen .. gegen den hügel sturm, der .. einen eisernen hagel donnernd auf sie herunter speit. Schiller 959;
verwundernd sich ab solchem wunder,
dasz ganz von blei ein hagel kom.
Weckherlin 346,
vergl. s handgeschütz gieng wie ein hagel.
Körner volksl. 156.
7)
im geschützwesen heiszt hagel einmal klein gehacktes oder gesprungenes blei und eisen, das aus kanonen und mörsern geschossen wird (Eggers kriegslex. 1757 1, 1133), ferner die kartätsche wegen ihrer füllung damit (5, 233), endlich auch das in körner gegossene blei, das schrot, so westfäl. hagel, hagelkoeren Fromm. 4, 29, dietmars. hagelbütel schrotbeutel (Müllenhoff glossar zum Quickborn): (geschütze) welche auf 2 räder geordnet, gleich den karnbüchsen, welche man sonsten hagel- oder steinbüchsen nennet, worausz hagel und granaten, brandkugeln, undt allerhand feüerwerkssachen geschossen wird. anz. des germ. mus. 1867, 264; das rohr musz mit grossen schröten und hagel geladen sein, damit er (der weidmann) etliche (wilde gänse) auf einen schusz fällen kan. Hohberg 2, 545ᵇ, ebenso 546ᵇ;
do ward gar dapfer gschossen
von schlangen und karthan.
die veindt ir pluͦt vergossen,
die hagel liesz man gan.
Soltau volksl. 216;
kein hacht es (das täublein) stöszt, kein hagel soll es morden.
v. Birken 376.
8)
hagel bei den schmiden, die beim bearbeiten des glühenden eisens von diesem abfliegenden eisentheile, sonst auch sterne oder zunder genannt. s.hagelhitze.
9)
hagel, ein schwebeband, das den dotter im ei oben und unten mit dem eiweisz befestigt. Nemnich 2, 991; wol von der ähnlichkeit mit einem hagelkorn.
10)
hagel heiszt gleichfalls der ähnlichkeit halber, das gerstenkorn, ein geschwür am auge. vgl. auchhagelkorn.
Zitationshilfe
„hagel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/hagel>, abgerufen am 24.08.2019.

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