grundlos adj.
Fundstelle: Lfg. 6 (1932), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 865, Z. 24
ahd. nicht belegt, aber durch subst. cruntlaosi, cruntlossi profundum ahd. gll. 1, 232 (vgl. grundlose f.) für das ahd. gesichert, mhd. gruntlôs, grundelôs vgl. skandin. grundløs; ags. grundleas Grein sprachsch. 279; literarisch seit dem 12. jh. bezeugt.
A.
zu grund I gebildet, 'ohne grund, unergründlich, abgrundtief'.
1)
im eigentlichen sinne von gewässern, abgrund u. s. w., deren grund nicht ermessen werden kann oder als unermeszlich erscheint.
a)
zunächst vom meer und andern gewässern 'unermeszlich tief, nicht zu gründen'; das grundlose meer ist seit alters mehr poetische formel als objective maszangabe, daher meist gehobener sprache zugehörig:
nû ist daz mere ein sulze unde darzuo gruntlôs
... daz mere hât niendert grunt
Münchener Oswald v. 3035 Baesecke;
si (gottes barmherzigkeit) reichet von den sternen abe
unz ûf die grundelôsen habe
Pseudo-Gotfried. Marienpreis str. 65 Wolff;
ûf einem grundelôsen sê
Konrad v. Würzburg Trojanerkr. 22141.
du bist gesin min verie
in disem grundlosen wag
der sälden hort 4425 Adrian;
so werden wir von den wüttenden wällen desz grundlosen meres verschlunden Steinhöwel de clar. mul. 181 lit. ver.; die so ... in dich verliebt waren, dasz sie ... in das grundlose meer gesprungen sind Wieland Lucian 1, 78; weil in diesen höhern breiten das meer überall gr. war G. Forster s. schr. 1, 116;
(hinunter) in grundlose wogen
fühlt er sich gezogen
Grillparzer s. w. 10, 159 S.
er (der kaufmann) ... fuhr über das grundlose wasser G. Freytag ges. w. 18, 157; wie den stillen wasserspiegel eines unheimlich grundlosen sees Gutzkow ges. w. 9, 352; mehr unter dem gesichtspunct der quantität: als der minste trophe wassers gegen einem grundlosen mere Tauler pred. 229 Vetter;
(er) ist gleich eim tröpfflein wasser klar
gegen dem grosz grundlosen meer (gerechnet)
Hans Sachs 19, 73 K.-G.;
gleichwie du das grosze grundlose meer nicht kanst schitten in ein kleines grübl Abraham a s. Clara Judas d. ertzsch. 1, 265.
b)
vielfach im bilde, besonders in religiöser sprache (vgl. unten 2 b, c):
(von gott:) wie ist so gründelose gar
das mere diner almechtikeit
Boner edelst., vorr. 6 Ben.;
aller tugent bist ain grundlos mer
Konr. v. Helmsdorf spiegel 4339 Lindqvist;
got vater, grundeloses hab
md. Hiob 94 Karsten;
das grund- und grenzenlose meer der ewgen liebe ...
Brockes 8, 8;
(das) schiflein seins gelaubens, das alleweg in dem gruntlosen sorgsamen mer diser werlt swimmet Joh. v. Neumarkt Hieron. 306 Kl.; aber auch sonst:
ein hur ist ein grundloses mehr,
die dir verschlickt leib, gut unt ehr
Hans Sachs 3, 50 K.;
so gränzlos wie das meer ist meine neigung,
so grundlos meine liebe
Göthe w. 9, 198 W.;
grundloser ocean der geister
drehe mich ewig in deinem wirbel
J. N. Götz verm. ged. 2, 44;
in ähnlicher verwendung: gruntloser brun abissalis fons Diefenbach 3ᵇ;
(die fungfrau Maria) die ich fürwar
wol nenn der genaden prunne!
er ist gruntlos!
liederbuch d. Hätzlerin s. 103;
o du voller mane, o du grundeloser brunne Mechthild v. Magdeburg 8 Morel; daz ist als ein gruntloser brunne alles göttlîchen guotes meister Eckhart 480 Pfeiffer; der grundlose brunnen Platen w. 1, 679;
wip, grundeloser ursprink aller guete
Regenbogen, minnes. 3, 452ᵇ v. d. Hagen.
c)
auch bei kleineren gewässern, flüssen und teichen gilt gr. im sinne 'überaus tief, nicht zu durchwaten', entbehrt aber des gefühlsbetonten charakters:
lug auff der wasserflüsz gelegenheit,
ob sie seindt grundtlosz, schmal oder breit
Frontinus v. d. guten räthen (1532) 51ᵃ;
erholen kont er sich, weil es (das wasser des flusses) war grundelosz
nicht wieder, wer auch schier ersoffen mit dem rosz
D. v. d. Werder ras. Roland, ges. 30, str. 65;
ein schlosz ..., vor welchem ein schneller und grundloser flusz herschieszet J. Kerner briefw. (1897) 1, 186; wassergräben und grundlose pfitzen D. Federman gründl. beschr. (1570) 40ᵃ; der seinen knecht ... in den grundlosen tümpel gestürzt hat Immermann 2, 144 Hempel; er ist in einem sumpffigen grundlosen wasser verdorben J. Zonach erquickst. (1613) 1, 294; ein grundloser wasserpfuhl Musäus volksm. (1839) 4, 113; vgl.gr. 'ohne erreichbaren boden, von tiefen stellen im flusz, im sumpf' Staub-Tobler 3, 1429; mit affectgehalt: bose faule grundlosze pfutzen Luther 8, 6 W.; ja es ist (in Rom) ein grundtloser pful, der des menschen verstand weit ubertrifft Fischart binenk. (1588) 248ᵇ;
durch wuͦst, kat, irrig, grundlos glunken (gossen)
N. Manuel Barbali v. 583 B.;
in mir findest du einen grundlosen pfuhl von wohllust Bürger w. 307 Bohtz.
d)
früh in fester verbindung die grundlose hölle u. ä.:
diu helle ist grundelos, des wirt sie nimmer vol
minnesinger 3, 90ᵇ v. d. Hagen;
der tiuvel ir geselle
in der grundelôsen helle
Stricker Karl 9012;
vgl. Heinr. v. Hesler apokal. 4238, 10617 Helm; in grundtloser helle Berth. v. Chiemsee theol. 568 R.;
wan siu vielin tot nider
unde lobten (l. lebten) doch sider
mit dem lebinden tode
in dem grundelosen hellesode
Hugo v. Langenstein Martina 229, 46;
er (der hasz) viel die gruntlôsen gruop
her ab in die helle nider
Seifrid Helbling 2, 202 Seem.;
er velt den êwigen val
in daz grundelôse tal
Lamprecht v. Regensburg Franc. 239 Weinh.;
der sich úber ander lúte setzen wil, der sol mir enpfallen in daz grundelose tal Mechthild v. Magdeb. 95; aus den grundelosen kolken (der hölle) Schottel 959; der grundlose schwefelgrund Triller poet. betr. 1, 110;
kannst du entsetzlicher quälen finstre grundlose hölle?
Lenz ged. 6 Weinh.
e)
entsprechend überhaupt für den ausdruck unendlicher tiefe eines abgrundes, des raumes vgl. abyssus ... eine grundlose tiefe B. Faber thes. (1587) 4ᵃ; grundloser abgrund barathrum, vorago Stieler 1178;
der endelosen hœhe ein dach, du herre almehtik, bist
der grundelosen tiefe ein bodem, dur alle sinne ein sehender list
minnesinger 2, 359ᵃ v. d. Hagen;
man siht auch oft des nahtes als ob ain gruntlôs tiefen gê in den himel Konrad v. Megenberg buch d. natur 78, 31 Pf.; in der gruntlôsen tiefe götlicher natûre meister Eckhart 579 Pfeiffer; grundlose tiefe una profondezza Kramer teutsch-ital. 1, 573; der donner ... höret jetzt auf durch die weite und grundlose tiefe zu brüllen Bodmer abh. v. d. wunderbaren 342; mich dünkte, ich muszte sie in eine grundlose tiefe fallen lassen G. Keller ges. w. 1, 395;
auf aus euren grundlosen tiefen, o tage, steigt ...
Freiligrath ges. dicht. 4, 76;
die grundlosen tiefen der ewigkeit Wieland Agathon 2, 62; erinnerst du dich jenes augenblicks ..., da du in diesen grundlosen abgrund springen wolltest? Klinger w. 8, 380; so ist jenes gleich einem grundlosen abgrunde der veränderlichen lüsten Lindenborn Diogenes (1742) 1, 545; grundloser abgrund, grundloser grund namentlich in religiöser sprache, besonders der deutschen mystik, viel verwendet und variiert, vgl. H. Kunisch das wort 'grund' in der sprache der deutschen mystik (diss., Münster 1929) s. 69f., 87f., 100, und meist auf gott oder die seele bezogen: o grundelôse tief apgrunt, in dîner tiefe bistû hôch, in dîner hôcheit nider meister Eckhart 516 Pfeiffer; owe grundloses abgrund, kum mir ze staten Seuse 127 Bihlm.; von deme grundelosen abpetgrunde gotlicher wollustekeit Nikolaus v. Landau 94 Zuchhold; (der geist) vlieze mit alle dem, daz er ist, in das gruntlose abgründe sînes urspringes meister Eckhart 393 Pfeiffer; ich beger von mins herzen grundlosem abgrunde Seuse 90 Bihlm.; dan wird si (die seele) gezuket in einen gruntlosen grunt Eckhart bei Jostes 62, vgl. 34; in dem gruntlôsen grunde der innersten innikeit der gotheit ders. bei Pfeiffer 582; wie 'grenzenlos, endlos', occasionell erweitert: wie in ... dem grundlosen raum ... alle dimensionen ... als eine liegen Schelling w. I 2, 177.
f)
gr. von hohlräumen (vgl. grund I C), 'bodenlos', im ganzen weniger ausgebreitet, vgl. voraginosus wirblächtig, voll tieffer und grundloser löcheren, bodenlosz Frisius 1407ᵇ; vorago ein tieffer schlund, ein grundtloses oder bodenloses tieffes loch Calepinus XI ling. 1568ᵃ; einen ... stein ..., unter welchem das mitternächtige meer ... durch vier einflüsse in einen ungeheuren schlauch und grundlosen loch verschlungen wird Prätorius Blockesberges verr. (1668) 226; umb wegen daz ein groszer grundloser slunde ist in dem selben canal Breydenbach reise 146ᵇ;
ich sank hinab zu grundlos düsterm schlunde
Fr. Kind ged. 2, 17;
klafft hinunter ein gähnender spalt
grundlos, als giengs in den höllenraum
Schiller 11, 221 G.;
vgl. mundartlich en grunnelâs lôk (loch) Schambach 70ᵃ; unhäufig auch mit dem beisinn 'nicht auszufüllen, alles verschlingend': welliches so grundloses und früssiges ding hette so vil güeter so bald können verschlingen quae charybdis tam vorax, tot res tam cito absorbere potuisset Henisch 1769; geiz ist ein gr. gefäsz Düringsfeld sprichw. 1, 289ᵇ; selige Danaiden, die den grundlosen kelch der göttlichen gnade nun und nimmer mit ihren freudenthränen zu füllen vermögen Fouqué gefühle, bilder 1, 74; recht und gerechtigkeit, das sind ein paar grundlose schläuche, in die man eine welt stecken kann Raupach dram. w. ernst. gatt. 6, 14; eisern ist deine verdauung, gr. dein gedärme Schiller 1, 201 G.
2)
namentlich in älterer sprache ist übertragener gebrauch reich entfaltet.
a)
so im sinne 'unendlich tief, unsagbar grosz' als stark affecthaltiges epitheton bei ausdrücken des seelenzustandes und seiner äuszerung, besonders mhd.
α)
zunächst bei ausdrücken des schmerzes; noch bildmäszig:
ich wirde in grundelôse klage
ân ende nû versenket
Konrad v. Würzburg Trojanerkr. 29302;
(dasz du mich ...) ... in grundlosen schmertzen
ohne trost versinken läszt
A. Gryphius ged. 93 Palm;
aber:
die grundelôsen herzenôt,
diu uns beswæret alse der tôt
Gotfrid v. Straszburg Tristan 9367 Marold;
daz gruntlôse herzeleit
Konrad v. Würzburg gold. schmiede 962 Gr.;
sin tot al dhen sinen gaph
grundelosiz herzeser
braunschw. reimchron. 6301 Weiland;
sîn trûren grundelôs Konr. v. Würzburg Trojanerkr. 7905; also der arme mensche ... in grundeloser bandikeit (angst) ist Tauler pred. 43 Vetter;
das kan usz hertzen reuten
mir gruntlosen jamer schlag
liederb. der Hätzlerin, s. 208;
do klagte grundelôsiu leit
dem künege sîn kapelân
Reinhart fuchs 1612 Gr.;
grundelôsen pîn Konr. v. Würzburg Partonopier 15638; dann auch halb terminologisch für die höllenstrafe: in diser grundeloser helscher pine Tauler pred. 45 Vetter;
daz ie nicht kumit in di grundelosen pine,
di wir armen mussen ewiclichen lide
spiel v. d. zehn jungfr., fassg B v. 557f. Beckers;
mit der vorstellung 'endlos' (s. u.) verrinnend: die hellische pein ist grundlosz Petri d. Teutsch. weish. 1, b 5ᵃ; ähnlich: owe, herr, des vegfúres, der grundlosen marter! Seuse 287 Bihlm.; in neuerer sprache erstirbt diese verwendung.
β)
entsprechend, doch minder häufig bei gemütszuständen freudiger natur u. ähnl.:
sîn wunne diu wart grundelôs
Konrad v. Würzburg Trojanerkr. 22936; vgl. 7670;
min trut, du solt von mir enphan
grundlosen froiden kus
der sälden hort 911 Adrian;
(gott,) dez wesen grundlose lust und froͤd in im selben ist Seuse 171 Bihlm.; in grundloser minneklicher suͤzzekeit 13, 31; sulche grosze grundelose und ewige freude Joh. v. Neumarkt Hieronymus 237 B.-Kl.; der herr ist mit dir: sei gegrüszet du grundlose freud H. Fabricius auszz. bewerter hist. 551; in diesem sinne:
dâ lag diu minniglîche
diu grundelôs vröudenrîche (im fenster)
gesamtabent. 3, 242 v. d. Hagen;
in grundelôse trûtschaft Konrad v. Würzburg Trojanerkr. 20752; noch modern gelegentlich ähnlich: die grundlose liebe zu meiner mutter H. Steffens was ich erlebte (1840) 1, 136.
γ)
besonders in der mystik reich variiert: mit der violen der grundelosen diemuͤtekeit Mechthild v. Magdeburg 244; und sprach von ir grundeloser demuͤtkeit Tauler pred. 239, vgl. Seuse 29 Bihlm.; sunder eyn gruntlose demutigkeyt eyn deutsch theol. 32 Uhl; tieffe unermeszliche und grundtlose demuet erzherzog Ferdinand ii. v. Tirol spec. vitae hum. 29 ndr.; ein grundloses loben Seuse 33 B.; do ist úber alle masze ein grundelos súftzen Tauler pred. 43 V.; und danckte und lobte gott mit einer grundlosen herzklichen begirde Seuse 90 B.; mit grundeloser gelossenheit Tauler pred. 115 V.; ein grundelos vernúten 44.
b)
mit pejorativem charakter 'abgrundtief, unermeszlich grosz, unsäglich', wo neuere sprache bodenlos bevorzugt, vgl. als doppelformel grundlos und bodenlos: aber es ist alles gr. und bodelos mit eyttel geytz und unrecht Luther 15, 312 W.; begeht nicht die grund- und bodenlose schwärmerei Fouqué gefühle, bilder 1, 22; vorstufen dieser verwendung schon mhd.:
daz ich mit grundelôsem schaden
muoz êweclîche sîn geladen
Konrad v. Würzburg Partonopier 12089;
der endecrist ... underwindet sich der weltlichen vúrsten ... mit grundelosen falschen listen Mechthild v. Magdeburg 124; sie ... ferben sich in ihren grundlosen sünden Luther 33, 378 W.; dardurch sein grundloser greuel entdecket wirt Sleidanus reden 58 lit. ver.;
ein zenckisch, grundloser unfried
Hans Sachs 3, 359 K.;
so sind wir in grundlosem ... verderbnisse Nicolai Seb. Nothanker 2, 5; wir müssen unser grundloses verderben erkennen lernen Jung-Stilling w. 3, 94; die grundlose bosheit J. J. Engel schr. 1, 141; die berauschte welt taumelt ... in grundloses elend hinab Wieland w. 2, 354 akad.; die grundlose häszlichkeit ... seiner vermeinten braut br. Grimm kinder u. hausmärchen 2, 257; ähnlich: in ihrer grundlosen nichtigkeit Jahn 2, 122 E.; als steigerndes adv.: wie gar tieff seine (des menschen) natur gefallen und gr. verderbet ist Luther 50, 224 W.; es ist gr. thöricht, warum er hier sein mag Stifter 1, 274 S.;
(alles ist) nicht so grundlos schlimm, nicht so verrucht
Seume ged. (1804) 29;
fälle wie der folgende leiten zu der formel es ist gr. über: es ist dis stücke so verzweivelt, gr., böse, das es in diesem leben keine zunge ausreden ... kan Luther wider Hans Worst 20 ndr.; da wurd es erst recht gr. werden ders. 30, 2, 298 W.; es ist alles ubirauss vortzweyffelt und grundloss da worden 7, 5; von verschwendung: do nu die ahtzig also innen wurden, wie man mit der burger guͦt umbgieng, und daz es grundlous waz, do ... urkundenb. d. stadt Rottweil 1, 179 (v. j. 1379); proterviam fecit es ist grundtlosz, es ist bodenlosz mit im Tappius adag. cent. septem (1545) 152ᵇ, vgl. sprichwörter (1548) 54ᵃ; auch persönlich gewendet: es ist mit solchen grundlosen leuten dahin kommen, dasz sie weder nach gott weder nach menschen fragen Butschky gedenckmahl (1633) 154; es ist ein grundloser schelm Chr. Reuter Schlampampe krankh. 115 ndr.; vgl. ein grundloser schelm un turbo cupo Kramer teutsch-ital. 1, 574ᵃ; gr. 'unergründlich, unzuverlässig, schlecht v. menschen' Frischbier preusz. wb. 1, 257ᵇ.
c)
die vorstellung des räumlich unendlichen überträgt sich früh auf dinge, die in geistiger hinsicht als 'unendlich, nicht ergründbar, unerschöpflich' erscheinen; so namentlich in geistlicher sprache.
α)
in anwendung auf die eigenschaften gottes, Christi oder Marias bis in nhd. zeit geläufig:
âne mâz und ungezalt
ist dîn gruntlôser rât,
der hie noch dort kein ende hât
erlösung 1141 Bartsch;
dun wellest ouch die herschaft
dîner grundelôsen magencraft
wenden an die hellen
Walther v. Rheinau Marienl. 135, 3 Keller;
o grundlose weyszhait
Heinr. v. Neustadt Apoll. 16781 Singer;
weil es ein abgründliche und grundlose weisheit gottes ist Luther schr. 8 (1568) 342ᵃ Jenaer ausg.;
(gott) wenn dein gnad unczergenkleich ist
und dein gruntlose mynn
Seifrit Alexander 3 Gereke;
in der gruntlosen minne des selben willen meister Eckhart 592 Pfeiffer;
sein gruntlosz lib unsz zu erken
Hans Folz meisterl. 27, 74 M.;
wo die grosze, grundlose liebe und wohltat Christi gekannt ... wird Luther 22, 252 W.; ausz grundtloser liebe beschlossen Mathesius ausgew. w. 4, 303;
der grundlosen guͤeti sin
der sälden hort 3567 Adrian;
... deine güt
wie unauszsprechlich! wie grundlosz!
Weckherlin ged. 2, 116 Fischer;
davon vindet man grundelose gnade in gotte Mechthild v. Magdeburg 146;
doch gottes gnad ist grundlos wie sein lieben
A. v. Droste-Hülshoff w. 3, 5;
am häufigsten grundlose barmherzigkeit:
... uns ze helfe kan
din grundlosiu barmikeit
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Öst. 10437 Regel;
dein gruntlos parmung uns wol gan
liederbuch der Hätzlerin 259;
umb deiner grundlosen barmherzigkeit willen Grimmelshausen 2, 476 Keller; die grundlose barmherzigkeit unseres lieben herrn ... Christi v. Fleming vollk. t. soldat (1726) 142ᵇ.
β)
häufig als 'unerschöpflich, endlos, unendlich'; noch halb im bilde:
uf got, den grundlosen hort
der sälden hort 3433 Adrian;
ich west nicht seiner gotleichen weisheit grundlosen schecz Joh. v. Neumarkt Hieronymus 258 Kl.; gott, der darynnen (im sacrament) so uberschwenglichen und grundlosen reychthumb seyner gnaden uber uns schüttet Luther 12, 48 W.; der grundlose schatz seiner verdienste übertrifft alle missethat Schupp schr. (1663) 459; sunder fon der unbegriflichkeit sines grundelosin lichtis parad. animae int. 33 Str.; sîn (gottes) grundelôsiu unbegrîfelicheit Pfeiffer myst. 2, 660; wie wît die (gedanken) sîn unde wie grundelôs, daz ist wunder ..., wie hôch und wie grundelôs die sîn daz weiz nieman meister Eckhart 80 Pfeiffer;
herr wie sint deine werck so gros,
dein gedancken dieff und gruntlos
Hans Sachs 18, 362 K.-G.;
demnach wir unsere schrifftsgeliderte ... mit so unzahligen andern tieffen grundlosen und spitzfindigen fragen bekümmert ... wissen Fischart binenk. 10ᵃ; mit sölichen gruntlosen betrachtungen wirt er vertiefft in der mynne Hartlieb d. buch Ovidii v. d. liebe (1482) 4ᵃ; gruntlose rede multifaria Diefenbach 370ᶜ;
der hat grundelose kunst,
die niekein wiser man
zu ende gesprechen kann
H. v. Hesler apokal. 22510 Helm;
und sey bey yhm eitel grundlose kunst verborgen Luther 26, 375 W.; ironisch: wolt ich gerne von seyner grundloser weyszheit unterricht empfahen 6, 138; o die tiefe grundlose weisheit Nicolai literaturbr. 5, 176; auch lexikalisch entsprechend, vgl. grundelos, endelos, ungeendit infinitum Konr. v. Heinrichau vocab. 387 Gusinde; grundlosz infinitus Diefenbach 297ᵃ.
γ)
mystische sprache erweitert die anwendung von gr. auf alles, was nicht grund besitzt, was nicht ermessen werden kann, was mit dem verstande nicht erfaszt wird, so gott, die seele u. s. w.: ich ruͤre ane underlas dise grundelosen gotheit Mechthild v. Magdeburg 194; dâ was unde ist sîn gotheit sô gruntlôs, daz er sî niht wol erkennen mohte an im selben Pfeiffer myst. 1, 398; später erstarrt: der süss, ewig, grundtloss ... gott manuale curat. (1516) 59ᵇ; und antwerte sie gote in sîne grundelôsen natûre meister Eckhart 185 Pfeiffer; do got sein eigen natur anschaut, die gruntloz ist, die enmak von nicht begriffen werden dann von eim gruntlosen verstantnuzz ders. bei Jostes 69; in der gruntlôsen substancie der gotheit ders. bei Pfeiffer 591; ze begrîfende daz wâre grundelôse guot ebda 2, 21; mer wenne der endelose got die grundelose sele bringet in die hôhin Mechthild v. Magdeburg 5, vgl. 37; ze smeckene die gruntlôsen istikeit iuwer sele meister Eckhart 588 Pfeiffer; anders: har nâch wart mîn herze grundelôs, mîn sêle minnelôs, mîn geist formelôs ebda 507.
δ)
dann geradezu 'unbegreiflich, unerkennbar' vgl. unpegreifflich, unbekentlich, gruntlosz incomprehensibilis Diefenbach gl. 292ᵇ;
wirn sagen waz sei die drî genende.
nu ist ez so tieff unt so fremde
unt so gar grundelos ...,
daz ich ez mit meinem sinne
nimmer mac verenden
anegenge 4, 51 bei Hahn ged. d. 12. u. 13. jhs;
diu einekeit der drîveltikeit ist grundelôs meister Eckhart 525 Pfeiffer;
die grundlossen toͮgenhait
ainer ainen gothait
schweizer Wernher Marienleb. 14817 Päpke;
ir wist des grundtlosen gerichts gottes der heyligen leben, summertheil (1472) 209ᵇ; nach Röm. 11, 33: (gott,) wie grundloz sint dein urteil und wie unbegriffenlich sint dein wege Eckhart bei Jostes 15 (quam incomprehensibilia sunt judicia); wie ... sol ... ich mich ... unter deine grundlose urtheil unterwerffen Joh. Arnd Th. a Kemp. nachf. Chr. (1631) 85; die niezunge der iteniuwen unde der gruntlôsen wunder dîner êwigen honicsüezen gotheit Pfeiffer myst. 1, 373; was das leben der heiligen sei im himel, ist grundtlos sprichw. (1548) 54ᵇ; vergleichbar: das ist grundelos, daz got den sunder ansihet fur einen bekerten menschen Mechthild v. Magdeburg 195.
B.
gr. 'ohne festen, tragenden grund', vgl. grund II A 2 b (sp. 688); erst im älteren nhd. aufkommend; im eigentlichen sinne: uber das grundloss moss oder riedt Stumpf Schweizerchron. 446ᵇ; dieses städtlein ... wird ... durch einen continuirlichen tieffen und fast grundlosen moras ... abgeschnitten v. Chemnitz schwed. krieg (1648) 1, 59; unter dem grundlosen moraste A. v. Arnim s. w. 1, 184; musz in grundlosem schlam bis über achsel stehen Lohenstein geistl. gedancken (1680) 54; vielleicht traf man gleich neben dem urfelsen ein grundloses sumpffleck Göthe IV 20, 87 W.; sol nimand ... über eine brücke, deren joch in einem grundlosen triebsande ruhet, gehen Butschky Pathmos (1677) 366; der verräther geht wie im grundlosen sande Göthe 38, 492 W.; vor allem in neuerer sprache grundloser weg, der vom regen oder anderer nässe aufgeweicht schlecht zu begehen und zu befahren ist: ein fuhrmann, der in einem grundlosen wege mit seinem schwerbeladenen wagen festgefahren Lessing 13, 98 L.-M.;
über grundlose wege,
auf öden gefilden
Göthe 2, 63 W.;
die grundlosen wege in dem tiefen und morastigen lande Ranke w. 16, 312; auf gr. gewordenen straszen Moltke ges. schr. 3, 116; grundlose geleise Immermann 1, 50 B.; ihre sonst so muthigen rosse wadeten jetzt langsam durch die grundlosen äcker Zachariä poet. schr. 2, 185; entsprechend mundartlich: dat löppt dörch grundlosen acker Mensing 1, 39; grundels 'grundlos, aufgeweicht ... bes. von waldwegen' rhein. wb. 2, 1466; gruntlôs 'bes. v. morastigem boden' Damköhler Nordharzer wb. 66; seltener gr. 'ohne baugrund': grundlosz 'wird von einem gebäude ... gesaget, wenn entweder kein grund vorhanden oder derselbe übel gegründet ist' Voch baulex. 133ᵃ; bildlich: das der faule grund diszes plauders gar nyder ligt und grundlosz erfunden wird mit allem, das er drauff bauet Luther 6, 292 W.
C.
gr., zu grund IV gebildet, ist ebenfalls erst seit dem frühnhd. nachzuweisen; 'ohne fundament, basis'; selten im eigentlichen verstande: (sie) haben ... mit den bickeln und hacken die thürn (türme) gruntlosz und ledig geschlagen Heinr. Müller türck. hist. (1563) 72ᵇ; der thurm zu Babel ist grundlosz worden J. Böhme schr. 6, 169; noch im bilde: das ist ein grundloser bau, auff welchem bau der irrsal stehet, der da gelosiert wirdt mit erdichten sophistereyen Paracelsus opera 1, 26 Huser; das grundlose gebäude einer vision Archenholz England u. Ital. 1, 1, 148; es hat sich aber gar übel geschatzt, wenn das hausz und der keller unterwühlet und grundlosz gemacht sind J. G. Schmidt gestr. rockenphilos. (1706) 2, 101;
wann lasset ihr das thörichte gelüste,
ein grundlos nichts auf eurem sand zu bauen?
Rückert w. 1, 8.
D.
in abstracterer verwendung häufig;
1)
zunächst im sinne 'ohne festen boden, ohne sicherer grundlage, wobei sich in den noch halb bildlich empfundenen wendungen grund II A 2 b und grund IV fast untrennbar kreuzen; meist auf geistige dinge bezogen, die als 'nicht gegründet' erscheinen; so bereits älternhd.: wer vermeinet, das diese antwort unchristlich oder gründlosz sey und unbestendig Luther 18, 455 W.; zur anzeigung, das alle andere tugenden gr. sein, wo sie nicht aus gottesfurcht entsprieszen J. Pomarius gr. postilla (1590) 1, 181ᵃ; einer dorfschule ... unterricht, bestehend in lesen, ... etwas grundloser ... musikfertigkeit ... schr. d. Göthegesellsch. 18, 90; ähnlich früh pejorativ 'ohne reale grundlage, ohne wahrheitscharakter' (s. grund IV B 4), vgl.gr., ↗ohn allen grund mendax, ementitum Henisch 1769; auch die schwermer yn so viel falschen lúgen und grundlosen grúnden drúber ergriffen sind Luther 26, 417 W.; das aber solche lutherische ... lehr grundtlos und falsch sey J. Nas antipap. eins u. hundert 3, 87ᵇ; derwegen ists und bleibts ein unbündig gr. fürwenden, das nur auf lügen gebauet stehet C. Ulenberg antwort (1592) d 4ᵇ; was für phantastische gedicht und grundloser lugenzeug darin (ist) Abraham a s. Clara auf, auf ihr christen 12 Wien. ndr.; in neuerer sprache mehr neutral: verschemacher mit ihren ... von geist- und grundlosen grillen erfülleten blättern Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. 2 zuschr.; sie peinigen ihr herz mit leeren grundlosen phantasien Schiller 5, 16 G.; mit vagen hoffnungen und grundlosen träumereien Seidel vorstadtgesch. 140; ungeachtet der vermeyneten vermuthungen; weil sie nehmlich zu gr. seynd Prätorius winterflucht a 2ᵃ vortr.; grundlose muthmaszungen ... wagen Winckelmann s. w. 9, 293; systeme, die auf eine grundlose hypothese erbauet sind Forster s. schr. 5, 65; vgl. grundlose beweiszthümer ragion frivole, aeree, vane Kramer teutsch-ital. 1, 573ᶜ; ein grundloser beweis Adelung vers. 2, 830; dasz sie (die astrologie) sich mit ihr (der zukunft) gr. beschäftigte, dasz sie wissenschaft derselben in combinationen suchte (, hat die astrologie lächerlich gemacht) Herder 16, 371 S.; deine glatten worte waren leer und gr. H. v. Chézy erzähl. (1822) 2, 43; es kann nichts seichters, grundloseres ... gedacht werden Lavater physiogn. fragm. 1, 17; seine ... urtheile über Uhland (sind) flach und gr. Hebbel br. 1, 284 W.; auch hier gelegentlich in der formel grund- und bodenlos: mit nudis crudis, sowohl in facto als jure grund- und bodenlosen affertis Mayr päckch. sat. 40; damit man begreife, wie etwas ganz grund- und bodenloses durch ein ganzes jahrhundert sich in solchem ansehen erhalten kann Göthe II 5, 2, 318 W.; die schwächen unsers ... unsichern und ... grund- und bodenlosen reichthums Pestalozzi s. schr. 9, 69.
2)
am jüngsten und in neuerer sprache seit dem 18. jh. alle übrigen bedeutungen und verwendungen zurückdrängend ist gr. als 'ohne grund (IV B bzw. C), ohne begründung, ohne berechtigung' aufs breiteste entwickelt: die mir den allerdings nicht grundlosen einwurf machen möchten Meiszner Alcibiades 2, 70; der vorwurf ... ist nicht gr. Treitschke hist. u. polit. aufs. 1, 51; die kinder für ein eigenthum der eltern zu halten ... ist eine grundlose meinung Fichte s. w. 3, 364; (das gesetz) zwang den ... erben bei grundloser weigerung zur antretung der erbschaft Jhering geist d. röm. rechts 3, 1, 261; die behauptung (ist) gr. und unerweislich Göthe II 2, 144 W.; wie oft verwies ich ihnen ihre grundlose eifersucht Deinhardstein ges. dram. w. 2, 172; wenn ... der völlig grundlose eigensinn eines menschen ein gutes unternehmen hindert W. v. Humboldt ges. schr. 1, 189; Sophie ward ihrer grundlosen furcht ... bald entledigt Bode gesch. d. Thom. Jones 4, 275; diese grundlose heiterkeit ... machte fast einen unheimlichen eindruck G. Keller ges. w. 6, 119; nichts empört mehr als grundloses klagen Bahrdt gesch. s. lebens 2, 133; er (lasse) sich durch grundloses gerede bethören Ranke w. 14, 330; mit grundlosem verdacht Rückert w. 10, 197; Frankreich hatte längst auf das Elsasz grundlose ansprüche gemacht Hebbel w. 9, 168 W.; anders, 'keiner begründung bedürfend': (er) erzählte mir die geschichte seiner eigenen bekehrung zum grund- und beweislosen glauben Hamerling s. w. 13, 66; aus der philosophischen bedeutung von grund zu verstehen: die ganze object-, grund- und begrifflose sogenannte transcendentale kritik der ästhetischen urtheilskraft Herder 22, 196 S.; weil eben nur die erscheinung des willens dem satze vom grunde unterworfen ist, nicht aber er selbst, der insofern gr. zu nennen Schopenhauer w. 1, 159 Gr.; es (das ursprüngliche produzieren) ist auch nicht durch gründe bestimmt, sondern absolut frei und gr. Windelband gesch. d. neueren phil.⁴ 2, 219. —
Zitationshilfe
„grundlos“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/grundlos>, abgerufen am 22.08.2019.

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