grell adj
Fundstelle: Lfg. 1 (1914), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 95, Z. 26
verbreitung und form: ein ursprünglich md. nd. wort; ahd. fehlend, auch in mhd. zeit nur auf md. boden (s. u. 1); von den modernen maa. kennen die obd. das wort kaum (bei Fischer 3, 823 als nicht populär bezeichnet; doch vgl. Staub-Tobler 2, 729), um so häufiger ist es im nd.: brem. wb. 2, 533; Doornkaat-Koolman 1, 677ᵇ; Berghaus 1, 609ᵃ; Wöste 85ᵃ; Bauer-Collitz 40ᵇ; Dähnert 160ᵇ; Mi 29ᵃ; Hupel 82; nicht minder häufig ist die abgelautete form grall: Schiller-Lübben 2, 138ᵃ; brem. wb. 2, 533; Strodtmann 75, mit verschärftem anlaut krall Schambach 111ᵃ; vgl.krallog Mi 46ᵃ (in dieser gestalt vereinzelt in die schriftsprache eingedrungen, s. th. 5, 1980); orthographisch wirkt das nebeneinander von grell und grall nach in der schreibung gräll, z. b. bei Hollonius (s. u. 2); nl. als gril (selten grel) zornig, heftig Verwijs-Verdam 2, 2140; wb. der nederl. taal 5, 764; anord. nur im compos. grellskap erbitterung, zorn Snorra edda 146 Jónsson; dän. norweg. grel (von stimmen und farben) scheint dem deutschen entlehnt Falk-Torp 1, 344. der wechsel im stammsilbenvocal wiederholt sich bei den zugehörigen substantiven: hd. grell, grill, grall schrei (s. d.); mnd. gral zorn, unwille, grille dass.; über die form des vbs. grellen s. u. sp. 104. zusammenhang mit groll ist nach der ursprünglichen bedeutung des adj. nicht zu bezweifeln; im idg. fehlen unmittelbare verwandte; vgl. Fick ⁴ 3, 142; Franck ² 218ᵃ.
bedeutung:
1)
die älteste auf deutschem boden nachweisbare bedeutung ist 'zornig'; zufrühest nd. md.: iratus ertornich vel grel vel unmodich Diefenbach 309ᵃ; vgl. austeriter gral, unmodich nov. gloss. 44; darumme was dut volk gans gralle und spreken unde repen Schiller-Lübben 2, 138ᵃ (aus Braunschw. schichtb.);
ich mache ir etteslîchen grel
Rumsland bei v. d. Hagen minnes. 3, 64ᵃ;
daz tuot der tôt, des muot ist ûf mich worden grel
Regenbogen ib. 345ᵇ;
nhd. geht die bedeutung über in 'wild, ungestüm, leidenschaftlich, hitzig':
botz angst, wer hat uns nur verschwatzt,
dasz mein mann also grel rein-platzt
mit solchem eyfer und argwon?
H. Sachs 17, 185 Keller-Götze;
hab ein grausam, frech gesicht,
scharpf, mürrisch, trützig, grell und wild
Scheit Grob. 4691 neudr.;
(Achilles) lief Hectori entgegen schnell
und fasset einen zoren grel
Spreng Ilias (1610) 310ᵇ;
grell fuhr Antilochus darvon
326ᵃ;
Notus von mittemtag so grell
drey schiff trib an die felsen schnell
Äneis 4ᵇ;
ir tragt gut wissen die grele, gewaltsame handlung, so euer mitburger .. an mir .. begangen haben Baumann quellen z. gesch. d. bauernkriegs aus Rotenburg 398; über dis alles laufen .. bei den frembden nationen und potentaten solche geschwinte und grelle anschleg und vorhaben für der religion halben Laz. v. Schwendi bei Eiermann 140; weiter abgeschwächt zu 'heftig, stark': anno 1482. ist .. in Schwaben ein so grellen klemme theurung Seb. Franck Germ. chron. 270ᵃ; schattechte schöne bletz .., in denen man sich vor der grellen hitz der sonnen kan aufhalten Rauwolff beschreibung d. reise (1583) 25 (dies häufiger). die angeführten, im älteren nhd. vorherrschenden bedeutungen sterben im 17. jh. für den litterarischen gebrauch ab; mundartlich leben sie fort: wild, unartig, jähzornig Staub-Tobler 2, 729; namentlich nd. in verschiedenster färbung: zornig, ergrimmt brem. wb. 2, 533; böse, voll eifers Dähnert 160ᵇ; hê kikd so grell ût, as wenn hê ên upfräten wil Doornkaat-Koolman 1, 678ᵃ; hitzig, brünstig, gierig: hê is so grel up de wichter (mädchen), up 't äten, na 't geld; de bull' is grel 1, 677ᵇ; heftig, stark: 't frust grell Berghaus 1, 609ᵃ; schnell Wöste 85ᵃ; lop grell hen Mi 29ᵃ; verdrieszlich, miszmüthig, zänkisch, unruhig Hupel 82.
2)
zur bezeichnung von gehörseindrücken: hell, schrill, durchdringend, schneidend; anscheinend erst secundär neben der vorigen bedeutung; denn im älteren nhd. überraschend selten: unter des ruft er grell und hell Fischart geschichtklitt. 366 neudr.; nur in folgender wendung häufiger: wie können sie (die namen) dann so grell in oren und unangenem sein 163; sehet disz laut den ketzern grell in ohren binenkorb (1588) 131ᵇ; etlichen zarten heiligen wird die bittere und verhassete warheit gräll in den ohren thun Hollonius somnium 72 neudr.; erst mit dem ende des 18. jhs. litterarisch durchgedrungen; gern neben stimme, ton, namentlich aber schrei und pfiff: reine, kleine, grelle stimme, der discant, vox acuta Henisch 1739, ähnlich Stieler 701; bergleute, die .. mit lebhaften und grellen stimmen .. lieder vortrugen Göthe 21, 147; die streitenden stimmen tönen grell neben einander Fr. Schlegel im Athenäum 1², 154; mehr grelle und böse stimmen als liebliche vernahm er (im getriebe des lebens) um sich her Raabe hungerpastor 2, 143; dasz ich jetzt nichts hörte, und jetzt wieder von grellen tönen erschreckt wurde Tieck schr. 17, 313; (die hohe lage der singstimmen) wodurch der ton laut und grell wird Jahn Mozart 4, 720; bildlich: die resonanz seiner seele war zu zart gebaut, als dasz sie alle erschütternden und grellen töne der geschichte hätte aushalten können Gutzkow ges. werke 12, 105;
und dazwischen schreit unbändig grell Silenus öhrig thier
Göthe Faust II 10033;
welch greller schrei die stille bricht?
Droste-Hülshoff 2, 78 Cotta;
neben mir es pfeift noch greller
Göthe 4, 70 Weim.;
der grelle pfiff der wächter Brentano 6, 10; das sibirische murmelthier .. thut einen grellen pfiff mit hellem ton Ritter erdkunde 2, 715;
der sturm pfeift grimm und grell
Strachwitz ged. (1850) 280;
jung neben lachen: der abenteuerliche mensch lachte grell auf Gutzkow ritter v. geiste 2, 169; ein grelles lachen ges. werke 5, 345; ein grelles gelächter Ebner-Eschenbach 4, 14; daneben in den verschiedensten verbindungen von menschlichen wie thierischen stimmen und anderen geräuschen:
in die saiten der zither greift er schnell,
und singt dabei recht hohl und grell
Heine 1, 23 Elster;
und schrie im grellsten falsett Gaudy sämtl. werke 13, 91; ein grelles jauchzen, das einer aufsteigenden raketengarbe nachgellte Anzengruber 1, 190;
die hyäne heulte so grell
Brentano 1, 385;
kein greller vogelschall, kein thierisches gestöhne
Rückert 8, 11;
mit grellem schwirren sprang .. die straffe saite Müllner dram. werke 2, 12; dann drückte er gegen einen .. knopf, worauf im innern eine grelle glockenstimme antwortete Stifter 2, 50; ein greller zug an der hausklingel Gutzkow ges. werke 3, 143; etwas anders: eine grelle, lustige jagdmelodie hört man .. einfallen Körner 3, 96 Hempel;
ruf' ich den lauten segen in die grelle
musik des donners
Mörike 1, 48 Göschen;
bisweilen ist die bedeutung in ähnlichem sinne modificiert wie bei der anwendung des adj. auf farben (s. u. 3 b α): doch ist es .. mode geworden, um der abwechselung willen, die trios oft in sehr grelle töne zu setzen Schubart ästhetik d. tonkunst 351; bildlich: dasz er durch die grellsten dissonanzen zur harmonischen auflösung durchdringe Börne 7, 111; auch dialectisch: hê hed so 'n grellen tâl, dat klingt mî to grel Doornkaat-Koolman 1, 678ᵃ.
3)
zur bezeichnung von gesichtseindrücken. nach der analogie sinnverwandter wörter ist zu vermuthen, dasz dieser gebrauch aus dem vorigen hervorgegangen ist (vgl. Grimm gramm. 2, 86 f.); aber beweisbar ist das nicht, denn grell vom licht erscheint ebenso früh wie grell vom schall, um gleichfalls erst gegen ende des 18. jhs. allgemeine litterarische verbreitung zu finden.
a)
vom licht: hell; meist, aber nicht unbedingt mit dem nebensinn des blendenden, stechenden:
der himmel ist von sternen grell
Wickram 6, 27 Bolte-Scheel;
der inner regenbogen ist so grel .. in seinem schein gewesen, das er zu sehen unleidlicher ist gewesen dann die sunn Seb. Franck zeitbuch (1531) 242ᵇ; ein stetigs feur das nicht zu grell und grosz ist Mathesius Sarepta (1571) 195ᵃ;
die feuer angezündet hell,
so vorhin gaben flammen grell,
jetzt brinnen tunckel und unsteth
Spreng Äneis 177ᵃ;
in jüngerer zeit am häufigsten vom prallen sonnenschein: der letzte grelle sonnenschein des kurzen wintertags Mörike 3, 81 Göschen; wo .. ein kinderwagen in greller mittagssonne hielt Fontane I 5, 4; grelles sonnelicht, das mir in die augen fiel, hatte mich aufgeweckt Ebner-Eschenbach 4, 251; überhaupt gern neben licht: beim nächtlichen lampenschein, der ein grelles licht auf eine stelle warf Forster sämtl. schr. 3, 60;
und was aber nicht will sprieszen
im grellen lichte, sondern duft'ger nacht
Rückert (1867 ff.) 2, 284;
der bediente .. läszt die battants offen, aus denen grelle lichtwogen herausfluten Brunner erzähl. u. schr. 1, 296; der grellen lichter tanz Brentano 4, 91; bildlich: bald übertreibt man die albernheit, um sie in ihrem grellsten lichte zu zeigen Cramer Neseggab 8, 55; erschienen ihr die mängel des sohnes in immer grellerm licht Melch. Meyr erzähl. a. d. Ries 1, 316; ein negativer staatsstreich, der .. die verlegene spannung des moments in das grellste licht stellte und beseitigte Nitzsch deutsche studien 174; weiter neben lichtschein u. ä.: wohl ist ein grelles morgenroth vor uns emporgestiegen (i. j. 1848) Haupt nach Scherer kl. schr. 1, 115; ein wolkenrisz, der den grellen abendschein durchliesz Keller 4, 103; (die scenische wirkung wird unterstützt durch) rufe von auszen her, signale, grellen lichtschein Freytag 14, 67; ein blitzstral .. zeigte im grellen widerscheine die gebirgsformen Laistner nebelsagen 307;
ein heiszer groll
flammt auf wie greller blut'ger nordlichtschein
Arent, Conradi, Henckell mod. dichtercharakt. 94;
anderes seltener:
stählt waffen dort am russ'gen herd und schürt
den brand, umsprüht vom grellen funkenschwarme
Eichendorff 3, 543;
woher die glut, die flücht'ge, grelle,
die jener wolke schwarz umfliegt
Freiligrath 1, 8;
wenn du .. sähest, dasz der grelle tag .. die .. dämmerung vertreibt (nach dem fällen der bäume) Schmid alte u. neue gesch. aus Bayern 28; grelle schneeflocken C. F. Meyer an L. v. François 244; adverbial: seinen .. schild, auf dem grell die sonne zurück blitzte maler Müller 1, 187; die aussicht ins freie wird durch einen blitz grell erhellt Nestroy 2, 29; es waren die tage ihrer hochzeit, die grell beleuchtet vor ihr standen Storm 1, 161; die strahlen der ersten frühlingssonne fielen grell auf den erdboden Freytag 13, 202; dialectisch: dat für brannd, dat lücht schînd so grell; dat is so 'n grel für Doornkaat-Koolman 1, 678ᵃ; ähnlich Wöste 85ᵃ; grell hell, schimmernd; ne grelle schmucke dirn Mi 29ᵃ; dat süt grell hübsch ût, dat is recht grell hört man im mecklenburg.
b)
von farben.
α)
wie das vorige keineswegs immer mit dem nebensinn des unangenehmen: er war aber erstaunt, (in dem Lutherbild von L. Cranach) ein gesicht voll neuer, heller und greller farben zu finden Nicolai reise d. Deutschland 27; die färbung (eines vogels ist) schön, obschon grelle farben nicht vorhanden sind Brehm thierl. 1, 275 Pechuel-Lösche; meist aber von zu lebhaften, aufdringlichen oder schreienden farben: indessen muszten sie (die bildnismaler) sich nach den grellen rauschenden farben bequemen, welche die mode ihrer zeit erforderte Göthe II 3, 375 (Weim.); im fall er (der Johanneskopf nach Rafael) mir .. etwas grell geworden wäre Heinr. Meyer in: schr. d. Göthegesellsch. 5, 129; das verhältnis der farben ist beinah grell Fr. v. Schlegel 6, 16; die farben (des bildes) sind hart und grell Forster sämtl. schr. 3, 79;
zeig' ihr ein bild vom genius vollendet, ..
und eins, wo grell und roh die farben streiten
Geibel (1888) 1, 148;
wie prahlen die wappen, farbig grell
am schwarzen sammet der decke!
Droste-Hülshoff 1, 286 Schücking;
ihr anzug zeigte alle mögliche grelle farben Castelli 10, 24; man beachte, dasz das adj. manchmal nicht nur die farbe als solche, sondern ihr hartes verhältnis zu den nachbarfarben kennzeichnet; das gilt theilweise auch in fällen wie: (die sonne) zeichnet schärfer die umrisse, coloriert greller die verschiedenen lichter und schatten der berge Schubert verm. schr. 3, 23; das kolorit ist zu grell Gentz schr. 3, 114; die geschichte des Belisars in grell kolorierten bildern Heine 3, 228 Elster; im besitze eines grell illuminirten marktbildes Holtei vierzig jahre (1843f.) 1, 123; mit .. mehreren grell getuschten heiligenbildern Hauptmann weber (1892) 25; gegensatz ist bleich: (Klöckner hat) ein schlechtes kolorit, oft zu grell, häufiger grau und verbleicht Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 215; so kündigen die ersteren (die giftigen pilze) durch ihr bleichsüchtiges oder grelles aussehen etwas verdächtiges an Oken allg. naturgesch. 3, 33; werden farben genannt, so sind es natürlich helle: die drey personen der gottheit .. sind sehr grell vergoldet Nicolai reise d. Deutschland 2, 635; die bischoffsmützen sind sehr fatal für die mahlerey; und ihr weisz .. im vordergrunde grell Heinse 4, 220; ein grell citronenfarbiges tuch E. Th. A. Hoffmann 14, 151; grelles roth oder mattes blau als nichtssagende verzierung an werken Welcker alte denkm. 1, 29; vgl.: ihr (der felder) frisches saftiges grün (erscheint) dem auge fast wie greller farbenanstrich Ratzel völkerkunde 2, 113.
β)
sehr gern bildlich; namentlich grelle farben u. ä. aus der malerei auf andere künste übertragen: h dur. stark gefärbt, wilde leidenschaften ankündigend, aus den grellsten farben zusammen gesetzt Schubart ästhetik d. tonkunst 379; so liebt auch die alte heldensage grelle farbengebung Creuzer symbolik u. mythol. 1, 111; da wo .. alles auf eine feine schattierung ankommt, wird auch durch auftragen greller farben alles verdorben (urtheil über eine posse) Börne 2, 86; (Plinius) der gern seinem stil grelle und auffallende farben giebt W. v. Humboldt 4, 188; von krasser schilderung: ohne ihn (den sturm) .. mit so grellen farben zu schildern Thümmel reise 10, 274; seine alten und neuen sünden dem herzog gelegentlich mit den grellsten farben vorzumalen Schubart br. 1, 237 Strausz; dieser (Dante) verschweigt vieles von dem was die kirchlichen zeugen, oft in greller färbung, hervorheben Döllinger akad. vortr. 1, 110; dieser .. überzog die fehler seines vaters .. mit dem grellsten firnisz Klinger werke 4, 223; seltener anders: weil sich die vom apotheker erlogne vermählung Klotildens .. ihm mit den grellsten farben aufdrang Jean Paul 7/10, 411 Hempel; diese (demokratische färbung der vereine) wurde von der republikanischen parthei greller und greller aufgetragen Gutzkow ges. werke 7, 28; eigenartig: er (Wieland) allein hat den sanften rosenschimmer über unsern parnasz gezaubert, der die grelle, ernste farbe desselben erheitert Klinger werke 11, 104;
meine zarte natur schockiert das grelle gemählde
Schiller 11, 138;
die persönlichen blöszen endlich, die sich die häupter gaben, ziehen über diesz grelle gemählde der schmach noch einen besonderen firnisz Gervinus gesch. d. 19. jhs. 1, 16; wäre irgend ein zug zu grell aufgetragen J. v. Müller sämtl. werke 1, 192; die schilderung, die der major in grellen zügen entwarf Holtei erzähl. schr. 21, 131; die renaissance .. zeigt die scheidung .. in fast abenteuerlich grellen zügen Riehl deutsche arbeit 66; neben einer grellen schilderung der greuel Scherer litt. gesch. 321; öfter deutet wenigstens das vb. noch das bewusztsein bildlichen gebrauches an: worin er ihm sein unrecht grell vormalte A. v. Arnim 7, 67; wenn man von mir für die möglichkeit .., grell aufgetragene beweise verlangt Gutzkow ges. werke 3, 23.
c)
grell von auge und blick läszt sich anreihen an die verwendung des adj. für lichteindrücke (s. o. a); nd. weit verbreitet: grelle ôgen feuersprühende, scharfe, auch begehrlich blickende Doornkaat-Koolman 1, 678ᵃ; gralle scharfsichtige ogen Strodtmann 75; vgl. brem. wb. 2, 533; weitere nachweise unter krall th. 5, 1980; litterarisch nur auf nd. und md. boden:
und lodernd gluth aus grellen augen schosz
F. L. Stolberg 15, 21;
ein adlerauge, fräulein, ist so grell,
so schön, so feurig nicht, wie Paris seins
Shakespeare 1, 125;
weil er (der satyr) nicht so blosz thierisch seine traube verzehrt, sondern aus den grellen augen schalkhaft dazu lacht A. W. Schlegel im Athenäum 2, 108; die frauen .., deren grelle braune augen so eigen aus den blassen gesichtern herausschauten Storm 1, 131; stärker: die alte begann sich immer mehr vor .. den grellen eulenaugen ihres herrn zu fürchten 2, 285; mit besonderem sinn: 'ein heimtückischer streich!' rief ich, und warf grelle (zornige) augen auf die mignatur Thümmel reise 6, 60;
wie fromm und eiferig im dunkeln
euch dort die grellen blicke funkeln!
Voss sämtl. ged. 6, 232;
mit kühnem stolze schweift ihr blick herum, ..
und nicht die scham im blöden angesicht
kann vor dem grellen funkeln ihn beschützen
Droste-Hülshoff 2, 345 Cotta;
nur ganz vereinzelt obd., vermuthlich durch litterarische übertragung: er hatte die gleichen grellen augen, wie seine schwester Hansjakob bauernblut 86; auch adverbiell neben blicken u. ä.:
aber du siehst aus den augen so grell, als hecktest du heimlich
schalksstreich' unter der kapp'
Voss Luise 79;
und der vollmond kuckt so grell
aus den krausen wolken
sämtl. ged. 4, 74;
da aber Zwratka wankt ..., faszt sie Trinitas in die arme, und wird grell von ihr angesehen Brentano 6, 34; anders nl. gril kijken mit aufgerissenen augen, verdutzt wb. d. nederl. taal 5, 764; eigen ist grell schielend brem. wb. 2, 534.
d)
nur lexicalisch belegbar und dem ursprung nach nicht klar ist die bedeutung schwartzgäl, schwartzlecht, ravis, suatus, sic dictus quod vasis, h. e. tinctorum cortinis suapte natura talis sit, ravidus Henisch 1739; anders bei Stieler: color lividus, quasi unguibus lancinatus (er denkt also an gralle unguis), ravidus stammb. 701; vgl. grezzo, ruvido quasi lacerato con unghie, acuto, aguzzo Kramer teutsch-ital. (1700) 1, 563ᵇ.
4)
gleichzeitig mit der litterarischen ausbreitung des adj. gegen ende des 18. jhs. entwickelt sich eine neue bedeutungskategorie, die wesentlich in dem gebrauch von grell für licht- und farbenwirkungen wurzelt; gewisse zweige jenes gebrauchs werden verselbständigt.
a)
am geschlossensten stellt sich eine bedeutung dar, die vom gegensatz zweier farben den ausgang nimmt:
reichen schnee zur erde nieder
liesz der himmel Böhmens fallen,
dasz der feinde blut in grellem
abstich möge drüber wallen
Lenau 318 Barthel;
weisz und schwarz ... in grellem abstich Naumann naturgesch. d. vögel 12, 385; dem jungen beobachter war somit der grelle abstand des bildes herauszen von der wirklichkeit drinnen aufgefallen Brunner erzähl. u. schr. 1, 75; will man die grellsten unterschiede von drei groszen völkern auf drei worte zusammenziehen Arndt schr. f. u. a. s. l. Deutschen 1, 468; das waren .. seine worte, die freylich eine grelle ausnahme von der venetianischen höflichkeit machen Seume spaziergang (1803) 103; dasz die grellen ausweichungen nur dann von tiefer wirkung sind, wenn E. Th. A. Hoffmann 1, 315 Grisebach; in greller abwechselung bald dem abenteuerlichen ergeben Görres br. 3, 57; vor anderthalb jahrhunderten .. war dieses miszverhältnisz natürlich noch viel greller Riehl deutsche arbeit 71; weitaus am häufigsten neben gegensatz und widerspruch: das gemüth verfährt in seiner empfindungsart meistentheils stoszweise, macht ... grelle gegensätze W. v. Humboldt litt. denkm. 58, 126; wie konnte er ... nicht noch mit Schlurck in gegensätze gerathen die greller waren als Gutzkow ritter v. geiste 1, 208; mit dieser 'unehrlichkeit' stand in grellem gegensatz die beliebtheit (der fahrenden) Freytag 18, 452; es stand mit meinen grundsätzen in einem zu grellen contrast Pfeffel pros. vers. 5, 25; durch grelle .. contraste von licht und schatten Justi Winckelmann 1, 280; diese verschiedenheit steht in den grellsten gegenscheinen oft dicht nebeneinander Arndt schr. f. u. a. s. l. Deutschen 2, 259; stand der rückzug im grellsten widerspiel mit der pracht des hinzugs A. v. Arnim 3, 427; welches aber bereits mit allen übrigen principien der neuen verfassung im grellsten widerspruch stand Haller restaur. der staatswiss. 1, 229; der widerspruch zwischen Schubarts ... verstande und seinem trüben glaubensbedürfnisz .. ist ... noch viel greller geworden Strausz Schubarts br. 2, 220; anders: er nahm aber meinen grellsten widerspruch auf die allerfreundlichste weise auf Görres br. 1, 343; Bettine, deren ganzer richtung fast nichts mehr als grelle verworrene opposition zusagt briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 496; ebenso adverbiell: die blauen, grauen und weiszen tuchflächen stachen grell ab von dem grünen grunde Freytag 1, 28; Martelli, dessen kalte klugheit zu grell von der glühenden jugendhitze abstach Meiszner skizzen 3, 139; vgl. th. 1, 127; das so grell abwechselnde wetter briefw. zw. J. u. W. Grimm 93; dasz die hauptvölker Italiens in ihren sprachen grell von einander unterschieden waren Niebuhr röm. gesch. 1, 113; den grell contrastierenden eigenthümlichkeiten ... der einzelnen völkerracen von Europa Humboldt kosmos 2, 214; bei jedem anlasz, wo verschiedene ansichten sozusagen grell aufeinander platzten Gutzkow ritter v. geiste 2, 263; auf derselben linie stehen: die abendsonne beleuchtete es (das schlosz) .. und hob die contraste .. grell hervor Laube 2, 14; die wenigen beweise freundlicher theilnahme .. hoben um so greller das hervor, was Hoffm. v. Fallersleben 7, 348; das schlechte, wenn es grell als solches hervortritt Görres br. 3, 535; greller noch als im kriege trat in den diplomatischen verhandlungen .. zu tage Häuszer deutsche gesch. 1, 28; weil sie sich nicht mehr so grell vor ihnen ... auszeichnen A. v. Arnim 15, 11; wir stehn hier auf der stelle, auf welcher sich der dualismus unserer natur und empfindung am .. grellsten offenbart Tieck schr. 4, 106; eigen artig: denn auch diese (ohren) hatten früher nicht so grell hervorgestanden, als seit heute früh (nach der haarschur) Gutzkow zauberer von Rom 1, 59.
b)
ins feinste differenciert ist die bedeutung, wo das blendende, überhelle des lichtes und das laute, aufdringliche der farbe die ausgangspunkte neuer gebrauchsweisen abgegeben haben; hie und da wird noch fühlbar, dasz ursprünglich übertragener gebrauch vorliegt, etwa: diese (traum) gesichte werden so widrig-gräszlich durch ihre grelle warheit Klinger werke 11, 329; mit all' der herben und grellen wahrheit Gutzkow ges. werke 4, 79; Schiller in seiner jugend fand ihn (Shakespeare) zu kalt, zu grell Ludwig 5, 139; oder: was es denn aber helfe, éine grelle figur abzudämpfen, wenn die übrigen es noch blieben (über Iffland als Franz Moor) Göthe gespräche 2, 128; (im gegensatz zu Corneille) glaubte ich meine meiste sorgfalt auf den (charakter) des Trajan verwenden zu müssen. dieser fiel nun freylich nicht so grell und brausend aus Ayrenhoff 1, 133; nun genug dieser grellen kunstmanier im darstellen einer bemerkung, welche Jean Paul 49/51, 417; herr Dölle, chef der polizei, war zu grell, gefiel aber im ganzen doch Grabbe 4, 270; in der regel gibt sich das adj. aber ganz selbständig, so: kräftig, stark und grell erscheint das deutsche leben in seiner uralten ursprünglichkeit Jahn 2, 543 Euler; in diesen räumen, die am tage ein so grelles, tobendes leben erfüllt Gutzkow ges. werke 7, 347; die idee, dasz dieser grelle zwischenfall sein verhältnis bedrohe Mörike 3, 143 Göschen; weil man zugleich das grelle ereignis (einen selbstmord) damit verhüllen und mäszigen konnte Keller 1, 94; er stürzte sich in den brunnen, die grelle wirkung des wassers machte ihm besser Büchner nachgel. schr. 207; anders: insgeheim einschmeichelnde mysterien (der göttin Rhea), öffentlich einen grellen dienst ausbreitend Göthe 41², 237 Weim.; der gemeine mann, der nur blos durch grelle vorstellungen im zügel gehalten werden kann Jung-Stilling 3, 547 Grollmann; ähnlich: weil die fabel (des Faust) ins grelle und formlose geht und gehen musz Schiller br. 5, 205 Jonas; Rembrandts manier, aber greller (urtheil über ein bild) Göthe 47, 373 Weim.; auf keinem der hiesigen gemählde ist diese manier so auffallend grell, als Fr. Schlegel 6, 34; die grelle symmetrie in der katastrophe der Schroffensteiner Ludwig 5, 348; krasz, extrem, übertrieben: man scheute sich vor der grellen behauptung: das gute sei ursache des bösen Forster sämtl. schr. 6, 177; so entsetzte er sich doch vor den grellen sätzen in Heinse's jugendschriften Gervinus gesch. d. deutschen dichtung (1853) 5, 5; wir zeigen an einem grellen beispiele, dasz Gutzkow ritter vom geiste 6, 319; eine gesellschaft, die in ihrer abgeschlossenheit in grelle einseitigkeiten .. verfällt ges. werke 12, 233; dasz, sobald jede poesie aus ihrer objectivität herausgehet, sie in eine grelle subjectivität überzutreten pflegt J. Grimm kl. schr. 4, 13; wegen des grell supranaturalistischen wunderbegriffs D. F. Strausz ges. schr. 3, 126; ihr redet zu grell übertrieben Pfister nachträge zu Vilmar 83; plötzlich, unvermuthet, unvermittelt (an den gebrauch unter a grenzend): wo niemand an einen so grellen zerfall von Preuszen noch denken konnte briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 2, 101; so wird der gewölbte kreuzgang von den platten schiffen grell abgeschnitten Heinse 10, 254 Schüddekopf; schade, dasz ich selbst das schöne .. bild, das sie sich von mir gemacht haben mag, so grell zerstörte Stifter 1, 138; gott gebe nur, dasz die rauhere jahreszeit des winters ihr nicht grell in den weg trete Pückler briefw. u. tageb. 7, 9; nicht minder verzweigt ist die bedeutung, wo das adj. menschliche wesensäuszerungen verschiedenster art charakterisiert: sie beschämte uns ... durch ihre geduld mit unserer grellen oberdeutschen manier Göthe 28, 282 Weim.; die sanftheit der sitten ... bewahret mich vielleicht vor einer zu grellen äuszerung meines egoismus Boyen bei Meinecke 1, 128; die bitterkeit ihrer ansichten ist so grell, dasz ich sie oft ersuchen musz, sich zu mäszigen Gutzkow ritter vom geiste 3, 187; (Varnhagen) konnte ... alle höflichen ausdrücke jach überspringen und das grellste wort wählen, um die zornige anschauung grell zu bezeichnen Laube 16, 35; alles ohne ausnahme, was Schiller Bürger'n vorwirft, wirft ihm auch Schlegel, und zum teil viel greller vor Gervinus gesch. d. deutschen dichtung (1853) 5, 34; dasz der kraftvolle kämpfer für .. protestantische glaubensgerechtsame es so grell nicht gemeint, als ich es genommen habe Voss antisymb. 2, 390; anders: die wenigen .., welche grell und öffentlich gesündigt hatten Niebuhr röm. gesch. 3, 517; wie grell und unerträglich war aber das gebahren vieler kleinen fürstlichen .. herren Häuszer deutsche gesch. 2, 453; seine rache war ein fashionabler, freilich etwas greller scherz Gutzkow ges. werke 11, 358; von gefühlsausbrüchen: in greller schadenfreude Ludwig 1, 260; da früher der unerwartete eintritt des schwarzen mannes unter den kindern grelles entsetzen erregte Rank erinnerungen 35; vgl. (ein musikal. satz) der lebhaft, geräuschvoll, mit einer grellen lustigkeit ausgedrückt ist Jahn Mozart 3, 116; der sinn nähert sich gelegentlich dem alten 'wild, leidenschaftlich' (vgl. o. 1), ohne dasz sich genau entscheiden läszt, ob und wieweit statt einer art von bedeutungskreislauf ein nachwirken der urspr. bedeutung vorliegt.
5)
in eisenhütten ist grell techn. ausdruck für eine bestimmte beschaffenheit des weiszen roheisens, vgl. Jacobsson technolog. wb. 2, 149ᵇ; Prechtl technol. encyclop. 5, 7.
6)
in compositis erscheint grell erst seit dem ende des 18. jhs.; älter dürfte nur das wesentlich nd. grellauge u. ä. sein, daher denn hier die älteste bedeutung zornig, wild z. th. noch erkennbar ist. die bezeichnung von licht und farbe spielt wie beim simplex die gröszere rolle. zu einiger verbreitung sind nur die verbindungen von grell mit farben (grellroth, grellbunt u. ä.) gekommen, auch grellfarbig; alles andere sind gelegenheitsbildungen, grösztentheils lose zusammenrückungen mit participien, zumal präsentischen.
grell m.
Fundstelle: Lfg. 1 (1914), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 102, Z. 37
zorn, grimm?: darumb ret ich, daz man die selsamen gewonheiten abstell, anders der trak mit sim grel understet dich zuͦ verschluken westd. zs. für gesch. u. kunst, ergänzungsheft 8, 114 (16. jh.); schrei: ich het gethon ain grell Schmeller 1, 993 (16. jh.); Lexer kärnt. 123; auch schwach: ich weisz gar wol, dasz die lieben ordensbrüder .. ein groszen prellen und grellen von ihrer geistlichen gerechtigkeit auf der cantzel herplaudern Joh. Riemer politische guck-guck (1684) 81.
Zitationshilfe
„grell“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/grell>, abgerufen am 15.10.2019.

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