grauenvoll adj.
Fundstelle: Lfg. 14 (1958), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 2151, Z. 4
schrecklich, entsetzlich. vereinzelt mit genitivfuge grauensvoll, s. Schottel unter 1, J. v. Müller unter 3. im 17. jh. gebildet, seit dem 18. häufiger bezeugt. meist als objektives merkmal, das gegenständen usw. beigelegt wird, doch an die auf die subjektive empfindung des grauens zielenden bedeutungen von grauen, n. A angelehnt, im sinne von 'die empfindung des schreckens oder abscheus erregend, auslösend'. so schon im anschlusz an den frühesten beleg unter 1: grauensvoll. die erfahrung gibts ..., dasz einem menschen, wann er bey einem todten allein seyn und bleiben musz, ein grauen und entsetzen immerfort ankomme Schottel sonderbare vorstellung (1675) 51. die dem wortsinn der komposition näherstehende bedeutung 'voll von furcht, entsetzen' begegnet nur vereinzelt, s. 3. eine bedeutung 'voll von schrecken erregenden dingen' (zu grauen, n. B), wie sie bei einigen belegen unter 1 nahezuliegen scheint, ist nicht eindeutig nachzuweisen, und sie ist wohl auch kaum wahrscheinlich, da grauen, n. A in seiner beziehung auf eine subjektive empfindung für das sprachbewusztsein zu sehr im vordergrund steht.
1)
die empfindung der furcht, des schreckens, des entsetzens auslösend, oder, bei entsprechendem beziehungswort, mit solchen empfindungen verbunden u. ä. attributiv oder prädikativ bei orts- und gegenstandsbezeichnungen:
diesen fleisches klumpf (den toten körper) lest sie (die seele) hier vor unseren augen liegen,
wie ein abscheu, grauensvoll, und musz den geruch bald kriegen,
dasz man ihn als aas verlaͤst, und in eine grube bringt
Schottel sonderbare vorstellung (1675) 49;
der grauen-volle platz (das reich des todes) war voller todten-bein,
er (der wanderer) sah nichts als nur geripp und dürre knochen
Feind dt. ged. (1708) 1, 558;
grauenvoll ist deine (des meeres) tiefe,
furchtbar deiner wogen flut
Schiller 11, 341 G.;
und es geht nicht an, dasz ich mir diese trüben, zuweilen grauenvollen briefe fern halte, da ich schon der controlle wegen wissen musz, wie sie sich befindet und worüber sie zu klagen hat (1886) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 28; und wenn noch so viele sterben oder sich in diese grauenvollen lager einsperren lassen, das nutzt nichts Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 309. bei ausdrücken im umkreis von natürlichen erscheinungen, zuständen, gewalten, seltener von handlungen, ereignissen u. ä.:
ach! grauen volle nacht! ha! schreckenreiche zeit!
Gryphius trauersp. 110 lit. ver.;
du tiefe, todte, grauenvolle stille
ums heilge grab
Zachariä poet. schr. (1763) 3, 239;
ein wirklich grauenvolles kapitel (in dem ein totgeglaubter, den man für dessen geist hält, erscheint), und wir rathen nur wenigen lesern, sich des abends daran zu wagen Bode Thomas Jones (1786) 3, 194; Odysseus (siegt) in des öden meeres schrecknissen sowohl gegen sinnlichen zauberreiz, als gegen ... graunvolle naturerscheinungen J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 237; da ist eine grauenvolle leere bei allen die von ihm (gott) sich zu sich selbst gewendet Görres ges. br. (1858) 3, 158; ein unendliches brüten über den grauenvollen und unergründlichen tiefen der gottheit Immermann w. 5, 159 Hempel;
zwar mancher brave Pfälzer fiel,
der wie die eiche stand,
im grauenvollen schlachtgewühl,
als held dem vaterland
Ditfurth hist. volkslieder d. bayer. heeres (1871) 67;
die katastrophe wurde schrecklich und grauenvoll Laistner nebelsagen (1879) 169; die für Deutschland grauenvollen folgen des deutscherseits programmatisch angekündigten totalen krieges sind in aller gedächtnis Klemperer l. t. i. (1949) 216; (in Frankreich) zu hause sitzen und auf die bomben und auf die Deutschen warten, ist grauenvoll Feuchtwanger Simone (1950) 13. bei zeitlichen begriffen: wenn der wind ... durch die hütte pfif, so nannte seine mutter diesz im allegorischen sinn den handlosen mann ... sie würde es nicht gethan haben, hätte sie gewuszt, wie manche grauenvolle stunde und wie manche schlaflose nacht dieser handlose mann ihrem sohne noch lange nachher gemacht hat Moritz Anton Reiser 28 lit.-denkm.; finsternisz bedeckt noch die schweigende ebene, und der zögernde morgen giebt der furcht eine grauenvolle frist Schiller 8, 287 G.; es war ein grauenvoller tag (an dem die schlacht stattfand) H. Laube ges. schr. (1875) 3, 57. sonst bei begriffen objektiven inhalts: die hexen im Macbeth ... mir scheinen sie ein glückliches ideal zu seyn, das mit dem grauenvollen begriffe des königs-mörders ... in naher verwandtschaft steht Gerstenberg recens. 163 lit.-denkm.; noch kannte er (Napoleon) sie nicht, die ganze grauenvolle wahrheit (dasz Moskau brannte) Häusser dt. gesch. (1854) 3, 662; dies kleine groszstädtische etablissement (das totenhaus), diese adresse der todten trägt gewisz mit schuld, dasz die französische romantik mitunter so grauenvoll geworden H. Laube ges. schr. (1875) 4, 9. bei bezeichnungen für empfindungen, affekte, vorstellungen, seltener bei solchen für akustisch oder visuell wahrnehmbares:
du weiszt es, liebe, kennest das gewicht
der grauenvollen schmerzen alle
Lenz ged. 144 Weinhold;
sang ich ... in einem so unleidlich grauenvollen kranichton ders., ges. schr. 3, 283 Tieck;
(Medea:) kennst du den blutigen dolch?
(Jason:) graunvolle ahndung —
meine kinder
Gotter ged. (1787) 2, 517;
bald wurde sein (des königs) kopf an einem spiesz umhergetragen. der grauenvolle anblick schreckte in die flucht J. v. Müller s. w. (1810) 2, 471; und dieses mannes wie seines blutigen handwerks erinnere ich mich mit einem dumpfen gefühl, das ich nicht anders als grauenvoll nennen kann Ernst Wiechert wälder u. menschen (1936) 25. vereinzelt auf persönliche wesen bezogen: so ist denn diese schaudervolle (toten-)gruft der aufenthalt meiner (Romeos) Julie ... welche grauenvolle gesellschaft theater d. Deutschen (1768) 7, 91; es läuten sie (die mitternacht) an graunvolle geister maler Müller w. (1811) 2, 151. in einem adverbialen ausdruck: so dasz er (Michael Kohlhaas) um zwei pferde willen sich selber aufgibt ... und schlieszlich auf grauenvolle weise umkommt Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 198. als interjektion:
grauenvoll! — welcher entschlusz
reget den trauernden sinn!
haltet sie ab von dem flusz
A. v. Arnim s. w. (1853) 19, 170.
sinnentleert, in übertreibender redeweise: beide (schüler) rutschten ... in das grauenvolle labyrinth der declinationen und conjugationen W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 132.
2)
die empfindung des abscheus, des sittlichen oder ästhetischen entsetzens, der entrüstung auslösend, manchmal geradezu im sinne von 'böse, verrucht' u. ä. attributiv oder prädikativ bei bezeichnungen für äuszerungen, handlungen, verhaltensweisen:
(Orest,) den, weil sein kindlich herz ihn hiesz den vater lieben,
zur grauenvollen that selbst seine pflicht getrieben
J. E. Schlegel w. (1761) 1, 13;
hier lebt er noch, doch wund von der erlittnen
miszhandlung hört man grauenvolle flüche
ihn auf der söhne haupt herunterfluchen
Schiller 6, 123 G.;
(die nationalsozialisten) haben mit grauenvoller zielbewusztheit da weitergelogen, wo das grosze hauptquartier bei kriegsende hat aufhören müssen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 189. bei bezeichnungen für unordentliches, regelwidriges u. ä.: der drache (in der Laokoon-gruppe) ... ist nicht, wie ihn Virgil beschreibt, dreimal um hals und brust und leib gewunden, dasz er fürs gefühl mit diesem zusammengewachsen scheine, und also dunkle grauenvolle verwirrung eines schlangen- und menschenkörpers hervorbringe Herder 8, 139 S.; eingeäscherte dörfer lagen meilenweit herum in grauenvoller zerstörung Schiller 8, 361 G.; Paris war in jenem jahrhundert ein grauenvoller pfuhl des verderbens und unheils E. M. Arndt schr. (1845) 3, 164; der aufzuckende lichtschein enthüllte eine grauenvolle verwüstung Gerhart Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 62. bei bezeichnungen für persönliche wesen: ich weisz, dasz ich ... mich dort (in der nachbarschaft) so lange enthielt, bis ich vermutet oder erlauscht hatte, dasz die grauenvollen menschen (besucher im elternhaus, die den sprecher fälschlich einer untat bezichtigt hatten) weg waren E. M. Arndt ausgew. w. 1, 24 Rösch; gott, lebst du noch? oder haben grauenvolle, empörerische engel deinen thron zertrümmert und dich erwürgt? Watzlik d. pfarrer v. Dornloh (1930) 226.
3)
vereinzelt im wortsinn der komposition von grauen, n. A und voll, 'voller furcht, entsetzen': die augen der schaaren suchten den fürsten: vergeblich (er ist gefallen). da wandte sich auf einmal die ganze macht von Oestreich grauensvoll auf die flucht (1803) J. v. Müller bei Wackernagel dt. leseb. (1873) 3, 2, 827ᵃ. zu grauen, n. A 3 b (bes. γ) stimmend, 'in ehrfurcht erschaudernd':
graunvoll beugt sich dein (des pilgers) haupt heil'gen reliquien
aus erleuchteter zeit
Heydenreich ged. (1793) 1, 69.
4)
in der funktion eines adverbs und eines prädikativen attributs nicht immer klar zu scheiden.
a)
als adverb, meist in der bedeutung 1, neben verben, meist solchen akustischer bedeutung:
graunvoll donnerte dort an dem schroffen gestade die hohe
fürchterlich strudelnde brandung
J. H. Voss Odyssee 98 Bernays;
hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
den einsamen die lebenlose stille
Schiller 11, 52 G.;
graunvoll tönte der überfallenen schrei in den sturmruf Scheffel ges. w. (1907) 2, 37. neben adjektiven oder partizipien, diese manchmal mehr verstärkend als bestimmend: es ist vorüber das schreckliche, düstre, Europa drohende ungewitter ..., bey dessen leuchtenden, feurigen blitzen wir in zusammengedrängten, schnell sich nacheilenden, schrecklichen, grauenvoll erhabenen bildern, die erscheinungen der ganzen weltgeschichte vorüberfliegen sahen Klinger w. (1809) 11, 74;
o hätt ich ihre (der göttl. gnade) gaben nicht versäumt,
hätt ich sie nicht zertreten und verachtet!
ich stände nicht so grauenvoll umnachtet,
dasz das entflohne licht mir wie geträumt
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 3 (1879) 14;
wer sprach da hinter ihm, so häszlich, so grauenvoll häszlich: Karel, dein sohn ist tot Hans Grimm südafrik. nov. (1921) 113.
b)
als prädikatives attribut. die empfindung des schreckens oder des abscheus auslösend:
das gegenwärt'ge unglück trägt sich leicht,
doch grauenvoll vergröszert es der zweifel
und der erwartung qual dem weit entfernten
Schiller 12, 350 G.;
schweigend, grauenvoll und stumm
blickt die nacht um mich herum
Schubart s. ged. (1825) 1, 180;
hast du (gott) mir zu reichen kräften
auch ein reiches amt verliehen,
reiche güter zu verwalten
und ein hohes reiches schlosz;
und nun liegt es in zerstörung,
graunvoll in der öden grösze,
wie ein knöchern ungeheuer
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 3 (1879) 19.
die gleiche syntaktische funktion bei anderer bedeutung unter 3.
5)
substantiviert:
wen erschreckte nicht
das graunvolle der wahl (zwischen blindheit und taubheit)
Klopstock oden (1889) 2, 55;
sklavenhandel! weh, ich zittre
bei dem worte schon;
alles grauenvoll und bittre
liegt in diesem ton
Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 4, 202.
Zitationshilfe
„grauenvoll“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/grauenvoll>, abgerufen am 23.07.2019.

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