gras n.
Fundstelle: Lfg. 12,13 (1957,1958), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1898, Z. 13

Unterbegriffe in diesem Artikel

grasanlage · grasaue · grasbeet · grasbletz · grasbrache · grasdossierung · graseinschlag · grasflanke · grasgefilde · grasgegend · grasgürtel · grasgut · grasheide · grashube · grasinsel · graskoppel · graskuppe · graslehne · graslichtung · graspfad · grasplan · grasplateau · grasrampe · grasrondell · grasrücken · grasschlucht · grasstrich · grastal · grasterrasse · grastrift · grasvertiefung · graswanne · grasdickicht · grasdrang · grasflora · grasgewelle · graspelz · grasüberzug · grasvegetation · graswachstum · graswasen · graswelle · graswerk · graswildnis · graswust · grasbult grasbulte · graskaupe · graskotsche · grasmops · grasplack grasplacken · grasscholle · grasstaude · grasstock · grasfrucht · grasgesäme · grasgesämig · grassaat · grassprosz · grasstiel · grastrieb · grasaussaat · grasbesamung · grasbenutzung · grasdieberei · grasdiebstahl · grasernte · grasgerechtigkeit · grashut · grasnieszung · grasraub · grasschnitt · grasschur · grasessen · grasholen · grasrechen · graskäse · grasmaut · grasmiete · grasmiete · grasrügung · graszehnt · grasbauer · grasdieb · grasheie · grashüter · grasjunge · grasmeister · grasschultheisz · grasbogen · grasfunkel · graskarre · graskarren · graslade · graslaken · grasmesser · grasrechen · grasschiebbock · grasstecken · grastasche · graswäglein · graswalze · grasballen · grasbund · grasdach · grasgeflecht · grashauf grashaufen · grashütte · graslager · graslast · grasöl · grasschlinge · grasschwade · grasstreu · grasstrick · grastisch · graswasser · graswisch · grasfrisching · grashenne · grashering · grasmarkt · grasmilch · grasschmalz · graseule · grasfink · grashähnchen · grasheuschrecke · graskäfer · grasmaus · grasräker · grasrätscher · grasraupe · grasschnarcher · grasspecht · grasspringer · grasunke · grasweher · grasbinse · grasblut · graserbse · grasglöcklein · grasisop · grasknöterich · graslattich · graslolch · grasmangold · graspappel · graspilz · grasrettich · grasrose · grasstern · graswinkel · graswicke · graswolle · grasas · grasober · grassau · grasunter · grasarm · grasbedeckt · grasbegrünt · grasbestanden · grasdurchwachsen · grasüberwachsen · grasüberwuchert · grasumwachsen · grasumwallt · grasumwuchert · grasversteckt · grasverwachsen · grasblumig · grasdünn · grasförmig · grasdürr · grasfrisch · grasnackt · grassauer · gräserart · grasduft · grashalm · graskenntnis · grasleise · grasmeer · grassamen · grasspitze · grasstrausz · graswoge
gemeingerm. wort, got. gras; aisl. gras (dazu aus *gras-ja dän. græs, schwed. gräs); ags. græs, gærs, engl. grass; afries. gres, gers, ostfries. gras, gres, ges (statt gers); as. gras, mnd. gras, gres, gers, nd. gras; mnl. gras, gars, gers, nl. gras; ahd. mhd. nhd. gras. mit lat. gramen (aus *ghras-men) zur tiefstufe der idg. basis *ghrē: *ghrō: ghrə 'wachsen, grünen', erweiterung der wurzel *gher- 'hervorstechen'. zur ersten hochstufe gehört ags. grǣde, m. 'gras' (aus ghrē-t). die zweite hochstufe liegt vor in verbalbildungen wie aisl. grōa, schwed. gro; ags. grōwan, engl. grow; ahd. gruoen, mhd. grüejen 'wachsen, grünen'; in der nord- und westgerm. adjektivbildung aisl. grø̄nn; ags. grēne; ahd. gruoni, nhd. grün, wovon ahd. gruonên, mhd. grüenen, nhd. grünen; in deverbativen substantiven wie aisl. grōđi 'wachstum'; ahd. gruotî 'viror', mhd. gruot 'das grünen, frischer wuchs'; ferner, mit s-ableitung, in mhd. gruose, frühnhd. und noch in jüngeren mundarten gruse u. ä., mnd. nd. grôse; mnl. groese, nl. groeze 'pflanzensaft, frisches grün.' vgl. Walde-Pokorny 1, 645 f.; Pokorny idg. etym. wb. 440; 454; Kluge-Götze ¹⁵277ᵇ. das in allen hd. und nd. mundarten verbreitete wort ist mundartlichen lautbewegungen, besonders hinsichtlich der vokalqualität (neigung zu -o-), ausgesetzt, die indessen schriftsprachlich kaum in erscheinung treten. anorganischen umlaut gräs, gres zeigen alem. und westf. mundarten (Fischer schwäb. 3, 794; schweiz. id. 2, 792f.; Sarauw nd. forsch. 1 [1921] 266). die in den meisten hd. mundarten (kaum im schweiz. und ostmd.) infolge ausgleichs nach den zweisilbigen (flektierten) formen mit sekundär gedehntem stammvokal eingetretene dehnung auch in den einsilbigen formen zu grās hat sich in der hochsprache weitgehend durchgesetzt (vgl. Siebs dt. bühnenaussprache [1927] 36); orthographisch wird sie jedoch nur vereinzelt bezeichnet: graas Venusgärtlein 14, 8 ndr.; Reinicke fuchs (1650) 54; graasz Lewenklaw neuwe chron. türck. nation (1595) 131. gras flektiert als starkes neutrum. dementsprechend sind von den in älterer zeit selten bezeugten pluralformen nom. und akk. zunächst endungslos: die grasz (nom. pl.) Zwinger kräuterbuch (1696) 297; dise bede grasz (akk. pl.) Bock kreütterb. (1539) 2, 29ᵇ. daneben dringen en-formen der schwachen deklination in den plural: der grasen (gen. pl.) Zwinger a. a. o.; so besonders in dem ein flächenmasz bezeichnenden gras im ostfries. (s. I E 2) für alle pluralformen, vgl. Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 675ᵇ; im (nicht beweisenden) dat. pl.: enen camp landes van soven grazen (1375) oorkondenb. v. Groningen 2, 19; akk. pl.: so hedde men ... neen plochlandt unnd graszen schenden ... dorven Neocorus chron. d. landes Dithmarschen 2, 332 Dahlmann. der plural gräser, der sich im nhd. durchgesetzt hat, ist seit dem anfang des 16. jhs. bezeugt (nicht erst seit dem 18. jh., wie Gürtler in: PBB 38, 135 angibt). er findet sich in seinen frühesten zeugnissen gleichzeitig in zwei verschiedenen anwendungen: die beschreibende botanik verwendet ihn in einer die grasarten und -gattungen zusammenfassenden funktion, z. b. Bock kreütterb. (1539) 2, 28ᵇ; 32ᵇ (s. unter II C 1 a); gleichzeitig wird er im obd. von wiesen und weideflächen gebraucht, vgl. (1539) österr. weist. 5, 365; (16. jh.) schweiz. id. 2, 792 (s. unter I C 2 a α).
I.
gras ist in seinem vor- und auszerwissenschaftlichen gebrauch, der dem botanischen gebrauch (s. II) zwar zugrunde liegt, von diesem aber nicht beeinfluszt wird, kollektive stoffbezeichnung für schmalblättrig aufschieszende, meist niedrige pflanzen und halmgewächse.
A.
für die der ursprünglichen, schon vorahd. ausgeprägten bedeutung von gras am nächsten stehende beziehung auf frisches, sprossendes grün finden sich im deutschen nur noch spuren.
1)
in der beziehung auf junge sprosse und schmal aufschieszende grüne blätter von gewächsen, namentlich des getreides.
a)
in prägnantem gebrauch nur bis ins ältere nhd. hinein bezeugt. die hier vorherrschende verwendung des wortes für die jungen schmalen blätter des sich bestockenden getreides macht den zusammenhang dieses gebrauchs mit dem sich allein durchsetzenden für rasen- und wiesenpflanzen (s.B) deutlich. so mehrmals in der übersetzung von Markus 4, 28 anstelle von gr. χόρτος, lat. herba: silbo auk airþa akran bairiþ: frumist gras, þaþro ahs, þaþro fulliþ kaurnis in þamma ahsa got. bibel 177 Streitberg; ira thankes erda birit zi eristen gras, after thiu ehir, after thiu folcurni in themo ehire Tatian 76, 2 Sievers; denn die erde bringet von jr selbs zum ersten das gras, darnach die ehren, darnach den vollen weitzen in den ehren Markus 4, 28. ebenso: mit thiu tho vvuohs thaz gras (herba) inti uuahsmon teta, tho arougta sih thie beresboto (Matth. 13, 26) Tatian 72, 3 Sievers; ausz dem gruͤnen grasz des rocken, machen die koͤch in der fasten guͦt sossen Bock kreütterb. (1539) 2, 20ᵃ. ähnlich von einem getreidehalm in seinem frischen, grünen zustand:
von grase wirdet halm ze strô,
er machet manic herze frô,
er ist guot nider unde hô
Walther v. d. Vogelweide 17, 35.
in den botaniken des 16./17. jhs. dann auch von gröszeren, schmalen grünen blättern, freilich auch hier vornehmlich von denen des schossenden getreides: das grasz der gersten ist breyter, vnd freydiger anzuͦsehen, dann des weyszens. dargegen ist weyssen stroh krefftiger vnnd hoͤher, dann der gersten Bock kreütterb. (1539) 2, 17ᵇ; Zwinger kräuterb. (1696) 318ᵇ; spelz ist mit keymen, grasz, haͤlm, knoͤpffen vnnd aͤhern dem weyssen gleich Bock kreütterb. (1539) 2, 18ᵃ; die graszblumen (nelken) ... haben grasz wie junger knoblauch Lonicerus kreuterb. (1577) 215ᵇ.
b)
im nhd. klingt diese bedeutung noch in einigen festen verbindungen und wendungen an.
α)
im gras stehen, liegen. im hinblick auf das sich bestockende getreide: da sie ... bey früher jahreszeit hinein (nach Attika) gerücket waren, und das getreide noch im grase stund (καὶ τοῦ σίτου ἔτι χλωροῦ ὄντος), so gieng ihnen verschiedenes an den lebensmitteln ab Heilman Thukydides (1760) 466. im hinblick auf wiesengras in seinem frischen, saftigen zustand, unter einflusz des gebrauchs von B: diese wenigen (ruder-)schläge reichten schon aus, sie ... bis an eine hoch in gras stehende ... wiese zu führen Fontane ges. w. (1905) I 5, 189. ähnlich: de koppel liggt in't gras 'ist mit gras bewachsen' Mensing schlesw.-holst. 2, 469.
β)
besonders in einem bildgebrauch im sinne von 'frühzeitig, unreif'. ein vorhaben o. ä. im (ersten) gras ersticken o. ä.: das die boszheit nit im grasz, kaum angefangen, wurd abgeschnitten, sunder vor auff stig in die hoͤhe bisz zun fruͤchten, und die buͤberey ins vollkummen kaͤme Seb. Franck chron. zeytb. (1531) 236ᵇ; der versprach ... die verrätherey im ersten grase zu ersticken Lohenstein Arminius (1689) 2, 1552ᵇ. in gleichem sinne, aber sicher unter einflusz des gebrauchs von B, grünes gras (die gleiche verbindung in eigentlicher anwendung unter B 5 a): ob nicht auch hier (auf dem weiten feld der philosophie) jeder lieber mit einer hand voll ähren davon läuft, sie mögen ... reif oder noch grünes feuchtes gras seyn? Herder 5, 452 S.; ihre (der raffinierten frau) strafen für vergehen gegen diese (ihre an den mann gerichteten) gebote sind: tränen — ohnmachten — ... bittere worte, von langer hand vorbereitet und deshalb beim manne jeder gegenrede grünes gras zertretend A. Weber seid gut zu den frauen (1956) 129.
2)
eine beziehung auf gemüsekräuter findet sich am deutlichsten im got.: sums raihtis galaubeiþ matjan allata; iþ saei unmahteigs ist, gras (λάχανα) matjiþ (Römer 14, 2) got. bibel 245 Streitberg; jah þan (das senfkorn) saiada, urrinniþ jah wairþiþ allaize grase (λαχάνων) maist (Mark. 4, 32) ebda 177. im ahd. klingt diese bedeutung in einer zusammensetzung an: olera cratcras (8. jh.), cartcras (9. jh.) ahd. gl. 1, 220, 34 St.-S.
3)
ferner liegt eine gelegentliche anwendung auf das grüne blattwerk des baumes. schon beim ersten beleg ist es fraglich, ob noch ein zusammenhang mit der älteren, im gebrauch unter 1 fortlebenden bedeutung besteht oder ob bloszer worttausch im begriffsfeld 'blatt, laub' unter dem gesichtspunkt der tiernahrung vorliegt:
(ein tier) daz ezze im (dem baum) abe sin gras
kl. mhd. erzählungen 189 Rosenhagen.
sicher von der stehenden verbindung laub und gras (s.B 6 c) her bestimmt; in übertragenem zusammenhang:
hertzog Friderich aus Sachsen ...
solt vns den baum thun pflantzen
der also lang verdorret was:
itzt tregt er wider laub vnd gras
vnd ist vns fruchtbar worden
(16. jh.) bergreihen 25 J. Meier.
B.
in seinem gewöhnlichen gebrauch bezeichnet gras kollektiv rasen- und wiesenpflanzen, insofern deren schmale blätter dem äuszeren anschein nach unmittelbar aus der erde sprieszen. das wort zielt auf die undifferenzierte fülle dieser gewächse, deren botanische bestimmung für den unter mehr praktischen aspekten stehenden auszerwissenschaftlichen wortgebrauch irrelevant ist. die anwendung greift weiter als die des jüngeren botanischen familiennamens gräser (s. II C 1 b), betrifft im unterschied zu diesem jedoch nicht die getreidearten; vgl.: grass nennt der landmann alle pflanzen, für die er keine besondere namen hat Danneil altmärk. ma. 69ᵃ. von dem umfang des auszerwissenschaftlichen gebrauchs von gras vermitteln die im anschlusz an diesen gebildeten volkstümlichen pflanzennamen in der form von zusammensetzungen mit gras als grundwort einen eindruck (s. II B 3ᵇ).
1)
die stellung im wortfeld ist gekennzeichnet durch die wiedergabe von lat. gramen, herba und fenum und durch die nähe zu kraut und heu.
a)
ältere glossierungen: gramen gras (8./9. jh.), cras (9. jh.) ahd. gl. 1, 160, 28 St.-S.; gramus gras (10. jh.) ebda 3, 16, 32; gerᵃmen gras (11. jh.) ebda 2, 642, 46; gramen gras (12. jh.) ebda 3, 414, 2; gras, gres (nd. 1420) Diefenbach gl. 268ᵇ; grasz, grasze, graesch, graische (md. 15. jh.) ebda; grasz gemma gemm. (1508) 1 5ᵈ; Calepinus dict. (1579) 645ᵃ; gras gramen, herba Henisch thes. (1616) 1725; Stieler stammb. (1691) 694; erba gras (8. jh.) ahd. gl. 3, 4, 57 St.-S.; herba eyn kraut oder grasz Dasypodius dict. (1537) P 3ᵃ; foenum crás, cras, grás, gras (10./11. jh.) ahd. gl. 2, 279, 32f. St.-S.; gras (10.—12. jh.) ebda 1, 814, 24; cespes gras (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 116ᵃ.
b)
während der begriff 'heu' im älteren nhd. oft durch dürres gras umschrieben wird (s. 5 d β), kann heu 'fenum' bis ins 16. jh. hinein auch grüne grasgewächse bezeichnen (s.heu teil 4, 2, sp. 1275). demgegenüber setzt Luther anstelle von heu 'fenum' der vorlutherischen bibelübersetzungen in dieser anwendung durchweg gras, z. b. 5. Mos. 11, 15; ps. 72, 16; 147, 8; Matth. 6, 30; offenb. 8, 7 u. ö. gras und heu in deutlicher abgrenzung: die ... graszkreuter sie seyen gleich gruͤn oder duͤrr, das ist, es seye grasz oder heuw Tabernämontanus neuw kreuterb. (1588) 1, 645.
c)
kraut (teil 5, sp. 2105) steht, ebenso wie lat. herba, in seinen umfangreichen anwendungsmöglichkeiten dem gebrauch von gras am nächsten. in der älteren botanik ist kraut der weitere begriff, dem das gras und seine arten eingeordnet werden; vgl. z. b. die kräuterbücher von Bock (1539), Tabernämontanus (1588), Zwinger (1696); ferner: grasz, allerley gattung kraut vnnd hoͤuwgewaͤchs Maaler teutsch spraach (1561) 191ᵇ. andererseits bezeichnet kraut auszerwissenschaftlich und auch in älteren botaniken mehr das arznei- und küchenkraut, von dem das gras als unkraut (vgl. Bock unter II B 2 u. II C 1 a), als futtermittel oder in anderer beziehung und verwendung (s. 2) mehr und mehr abgesondert, wenn auch nicht scharf geschieden wird. auf dieser durch den nutzwert bestimmten unterscheidung der wörter mag die häufige verbindung kraut und gras (s. 6 b) beruhen. auf der gleichen linie liegt, zugleich eine einschränkung von kraut beweisend, dasz Luther anstelle von kraut 'herba' der älteren bibelübersetzungen in den meisten fällen gras einsetzt; z. b.: 1. Mos. 1, 11; Hiob 5, 25; 6, 5; 38, 27; ps. 90, 5; spr. 27, 25; Jer. 12, 4; 14, 5.
2)
in sachbezogener anwendung.
a)
gras als bodenbewachsung.
α)
zumeist im hinblick auf die bewachsung einer gröszeren oder kleineren grasfläche: thaz gras thes accares (Matth. 6, 30) Tatian 38, 5 Sievers;
thar was in alawari grases ouh gifuari,
mammunti ginuagaz
Otfrid III 6, 33;
swaz ie beschein daz lieht des entleibotens (die heuschrecken) niht
in uil churzir wile uil manege mile
swaz gruͦnes indir was, ez wære holz oder gras
Milstäter exodus 149, 1 Diemer;
dem (herrn) was (im baumgarten) ein bette gereit ...
diu schœne bluot, daz reine gras,
die bâren im vil süezen smac.
der herre hêrlîche lac
Hartmann v. Aue Iwein 6446;
das gras und der grüene klê
wurden begossen mit bluote
Ottokar österr. reimchron. 7347 Seemüller;
Zosimas ... kússzet die erden vnd daz gras summerteil d. heyligen leben (1472) 6ᵇ; so denn gott das gras auff dem felde also kleidet Matth. 6, 30 (vgl. oben Tatian); da vorhin im feld nichts denn getraid, grass, bäume gestanden Kirchhof wendunmuth 306 Ö.; sie fuͤhren auch im kriege gruͤne gezelt, damit sie vor dem grase von weiten nicht so leicht erkennet werden Chr. Weise polit. redner (1677) 678; das gras des feldes Lavater physiogn. fragm. (1775) 4 vorr.;
der baum wird zum zelte,
zum teppich das gras
Göthe I 16, 92 W.;
die bäume standen meistens in groszen grasplätzen und bogen ihre früchteschweren äste in manchem herbste tief zu den blumen des grases nieder Kerner bilderb. (1849) 124;
auf den wegen in deinem garten
weht das gras im wind
Agnes Miegel balladen u. lieder (1922) 72.
β)
oft mit deutlichem hinweis auf den nutzwert des grases, besonders desjenigen der wiesen und weiden: welche (wiesen und gärten) sonst eines regens wol bedürfen, auf dasz sie gras und früchte tragen möchten Luther tischr. 3, 146 W.; dass es allwegen recht sei, dass die spatwiesen, so ein gras tragen, den letzten mai sollen befreit sein (1555) österr. weist. 5, 26; hete aber sein nachbar stehents grasz oder traid, dasz er nit für mag, so soll der dardurch mähen oder schneiden, damit er dasz seinig haimb bring (1625) ebda 1, 41;
es ist heur gar ein theures jar,
dasz es nicht gibt vil grasz fürwar
Ayrer dramen 47 Keller;
einen solchen graben mit dem vortrefflichsten grase verpachten diese armen teufel (die wegaufseher), wie ich höre, für 1 thaler Lichtenberg br. 2, 350 L.-Sch.; ein ander mal fand er die pferde des königs ... auf der klosterwiese ... weiden und das gras verwüsten br. Grimm dt. sagen (1891) 2, 40.
γ)
anders von dem wuchernden, nicht kultivierten unkraut, aber ohne dasz dabei an bestimmte grasarten gedacht würde:
payde stauden unde gras
und öde dorffer man vant
Heinrich v. Neustadt Apollonius 9006 Singer;
vnd da sie (die juden) sahen, wie das heiligthum verwuͤstet war ... vnd der platz vmb her mit gras bewachsen war, wie ein wald oder gebirge ..., da zerrissen sie jre kleider vnd hatten eine grosse klage 1. Makk. 4, 38; wa nit mehr dann eyn eyntzigs stücklin gedachter quecken wurtzel im grund bleibt, fladerts vmb sich stoͤszt zuͦ allen orten newe keime, die werden zuͦ grasz (im abschnitt über 'onkreüter') Bock kreütterb. (1539) 2, 27ᵃ; die früchte (das getreide) betreffend, seyn derselbigen sehr wenig worden, weilen sie gar zu dick mit grasz gestanden Gänsschopff chron. oder eigentl. beschreib. vieler denckw. gesch. in Würtemb. (1656) 101;
wo ietzt palläste stehn,
wird künfftig nichts als grasz und wiese seyn
Gryphius trauersp. 150 Palm;
auf Elliants markt wird wachsen
das gras, hoch wie ein schwert, —
nur dort nicht, wo der karren
allstunds die leichen fährt
Münchhausen balladen u. ritterl. lieder (1920) 4;
der sâmen ist voller gras 'die saat steht voll unkraut' Schmeller-Fr. bair. 1, 1007.
δ)
bisweilen richtet sich der blick mehr auf die einzelnen grashalme oder -pflanzen, die eine grasfläche bilden: das grasz war so hoch, dasz schier ein reysiger hett drinnen verborgen reiten koͤnnen Schweigger reyszbeschr. (1619) 284; der hauptmann ... war guter laune genug, den gewünschten ballplaz, so lange das gras nicht zu hoch wäre, zu bewilligen J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 195;
ins gebüsch verliert sich sein pfad,
hinter ihm schlagen
die sträuche zusammen,
das gras steht wieder auf,
die öde verschlingt ihn
Göthe I 2, 62 W.;
siehst du, hier habe ich gesessen, und durch meine wichtigkeit das gras niedergedrückt Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 2, 73; das zertretene gras hatte sich wieder gehoben Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 22. so auch, wenn von einzelnen teilen der graspflanzen die rede ist: den stengel des grases nennt man den halm Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 722. im bild: den leichten flüchtigen hexameter, der kaum die spitzen des grases krümmt Bürger s. w. 176ᵇ Bohtz. auf der gleichen voraussetzung beruht die vergleichbarkeit des haares mit dem gras: god scop thene eresta meneska, thet was Adam, fon achta wendem; ... tha lokkar fon tha gerse, tha agene fon there sunna fries. rechtsqu. 211 Richthofen; auf seinem zarten kinn stunden die haare noch sparsam, so wie das zarte gras im jungen frühling ... vorkeimt Sal. Gesner schr. (1777) 1, 16; das mädchen sieht in das abgemagerte gesicht des mannes, über dessen stirn ein büschel hellen haares klebt wie nasses welkes gras Fr. Wolf zwei a. d. grenze (1948) 21.
ε)
die fülle und unzählbarkeit des grases führt im älteren nhd. zu hyperbolischen vergleichen; vgl. dieselbe anwendung der verbindung laub und gras unter 6 c: vnd (du) wirst erfaren, das deines samens wird viel werden, vnd deine nachkomen, wie das gras auff erden Hiob 5, 25;
so kouft man doch nit gotts gnad um gelt,
und wär sin als vil, als gras im veld
N. Manuel 115 Bächtold.
ähnlich:
ei dasz doch alles gras der erde
zu lauter schönen stimmen werde,
und alle tropffen in dem thaw
Angelus Silesius hl. seelenlust 242 ndr.
ζ)
nur gelegentlich und im gegensatz zu dem gebrauch unter c γ bezeichnet geschnittenes oder gemähtes gras das nach dem schneiden stehengebliebene gras: wie das abgeschnittene grasz mehr wuͤchse als das sich uͤberstuͤnde, also verarmte kein fuͤrst von freygebigkeit Lohenstein Arminius (1689) 2, 1277ᵃ;
ich flieh vom boulingreen,
vom niedlich glatt gemähten grase
Göthe I 2, 89 W.
b)
fügungen, die das wachsen und gedeihen des grases umschreiben.
α)
gras wächst, grünt usw.: vp gan, also dat gras (nd. 15. jh.) Diefenbach nov. gl. 352ᵃ; da sie all vier under ein grosz eich gingen siczen, da schon grasz undergewahsen was Lancelot 1, 545 Kluge; da vom glantz (der sonne), nach dem regen, das gras aus der erden wechst 2. Sam. 23, 4; woher und wovon solte das viehe leben, wenn nicht grasz und allerley fuͤtterung jerlich wuͤchsen? (1537) Luther 46, 571 W.; dasz auch das grasz mit allerley schoͤnen blumen dahir bluͤhet vnd gruͤnet volksb. v. dr. Faust 103 ndr.; und daher koͤmpts auch, dass auff denen maulwuͤrffs-hauffen kein grass waͤchset Prätorius d. abenth. glückstopf (1669) 113; dasz gras wächst, dasz es die thiere fressen Hegel w. (1832) 13, 411;
felsen sah ich wachsen in jahrtausenden,
gras sah ich wachsen in wenigen wochen,
Ymir, der riese, wuchs in stunden
Münchhausen balladen u. ritterl. lieder (1920) 110.
ähnliche wendungen umschreiben und charakterisieren eine jahreszeit, namentlich den frühling; vgl.E 1:
die saate gehet auff mit macht,
das grasze grünt in vollem pracht,
die bäume schlagen wieder ausz
Opitz teutsche poemata 51 ndr.;
vier monat lebte ich (ein vogel) gantz mager ohne speisen ...
wie aber wiederum das gras zu sehen war,
da schwittert meine kehl und sunge offenbar
Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 75;
die reise nach der Elbe ist verschoben, und wie vorgegeben wird, bisz das grasz weiter hervorkommen (1714) Berliner geschrieb. zeitungen 18 Friedl. ähnlich, aber auch von c β her bestimmt:
dô der summer komen was,
daz man gehaben moht daz gras,
dô was varens zît
Ottokar österr. reimchron. 21 203 Seemüller.
β)
oft in dem sinne, dasz gott oder die natur das gras wachsen lassen: (gott) der ze menniscon nuzzedo houue unde gras recchet an diên bergen (ps. 146, 8. qui producit in montibus fenum et erbam) Notker 2, 599, 1 P.; abrell bringt bluͤst: meyg bletter, kruͤter, vnd grasz Riederer spiegel d. waren rhetorik (1493) k 4ᵇ; vnd gott sprach, es lasse die erde auffgehen gras vnd kraut, das sich besame 1. Mos. 1, 11; du lessest gras wachsen fur das vieh, vnd saat zu nutz den menschen ps. 104, 14; gott (hat) ... meer, grass, kraut ... erschaffen Ayrer hist. proc. juris (1600) ):( 5ᵃ;
wer ruft das gras herauf?
Cramer s. ged. (1781) 1, 57;
die geschwindigkeit, mit welcher die natur jede leere stelle ... mit gras ... besetzt Hebel w. 2, 19 Behaghel.
γ)
die gegensinnigen wendungen das gras verwelkt, verdorrt u. ä. begegnen vornehmlich in vergleichender und bildlicher anwendung, s. unten 3.
c)
das gras hinsichtlich seiner nutzung und verwendung.
α)
als tierische nahrung und, unter umständen, als menschennahrung.
αα)
als tierische nahrung, besonders als viehfutter: so wil ich (gott) ... deinem (Israels) vieh gras geben auff deinem felde, das jr esset vnd sat werdet 5. Mose 11, 15; grass vnd weyntrauben sind nit sicher wenn jm (dem bären) an anderer speyss abgadt Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 15; die fourage ward gleichfals sehr knappe, vnd stand auf etliche meilewegs nur das blosze gras nicht mehr zubekommen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 470;
hier gras, da quell die wies entlang,
der frohen heerde speis und trank
Blumauer ged. (1782) 4;
dieselbe jahreszeit in der es dort noch gras für die pferde giebt Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 92. besonders in wendungen wie gras fressen: so iszt der lew kein grasz als ein kuͦ Keisersberg brösamlin (1517) 1, 52ᵇ; vnd sie (die heuschrecken) frassen alles gras in jrem lande, vnd frassen die fruͤchte auff jrem felde ps. 105, 35; ein junges rind das gras auf dem felde essen muste Harsdörffer d. teutsche secretar. (1656) 2, 104;
's kommt regen, fährmann. meine schaafe fressen
mit begierde gras
Schiller 14, 273 G.;
der hund kaute gras, die schwalben flogen tief ...: es gibt regen, knurrte vater Stadler Steguweit stelldichein d. schelme (1937) 182; es ist doch so fad auf dem dorf. immer nur den schafen zuschaun, wie sie das gras rupfen Werfel Bernadette (1948) 41.
ββ)
gras kann als menschliche nahrung dienen. besonders im falle groszer wirtschaftlicher not: von grossem hunger beczungen das rohe grasz vnd seine wurczen ze essen Arigo decameron 92 lit. ver.;
in des fiel auch ein thewrung ein,
und denn must er (der verlorene sohn) hüten der schwein,
und mit jn aus dem kübel frasz
träber und des groben grasz
(1582) Ambraser liederb. 147 Bergmann;
weil aber Scipio nur auff gnade und ungnade sie verlangte, stuͤrmten sie verzweiffelt den roͤmischen wall, erhielten sich hernach noch eine weile vom grase, maͤusen und menschen-fleische Lohenstein Arminius (1689) 1, 895ᵃ; der hochweise magistrat liesz ihn (einen jüngling, der aus not gestohlen hatte) aus rücksicht seiner jugend nur hängen, ob er ihnen gleich unter thränen sagte: er habe in vier tagen nichts als gras verschlungen Klinger w. (1809) 3, 270; nun kann der alte Arnswaldt (dessen frau zwillinge geboren hat) aber mal die hände über dem kopf zusammenschlagen! wenn er vorher hat betteln müssen, so hat er jetzt die aussicht, gras zu essen A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 387 Schulte-K.; Dreisziger sollte gesagt haben: de weber kennten ja gras fressen, wenn se hungern täten Gerhart Hauptmann d. weber (1892) 99. im hinblick auf eine freiwillig angenommene entsagende lebensweise: da suͤchet er (Johannes Chrysostomos) kraut und wurtzeln, des neert er sich und asz auch laub und grasz und ... lebet gar kuͤmmerlichen (1537) Luther 50, 56 W.; einige anachoreten ... haben sich mit gras und wurzeln genährt wie das vieh Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 212. als zeichen einer niedrigen zivilisationsstufe oder eines rückfalls in die tierische natur: hetten vnsere voruaͤtter solche sinne gehabt, so legen wir wol noch in der wildnusz, vnd aͤssen knospen vnd grasz Tappius adagiorum cent. sept. (1545) X 6ᵇ. so biblisch als strafe für den hochmut Nebukadnezars: (Nebukadnezar) ward von den leuten verstossen, vnd er asz gras, wie ochsen Daniel 4, 30; ebda 22; 29. im anschlusz daran: dasz er (Nebukadnezar) sieben gantze jar mit den vnuernuͤnfftigen thieren auff dem felde gieng, vnd grasz asz, wie ochssen theatrum diab. (1569) 51ᵃ; Nebucadnezar ... wolte, dasz sein volk vor seiner bildseule niederfallen solte. gott nahm deswegen den verstand von ihm. er wurde wie ein vieh ... und fras das gras auf den feldern v. Loen ges. kl. schr. (1749) 1, 54; sage mir, was du verlangst, ich will alles tun! ich will auf allen vieren gehen und gras fressen, wie der könig Nebukadnezar, der sich auch den göttern gleich geachtet W. Raabe s. w. I 6, 164 Klemm. wohl von da her uneigentlich von einem menschen, der einer triebhaften versuchung erliegt: das sei — demnach denn wohl — der mensch. immer mal wieder — gras fressen, setzte er hinzu H. Mann prof. Unrath (1905) 57. anders, auf grund eines miszverständnisses: darnach gaben sie (die ordensbrüder) jm (einem Samländer) essen vnd trincken, vnd gaben jm cresse zu essen mit saltze, auch gekochten koel. da schiedt der gesandte Same wider zu seinen landtsleuten, vnd sprach ... sie essen gras wie die pferde, darumb moͤgen wir jnen nicht widerstehen Waissel chron. alter preuss. hist. (1599) 64ᵃ.
β)
im hinblick auf die ernte des grases.
αα)
in verbalen verbindungen für verschiedene arten der grasgewinnung. gras mähen, hauen, schlagen bezieht sich vorwiegend auf die arbeit mit der sense, seltener auf die mit der sichel: so ainer gross maͤet, so sol ims niemaͤnt aufheben (1488/89) österr. weist. 8, 776, 16; falcare gras meget (15. jh.), als man das gras maͤdt (o. o. u. j.) Diefenbach gl. 223ᵇ;
ein armer
wildheuer, guter herr, vom Rigiberge,
der überm abgrund weg das freie gras
abmähet von den schroffen felsenwänden
Schiller 14, 397 G.;
am rande eines der groszen güter, auf dem sie nun schon seit tagen das gras mähen Wiechert missa sine nomine (1950) 96; der wiesenmeister zu Walterszleuben leszt das grasz hawen vnd vffmachen (anf. 16. jhs.) bei Michelsen d. Mainzer hof zu Erfurt (1853) 45; wer dem andern syn grass, band und derglichen abhouwt ..., so ist der thäter ... zu straff verfallen (1552) in: zeitschr. f. noch ungedr. schweiz. rechtsquellen 2, 81; das gras abhauen gramen secare Steinbach dt. wb. (1734) 1, 634; gras abhauwen schweiz. id. 2, 1806; das grasz abgeschlagen adder gebrochen vorleuszt seynen ursprung, das ist der eynflissende safft und feuchtickeit und wirt durr Luther 1, 197 W.; ist nun das gras von ihnen (den unzugänglichen gebirgsplätzen) geschlagen und zu heu getrocknet, so werfen sie solches von den höhen in tiefere thalgründe herab Göthe I 24, 369 W. gras schlagen auch in anderer bedeutung: gras slaan 'das in schwaden liegende gras mit der heuharke abwechselnd von rechts nach links auseinander schlagen' Mensing schlesw. holst. 2, 469. gras schneiden wird eher im hinblick auf die benutzung der sichel, seltener auch der sense gesagt: (der herr) ne mut ok des kindes holt nicht laten houwen, noch gras sniden, sint sik dat kint gejaret hevet Sachsenspiegel, landr. 2, 58 § 3 Homeyer;
dú (dirne) kunnd den faden zwúrnen,
den kelbernn ströwen, sniden grasz
mhd. minnereden, nr. 18, 17 Brauns-Thiele;
auf dem felde, da sie gras geschnitten Er. Francisci d. höllische Proteus (1690) 860; er war ... nach seiner gewohnheit um fünf ausgegangen, um gras für seines bruders kühe zu schneiden A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 55 Schulte-K. gras rupfen (u. ä.) bezieht sich auf die grasgewinnung mit den händen, ohne besonderes werkzeug: wann auch ain manns- oder weibsperson ... in pämbgärten, velder ... gehet, die wurzen oder das gras ausrauft ..., die soll gepfendt, zur straff verfallen sein (1580) österr. weist. 3, 174, 40; das gras zu ropfen, zu mäen und zu schneiden (1618) ebda 3, 83, 36; soll der, so gras ropft, allemahl umb sechs kreizer ... gestraft werden (1729) ebda 2, 276, 47. gras ausrupfen, -jäten, reuten dagegen von der entfernung des unkrauts:
die (bauern) stuonden dâ ze vrône mæn und wolten riuten gras
Neidhart lieder 302 Haupt-Wiessner;
obherbesco daz grasz auszrupffen Dasypodius dict. (1537) P 3ᵃ; das gras ausjeten gramen exstirpare Steinbach dt. wb. (1734) 1, 634. unbestimmter gehaltene wendungen für die grasgewinnung: derer todtengräber ihre weiber, ... wenn sie sommers-zeit das grasz von denen gräbern abzugrasen pflegen J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 2, 274; als hat sich niemand ... zu unterstehen, vor Bartholomäi tag laub oder gras zu tragen (1794) österr. weist. 3, 327, 11; nichts als gras und elendes korn von ihren geheuerten ländern erndten Justus Möser s. w. (1842) 1, 190.
ββ)
im vergleich, gelegentlich in berührung mit 3:
wan ir korn zîtec was,
man slûc ez nider alsô gras ...
dâ von wart in hungers nôt
livländ. reimchron. 11 368 Meyer;
denn wie das gras, werden sie (die bösen) bald abgehawen ps. 37, 2, mit dem bild des mähenden todes verbunden: ie hoͤher das gras wechst, je neher jm die sensen vnd hewgabeln sind, vnd wenn es am hoͤchsten ist, so kompt der grasmeider, vnd hawet es auff der erden ab. also gehet es vns menschen auch ... wenn wir meinen, wir leben am besten, so kompt der grasmeider, der tod, vnd hawet vns von der erden hinweg Luther w. 3, 2 (1550) 153ᵃ; (der tod) wird die menschen hauffen weise hinraffen, gleich wie ein graszmeyer das grasz im felde hauffen weise erlegt vnd abhawet P. Nagelius himmelszeichen (1605) C 2ᵇ;
da mähte, da, Jagello die weiche schaar (die verweichlichten
ordensritter),
wie üppig gras, zerstörender sense reif
Stägemann kriegsgesänge (1813) 15;
vernichtung dem, der mit des todes sense
gemähet unsre glieder wie das gras
Hegner ges. schr. (1828) 179.
γγ)
das bild des grasmähers wird sprichwörtlich auf das verderben als strafe für den hochmut bezogen: yhe hoͤher das grasz wechszt, yhe neher yhm (dem gleisner und bösen) die senszen unnd hewgablen sind (im anschlusz an ps. 37, 2) (1521) Luther 8, 214 W.; je höher das gras wächst, je näher ihm die sensen sind Otho evang. kranckentrost (1671) 392; 's hoʰᵉ gras wird bald gᵉschnitteⁿ 'hochmut tut nicht lang gut' Fischer schwäb. 3, 795.
δδ)
in ähnlicher verwendung gras zu heu machen u. ä. in sachlicher beziehung: (es kam) ain nasser summer mit regen, dasz man das grasz nit hat künden zuͦ hai machen und erfault ist (Augsburg 16. jh.) städtechron. 23, 393; mägde ..., welche das gehauene gras dem heu gleich zu machen mit ihren rechen bemühet waren heyrath eines mannes (1735) 163. im vergleich wie ββ:
als dâ der mâdær ûz gras
mit der segense machet heu:
eine sô getâne streu
macht herzog Heinrich (im kampf) umbe sich
Ottokar österr. reimchron. 21 135 Seem.;
bildlich im sinne von 'verderben', vgl.γγ: denn alle, die do ubil thun, werden ausz gerottet ... denn das reyff gras musz hew werden, und sollts ynn yhm selb auff dem stam verdorren (im anschlusz an ps. 37, 9) (1521) Luther 8, 218 W.; grün grasz wird auch hew Lehman floril. polit. (1662) 2, 796.
γ)
im hinblick auf nutzung und verwertung des gemähten oder geschnittenen grases.
αα)
im allgemeinen dient es, als eines der wichtigsten landwirtschaftsprodukte, zur stallfütterung:
vnd ob ir (eines bauernmädchens) gras zerrunne,
das wär meins hertzen ger,
vnd sich die rain besunne,
das sy chäm wider her
liederbuch d. Hätzlerin 15 Haltaus;
diejenige, so vieh haben, ihr grasz verkaufen und hernacher anders uff der gemeind grasen ..., ist die straff 2 [[undefined:poundsign]] 5 β hlr. (1658) württemb. ländl. rechtsqu. 1, 632;
er (der mensch) trocknet süszes gras, und bringt es unter dach
Eschenburg beispielsammlung (1788) 1, 57;
(die stiere) fraszen gemütlich das vorgelegte gras Jer. Gotthelf s. w. 11, 35 Hunziker-Bl.
ββ)
für seinen transport wird das gras zu bürden oder ähnlichen lasten gehäuft: welche frawe die küe wolt melcken, die must des nachtz bringen ein pürd grasz ..., so liesz man sie ... melcken (Nürnberg 15. jh.) städtechron. 2, 309; ein knab name ein bürde grasz auff sich, vnd erlitte ein knall am gebein Würtz wundartzney (1624) 419; von ainer pur gras ausz äckern (17. jh.) österr. weist. 4, 57. ähnlich: sah man den stamm eines baumes und verschiedene klumpen gras vorüberschwimmen J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 115.
γγ)
gestreutes und gehäuftes gras als lagerstatt:
der marcrâve sich ûf ein gras
leit, daz im ê komen was
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 136, 13;
er warp daz man im bræhte ein gras ...
al grüene gras und niwer klê,
des wart dar vil undr in getragn
ebda 132, 22; 133, 2;
mein bett war von dürrem laub und gras, und eben so grosz als die hütte selbst Grimmelshausen Simpl. 30 Scholte; die wohnung des elenden ... eine unbewohnte höle! — ist noch etwas hausgeräth und speise darinn? zertretenes gras — ein elendes lager der thiere Herder 3, 41 S.
δδ)
in älterer zeit wird gras als schmuck auf den boden gestreut:
niuwe bluomen, grüenez gras
was ie töuwigez drin (ins gemach) gestreut
Wirnt von Gravenberc Wigalois 10 613 Kapteyn;
da was vil vlisecliche
mit mengem gulter riche
gestuͦlet und fúr gesprat
uf pinze menic tepet brait,
da bi gestroͮwet krut und graz
Rudolf von Ems Willehalm von Orlens 6065 Junk;
vil kurtz, clein, gruͤnes gras
was uf den estrich gestræut
Ulrich v. Türheim Rennewart 7888 Hübner;
Heinrich von Freiberg Tristan 887 Bernt; 4 s. umb grass up den sall, duͦ dye keyserynne drup quam danzen (1376) Aachener zustände 255ᵇ Laurent; sie saszen nyder, und der knapp saczt sich nyder in das grasz vor yn da der sal mit gespreytet was Lancelot 1, 132 Kluge; 1 β den knechten vor dat grass uppe dat huss (rathaus) dat iar over to streygende (Hannover 1480) in: zs. d. hist. ver. f. Niedersachsen (1868) 196;
(Adam zu Eva:) kere das hausz und strew ein grasz,
auff das es hierinn schmeck dest basz,
wenn gott, der herr, kumpt morgen rein
mit den lieben engelen sein
Hans Sachs 1, 56 lit. ver.;
wann dasz grasz und kräuterwerck so am fronleichnambs tag den processionibus under gestrewet wird, bald hinweg doͤrret, so verhoffen die bawren dasselbe jahr gut hewwetter Grimmelshausen d. abent. Simpl. ewig-währender kalender (1670) 116ᵇ. von da her im vergleich:
invil klaine scherben
lagent sú (die götzen) uf der erden
zerworfen hin als ander gras
Wernher Marienleben 4057 Päpke-Hübner.
εε)
kränze aus gras, als schmuck dienend, zur auszeichnung überreicht u. a.: das ... kein winschencke noch winschenckin vor den kelren, do si win schenckend, keinen meigen haben sollend noch loube, denn slehteklich einen reiff mit grase gemacht (1394) Schlettstädter stadtrechtsqu. 342 Gény; auf diesem theile des bildes ist auch Schedios, der die Phocenser nach Troja führte ... Schedios hält einen kleinen dolch und ist mit gras bekränzt Göthe I 48, 98 W.; andere flochten aus dürrem gras kränze Frenssen Peter Moor (1906) 77. im hinblick auf die einem römischen feldherrn für rettung aus höchster gefahr überreichte corona obsidionalis oder graminea (dazu die lat. wendung gramen tradere); vgl.graskranz, -krone:
der sein vaterland errettet, diesen krönte Rom mit grase
Logau sinnged. 546 lit. ver.;
die armee ... überreichte Decius einen von gras gewundenen kranz Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 502. von da her:
kein volck wird sich nicht weigern gras
dem sieges-reichen Rom zu reichen
Lohenstein Arminius (1689) 2, 508ᵃ.
ζζ)
auf andere, gelegentliche verwendungsmöglichkeiten des grases bezogen: so du dann die kugel mit fleisz auff das pulffer gesetzt vnnd das zuͤndtloch obgehoͤrter massen vbersich gewendt, so verdams mit lumpen ... oder mit subtilem grasz Fronsperger kriegsb. (1578) 1, b 6ᵃ; da liessen sie sich nider, vnd machten jhnen ein wohnung mit holtz, laub vnd grass buch d. liebe (1587) 92ᵇ; die elemente der tracht sind ... beim weibe ein oder zwei faserschürzen aus gras, palmen- oder pandanusblättern Ratzel völkerkunde (1885) 2, 231; die wohnungen des landmanns in den dörfern (der Walachei) ... sind nur mit einem dache aus zweigen, gras und schilf überdeckt Moltke ges. schr. (1892) 1, 137.
3)
die vergänglichkeit des grases bedingt einen eigenen, auf breiter biblischer grundlage ruhenden, meist vergleichenden oder bildlichen gebrauch des wortes in geprägten wendungen wie das gras verdorrt, verwelkt, wird dürr, wird welk; der mensch, das fleisch u. ä. ist (wie) gras (s.a—d). im anschlusz daran wird auch die geringwertigkeit des grases in einem freilich weniger ausgeprägten gebrauch des wortes bedeutungsvoll (s.e). die grenze zu dem auf den einzelnen grashalm bezogenen gebrauch von gras III wird gelegentlich verwischt.
a)
nur biblisch ist die vorstellung von der dürre des grases als göttlicher strafe: denn die wasser zu Nimrim versiegen, das das heu verdorret, vnd das gras verwelcket, vnd wechset kein gruͤn kraut Jes. 15, 6; wie lang sol doch das land so jemerlich stehen, vnd das gras auff dem felde allenthalben verdorren, vmb der einwoner bosheit willen Jer. 12, 4.
b)
die vergänglichkeit des grases wird vergleichend auf den menschen oder auf menschliche gegebenheiten bezogen.
α)
in biblischem oder einem auch sprachlich unmittelbar an diesen anschlieszenden gebrauch: siê (die feinde Israels) missediên also daz cras, daz ûfen demo tache uuirt, daz êr irdorret êr man iz dane neme. êr diê sundigen ersterben, êr sint sie gote irdorrêt (ps. 128, 6) Notker 2, 560, 16 P.; ah das sie (die feinde Israels) muͤssen sein, wie das gras auff den dechern, welches verdorret ehe man es ausreufft ps. 129, 6;
wie gras auf dächern müssen sie (die feinde Israels) seyn,
das eh es reift, verdorrt
Herder 12, 220 S.;
denn alles fleisch ist wie gras, vnd alle herrligkeit der menschen, wie des grases blumen, das gras ist verdorret, vnd die blume abgefallen 1. Petr. 1, 24 (vgl. Jes. 40, 6, wo es bei Luther ursprünglich heiszt: alles fleisch ist hew, vnd alle seine guͤte ist wie eine blume auff dem felde); wie auch am andern ortt Isaias 40 saget: ... alles fleysch ist grasz und alle seyne herlickeytt, wie die blume des graszis. das grasz ist verdurret unnd seyne blume ist verfallen, aber das wortt des herrn bleybt ynn ewigkeyt (1522) Luther 10, 1, 2, 205 W.; ebda 10, 3, 172; 12, 299; 47, 49; aber alles fleisch ist graszs, vnd alle breisz des fleischs ist als die bluͦm vff dem veld Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 155 ndr.; ein mensch ist in seinem leben wie gras, er bluͤet wie eine blume auff dem felde. wenn der wind daruͤber gehet, so ist sie nimer da ps. 103, 15; Luther 10, 2, 416 W.; Dauid sprach ... mein hertz ist dürr worden als grasz Keisersberg brösamlin (1517) 2, 84ᵃ; mein herz ist geschlagen, vnd verdorret wie gras ps. 102, 5; meine tage sind dahin wie schatten, vnd ich verdorre wie gras ps. 102, 12; nu jtzt aber habe ichs komen lassen, das feste stedte wuͤrden fallen in einen wuͤsten steinhauffen, vnd die drinnen wonen matt werden, vnd sich fuͤrchten vnd schemen muͤsten, vnd werden wie das gras auff dem felde, vnd wie das gruͤne kraut zum hew auff den dechern, das verdorret ehe denn es reiff wird 2. kön. 19, 26; denn tausent jar sint fur dir, wie der tag der gestern vergangen ist ... vnd sind wie ein schlaff, gleich wie ein gras, das doch bald welck wird, vnd abends abgehawen wird vnd verdorret ps. 90, 5.
β)
auf dem biblisch ausgeprägten vorstellungskomplex fuszend: wer bistu? das dir foͤrchst ab eim tödtlichen menschen ..., der gleich wie das grasz doeret Hutten opera 2, 127 Böcking;
ein mensch gemacht ausz asch vnd staub,
felt ab vnd dorret, wie grasz vnd laub
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) B 8ᵇ;
desz reichen gewald
ist gleich gestalt
dem grasz auff gruͤner awe
ebda P 7ᵇ;
(reiche, mächtige menschen) sind wie heu, wie grasz, das heute steht und morgen verdorret Schupp schr. (1663) 137;
ich fühle, dasz ich sterblich bin!
mein leben welkt, wie gras, dahin,
wie ein verschmachtend laub
Uz s. poet. w. 181 lit.-denkm.;
wiewohl's ihm (der sich den arm verletzt hat) kein mensch könnt wehren, daran zu sterben, wenn er's absolut will ... der mensch ist wie ein gras; das hat gar keinen arm und musz doch sterben O. Ludwig w. 4, 120 Bartels.
c)
unter voraussetzung von b in prägnantem bildgebrauch von vergänglichem:
thaz gras sint akusti, thes lichamen lusti;
sie blyent hiar in manne sar zerthorrenne.
wir sculun thes biginnan, sulih gras io thuingan
joh thio sino suazi al dretan untar fuazi
(im anschlusz an Bedas u. Alcuins auslegung von Joh. 6, 10)
Otfrid III 7, 63 und 65; ebda 83;
disz grasz der glory vnd üppiger eer wachszt nit weder allain auf dem erdtrich der reichtumb
(zu Jes. 40, 6) Keisersberg schiff d. penitentz (1512) 70ᵇ;
die hohen schulen werden schwach, klöster nemen ab, und will solichs gras dürre werden und die blume fellt dahyn
(1524) Luther 15, 28 W.;
de könig zittat un bewt an en ganzen liew för angst; he denkt: nanu, is di lewen gras
bei Engelien-Lahn d. volksmund i. d. mark Brandenburg 1 (1868) 135;
lettst du dat rieten ni na, denn is dien leben gras
bei Mensing schlesw.-holst. 2, 469.
d)
durch den reim gestützte wendungen, die von der vergänglichkeit des grases und der zerbrechlichkeit des glases sprechen, begegnen vor allem in der barockliteratur, manchmal in sprichwörtlicher form:
betrachte, wer ich bin:
im huy fahr ich dahin,
zerbrechlich wie ein glasz,
vergänglich wie ein grasz,
ein wind kan mich fällen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 3, 300;
unverspuͤret wie das grasz wechst das gluͤkk; unvermuthet wie ein glasz zerbricht es Schottel friedenssieg 9 ndr.;
eben wie rosen behende verwelcken,
freylich wie balde verdorret das graas! ...
wie leichtlich zerbricht ein glaasz ...
schoͤne-seyn fliehet gleich wie ein traum
Venusgärtlein 14 ndr.;
ich bin ein grasz
und springend glasz,
was wiltu (gott) an mir schlagen?
Simon Dach 153 lit. ver.;
gluͤck vnd grasz, wie offt waͤchst das.
gluͤck vnd glasz, wie offt bricht das
Lehman floril. polit. (1662) 1, 369;
leben und glasz, wie bald bricht das,
leben und grasz, wie bald welckt das
Abr. a s. Clara mercks Wien (1681) 13;
weiszt du denn nicht, dasz das menschliche leben gleich sei einem glas und einem gras, so beede nicht lange währen ders., w. 4, 174 Strigl.
e)
in einem sich von der biblischen grundlage unter b α mehr oder weniger lösenden gebrauch wird die geringwertigkeit des grases, oft im gegensatz zu wertvolleren pflanzen und dingen bedeutungsvoll (vgl. 2 c β ββ):
nun aber ist mir doch, als honig, alles gras;
und als ein wollust gart, das ungeschlachte feld
Jes. Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimged. (1647) 16;
es war ja alles sehr gut, als gott die schöpfung betrachtete, und damit war unstreitig das schlechteste gras wie die zarteste blüte gemeint (1811) W. Grimm in: br. d. br. Grimm an Savigny 108 Schoof. häufig im vergleich: so ewer vatter das gras, das heuthe wechst, und morgen wirfft man es in das fewer, also bewarth und ernerth, was wolt ir dan sorge haben? seyt ir nicht meer dan gras und vogel? (zu Matth. 6, 26 u. 30) (1518) Luther 9, 141 W.;
ja wann sie (die herzogin) (aller blumen ruhm)
in dir (ihrem garten) deine gewechs betrachtet,
werden kaum gegen solcher blum
deine blumen wie grasz geachtet
Zinkgref auserl. ged. 37 ndr.;
keine (blume) ist
demüthiger, als sie (das veilchen), und keine hätte
dein fusz leichter zertreten, denn sie scheint
sich fast zu schämen, mehr zu sein, als gras
Hebbel s. w. I 4, 72 Werner.
in bildlichem zusammenhang: lerne die rosen und doͤrne scheiden und die blumen von dem grasz uszlesen d. ew. wiszh. betbüchl. (1518) 22ᵇ;
sie (die liebe) bindet gold an stahl, und garn zu weiszer seide,
macht dasz ein nesselstrauch die edle rose sucht,
zu perlen legt sie gras, zu kolen legt sie kreide
Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 2, 118.
in prägnantem bildgebrauch, z. t. mit charakterisierendem attribut (vgl. unt. 5 d β): die einfaltigen menschen seint grasz, die eeren mensch seint bluͦm Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 76ᵇ; so manche florilegia und gesammlete beauties of Shakespear, in denen man meistens nur ausgeriszene, dürre blumen, verwelktes gras und nichts minder als den ganzen Shakespear siehet Herder 5, 234 S.;
ich aber liebte zu erspähn
das seltenste was man gesehn,
und was ein andrer auch besasz,
das war für mich gedörrtes gras
Göthe I 15, 211 W.;
verschwunden ist, was ich besasz,
ein abgemähtes, welkes gras:
o gib mit einem heitern blick
ihm seinen ganzen werth zurück
ebda 15, 212;
als wären sie (die adligen) die blumen der welt, während wir anderen blosz das gras sind Heine s. w. 3, 109 Elster. ähnlich: du bist der ville der nerschen schaff nochgefolget durch das grasz der laster J. Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 103ᵇ.
4)
in präpositionaler verbindung wird die kollektive bedeutung des wortes oft besonders sinnfällig. andererseits führt sie (besonders bei auf und über, s.f und g) leicht zu einer berührung mit dem auf eine grasfläche zielenden gebrauch unter C.
a)
am häufigsten ist die verbindung mit der präposition in:
α)
in, älter auch an dem grase sitzen, liegen usw.; sich in das gras setzen u. ä. von menschen:
so sie thar tho gazun, thie in themo grase sazun,
joh mannilih thar sat ward, so sie thes brotes giward
Otfrid III 6, 43;
tie liute slîfen dô heilesamo an demo grase, sîe nehabetôn federbette (somnos dabat herba salubres) Notker 1, 97, 17 P.; der ritter der by uch sasz in dem grase Lancelot 1, 298 Kluge; wo der teuffel ledige hertzen findet, da schleicht er ein wie ein schlang, wenn ein mensch im grasz schlefft bei Luther 52, 421 W.; zuͦ dem (dem könig) sich der faul schneider fuͤgte, in hof trat und sich da selbst in das grasz niderleget unnd schlieff Montanus schwankbücher 19 lit. ver.;
sie laͤgerten sich in dem grasz
Spreng Äneis (1610) 6ᵇ;
die gesellschaft warf sich ins grasz, und ruhte eine stunde lang Nicolai Seb. Nothanker (1773) 3, 48; Mignon und Felix lagen im grase Göthe I 23, 10 W.; manch stilles, verschwiegenes plätzchen im grün kenne ich, wo ich mich im grase ausstrecken kann W. Raabe s. w. I 3, 378 Klemm; unter einem kirschbaume ... machte er halt und setzte sich ins gras H. Hesse glasperlenspiel (1943) 2, 187. von tieren:
ein gifftig vippernatter lag
in einer stauden in dem grass
Hans Sachs 9, 160 lit. ver.;
die schlange ... die sich im grase verborgen hält Hippel über d. ehe (1792) 163;
die grillen zirpten hell im gras
Agnes Miegel ges. ged. (1927) 139,
von pflanzen oder dingen, die im grase wachsen bzw. liegen oder ins gras gelegt werden:
das violichen in dem grase kruchet
Joh. Rothe lob d. keuschheit 937 Neumann;
in dem grase an ainer nidern statt wurden gesechen vil stüle sessel vnd sitze verdecket Niclas von Wyle translat. 240 Keller; knaben ... schauten begierig nach den früchten, die sie theils auf den ästen der bäume, theils abgefallen im grase erblickten Meissner skizzen (1778) 1, 48;
seeliges land! kein hügel in dir wächst ohne den weinstock,
nieder ins schwellende gras reegnet im herbste das obst
Hölderlin s. w. 2, 28 Hell.;
doch konnt ich unterscheiden
im gras verstreuten schutt, hier ward gebaut
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 97;
die kerle (neger) rudern ein wenig mit den stangen im gras herum und schon hängt ... eine schauerklapperschlange ... in der schlinge Werfel geschw. v. Neapel (1931) 269. vergleichbar: denen, die deine hülfe suchen, sey ein west, der im grasze spielt Göthe I 38, 346 W.;
der westwind spielt im gras auf moosbewachsnen quatern
Falk satiren (1800) 1, 37.
β)
mit verben, die eine bewegung von menschen oder tieren, ein laufen oder gehen im grase bezeichnen:
der hase
der da loufet in dem grase
kl. mhd. erzählungen 159 Rosenhagen;
do ist das kindt im grass umbher krochen und hat blumen gebrochen Zimmer. chron. ²4, 130 Barack; sie gingen ... im grasse bis unter die arme Chr. Reuter Schelmuffsky (vollst. ausg.) 37 ndr.; (wo) die sanften tauben ... nickend im grase wandelten Hirschfeld theorie d. gartenkunst (1779) 1, 128; im grase läszt sich ein wettlauf anstellen Göthe I 49, 86 W. von weidendem vieh: wie er (Pharao) stuͤnde am wasser, vnd sehe aus dem wasser steigen sieben schoͤne fette kuͤe, vnd gingen an der weide im grase 1. Mos. 41, 2. in geläufiger wendung: denn (wie man spricht: die kue gehet im grasz bisz an den bauch) also sind wir yetz auch reichlich zu unser zeyt warlich mit reicher, voller weyde goͤttliches worts versehen (1544) Luther 52, 2 W.; worauf die schönsten ochsen im grase bisz an die baͤuche giengen Riemer polit. maulaffe (1679) 262.
b)
mit der präposition durch. mit gras verbindet sich hier oft die vorstellung einer rasendecke, die, z. b. von blumen, durchbrochen werden kann:
dô der sumer komen was
und die bluomen dur daz gras
wünneclîchen sprungen
Walther v. d. Vogelweide 94, 12;
die bluomen dringent durch daz graz
Neidhart lieder 24, 20 Haupt-Wiessner.
in anderem zusammenhang wird das gras in seiner ganzen fülle vorgestellt:
vnd schleich gemeehlich durch das gras
fastnachtspiele 1304 lit. ver.;
und so ... ritten sy durch unsere beschloszne gutter, korn, haber und grasz (1514) d. dt. bauernkrieg, aktenbd. 80 Franz;
und nymphen, welche durchs gras mit nackten grazien tanzen
Giseke poet. w. (1767) 107.
c)
in der verbindung mit aus wird die fülle des grases deutlich:
sô die bluomen ûz dem grase dringent,
same si lachen gegen der spilden sunnen ...,
was wünne mac sich dâ gelîchen zuo?
Walther v. d. Vogelweide 45, 37;
ein schlang wischt ausz dem grasz herfuͤr
Eyering proverb. copia (1601) 1, 53;
zischt eine natter aus dem grase auf
M. Beer s. w. (1835) 245.
d)
mit der präposition unter: vnder dem grasz im kraut sol man würmlein finden Ruoff hebammenb. (1580) 134;
veilchen unter gras versteckt,
wie mit hoffnung zugedeckt
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 1, 30.
e)
in verbindung mit zwischen:
zwischen gras
schwarzes blühn
lockerer erde
Binding ges. w. (1937) 2, 143.
f)
in verbindung mit auf, älter in gleichem sinne mit an: also tugîn siû (meine worte) in iro (der juden) sinne so regentrophen an grase (quasi ymber super herbam et quasi stille super gramina) (5. Mos. 32, 2) Notker 2, 625, 1 P.;
doch was in leit, daz ûf dem grase
und ûf den boumen lac der snê
Konrad v. Würzburg d. trojan. krieg 24 248 Keller;
(meine rede) ist als der tuftent regen auff dem kraut, vnd alz die tropffen auff dem grasz (5. Mos. 32, 2) erste dt. bibel 4, 235 Kurr.; meine rede fliesse wie thaw, wie der regen auff das gras, vnd wie die tropffen auff das kraut 5. Mos. 32, 2; vgl. sprüche 19, 12; noch ligt er (der tau) alle morgen auff dem gras Luther 41, 159 W.; die sonnenstrahlen traten ungehört auf das gras und prägten grüngoldne spuren Stifter s. w. 1 (1904) 235. in der konstruktion mit verben, die ein sitzen oder sich setzen bezeichnen, scheint gras in der verbindung mit diesen präpositionen über seine kollektive bedeutung hinauszugehen und in die nähe des eine grasfläche bezeichnenden gebrauchs unter C zu rücken. beim ersten beleg zweifelhaft, ob hierher oder zu a α:
endi (Christus) hêt thea scola settien,
erlos aftar theru erdu, irminthioda
an grase gruonimu
Heliand 2850 Behaghel;
inti gibot her in, thaz sizzen tatin after gisellaskefin ufan gruonemo grase (supra viride foenum) Tatian 80, 5 Sievers;
si sâzen nider ûfez gras
Wolfram v. Eschenbach Parzival 745, 9;
die konigin und Galahot saszen nyder uff das grasz ferre von den andern die mit yn waren komen Lancelot 1, 290 Kluge; vnd er (Jesus) hies das volck sich lagern, auff das gras Matth. 14, 19;
er dummelt sich da auff dem grasz
Fischart w. 2, 33 Hauffen;
der mann hatte sich aufs gras hingestreckt Schiller 4, 75 G.; in'n sommer lieje ick janz jut uff't jras, in'n winter buddle ick mir'n biszken tiefer ein Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 25.
g)
in verbindung mit über:
thun sich die himmel auf und regnen, so träufelt das wasser
über felsen und gras
Göthe I 1, 338 W.;
die echten schicksalswandlungen gehen über dergleichen hinweg, wie ein morgenwind über das gras G. Keller ges. w. (1889) 2, 224; (schwalben) wie sie hier über den garten und dicht übers gras hinstreichen A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 378.
5)
gras in verbindung mit adjektivischen attributen:
a)
charakteristisch ist die häufige verbindung mit grün: an grase gruonimu Heliand 2850 Behaghel unter 4 f; ûfan gruonemo grase Tatian 80, 5 Sievers ebda;
dâ hete diu geselleschaft
frô unde sêre fröudehaft
gehütet ûf daz grüene gras
Gottfried v. Straszburg Tristan 587;
do (in einer laube) was geströuwet grüenez gras
gesamtabenteuer 2, 470 v. d. Hagen;
(beide) sich in das grüne grasz seczten Arigo decameron 96 lit. ver.; wie das grüne grasz die erden deckt und schmückt Luther 8, 214 W.;
ihr tausendschoͤnen ihr, ihr nelken und violen,
und was man schoͤnes kan aus gruͤnem grase holen
J. Grob dichter. versuchgabe (1678) 60;
klee und grünes grasz Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 172; es wächst auch das grünste gras darauf G. Keller ges. w. (1889) 1, 12. — anders ein bildlicher gebrauch unter A 1 b β.
b)
in der im mhd. begegnenden verbindung mit auszeichnendem schön hat gras stets die bedeutung grasplatz, s.C 1:
an daz schœneste gras
daz er in dem boumgarten vant,
dar vuorte sin bî der hant,
und sâzen zuo ein ander
Hartmann v. Aue Iwein 6490;
du solt mir den herren dîn
bringen an daz schœne gras
dâ er vernent bî mir was,
ob dem brunnen in dem garten
Tristan als mönch 2440 Paul.
c)
mit attributen, die den stand des wachstums bezeichnen.
α)
auf die höhe der gräser einer grasfläche bezogen. lang: ein statt wo vil ror vnd langs grasz waͤchst (obd. 15. jh.) Diefenbach nov. gl. 325ᵇ s. v. saltus; ducken sich dann im langen grase und gebüsche nieder Heppe jagdlust (1783) 168. im hinblick auf einzelne grashalme, aber unter wahrung der kollektiven bedeutung:
etliche (mädchen) hand ein ander art (des liebesorakels),
legent lang grasz zuͤn brüstlein zart.
das muͤsz zuͤsamen sein geflochten
Thurneisser archidoxa (1575) 50ᵇ.
jünger häufiger hoch:
ein johanniswürmchen sasz
seines sternenscheins
unbewuszt, im hohen gras
eines bardenhains
Eschenburg beispielslg. (1788) 1, 71;
nur im hohen gras der bach
singt leise den morgensegen
Geibel w. (1888) 1, 140;
Ägidius sieht der maschine nach, wie sie ruhig und gleichmäszig am rande des hohen grases entlangzieht E. Wiechert missa sine nomine (1950) 97. kurz:
daz velt etswâ geblüemet was,
dâ stuont al kurz grüene gras
Wolfram v. Eschenbach Parzival 75, 18;
ein schöne grüne wise mit kurczem grase Arigo decameron 164 lit. ver.;
ich (ein ehrgeiziger schäfer) will jetzo höher fliegen,
und nicht bey dem wollen-vieh
mehr in kurzem grase liegen
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 158;
(heidekräuter) welche abwechselnd mit kurzem grase die freien stellen des bodens bedeckten Storm s. w. (1899) 1, 11; im kurzen, flaumigen gras blinkten da und dort winzige weisze und gelbe blümchen O. M. Graf unruhe (1948) 131. tief:
der schnelle hirsch, das leichte reh
ist froh und kömmt aus seiner höh
ins tiefe grasz gesprungen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 398ᵇ;
warf es (das kind) heraus ins tiefe gras Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 19.
β)
auf die dichte des grasbestandes bezogen. dicht:
hier sehn sie das gehörnte vieh,
bald mit gesenktem maul im dichten grase gehen
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 75;
spalten und löcher, die durch das dichte gras um so gefährlicher waren Ratzel völkerkunde (1885) 2, 6. dünn:
man sieht am berge die nebel wehn,
die schienen schimmern durch dünnes gras
Carossa stern über d. lichtung (1947) 8;
dünnes, zertrampeltes, mottenfräsziges gras ..., das war das Tempelhofer feld Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 8.
d)
mit attributen, die das alter und den entsprechenden qualitativen zustand des grases kennzeichnen.
α)
junges, kräftiges gras bezeichnend. frisch: beströwtend die gassen ... mit frischem grasz Richental Constanzer concil 94 Buck; dorte setzte sich ein andrer hauffen (menschen) in das frische grase discourse d. mahlern (1721) 2, 5; der ruch von frischem gras erfüllte die warme luft O. M. Graf unruhe (1948) 294. jung:
des jungen grases frisches grün
Brockes ird. vergnügen in gott (1721) 4, 11;
und das mädchen pflückt
die veilchen aus dem jungen gras
Göthe I 5, 35 W.;
die mit jungem gras sich bedeckenden wiesen Pückler briefw. u. tageb. (1873) 2, 89. zart: das zarte gras Sal. Gessner schr. (1777) 1, 16 unter 2 a δ; am morgen ging es mit ihm hinaus, wo zartes gras war br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 35. fett: das fette und geile gras Harsdörffer poet. trichter 3 (1653) 246; auen mit fettem gras Bodmer d. Noah (1752) 20; darinnen fettes gras und allerhand gute kräuter wachsen Döbel jägerpractica (1754) 1, 4.
β)
im hinblick auf trockenes oder verdorrtes gras. dürres gras; soviel wie heu, vgl.dürr gras, gelegt gras, hay gramen aridum Henisch thes. (1616) 1727:
do sin (Christi) ein reine meit genas
in groszer aremüte
sy leit yn uff ein durres gras,
den fursten aller güte
(15. jh.) bei Th. Kochs d. dt. geistl. tagelied (1928) 66;
denn Christus ist auch vmb ewret willen arm worden, nit allein da er auff duͤrrem grasz, vnnd an der mutter bruͤsten lag, sondern da er am creutz ... schwebet J. Mathesius ausgew. w. 1, 113 Loesche; Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch (1647) 16. für abgestorbenes gras: das dorre grasz (1518) Luther 1, 393 W. unter C 1 b δ; massen derselbe (igel) ... einen ballen zermalmetes dörres gras oder schmollen, eines kopffs grösse, zusammen trägt Göchhausen notabil. venatoris (1741) 68; neben ihm säuselte das dürre herbstliche gras Stifter s. w. 3 (1911) 182. welkes und verwelktes gras s. unter 3 e. anderes: erstorbnes gras Lessing 8, 36 L.-M.; im gelb verblühten gras A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 362. im vergleich: die nachricht ... flog 'wie feuer durch trocknes gras' durch das ganze land Dahlmann gesch. v. Dännemark (1840) 2, 90.
e)
mit attributen, die mehr äuszerliche und gelegentliche zustände oder eigenschaften des grases kennzeichnen.
α)
sehr häufig wird das nasse und kühle gras durch attributive verbindungen bezeichnet. nasz:
dazu quackten im nassen grasz
etlich den vntersatzten basz
Rollenhagen froschmeuseler (1595) C 6ᵇ;
sie hatte ihr kleid des nassen grases wegen etwas aufgeschürzt G. Keller ges. w. (1889) 2, 41; die kompanie schwärmte vorbildlich aus und warf sich ins nasse gras Renn adel im untergang (1947) 95. vergleichend im hinblick darauf, dasz nasses gras dem feuer keine nahrung gibt: die alte excellenz schwang vergebens ihre kleine Erisfackel (um die streitsucht der brüder zu wecken), die funken, die sonst wie in ein pulverfasz gefallen wären, fielen jetzt wie in nasses gras M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4 (1893) 42. betaut u. ä.:
sie warff vor ungedult die halb entblöszte glieder
auf das betaute grasz
Pietsch geb. schr. (1740) 82;
im wind wogt das versilberte gras Schiller 11, 76 G.; drang die feuchtigkeit so aus den betten hervor, dasz man sich ebenso gesund ins tauige gras legen könnte (1837) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 192 Schulte-K. kühl u. ä.:
frisches kühlendes gras
Klopstock oden (1889) 2, 100;
das kühle gras soll mein duftender schrein,
der wind in den bergen mir orgelklang sein
Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 250.
β)
weiches gras:
im weichen grase lag ich oft,
von buchen überrauschet
Miller ged. (1783) 187;
das weiche gras empfing die matten glieder
Tieck schr. (1828) 1, 394.
γ)
anderes:
und elektrisch wälzte des daseyns taumel die bande (der schüler)
ungestüm fröhlich dahin im nebelrauchenden grase
Seume ged. (1804) 116;
dann setzten alle sich im bunten grase nieder
Pfeffel poet. versuche (1802) 1, 45;
da sitzt er hoch droben auf der sommerlichen wiese im duftenden gras Fr. Wolf zwei a. d. grenze (1948) 79.
f)
wildes gras bezeichnet das unkraut; vgl. den prägnanten gebrauch unter 2 a γ:
dem rauschenden wilden grase
auf zerfallnen heldengräbern gleich
Schubart s. ged. (1825) 2, 287;
die aus stein gehauenen ... alten pfalzgrafen sehen schweigend und hoch, oft von wildem gras umwallt, auf den wandrer nieder ders., leben 1 (1791) 193; ich nahm mich in jenen (kriegs-)jahren der kleinen an, dasz sie nicht aufwüchsen wie das wilde gras Watzlik d. pfarrer v. Dornloh (o. j.) 331.
6)
gras als glied fester substantivischer verbindungen.
a)
die verbindung gras und blumen eignet vornehmlich der mhd. literatur. sie wird gern zur charakterisierung des frühlings und sommers verwandt:
man ist unfrô da ich ê dâ was:
dâ entrœstent kleiniu vogellîn,
dâ entrœstent bluomen unde gras
minnesangs frühling 185, 2;
die bluomen und daz grüene gras
beidiu sint verswunden
Neidhart lieder 62, 34 Haupt-Wiessner; ebda 86, 34; 101, 25;
die baum waren grun, und die wiszen waren bedecket mit grase und mit blumen Lancelot 1, 311 Kluge; und ze ring umb die stat (Damaskus) sind vil bomgarten, die winter und somar grass, rosen und blumen tragent (1472—80) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 108;
wandle nur ins feld hinaus, schau doch, wie da wird verspuͤhret,
wie so praͤchtig gott der herr manches grasz und blume ziehret
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 2, 18;
ach, an deinem (des frühlings) busen
lieg ich, schmachte,
und deine blumen, dein gras
drängen sich an mein herz
Göthe I 2, 79 W.
gelegentlich, namentlich im älteren nhd., begegnet sie in anderem zusammenhang. zur bezeichnung von ziergrün wie unter 2 c γ δδ:
strew grasz und blumen (im saal), die wol schmecken,
und mach ein rauch von edlen würtzen
Hans Sachs 6, 146 lit. ver.
in bildlichem zusammenhang: zuͦ dem andern male solt du bluͦmen und gras und oͤle bomes zwiger engegen dem hymelschen kúng spraiten ... daz gras ist staͤte und suͤssú girde nach der hymelschen suͤssekait St. Georgener prediger 139, 13; 15 Rieder; ebda 272, 11. aber auch sonst:
dar zuͦ bluͦmen und gras
und anders alles das da was,
naigtend sich gen dem kindelin
Wernher Marienleben 3797 Päpke-Hübner;
got gibt ... grass vnd blumen fur das vihe Agricola 750 teutscher sprichw. (1534) A 7ᵇ; der boden war überall mit gras und blumen bedeckt Chr. v. Schmid ges. schr. (1856) 1, 31.
b)
die verbindung kraut und gras bezeichnet summarisch die fülle niederer bodengewächse:
er (das unwetter) was nieman livp, er sluͦch uihe unde livt,
al daz an dem uelde was beidiv chroͮt unde gras
Milstäter exodus 144, 32 Diemer;
wúrde si (die sonne) nút getempert mit den wolken, si verbrande krut und gras Tauler pred. 387, 24 Vetter; do traib man das vihe des tags darauf (auf die weide) und des nachtz gab man in im graben (stadtgraben) gras oder kraut (Nürnberg 15. jh.) städtechron. 2, 309; gras vnd kraut 1. Mos. 1, 11 unter 2 b β; was heute kraut und gras ist, das kan morgen heu und stroh seyn Butschky Pathmos (1677) 276;
der schwarze trupp durchzieht die schollen,
bemüht, die beute fortzurollen,
auf schmalem weg, durch gras und kraut
Schiller 6, 405 G.;
auch mit kraut und gras auf der weide wurde sie vertrauter Anzengruber ges. w. (1890) 3, 11. in der form gras und kräuter: (das) vich in der hoͤhe von guͦtem grass vnd kreutern geweydet wirt Ryff spiegel u. regiment d. gesundth. (1544) 49ᵃ; (die zwergprinzessin war) ein riese gegen gras und kräuter Göthe I 25, 1, 155 W.; gras und allerlei kräuter Ina Seidel d. labyrinth (1922) 68. seltener gräser und kräuter, s. unter II C 1 d.
c)
sehr häufig, freilich nur vereinzelt über das 17. jh. hinaus, begegnet die verbindung laub und gras, gelegentlich um ein oder auch mehrere glieder erweitert; sieh auch unter A 3.
α)
in sachbezogener anwendung: uuanda danne (im mai) ist loub unde gras in alegrûoni Notker 1, 750, 11 P.;
hie brach er über den tôten beidiu loup unt gras
Wolfdietrich A 578, 1;
lawb vnd gras ist beschaffen von wegen der tyer Berthold v. Chiemsee theologey 133 Reithm.; in einem hauffen laub und grasz Wickram w. 2, 393 Bolte;
dasselbe (das rosz) gieng herumb an dieser baͤche strand,
da es denn frisches laub vnd grasz genugsam fand
Dietrich v. d. Werder ras. Roland (1636) 13;
der himmel kömpt zur erden,
erwärmt vnd macht sie nasz;
drumb musz sie schwanger werden,
gebühret laub vnd grasz
Königsberger dichterkreis 20 ndr.;
märzenstaub
bringt gras und laub
Binder sprichwörterschatz 130.
β)
die verbindung findet besonders in poetisch-gehobener sprache vielfältige verwendung, namentlich als symbol für alles, was in der schöpfung wächst und grünt; vgl. noch s. v. laub teil 6, sp. 288:
ich hôrte ein wazzer diezen
und sach die vische fliezen,
ich sach swaz in der welte was,
velt walt loup rôr unde gras
Walther v. d. Vogelweide 8, 31;
mer woln gleuben in unsern alden gott,
der laupp und gras geschaffen hat
Alsfelder passionsspiel 150 Grein;
es sollte kein laub noch gras wachsen, kein tropfe wassers noch luft jnn der welt bleiben fur solcher unmenschlicher undanckbarkeit Luther 30, 2, 608 W.;
da trauret alles was da was,
da trawret laub vnd grüne grasz
Bäumker kathol. kirchenlied (1886) 1, 479;
kommst, armes veilchen, kommst zu früh
aus deiner mutter schoosz!
lebst einen morgen, jammerst mich;
siehst weder laub noch gras
J. G. Jacobi s. w. (1807) 3, 16;
so reist mit gott und grüszt mir laub und gras
Grillparzer s. w. 6, 198 Sauer.
so auch in älteren rechtsformeln: dieweil die sonne scheinet über bäume, berg und tal, gras und laub, so möget ihr wohl hegen und halten eine freie morgensprache (hist.) bei Wehrmann d. ält. lübeck. zunftrollen (1864) 75. in der wendung jemandem laub und gras versagen 'jemandem das land verbieten, ihn verstoszen' den heimatboden symbolisierend: in (den geächteten) sint alle recht benomen ... sonne und monde, lob und gras, wege und stege vorsagit (1458) cod. dipl. Silesiae 4, 65; was kan nun Julianus mehr thun, der mir (dem Athanasius) zuvor laub vnd grasz verboten, vnd den christen das jhrige genommen? Saubert currus Simeonis (1627) 345; als ... Segesthes Thusnelden auf den fall fernerer weigerung laub und grasz versagte; fiel sie endlich ... ihm zu fusze Lohenstein Arminius (1689) 1, 1251ᵇ; wir (Deutsche) aber leider! versagen ihnen (den fremden) laub und grasz ebda 2, 527ᵃ. in hyperbolischen vergleichen: das dein hertz denn schreien mus, deiner sunde seien mehr denn laub und gras Luther 30, 2, 544 W.; es sind mehr engel im himel denn laub und gras in allen welden und gerten auff erden ebda 49, 288;
es wechset nicht so viel laub vnd grasz,
als jetzt regiret neid vnd hasz
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) D d 3ᵃ.
komplexer:
kunde sant, loup und gras
lobelîch sprechen von der tât,
die got an uns begangen hât,
die kunden in nicht vollen loben
livländ. reimchron. 30 Meyer;
konde loube und gras sprechen,
die solten an in rechen
daz got so vil gebresten hat
von valscher pfaffen missetat
kl. mhd. erzählungen 98 Rosenhagen.
d)
seltener, durch die alliteration zur formel geworden, griesz (d. i. sand) und gras: über stock und stein, gras und gries Zingerle kinder- u. hausmärchen aus Süddeutschl. 269. in hyperbolischen vergleichen: to hant quemen dar (beim lesen eines zauberbuches) der ouelen geyste so vele alse grases unde gretes (1407) bei Schiller-Lübben 2, 145ᵃ; als das die Sassen unde Doringe horten, unde sahen den keysser mit eyner unczelichen schare, als gryss unde grass dess ertrichs, kummen, du wurden sie herschreckt Wigand Gerstenberg chron. 112 Diemer.
e)
in anderen, kaum gefestigten verbindungen: ein groze wiltnisse ..., in der keyn wonunge ist noch wurcz noch gras md. Marco Polo 12, 23 Tscharner; das wunden ist so gemein ut gras und bletter Luther 34, 1, 563 W.; auf den felsen da wächst gras und bäume ders., tischr. 6, 368 W.;
das alles sieht so lustig aus,
so wohl gewaschen das bauerhaus,
so morgenthaulich gras und baum
Göthe I 3, 136 W.;
grasz und unkraut Hohberg georg. cur. (1682) 1, 336ᵇ; gras und stauden maler Müller w. (1811) 1, 364. bildlich durch gras und stroh oder korn gehen 'sich in seinem vorhaben durch nichts behindern lassen': wenn sie (die 'böse welt') an einer person, die auf alles anspruch macht, die auch denen von höherm stande vordringen will, und durch gras und korn geht, wenn sie nur glänzen kann, alle fehler aufsucht Möser s. w. (1842) 3, 23; he is'n kerl, de mit een dö̹r gras un stroh geit 'auf ihn ist verlasz' Mensing schlesw.-holst. 2, 469. in der femformel, vgl. s. v. ²grein teil 4, 1, 6, sp. 52: de frygrefe (sagt) mit bedeckten hoefft de hemlike vehme: strick, stein, gras, grein (1490) bei Lasch-Borchling mnd. hdwb. 1, 2, 156; die losung und das nothzeichen, das ich dich lehre, lautet: stock, stein, gras, grain Immermann w. 4, 64 Hempel.
C.
auf der grundlage seiner kollektiven anwendung, aber über diese hinausgehend, kann gras eine mit gras (im sinne von B) bewachsene fläche bezeichnen. dieser dem mhd. und dem älteren nhd. ganz geläufige gebrauch begegnet im späteren nhd. meist nur noch in festen wendungen und fügungen. berührung mit dem gebrauch von B tritt namentlich im nhd. und in verbindungen mit den präpositionen in (B 4 a) und auf (B 4 f) häufig ein.
1)
ein mit gras bewachsener platz und überhaupt das freie, der erdboden; meist in präpositionalen verbindungen.
a)
ein lager-, kampf-, turnierplatz u. ä.
α)
besonders in mhd. zeit in toposartigem gebrauch und meist in verbindung mit dem unbestimmten artikel:
an ein daz schœneste gras
daz diu werlt ie gewan,
da vuorte sî mich an,
ein wênec von den liuten baz
Hartmann v. Aue Iwein 334;
sie kâmen dar geriten ûf ein grüenez gras
rosengarten D 482, 1 Holz;
bie daz hûs ûf ein velt
die cristen slûgen schône ir gezelt
ûf ein wunneclîchez gras
livländ. reimchron. 5041 Meyer;
da es rechte nacht was,
do hett ende das grasz (die grasfläche, über die der ritter ritt)
Heinrich v. Neustadt Apollonius 8552 Singer;
die jungfrauw ist gefangen in eim lack (see), der ist grosz; dainnemitten stet ein schön grasz, dainne ist die jungfrauw under einem schonen sicomore, da lit sie alle tag einig off einer koltere Lancelot 1, 143 Kluge. im nhd. seltener:
hab ich nicht etlich mal erwaͤhlet,
bey nacht ein nasz-betautes grasz
Neumark lustwäldchen (1652) 75;
ein schön quell, ein frisches grasz
liebet ich ohn vnterlasz
Königsberger dichterkreis 124 ndr.
β)
formelhaft an oder auf das gras reiten usw. 'ins freie, zum kampf reiten':
daz getwerc begunde mîn gern;
des enwoldez mîn vater niht wern ...
er reit ze im an daz gras.
den hât mir daz getwerc erslagen
der Stricker Daniel 1248 Rosenhagen;
er zoch biwilen uffez gras
durch kurzewile und durch iaget
passional 558, 42 Köpke;
kúng und her, tuͦnd ir das (mir tüchtige ritter zuzuteilen),
ich ker usz an das grasz
Friedrich von Schwaben 3768 Jellinek.
γ)
der kollektiven bedeutung wieder genähert, überhaupt von einem platz im freien, dem 'grünen', besonders als treffpunkt der liebenden. charakteristisch ist artikelloser gebrauch in präpositionaler verbindung: eyns tags ging myn schwester und ir man in grasz (en j praiel) by einem bruͦnnen, wann sie sich sere lieb hetten Lancelot 1, 437 Kluge; es waren gestern nachmittag ... etliche helden, so mit jhren liebsten sich in negstem wald vnd gras erlustigen wollen, in widerwillen vnd streit gerathen Moscherosch gesichte (1650) 2, 272;
ihr (die zigeuner) scherzt auf gras und unter zweigen,
ohn allen zwang und ohne zeugen
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 64;
komm zu mir in garten,
komm zu mir ins gras
Mittler dt. volkslieder (1865) 661;
so seim 'r halt g'sess'n
beisammen in gras,
so ham 'r amal ...
oder was.
i wasz, w'rs verrathen hat,
dasz d'in gras warst bei mir
dt. volkslieder aus Kärnten (²1879) 57;
in gesundheit aller ehrlichen gesellen, die auf gras und grüner heide laufen und noch willens darauf zu laufen in: dt. rechtswb. 4, 1069. übertragen das gras erwischen 'freiheit genieszen': es dünkt mich, das inen (den theolog. stipendiaten) der zom vil zu lang gelassen werde und wenig der heiligen schrifpt von inen gestudiert werde oder darzu gezogen werden. wen sie ain wenig das gras erwischen, so laufen sie davon und fast, die so nit usz dem land birtig sind (1542) in: blätter f. württemb. kirchengesch. 9 (1894) 53ᵇ.
b)
gras bezeichnet den erdboden, besonders als den endpunkt einer bodenwärts gerichteten bewegung.
α)
in mhd. wendungen wie an oder ûf daz gras erbeizen, vellen:
als balde do er (dar) chomen was, zeinem brunne erbeizte er an daz gras
Milstäter genesis 42, 9 Diemer;
man sach ouch dâ zebrochen vil manege buckel starc,
vil der edelen steine gevellet ûf daz gras
ab liehten schildes spangen
Nibelungenlied 36, 3 Bartsch;
er strûchte nider an dez gras
Wolfram v. Eschenbach Parzival 690, 8;
wir erhuoben mit im (dem ritter) unser spil ...
er warf uns alle ûf ein gras
der Stricker Daniel 367 Rosenhagen;
er kert an den wigandt
unnd stach in von dem rosz uff das gras,
das im die sprach zerrunnen was
Friedrich von Schwaben 2173 Jellinek;
baide hinden und vorne
slug iz (das pferd) uf also sere
daz der ritter niht mere
dar uf beliben mochte
noch drouffe niht entochte.
er vil dar nider uf daz graz
kl. mhd. erzählungen 153 Rosenhagen.
β)
im gras liegen, ins gras sinken u. ä., das verwundet- oder entkräftetsein umschreibend:
iedoch muoz ich erzürnen den fürsten lobelîch
sô bin ich der êrste der in dem grase lît
rosengarten 1698 Grimm;
swaz aber der Tiutschen was,
die towunt lâgen ûf dem gras,
die muost man voltœten
Ottokar österr. reimchron. 842 Seemüller;
der clag so gar cleglichen was,
das es mich düt bedribe,
si sanck dar nider ein das gras
Hans Sachs s. fabeln u. schwänke 3, 33 ndr.;
sie war mir allzu nah gegangen,
und ohne sinn und macht ins grasz gesunken hin
Stieler geharnschte Venus 143 ndr.
vergleichbar im hinblick auf die waffenruhe:
wenn so der Troer, als Achäer schaar
ihr glänzendes gewehr zu grase streckt,
so will er (Paris) itzt allein, um Helena
und all ihr gut, dem Menelaus stehn
Bürger s. w. 152ᵃ Bohtz;
sein (des Odysseus) rüstgezeug liegt in das gras gestreckt
(τεύχεα μέν οἱ κεῖται ἐπὶ χθονὶ πουλυβοτείρη)
ebda 153ᵃ.
γ)
dem gleichen vorstellungsbereich entstammen, freilich unter spürbarem einflusz der kollektiven bedeutung von gras B, wendungen, die ein meist gewaltsames sterben, besonders den tod auf dem schlachtfeld umschreiben: wenn jr noch im leben weret, muͤszten ewere koͤpff über die kalten klingen ins frisch grasz hupffen Carlstadt erkl. d. X. cap. Kor. 1 (1515) B 4ᵃ; vgl. Luther 18, 92ᵃ W.;
dar zuͦ die büchszen vnd carhonen
die manchem kriegszman boͤszlich lonen
das er bleibt in dem gruͤnen grasz
Gengenbach 109 Goedeke;
ich wil auch ein bar geysz dran wagen
und mit in schirmen vor der schupffen (mich an der schlägerei
beteiligen),
dasz die seel in dem grasz umbhupffen
Hans Sachs 17, 109 lit. ver.;
wenn wir (soldaten) im grasz erbleichen,
denn deckt man unsern ruhm und stärck und muth und stand
und thaten und verdienst mit einer hand voll sand
Gryphius trauersp. 30 Palm;
dass ich (der tod) darüber die geweihte platten (den geistlichen) in das gras werf Abr. a s. Clara w. 2, 72 Strigl; sie schossen aus allen fenstern auf uns, und mancher Franzose sank ins gras, eh sich unser häuflein nur besinnen konnte Eichendorff s. w. (1864) 2, 452. anders ins gras beiszen, s.D 10.
δ)
in wendungen, die bescheidenheit und niedrigkeit umschreiben, über das gras kriechen u. ä.: ich vormisz mich nit ubir die hohen tannen zu flihen, vorzweiffel auch nit, ich muͤg ubir das dorre grasz kriechen (1518) Luther 1, 393 W.; wer nicht kan vber hohe tannen fliegen, der mag vbers gras lauffen Henisch thes. (1616) 1728; wer nicht kan uͤber die berg steigen, der kriech vbers gras Lehman floril. pol. (1662) 1, 135;
die heldenzeit ist ietzt; ietzt herrschen solche sinnen,
die nicht im grase gehn, die auff den hohen zinnen
der würde stehn voran, in denen mut und geist
den mund nichts als von krieg, sieg, mannheit reden heist
Logau sinnged. 234 lit. ver.
anders: man machte von dieser staude (auf der 'atlantischen insel') mehr geschrey, als wesen dran wäre, und müste sie sich für seinem (des 'serischen landes') ... thee-strauche ins grasz und in staub bücken Lohenstein Arminius (1689) 2, 333ᵃ.
ε)
übers gras laufen vereinzelt auch in der bedeutung 'noch wohlauf sein': ich kan noch wol, got lob, ubirs grasz lauffen (1520) Luther 6, 307 W.
c)
von a her im vergleich grün wie (o. ä.) ein gras:
der sarc was grûne alse ein gras
Straszb. Alexander 3563 Kinzel;
an disen aht frouwen was
röcke grüener denn ein gras
Wolfram v. Eschenbach Parzival 234, 4;
ouch truoc nâch ritterlîchen siten ...
mîn sun vil tiuren samît:
der was grüene alsam ein gras
Rudolf v. Ems d. gute Gerhard 3587;
grün wie ein grasz Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) t 1ᵇ.
2)
speziell wiese, weidefläche; vgl. pascua graesz (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 415ᵃ.
a)
in prägnantem gebrauch.
α)
für eine bestimmte wiese oder weide und für wiesen- und weideland überhaupt:
ir (der ritter) pferde wâren ûf deme gras,
schiere wart nâch den gesant
livländ. reimchron. 8886 Meyer;
umb den chrieg der ... gewesen ist ... umb ein graz, das gehaissen ist auf dem Chogel (1341) monumenta Boica 2, 408; am dinxedage auende worden gestolen vam grase eynen armen manne ... dre perde (1460) urkundenb. d. st. Lübeck 9, 905; was obernthalb dem hochweg ist, da sol man in den neuen gresern hüeten ... biss auf mittern maien, und die alten greser sol man friden 14 tag vor mittem maien (1539) österr. weist. 5, 365; in den gräseren soll jeder den anderen syn rechten, alten tränkweg lassen faren und tränken (ca. 1540) schweiz. id. 2, 792; so hedde men vam gemeinen lande de erde (für den deichbau) nehmen konnen, hedde neen plochlandt unnd graszen schenden, kopen edder nehmen dorven Neocorus chron. d. landes Dithmarschen 2, 332 Dahlmann; nochdem in etlichen gerichten fir die jörliche zinsung die glaubiger die inen versötzte felter, wisen, albmen und andere gröser abnutzen und brauchen (17. jh.) österr. weist. 1, 127. in älterer rechtssprache verbindet sich mit gras in dieser anwendung die vorstellung des rechts zur grasnutzung: so gebe wir den vorgenanten burgern czu Marienwerder den werder ... mit allem nutcze vnd vruchtekeyt, ... is sy an acker wysen, weyde, graze, weldin (1336) cod. dipl. Prussicus 2, 208 Voigt; we (der rat von Quedlinburg) hebben ome (Cord von Stockem) vnse borch Hoyme mit ackere korne grase vnde ander tobehoringe drey jar to hebbende gedan (1465) urkundenb. d. st. Lübeck 10, 594.
β)
im schweiz. für den teil einer zusammengehörigen alp, eine weideeinheit, deren grösze nach dem weidebedarf und -recht bestimmter tiere berechnet wird: von derowegen, die sy in denen alpen mit vëch übertrybent und mêr daryn tätend, dann sy gräs oder recht da hettend (1504) in: schweiz. id. 2, 792; es sollen auch die alpen folgendergestalt besetzt werden: nämlich eine kuh wie von alters her ein gräs, ... drei kälblein ein gräs (1669) ebda; man verlehnt die alpen nach gräsern, ein stosz heiszt hier ein gräs (1804) ebda. ein vergleichbarer gebrauch im schlesw.-holst.: ik hebbe dree gras up'n butendiek 'habe das recht, auf dem auszendeich 3 kühe zu weiden' Mensing 2, 469.
b)
in wendungen, die den weidegang der tiere umschreiben. die kollektive bedeutung von gras B spielt oft und namentlich dort mit hinein, wo gras von der präposition in abhängig ist.
α)
das vieh auf, an oder in das gras treiben: sve sin ve drift up enes anderen korn oder gras, he sal ime gelden sinen scaden uppe recht, unde büten mit dren scillingen Sachsenspiegel, landr. 2, 47 § 1 Homeyer; de koye, de wy in dat gres dryvet bei Schiller-Lübben 2, 139ᵇ; kälber, die man das erst jahr ans gras treibt (1677) österr. weist. 2, 64; wollt wohl euern hengst ein wenig ins gras treiben? maler Müller w. (1811) 1, 185. noch mundartlich: (das vieh) ins gras treiben bei Fischer schwäb. 3, 796. in (o. ä.) das gras schlagen; vgl. s. v. schlagen II 6 a, teil 9, sp. 377:
(er) erbeizte von dem pfärde nider
und sluog ez bî der strâze sider
an ein gras vil grüene
Konrad v. Würzburg Partonopier u. Meliur 469 B.;
ihnn dero zeitt hattenn die heidenn die esell an dem grass geschlagenn (1491) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 194; wann ain fleischhacker oder wer herein kombt von Kuefstain, hat er ein pfärt, das soll der Fixl schlagen zu seinen rossen in das gras (1555) österr. weist. 2, 57; welliche rosz dürr weren, denen soll man den ersten tag so mans auff das grasz schlegt, auff der kräutader lassen Seuter roszartzney (1599) 12;
die pferdt sie schlugen in das grasz,
vnd liessen sie gehn auff der heyd,
zusuchen klee vnd gute weyd
Spreng Ilias (1610) 26ᵇ.
auf dem gras oder in das gras gehen lassen: (kranke pferde) 15 tag auff dem grasz gehn lassen Seuter roszartzney (1599) 12; etliche lassen sie (die ochsen) den gantzen sommer durch auf den rehnen (den weideplätzen am fluszufer) in grasz gehen viehbüchlein (1667) 12; ist den pferden sehr dienlich, dass man sie lasse ins gras gehen Döbel jägerpractica (1754) 2, 95. anderes: 3 sch. den knechten, die der pferde zu Cruczeburg of dem grase huten (1399—1409) Joachim Marienburger treszlerbuch 399; es ist gut das man den rossen vor und ehe man sie auff das grasz spannen will, alle vier eisen abbreche Seuter roszartzney (1599) 12; der kutscher, der die wagenpferde ins gras bringen wollte Storm s. w. (1899) 1, 36.
β)
tiere gehen in das gras, im gras u. ä.:
sust quam er (der esel) in daz selbe lant
do er ein groze stat vant,
und gie den leuten in ir gras.
do quam er des die wise was,
und wolde in uz getriben han
kl. mhd. erzählungen 189 Rosenhagen;
der hirsch nimpt die weid an oder zeucht ins gras Meurer jag- u. forstrecht (1582) 63ᵇ; Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 3 (1643) 113; im gras laufen 'im freien weiden' schweiz. id. 2, 792. mit ordinalzahl in (an) das erste usw. gras gehen, das alter von tieren umschreibend, 'das erste usw. jahr auf die weide gehen'; eine beziehung zu dem gebrauch unter E 1 ist zu erwägen:
nu gienc er (der stier) semfte als ain lam
so hin an sin erste gras
passional 89, 63 Köpke;
stiere, die ins 'dritte gras' gegangen, oder die ins 'dritte jahr gehen' württemb. jahrbücher f. statistik u. landeskunde (1886) 2, 226.
c)
andere anwendungen entfernen sich weiter von der bedeutung 'wiese, weide', jedoch ohne dasz die kollektive bedeutung B den vorrang erhielte.
α)
ins gras gehen, von personen, die gras mähen oder schneiden wollen: wie die bauer-maͤdgen sich zu schmuͤcken pflegen, wenn sie ins grasz oder holtz gehen Jak. Döpler theatrum poenarum (1693) 409;
die niederländschen mägdelein
die giengen früh ins gras,
sie giengen in den garten
und da der schreiber sasz
dt. liederhort 1, 251 Erk-Böhme;
in das gras gehen hingehen, gras abzuschneiden Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 718; zu grase gehen oder ins gras gehen Campe 2 (1808) 442ᵃ; ins gras gehen Fischer schwäb. 3, 796.
β)
ein feld zu grase legen oder liegen lassen 'als weideland benutzen': an vielen orten auf dem hohen gebirge, da ... selten eine erndte geräth, lassen sie die felder zu grase liegen, und ziehen desto mehr viehe auf Lehmann hist. schauplatz (1699) 518; ik heff allens to gras leggt 'habe nur mehr weideland' Mensing schlesw.-holst. 2, 469.
D.
redensartlicher und sprichwörtlicher gebrauch knüpft zumeist an B, gelegentlich aber auch an C an. weitere redensarten und sprichwörter sieh unter I B 2 c β γγ; 3 d; 6 c β; e; C 1 b δ; ε.
1)
das gras wachsen hören, seltener sehen.
a)
die seit dem 15. jh. nachweisbare redensart wird abschätzig oder ironisch auf einen überklugen bezogen; vgl.: ille audit gramina crescere; dicitur in eos, qui sibi prudentissimi videntur (1514) H. Bebel proverbia germ. 30 Suringar. im älteren nhd. für sinnentsprechende lat. redensarten: scit quomodo Jupiter duxerit Junonem er hoͤrt auch das grasz wachsen Tappius adag. cent. sept. (1545) E 2ᵇ; B. Faber thes. (1587) 420ᵇ; er hoͤrt das gras wachsen scit, qvid Jupiter Junoni in aurem dixerit Stieler stammb. (1691) 694; Aler dict. (1727) 1, 977ᵃ.
α)
prägnant in der form jemand hört oder sieht das gras wachsen: der was als witzig, dass er sach das gras wachsen, und het geerbt von Salomon all seine weisheit und von Aristoteles alle subtilligkeit (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 133; sie seind etwan als witzig, das sie hoͤren das gras wachsen Keisersberg brösamlin (1517) 1, 106ᵃ;
die welt ist also wol gelert,
das sy das grasz yetz wachsen hoͤrt,
vnd felet dennocht offt damit,
ja, wol vmb einen puren schrit
Murner narrenbeschwörung 159 ndr.;
verständige leute, die vor übriger klugheit das gras wachsen hören Chr. Weise erznarren 26 ndr.; (Rupert:) mit verstand wäre hier nur etwas auszurichten, und der fehlt euch allen. (Heinz:) nicht wahr, du hörst immer das gras wachsen Tieck schr. (1828) 3, 53; ich aber kenn dich besser und weisz, du hörst das gras wachsen. schlau bist du und taugst nichts Fontane ges. w. (1905) I 1, 329. ähnlich: witz ... hoͤrts grasz wachsen Lehman floril. polit. (1662) 2, 919. von der redensart her ironisch ins konkrete gewandt: eine gewisse Belinde (in einer dichtung Jacobis) ... hört an den bächen die blümchen unter sich vom kleinen Amor sprechen. sieht sie nicht auch gras wachsen? Gerstenberg recensionen 339 lit.-denkm.
β)
jemand meint (o. ä.), er höre oder sehe das gras wachsen; das moment der überheblichkeit und des eingebildetseins tritt hier stärker hervor: mancher helt sich selber vor klug, ist vbermuͤtig vnd vermeinet, er hoͤre das grasz wachsen Mathesius Syrach (1586) 1, 125ᵃ; (zu ratsherren eignen sich die am besten,) so jmmerdar oben ausz vnd nirgend an wollen, welche vermeinen, sie hoͤren das grasz wachsen, vnd die welt, das doch vnmuͤglich ist, jmmerdar zu reformiren gedencken ... nur mit jhrem vnzeitigen eyffer vbel aͤrgern machen Boccalini relationes ausz Parnasso (1644) 115; alle sprachenkuͤndiger, die bisweilen ihnen einbilden, als wan sie nun gar das gras koͤnnen wachsen hoͤren Ph. Zesen rosenmând (1651) 172; wie manchen bauer, der gemeint, er sähe das gras wachsen und höre die flöhe husten, sie angeschmiert Jer. Gotthelf s. w. 11, 42 Hunziker-Bl.
γ)
mit ergänzungen und näheren bestimmungen: der (Luther) gipt sich usz er hoͤr das grasz in dem ewangelio wachsen Murner kl. schr. 2, 52 Pfeiffer-Belli;
gleich dem thatenlosen schüler der ethik,
hörst du in der poetik
gras wachsen; aber hörest nie
den lorber rauschen in dem hain der poesie
Klopstock gelehrtenrepublik (1774) 208.
die empfindungen über die psychologische sektion durch kritiker wie Vischer und Auerbach sind nicht sehr schenierlich, denn wo die herren anatomen, so erfreulich und fördernd ihre arbeiten sind, das psychologische gras im betreffenden objekt wollen wachsen hören, sind sie meistens auf dem holzweg (1875) G. Keller br. u. tageb. 3, 150 Ermat.
δ)
die redensart kann erweitert werden: die welt kinder seind in weltlichen dingen witzig. sye hoͤren das grasz wachszen, vnd koͤnnen eim pfennig 10 myl noch stellen Keisersberg postill (1522) 3, 68ᵃ; er meynt er hoͤre das grasz wachsen, die floͤhe huͦsten Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 13ᵃ; Dentzler clavis ling. lat. (1716) 369ᵇ; Spanutius sprichw.-lex. (1720) 594; vgl. Jer. Gotthelf unter β; sie sein so klug, das sie das grasz mit der saw hoͤren wachsen Huberinus spiegel d. hauszucht (1553) 89ᵇ; he kann gras (un de wull op'n schaap) wassen un flöh hosten hören Mensing schlesw.-holst. 2, 469.
b)
ohne abwertenden nebenton. in sprichwörtlicher form einen nie erreichbaren grad an weisheit umschreibend: kein alter hat auszgelernet, er habe dann das grasz hoͤren wachsen Lehman floril. polit. (1662) 1, 17. klug, gewitzt, gut unterrichtet sein: sage, Resi, du hörst ja das gras drüben (im grafenschlosz) wachsen, wie kommt der (pater) nur ins Petöfysche haus? Fontane ges. w. (1905) I 4, 14; der Paul war ein dummer junge, aber der Engländer hörte das gras wachsen! ... mister Brown sprach geläufig deutsch, und er sprach viel. 'n jewandter mensch, flüsterte Gottfried seinem schwager Johann zu. sie waren alle eingenommen von dem fremden Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 42; seine frau ... das war eine kluge! die hatte was von ihrem groszvater; der alte Schellnack hörte auch noch das gras wachsen, trotzdem er jetzt nicht mehr aufstehen konnte aus seinem sessel ebda 134.
c)
im alemannischen auch in anderer beziehung: der sieht 's gras wachsen 'er wird vermöglich, wohlhabend' Fischer schwäb. 3, 795. auf kranke bezogen: der sieht im frühjahr keiⁿ gras meʰʳ wachseⁿ 'erlebt es nicht mehr' ebda; der hört 's gras wieder wachseⁿ 'es geht ihm besser' ebda. scherzhaft: loseⁿ (hören), wie d's gras wachst 'auf dem felde schlafen' schweiz. id. 2, 792.
2)
wendungen wie gras wächst über etwas, gras über etwas wachsen lassen bringen zum ausdruck, dasz jemand oder etwas tot ist, in vergessenheit gerät oder geraten soll.
a)
die wendungen haben die vorstellung zur voraussetzung, dasz über begrabenem oder unberührt liegengelassenem nach einer gewissen zeit gras wächst.
α)
dahin gehört namentlich die vorstellung, dasz auf dem grab eines verstorbenen gras wächst: drumm ist die best schwiger ..., die einn gruͤnn rock an hat ..., das ist, vff dero grab grasz wechst Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 36ᵃ;
o dasz mein alter freund, dasz meine reiche baase,
gar sanfft und selig wehr, bedekkt mit gruͤnem grase
Rachel satyr. ged. 55 ndr.;
einem sauren krautfreszer.
hie ligt meister Peter im gruͤnen graas,
der so gern saur kraut saz ...
gott wolle seiner seelen gnadig seyn
Reinicke fuchs (1650) 54;
nichts thun gebuͤhrt dem der von grasz ein gruͤne rock traͤgt Lehman floril. polit. (1662) 2, 541; wenn das gras uns auf der nasen waͤchst, da ligen wir erst recht sanfft Otho evang. kranckentrost (1683) 366;
hier liegt ein narr und handelsmann
tod unter diesem grasze
(1781) schr. d. Goetheges. (1885) 7, 73;
tröst gott die selige frau bas; ...
sie liegt ganz still jetzt unter'm gras
Franz Pocci lust. komödienb. (1877) 6, 130;
in berührung mit b: fünfzig jahre sind eine lange zeit ... über alle gräber ist gras gewachsen und auch über das unserer Ludowike W. Raabe s. w. I 6, 504 Klemm.
β)
den übergang von der eigentlichen zur übertragenen anwendung unter c kennzeichnend: grosse stoͤcke sol man auszschleiffen, vnd grobe leger wende (festes gestein) versencken, vnnd begraben, vnnd lassen grasz druͤber wachsen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Gg 8ᵃ; wer grosse stümpff will auszwurtzeln, der verdirbt das geschirr, vnd thut sich selbsten wehe, es ist besser, man läst das grasz drüber wachsen Lehman floril. polit. (1642) 910.
b)
gras wächst über etwas u. ä., über ein ereignis vergeht eine gewisse zeit, es gerät in vergessenheit: (ich) bat beydes meinen schweher und den obristen, dasz sie vermittels der militiæ das meinige (mein bei einem kaufmann in verwahrung gegebenes geld) zu bekommen unterstehen wolten, ehe gras darüber wachse Grimmelshausen Simpl. 295 Scholte; es waͤchset ehe grasz uͤber die erwiesene wohlthaten, als grasz uͤber sein grab waͤchset d. wohlgeplagte priester (1695) 137; ich habe ... papiere durchgesehen und verbrannt und damit manches stück vergangenheit hinter mir geworfen, was freilich schon seit jahren mit gras bewachsen (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 218 Schulte-K.; (ein ausgedienter husar) denkt nimmer daran, was er einmal (an gewalttaten) verübt hat, und meint, es sei schon lange gras darüber gewachsen Hebel w. 2, 134 Behaghel; du muszt auszer landes, bis gras über die sache gewachsen ist Dörfler d. notwender (1934) 168.
c)
gras über etwas wachsen lassen, an eine sache nicht rühren, eine zeit über sie verstreichen und sie in vergessenheit geraten lassen: alle drei gingen bald hierauf nach Italien, um über diese geschichte gras wachsen zu lassen dt. erzähler d. 18. jhs. 178 Fürst; herr Schwab ... ermahnte mich, im stillen meine ansprüche auf das ländchen Vadutz fallen und gras über diese kahlen phantasien wachsen zu lassen Brentano ges. schr. (1852) 5, 13; er ... wird gras wachsen lassen über die geschichte und dann erst recht eine reiche nehmen M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 3, 376; wenn die zeit ihr gras ... über die keineswegs wichtigen verstimmungen hätte wachsen lassen Mühsam namen u. menschen (1949) 9. von da her: glaube ich nicht, dasz es dem könige willkommen sein kann ..., wenn wir schon jetzt den wunsch aussprechen, dasz eine änderung dieser gesetzgebung eintrete. es möge wenigstens das gras dieses sommers darüber wachsen (1847) bei Bismarck polit. reden 1, 14 anm. Kohl.
3)
da wächst kein gras (mehr), von der vorstellung her, dasz auf verwüsteten oder vielbetretenen plätzen kein gras gedeiht. sprichwörtlich: da jedermann gehet, waͤchst kein grasz Lehman floril. polit. (1662) 1, 284; auf der landstrasze wächst kein gras Binder sprichwörterschatz (1873) 118; op allmanns weg wasst keen gras Mensing schlesw.-holst. 2, 469. im hinblick auf dirnen: auf dem weg, darauf viel leute gehen, wächset kein grasz ... est verbum, quod in meretrices dicitur Pistorius thes. paroem. (1715) 1077. in der redensart: vör de döre lett he keen gras wassen 'das haus besuchet er fleiszig' Dähnert plattdt. (1781) 160ᵃ. redensartlich und sprichwörtlich mit beziehung auf verwüstungen und gewalttaten, die einen nicht wiedergutzumachenden schaden zur folge haben:
wa gensz hin schyssen, als ich hoͤr,
do waszt kein gruͤn grasz nymmermer
Murner narrenbeschwörung 185 ndr.;
das kein grass wachsen sol, wo der Tuͤrke hinkoͤmt Prätorius philos. colus (1662) 85; (die hexen) tantzen auch den boden oder das erderich offtmahls so tieff hinein ..., dasz weder laub noch gras mehr daselbst wechst ders., blockes-berges verrichtung (1668) 331; wo ich hintreffe, wächst kein gras Holtei erz. schr. (1861) 19, 97; Cappan war übel zugerichtet. auf einem rücken, den alemannische fäuste durchgearbeitet, wächst jahrelang kein gras Scheffel ges. w. (1907) 2, 80.
4)
gras wächst auf etwas u. ä., in umkehrung von 3 mit beziehung auf wenig oder gar nicht benutzte plätze oder gegenstände: gnediger herr! ich habe lange nicht vmb ettwas gebeten, ich mus auch einmahl kommen, das die strasse der vorbitte nicht zugar mitt grase vorwachse (1540) Luther br. 9, 115 W.; wenn ein juͤd einem flucht, so wuͤnscht er jhm, das jhm grasz fuͤr der thuͤr wachse Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Ccc 1ᵇ; der judᵉ wünscht, dass eiⁿᵉm gras im hof wachsᵉ 'dann ist kein vieh mehr da' Fischer schwäb. 3, 795; wo Troja stund, wechst grasz jtzund Zader breutigams ehrenkrantz (1606) 223; mein gott! ist das eine stadt, eine ehemalige residenz? es wächst ja gras auf den straszen. man sieht keinen menschen Knigge roman m. lebens (1787) 3/4, 244; sämmtliche portraitzeichner am orte haben traurige ferien; es wächst dem winter zum trotze gras auf ihren brettern, denn alle welt sagt: weil Julius Hart ... heimkehrte, wollen wir ... warten, bis er uns portraitirt Holtei erz. schr. (1861) 5, 35.
5)
redensarten wie kein gras unter den füszen wachsen lassen beruhen ähnlich wie die wendungen unter 3 und 4 auf der vorstellung, dasz das gras zeit zum wachsen benötigt und nicht gestört werden darf. 'jemandem keine ruhe gönnen': kein grasz einem under den füssen wachsen lassen non permittere otium alicui Dentzler clavis germ.-lat. (1716) 139ᵇ; Steinbach dt. wb. (1734) 1, 634; Kirchhofer schweiz. sprichw. (1824) 138. ähnlich in junger mundart von einem schnell gehenden, fleiszigen, rastlos tätigen menschen: (er) lasst sich keiⁿ gras unter deⁿ füssᵉⁿ wachseⁿ Fischer schwäb. 3, 795; schweiz. id. 2, 792; Hans Joggi und Anne Marei ... gehörten noch der alten schule an, wo man das gras nicht unter den füszen wachsen, die kelle nicht an der pfanne kleben liesz Jer. Gotthelf s. w. 14, 81 Hunziker-Bl. anders: dem wachst 's gras unter deⁿ (die) füssᵉ⁽ⁿ⁾ 'er mäht nicht sauber' Fischer schwäb. 3, 795.
6)
das pferd oder die kuh stirbt oft, ehe das gras wächst, im hinblick darauf, dasz ein plan durch spätere ereignisse vereitelt werden kann, und als warnung vor einer verfrühten und vergeblichen hoffnung: das pferd stirbt offt, eh das grasz (zur fütterung) wechszt ... der mensch nimpt jm vil für, aber es liegt an got, ob etwas drausz werde Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 152ᵇ. Eyering gibt dem sprichwort folgende deutung:
tempori ne credideris.
disz sprichwort warnt vns jmmerdar,
das wir der zeit wol nemen war,
vnd der nicht zu gar viel vertrawen,
vff zeit vnd gluͤck zu fest nit bawen
proverb. copia (1601) 1, 333;
vgl. Petri d. Teutschen weiszh. (1605) M 5ᵇ; Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 127; aber wer weis, wie lange man darauf warten kann ... ja, ja! man pflegt im sprüchworte zu sagen: ehe das gras wächst, stirbt die kuh Gottsched dt. schaubühne (1741) 3, 301; Holberg dän. schaubühne (1743) 4, 561.
7)
von B 2 c α her, es bekommt ihm wie dem hunde das gras, es bekommt ihm schlecht; von jemandem, der sich durch unvernünftige oder verwerfliche handlungen selbst schadet, sich in irgendeinem sinne übernimmt. es wird an den hund gedacht, der, wenn er gras friszt, sich übergibt; vgl.: nym dir ain leer von dem hund, der ist ain vnvernünfftig thier. wenn er ettwas schedlichs in seinem leib innwendig empfindt, so iszt er grasz, dardurch er von jm auszwirfft vnd seinen gesund wider gehaben mag Keisersberg granatapfel (1510) B 3ᵈ; die hund essen grasz, wann es regnen will, vnnd sie purgiren sich darmit Fischart Garg. 253 ndr. häufig lexikalisch: es wirt dir bekommen, wie dem hunde daz grasz Tappius adag. cent. sepl. (1545) F 4ᵃ; Stieler stammb. (1691) 694; bekommen wird dirs, wie dem hund das gras Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) b 1ᵃ; es wird jm bekommen, wie dem hund das grasz Eyering proverb. copia (1601) 2, 606; Spanutius sprichw.-lex. (1720) 579; es soll dir gedeihen wie dem hunde das grasz Schellhorn sprichw. (1797) 108. in literarischen texten mehr oder weniger variiert: bitz sie (die kinder) ... das weckbrot gar vsz müsten essen vnd dennen bekam das so wol als dem hund das grasz Till Eulenspiegel 11 ndr.; (der satan) frist den Christum und verschlinget in, aber es bekompt im, wie dem hund das gras Luther 20, 334 W.; (wenn stifter und klöster mit dem 'incorporieren' fortfahren, wird) das erdtrich zuͦ letst solchs (handeln) muͤssen ausz speyen. ich hab ynen lengist geschworen bey dem lebendigen got, wa sie das spil vbersehen, wirt jnen beschehen, wie dem hund, der das grasz gefressen het Hedio v. d. zehenden (1525) C 3ᵇ;
vnd ist der wyn im (dem trinker) also gsundt,
wie das grasz ist vnserm hundt
Murner narrenbeschwörung 68 ndr.;
es kan jhm (der für geld messen liest) auch solcher gewin nit anderst als wie dem hund das grasz gedeyen (1626) Alemannia 10, 182ᵇ; nun ... soll euch ewer brieff gedeien wie dem hund das grass Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, L 1ᵃ; meine schmauserey bekam mir wie dem hunde das grass Schnabel insel Felsenburg 24 Ullr.; die grose welt ist mir bekommen gestern wie dem hunde das gras Göthe IV 3, 142 W.
8)
jemand oder etwas an, auf oder in das gras schlagen, spannen jemand, von dem man keinen nutzen mehr hat, achtlos beiseite setzen, jemand oder etwas vernachlässigen. den ausgangspunkt dieser im älteren nhd. verbreiteten redensart bilden entsprechende wendungen unter C 2 b α; sie werden hier auf alte, untaugliche pferde bezogen, die man auf die weide treibt, statt sie mit hafer zu füttern.
a)
in sprichwörtlicher fassung: wenn das pferdt zu alt ist, so spannet mans ynn karren, odder schlecht es für die hunde, vnd yns gras Agricola 750 teutscher sprichw. (1534) H 3ᵇ; Lehman floril. polit. (1662) 3, 462; man musz den alten gaul nicht ins gras schlagen, der vngemengten haber verdient ebda 2, 793;
welcher dient, bisz er wird unwerth,
dem ist undanck zum lohn beschert:
alte pferd schlaͤgt man ins gras
Abele gerichtshändel (1684) 2, 217;
nach Luther tischr. 4, 467 W. (s. unter b): weil einer kan, so braucht man jhn, darnach schlegt man jhn ins grasz Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Zz 7ᵇ.
b)
redensartlich in literarischen texten. meist auf personen bezogen: in von sollichem herlichen dienste ze bringen und, so er den gelaussen hett, in uff das grass zu schlahen (1477) bei Fischer schwäb. 3, 796; weil wir können, so braucht man uns, darnach schlägt man uns ans gras; wir sind ja arme, elende leute (1539) Luther tischr. 4, 467 W.; wenn du wirst in dein land komen, so wirst du gott an das gras schlagen ders., w. 28, 593 W.; wan sie (die Türken) eines weibes mude seien, flugs dieselbige ins grasz geschlagen und eine andere genommen ebda 47, 314; volgt darumb nit, das dadurch (durch die geschichte von Isaak u. Ismael) werde geboten, das man alle vneeliche kinder müsse auf dasz gras schlagen (Augsburg 16. jh.) Alemannia 11, 169. in der beziehung auf abstrakta nur, insofern diese im umkreis des persönlichen liegen; hier anscheinend lieber in der verbindung aufs oder ins gras spannen: ein epicureer ... der ... gar keiner religion nachfraget und das gewissen aufs gras spannet (16. jh.) bei Fischer schwäb. 3, 796; darumb ist der weltkinder ... regel, dasz, wenn sie noch jung sein, sicher in den lieben tag hienein leben, gottes vnd seines zorngerichtes vergessen, die busse ins grasz spannen, einen damaschken vnd sammeten muth fuͤhren, vnd aller creaturen gottes zur frewde gebrauchen Variscus ethographia mundi (1609) B 7ᵃ.
9)
auf dem letzten gras oder auf das letzte gras gehen, dem tode nahe sein; im anschlusz an den gebrauch unter C 2 b β: er geht auff dem letzten gras, auff der par, der tod suͦcht jn Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 57; alles volk lief zum pischof Jadduah, der war nun auch ein vast alt man, gieng auf dem lesten gras Aventin bayer. chron. 1, 348 Lexer; ebda 1, 381; was soll ich aber sagen von etlichen alten vnnd betagten priestern, welche mit jhrem eignen alter ringen, vnd albereit auf das letzte grasz gehen, vnd dannoch der vnkeuscheit dermassen seind ergeben Albertinus hauszpolicey (1602) 5/7, 94ᵇ. ähnlich von jemandem, der wirtschaftlich zugrunde geht:
unserm junckherr widerfert gleich das.
er geht ietz auff dem letzten grasz.
die schuler wöllen nimmer bey im singen,
die fronboten umb sein hausz sich dringen
Hans Sachs 12, 439 lit. ver.
in nicht persönlicher beziehung: wie es (das römische reich) angehebt hab, durch wen's gewachsen sei, wie nachmals die gerechtikait und guet ordnung nachlassen hab und eraltet sei und ietzo auf dem lesten gras bei den Teutschen gê und in jene welt zeuch Aventin bayer. chron. 1, 579 Lexer.
10)
ins gras beiszen, sterben, besonders von einem gewaltsamen tode. der seit dem 16. jh. bezeugten redensart entsprechen in den romanischen sprachen wendungen wie frz. mordre la poussière; it. mordere la terra; span. morder la tierra. zugrunde liegt die in der antiken literatur mehrfach begegnende vorstellung, dasz tödlich verwundete krieger im todeskampf erde mit dem mund erfassen, vgl.: ὀδὰξ λαζοίατο γαῖαν Homer Ilias 2, 418; ὀδὰξ ἕλον οὖδας ebda 11, 749;
(qui) procubuit moriens et humum simul ore memordit
Vergil Aen. 11, 418;
et terram hostilem moriens petit ore cruento
ebda 10, 489;
... harenas ore momordi
Ovid metamorph. 9, 61.
dementsprechend geben ältere lexikographen die dt. wendung wieder mit mordere humum, vgl. Dentzler clavis germ.-lat. (1716) 139ᵇ; Aler dict. (1727) 1, 977ᵃ; Steinbach dt. wb. (1734) 1, 634. der wechsel des wortes in der dt. redensart, gras anstelle von erde, erklärt sich aus dem gerade im älteren dt. häufig bezeugten gebrauch von gras für den erdboden, vgl.C 1 b, bes. γ, wo gras einen symbolwert hat in wendungen, die einen gewaltsamen tod umschreiben. andererseits findet sich auch im dt. die auf einen gewaltsamen tod bezogene wendung (in) den grund beiszen, s. teil 4, 1, 6, sp. 685. zur erklärung der wendung vgl. auch Pischel in: sitzungsber. d. pr. akad. d. wiss. (1908) 445ff.
a)
überwiegend von einem gewaltsamen tode, besonders dem auf dem schlachtfeld:
ich hab gesehn vil grosser streit
da vil todten blieben.
vnd ist noch nit ein lange zeyt,
ins gruͤn grasz da biessen
wol in die dreissig tausent man
Seb. Brant v. d. losen füchsen (1546) A 2ᵇ;
solt ich, o Marspiter, in grasz gebissen haben,
wer wuͤrde doch ein liedt von dir vnd deinen gaben
erdencken als wie ich?
Opitz dt. poem. and. th. (1629) 258;
von des feldherrn hundert grafen hatte mehr als die helfte ins grasz gebissen Lohenstein Arminius (1689) 1, 36ᵃ; der meiste theil von der schwedischen armee muste in das grasz beiszen Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 292; dann kamen sie auf den armen Uli, der ... elendiglich umgekommen wäre am galgen ...; nachdem er, wie man wohl wisse, nicht das halbe bekennet habe, aber doch um des unchristlichen pfarrers willen hätte ins gras beiszen müssen Pestalozzi s. schr. (1819) 1, 133; die (belagerer) haben einen obersten ..., der hat halt auch ins gras beiszen müssen W. Hauff s. w. (1890) 1, 141; am liebsten käme ich gesund heim, aber wer weisz, vielleicht beiszt man heute noch ins gras R. Hoffmann d. dt. soldat (1937) 57.
b)
seltener von einem nicht gewaltsamen tod. so, wenn er durch äuszere not bedingt ist: die Italiaͤner, welche wegen frost und kaͤlte, auch hunger und kummer haͤuffig wegfielen, und ins gras bissen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 255; viel haben muͤssen in der frembde hungers halben ins grasz beissen, dasz man nicht weisz, wer sie gewesen sind Olearius persian. rosenthal (1696) 12ᵇ; unterdessen, dasz er sichs in der fremde sauer werden läszt, oder wohl gar darüber schon ins gras gebissen hat, ist sein sohn hier guter dinge Lessing 2, 163 L.-M. auf ein natürliches sterben bezogen: Jesus will bey diesem gras-mahl (der speisung der fünftausend) seinen gaͤsten stillschweigend predigen, sie werden alle ins gras beissen, den grasigen weg gehen, und sich in die erde lagern muͤssen: uns wirds nicht anders gehen Otho evang. kranckentrost (1683) 363; dass keysserliche majestat so bald hat müessn ins grass beyssn Schwabe tintenfässl (1745) 15;
und der Maszmann (Berliner professor) mit der platten nas,
hat Maszmann noch nicht gebissen ins gras? ...
wenn er verreckt — ich würde weinen
H. Heine s. w. 2, 200 Elster;
mein Seppel kriegt zahnderln,
er is so viel blasz,
er kriegt s' leider oben,
da beiszt er ins gras
Anzengruber ges. w. (1890) 8, 87.
c)
übertragen auf nicht persönliches: (beim übersetzen) hat auch müssen manches wort ins gras beiszen (hat fortfallen müssen) Schleiermacher s. w. (1834) I 5, 644; dann wurde das eiserne gitterwerk von der pforte abgebrochen und ... in geld umgesetzt. derweilen bisz auch der wappenlöwe in das gras Immermann w. 1, 64 Hempel.
d)
besondere wirkungen werden bei wörtlichem verständnis der redensart erzielt: diser ris (Goliath) aber falt firsich auff das gsicht ... von dem hatt man wohl khinnen sagen, das er hab ins grasz bissen Abr. a s. Clara pred. 49 Bertsche;
(in einer schlacht liesz ein general mehrmals stürmen,)
dasz etlich mahl ein grosze zahl (soldaten)
ins g'frorne gras gebissen
Schweizer volkslieder 2, 131 Tobler
ich hör schon das gras wachsen, in welches ich beiszen werd Nestroy ges. w. (1890) 2, 22; kein mann war bereit, wegen Belgien in den dreck zu beiszen. denn von gras war in unserer reichweite nicht die rede A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 68.
e)
die wendung findet sich mundartlich auch in anderer bedeutung: he mutt in't gras bieten scherzhaft von einem städter, der wegen fettmangel auf eine 'bessere weide' geschickt werden musz Mensing schlesw.-holst. 2, 469.
11)
vereinzelt bezeugte redensarten und sprichwörter. als vereinzelte reimvariante zu hier liegt der hase (im pfeffer), vgl. s. v. hase teil 4, 2, sp. 528:
wan ick (ein prediger, der gegen die katholische obrigkeit
stellung nimmt) nu wol krige minen solt (vom volk),
we sal mi dan beschermen vor gewolt?
dar licht de hase,
als man seght, in dem grase
Daniel von Soest v. 140 Jostes.
den undank umschreibend, vgl. die wendungen unter 8: das pferd, dasz den habern bawt, das fuͤttert man mit grasz vnd hew Lehman floril. polit. (1662) 1, 144. im hinblick auf ein selbstloses verhalten: die wiesen geben den kuͤhen grasz, die sie mit fuͤssen treten vnd mit vnflat beschmeissen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) R 7ᵃ. 'wem es gut geht, der klagt nicht': das wild schreiet nicht, wenn es gras hat Hiob 6, 5; Petri d. Teutschen weiszh. (1605) M 7ᵃ. im hinblick darauf, dasz die einem andern zugedachte bosheit leicht einem unbeteiligten schadet: wer dem hirten das grasz abmaͤyet, wird den schaffen schaden Fischart praktik 18 ndr.; wer dem hirten das grasz abmaͤhet, der thuts jhme zu leyd, den schaaffen zu schaden Lehman floril. polit. (1662) 2, 714. auch geringes soll man nicht verachten: von kleinem grasz wechst grosz viehe Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Xx 6ᵃ; Henisch thes. (1616) 1727. von dem wissen, der arbeit und dem besitz eines andern profitieren; vgl.grasen, vb. 3 a β: werdet ihr dieses alles verachten, was euch anitzo gesaget wird, und euch nicht in euch wenden, und euer eigen buch lernen lesen, so wird euch eine axt vom aufgang und mitternacht abhauen, dasz ihr nimmer werdet sagen, ich lese in fremden buͤchern, und weide mich in fremdem grase Jak. Böhme s. w. 7, 132 Schiebler; dann der kauffleute finesse ist unendlich, fürnehmlich deren, die in fremden gras weiden Hornick Österreich über alles (1684) 42. seinen vorteil nicht zu wahren wissen: sech t gras önner de feⁱss ewèch schneide lôssen luxemb. ma. 152ᵃ. wohl im anschlusz an Dan. 2, 22ff., vgl. oben unter B 2 c α ββ: den will iᶜʰ gras fresseⁿ lehreⁿ 'ihm den meister zeigen' Fischer schwäb. 3, 796.
E.
spezielle anwendungen.
1)
in metonymischem gebrauch bezeichnet gras das frühjahr als die jahreszeit, in der das gras grünt; vgl.B 2 b α u. grasmonat. namentlich, bis ins frühnhd. hinein, in rechtsformeln, im gegensatz zu heu oder stroh, d. h. dem spätsommer oder herbst:
zû deme nêhesten grase dar nâch
die Semegallen quâmen uber ein,
daz sie verrieten Terwetein
livländ. reimchron. 8622 Meyer;
deraines (der gerichtstage) sej bej dem gras, und zwey bey den heue (1299) mon. Boica 15, 30; ez sol des herzogen rihtter in dem selben land all jar drev ê taidinch haben, zwai bi dem gras, vnd einz bi dem hæv (14. jh.) ebda 36, 2, 279; item so mogen de herrn twi in em jahre richte holde in dem lande, dat ene by grase, dat andre by stro (1428) bei Allmers marschenb. (1875) 222; so sall mein gnedige herr von Cleven ... hebben twe voderunge, eine bi stro, eine bi grase, mit twen riddern und mit twen knechten (westf.) weist. (1840) 3, 31; ain vogther sol zum jar zwai gericht haben, das ain im maien, das ander zu herbst, das ain bei how, das ander bei grasz (schwäb. 1532) ebda 6, 306. historisierend: dasz ihm (dem bischof) alle eingesessene seines sprengels zu einer fuhr bei grase und einer bei stroh verpflichtet waren J. Möser s. w. (1842) 3, 100.
2)
von C 2 her im ostfriesischen und westniederländischen ein bis in die jüngste zeit hinein bezeugtes flächenmasz für acker-, wiesen- und weideland. eigentümlich ist diesem gebrauch der häufige -en-plural; vgl. Benzler lex. d. beym deichbau vork. kunstwörter (1792) 1, 177; brem.-nds. wb. 2, 537; Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 675ᵇ; Martiny wb. d. milchwirtsch. (1907) 47; woordenboek 5, 584 s. v. gras 4: Otte Polleman ... becande, dat hi hadde vercoft enen camp landes van soven grazen Otten Wybens voer ene summe van ghelde (1375) oorkondenb. van Groningen (1896) 2, 19; datze hebben verkofft ... 1 gras tyllandes (bebauten landes) (1400) ostfries. urkundenb. 1, 151 Friedländer; in't êrst lovede dartô Tateke ... êen spân (ein schmuckstück) unde tein grase landes (1443) urk. z. gesch. d. dt. privatrechts (1912) 217; in Ostfriesland, wo in den sandämtern nur ... der besitzer von 25 grasen eignen oder 50 grasen beheerdischen landes das stimmrecht in der amtsversammlung besasz Stüve wesen u. verf. d. landgemeinden (1851) 10. formelhaft: eendrachtlicken dessen schaden toe dragen myt lyff end mit ghuede, gras by grase, koe by koe fries. rechtsqu. 310 Richthofen.
3)
bezeichnung des alten bürgerhauses zu Aachen und speziell des in diesem befindlichen gefängnisses; vgl. schon in lat. umschreibung in gramine civium (1334) Aachener zustände 106 Laurent: der burger grass kost ain den werckluden zu dageloin 10 wechen kost 215 m. (1385) ebda 336; (könig Friedich III. verordnet,) das die burgermeister zu Ache ... in den sachen, daruber sy zu richten hand, ir mitborger und undersassen umb ir ungehorsam in das hause genant das grasz zu gen verbieten, und das dann dieselben verboten in das grasz nicht gingen ..., das dann der vogt ... solche ungehorsam ungeweigert anfallen, antasten und vahen sol (1447) Aachener rechtsdenkm. 134 Loersch; (eine frau wurde verurteilt,) drey tagen langh im kerker desz grasz in waszer und brodt sich auffzuhalten (Aachen 1713) zs. d. Aachener geschichtsver. 6 (1884) 18. wohl nur im hinblick auf dieses Aachener gefängnis: mit dem gras strafen punire carcere; ins gras gehen incarcerari; des grasliegens erledigt werden e custodia dimitti Stieler stammb. (1691) 694; mit dem gras straffen, item auf das thor oder ins gras gehen, welches eine bürgerliche verhafftung ist Jak. Döpler theatrum poen. (1693) 637. Frisch t.-lat. (1741) 367ᵇ und Adelung wb. 2 (1811) 780 führen die benennung, wohl kaum zutreffend, auf das graslager der gefangenen zurück. eher ist mit Oppenhoff in: zs. d. Aachener geschichtsver. 6 (1884) 39ff. an einen rasen- oder weideplatz zu denken, auf dem das bürgerhaus errichtet wurde und der diesem den namen gab; vgl. ferner Müller-Weitz Aachener ma. 71. nach Voigtel wb. (1793) 2, 125ᵃ; Adelung a. a. o. kann gras auch die gefängnisse anderer, freilich nicht genannter orte bezeichnen.
4)
benennung einer spielkartenfarbe, die häufiger pik, schippe und, der bezeichnung durch gras vergleichbar, grün oder laub genannt wird. der plural lautet grasen, vgl. Schmeller-Fr. bair. 1, 1008:
wie wol sie doch in henden hätt
herz, schellen, gras und eichel,
gar baldt sie schellen ausz wärfen thett
als mir zum narren zeichen —
ein blatt mit grasz
bedeutet das
das sie kein lieb gegen mir thett tragen
volks- u. gesellschaftslieder d. 15. u. 16. jhs. 1, 83 (nr. 73, 12) Kopp
Forster fr. teutsche liedlein 53 ndr.;
weil grasen trumpf,
so wagt a was,
und bringt dee stich
all unta's gras
Pangkofer ged. in altbayer. ma. (1854) 1, 240;
hastig mischte Tasso herz, schelle, eichel und gras Watzlik Phönix (1916) 82.
II.
der botanische gebrauch des wortes bildet sich auf der grundlage des vor- und auszerwissenschaftlichen gebrauchs von gras (s. I) heraus.
A.
in der älteren dt. botanik, die in ihren anfängen an die lat. botaniken des altertums und mittelalters anknüpft, ist gras, im wesentlichen lat. gramen entsprechend, kollektive stoffbezeichnung für schmalblättrige grüngewächse, die aber hier, im gegensatz zum auszerwissenschaftlichen gebrauch des wortes, bestimmbar sind und deren umfang von vornherein begrenzt ist. wie lat. gramen stellt gras, sachlich und begrifflich, den ausgangspunkt und die grundlage dar für die der beschreibenden botanik vordringliche aufgabe einer differenzierung der grasgattungen; es erfüllt zunächst (aber vgl.C 2) keine gruppierende, verschiedene grasgattungen zusammenfassende funktion wie der plur. gräser (s.C 1).
1)
innerhalb der groszen gruppe der kräuter wird das gras nach äuszeren merkmalen bestimmt: grasz, griechisch agrostis. zuͦ latein gramen, kreucht uͤber der erden, mit schmalen aͤstlin ... das grasz hat spitze, hartt breytte bletter ... vnd das vihe, vnd kuͤhe weyden dasselbige (im gegensatz zu riedgräsern) Dioscorides kreutterb. (1546) 117ᵇ; ins gemein werden under dem namen grasz begriffen und verstanden diejenigen nidrigen kraͤutlein, so von sich selbsten aller orten ausz der erden hervor wachsen Zwinger kräuterb. (1696) 297.
2)
der bei der lockeren anordnung der pflanzenarten in den kräuterbüchern des 16. jhs. nur schwer erschlieszbare geltungsbereich des simplex gras in der frühzeit der deutschen botanik ist begrenzter als der der zusammensetzungen mit gras als grundwort (s.B 3 b). im wesentlichen wird das simplex auf drei, zunächst in sich nur wenig differenzierte pflanzengruppen bezogen, die nach der heutigen systematik verschiedenen familien angehören. zur familie der gramineae gehören die onkreütter bei Bock kreutterb. (1539) 2, 27ᵇ, die er ebda 28ᵇ als gräser zusammenfaszt (s. C 1 a) und die im wesentlichen dem engeren gebrauch der graszkreuter bei Tabernämontanus neuw kreuterb. 1 (1588) 636 (s.graskraut 1 am ende) entsprechen. hierher gehört gras in der wiedergabe von lat. agrostis, z. b. bei L. Fuchs neu kreutterb. (1543) 48; Calepinus dict. (1579) 62ᵇ; Henisch thes. (1616) 1726; Reyher thes. (1686) g 6ᵃ: dem ersten vnd wahren geschlecht des grasz Dioscoridis gebuͤren alle obgemelte namen insonderheit, aber zum vnderscheidt der andern graszgeschlechter, wird ez von vns Teutschen rechgrasz, rindtgrasz, quecken vnnd queckengrasz genannt Tabernämontanus neuw kreuterb. 1 (1588) 644. ferner wird gras vom vogelknöterich, polygonum aviculare L. aus der familie der polygonaceae, gebraucht: weggrasz ist das recht grasz, vnd würt zuͦ latin genennet centumnodia ... vnd gramen. darumb wo man graz nennet in der artzenney, so soll man allwegen disz nemen Brunnfels contrafayt kreüterb. (1532) 320. schlieszlich wird gras für riedgräser (sauergräser), familie der cyperaceae, verwendet: das vierd (riedgras) ist das recht grasz der alten, zuͦ lateyn gramen ... geschriben Bock kreütterb. (1539) 2, 29ᵇ.
3)
bis ins 18. jh. hinein ist die kollektive stoffbezeichnung gras grundlage für die bestimmung differenzierter grasgattungen und -arten (vgl.B 3): das grasz ist vilerley, aber das wir allhie beschreiben, hat knoͤpffechte zweige Matthiolus new kreuterb. (1563) 421ᵇ; hvndsgrasz ... Ruellius nennets denticulam canis, das ist, hundszan. vnnd etliche haltens fuͤr ein geschlecht desz grasz, nemlich, so da wirt gramen molle genandt Lonicerus kreuterb. (1577) 208ᵃ; vielerley arten des grases Zwinger kräuterb. (1696) 299ᵇ; grass, gramen ist unterschiedlicher art Fleming d. vollk. teutsche jäger (1719) 12.
B.
gras kann, einem entsprechenden gebrauch von lat. gramen und herba folgend, auf eine einzelne und jeweils bestimmte grasgattung bezogen werden.
1)
schon im mhd. kann gras, noch ganz seinem vorwissenschaftlichen kollektiven gebrauch verpflichtet, auf bestimmte grasgattungen bezogen werden; so z. b. auf schilf- und rohrgewächse in der wiedergabe von lat. calamus der vorlage:
da waz waszer, dar ynn gräzz
mer den zehen schüch höch
d. grosze Alexander 3554 Guth;
ain pürk in dem mösz waz,
dor umb daz waszer und graz
gieng on allen orten
ebda 3572.
wenn ältere glossare lat. gattungsbezeichnungen nur mit dem simplex gras wiedergeben, so spricht das für den mangel an differenzierenden dt. ausdrücken: colandrvm gras (13. jh.) ahd. gl. 3, 108, 22 St.-S. (aber vgl. die umschreibungen mit chol gras u. ä. unter 3 b); lapastris gras (13. jh.) Diefenbach gl. 318ᵃ.
2)
in einer anwendung, die im nhd. mehr und mehr durch grasgattung (s. d.) oder weiter differenzierendes grasart (s. d.) ersetzt wird, steht gras immer in verbindung mit pronomen oder erklärenden zusätzen, die die allgemeinere bedeutung des wortes als einer stoffbezeichnung differenzieren: (aufzählung der 'unkräuter':) daz erst onkraut ... (ist) dem habern nit ongleich ... daz yetzt gesetzt gras wil Plinius im 18. buͦch verstehen ... das ander grasz ist der weyssen quecken wurtzelen ... daz dritt gras würt vber zweyer spannen hoch ... (usw.) Bock kreütterb. (1539) 2, 27ᵃ; dise bede grasz (riedgras und weggras) hat Plini(us) vnder eynander als eyn gewaͤchs vermischet ebda 29ᵇ; in den ... nassen welden wechszt grasz das ist mit seinen blettern schmaͤler vnnd zarter, dann des gemeynen bachrors (auf binsen bezogen) ebda 30ᵇ; anas iuncea vel graminea, ein schmilente, wirt bei den Meissnern also genennt darumb, dass sy ein besunder grasz oder binzen isset, welches von wägen der schmalen bletteren ... schmalen gemeinlich genennt wirt (1557) schweiz. id. 9, 932 s. v. schmaleⁿ 2; dises gras (gramen alterum) ... waͤchszt allenthalben in den wiesen vnd graszgaͤrten Tabernämontanus neuw kreuterb. 1 (1588) 637; eines der vorzüglichsten hülfsmittel zur sicheren erkenntnisz eines grases Schreber beschr. d. gräser (1769) 1, vorr. 2ᵃ; vielmehr würden wir ... die art zu wachsen und sich fortzupflanzen jedes einzelnen grases mit in betracht ziehen Linné pflanzensystem (1777) 12, 7; man kann dieses gras als ein solches ansehen, welches mit zwitterblüten begabt ist Schlechtendal flora v. Deutschl. (1880) 5, 141; wie unmittelbar hatte sich bis dahin (bis zur spätzeit der romantik) der drang zum bilde der erscheinungswelt durchgesetzt! kein gras und kein halm, kein tier und keine menschenart ... schien zur seite geblieben Pinder kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 81.
3)
in attributiver und besonders in kompositioneller verbindung als pflanzenname zur bezeichnung zahlreicher gattungen und arten. diese zu einem kleinen teil schon ahd. und mhd. bekannten volkstümlichen namen, die sich nicht selten auch die botanik aneignet, greifen über den geltungsbereich der familienbezeichnung gräser (s.C 1) und auch über den des älteren botanischen gebrauchs von gras (s.A) hinaus. für ihre bildung ist die auszerwissenschaftliche stoffbezeichnung gras (s. I) bestimmend, von deren geltungsbereich in botanischer hinsicht die knappe auswahl aus der fülle der verbindungen und zusammensetzungen mit gras als grundwort einen eindruck vermitteln kann.
a)
in attributiver verbindung. saures gras, allgemein von dem auf feuchtem boden wachsenden gras, vgl. (1666) Fischer schwäb. 3, 796. besonders von riedgräsern (cyperaceae), und auch als deren spezielle bezeichnung: (riedgras ist) eyn schendtlich boͤsz saurs gras vff den wisen Bock kreütterb. (1539) 2, 29ᵃ; die cypergrase ... machen einen grossen theil des sogenannten sauren grases aus Ehrhart öcon. pflanzenhist. (1753) 3, 183; saures gras (Riesengeb.) carex L. Marzell wb. d. dt. pflanzennamen 1, 829; vgl. Pritzel-Jessen volksnamen d. pflanzen 80. burgundisches gras für medicago sativa L.: burgundisch grasz Dioscorides de medic. materia (1549) 162; Röszlin kreuterb. (1550) 247ᵃ; sonst für phalaris arundinacea var. picta L.: gramen striatum sive burgundinum burgundisch grass (1594) bei Fischer schwäb. 3, 796; burgundisch gras Henisch thes. (1616) 1727; für die gleiche pflanze auch: spanisches grasz, vnd streimichtes grasz Lonicerus kreuterb. (1577) 207ᵇ; grasz striemigt Lehmann histor. schaupl. (1699) 466; englisch, russisch, spanisch gras Fischer a. a. o. ährich gras (Nösnerland, Siebenbürgen) festuca pratensis Huds. Marzell a. a. o. 2, 429. hohles gras, von schilfgewächsen:
wird dich deine mutter schelten,
dasz du so lange warst,
so sprich, du hast dich geschnitten
im schilf und hohlen gras
dt. liederhort 1, 258 Erk-Böhme.
b)
zusammensetzungen mit gras als grundwort. für zahlreiche arten aus der familie der gramineae. agriopyrum junceum P. B.: kalfamergras (1893) Marzell wb. d. dt. pflanzennamen 1, 145. agriopyrum repens P. B.: queckengras Bock kreütterb. (1539) 2, 27ᵃ; queckgrasz (1549); rindtgrasz (1588); rindergras (kärnt.); apotheckergras (1600); hundsgras (1613 u. ö.); flechtgras (1780); zwickgras, zweckgras (schweiz.) Marzell a. a. o. 1, 145 ff.; rechgrasz Matthiolus new kreuterb. (1563) 422ᵇ; Marzell a. a. o. agrostis alba L.: strauszgras (18. jh.); schneidegras (Luxemb.; Nahe); fins schliszgras (Thurgau) Marzell a. a. o. 1, 159 f. agrostis vulgaris With.: angergras (Böhmerwald); bodngras (Bayr. Wald); schleepgras (ndrh.); galgengras (18. jh.) Marzell a. a. o. 1, 160. alopecurus pratensis L.: fuchszschwantzgrasz (1588); kätzchengras (rhein.); meinzelgras (böhm.); spitzgras (schwäb.) Marzell a. a. o. 1, 227 f. anthoxanthum odoratum L.: riechgras (1860); ruchgras, lavendelgras, melotengras, tunkagras, goldgras, frühlingsgras (1776) Marzell a. a. o. 1, 329 f. avena fatua L.: habergras (1581) Marzell a. a. o. 1, 528. cynodon dactylon Pers.: hundszahngras (1830); fingergras (1910) Marzell a. a. o. 1, 1295. dactylis glomerata L.: gempsengras (1594); knaulgras (1769); hundsgras (1776 u. ö.); knopfgras (ndösterr.); roszgras (schweiz.) Marzell a. a. o. 2, 19 ff. elymus arenarius L.: strandgras, meergras (18. jh.); seegras (1818) Marzell a. a. o. 2, 200 f. elymus europaeus L.: haargras (1771); roggengras (1781); sidegras (Graubünden) Marzell a. a. o. 2, 202 f. festuca ovina L.: hartgras (1776); schafgras (1781); pferdhaargras (rhein.) Marzell a. a. o. 2, 426 f. glyceria fluitans R. Br.: enten grasz Bock kreütterb. (1539) 2, 30ᵃ; entengrasz Lonicerus kreuterb. (1577) 207ᵃ. lolium perenne L.: lüchgras (Tirol); rajegras (ostfries.) Pritzel-Jessen d. dt. volksnamen d. pflanzen 218. — für gattungen und arten aus der familie der cyperaceae. für die gattung cyperus L.: cyperngras (1769 u. ö.); riedgras (1829 u. ö.) Marzell a. a. o. 1, 1300. für die gattung eriophorum L.: flachszgrasz Tabernämontanus new kreuterb. 1 (1588) 665 u. a.; dungrass (1769); wollgras (1781); bettgras (1795); hungergras (Lüneb.) Marzell a. a. o. 2, 282 ff. bezeichnungen der gattung carex L.: alga reinegras (13. jh.), rain gras (15. jh.) ahd. gl. 3, 535, 36 St.-S.; (14. jh.) ebda 548, 43; alga morgras (11. jh.), mergras (12. jh.), merigras (13. jh.) ebda 4, 31, 26f.; merigrase (11. jh.) ebda 2, 698, 32; (12. jh.) ebda 675, 27 u. ö.; alga genus herbe i. riethgras (13. jh.) ebda 2, 10, 34; vlua riet gras (13. jh.) ebda 4, 109, 41; carex rietgrasz Frisius dict. (1556) 192ᵃ; riedgrasz Lonicerus kreuterb. (1577) 207ᵃ u. a. für einzelne arten der gattung carex: c. brizoides L. zittergrasartiges riedgras (1781); haargras (Anhalt); seegras (süddt.) Marzell a. a. o. 1, 833 f.; c. flava L. gelb riedgras (1777) ebda 835; c. digitata L. fruchtreiches näglein grasz (1703); nägleingras (1769) ebda; c. leporina L. puschgras, waltgras (1594) ebda 837; c. vulpina L. fuchsriedgras, wassercyperngras, wildgalgantgras (1777 u. ö.) ebda 839. — pflanzennamen aus der familie der juncaceae betreffen vornehmlich die gattung juncus L.: bieszgrasz oder bintzengras Tabernämontanus neuw kreuterb. 1 (1588) 660ᵇ. für die art juncus bufonius L. krotengrasz ebda 661; krötegras (schles.); poggengras (schles.); nätgras (Altm.); swienegras (ostfries.) Pritzel-Jessen d. dt. volksn. d. pflanzen 195. — in der familie der polygonaceae wird der vogelknöterich, polygonum aviculare L., durch zusammensetzungen mit gras als grundwort bezeichnet: gramen i. demgras (9./10. jh.) ahd. gl. 3, 589, 20 St.-S.; sanguinaria spoligras (11./12. jh.) ebda 512, 32; spuregras (12. jh.) ebda 483, 43; sporigras (13. jh.) ebda 4, 359, 23; centenodia sporigras (12. jh.) ebda 3, 479, 7; sporngras (13. jh.) ebda 4, 361, 6; spurigras (13./14. jh.) ebda 357, 23; weggrasz ..., denngrasz centumnodia Brunnfels contrafayt kreüterb. (1532) 320; (Plinius hat) das (ried-)grasz ... mit dem weggrasz poligonio vermischet Bock kreütterb. (1539) 2, 29ᵇ; weggras, wegtrit, ... kruͤpelgras, denegras, ferkensgers, igelgras Toxites onomastica duo (1574) 221ᵃ; grasz oder weggrasz ... das gemein grasz, so in allen landen in wiesen vnd gaͤrten waͤchst Lonicerus kreuterb. (1577) 207ᵃ; weggras polygonium aviculare L. Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 763. — seltener für arten aus anderen familien. von den doldengewächsen wird der koriander, coriandrum sativum L., in älterer zeit bezeichnet mit chol gras (11./12. jh.) ahd. gl. 3, 512, 9 St.-S.; cholgras (12. jh.) ebda 3, 580, 49; cholgraz (14. jh.) ebda 4, 184, 25; coͤle grase (obd. 15. jh.) Diefenbach nov. gl. 114ᵇ; vgl. Marzell a. a. o. 1, 1161. für chaerophyllum bulbosum L. begegnet rhein. möhrengras Marzell a. a. o. 1, 912; für chaerophyllum hirsutum L. bayr. geiergras Marzell a. a. o. 1, 914. in der familie der primulaceae begegnet in älterer sprache für lysimachia nummularia L.: centimorbia igelgras (13. jh.) ahd. gl. 3, 537, 54 St.-S.; centimorbida egelgras (14. jh.) ebda 552, 54; centicerbia egilgras (14. jh.) ebda 528, 11; centimorbia thagel gras (obd. 15. jh.) Diefenbach nov. gl. 84ᵇ. innerhalb der schachtelhalmgewächse finden sich für equisetum arvense L. namen wie schäftergras (schwäb.), hohlgras (böhm.), gänse-, gänselgras (Pfalz), scheuergras (ostmd.) Marzell a. a. o. 2, 233ff.; für equisetum hiemale L. schaafgras (schlesw.), schaͦbegras (kärnt.) ebda 2, 259f.; für equisetum limosum L. holgrasz (1600) ebda 261. das erst seit dem 19. jh. in Deutschland auftretende, zu den korbblütlern gehörige knopfkraut galinsoga parviflora Cavan. wird bezeichnet mit saugras (Wien), rahmgras (Karlsruhe) ebda 558ff. in der familie der rubiaceae steht für galium aparine L. pickgras (bayr.), riesengras (els.), zerrgras (böhm.) ebda 562ff. von den resedagewächsen wird reseda luteola L. färbergras genannt, vgl. Mattuschka flora Siles. 1 (1776) 414. zur familie der caryophyllaceae gehört das blumengrasz (für stellaria holostea L.) Tabernämontanus neuw kreuterb. 1 (1588) 677.
C.
die begriffliche zusammenfassung der grasgattungen und -arten (B 3) zu einer gruppe leistet im anschlusz an den lat. plur. gramina der plural gräser, wohl erst unter seinem einflusz und im ganzen seltener auch der sing. gras bzw. dessen alter plur. die gras.
1)
der plur. gräser (vgl. einen andern gebrauch unter III 2).
a)
der seit dem 16. jh., zunächst nur dünn bezeugte plural gräser faszt in beschreibenden botaniken des 16. jhs. und in frühen künstlichen pflanzensystemen die fortschreitend differenzierten oder neu beschriebenen grasgattungen und -arten zu einer wesensmäszig freilich nicht bestimmten gruppe zusammen. der umfang seiner anwendung deckt sich sachlich mit dem der kollektiven stoffbezeichnung gras im botanischen gebrauch (s.A), dieser gegenüber aber erfüllt der plural deutlicher eine zusammenfassend-gruppierende funktion: von den graͤsern (die s. 27ᵇ onkreütter genannt wurden) komen wir zum rechten scharpffen rorgewaͤchs Bock kreütterb. (1539) 2, 28ᵇ; daz die gemiest (l. gemeinste) bachkreütter mit gewerben, stengeln vnd helmern den graͤsern gleich wachsen ebda 32ᵇ; dieweil wir an die graͤser kommen, haben wir auch nicht vnderlassen woͤllen die pfrimmengraͤser vnd jre geschlecht ... zubeschreiben Tabernämontanus neuw kreuterb. 1 (1588) 672.
b)
weitere verbreitung findet der plural gräser erst, seit er in den nach der mitte des 18. jhs. konzipierten natürlichen pflanzensystemen eine nach wesentlichen merkmalen bestimmte natürliche familie bezeichnet, für die sich in der botanik gleichzeitig der terminus gramineae an stelle des älteren plur. gramina durchzusetzen beginnt.
α)
bestimmung der familie der gräser nach wesentlichen merkmalen: J. Chr. D. Schreber beschreibung der gräser nebst ihren abbildungen nach der natur (1769) (titel); die gräser ..., welche eine besondere abtheilung der gewächse ausmachen, ... haben einen hohlen, gestreiften, mit knoten und gelenken versehenen stängel; lange, schmale, gestreifte blätter, welche auch keinen besonderen stiel haben, sondern an dem untersten ende sich in eine scheide verwandeln, welche den stängel umgibt; wie auch spelzige blumen, welche einzelne samenkörner hervor bringen Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 719.
β)
der umfang der zur familie der gräser gezählten gattungen schwankt je nach dem stand der botanischen forschung. ein wesentlicher unterschied zu dem umfang des plur. gräser in seinem älteren gebrauch (s.a) und zu dem der stoffbezeichnung gras in ihrem botanischen (s.A) und auszerwissenschaftlichen gebrauch (s. I B) besteht darin, dasz auch die getreidearten der familie der gräser eingeordnet werden, wie sie schon bei Linné philosophia botanica (1751) 28 unter den 'gramina' erscheinen: hieraus erhellet, dasz unsere gewöhnliche getreidefrüchte ... eigentlich nichts anders, als gräser, sind Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 719; da sie (die getreidearten) nach ihren gemeinsamen familienzügen zu den gräsern gehören Peschel völkerkunde (1874) 441. andererseits werden im anschlusz an die ältere botanik oft gattungen, die die moderne botanik zu eigenen familien ordnet, zur familie der gräser gestellt, wenn auch meist der unterschied zu den eigentlichen gräsern (vgl.γ) betont wird; das betrifft vornehmlich gattungen der cyperaceae, der juncaceae und der typhaceae, z. b. bei Linné pflanzensystem (1777) bd. 12; Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 732ff.; (ohne die typhaceae) Oken allg. naturgesch. (1839) 3, 1, 381 ff.
γ)
das bemühen, die familienbezeichnung gräser gegenüber der stoffbezeichnung gras, aber auch gegenüber dem älteren gebrauch des plur. gräser zu präzisieren, findett seinen niederschlag gelegentlich in der verbindung mi einem einschränkenden attribut: unter der aufschrift gräser beschreibt herr Houttuyn nicht nur die familien der eigentlichen gräser und aftergräser ... sondern auch verschiedene grasähnliche, oder mit den gräsern und grasartigen pflanzen verwandte gewächse Linné pflanzensystem (1777) 12, 1; die familie der eigentlichen gräser ist natürlich ebda 12, 10; eigentliche gräser Oken allg. naturgesch. (1839) 3, 1, 383; gramineae (echte gräser) Engler-Prantl d. natürl. pflanzenfamilien 2, 2 (1887) 1.
δ)
in prägnanter anwendung: bei den cerealien, den gräsern, rohren ist es in die augen fallend Göthe II 6, 37 W.; zu den ersten (den monokotyledonen) gehören zwiebelgewächse, gräser, palmen Hegel w. (1832) 7, 1, 506; zacken, wodurch die seitenränder platter zellen ... ineinander greifen, kommen an den epidermiszellen der gräser vor Sömmerring menschl. körper (1839) 6, 180; dasz ... die so mannigfaltige mutterstockbildung der hölzer mit der der kräuter und gräser parallelisirt ... wird Ratzeburg standortgewächse (1859) 6.
c)
in verbindung mit geeigneten attributen kann der plural gräser eine begrenzte anzahl von grasgattungen und -arten aus der gruppe, später der familie der gräser herausheben: gedachte graͤser (das entengras) sind der wilden enten vnnd wasser voͤgel speisz vnnd narung Bock kreütterb. (1539) 2, 30ᵃ; das ... enten grasz, solt ich zuͦ den ander graͤsern geschriben haben ebda; an einigen wenigen gräsern sind die sämmtlichen blumen vor dem aufblühen in ein oder zwey ... blättchen eingewickelt Schreber beschr. d. gräser (1769) 1, 12; bei vielen gräsern wird eine jede blüthe durch ein solches blättchen ... begleitet Göthe II 6, 78 W.; die sonnenblume, die rose, die meisten gräser folgen der sonne vom morgen bis zum abend auf eine sehr merkliche art Schubert verm. schr. (1823) 4, 193.
d)
der plural gräser kann, gelegentlich unter verlust seiner begrifflichen schärfe, eine unbegrenzte anzahl nicht näher bestimmter grasarten bezeichnen und damit in die nähe des als kollektive stoffbezeichnung verwendeten gras I B rücken: sind die ebenen mit gräsern bedeckt, oder mit kleinen dicotyledonischen gewächsen, so nennt man sie steppen Oken allg. naturgesch. (1839) 1, 559; immer nur grüne flächen mit hohen gräsern, besonders mit stipa-arten ... bewachsen Nehring tundren u. steppen (1890) 51. so auch in der verbindung kräuter und gräser: das felsigte eiland ward bald durch die gunst der götter mit kräutern und gräsern bedeckt W. v. Humboldt ges. schr. 6, 44 akad.; dort stehen ... die buchen und andere bäume, ... und das dichte gedränge der gräser und kräuter Stifter s. w. 5, 1 (1908) 44.
2)
der alte plur. die gras und der sing. gras gewinnen diese zusammenfassende funktion, wie es scheint, erst unter einflusz des plur. gräser.
a)
der plur. begegnet in dieser funktion bezeichnenderweise früher als der sing.: dise bede grasz Bock kreütterb. (1539) 2, 29ᵇ; es werden die grasz abgetheilet in die aehregrasz ... und strausz-grasz ... vnder beyde gattungen obbedeuter grasz werden demnach ohne unterscheid gesetzet 1. die cyper-grasz ... 2. die bintzengrasz Zwinger kräuterb. (1696) 297; es gibt der grasen so mancherley gattungen, dasz es auch den fuͤrtrefflichsten kraͤuterbeschreiberen grosse muͤhe verursachet, dieselben wol abzutheilen, und deutlich zu beschreiben ebda.
b)
erst jünger kann der kollektive sing. gras gelegentlich an die stelle des familiennamens gräser treten: diejenige familie der gewächse, welche man, nach dem im gemeinen leben sowohl, als unter kräuterkundigen angenommenen redegebrauche, gras nennet, unterscheidet sich von den übrigen klassen der vegetabilien ... durch einen holen gestreiften mit knoten und geraden gelenken versehenen stängel; lange schmale gestreifte blätter, welche auf eben solchen um den stängel herum gewickelten scheiden, (weiter aber auf keinen stielen) stehen; und durch spelzige blumen, die von den blumen aller übrigen gewächse ... weit unterschieden sind Schreber beschreibung d. gräser (1769) 1, 1; freylich unterschieden sie (ältere botaniker) nicht genug zwischen einem wahren und aftergras, und einem wahren gras und nur grasähnlichen gewächse Linné pflanzensystem (1777) 12, 9; gras, botanisch versteht man darunter eine grosze zahl eigenthümlicher gewächse (gramineae), welche eine familie im natürlichen pflanzensysteme ausmachen Behlen forst- u. jagdkunde (1840) 3, 480.
III.
die seit dem späten mittelalter bezeugte beziehung des wortes auf einen grashalm, ein grasblatt oder eine einzelne graspflanze könnte durch vereinzelung aus dem kollektiven gebrauch von gras I hervorgegangen sein. aberfür den frühen gebrauch dieser art musz auch mit anlehnung an lat. gramen, das ebenfalls den grashalm bezeichnen kann, gerechnet werden. für den nhd. gebrauch ist auf jeden fall der in dieser anwendung überwiegende plural gräser (s. 2) entscheidend, der seinerseits wohl von seinem botanischen gebrauch unter II C 1 her genommen worden ist.
1)
der sing. gras begegnet nicht häufig:
vnd (ich) zucktz (den grashalm) an mich, ich wart fro
vnd sprach ich han daz lenger grasz
Laszberg liedersaal 1, 146;
ich war bisher aufgewachsen, wie ein gras, mich biegend und schmiegend, wie jedes lüftchen der lebensregungen und der laune es wollte G. Keller ges. w. (1889) 1, 130; eine einsame rote mohnblume, die da noch blühte, wurde ihr als haube über den kopf gezogen und mit einem grase festgebunden ebda 4, 79. eher in verbindungen wie kein ras, jedes gras, das kleinste gras:
so klein war nirgend nicht ein gras,
daran da hingen (tau-)tropfen
Erlach volkslieder d. Deutschen (1834) 3, 114;
den schöpfer der natur zu preisen,
den jedes gras vor augen stellt
Gottsched ged. (1751) 121;
der eichbaum und das kleinste gras
empfängt von dir (der sonne) in gleichem maas
flor, wachsthum, reife, leben
Weisze lieder f. kinder (1767) 19;
es soll (im garten) kein gras aus einer ritze keimen
Göthe I 10, 235 W.
2)
häufig begegnet der plural gräser, eine unbestimmte anzahl von grashalmen, -blättern, -pflanzen bezeichnend. besonders der erste beleg zeigt die ursprüngliche nähe zum botanischen gebrauch des plurals (s. II C 1): gegen dem heumonat wa die lange schmale graͤser den grund (des wassergrabens) erreychen, stossen sie dünne ... helmer Bock kreütterb. (1539) 2, 30ᵃ;
da schlaͤgt das junge haar
den lindenbäumen aus, der angenehme reiff
macht bey gesunder nacht die schwachen graͤser steiff
Paul Fleming poemata (1660) 124;
zähl jemand, wo er kann, den griesz am Oderstrande,
die schuppen in der see, die gräser auf dem lande,
so hat er gleich das maasz der seufzer meiner pein
Günther nachlese (1742) 14;
dein thau steht auf den auen
und macht die gräser frisch
Brentano ges. schr. (1852) 1, 87;
im windhauch, der die stillen gräser
vorüberwandelnd neigt
Mörike w. 3, 122 Göschen;
n der vase ... ordnete sie fast täglich einen neuen strausz von gräsern und wilden blumen Storm s. w. (1899) 4, 152; (Amadeus) konnte sich auf den trockenen torf setzen und warten, bis die eidechse wieder aus den gräsern herauskam E. Wiechert missa sine nomine (1950) 64.
IV.
zusammensetzungen. von den etwa 800 zusammensetzungen mit gras bzw. dessen plural gräser als erstem kompositionsglied sind für die ahd. zeit nur wenige nachzuweisen (vgl. unter grasfarben, -mücke, -wurm); in mhd. zeit scheint kaum mehr als ein dutzend bildungen hinzuzukommen; erst im frühnhd. beginnt die bis zum 18. jh. stetig zunehmende kompositionsfreudigkeit des wortes (allerdings darf angenommen werden, dasz einige der seit dem 16. jh. literarisch bezeugten bildungen, namentlich der botanischen bezeichnungen in frühnhd. kräuterbüchern, schon früher in auszerliterarischen sprachschichten existierten, wie ja auch die heutigen mundarten verständlicherweise zahlreiche gras-zusammensetzungen kennen, die nie in literarischen gebrauch aufstiegen, vgl. z. b. gras-kompositionstypen 1 c; 3 e). im rahmen der seit frühnhd. zeit ausgebildeten kompositionstypen steigt die zahl der neubildungen im 19. jh. sprunghaft an. die masse der zusammensetzungen schlieszt naturgemäsz an den kollektiven gebrauch von gras I B an. nur wenige bildungen stellen sich zu gras I C wie die frühen zusammensetzungen grasfall, -fällig, -geld, -lehen (s. überall dort; vgl. ferner gras-kompositionstypen 3 c). verhältnismäszig zahlreich dagegen sind bildungen im anschlusz an die speziellen anwendungsweisen unter gras I E, vgl. gras-kompositionstypen 5 und 7, ferner an alphabetischer stelle grasbot, -gebot, -haus. auf dem botanischen gebrauch von gras II beruhen nur wenige spezielle termini wie grasart, -gattung, -geschlecht, -kraut 1 und einige zusammensetzungen mit dem plural gräser wie gräsergeschlecht (s. überall dort), während die zahlreichen pflanzennamen nicht hier, sondern an den auszerwissenschaftlichen gebrauch von gras I anknüpfen. an den auf den einzelnen grashalm bezogenen gebrauch von gras III knüpfen nur einige zusammensetzungen mit dem plural gräser an wie gräserduft, -halm, -spitze unter gras-kompositionstypen 9. substantivische zusammensetzungen überwiegen weitaus; an zweiter stelle stehen adjektivische und partizipiale zusammensetzungen (vgl. gras-kompositionstypen 8); die wenigen aus einer akkusativ-fügung erwachsenden verbalen zusammensetzungen festigen sich nicht, sie erscheinen nur in der form des substantivierten infinitivs wie grashalten, -hauen, -mähen, -schneiden (s. überall dort und gras-kompositionstypen 3 b β). die gras-zusammensetzungen zeigen fast durchweg die formen der eigentlichen komposition. bei den in vornhd. zeit entstehenden bildungen überwiegen die formen mit fugenvokal. lediglich die im mhd. und mnd. zuerst bezeugten zusammensetzungen im anschlusz an gras I C (z. b. grasfall, -fällig, -geld, -lehen, -pfennig) sind fugenvokallos gebildet (ein graszegelt [Thür. 1415] steht vereinzelt). die zusammensetzungen mit fugenvokal haben z. t. schon seit dem 12./13. jh. fugenvokallose formen neben sich (vgl.grasmücke, -wurm). die fugenvokallosigkeit setzt sich seit dem älteren nhd. allmählich durch und erreicht alleinige geltung mit dem frühen 19. jh.; nur die mundarten zeigen vereinzelt noch den fugenvokal (vgl. z. b. unter grasgarten, -grün, -wolf). allerdings haben auch im älteren nhd. entstehende zusammensetzungen zunächst nicht selten formen mit fugenvokal wie gras(e)bank, -busch, -keim, -mahl, -teufel, -wachs; meist aber handelt es sich dann um solche bildungen, die, ursprünglich oder sekundär, auf grasen, vb. bezogen werden wie gras(e)feld, -korb, -magd, -platz, -sense, -sichel, -tuch. darüber hinaus neigen tierbezeichnungen zu älteren nebenformen mit fugenvokal, während pflanzennamen ihn nur vereinzelt aufweisen.in unechter komposition, mit flektiertem ersten kompositionsglied, begegnen nur vereinzelte nebenformen zu bildungen in eigentlicher komposition: grasesblume Herder (s. unter grasblume); grasesspitze Kosegarten (s. unter grasspitze); graseswelle (im vers) Freiligrath (s. unter gras-kompositionstypen 1 b); ferner ein singuläres graseshain (im vers) Loeben ged. 63 Pissin; auffallend ein grasenwasser Paracelsus (s. kompositionstypen 4).
kompositionstypen.
1)
zusammensetzungen, die sich auf den graswuchs und die mit gras bewachsene bodenfläche beziehen.
a)
ein schon vornhd. bezeugter (vgl.grasland an alphabetischer stelle), seit dem 17. jh. sich auffüllender und besonders im 19. jh. wuchernder kompositionstyp umfaszt bezeichnungen für bodenformen und landwirtschaftliche und gärtnerische anlagen, die mit gras bewachsen sind: grasacker Fischer schwäb. 6, 2063;
grasanlage
Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 89;
grasaue
grass-aw Dannhawer catech.-milch (1657) 9, 63;
grasbeet (n. pl.
Hohberg georg. cur. (1682) 1, 593;
grasbletz
(ein stück grasland): grasplätz (akk. pl.) (1692) schweiz. id. 5, 276; grasplätz (gen. pl.), -blätz (akk. sg.) (1701) Fischer schwäb. 6, 2063;
grasbrache
Leibl d. kette (1937) 40;
grasdossierung
Fontane ges. w. (1920) II 3, 120;
graseinschlag
Pestalozzi s. schr. (1819) 2, 306;
grasflanke
Barth Kalkalpen (1874) 225;
grasgefilde
Fr. A. Müller Alfonso (1790) 158;
grasgegend
Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 22, 307;
grasgürtel
Brehm tierl. 3, 304 P.-L.;
grasgut
grassguͤter Stumpf Schweizer chron. (1606) 657ᵇ;
grasheide
Ratzel völkerkunde (1885) 2, 113;
grashube
(1478) Fischer schwäb. 6, 2064;
grasinsel
Ritter erdkunde (1822) 3, 40; Alten handb. f. heer u. flotte (1909) 1, 165ᵃ;
graskoppel
allg. dt. bibl., anh. z. bd. 53—86 (1771) 1431;
graskuppe
Steinen naturvölker Zentralbrasiliens (1894) 30;
graslehne
Barth Kalkalpen (1874) 10;
graslichtung
E. Wiechert wälder u. menschen (1936) 9;
graspfad
Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 37;
grasplan
J. H. Voss s. ged. (1802) 1, 132;
grasplateau
Götzen durch Afrika (1895) 143;
grasrampe
J. H. Fr. Ulrich bemerk. eines reisenden (1779) 2, 138;
grasrondell
grasrondeel Storm s. w. 2, 207 Köster;
grasrücken
Krünitz öcon. encycl. 193 (1847) 555;
grasschlucht
Schnack Sebastian im wald (1927) 69;
grasstrich
Ritter erdkunde (1822) 6, 1041;
grastal
J. H. Voss Aratos (1824) 201;
grasterrasse
Laube ges. schr. (1875) 2, 107;
grastrift
Gleim briefw. 1, 453 Körte; grasedrifft Block Eilsdorf 65;
grasvertiefung
Hirschfeld theorie d. gartenkunst (1779) 3, 178; grasevertiefung Gleim s. schr. (1798) 3, 32;
graswanne
Kohl Alpenreisen (1849) 2, 436.
b)
der gleichen zeit gehören zahlreiche bildungen an, die den grasbestand und die art der grasbewachsung eines bodens bezeichnen oder poetisch umschreiben; vgl. an alphabetischer stelle graswachs, -wuchs: grasausschlag Schwerz prakt. ackerbau (1882) 192;
grasdickicht
Ritter erdkunde (1822) 5, 362; Schnack Sebastian im wald (1927) 55;
grasdrang
Rilke ges. w. (1927) 3, 471;
grasflora
Schlechtendal flora v. Deutschl. (1880) 8, 92;
grasgewelle
Falke ges. dicht. (1912) 4, 112;
graspelz
Ratzeburg standortgewächse (1859) 436;
grasüberzug
Göthe I 24, 374 W.;
grasvegetation
Muspratt chemie (1888) 4, 396;
graswachstum
graszwachszthum (mask.) Paullini zeitkürtzende erbaul. lust (1695) 261;
graswasen
grasswasen (1663) Fischer schwäb. 6, 2034 s. v. geugen; graswaseⁿ Martin-Lienhart elsäss. 2, 863ᵃ;
graswelle
Schnack Sebastian im wald (1927) 229; graseswellen (im vers) Freiligrath ges. dicht. (1870) 4, 16;
graswerk
Stieler stammb. (1691) 2556; Will Vesper d. harte geschlecht 126;
graswildnis
Rosegger Alpensommer (1908) 12;
graswust
Immermann w. 7, 213 Hempel.
c)
zusammensetzungen zur bezeichnung der grassode (s. d.) und des grasbusches (s. d.) sind vielfach mundartlicher herkunft:
grasbult grasbulte
grasbulten (akk. pl.) Blunck d. weibsmühle (1927) 96; grasbülten (gen. pl.) Sven Hedin d. seidenstrasze (1938) 49;
graskaupe
Brehm tierl. 9, 39 P.-L.; grase-kaupen (akk. pl.) allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 731;
graskotsche
rhein. wb. 2, 1359;
grasmops
ebda 2, 1360;
grasplack grasplacken
ebda 2, 1360; A. Seghers d. siebte kreuz (1950) 145;
grasscholle
Brehm tierl. 4, 245 P.-L.;
grasstaude
Naumann vögel (1822) 2, 62;
grasstock
Linné pflanzensystem (1777) 12, 6; Schwerz prakt. ackerbau (1882) 175.
2)
bezeichnungen für einzelne bestandteile der graspflanze begegnen in einzelnen bildungen wie grasspitze (s. an alphabetischer stelle) und grasstiel (s. u.) schon im älteren nhd., in der mehrzahl aber erst seit dem 18. jh.; vgl. an alphabetischer stelle grasblume 2, -blüte, -halm, -stengel: grasfaser J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 297;
grasfrucht
A. v. Humboldt ansichten d. natur (1808) 1, 121;
grasgesäme
graszgesaͤme Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 69; grasgesäme Brehm tierl. 4, 295 P.-L.;
grasgesämig n
Döbel jägerpractica (1754) 1, 57;
grassaat
Schwerz prakt. ackerbau (1882) 189;
grassprosz
J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 134;
grasstiel
Thym Thedel v. Wallmoden v. 929 ndr.;
grastrieb
Schwerz prakt. ackerbau (1882) 203.
3)
zusammensetzungen, die sich auf die wiesen- und weidewirtschaft beziehen.
a)
vereinzelte jüngere bezeichnungen für den grasanbau: grasanbau allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 723;
grasaussaat
Schwerz prakt. ackerbau (1882) 198;
grasbesamung
Thaer landwirthschaft (1809) 3, 234.
b)
seit dem 16. jh. sind zusammensetzungen bezeugt, die die verschiedenen arten der gras- und weidenutzung bezeichnen.
α)
zusammensetzungen mit substantivischem grundwort:
grasbenutzung
Schwerz prakt. ackerbau (1882) 246;
grasdieberei
grasdieberey (1687) dt. rechtswb. 4, 1071;
grasdiebstahl
Bernhardt gesch. d. waldeigentums (1872) 1, 116;
grasernte
Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 780; (übertragen) Herder 31, 228 S.;
grasgerechtigkeit
(1752) dt. rechtswb. 4, 1073;
grashut f.
graszhude (1551) dt. rechtswb. 4, 1075; grashute Schottel haubtspr. (1663) 93;
grasnieszung
grasz-niessung Olearius persian. reisebeschreib. (1696) 244ᵃ;
grasraub
(grasertrag) tägl. anzeiger von Thun, 11. juli 1896; schweiz. id. 6, 32;
grasschnitt
Schwerz prakt. ackerbau (1882) 251;
grasschur
Naumann vögel (1822) 9, 506.
β)
jünger sind substantivierte zusammenrückungen verbaler verbindungen; vgl. an alphabetischer stelle grasfressen, -hauen, -mähen, -schneiden: grasausraufen Pestalozzi s. schr. (1819) 3, 210;
grasessen
Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 726; Werfel Bernadette (1948) 374;
grasholen
Bernhardt gesch. d. waldeigentums (1872) 1, 181;
grasrechen
Rosegger wildlinge (1905) 184.
c)
dem älteren nhd. gehören z. t. an gras I C 2 anknüpfende bezeichnungen für abgaben an, die für das recht zur gras- und weidenutzung oder als strafe für unrechtmäszige nutzung erhoben werden; vgl. an alphabetischer stelle grasgeld, -gült, -pfennig, -zins: grasheller (1414) Fischer schwäb. 6, 2064;
graskäse
graschaese (pl.) (1288) dt. rechtswb. 4, 1075; graszkäs (16. jh.) österr. weist. 6, 236;
grasmaut, grasmiete
grasmudt (Pfalz 1602) dt. rechtswb. 4, 1076;
grasmiete
grasmiet schweiz. id. 4, 566;
grasrügung
grass ruͤgungen (1564) Fischer schwäb. 3, 800;
graszehnt
(hist.) dt. rechtswb. 4, 1078.
d)
eine kleine hierher gehörige gruppe von personalbezeichnungen zeichnet sich seit dem 15. jh. ab; vgl. an alphabetischer stelle grashauer, -magd, -mäher: grasarbeiter: graszarbeiter Mathesius auszleg. u. gründtl. erklerung d. ep. Pauli an d. Cor. (1591) 1, 65ᵇ;
grasbauer
Frenssen Jörn Uhl (1902) 204;
grasdieb
grasz-dieben (dat. pl.) Friedenberg abhandl. v. d. in Schlesien übl. rechten (1741) 2, pfandtrecht 28; grasdiebe (akk. pl.) G. Freytag ges. w. 1 (1886) 47;
grasheie
(graswächter) (schwäb. 17. jh.) weist. (1840) 6, 242; grasheien (akk. sing.) (übertragen vom mai) d. jüngere Titurel 1373, 2 W. Wolf;
grashüter
grasz hütter (1432) Diefenbach nov. gl. 150ᵇ;
grasjunge
Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 767;
grasmeister
graszmaister (1573) dt. rechtswb. 4, 1075; grasmeister (1736) ebda;
grasschultheisz
(1586) Fischer schwäb. 6, 2064.
e)
bezeichnungen für geräte, die zur arbeit auf wiese und weide, besonders zum grastransport dienen, gehören verständlicherweise überwiegend den mundarten an; vgl. an alphabetischer stelle grassense, -sichel, -tuch: grasblachen schweiz. id. 5, 49;
grasbogen
schweiz. id. 4, 1065; Martin-Lienhart elsäss. 2, 20ᵇ;
grasfunkel
(sense) (18. jh.) Fischer schwäb. 3, 798; (sichel) Grolman spitzbubenspr. (1822) 26ᵇ; Ostwald rinnsteinspr. (1906) 61;
graskarre
rhein. wb. 2, 1359;
graskarren
Jer. Gotthelf ges. schr. (1855) 2, 35; grascharreⁿ schweiz. id. 3, 424;
graslade
Unger-Khull steir. 303ᵇ;
graslaken
grâselâken Woeste westf. 84ᵇ;
grasmesser
rhein. wb. 2, 1359; grâsemess Woeste westf. 84ᵇ;
grasrechen
rhein. wb. 2, 1360; schweiz. id. 6, 111;
grasschiebbock
L. Schefer ausgew. w. (1845) 7, 63;
grasstecken
Fischer schwäb. 3, 801;
grastasche
Unger-Khull steir. 303ᵃ;
graswäglein
graswägeli Jer. Gotthelf ges. schr. (1855) 22, 106;
graswalze
Fontane ges. w. (1920) II 3, 359.
4)
ein seit dem 16. jh. produktiver typ enthält zusammensetzungen, die aus gras bestehende oder aus gras hergestellte oder gewonnene dinge bezeichnen:
grasballen
Rosegger schr. (1895) II 1, 414;
grasbund
Brentano ges. schr. (1852) 6, 171;
grasdach
Wiszmann m. zweite durchquerung Äquat.-Afrikas (1890) 47;
grasgeflecht
Ritter erdkunde (1822) 4, 395;
grashauf grashaufen
graszhauffen (akk. sing.) Paullini zeitkürtzende erbaul. lust (1695) 149; grashauf Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 8, 220;
grashütte
Ritter erdkunde (1822) 6, 959;
graslager
ebda 709;
graslast
Musäus volksmärchen d. Deutschen 1, 47 Hempel;
grasöl
Muspratt chemie (1888) 1, 78;
grasschlinge
Lichtenberg br. (1901) 3, 44;
grasschwade
K. G. Anton gesch. d. dt. landwirthsch. (1799) 1, 52; Bröger d. ferienmühle (1936) 17;
grasstreu
B. Schmolck Schneekoppe (1736) 31;
grasstrick
Ritter erdkunde (1822) 3, 1195;
grastisch
graszetisch (torus) (Leipzig 1517) Diefenbach gl. 590ᵃ; grasztisch Rist Parnasz (1652) b 3ᵃ;
graswasser
graszwasser Wirsung artzneyb. (1588) 176ᵇ; grasenwasser Paracelsus chirurg. (1618) 53;
graswisch
grasewisch Herberger trawrbinden (1611) 1, 323; graswisch rhein. wb. 2, 1361.
5)
einige im wesentlichen dem älteren nhd. angehörende bildungen fuszen auf dem auf das frühjahr zielenden gebrauch von gras I E 1. sie bezeichnen tiere, landwirtschaftliche produkte und andere gegebenheiten hinsichtlich ihrer beziehung zum frühjahr als der zeit, in der das gras grünt, und kennzeichnen sie gegebenenfalls als jung und frisch: grasanken (soviel wie grasbutter, s. d.) Jer. Gotthelf ges. schr. (1855) 7, 183; schweiz. id. 1, 342;
grasfrisching
(junges schaf oder schwein): grasefrischinge (hs. grasfringe) (1288) fontes rer. Austriac. II 45, 81; grase frischinge (1334) monum. Boica 7, 167;
grashenne
(17. jh.) österr. weist. 1, 6, 40;
grashering
grasehering (1510) quelle a. d. stadtarchiv Breslau, hs. G. 5. 66, 25; grashäring Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 618;
grasmarkt
(frühlingsmarkt) (1662) Fischer schwäb. 3, 799; Schmeller-Fr. bair. 1, 1008;
grasmilch
schweiz. id. 4, 202;
grasschmalz
Tobler Appenzell 234ᵇ. — ähnlich in einem zu gras I A 1 b β stimmenden übertragenen gebrauch, vgl. an alphabetischer stelle grasaffe und die ableitung gräsling: grasfüllen (von jungen menschen) Riemer d. polit. hasenkopff (1689) 347.
6)
sehr umfangreich ist die gruppe der zoologischen und botanischen benennungen.
a)
tierbezeichnungen betreffen überwiegend vögel und insekten; sie charakterisieren teils deren grüne färbung, teils den von ihnen bevorzugten aufenthalt im grase; vgl. an alphabetischer stelle grashüpfer,-mücke,-musch, -schnepfe, -wurm: grasente (anas boscas) Naumann vögel (1822) 11, 575; Brehm tierl. 6, 635 P.-L.;
graseule
(charaeas graminis) Brehm tierl. 9, 436 P.-L.;
grasfink
(soviel wie grasmücke, s. d.): (filomena) grasvink (14. jh.) ahd. gl. 3, 30, 50 St.-S.; (ficedula) grasvincke, -fincke (15. jh.) Diefenbach gl. 233ᵃ; grasfink Ludwig t.-engl. (1716) 806;
grashähnchen
(chrysomela graminis) Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 206;
grasheuschrecke
(locusta verrucivora) Oken allg. naturgesch. (1839) 5, 1521;
graskäfer
allg. dt. bibl., anh. z. bd. 53—86 (1771) 658; (meloe vesicatorius) Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 206;
grasmaus
Scheffel gaudeamus (1873) 38;
grasräker
(crex crex): grasrä̂gg schweiz. id. 6, 768; grasrä̂gger ebda 770; grasräker Naumann vögel (1822) 9, 498;
grasrätscher
(crex crex) Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 207; Brehm tierl. 5, 622 P.-L.;
grasraupe
(phalaena bzw. noctua graminis) allg. dt. bibl. (1765) 73, 168; Oken allg. naturgesch. (1839) 5, 1293;
grasschnarcher
(crex crex) Naumann vögel (1822) 9, 498;
grasspecht
(dendrocopus minor) voc. rei num. (1552) F 6ᵃ; Brehm tierl. 4, 624 P.-L.; grasespecht Schwenckfeldt theriotroph. Siles. (1603) 338;
grasspringer
(soviel wie grashüpfer und grasmücke, s. d.) rhein. wb. 2, 1360; Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 675ᵇ;
grasunke
Pöhnl dt. volksbühnenstücke (1887) 2, 215;
grasweher
(crex crex) Krünitz öconom. encycl. 19 (1780) 781. zu den zahlreichen und vorwiegend mundartlichen bezeichnungen der gattung sylvia vgl. unter grasmücke.
b)
in zusammengesetzten pflanzennamen kennzeichnet gras meist den standort der gewächse im gras oder die grasähnliche form ihrer blätter; vgl. an alphabetischer stelle grasblume, -lilie, -nelke: grasägel (doronicum grandiflorum Lam.) (schweiz.) Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 2, 156;
grasbinse
graszbyntzen (papyrus) Gersdorff wundarzney (1517) 93ᵈ;
grasblut
(panicum sanguinale L.) Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 206; Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 47ᵇ;
graserbse
(lathyrus nissolia L.): graseerbse Zincke allg. öconom. lex. (1744) 654; graserbse Schlechtendal flora v. Deutschl. (1880) 24, 204;
grasglöcklein
(campanula rotundifolia L.): graszglöcklein (1769) Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 1, 771;
grasisop
(satureia hortensis L.): gras-ysop Zincke allg. öconom. lex. (1744) 3487;
grasknöterich
(scleranthus annuus L.) Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 207; Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 197ᵃ;
graslattich
(bardana) graslat (obd. 1462) Diefenbach gl. 68ᶜ;
graslolch
(lolium perenne L.): graselulch Pancovius herb. (1673) 240; graslolch Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 207;
grasmangold
(myosotis palustris With.): grasz mangoldt (eufrasia cœrulea) Tabernämontanus neuw kreuterb. 1 (1588) 631;
graspappel
(malva rotundifolia L.) Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 779;
graspilz
(boletus bovinus L.): grasbülsz Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 206; grasepilz Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 229ᵃ;
grasrettich
(bardana) grasz rettich Diefenbach gl. 68ᶜ;
grasrose
(dianthus caryophyllus L.) Schupp schr. (1663) 100; graszros (pfälz.) Marzell wb. d. dt. pflanzenn. 2, 103;
grasstern
(galium mollugo L.) Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 207; Schlechtendal flora v. Deutschl. (1880) 28, 79;
graswinkel
(d. i.
graswicke
lathyrus nissolia L.) Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 207;
graswolle
(eriophorum polystachium L.) Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 207.
7)
einige zusammensetzungen knüpfen an gras I E 4 an zur bezeichnung von blättern der mit gras (d. i. pik) bezeichneten spielkartenfarbe:
grasas
gras-asz Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 199;
grasober
Fischer schwäb. 3, 800;
grassau
Abr. a s. Clara bei Schmeller-Frommann bair. 2, 199;
grasunter
K. Stieler ged. 3, 14 Reclam.
8)
adjektivische zusammensetzungen.
a)
der umfangreichste typ adjektivischer zusammensetzungen betrifft bildungen vorwiegend partizipialer form, die sich auf den grasbestand einer bodenfläche oder den standort eines gegenstandes im gras beziehen; vgl. das schon seit dem 16. jh. bezeugte grasreich an alphabetischer stelle:
grasarm
Hassert reise durch Montenegro (1893) 124;
grasbedeckt
Ritter erdkunde (1822) 10, 507;
grasbegrünt
Reinicke fuchs (1650) 245;
grasbestanden
Ulitz narrenkarosse (o. j.) 140;
grasdurchwachsen
Gutzkow ges. w. (1872) 3, 123;
grasüberwachsen
Fontane ges. w. (1905) I 2, 439;
grasüberwuchert
Immermann w. 20, 12 Hempel;
grasumwachsen
Scheffel ges. w. (1907) 2, 151;
grasumwallt
Ahlwardt Ossian (1811) 2, 323;
grasumwuchert
Pyrker s. w. (1855) 2, 14;
grasversteckt
Freiligrath ges. dicht. (1870) 2, 52;
grasverwachsen
Holtei erz. schr. (1861) 4, 69.
b)
in einer weniger umfangreichen gruppe adjektivischer zusammensetzungen besteht zwischen den kompositionsgliedern ein vergleichendes verhältnis; vgl. das seit dem 11. jh. bezeugte grasgrün an alphabetischer stelle.
α)
adjektive, die eine ähnlichkeit von pflanzen oder pflanzenteilen mit dem gras bzw. seinen blättern kennzeichnen: grasähnlich Dietrich vollst. lex. d. gärtnerei u. botanik (1802) 4, 455; Dalitzsch pflanzenb. (1910) 162;
grasblumig
Ratzeburg standortgewächse (1859) 44;
grasdünn
(1753) Fischer schwäb. 6, 2063;
grasförmig
Oken allg. naturgesch. (1839) 3, 720.
β)
in einigen seit dem 16. jh., z. t. mundartlich bezeugten bildungen ist das grundlegende vergleichende verhältnis zwischen den kompositionsgliedern verschoben zugunsten einer mehr verstärkenden funktion des bestimmungswortes: grasdick: grasedicke Luther br. 6, 168 W.;
grasdürr
grasdürre (1658) Fischer schwäb. 6, 2063;
grasfrisch
Rosegger schr. (1895) I 6, 54;
grasnackt
grasnackig rhein. wb. 2, 1360;
grassauer
ebda.
9)
zusammensetzungen mit dem plural gräser (zu gras II C 1 bzw. III 2) sind vereinzelt schon im 16. jh. (s.gräsergeschlecht an alphabetischer stelle), sonst seit dem späten 18. jh. bezeugt; sie haben z. t. poetischen charakter und stehen oft neben den entsprechenden, gleichbedeutenden, aber gebräuchlicheren gras-zusammensetzungen:
gräserart
Chamisso w. (1836) 2, 354;
grasduft
Fouqué reiseerinnerungen (1823) 1, 24;
grashalm
R. Z. Becker Mildheim. liederb. (1799) 62;
graskenntnis
allg. dt. bibl. 14 (1771) 192;
grasleise
Stehr d. Heiligenhof (1926) 2, 88;
grasmeer
Jean Paul w. 7/10, 112 Hempel;
grassamen
Stifter s. w. 4, 1 (1911) 222;
grasspitze
Raabe s. w. I 2, 379 Klemm;
grasstrausz
Liliencron s. w. (1896) 5, 113;
graswoge
ebda 7, 78.
Zitationshilfe
„gras“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gras>, abgerufen am 15.09.2019.

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