gram m
Fundstelle: Lfg. 12 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1761, Z. 31

Unterbegriffe in diesem Artikel

substantivbildung zu gram, adj., wie grimm, m. zu grimm, adj., vgl. s. v. ²grimm, m., sp. 346; nach W. Schulze in: zs. f. vgl. sprachf. 62, 198 sind die maskulinen adjektivabstrakta grimm und gram analog zu iâmar, m. gebildet. mnl. schon um 1350 in der var. des vader gram bei Jac. v. Maerlant wapene Martijn 1, 943 in: stroph. ged. 142 Franck-Verdam (zu: [Christus] versoende den vader gram). die tatsache, dasz das substantiv gram noch bis zur mitte des 18. jhs. obd. fast unbekannt ist, wie noch heute in den meisten obd. maa., und fast ausschlieszlich auf md. und nd. boden begegnet, legt den verdacht nahe, dasz sein überhaupt frühester sicherer deutscher nachweis bei dem Alemannen Hans von Bühel (1412) (s. u. 1 a) mit dem langjährigen aufenthalt dieses autors am hof des erzbischofs von Köln zusammenhängt. auf unsichere spuren für das vorhandensein des wortes auf deutschem boden im 14. und 15. jh. führen freilich noch die varianten einer s. v. gräme zitierten stelle aus Heinrich von Hesler: durch iren morthezzigen grame (Königsberger hs. 14. jh.); durch iren morthezzigen gram (Münchener hs. 15. jh.); dazu noch durch ir morthezziges gramen (Stuttgarter hs. anf. 15. jh.) apokalypse 17165 Helm, ausweichungen, welche die unsicherheit dem worte gegenüber erkennen lassen. auch auszerhalb des obd. behauptet sich das subst. neben dem weit gebräuchlicheren adj. zunächst nur mit mühe, so dasz neben dem älteren gräme, f. (s. d.) und einem nur mhd. gremde 'zorn' (Nicolausvon Jeroschin chronik 12 094; 21 828; 22 024 Strehlke) auch etwas jüngere konkurrenzbildungen wie gramheit, grämnis, grämung, gramsal und namentlich gramschaft (s. überall dort) sich z. t. bis ins 18. jh. hinein erhalten, das substantivierte grämen (s.grämen D) sogar modern noch gram vertreten kann. in die wbb. findet gram, m. erst bei Stieler eingang, durch ihn bei Steinbach und Frisch, nicht aber bei M. Kramer. das mundartl. wenig verbreitete wort erscheint kärnt. in der form grân Lexer 121. der im bedeutungsbereich der wortgruppe gram- auch sonst begegnende wandel von 'zorn, feindschaft' zu 'trauer, schmerz' tritt bei gram, m. besonders deutlich hervor (s. u. 1, 2); er braucht aber nicht unbedingt durch den entsprechenden, sich rascher durchsetzenden vorgang bei grämen, vb. veranlaszt zu sein, da er bereits im ahd. bedeutungsbereich der wurzel auftritt, vgl. ahd. gramizi, gramizzîg tristis, iratus, gelegentlich eindeutig im sinne von 'traurig, betrübt', z. b. tristes erant apostoli cremizze uuarun potun (über Jesu tod) Murbacher hymnen 19, 5 Sievers; wohl auch: (navita) tristis cremizziger (von Charon gesagt) (Aeneis 6, 315) (11. jh.) ahd. gl. 2, 656, 62 St.-S. in der übergangszeit des 17. und 18. jhs. miszverstehen einige theoretiker das nebeneinander der bedeutungen 'zorn' und 'trauer' dahin, dasz sie dafür zwei etymologisch getrennte wörter verantwortlich machen oder eine lautliche verschiedenheit konstruieren, vgl. z. b. Schottel haubtspr. (1663) 278; Wachter gloss. (1737) 608; Frisch (1741) 1, 366ᵃ. die dehnung der ursprünglichen, mundartlich z. t. noch erhaltenen vokalkürze wird von den theoretikern des 17. jhs. ausdrücklich gefordert, im gegensatz zum adj. (nachweise s. untergram, adj.). sie dürfte im ganzen wohl schon für das 16. jh. gelten, in dem die beim adj. häufige schreibung gramm für das subst. ebenso singulär begegnet wie im 17. jh.: vol grammes (1586) bei Fischer schwäb. 6, 2061; gramm Olearius persian. reisebeschr. (1696) 32ᵃ, vgl. noch liebes gramm Chr. Reuter Schelmuffsky (fassg. v. 1696) 29 ndr. häufiger dagegen ist die schreibung grahm, z. b. Simon Dach ged. 3, 136 Ziesemer; Gueintz dt. rechtschrb. (1666) 76; Treuer Dädalus (1675) 1, 80; Knittel poet. sinnenfrüchte, absonderl. buch (1677) 16.
1)
'zorn, feindselige gesinnung, feindschaft'; so im frühen gebrauch nahezu ausschlieszlich.
a)
selten im sinne von 'zorn, wut' als einer vorübergehenden gefühlswallung, entsprechend gram, adj. (s. d. A 1) und der wurzelbedeutung der wortgruppe noch verhältnismäszig nahe:
hiemit der burger
die atzel by dem kopffe nam
vnd tett das in zornes gram.
er zoch das houpt ir von dem libe
Hans v. Bühel Diocletian 2706;
darumme scholde deme konynge van Vrankrike wesen en grod gram, wurde he (Karl d. kühne) en konynk Schiller-Lübben 2, 139ᵃ. noch mundartlich: er hat einen fürchterlichen gramm Fischer schwäb. 3, 786; 'ärger, groll, zorn' Liesenberg Stieger ma. 147; Hertel Thür. 108; vgl. auch rhein. der gramms krige rhein. wb. 2, 1346.
b)
meist für eine andauernde gefühlsbeziehung, soviel wie 'hasz, feindselige gesinnung': do schickett David nach ihr und vorbracht mit ihr den ehebruch, warff ein gram uff ihren mahn (1522) Egranus ungedr. pred. 156 Buchwald; du (gott) bist mir verwandelt in einen grawsamen, vnd zeigest deinen gram an mir mit der stercke deiner hand (var.: hass, bis 1541) Hiob 30, 21; wenn freunde einander feind werden, so bleibet der gram, bis in den tod Sirach 37, 2; allein sollet yhr einen gram auff yhn geworffen haben, das er die laster hart gestrafft hat Luther br. 10, 255 W.;
vor zorn vnd gram jr (der feinde) dencken ringt,
das fleh vnd klag allein ich dir
(1544) bei Wackernagel dt. kirchenlied 3, 185;
unnd sich zu im (dem könig v. Polen) verstolen arm edelleut, unnd die dem orden (Deutschritterorden) ein gram schuldig waren S. Grunau pr. chron. 1, 728 Perlbach. vereinzelt bei einem obd., aber in Wittenberg gedruckten autor: vol has, neid, feindtschaft, grammes (1586) bei Fischer schwäb. 6, 2061. so noch im 17. und bis ins frühe 18. jh.:
so scheint ihm (einem griech. historiker) noch der gram zu stecken in der stirne.
zeugt nicht von seinem hasz und irthum zur genüge,
dasz er den Galliern schreibt zu der Teutschen züge?
Lohenstein Arminius (1689) 1, e.
zu gegensätzlichem begriff gestellt:
ein könig bin ich so, mein haus ein königreich,
da weder hold noch gram mich roth macht oder bleich
Logau sinnged. 99 lit. ver.;
die gunst in gram,
die lieb in hasz verkehrt
J. Chr. Günther ged. (1735) 1010.
in substantivischer fassung der ursprünglich adjektivischen formel gram wider gram, s.gram, adj. B 4 b:
vor dem aber musz man sich hüten,
der schmeychelwort gibt in der güte,
vnd tregt doch gram, im hertzen gram;
demselben gram ghört wider gram
Burkard Waldis Esopus 1, 65 Kurz.
in der frühesten lexikalischen verzeichnung des wortes schon neben der jüngeren bedeutung 2: gram odium, rancor, it. mœror, angor, œgritudo, dolor animi Stieler stammb. (1691) 703.
c)
objektiver für ein feindseliges verhältnis, das zuständliche einer feindschaft, wenn auch die grenze gegen b flieszend bleibt. gern in formelhafter reihung mit verwandten begriffen: med krige, grame edder afermunde wedder dy collatores des altars (1461) cod. dipl. Brandenburgensis I 9, 195 Riedel; obwol der von Sternberg gerne sihet krige itzunder wider Girsigen, das ist umb sonderlicher fehde und gramis willen, mehr dan in diser gemeinen sache; wan zwischen ime und Girsik grosze feindschaft ist entstanden (1467) Eschenloer gesch. d. st. Breslau 2 (1828) 9; um allen twist, gram unde nadehl, wo vorhen geschehen, bytholegenn (Hamburg 1526) Rüdiger handwerksgesellendocumente 33; darauff geben wir vorgedachten fürsten und herren ... eine gnedig sühne, stellen und thun ab allen gram, unwillen und fheide Letzner dasselische chron. (1596) 1, 49ᵃ. vereinzelt jünger:
sie deducirt den gram des wolffes mit dem schaafe
J. Chr. Günther ged. (1735) 979.
2)
'trauer, kummer, schmerz' als schleichender, andauernder gemütszustand hochgradiger betrübtheit, seit dem 17. jh. die vorherrschende bedeutung des wortes. zum tausch der bedeutungen 'zorn' und 'trauer' s. oben sp. 1761 f.
a)
vereinzelt, wenn auch in der abgrenzung gegen 1 nicht ganz eindeutig, schon gegen ende des 15. jhs.:
de dat bylck besturen scholden,
villichte etlick dynck wolden
hebben nicht also dat quam
dorch olden had vor egen gram
(was damals durch alten hasz angezettelt wurde u. hinterher
ihnen zum leide ausschlug)
(Braunschweig ende d. 15. jhs.) städtechron. 16, 110.
deutlicher, aber auch noch singulär, im 16. jh.:
vnd dir mit einer alten sach
nicht newen gram im hertzen mach
Ringwaldt d. lauter warheit (1586) 117.
dann für kummer verschiedenster art, für die trauer über verlust und schicksalsfügung, besonders auf innere menschliche werte und auf das persönliche leben bezogen:
der lindert deinen gram, und die gerechten klagen,
der sie mit stummer ehrfurcht schaut
Heräus ged. u. inschr. (1721) 132;
ich kenne den ganzen umfang deines grams (über den verlust eines kindes) (1785) Caroline br. 1, 27 Waitz; ist es nicht diese liebe zu ihm, die euch all den gram macht? Schiller 2, 21 G.;
nicht blos mein düstrer mantel, gute mutter, ...
noch die gebeugte haltung des gesichts,
sammt aller sitte, art, gestalt des grames
ist das, was wahr mich (Hamlet) kund giebt
Shakespeare 3 (1798) 153;
dasz so's in Deutschlands kerne
jetzt geht, das macht ihm gram
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 90;
gram aller art und farbe, das gefühl der reue nicht ausgenommen, war er (Mozart) als eine herbe würze jeder lust auf seinen teil gewöhnt Mörike w. 3, 220 Maync; um seinen gram und seine gewissensbisse zu betäuben, trinkt und spielt und lebt er noch wilder wie gewöhnlich Spielhagen s. w. (1877) 1, 54. speziell für den schmerz unerwiderter oder enttäuschter liebe, den liebeskummer: dieser erfindung (einer wohlmeinenden lüge) gebrauchte er sich, um diesen (verschmähten) liebhaber aus dem verzweifelten gram zu bringen A. U. v. Braunschweig Octavia (1711) 1, 114;
in wälder floh mit seinem grame
ein ritter, den verschmäht die dame
Uhland ged. (1898) 1, 374.
gern auf brust und herz als sitz des grams bezogen: der gram im busen fühlet allg. dt. bibl. (1765) 5, 10;
kannst du ein krankes
gemüth von seinem grame nicht befrein?
Schiller 13, 145 G.;
das böse der herzen und der gram der herzen hat bis zu den wurzeln gereicht E. Wiechert missa sine nomine (1950) 353. der für den gram typische seelische ablauf und gefühlsgrad grenzt das wort gegen verwandte begriffe wie zorn, grimm, ärger ab, die sich von ihm nicht nur durch anderen gehalt, sondern vor allem durch eine andere affektstufe unterscheiden: meine beruhigung wäre alsdann diese, dasz bey einem gewaltsamen zorne kein wehmütiger gram raum haben könne Lessing 2, 304 L.-M.; zorn — dieser heiszhungrige wolf friszt sich zu schnell satt — sorge? — dieser wurm nagt mir zu langsam — gram? diese natter schleicht mir zu träge Schiller 2, 58 G.;
den grimm verjagt ihr der gram (um die erschlagenen brüder)
R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 10;
kann das sein, dasz ich (Goethe) über den (sekretär John) einen ärger hab, der schon mehr einem gram ähnlich sieht? Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 394.
b)
gern mit anspielung darauf, dasz der gram als ein schleichender, zehrender zustand das leben kürzt und die lebenskraft schwächt:
vnd (es) dient dein (des menschen) gram sonst nirgend zu,
als dasz du dich aus deiner ruh
zu angst und schmerzen stürtzest
vnd selbst das leben kürtzest
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 3, 368ᵃ;
ich bitte, doch vergebens!
und kürze, durch den gram, die hälfte meines lebens
Gottsched ged. (1751) 1, 367;
wenn ausschweifungen, oder heimlicher gram meine nerven abspannte Schubart leben (1791) 2, 10; gram und alter näherten den alten marchese dem grabe Schiller 4, 237 G. hier in mehr oder weniger festen wendungen:
dem hoffnungslosen,
dem der gram die seele bricht
Göthe I 4, 96 W.;
der gram, das lange kerkerelend nagt
an meinem leben
Schiller 12, 407 G.;
hör auf mit deinem gram zu spielen,
der, wie ein geier, dir am leben friszt
Göthe I 14, 79 W.;
trinken sie man nich, wenn ihnen der jram das herz abfriszt Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 247;
er hofft, und hofft umsonst; wird durch den gram verzehret
Schwabe belust. (1741) 1, 198;
wenige jahre zehrte der gram an ihrer gesundheit; dann sank sie schmerzlich lächelnd in ihr stilles grab Fouqué zauberring (1812) 1, 173; ihn ... verzehrte der gram, dasz die befreiung seiner heimat ohne ihn vorgegangen war Ric. Huch kampf um Rom (1925) 170.
c)
jünger oft mit ausdrücklichem hinweis darauf, dasz der gram als ein innerlich zehrender zustand dem gesicht des menschen sichtbare spuren aufdrückt oder sonst das aussehen verändert: ein stiller gram war auf ihrem gesichte verbreitet S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 5; (der winterkönig hatte) immer musikalische bedienten um sich, die ihm die wolke des grams durch schmelzende accorde von der stirne scheuchten Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 128; der innere gram verräth sich aus den hohlen, tiefliegenden augen Schiller 1, 161 G.;
der knabe, den du siehst,
war bey dem schiffbruch, und entstellt' ihn gram,
der schönheit wurm, nicht, nenntest du mit recht
ihn wohlgebildet
Shakespeare 3 (1798) 35;
als sie erschreckt das reine antlitz zu dem ihres pflegevaters emporhob, blickte ihr daraus ein gram entgegen, wie sie ihn nie in einem menschenangesichte noch gesehen hatte Storm s. w. (1900) 5, 96; sie ist grau geworden vor gram E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 2, 42; die königin ward ... vernommen, ... man fand ein bild des grames vor; ihre haare waren ... weisz geworden Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 381; ein bleicher junger mann mit der tiefen falte des grams zwischen den augenbrauen H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 205; in ihren kleinen, tiefliegenden augen glänzt nicht der friede der selbstüberwindung, sondern ein unbekannter gram Werfel Bernadette (1948) 401; ihr gesicht ... es war versteint wie von gram E. Wiechert d. Jerominkinder (1945) 36;
einen armen
verlasznen greis, gebeugt von gram und jahren
Herder 5, 256 S.;
die arme, von mangel und gram gebeugte frau zitterte bei der strahlenden erscheinung Langbein s. schr. (1835) 31, 21.
d)
stehende beiwörter kennzeichnen das wort in obigem sinne; so das nach innen gewandte, verborgen schleichende, stumme des gemütszustandes: sehr schön gebildete theile (an ägyptischen statuen), in denen ... z. b. der tiefe, stille gram ... wohl ausgedruckt sei Herder 16, 72 S.; ein einziger mensch, für seine zeit geboren, deckt ihr (der nation) das gefährliche geheimnusz ihrer kräfte auf, und bringt ihren stummen gram zu einer blutigen erklärung Schiller 7, 22 G.; sie verglich oft in der stille ihr ärmliches leben mit ihrem vorigen zustande, und dann meldete sich ein geheimer gram Jung-Stilling s. schr. (1835) 6, 78;
stumm seh ich die edle gestalt, von heimlichem grame
gequält
moderne dichtercharaktere 42 Arent-C.-H.;
und einen gewissen schleichenden gram, der tief in meiner seele sizt Schubart br. in: Strausz ges. schr. 8, 99; Schiller br. 1, 167 Jonas. farbe, stärke, ablauf und dauer des gefühls bezeichnend:
verzagnisz, herber gram, und übermachter schmerz
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 3, 199;
in bitterem gram Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 728; was er darüber empfand, war ein tiefer gram M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 118;
wann lieb und phantasie den langen gram betäubt
Haller ged. 179 Hirzel;
wo mein ewiger gram jeglichen stundenschlag,
welcher näher mich bringt dem
trauten grabe, mit dank begrüszt
Hölderlin ges. dicht. 1, 43 Litzmann.
auf das zehrende, lebenbedrohende der empfindung anspielend: ewig nagender gram, ungewiszheit meiner aussichten kämpfte gegen meine wiedergenesung (1784) Schiller br. 1, 211 Jonas; der tödliche gram, der die sinne umnebelt Musäus volksmärchen 1, 16 Hempel. nur vereinzelt in oxymorischer verbindung:
wenn in deinen silbertönen
sich mein süszer gram verliert
Goethe-jahrb. 11, 19 Geiger.
3)
als 'schmerz, trauer' im sinne einer vorübergehenden, durch den augenblick bestimmten gefühlswallung heftigen traurigseins; 2 gegenüber nur periodisch und beschränkt gültig, aber im 18. jh. und noch bis ins mittlere 19. jh. deutlich nachweisbar, vereinzelt auch modern (s. u. 5 a; b α):
uberlegten sie mit gram,
weil die zeit nicht wieder kam.
bruder! sagte darauf einer:
was verlohren ist, sey hin!
J. Chr. Günther ged. (²1739) 194;
Ebert, mich scheucht ein trüber gedanke vom blinkenden weine
tief in die melancholey! ...
weggehn musz ich und weinen! vielleicht, dass die lindernde thräne
meinen gram mir verweint
Klopstock oden 1, 39 M.-P.;
so war doch mein unwille und mein gram (nach einem unangenehmen vorfall) auf den höchsten grad gestiegen. ich kam in der leidenschaftlichsten gemüthsbewegung nach hause Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 99; meine verwunderung über den gram, womit er die trümmer seiner klause betrachtete Pfeffel pros. versuche (1810) 5, 11; da versetzte gekränkt der könig, ihm sey unwohl, ... ihn übernahm der gram (über eine soeben erlittene beleidigung), er muszte das bett suchen Dahlmann gesch. v. Dännemark (1840) 1, 322;
und wie den namen er vernahm,
vom rosse stieg er ohne gram
Rückert ges. poet. w. (1867) 3, 33; vgl. 1, 190;
uns aber dünkte die sache nicht spaszhaft, und wir saszen mit wirklichem grame (nach dem ersten austausch von zärtlichkeiten) an dem wasser, das um keinen grad reiner war, als Annas seele G. Keller ges. w. (1889) 1, 396. hier dann auch auf affektgeladene wörter bezogen, mit denen sich gram sonst nicht verbindet:
sprich, welcher gram
bestürmt dein herz?
Bürger s. w. 146ᵇ Bohtz;
heftig war des vaters gram,
als er von der heerde kam,
und die wechselbälge sah
(die ihm geboren waren)
Lichtwer Äsop. fabeln (1748) 63;
Sal. Gessner schr. (1777) 1, 67.
4)
objektiviert und vergegenständlicht für das, was trauer schafft, also nicht für den gemütszustand selbst, sondern für das, was ihn auslöst:
und gieb mir doch nur so viel zeit
von nothdurfft, gram und dürfftigkeit,
damit ich mich recht bessern könne
J. Chr. Günther ged. (²1739) 88;
oft schon hatt er hinunter geschaut an dem marmor des strandes,
immer neuen gram, scheiter und leichen gesehn
Klopstock oden 2, 83 M.-P.;
der furchtbaren Persefone nachtbezirk voll wustes und grams J. H. Voss antisymb. (1824) 1, 233;
die welt mit ihrem gram und glücke
will ich, ein pilger, frohbereit
betreten nur wie eine brücke
zu dir, herr, übern strom der zeit
Eichendorff s. w. (1864) 1, 572;
die geschichte ist die überlieferung dessen, weswegen zu leben am ende wert gewesen ist — vor einem berge von gram, was die menschengeschichte überdies ist, würden wir erstarren Ponten rhein. zwischenspiel (1937) 63. mit ausdrücklicher inhaltsbestimmung:
ich sehe mit vergnügtem herzen
dich so beglückt, so sorgenfrey
des lebens gram von dannen scherzen
Ramler fabellese (1783) 3, 268;
der ferien allzu kurze pause
befreit ihn von der schule gram
R. Kögel ged. ⁴39.
vgl. noch:
es starb vor liebes gramm ein Lieszgen in dem bette
Chr. Reuter Schelmuffsky (fassg. v. 1696) 29 ndr.
5)
in besonderen anwendungsformen.
a)
häufig in synonymer bindung, seltener auch in antithetischer beziehung. aus der fülle möglicher bindungen werden solche mit leid, sorge, kummer, schmerz und trauer fest, die der vorherrschenden bedeutung 2 gemäsz sind; in der wortfolge steht gram meist an erster stelle:
da wird all jhr gram und leid
lauter freud und lachen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 385ᵃ;
anhub die fiedel zum drittenmal
aufweinend in gram und leide
Agnes Miegel balladen u. lieder (1922) 2;
andere schwächen solches durch eitele sorge und gram Schupp schr. (1663) 419;
allen meinen gram und sorgen,
werf ich, herr, in deinen schooss
Neukirch ged. (1744) 57;
'jetzt denkt er meiner', sagte sie vor sich hin, 'denn mir will das herz zerspringen vor sorge und gram um ihn' G. Freytag ges. w. (1886) 13, 154; da niemand sich mit grahm und kummer müssen schlagen Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 80; er würde sich aus kummer und gram nicht zu retten wissen, verlieh ihm die muse nicht auch zu diesem falle die unschätzbare gabe, jenes bedrängende gefühl ... harmonisch gewaltig auszustürmen Göthe I 40, 276 W.;
du hochbetrübtes heer,
bey denen gram und schmertze
sich häuft je mehr und mehr
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 324;
soll auch sie sich heute freuen, ...
und vergessen gram und schmerz
Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 6, 293;
noch unentweiht
von gram und traurigkeit
Gleim briefw. 1, 52 Körte;
wie eingehüllt in trauer und in gram
Grillparzer s. w. 7, 52 Sauer.
durch anlaut- oder endreim bestimmte bindungen zielen nicht auf synonymen zusammenschlusz und entbehren z. t. begrifflicher schärfe; zumal in der häufigen verbindung scham und gram, in der gram meist wohl nur scham verstärkt und daher gewöhnlich an zweiter stelle der verbindung steht: er (der brief) macht mich vor gram und scham vergehen Gentz schr. 1, 136 Schlesier; ohne furcht und scheu, ohne schaam und gram Körte sprichw. (1837) 323; der herzog von Alençon ... war vor scham und gram einige wochen nach der schlacht vor Pavia gestorben H. Laube ges. schr. (1875) 3, 95; he hett ni schaam noch graam 'kein ehrgefühl' Mensing schlesw.-holst. 2, 464; gram und groll J. Chr. Günther ged. (1735) 786; um groll und gram zu verwinden C. F. Meyer d. heilige (1910) 42. zu den zahlreichen nur gelegentlichen verbindungen gehört auch die mit harm, obwohl sie bedeutungsmäszig besonders nahe liegt und im verbalgebrauch ganz geläufig ist (s.grämen C 2 a):
.. voll gram und innerm harm
schaut er um sich herum
Zachariae poet. schr. (1763) 1, 96
gram und wut entspricht der bedeutung 3:
der nach durchwachter nacht, von gram und wuth gekränkt,
sein tiefes augenlied vor mattigkeit gesenckt
Pietsch geb. schr. (1740) 5;
(er) knirschte vor wut und gram G. Frenssen Dummhans (1930) 324. auch in gegensätzlicher beziehung gelegentlich von 3, meist von 2 her:
unser leben bringts so mit:
abends gram und morgens lachen
J. Chr. Günther s. w. 2, 237 Krämer;
er weisz zu trauern mit dem gram und sich
des glücks zu freuen mit enthaltsamkeit
Schiller 6, 200 G.;
dasz eine neue seligkeit dem herzen aufgeht, wenn es aushält und die mitternacht des grams durchduldet Hölderlin s. w. 2, 288 Hell.;
erweck den raschen leichten geist der lust,
den gram verweise hin zu leichenzügen
Shakespeare 1 (1797) 178;
indesz getheilt in gram und lust das herz, ...
ist Walther leise dem gemach entwankt
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 227.
b)
in präpositionaler beziehung.
α)
mit voraufgehender präposition. mit, bei gram in modalem sinne:
wies aber mag ums geldgen (ums geld einer alten frau, die man heiratet) sein bewandt,
das wirst du nach der hand,
mit grossem gram erfahren
Morhof unterr. v. d. dt. sprache (1682) 1, 762;
wer hier bey gram und herzeleid
mit Hiob in der asche sitzet
Stoppe Parnasz (1735) 202.
namentlich in, im gram, verbal gebunden und mit betonung des zuständlichen: allda er ... im gram und kummer ergrauet Butschky Pathmos (1677) 527;
im sichern vaterhause, wo die mutter mir
in gram zurückblieb und die zarte süsze braut
Schiller 13, 240 G.;
voll unerfüllter träume,
verwaist, in gram versenkt
Platen w. 1, 22 Hempel;
in seinen gram versunken Mörike ges. schr. (1905) 3, 25. auch hier vereinzelt im sinne von 3 auf einen augenblickszustand bezogen: du willst doch nicht, dasz ich in gram gehe (von dir abschied nehme) Gmelin Konradin reitet (1933) 23. vor gram, aus gram, in kausalem sinne:
deine brust war schwer zu zwingen,
aber da sie fessel trug,
wollte sie vor gram zerspringen
Gottsched ged. (1751) 1, 240;
der gute herzog Friedrich scheint ... vor gram sein gedächtnisz verloren zu haben J. v. Müller s. w. (1810) 11, 285; so dasz ich nicht nur nicht ausgehen, sondern auch nicht schreiben konnte, aus lauter gram (1789) W. A. Mozart br. 2, 305 Schiederm.; er wehrt sich wie einer, der aus gram nicht genesen will Werfel Bernadette (1948) 71. in fester wendung aus, vor gram sterben: Konrad starb 1101 zu Florenz, ... aus gram, da er sah, dass er von den päbstlichgesinnten ... wenig mehr geachtet ward M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 2, 315; man sagt aber, er sei gestorben aus gram Feuchtwanger Simone (1950) 285;
ah, Lilla starb
vor gram, und hat mirs nie vergeben, dasz
ich so allein ihn reiten lassen
Lessing 3, 121 L.-M.;
der knabe verging fast in seiner sehnsucht und starb schier vor gram Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 374. seltener: er starb am gram Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 31; dort (in Amerika) ist er in gram gestorben H. Laube ges. schr. (1875) 16, 96; es ist besser, als dasz sie vor gram vergehe H. v. Kleist w. 2, 245 E. Schmidt.
β)
nachfolgende präposition bezieht sich auf anlasz und gegenstand des grams. gram um, gram über mit folgendem sachlichem oder persönlichem objekt:
dasz) wir nicht dem gram um ihn (den verstorbenen freund) aus freundschaft gränzen setzen
Giseke poet. w. (1767) 46;
vor gram um dich gab ich den geist auf ... ich liege erblaszt im grabe Herder 3, 28 S.;
also, mitten im gram um verlorene jahre des siechbetts,
überraschet und weckt leuchtende hoffnung mich oft
Mörike ges. schr. (1905) 1, 94;
daselbst ergab ich mich aus mangel und gram über mein unglück der räuberei Bürger s. w. 261ᵇ Bohtz; sie ... war fast mager geworden — (vielleicht aus gram über ihn?) Holtei erz. schr. (1861) 3, 8; in seinem gram über die missethat entsagte er selbst seiner herrschaft G. Freytag ges. w. 11 (1887) 25.
γ)
nur älter kann an die stelle des präpositionalen vereinzelt ein genitivisches objekt treten:
mein abschied ist gesetz und pflicht,
ob dessen grahm ist, oder nicht
Simon Dach ged. 3, 136 Zies.; vgl. 718 Österley.
c)
in bildhaft personifizierendem gebrauch:
der sorgen lagerstatt, wo zwischen gold und zierden,
der bleiche gram regiert
Gottsched neueste ged. (1750) 111;
der unmuth weckt dich früh, gram schlieszt dein auge zu
Löwen schr. (1765) 1, 17;
gram kämmte mit eisernem kamm mein haar, mein blondes haar
Agnes Miegel ges. ged. (1927) 18.
anders, in der bezeichnung einer person, die gram verursacht: Ferdinand, du bist in deinem egoismus mein täglicher herzzerreiszender gram und wirst mein tod sein W. Raabe s. w. II 2, 262 Klemm.
6)
das subst. gram hat, im gegensatz zum adj., kompositionsbildende kraft, aber, von ganz vereinzelten ausnahmen abgesehen, nur in seinen jüngeren bedeutungen 'kummer, trauer, schmerz' (s. ob. 2; 3). vor 1750 sind nur wenige bildungen belegt, dann setzt eine starke bewegung ein, die aber entschieden erst in der poetisierenden sprache des 19. jhs., mit zahlreichen gelegenheitsbildungen, ihren höhepunkt erreicht, um dann wieder rückläufig zu werden. den stärksten anteil stellen adjektivisch gebrauchte partizipia präteriti, nach ihnen die substantivkomposita, reine adjektiva treten sehr zurück. was die form der komponierung betrifft, so herrscht die fugenlose bildungsweise fast ausschlieszlich, nur für substantiva (gramesfalte, -nacht u. a.) und adjektiva (gramesmatt, -tief u. a.) ist neben der fugenlosen form in gewissem umfang auch die möglichkeit der -es-fuge gegeben.
kompositionstypen.
a)
die mehrzahl der bildungen umfaszt bezeichnungen für innere und äuszere zustände, in denen der gram die rolle einer wirkenden und bestimmenden macht spielt.
α)
vor allem von der vorstellung aus, dasz der gram den menschen innerlich angreift, belastet, bedrängt, einschränkt und verändert, vornehmlich von gram 2 her. hier durchweg in der form des part. prät.: grambedrängt Hepp Renate (1850) 177,
grambefangen
H. Heine s. w. 1, 262 E.,
grambeladen
Fr. A. Müller Alfonso (1790) 63; Grillparzer s. w. 10, 31 Sauer,
grambelastet
Kanngieszer Tataris (1811) 31,
grambetäubt
Rosenzweig Thomsons jahreszeiten (1825) 55,
grambewegt
K. Förster ged. (1843) 1, 375,
gramentseelt
Platen in: zs. f. dt. wortf. 9, 155,
gramerschöpft
Droysen Äschylus (1841) 230,
gramgealtert
Redwitz Thomas Morus (1856) 209,
gramgedrückt
Brinkmann ged. (1789) 1, 5,
gramgepreszt
Halm w. (1856) 1, 169,
gramgeschlagen
Prutz dram. w. (1847) 2, 176,
gramverdorrt
Girardelli jugendklänge 29,
gramzerknickt
Püttmann sociale ged. (1845) 92,
gramzerquält
W. Hertz ges. dicht. (1904) 242,
gramzerrüttet
Rosenzweig Thomsons jahreszeiten (1825) 219,
gramzerwühlt
B. Weber cartons (1858) 85.
β)
daneben in partizipialen und adjektivischen bildungen, die masz und grad des anteils am gram umschreiben: gramdurchdrungen Haugwitz ged. (1804) 42,
gramgefüllt
G. Freytag ges. w. (1886) 3, 217,
gramgesättigt
Pfungst Laskaris 1, 6,
gramreich
Droysen Äschylus (1841) 377,
gramtief
A. Kerr ges. schr. 1 (1917) 146; gramestief Gisela Etzel John Keats ged. 51.
γ)
häufig in bildungen, die auf sichtbare auswirkung des grams zielen, seine spuren in gesicht, erscheinung und haltung des menschen; vor allem gram 2 b entsprechend; auch hier herrschen partizipia präteriti vor: grambedeckt (die stirn) Gotter ged. (1787) 1, 111,
grambeschattet
Johanna Ambrosius ged. (1894) 32,
gramdurchfurcht
Fr. Th. Vischer ästhetik (1846) 3, 648,
gramentstellt
Grillparzer s. w. 10, 89 Sauer; Th. Storm s. w. 5, 61 Köster,
gramgebleicht
Joh. Chr. Günther in: Campe 2 (1808) 439ᵇ,
gramgebückt
Zinzendorf in: Knapp liederschatz ⁴ 220ᵃ,
gramgefurcht
Gaudy s. w. (1844) 4, 70; Weinheber späte krone (1936) 88,
gramgesenkt
Baggesen poet. w. (1836) 5, 130,
gramgezeichnet
Rodenberg in deutschen landen (1874) 54,
gramumwölkt
Fr. A. Müller Adalbert der wilde (1793) 1, 90,
gramverdüstert
Gaudy s. w. (1844) 17, 76,
gramverschrumpft
E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 109 Grieseb.,
gramversteint
deutsches museum (1812) 4, 243 Fr. Schlegel,
gramverzerrt
P. Ernst gesch. v. dt. art (1928) 46,
gramverzogen
(die brauen) Platen w. 1, 607 H. in adjektiven: gramblasz (1853) B. v. Lepel vierzig jahre (1910) 232,
grambleich
J. Messner ausg. w. (1897) 148,
gramdüster
Nachersberg giftkocher (1798) 279; gramesdüster Spielhagen s. w. (1877) 3, 565,
gramfeucht
Gaudy s. w. (1844) 10, 76,
grammatt
gramesmatt Lenau s. w. 22 Barthel,
gramtief
(von furchen in den wangen) Robert-Tornow ged. (1897) 65,
gramtrübe
mod. dichtercharaktere (1885) 15 Arent-C.-H.; gramestrübe M. Hartmann ges. w. (1874) 1, 30. in substantiven: grameinschnitt (auf der stirn) Jean Paul w. 3, 51 H.,
gramfalte
G. Hauptmann einsame menschen (1891) 76; gramesfalte Polenz ges. w. 9 (1909) 25;
gramfurche
gramesfurche P. Lohmann dram. schr. (1863) 1, 42,
gramgesicht
Immermann w. 15, 361 H.,
gramhaupt
Immermann w. 12, 68 H.,
grammiene
Fr. Uhl a. mein. leb. (1908) 198.
δ)
bei einer reihe von bildungen in der form des part. prät. ist ein doppelgebrauch gegeben, der sowohl auf die innere wirkung des grams geht wie auf ihren sichtbaren ausdruck. bei den im folgenden aufgeführten wörtern zeigt jeweils der erste nachweis den gebrauch α, der zweite den gebrauch γ, doch ist auch bei manchen der unter α und γ erscheinenden wörter eine derartige doppelanwendung als möglich anzunehmen: grambeschwert (das herz) W. Hertz ges. dicht. (1904) 288; (das haupt) Freiligrath ges. dicht. (1870) 4, 54,
gramgebrochen
Rückert ges. poet. w. (1867) 12, 48; (die gestalt) Gaudy ges. w. (1844) 3, 53,
gramumdüstert
Gutzkow ges. w. (1872) 4, 237; Jul. Mosen s. w. (1863) 1, 235,
gramumflort
(das herz) H. Heine s. w. 1, 405 E.; (die augen) Grotthusz am strome d. zeit (1885) 122,
gramumnachtet
Fulda neue ged. (1900) 298; Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 84,
gramverstört
C. F. Meyer ged. (1900) 279; M. Greif ges. w. (1895) 2, 329,
gramversunken
A. v. Berger ges. schr. (1913) 2, 195; (die wange) Herder 28, 322 S.,
gramzerrissen
(das herz) J. Meszner ausg. w. (1897) 261; (das gesicht) Schubart s. ged. (1825) 2, 334,
gramzerstört
Tieck schr. (1828) 2, 99; Holtei vierzig jahre (1843) 1, 120.
b)
weniger zahlreich sind zusammensetzungen, die befreiung und erlösung vom gram umschreiben. hier erscheinen die seltenen partizipia präsentis:
grambetäubend
B. Weber lied. a. Tirol (1842) 145,
gramstillend
Gaudy s. w. (1844) 4, 72,
gramverscheuchend
Seume ged. (1804) 197,
gramzerstreuend
Spielhagen s. w. (1877) 4, 235. entsprechend auch nomina agentis: grambedecker Rückert ges. poet. w. (1867) 12, 55,
grambezwinger
Bürger s. w. 75ᵃ Bohtz,
gramverscheucher
Rückert ges. poet. w. (1867) 11, 372,
gramvollender
(der tod) Goekingk lieder (1777) 115. daneben begegnen aber auch hier partizipia präteriti: gramentbunden Schiller 1, 108 G.,
gramentfesselt
Doro Caro novellen (1797) 2, 56,
gramentladen
Fr. A. Müller Richard Löwenherz (1790) 162,
gramgenesen
gaben der milde (1817) 3, 160.
c)
in der koppelung mit den verschiedensten begrifflichen oder gegenständlichen beziehungswörtern vertritt gram als erstes wortglied ein adjektivisches attribut im sinne von 'gramvoll, traurig': gramgebärde Saar s. w. (1908) 2, 39,
gramgedanke
Herder 28, 435 S.; Fel. Dahn ged. (1908) 368,
gramgeläut
Liliencron s. w. (1896) 8, 178,
gramgemach n.
W. Waiblinger ged. a. Italien 2, 35 Grisebach,
gramgesang
G. Keller ges. w. (1889) 9, 110,
gramgeschick
Dehmel ges. w. (1906) 2, 52,
gramlachen n.
Lindenborn Diogenes (1742) 2, 280,
gramlied
Droysen Äschylus (1841) 67,
gramseufzer
gramesseufzer D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 12, 121,
gramstimme
C. Hauptmann krieg (1914) 35.
d)
manche zusammensetzungen mit gram- im ersten wortglied stehen für einfaches gram; so bildhaft charakterisierende umschreibungen:
gramgewebe
Sallet s. schr. (1845) 4, 322,
gramgewölk
Sonnenberg Donatoa (1807) 2, 40,
gramrost
gramesrost Rosenzweig Hafis (1858) 1, 687,
gramschatten
Gaudy s. w. (1844) 21, 152; gramesschatten Herder 11, 299 S.,
gramschleier
gramschleyer M. Claudius s. w. (1775) 1, 122,
gramtau
gramthau Rückert ges. poet. w. (1867) 5, 183,
gramwurm
Ott Rosamunde (1892) 8. ähnlich in der bindung an gleichbedeutende oder verwandte begriffe: grambeschwerde Fouqué zauberring (1812) 1, 181,
gramnot
gramnoth Rückert ges. poet. w. (1867) 2, 179.
e)
in der bindung an adjektiva aus dem gleichen sinn- und gefühlsbereich hat gram als erster wortbestandteil verstärkende funktion: grambitter Droysen Äschylus (1841) 146,
gramempört
ebda 127,
gramverdrossen
Dehmel ges. w. (1906) 2, 14.
gram adj
Fundstelle: Lfg. 11,12 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1752, Z. 46
ahd., mhd., as., ags., dän. gram 'feindselig, erzürnt, böse', an. gramr gleicher bedeutung. aus dem germ. entlehnt afrz. gram, it. gramo 'betrübt'. mit gram, m., grämen, vb. und weiteren ableitungen ablautend zur germ. wortgruppe gremm(j)a-, gremman in grimm, grimmen (s. diese) und wie diese aus idg. *ghrem- 'laut und dumpf tönen, knirschen', deren auszergerm. verwandte unter ¹grimm aufgeführt sind; vgl. im übrigen Falk-Torp 142; Pokorny idg. etym. wb. (1951) 458; Kluge-Götze ¹⁵276ᵇ. im ahd. ist gram erst seit Notker (s. u. B 1) und auch bei ihm nur vereinzelt belegbar; die bezeugung des 12. jhs. weist vorwiegend ins md. u. nd. (Straszb. Alexander, Eneide, Eilhart Tristan), wie das wort schon dem Heliand geläufig ist. erst im 13. jh. häufen sich die obd. nachweise. aber neben ahd. gram steht gramî, f. (s.gräme) undmit besonderer suffixbildungälter, z. t. seit dem 8. und 9. jh. bezeugtes ahd. gramizzôn (s.gremsen) fremere, gramizi, gramizzîg (s. gremsig), gramizlîh tristis, iratus, gramizî, gramiza ira, gramizzunga fremitus (Graff 4, 322 f.), die grösztenteils schon vormhd. absterben oder nur mundartlich weiterleben, aber teils für die wurzelbedeutung fremere, teils für frühen wechsel zur bedeutung 'trauer' hinüber bezeichnend sind. zu dem für die ganze sippe gramgrämen typischen schwanken zwischen den bedeutungen 'zorn' und 'trauer' sieh im übrigen vor allem s. v. gram, m.; zum nachleben der ursprünglichen bedeutung 'knirschen' vgl. noch mhd. grambîzen 'mit den zähnen knirschen' md. Hiob 6209; 6576 Karsten; s. auch s. v. ²grammeln, vb- die dehnung der alten vokalkürze ist erst allmählich eingetreten, beim adj. später und zögernder als bei gram, m. (s. d.). für das 16. und 17. jh. ist durch die schreibung gramm vokalkürze noch in sehr vielen fällen wahrscheinlich gemacht, während bezeichnung der länge in schreibungen wie grahm Egranus pred. (1522) 165; Greiser historia (1587) B 1ᵇ (noch Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. [1727] 3, 28) oder graam Kepler opera 1, 574 demgegenüber vereinzelt bleibt; die im übrigen vorherrschende schreibung gram läszt, auch in der stellung des reimworts, eine sichere deutung nicht zu. zur verschiedenen behandlung des adj. und des subst. vgl. noch im späteren 17. jh.: zu unterscheiden sind: (der) grahm cura. gramm odiosus Bellin hdt. rechtschreib. (1657) 124; gram mit dem kurtzen a, ohne h, ist feind, gehässig Gueintz d. dt. rechtschr. (1666) 76; noch gramm gehässig Gottsched dt. sprachkde (1748) 76. seit der mitte des 18. jhs. dürfte auch beim adj. die länge des vokals schriftsprachlich allgemein gelten; ein gramm asper, grob, herb Frisch (1741) 1, 366ᵃ im unterschied zu einem gram seyn ebda greift nur noch historisierend (Maaler zitierend) auf den älteren gebrauch des wortes (s. u.A) zurück. die mundarten halten z. t. die alte kürze fest, vgl. schweiz. id. 2, 731; Mensing schlesw.-holst. 2, 464; Böning Oldenburg 40 u. ö. ein vereinzeltes gramm noch bei Jahn w. 1, 98 Euler steht wohl unter mundartlichem einflusz.an formvarianten vgl. mhd. und älternhd. gran Lexer 1, 1067; schweiz. id. 2, 731; Fischer schwäb. 3, 786; dazu liedersaal 3, 224 Laszberg; Konrad v. Helmsdorf sp. d. menschl. heils 2448; 3814 Lindqvist; Diefenbach gl. 184ᵃ. singulär bleiben grame Diefenbach gl. 393ᵇ; gramme (: flamme) Zinkgref ged. 57 ndr.; gramb Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 958. — steigerungsformen mit umlaut, seltener umlautlos, vgl.deste gremer Cammermeister chron. 146; gremmer Luther 49, 28 W.; grämer Lohenstein Arminius (1689) 2, 99ᵃ; 1055ᵃ; Hübner christ-comoedia 3 lit.-denkm.; am grämesten Herberger hertzpostilla (1613) 1, 268; am grämsten Logau sinnged. 122 Eitner; desto grammer Heroldt v. d. zung (1544) 146ᵃ; gramer Lessing 3, 425; 5, 75 L.-M.
A.
selbständiger, von der bindung an ein dativ- oder ein präpositionalobjekt (s.B) gelöster gebrauch des wortes begegnet in attributiver, prädikativer, vereinzelt auch adverbialer anwendung bis ins 17. jh. durchaus nicht selten, darüber hinaus gelegentlich wieder in jüngster sprache, hier aber mit neuem ansatz (s. u. 4). grimm und grimmig, beide geläufigeren gebrauchs, liegen bedeutungsmäszig nahe, decken sich aber mit gram nicht durchaus.
1)
'ergrimmt, erzürnt, wütend'. in glossierungen für iratus Diefenbach nov. gl. 222ᵃ; iracundus gl. 309ᵃ; Schöpper synonyma b 6ᶜ. vereinzelt mit spürbarer beziehung auf die wurzelbedeutung 'knirschen': frendere knarssen mitten tanden in grammen moede (nl. 1500) Diefenbach nov. gl. 182ᵃ. vornehmlich prädikativ:
sînes muotes was er (Alexander) gram.
er zerstœrte Galleleam
Lamprecht Alexander (hs. B) s. 85 Kinzel;
katzen haben zungen mit einer ... scherpffe, ... etzt dem menschen ... die haut auff. welches ein vrsach ist, ... wenn der geyffer schyer das bluͦt rüret, das sye gramm darüber werden (... invitat ad rabiem) Eppendorff Plinius (1543) 211;
wie sie nun schwiegen allesamm,
da sprach der graff vnd ward sehr gram:
'wir sehen wol, wir seind betrogen'
Fischart Eulenspiegel v. 3999 Hauffen;
jemand gram machen inimicare uno, farsi uno infenso ò nemico Kramer t.-ital. 1 (1700) 555ᵇ. gern in zweigliedriger verbindung:
do der buschof dat vernam,
hei wart trurich unde gram,
dat de burge waren verloren.
hei intfeinc des so groissen zoren
(Köln um 1270) städtechron. 12, 99:
eyn hellich wyf (kam) gelopen seere.
sy was so bissich und so gram,
ich wende dat it eyn duͦvel were
mhd. minnereden nr. 23, 39 Thiele;
do das der marschalk vernam (die ablehnung einer bitte),
er wart so iämerig vnd so gram (auf den könig)
Hans v. Bühel Diocletian 4330 Keller.
alliterierend:
wie oft befand sich der gotlosz,
wan er, gantz schröcklich, gram und grosz,
mich zu nichts machen wolt, betrogen?
Weckherlin ged. 2, 96 Fischer.
bei der besonders im mnd. formelhaften verbindung mit zornig ist dagegen nicht zu entscheiden, wieweit gram hier von 'zornig' zu 'traurig' (s. u. 4) hinüberwechselt:
des bin ich zornich ind gram
Karlmeinet 290 Keller;
as scheir as si an den coninc quam,
si maichde in zornich unde gram
(Köln um 1270) städtechron. 12, 30;
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 3814 Lindqvist;
do Hintze sach dat he sterven scholde,
he was tornich unde gram
Reinke de vos 47 Prien; vgl. 160.
2)
als 'grimmig, böse' im sinne einer dauernden, wesensmäszigen eigenschaft, nicht eines vorübergehenden gemütszustandes; glossierend für dirus Diefenbach gl. 184ᵃ. so mhd. substantiviert:
ich (Christus) quam in mines vater namen
zu den holden und zu den gramen (zu aller welt)
Heinrich v. Hesler apokalypse 19 246 Helm.
verstärkt als der got(s) grame:
ze jungst dem gotes gram
unsännft ain tiefel kam
und galt im sin boszhait
märterbuch 11 241 Gierach;
vgl. 11 049; 16 259; 25 409 u. ö.; Nicolaus v. Jeroschin pr. chron. 8992 Strehlke. attributiv gern als typisches beiwort, wie unter grimm, adj. 3 a; b:
dô wart den heiden gramen
ein wârer gotes bote gesant
Servatius v. 148 in: zs. f. dt. altertum 5, 82;
wie bitterlich die juden gram
auff dich (Christus) gefallen sind!
bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 1, 105;
mit was schlimmen, gramen leuten ich zu thun gehabt, weiset das werk aus, denn sie mir das geleugnet, was brief und siegel besaget hat Schweinichen denkw. (1878) 312;
siner (Daniels) vyenden grosser nyd
stifft das in kúng Nabuchodonosor hiess ...
ablassen in des todes ban
under siben löwen gran
Konrad v. Helmsdorf spiegel d. menschl. heils 2448 Lindqvist.
ähnlich noch bei Lohenstein, der das wort vieldeutig verwendet (s. auch 3):
wie viel ist noch verspielt? des gramen vaters wort
Ibrahim sultan (1680) 36;
aus den vogeln die fledermausz mit dem gestirne des gramen Saturnus verwandtschafft habe rosen (1708) 129. auch objektiviert, neben sachlichem beziehungswort:
Cain mit dem morde gram
in sibenleige sunde quam
historien d. alden ê 167.
als 'bitter' im gegensatz zu 'süsz':
wer schwätzt dir grame lügen
für süsse warheit ein: dasz deiner jahre mey,
der voller knospen steht, nicht liebesfähig sey?
Lohenstein Ibrahim sultan (1680) 65.
3)
bei Lohenstein anscheinend auch in der passiven bedeutung 'verhaszt', s. dazu auch B 3:
nun! Nero mag sich nicht mehr mit der gramen kwälen
(mit seiner ihm verhaszten gemahlin Octavia)
Agrippina (1680) 5; vgl. 84.
4)
die bedeutung 'traurig' tritt nur in spuren hervor, freilich schon früh:
daz ich ir heiles gan
baz danne ein ander man,
und bin dâ bî
ir leides gram, ir liebes frô
minnesangs frühling 207, 34;
do en was ze houe neman gram,
mer blyde, vro ind gemeyt
Karlmeinet 315 Keller.
so vielleicht auch, wenn das und disjunktiv genommen werden darf, in der unter 1 aufgeführten verbindung zornig und gram, zumal ihrer mnd. belegung, da mnl. (nicht nl.) gram häufig den sinn von 'traurig, betrübt' annimmt, s. Verwijs-Verdam 2, 2100. poetischer gebrauch in jüngster sprache ist spontan und steht zweifellos unter dem einflusz von gram, m., in dessen jüngerer bedeutung 'kummer':
schirmherrin du empfingst mich oft am tor
wenn ich von westen kam mit gramem blicke
Stefan George d. siebente ring (1909) 200;
'nein', erwiderte die frau und ein gramer zug haftete an ihrem mund Watzlik d. alp (1923) 24.
B.
seit alters vorherrschend und seit dem 18. jh. nahezu ausschlieszlich in den wendungen jmd. oder einer sache gram sein und gram werden, älter gelegentlich auch mit präpositionalem objekt an stelle des dativischen (s. u. 4 a).
1)
jmd. gram sein, werden in der persönlichen beziehung auf ein lebewesen. in allgemeinen und spezielleren anwendungen, wobei die grundbedeutung feindlicher beziehung sich mehrfach abstuft und sich besonders in jüngerer sprache mildert; diese beziehung selbst wird meist als andauernde, seltener als affektbestimmte empfunden. in älteren glossierungen für infestus Diefenbach gl. 296ᶜ; Reyher thes. (1686) 1278; odiosus Diefenbach gl. 393ᵇ; invidiosus Alberus dict. (1540) Dd 2ᵃ.
a)
als 'feindlich, übelwollend', namentlich im bereich politischer feindseligkeit und offener fehde; so schon in der frühesten hd. bezeugung des wortes, aber kaum über das 16. jh. hinaus: fone in dien er (der könig Theoderich) so gram uuas Notker 1, 28, 28 P.;
dannen er (Alexander) durch daz lant brach.
er tede ein michel ungemach.
er was Dario gram
Vorauer Alexander v. 685 Kinzel;
ich diene einem kurfursten hochgeboren,
der mich zum ernst hat auserkoren,
pfaltzgraue Friderich ist sein nam,
den rawbern ist er gram
(ca. 1470) Ziegler geschützinschriften (1886) 35;
wurden dem alten könig gram,
stelten im heymlich nach dem reich
Hans Sachs 2, 296 lit. ver.;
und weil er, der bapst, sahe, das die Meilender dem keyser sonderlich gram waren, schickt er legaten zu jnen Luther 54, 326 W.;
da von worden sie jhm (Jesus) ser gram,
sagten, er wer ein böser man
Wackernagel dt. kirchenlied 3, 252;
dann der hertzog was denen von Zürich gramm (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 206. vergleichbar: der hundt ist dem hasen zwar graam, wann aber der haass in seinem gesträuss bleibt, und der hundt zu hauss, so gehet einer den andern nichts an Kepler opera 1, 574 Frisch.
b)
als beziehung von person zu person, für ein verhältnis persönlicher, durch hasz bestimmter feindschaft:
... than uuirdit thoh huue ôdrumu an is môde sô gram
Heliand 1441 B.;
wande dir ist vil gram
Caracter mîn junger sun,
wande du irslûge Porum,
den vater sînis wîbis
Straszburger Alexander v. 6228 Kinzel; vgl. 2568; 4128;
vnd Esau war Jacob gram vmb des segens willen 1. Mose 27, 41; aber Bartholomaeus Usingen ... war Luthero grahm, und sahe jhn sawer an Greiser historia (1587) B 1ᵇ;
Ulysses wurd mir tödlich gram
Spreng Äneis (1610) 24ᵇ.
ebenso vereinzeltes gram bleiben (s. noch unter 4 a):
Reinken bleib ich gram
Reinicke fuchs (1650) 297.
auch für das verhältnis gottes zum menschen:
ac (wenn er) uuenkid thero uuordo, than uuirdid im uualdand gram,
mahtig môdag, endi sô samo manno barn
Heliand 1377 B.;
wenig frúnde solt got han,
wan er ist in mit liden gran
E. Stagel bei Seuse dt. schr. 397 Bihlm.;
wer sin hertze kusch lesst sin ...
wy mochte god dem werden gram
Johannes Rothe lob d. keuschheit 2260 Neumann; vgl. 3523;
quia quando cor dicit: deus ist mir gram, sol fides da sein und schilt fur halten et dicere: ego baptizatus et ornatus veste Christi Luther 46, 131 W. jünger gemildert, aber noch auf dieser linie: Matabrun, seine mutter, ging ihm aber entgegen und war der jungen braut gram; darum, dasz er sie nackt und blos heimgeführt hatte und niemand wuszte, woher sie stammte br. Grimm dt. sagen (1891) 2, 156; er ... trieb es überhaupt so häszlich, dasz Tobias ihm recht gram wurde Holtei erz. schr. (1861) 5, 141. nur in älterem gebrauch gelegentlich im sinn einer plötzlich aufflammenden gefühlswallung des zornes oder hasses:
als der sieche daz gesach,
daz er sîn wort niht vernam,
des wart er im alsô gram,
daz er im begunde fluochen
Stricker Dan. v. blüh. tal 4620 Rosenhagen;
des wart der keiser wünne frî
und alsô zornbære,
daz er mir was gewære
und alsô vîentlichen gram,
daz er mir sîne hulde nam
und er mir gruozes niht enbôt
Konrad v. Würzburg Partonopier 18 143.
c)
die verbindung jmd. gram sein umschreibt mit einer gewissen vorliebe das verhältnis zu einer gruppe von lebewesen oder zu einem bestimmten menschentyp, die man ablehnt, denen man heftig abgeneigt ist:
wer frawen haszt, dem bin ich gram
liederbuch d. Hätzlerin 100 Haltaus;
sey den bösen gram mon. Germ. päd. 20, 58, 7; ich bin keinem menschen so gram, alsz dem der fluchen thut B. Krüger Clawerts werckl. hist. 29 ndr.; ich binn ihnen allen von herzen gram (den groszen herren), und wo ich sie scheren kann, so thu ich's Göthe I 39, 5 W.; darum muszte jeder kantor den pietisten gram sein Schweitzer Bach (1948) 154. schwächer auch soviel wie 'jmd. nicht leiden mögen': das Xenocrates ein weiser, frommer koͤnig gewest sei, vnnd doch so überausz heszlich, das man jm seiner heszlichkeyt halben gram war, vnd muͤst seine weiszheyt vnd fromkeyt seiner heszligkeyt entgelten Er. Alberus ehbüchlin (1539) F 2ᵃ;
die welt ist alten leuten gram und ehrt sie kaum mit einem blicke
Logau sämtl. sinnged. 477 lit. ver.;
wenn er (der häszliche, gute hund) es länger treibt, so höre ich endlich auf, den budeln (pudeln) gram zu seyn Lessing 2, 184 L.-M.
d)
alt ist eine spezielle anwendung auf erotische beziehungen. zunächst allgemein für das fehlen solcher beziehungen, als umschreibung erotischer gleichgültigkeit oder abneigung:
dô was si mir iemer mêre
in ir herzen gram
unde erbôt mir leit ze aller stunde
Reinmar v. Hagenau in: minnesangs frühling 161, 9;
den (mann) schol man schwerzen als ainn morn
und schol in beschern als ainn torn,
das im di frauen werden gram
fastnachtspiele 705 Keller; vgl. 758;
ich bin fromm, als wie ein lamm,
gleichwohl sind die jungfern alle
mir zum blossen possen gram
Chr. Weise d. grün. jugend überfl. gedanken 137 ndr.
der Luther bibel entstammt formelhaftes jmd. gram sein, gram werden 'seiner überdrüssig werden', prägnant für das erlöschen des erotischen gefühls von einem liebenden oder einem ehegatten zum anderen, im 16. und 17. jh. geläufig: wenn jemand ein weib nimpt, vnd wird jr gram, wenn er sie beschlaffen hat 5. Mose 22, 13; vgl. 16; richter 14, 16; 2. Sam. 13, 15; Mal. 2, 16; Sirach 42, 9 (wo in der ersten dt. bibel überall umschreibungen mit hasz und hassen); da der man macht hatte eyn weyb von sich zu stossen, wenn er yhr gram odder müde ward Luther 12, 118 W.; vgl. 30, 2, 190;
ein ehmann seinem weib war gram,
legte demnach hin allen scham,
gieng in ein hurhausz ohne schew
Sandrub hist. u. poet. kurzweil 66 ndr.;
(dasz jemand im gedränge erstochen wird,) geschiehet auch wol von den weibern an ihren männern, wenn sie ihnen gram werden Andersen oriental. reisebeschr. 21 Olearius. archaisierend:
du kind der arbeit, das bei mir lag,
ich wurde dir gram seit manchem tag.
meine liebe verblich wie ein brand verblaszt,
deine stimme ward meinem herzen verhaszt
Agnes Miegel ges. ged. (1929) 6.
in umgekehrter wendung jmd. nicht gram sein 'jmd. lieben', zumindest 'jmd. gut leiden mögen', bis in jungen gebrauch: sie, die jungfrau, war mir auch nicht gram ... nun wäre es leichtlich angangen, dasz ich sie geheiratet hätte (1574) Schweinichen 1, 95 Büsching;
ich hab jhn lieb, er ist mir nicht gram,
da kommen die lieben kinder van
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Kk 2ᵃ;
(Lieschen:) er ist mir gut — ja, ja, das weisz ich —
und ich — ich bin ihm auch nicht gram
Kotzebue s. dram. w. (1827) 1, 242;
Gaudy s. w. (1844) 2, 112.
e)
schon in frühem gebrauch auch wesentlich gemildert, soviel wie 'jmd. böse sein, werden, jmd. etwas übel nehmen', unter der voraussetzung einer meist nur vorübergehend gestörten menschlichen beziehung und oft mit ausdrücklicher benennung des eine solche störung auslösenden anlasses; vgl. schon:
muot ik (Abraham) thi frâgon nu,
sô thu mi thiu gramara ni sîs, god hebanrîki?
as. genesis 202 B.;
dar umbe sî mir niemen gram,
daz ich die wârhait hân gesprochen
Heinrich v. Melk erinner. 438 H.-K.;
mit senfften worten glat
bat wir den heiligen man (den pater guardian),
das er unns nit wer gran
und uns ein urlaub geb
meister Altswert 235 lit. ver.;
isz wie ein mensch, was dir furgesetzt ist, vnd frisz nicht zu seer, auff das man dir nicht gram werde Sirach 31, 19; (Karl d. gr.) ist den ärzten etwas gram gewesen, das si im das pratten, das er am allerliebsten as, immer verpoten Aventin bayer. chron. 2, 152 L. im späten 18. jh. neu auflebend:
und er (der vater) würde vielleicht vom schlechteren diener befriedigt,
der diesz (seine eitelkeit) wüszte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein
Göthe I 50, 253 W.;
übrigens musz man Wieland deswegen nicht gram werden ders., gespräche 3, 58 W. v. Biederm. in jüngerer sprache liegt hier der hauptgebrauch des wortes, wenn er auch, im unterschied zu der gleichen wendung mit böse, im ganzen gewählter sprechart vorbehalten bleibt: übrigens, bester freund, empfinde ich keine neigung zu ihnen, so wenig als zu jemand anderm, und hoffe, dasz sie sich mit aller hingebung und artigkeit, die sie soeben beurkundet, in das unabänderliche fügen werden, ohne mir gram zu sein G. Keller ges. w. (1889) 4, 56; er merkte auch, dasz ich ihm nach möglichkeit aus dem wege ging, aber er war mir darum nicht gram Fontane ges. w. (1920) II 1, 180; (die schwester) aber ... sprach ruhig und beruhigend auf Jodokus ein und sagte, dasz keiner zu haus ihm gram sei und jeder sich auf seine rückkehr freue Winnig wunderbare welt (1938) 159. zustand und verhältnis des 'böse seins' bezeichnend: Gottern bin ich gram und grüsse ihn also nicht (1797) Caroline br. 1, 186 Waitz; Marie Antonie war Calonnen gram, seit er, ohne sie zu fragen, die notabeln eingeleitet Dahlmann gesch. d. frz. revolution (1845) 113.
f)
in weiter abgeschwächtem sinne jmd. nicht gram sein (können) u. ä. 'ihm nicht böse sein können, ihn leiden mögen, ihn gern haben müssen', in alter und in junger anwendung:
er es skône end lussam,
hem enmochte nieman wesen gram
Heinrich v. Veldeke Eneide 1546 B.;
der minneclîchen meide triuten wol gezam
in muote küener recken: niemen was ir gram
Nibelungenlied 3, 2 L.;
ich kan ihm nicht gram seyn Kramer t.-ital. 1 (1700) 555ᵇ; es ist nicht möglich, ihm gram zu seyn, der erste anblick hat mich erobert Schiller 4, 279 G.;
im grund kann man dem burschen gram nicht sein
Grillparzer s. w. 8, 65 Sauer;
auch wenn er immer mit einer bitte kam, so konnte ihm doch niemand gram sein E. Wiechert missa sine nomine (1950) 136.
g)
sich selber gram sein, werden 'sich selbst hassen', meist in dem milderen sinne von 'auf sich selbst böse sein, sich selbst nicht leiden mögen':
von hertzen wer mir selbert gram,
wann ich solt helffen bundtsgenossn,
ja brüder, sich zusammen stossn
Gilhusius grammatica (1597) 131;
denn ein mensch ist oft im äuszern also böse von sternen genaturiert, dasz er ihm selber gram wird Jac. Böhme s. w. 3, 265 Schiebler;
ich bin mir selber gramm, mein leben ist mir leydt,
weil ich von euch gehaszt, auff die ich einig trawe
Opitz teutsche poemata 35 ndr.;
ja wie beist mich mein gewissen (aus reue über die sünden),...
und wie gram bin ich mir selber,
dasz ich mich kaum leiden kan
Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 49;
ich bin mir recht gram, dasz ich mir nur einen augenblick etwas unrechtes von ihnen habe einbilden können Lessing 2, 137 L.-M.;
ich bin mir gram, dasz mich der zorn bemeistert
Grillparzer s. w. 7, 10 Sauer.
h)
gelegentlich kann die wendung jmd. gram sein ein sachliches subjekt haben, sofern dieses personifiziert gedacht ist:
wan mir ist diu Sælde gram
Hartmann v. Aue Gregorius 2562;
die lieb ist stoltzen (menschen) gram und stürtzt sie mit den jahren
J. Chr. Günther ged. (²1739) 268;
die musen sind mir gram
Stoppe Parnasz (1735) 341.
2)
einer sache gram sein oder werden, vorwiegend in abstrakter beziehung; seit alters neben 1.
a)
im sittlichen bereich, auf den widerstand gegen moralische unwerte und laster bezogen:
uf saz der allen schanden gram
was und eren gert
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 11 816 R.;
lügen bin ich gram, vnd habe grewel daran, aber dein gesetze habe ich lieb ps. 119, 163; Hagedorn poet. w. (1769) 2, 79; den peccatis gram werden et in illa innocentia confirmari Luther 49, 220 W.;
dem spielen war ich gram und geiler metzen schaar
S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 54;
allein dem prahlen bin ich gram
Wieland s. w. (1853) 3, 266.
b)
darüber hinaus in verschiedenartigster sachbeziehung, soviel wie 'eine sache ablehnen', auch 'ihrer überdrüssig sein oder werden', auch in junger gewählter sprache noch sehr gebräuchlich: ich (gott) bin ewrn feiertagen gram, vnd verachte sie, vnd mag nicht riechen, in ewr versamlung Amos 5, 21; vgl. 6, 8; aber ich bin newen wörtern gram (1543) Luther 54, 32 W.; vieleicht redet hier ein medicus, der den hausmitteln gram ist anmuth. gelehrsamkeit (1751) 8, 764 Gottsched; es ist sonderbar, dasz sittenmeister, kleiderordner, vorsteher von bildungsanstalten und ähnliche herrn, demjenigen kleidungsstück (der jacke) so gramm sind, was noch am meisten die männliche menschengestalt ... hervorschimmern lässet Fr. L. Jahn w. 1, 98 Euler; die spekulation, der er mit den jahren gram wurde Meinecke Boyen (1896) 1, 26;
... die götter walten:
lassen sie das neue werden,
traun, so sind sie gram dem alten
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 31.
in der beziehung auf betont positive werte leicht ironisierend: der kunst ist niemand gram, als der sie nicht kan Lehman floril. polit. (1662) 1, 485;
so wurden wir zuletzt auch unser hoffnung gram
(gaben sie auf, als zu oft enttäuschte)
Olearius persian. reisebeschr. (1696) 44ᵃ;
betrachtet, wofern ihr eurem eigenen vergnügen nicht gram seyd, diese rede in ihrem ganzen zusammenhange Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 332. vgl. mundartl. scherzhaftes einer speise gram sein sie gerne essen, erpicht darauf sein. d' spatzeⁿ sind deⁿ chriesene (kirschen) gram suchen sie zu vertilgen schweiz. id. 2, 731. der gegenstand des gram seins kann gelegentlich, wie unter 1 h, als ein lebendiges empfunden sein:
sei meiner stimme nicht auf ewig gram,
wenn sie dir jetzt den allerbängsten schall
angiebt, der je dein ohr durchdrungen
Schiller 13, 125 G.;
es gibt eine anzahl menschen ..., die jener französischen granate gram sind, die an einem dezembermorgen, aus blinder ferne abgefeuert, mann, pferd und wagen zerschmettert habt Bröger d. unbekannte soldat (1917) 54. in formelhafter wendung keinem ding gramer sein als ... 'nichts so sehr ablehnen wie ..., nichts weniger leiden können als ...': Germanicus wuste wol, dasz Tiberius keinem dinge grämer als neuerungen wäre Lohenstein Arminius (1689) 2, 1055ᵃ; ich (Lessing) bin zeit meines lebens keinem dinge gramer gewesen, als den critiken über gedichte Lessing 5, 75 L.-M.; vgl. 3, 425.
c)
auch hier, 1 h entsprechend, mit personifiziert gedachtem sachlichen subjekt, nur mhd. nachweisbar:
minn unde kintheit sint ein ander gram
Walther v. d. Vogelweide 102, 8;
Winsbekin 32, 1;
din rede si der untogent gram
Johannes Rothe lob d. keuschh. 5228 Neumann.
3)
nur ganz vereinzelt und nur in älterer sprache scheint in der wendung jemandem gram sein das wort aus seiner aktiven bedeutung in die passivische 'verhaszt' hinüberzutreten, in analogie zu A 3; vgl. mnd. mi is gram mir ist etwas leid, verhaszt Lasch-Borchling 1, 2, 148: dem bure was dyt (das eigenmächtige vorgehen des vogtes) gram unde was quad (1416) Lübecker chron. 2, 491 Grautoff (bei Schiller-Lübben 2, 139 als substantiv angesetzt). im folgenden beleg nicht sicher zu entscheiden: (der teufel) bracht sie (Eva) ausz der gnad vnd lieb vnter den zorn vnnd feyndtschafft gottes, das die liebe Eua gott wider gram vnnd feynd wardt Mathesius ausg. w. 4, 132 Loesche. die wendung sich selbst gram sein unter 1 g, die sich oft ohne mühe in passivischem sinne deuten liesze, ist angesichts fast des gesamten übrigen wortgebrauchs wohl doch als aktivische aufzufassen.
4)
in besonderen syntaktischen konstruktionen.
a)
nur selten tritt an die stelle des dativobjekts ein präpositionales. mhd. gram werden an:
er wolt daz die getriuwen wurden an einander gram
Wolfdietrich A 50 Amelung.
namentlich im mnd. gram sein auf:
al is de konninck gram up mi
unde mannich ander, de em is bi
Reinke de vos 77 Prien;
ick was up my selven gram unde wret bei Schiller-Lübben 2, 138ᵇ. vgl. noch gram bleiben auf: so gram und verbittert waren sie nun auff die Polen geblieben Petreius hist. u. ber. v. Muschkow (1620) 28.
b)
elliptische gebrauchsweisen. so besonders mit ersparung des hilfsverbums, meist in prädikativer funktion: darauff beruhets, dasz er (papst Sixtus V.) in gemein allen ketzern gram, in sonderheit dem könig von Nauarren Fischart discours (1589) E 3ᵃ;
sein herze, so dem schauer gram
Grob dichter. versuchgabe (1678) 130;
das (herz) lange schon, der hofgaleere gram,
nach einem freien augenblick sich sehnte
Schiller 5, 51 G.;
gram dem spiel von freund und schwester
sprengt er (der held als kind) einsam über schluchten
Stefan George d. siebente ring (1909) 58.
ungewöhnlich in attributiver funktion: daher belägerte er ihn mit denen ihm ebenfalls gramen Breutzen Lohenstein Arminius (1689) 1, 492ᵃ. vereinzeltes, auch substantiviertes gram sein setzt ellipse des dativobjekts voraus:
(die feinde) die mich, weisz nicht, warümm
aus selbst gefastem hasz und gramm seyn rennen ümm
Fleming teutsche poemata (1642) 20;
(er) behält doch das recht und die macht, von sich zu lassen, welche er wil, nach dem sie es verdienet, oder er sie lieb hat oder gram wird Prätorius Turci-cida (1664) S 2ᵇ. die aus der wendung jmd. gram sein verkürzte älternhd. redensart gram wider gram ist anekdotischen ursprungs: bey vns lag ein jud inn eim gasthof tödtlich kranck; wie die andern im befehlen, er sol Abraham, Isaac und Jacob von jrent wegen grüsen, Christus aber ist dir gram: wider gram, sagt der sterbende jude Mathesius ausgew. w. 3, 347 Loesche. vgl. Luther 25, 61 W.; Henisch (1616) 1728; Eyering proverb. copia (1601) 2, 699; 3, 198; 611.
5)
synonyme oder antithetische verbindungen gehören vor allem älterer sprache an. feind und gram, auch in umgekehrter wortfolge, vom 15. bis ins 17. jh. sehr geläufig: wan er ungerechtickeyt also feint wer und gram theologia deutsch 77 Mandel; da wird man denn balde dem gesetze feind und gram Luther 16, 83 W.;
yederman ist dir gram und feindt
Hans Sachs 9, 146 lit. ver.;
wäre gott mir gramm und feind,
würd er seine gaben,
die mein eigen worden seynd,
wol behalten haben
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel (1903) 3, 384.
vereinzelt auch jünger noch:
wenn die weiber einander wirklich sich gram sind und feind —
wann's gegen die männer geht, so sind sie alliiert und freund
Meisl theatr. quodlibet (1820) 5, 12.
daneben gram und gehässig o. ä.:
ich bin in von schulden
immer nîdic unde gram
Neidhart 97, 38 Wiessner;
beheltest (du als mann) aber ettwas in deinem gewalt, so spricht sie (deine frau), du woͤllest ir nit getrawen, wirt dir gehasz vnd gram, schilt vnd flucht dir Albrecht v. Eyb dt. schr. 1, 6 Herrmann; mancher macht es darnach, dasz ihm die leute gram und gehäszig werden Quirsfeld geistl. myrrhengarten (1717) 362. von da aus auch in mehrgliedriger reihung: also das die thier dermassen auch sind vnder einander, einander gramm vnd grasz, neydig vnd häszig (wie die menschen) Paracelsus opera 2, 326 Huser; er, der verdammte geist ... wie er nun allen christen gram, feind und gehäszig ist, so ist ers absonderlich lehrern und predigern d. wohlgeplagte priester (1695) 102. anderes mehr gelegentlich: du solt auch nit gedencken, das ich (Marke) von deinent wegen ym (Tristrant) grame oder ungünstig werd Tristrant u. Isalde 65 Pfaff; Luther br. 10, 10 W.; da wirstu finden nicht allein ... böse buben, sondern auch deine nehesten und besten freunde, ... die dir gefehr und gram seyen, auf das ergeste nach reden ders., w. 28, 158 W.; so erbittert und gram war ich damals dem andenken an alles, was mich an Hohenberg erinnerte Gutzkow ritter v. geiste (1850) 3, 386. seltener ist gegensätzliche zuordnung:
ich was ir ein wêning gram,
nu wil ich ir abir holt sîn
Eilhart v. Oberg 7314 Lichtenstein;
ich leugne nicht, ich war jr ein wenig gram, das lass ich nu hie seyn und wil jr wider freundlich seyn buch d. liebe (1587) 101ᵃ;
sei hold der kunst, noch mehr des weisen freund,
dem laster gram, sonst keines menschen feind
Herder 23, 97 S.
6)
vereinzelt bleibt jemandem gram tun 'jmd. etwas böses antun, ihn beleidigen': so kunth man auch dem narren nit gremer thun, dann man in nar hiesz Grunau pr. chron. 1, 724 Perlbach. vgl. noch grammachen commouere (Köln 1507) Diefenbach gl. 136ᵇ.
Zitationshilfe
„gram“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gram>, abgerufen am 24.10.2019.

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