gottlos adj
Fundstelle: Lfg. 9 (1955), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1386, Z. 21
got. gudalaus, an. gođlauss, mhd. gotlôs, nl. goddeloos, engl. godless (seit 1528), schwed. dän. gudlös. älternhd. gotlosz, gotlos neben gottlosz, gottlos, noch im 17. jh. vereinzelt gotlos(z) (1629) österr. weist. 1, 126; Reinicke Fuchs (1650) 70; Bellin hochdt. rechtschr. (1657) 93 und in der schreibung gottlosz noch 1770 in: br. W. A. Mozarts 3, 46 Schiederm. mnd. godtlos Rotmann restitution 16 ndr.; godtlosz (1575) Husemann spruchsamml. nr. 97 Weinkauff. singulär bleibt gotslosz Dietenberger wid. d. unchristl. buch M. Luthers (1526) C 3ᵇ. ungewöhnlich ist umlaut im zweiten wortglied: eyn gotlöszen (1521) Luther 8, 219 W. gelegentlich scheint im zweiten kompositionsglied verwechslung von los und lose zu begegnen: den nennet man gottlose Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (1720) 446; vgl. Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 662, s. dazu s. v. lose I 2, sp. 1181f. die form gottloslich Alpinus Vergilius (o. j.) 448ᵇ, Calepinus undecim ling. (1598) 688ᵃ ist als ältere adverbialform zu werten, vgl. dazu nl. goddelooslijk, godlooslijk woordenboek 5, 249. die spärliche bezeugung des wortes im bereich der älteren germ. sprachstufen (singuläres got. gudalaus, s. u.A 1, anord. gođlauss bei Cleasby-Vigfusson 208ᵃ) und seine fehlende bezeugung im ahd. (die glosse lasciua gottelosiu in: zs. f. dt. altert. 5, 202 ist aus gettelosiu verlesen, s. ahd. gl. 2, 568, 63 St.-S.) läszt bei dem nur für Seuse nachweisbaren mhd. gotlôs (dt. schr. 159; 219; 511 Bihlm., s. u. A 1) an vereinzelte spontanbildung denken; sprachläufig wird das wort jedenfalls erst im ersten drittel des 16. jhs., nach einem vereinzelten vorgriff bei Keisersberg (1517, s. u.A 1) offensichtlich im frühreformatorischen schrifttum der jahre 1521-23, bei Luther selbst (z. b. 8, 219 W.; 226; 517; 10, 3, 131 u. ö.) und bei von ihm unmittelbar beeinfluszten autoren wie Zwingli, Egranus, Cronberg, Hutten, Eberlin v. Günzburg u. a., anfangs z. t. neben gottlosig (s. d.). der in den folgenden jahren mehrhundertfach begegnende gebrauch von gottlos in Luthers bibel, der im a. t. durchgehend hebr. עשָׁרָ, im nt. gr. ἀσεβής, einmal βέβηλος (Hebr. 12, 9) zugrundeliegt, sichert dem wort endgültig seinen festen platz im religiösen, insbesondere im bibelsprachlich beeinfluszten wortschatz. die verschiedenen entsprechungen der vorlutherischen bibel, deren übersetzungsgebrauch zwischen ungeng, unmilt (für impius, seltener iniquus) und sünder (für peccator) schwankt, gelegentlich daneben nach übel, böse, ungerecht ausweicht, werden damit durch eine einzige bildung ersetzt und z. t. aus der religiösen sprache überhaupt verdrängt.
A.
als religiöser begriff, vorwiegend (doch s. unten 4, 5) durch die biblisch-christliche sicht bestimmt und ihrer redeweise zugehörig. lexikalisch seit Er. Alberus: impius, irreligiosus, ἄθεος, Epicurus, Epicuraeus, prophanus gottlos, vnheylig nov. dict. (1540) yy 1ᵇ. die gesamte folgende lexikalische tradition hält, auch wo sie bedeutungen aus dem ethischen bereich einbezieht, an der priorität des religiösen wortsinns fest.
1)
selten, aber wohl nicht zufällig gerade in den ältesten bezeugungen des wortes mit betonung des eigentlichen wortsinns der zusammensetzung als 'los von gott, von gott verlassen, ohne gott', in der anwendung auf personen einen bestimmten zustand, eine besondere verfassung umschreibend, vgl.: wen ni haband ans jah gudalausai in manasedai (ἐλπίδα μὴ ἔχοντες καὶ ἄθεοι ἐν τῷ κόσμω) Eph. 2, 12 got. bibel (Lutherbibel: vnd waret on gott in der welt); daz er vor waz als ein armer gotloser dúrftig, der zemal blind waz und im got verr waz Seuse dt. schr. 159 Bihlm.; vgl. 511; sein leiden was verdienlich, wiewol er gantz trostlos vnd gotlosz was, sol ich also reden verlassen von got Keisersberg brösamlin (1517) 1, 20ᵇ. im anschlusz an gott bauch unter gott III E 3 a:
der niemahl satte frasz, ohn seinen got bauchlosz,
und gotlosz ohn den bauch, allein yn schwelgen grosz
Weckherlin ged. 2, 148 Fischer.
in jungem gebrauch lebt solcher rückgriff auf den engsten wortsinn spontan wieder auf: diese (seltenen geister) überzeugen sich von dem ewigen, nothwendigen, gesetzlichen, und suchen sich solche begriffe zu bilden, welche unverwüstlich sind, ja durch die betrachtung des vergänglichen nicht aufgehoben, sondern vielmehr bestätigt werden. weil aber hierin wirklich etwas übermenschliches liegt, so werden solche personen gewöhnlich für unmenschen gehalten, für gott- und weltlose; ja man weisz nicht, was man ihnen alles für hörner und klauen andichten soll Göthe I 29, 11 W.; gottlos im eigentlichen wortsinn bin ich nie gewesen, von kindesbeinen an habe ich in einer gewissen, freilich oft sehr lockeren oder mechanischen verbindung mit gott gestanden; gottvergessen aber war ich oft Harnisch mein lebensmorgen (1865) 38; jene philosophien einer ungöttlichen oder gottlosen wissenschaft, insbesondere die entwicklungs- und erhaltungsgesetze V. v. Weizsäcker a. anfang schuf gott himmel u. erde (1954) 15.
2)
ebenfalls in der beziehung auf personen als umfassende bezeichnung eines allgemeinen menschlichen verhaltens gott gegenüber, einer religiösen grundhaltung, 'gott nicht dienend, die ehre, den willen, die gebote gottes miszachtend', durchweg aber unter der voraussetzung eines glaubens an die existenz gottes.
a)
in der summarischen kennzeichnung eines typus, ohne individuelle bestimmtheit; ausgesprochen bibelsprachlich, besonders im anschlusz an den sprachgebrauch der alttestamentlichen lehrbücher, und von da her weiterwirkend.
α)
so vornehmlich in der singularischen und (häufiger) pluralischen substantivierung der gottlose, die gottlosen: der gottlose bebet sein lebenlang Hiob 15, 20; der gottlose ist so stoltz und zornig, das er nach niemand fraget, in allen seinen tücken helt er gott für nichts ps. 10, 4 u. ö.; wann der gottlosz sich vnterstehet mit gott zu spotten, so verspottet er sich selbst Albertinus zeitkürtzer (1603) 15ᵇ; wenn gleich der gottlose in einem pallaste wohnet, irre dich nicht Hippel lebensläufe (1778) 1, 299. steigerungsfähig: die bescheidenen handler und dulder in Christo sind so selten, sind jedem, auch dem gottlosesten zuweilen, so einleuchtend, dasz sie allwirksam genannt werden können Lavater verm. schr. (1774) 2, 31; aber so sind die gottlosen nicht, sondern wie sprew, die der wind verstrewet ps. 1, 4; vgl. 5; 6; aber die augen der gottlosen werden verschmachten Hiob 11, 20; (gott) fürete die sindflut vber die welt der gottlosen 2. Petr. 2, 5 u. ö.; und also gehet es auch gewiszlich, so wir glewben und unsz der gotloszenn weszen nit vordriessen, noch bewegen lassen (1521) Luther 8, 226 W.; (1522) 10, 1, 1, 432; deszhalb erbarmet mich die verstockung vnd verplendung der gottlosen vil mere, denn das ich rach über sy begeren solt Cronberg schr. 105 ndr.; als wenig tag verloffen waren, fieng dieser münch Josephs an im raht der gottlosen zu wandeln Schweigger reyszbeschr. (1619) 85; wen alle der gottloszen ahnschlage zu nichte gingen, würden wenigere unglück in der weldt sein, alsz man sicht Elis. Charl. v. Orleans br. (1719) 56 Holland. jünger gern im munde der frommen, auch mit dem unterton eines selbstgerechten urteils: unter dem erschlichenen schuz der macht, hiesz es, dürfen sich die gottlosen brüsten Sturz schr. (1779) 1, 154; siehe, er geht nicht auf dem breiten weg der gottlosen, der fromme herr doktor, sondern den schmalen pfad, welcher zum leben führt W. Hauff s. w. (1890) 2, 50; dann fuhr er mit ruhigerer stimme fort: '... ich zerbreche die häuser der gottlosen und schmeisze ihre türen auf den weg' H. Stehr d. heiligenhof (1918) 2, 143. aus der fülle der für das 16. und 17. jh. bezeugten sprichwortartigen wendungen vgl. im anschlusz an ps. 75, 9 festgebliebenes der rest ist für die gottlosen und seine varianten: die gottlosen müssen die hefen aussauffen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) B 4ᵇ. jünger, besonders mundartl., in scherzhaftem gebrauch, vgl. Fischer schwäb. 3, 774; Ruckert unterfränk. 63; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 434ᵃ; Mensing schlesw.-holst. 2, 450.
β)
auch die verbindung von α mit kontrastierenden oder synonymen substantiven bleibt im bereich typisierender anwendung; wiederum vielfach biblisch vorgeprägt. besonders: wiltu denn den gerechten mit den gottlosen vmbbringen 1. Mose 18, 23; vgl. 25; ps. 37, 12; 32; vnd so der gerechte kaum erhalten wird, wo wil der gottlose vnd sünder erscheinen? 1. Petr. 4, 18; vgl. 1. Tim. 1, 9; die gerechten würden in das ewige leben gehen: aber die gotlosen in die ewige pein Bellin hochdt. rechtschr. (1657) 93; der gerechte erhält seinen lohn auf der erde, wie vielmehr der gottlose allg. dt. bibl. 53-86 (1771) 1203. ebenso: er bringt vmb beide den fromen vnd gottlosen Hiob 9, 22; wenn sich schon der gottlose in seinem angesicht fest hält, so verstehet doch der fromme sein vornehmen wohl Lavater phys. fragm. (1775) 1, 23. seltener: wie die beyde geschlechter der menschen, als die gottfürchtigen und gottlosen Luther 16, 1 W.; der gottseligen thränen sind der gottlosen sindfluth vnd rotes meer, darin sie ersauffen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) A 8ᵇ; die glaubigen bestehen, die gottlosen vergehen ebda B 4ᵇ. in synonymer reihung vor allem mit sünder: wol dem der nicht wandelt im rat der gottlosen, noch tritt auff den weg der sünder, noch sitzt da die spötter sitzen ps. 1, 1; vgl. sprüche 11, 31; rechne mich, mein gott, doch nicht unter die verkehrten sünder, unter der gottlosen hauffen, die des himmels sich verzeihn Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 2. mehr gelegentlich: alle ungleubigen und gottloszen (1522) Luther 10, 3, 131 W.; gott will, dasz die gottlosen und heuchler durchs gesetz gedämpfet ... werden ders., tischr. 1, 54 W.; die bösen vnnd gottlosen ... können nit recht wachsen, noch auch in die leng bestehen Albertinus Lucifers königreich 4, 34 nat.-lit.;
lasz mich nicht den spott der gottlosen fürchten,
noch den hohn der hoffärtigen
Cronegk schr. (1766) 2, 146.
γ)
seltener attributiv, α und β entsprechend neben bezeichnungen für eine gruppe von menschen: du, gottloszer hauffe, des bapsts anhang Luther 8, 517 W.; (1526) 19, 246;
von der gotlosen rot,
uber die hertzlich klaget got
Hans Sachs 1, 292 lit. ver.;
wie dieser welt gottloses heer
so schön und herrlich blühet
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 364ᵃ.
in der anwendung auf bestimmte völker kann das wort den sinn von 'nicht christlich, heidnisch, ungläubig' annehmen, wohl nur in älterem gebrauch:
so in einer schlacht vmkommen ist,
durch der gottlosen Vngar list
N. Frischlin dt. dicht. 18 lit. ver.;
(der mönch) wurd ein Türck, vnd liesz sich beschneyden, darumb wird er mit den gottlosen Türcken verstieben wie sprewer Schweigger reyszbeschr. (1619) 85.
δ)
der gattungsmäszige, klassifizierende charakter des wortes ist auch in anderen, selteneren ausdrucksformen spürbar. so in der verbindung mit unbestimmtem artikel: ich nenne impium eyn gotlöszen, denn es heysset eygentlich den, der ynn got nit trawet, noch glewt (1521) Luther 8, 219 W.; aber mein feind wird erfunden werden ein gottloser Hiob 27, 7; Hebr. 12, 16 u. ö.; ein gottloser kan nichts rechts lernen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) N 3ᵃ. artikellos: fromme kinder haben oft gottlose ältern Blum sprichwb. (1780) 2, 121. der gottlose mensch: wenn der gottlose mensch stirbet, ist hoffnung verloren sprüche 11, 7; vgl. 2. Petr. 3, 7; es kan auch der gottloseste und boszhafftigste mensch biszweilen einige handlungen verrichten, die entweder unschuldig oder noch dazu gut und löblich sind H. v. Fleming teutscher soldat (1726) 386.
b)
in der beziehung auf bestimmte personen, ebenfalls ganz allgemein und ohne spezifische füllung des begriffes.
α)
attributiv neben personalem beziehungswort: auffs ander radt der gotslosz Luther den priestern, sie sollen priesterliche wirde lassen Dietenberger wider d. unchristl. buch Luthers (1526) C 3ᵇ; das thät der gottlosz Faustus volksbuch v. dr. Faust 23 ndr.; ein gottloser bedienter, ... in einen geistlichen verkleidet, verrichtete die trauung S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 47; es wird nemlich erzählt, die gottlosen leute hätten sich einem buszprediger gegenüber vermessen Laistner nebelsagen (1879) 26. die älter gebräuchliche reihung mit anderen attributen entspricht teils der eigentlich religiösen, teils der mehr ethischen bedeutungsseite des wortes: darumb ist er (könig Achas) ein gottloser unglaubiger könig gewesen (1523) Luther 12, 429 W.;
Achab, der acht tyranne grosz,
abgöttisch, bösz und gar gottlosz
Hans Sachs 1, 225 lit. ver.;
alsdann graf Eberhart von Kiburg ... ein verruchter gottloser doch verzagter mensch was (vor 1572) Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 295. das gleiche gilt für die beziehung auf abwertende benennungen: er aber hat sein eheweib verlassen und von ime gestoszen, auch mit hilf und rat deren predicanten von Zürich und anderer gotloser bueben Zimmer. chron. ²1, 291 Barack; U. Bräker s. schr. (1789) 1, 83; verflucht seyn die gottlosen alten ehebrecher Schupp Corinna 55 ndr.; der dichter war kein gottloser spötter Jac. Grimm Reinhart Fuchs (1834) vorr. 100.
β)
gern in prädikativer anwendung. wie unter α trifft der akzent je nach dem zusammenhang bald die religiöse, bald die ethische seite des wortes, doch musz auch im letzteren fall im älteren gebrauch der religiöse hintergrund bestimmend gedacht bleiben. sprachläufig gottlos sein, bisweilen mit folgender präposition: denn ich halte die wege des herrn, vnd bin nicht gottlos wider meinen gott ps. 18, 22; wer ist so gottlosz gegen seinen eltern, der nicht ausz des storcken treuwe, vnd des binenfrasz liebe, so die beide voͤgel zuͦ ihren eltern tragen, seinen eltern auch liebs vnnd guͦts zuͦerzeigen bewegt werde? Heyden Plinius (1565) vorr. 6ᵃ;
(ihr bauern) seid gottlosz, roh, frech, keck vnd wilt ...
etlich sind from, gottfürchtig, still
Hollonius somnium vitae hum. 36 ndr.;
dasz gesind ist heutigs tags meist gottlosz: die kinder lernen nichts bey jhnen als leichtfertigkeit, vngehorsam, garstige reden, hässliche geberden, lügen, fluchen, vntrew, vnnd andere sünden mehr Moscherosch insomnis cura parent. 17 ndr.; ich musz dir etwas beichten; ich bin oft sehr gottlos. wenn ich so daran denke, wie lange ich und wie viel unglück zu tragen ich gehabt, trotzdem dasz ichs so gut mit gott und der welt gemeint ... dann werde ich oft ein verzweifelter mensch (1843) L. Schücking in: br. 138 Muschler. ungewöhnlich in der unmittelbaren beziehung auf einen konkreten einzelfall: dasz du allbereit ... so rohe, gottlos und ungeheiszen bist, deinen alten cammerathen mit einem solchen wunsch (einem fluch) zu bewillkommnen? Grimmelshausen 2, 21 Keller. in anderen verbalen bindungen: das er (gott) ... zuͦ eim künig sprechen darff. 'du abtrenniger, nennet die regierer gotlosz' (1522) U. v. Hutten opera 2, 127 Böcking; alles, was man auf erden nur werden kann, wird der Schlesier mit leichtigkeit: Engländer und Russe, minister und seiltänzer, posaune und klapphorn, fromm und gottlos, reich und arm G. Freytag ges. w. 16 (1887) 158.
3)
seit alters vielfach mit unpersönlichem beziehungswort oder in unpersönlicher ausdrucksform, sofern etwas gottlose gesinnung und haltung verrät oder betätigt.
a)
im bereich menschlichen lebens, denkens und handelns.
α)
noch in enger beziehung zu 2, metonymisch von organen des menschen, die für diesen selber stehen: gotlosú herzen muͤzent doch ze allen ziten sin in vorhten und in schreken Seuse dt. schr. 219 Bihlm.; denn sie haben jr gottloses vnd falsches maul wider mich auffgethan, vnd reden wider mich mit falscher zungen ps. 109, 2; Hieronymus versichert, gleich in der nächsten nacht sey der prätextata ein engel erschienen, und habe ihr ... verkündigt, ihre gottlosen hände werden verwelken Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 276; ich will es schreien, bis ihr gottloses gewissen erwacht Iffland theatr. w. (1827) 1, 223.
β)
neben beziehungsworten, die eine allgemeine, umfassende bedeutung haben. gottloses wesen häufig in der Lutherbibel und anstelle des hier noch nicht begegnenden gottlosigkeit: sondern der herr dein gott vertreibt diese heiden vmb jres gottlosen wesens willen 5. Mose 9, 4; vgl. ps. 5, 5; Römer 1, 18; 11, 26 u. ö. auch sonst im älteren nhd.: wenn hertz und hand vnschuldig ist, so gefelt gott ein körnlin saltz besser, denn viel tausend ochsen schlachten bey gottlosem wesen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) G 1ᵃ. ähnlich, aber auch jünger noch biblisch nicht vorgeprägtes gottloses leben, spürbar mit ethischem akzent: daraus nichts anders volgen kan, dann ein gottlosz leben und wesen Wirtembergs newe landsordn. (1536) G 1ᵃ; wir sollen des todes gedenken, damit wir von sündlichem bösem, vnd gottlosem leben absterben Lehman floril. polit. (1662) 3, 339; das ende des letztern (eines verkommenen lebemannes) war eines so gottlosen lebens würdig anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 8 Gottsched; so wird auch der priester durch ein gottloses leben der civitas dei in ewigkeit verlustig gehen Nitzsch dt. studien (1879) 14.
γ)
bestimmten eigenschaften, triebkräften, verhaltensweisen und handlungen des menschen zugeordnet: blintheit der vernunfft in verkertem verstand heiliger geschrifft vnd gots gebot, auss dem dann volgt gotlose begird vnd alles vbel (1521) Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 164 ndr.; das gericht der menschen wider jhre brüder ist nicht allein bösz und unrecht, sondern auch gotlosz und lauter heucheley Luther 10, 1, 2, 313 W.; er masset sich auch nicht des gottlosen fressens vnnd pancketirens mit den leuten an Barth weiberspiegel (1565) D 6ᵃ; Joseph ... der gnädigen frau ... gottloses begehren ... gantz heilig abgeschlagen Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 1, 666;
doch zu beharren
in eigenwill'gen klagen, ist das thun
gottlosen starrsinns; ist unmännlich leid;
zeigt einen willen, der dem himmel trotzt
Shakespeare 3 (1798) 153;
besonders gaben ihr die zur fastenzeit in fleischgestalt verwandelten fische unerschöpflichen anlasz gott- und sittenlose bemerkungen anzubringen (den geistlichen gegenüber) Göthe I 31, 45 W.; da treten Helvetius, Duclos, Raynal ... und andere berühmte männer jener zeit auf und halten so gottlose, abgeschmackte reden, wie man sie nie von dummen verwilderten schulbuben gehört hat Börne ges. schr. (1829) 7, 308.
δ)
im bereich von β und γ auch in prädikativen und adverbialen wendungen. es ist gottlos, etwas zu tun, etwas ist gottlos: es jrret, wöllicher vermainet, es sey gottloss schweinen fleisch essen J. Nas antipap. eins u. hundert 1 (1567) 199ᵃ; der (zornige) fängt an zu toben, und was das gottlosiste ist, so rufft er ... allerley unflath herausz Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 2, 9; das (eine religiös frivole bemerkung) ist spott und gottlos Fontane ges. w. (1905) I 2, 177. ähnlich: wenn reisende ein sehr groszes ergötzen auf ... bergklettereien empfinden, so ist für mich etwas ... gottloses in dieser leidenschaft schr. d. Goetheges. (1885) 21, 159. etwas für gottlos halten: denn zu einer ansiedelung am Bernhardsfelsen arbeitet man das gestein bis unter die füsze des heiligen weg ... vor vierzig jahren hätte man eine solche operation für gottlos gehalten Göthe IV 33, 31 W. adverbial: er ... hat ruch vnd gottlosz gelebt volksb. v. dr. Faust 12 ndr.;
Jhesus der sprach, wie redet jhr
so gottlos vnd vergessen
Ringwaldt evangelia (1581) L 8ᵇ;
aus dieser stadt ist der pfaffe entwichen und die knechte leben gottlos dahin G. Freytag ges. w. 11 (1887) 218.
b)
auch in reiner sachbeziehung, wie ein gegenständlichen oder abstrakten gröszen anhaftender objektiver charakter.
α)
vornehmlich in der beziehung auf religiöse lehren und formen, um sie als falsch und unchristlich zu kennzeichnen; meist in älterem gebrauch konfessioneller polemik: die ware ... buszfertikeit ... das nw mer alles vergessen, in die erdichte, gotloss, vnd tyrannisch beicht ist gestellet Jacob Strausz beychtpüchl. (1523) A 2ᵇ; so were es doch eine gottlose, vnchristliche andacht, wie vorhin gewest, das besser were keine messe horen, denn mit solcher andacht horen (1531) Luther briefw. 6, 193 W.; was für ain gefallen des curfürsten söne an diser gottlosen calvinischen religion ires herrn vatterns getragen Zimmer. chron. ²2, 234 Barack; wo zu vörderst gottlose lehr, irrthumb, ketzerey vnd der gleichen vnkraut auszgerottet würde Schweigger reyszbeschr. (1619) 158; J. Prätorius anthrop. pluton. (1666) 1, 76; und warffen mit etzlichen sprüchen der heiligen schrifft umb sich, welche sie anzogen aus dem gottlosen tractat Schupp Corinna 14 ndr.; so ungereimt vnd gottlosz diese arianischen lehrsätze bey menschen und engeln sind Bodmer abhandl. v. d. wunderb. (1740) 110; als ein frommer rechtgläubiger christ, ... der vor aller mythologie als vor einem ungereimten, lächerlichen, gottlosen, abergläubischen krame so viel abscheu hat, wie vor dem bösen feinde der hölle Herder 3, 240 S. hier auch zur kennzeichnung des heidnischen: denn gottlose güldene bilder sind götzen Mathesius Sarepta (1571) 47ᵃ; wann einer der Türcken gottlose lehr lestert, der wird mit fewer verbrennt oder gesteinigt Schweigger reyszbeschr. (1619) 175.
β)
jünger auch in erweitertem sachbereich: wenn ich aus den gebrechen der religion oder der moral ein schönes übereinstimmendes ganze zusammenstelle, so ist mein kunstwerk gut, und es ist nicht (sc. 'schlecht'?,) auch nicht unmoralisch oder gottlos (1788) Schiller br. 2, 188 Jonas; eine musik, die den heiligen und profanen charakter vermischt, ist gottlos Göthe I 48, 192 W.;
dasz nicht ihr stets altvordere rühmend erhöhn mögt
als gläubig und fromm, und die jüngere zeit darstellt als weltlich und gottlos
Platen w. 1, 89 Hempel.
4)
der christliche gebrauch des wortes wird schon früh auf heidnisch religiösen zusammenhang übertragen, hat hier aber nur bei einem teil der unter 2 und 3 begegnenden gebrauchsweisen eine entsprechung; namentlich bei 2 b, für den homo impius und im rahmen antiker religiosität: gwalt, armuͦt, vngerechtigkeit, verlassenheit, verleumbdung ... o den gottlosen menschen (o hominem impium) Boltz Terenz deutsch (1539) 92ᵇ;
Enceladus der gottlosz risz
Spreng Äneis (1610) 57ᵃ; ders., Ilias 59ᵇ;
dasz ich übermüthig und gottlos genug gewesen sey, mich für einen sohn des delphischen Apollo auszugeben Wieland Agathon (1766) 1, 356; Epikur lehrte, nicht der sei gottlos, der die götter der menge leugnet Lange gesch. d. materialismus (1866) 24. seltener zu 2 a, in der für die bibelsprache bezeichnenden typisierung: die gottlosen und ungerechten aber verscharren sie irgendwo Schleiermacher Platons w. (1804) 6, 132; so bedurfte doch dort wie hier der lebenskreis eines gottlosen. diese rolle war dem untergeordneten Ajax zugetheilt, der sich weder gott noch menschen fügt Göthe I 49, 82 W.; dem frommen tritt mit himmlischem grusze die verkörperung seines guten wandels entgegen in gestalt eines mädchens von strahlender jugend (in der iranischen religion) ... dem gottlosen erscheint die verkörperung seines wandels in gestalt einer häszlichen dirne Peschel völkerkunde (1874) 298. seltener auch, wie unter 3, in unpersönlicher und sachlicher anwendung:
wenn über seinem gottlosen haupte schon
der blanke stahl schwebt (super impia cervice)
Mastalier ged. (1774) 141;
vom blut der Römer welches gefilde blieb
wohl ungedünget? gräber bezeugen die
gottlosen schlachten (impia proelia, bürgerkriege)
Herder 26, 247 S.
5)
nicht sehr häufig, aber hinreichend deutlich kann das wort eine spezifische bedeutung annehmen, in der es die bewuszte und willentliche abkehr von gott, die irreligiöse und bis zur leugnung der existenz gottes reichende anschauung und gesinnung bezeichnet, eine art programmatischer haltung also, die zwar nicht im bibelsprachlichen, wohl aber sonst im christlichen, daneben auch im allgemein religiösen oder im auszerchristlichen bereich begegnet, vgl. dazu auch Adelung versuch 2 (1775) 759, woordenboek 5, 246 s. v. goddeloos I 1 a: so wiszt demnach, dasz er Frantz Rabelais bey vilen einen bösen ruff hat, alsz ob er ein gottloser atheos vnnd Epicurer seye gewesen Fischart Garg. 7 ndr.; ein gottloser sind sie, mit all ihrer übrigen religion, ein unchriste, ein naturalist, ein gottesverleugner Schwabe belust. (1741) 1, 497; sie sind auch so ein gottloser! ja, ja! aber glauben sie einer alten, erfahrenen frau, herr Braun! ohne ihn kommt man nicht weit Gerhart Hauptmann einsame menschen (1891) 87; Diagoras ein gottloser philosophus zu Athen, der von keinem gott nichts gehalten hat Calepinus XI ling. (1598) 114ᵇ; Stranitzky ollapatrida 104 ndr. auch in sachlicher beziehung: hat er (Vanini) ... die ... Sorbonne getäuscht, welche ... vor seine gottlosesten schriften treuherzig ihr imprimatur gesetzt hat Schopenhauer w. 3, 448 Gr.; er wurde auch seiner präceptorschaft entsetzt ... wegen der gottlosen reden (ein im ruf des atheismus stehender) Immermann w. 2, 140 Hempel. hierher wohl in der sonst ungewöhnlichen beziehung auf ein ganz bestimmtes augenblickliches verhalten: da sahen ihre dunklen augen fast gottlos in die meinen, als wollten sie mich lehren, dasz nur ein weib, nicht unser herrgott selber, was er verloren, ihm ersetzen könne Storm s. w. (1899) 6, 185.
B.
als auszerreligiöser begriff, ohne ausgesprochene oder noch gefühlte beziehung auf die miszachtung gottes und des göttlichen willens, wie sie als ursprüngliche vorstellung an das wort gebunden ist. die grenze gegen A ist freilich, zumal in älterer sprache, unscharf, da bereits hier sich in bestimmten anwendungen der akzent auf das ethische verlagert, ohne dasz sich damit aber das wort aus dem übergreifenden sinnzusammenhang löste (s. z. b. ob. A 2 b α; β; 3 a β). das scheint erst im lauf des 17. jhs., verstärkt seit dem 18. jh. zu geschehen, wobei das gewicht moralischer abwertung sich rasch und vielfältig abnutzt, um sich in einer blosze verstärkung ausdrückenden bedeutung schlieszlich fast ganz zu verlieren. die wendungen, verbindungen und beziehungsworte sind weithin die gleichen wie unter A 2 b und 3.
1)
als 'böse' im vollsinn, mit dem ton eines sittlicher empörung entspringenden urteils behaftet.
a)
in der beziehung auf bestimmte personen, kaum dagegen, wie unter A 2 a, in der allgemeinen bezeichnung eines typus. 'unsittlich, böse, schlecht' als persönliche eigenschaft, attributiv und prädikativ: ein ander mahl (hat sie) neun gottlose schelmen von freyer faust in den sand gestrecket discourse d. mahlern (1721) 3, 103; wenn demnach ein general oder feldherr so gottlosz seyn wolte, und wieder seine pflicht seinen herrn untrew werden, und der armee ordre ertheilte, an dem (!) feind überzugehen H. v. Fleming teutscher soldat (1728) 187; o liebster herr Allwerth, ich sehe diesz gottlose weibsbild ist bey ihnen gewesen, und sie wissen nun alles Bode Thomas Jones (1786) 6, 393; er war nicht gottlos, mein Hinrich! — auf die kniee hat er sich geworfen und seinen armen kopf in meinen (der mutter) schosz gedrückt Storm s. w. (1899) 3, 104. ungewöhnlich mit präpositionalem objekt: er (der riese) war auch gegen seine mutter gottlos und wenn sie ihm ... vorwürfe über sein wüstes leben machte, so schalt er sie br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 106. seit der mitte des 18. jhs. speziell im urteil der älteren generation über die jüngere und bereits mit leichter abschwächung, im sinne von 'pietätlos' die lösung aus tradition, sitte und herkommen umschreibend, vgl. auch unter 2a: ach ich unglücklicher vater! du gottloser, ungerathner sohn! Lessing 2, 164 L.-M.; an meinem grabe könnt ihr eure hochzeit halten, du gottloses eigensinniges kind du Sturz schr. (1779) 2, 204;
ah ciel! was hab ich hören müssen!
gottlose frevlerin! das soll der vater wissen ...
gesunkne kinderzucht! abtrünniges geschlecht!
(die gouvernante zur schülerin)
Körner w. 4, 69 Hempel;
rief jammer aus über die verderbnisz der welt und der gottlosen, leichtfertigen jugend Knigge roman m. lebens (1781) 3, 26. vergleichbar: aber den kunstkennern, den kunstrichtern, diesen gottlosen Chinesen, gilt nur die form Börne ges. schr. (1829) 1, 2.
b)
auf menschliche äuszerungen, haltungen und handlungen bezogen, in verschiedener nuancierung als 'böse, schlecht, ehrlos, frivol', insbesondere 'unverantwortlich': (bruder Cornelius) der als er auff den fürsten von Vranien Wilhelmum sehr gottlose reden auszgegossen, ... gott danckte, dasz er nichts böses von dem printzen gesprochen Zinkgref-Weidner teutscher nation weish. 3 (1653) 31; es kommt mir alles darauf an, ob man die sache (den sturz der Girondisten) für gelungen oder miszlungen hält, auf die man mit so gottlosem triumph zählte J. G. Forster s. schr. (1843) 9, 35; dank es ... diesem eisgrauen kopf, der von familienhänden zur grube gebracht seyn will — dank es meiner gottlosen liebe, dasz ich den kopf des empörers dem beleidigten staat nicht — vom blutgerüste zuwerfe (Andrea Doria zu seinem neffen) Schiller 3, 66 G.; ganz abscheulich aber war ihm diese gottlose art, unschuldige kinder durch eitelkeit zu dressiren Eichendorff s. w. (1864) 2, 150. metonymisch wie unter A 3 a α: ich werde dir die gottlosen augen ausreiszen, die auf alles lauren was ich vornehme (ein argwöhnischer geizhals zu seiner magd) Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 2, 377;
(Wallenstein) rühmte sich mit seinem gottlosen mund,
er müsse haben die stadt Stralsund
Schiller 12, 38 G.;
S. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 258.
c)
sachlichem und gegenständlichem zugeordnet, zur kennzeichnung dessen, was sittenlos ist oder sittlichen anstosz erregt: von dem gottlosen und ärgerlichen pennalwesen ist es auch landkundig; wie solches ... abgegeschaffet (an den universitäten) J. Prätorius philos. colus (1662) 179; dies gottlose, dies unerhörte acktenstück (ein charakterloses politisches manifest) Gentz schr. 4, 73 Schlesier; der gottlose siebenjährige krieg ... hat überall unheil gestiftet br. d. br. Grimm 159 W. Müller. besonders: (Goa) ist die schönste ... darbey die gottloseste ... stadt unter allen städten, die von den Portugiesen in gantz Orient besessen werden Olearius verm. reisebeschr. (1696) 16; Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 5, 406.
2)
in milderem, abgeschwächtem sinne, als urteil einer oft leicht komischen entrüstung, kaum vor der mitte des 18. jhs.
a)
als persönliches beiwort, besonders in der schimpfrede: allss villmehr meine gspan die gottlosn schlüffel schuld dran seyn Schwabe tintenfässl (1745) B 5ᵃ; (Bollwerk:) es ist doch ein gottloser Hanke, dasz er just dir nicht — (einen rock schneidern will) ... der verfluchte Hanke! Lenz ges. schr. 1, 26 Tieck; verzeih dir's Jupiter, gottloser lieblicher schelm maler Müller w. (1811) 1, 167; vgl. 143; 148. noch mehr gemildert, als 'ungezogen, nichtsnutzig, frech' im urteil des alters über die jugend, vgl. den entsprechenden gebrauch unter 1 a: die gottlosen schneiderjungen Hippel kreuz- u. querz. (1793) 1, 280; die altfränkischen kleinstädter schlugen die hände über dem kopfe zusammen und sprachen einstimmig den wunsch aus: dasz doch der himmel die gute stadt Frauenfeld vor solchen frechen, gottlosen rangen bewahren möge Langbein s. schr. (1835) 31, 129; H. Seidel vorstadtgesch. (1880) 175. mundartlich: du büst ja'n gansen gottlosen bengel 'taugenichts, unart', aber auch 'ein allerweltskerl' Mensing schlesw.-holst. 2, 450. wohl von hier aus auch etwas anders: sich gottlose machen von kindern, wenn sie die wäsche verunreinigen Albrecht Leipzig 124ᵇ.
b)
neben unpersönlichem beziehungswort, besonders als 'unerhört, ungehörig, unpassend, frech' menschlichen äuszerungen zugeordnet: doch sein irrtum ist so verzeihlich als jener unserer groszväter, welche die heroen des groszen Friedrich für unübertrefflich hielten und den gottlosen spott ihrer enkel über zopf- und gamaschendienst nicht ahneten W. Hauff s. w. (1890) 1, 248; ach bitte, ... lassen sie doch das gottlose pfeifen H. Seidel vorstadtgesch. (1880) 37; über diese gottlose wirtschaft (verschwendung der nahrungsmittel) raste dann die treue seele Fontane ges. w. (1920) II 1, 156; wat schüllt so'n gottlose künst? 'halsbrecherisch' Mensing schlesw.-holst. 2, 450. in leicht ironischem spiel mit dem ursprünglichen religiösen wortsinn: auch giebt es wieder viel neue xenien, fromme und gottlose (1796) Schiller br. 4, 454 Jonas. vereinzelt als 'keck, mutwillig', kaum noch mit tadelndem beisinn, dem gebrauch 3 nahe: was für gottlose braune augen sie (die Heiterethei) im kopfe hat! dachte der schneider O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 9.
c)
besonders in prädikativer und adverbialer aussage, im ganzen stärker als unter b nach 1 b zurückweisend: dasz man ihn auf wasser und brodt nach der hauptwache führt ...! das wär beym sacker! unverschämt, gottlos U. Bräker s. schr. (1789) 1, 119; es ist aber auch gottlos, dasz der monsieur Ferdinand gar nichts von sich hören läszt Bäuerle kom. theater (1820) 2, 13; so was (ein pferd hungern zu lassen) ist höchst gottlos maler Müller w. (1811) 3, 42; du hast mich gottlos betrogen Gottsched dt. schaubühne (1741) 3, 502; ich hätte mich aber nicht so gottlosz aufgeführt, wenn nicht die rädlführerin, nemlich die sogenante Lisel mich gar so sehr darzu annimiret und aufgehezt hätte (1777) W. A. Mozart br. 1, 116 Sch.
3)
seit dem späten 18., namentlich aber im 19. jh. und in junger mundart bildet sich ein gebrauch heraus, in dem das wort lediglich eine kräftig verstärkende bedeutung hat. ein zusammenhang mit den übrigen gebrauchsweisen bleibt aber darin fühlbar, dasz die verstärkung fast durchweg negativ gewertete erscheinungen und zustände trifft. in attributiver anwendung: vor dem gottlosen husten, der mich damals quälte Bode Tristram Schandi (1774) 7, 3. mundartlich: gottlose chälti, ein gottloser schrei, die gottlosen bremsen u. ä. in: schweiz. id. 3, 1429. selbst der gelegentlichen beziehung auf positive werte liegt im sinne der maszüberschreitung noch ein leicht negatives bedeutungsmoment zugrunde: die andre ist eine schöne, gottlos schön ist sie E. Zahn helden d. alltags (1906) 215. in doppelter beziehung, als maszbegriff den religiösen sinn des wortes einschlieszend: diese tat (die zerstörung eines klosters), zu deren ausführung alles, auf das genaueste, mit wahrhaft gottlosem scharfsinn, angeordnet war H. v. Kleist w. 3, 383 E. Schmidt. in adverbialem gebrauch: schön ist das ding ja, wenns nur nicht so gottlos viel arbeit kostete Polenz Grabenhäger (1898) 2, 129; eines abends nun wurde ein gottlos versoffener geselle ... mit dieser wichtigen aufgabe betraut Jünger in stahlgewittern (1934) 13. so mundartlich weit verbreitet, vgl. z. b. schweiz. id. 3, 1429; Fischer schwäb. 3, 774; rhein. wb. 2, 1324; Woeste westfäl. 82ᵇ.
Zitationshilfe
„gottlos“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gottlos>, abgerufen am 24.03.2019.

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