gotteshaus n.
Fundstelle: Lfg. 8 (1954), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1253, Z. 45
tempel; kirchliches institut, kloster, stift; kirchengebäude. lehnübersetzung aus lat. templum dei, domus dei, casa dei. got. gudhûs; ahd. nur in der genitivverbindung gotes hûs bezeugt; mhd. einigemal in echter komposition: gotehuͦsis Trierer Agidius (unt. 2a); gothûs Rudolf v. Ems (unt. 2a am ende); gotehusirn Claus Cranc (unt. 2c); noch frühnhd. gothaus Luther 45, 4 W.; gotthäuser Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 67; sonst mhd. regelmäszig goteshûs; daneben dringt gotshus, gotzhus (schon 1238 in: altdt. originalurk. 1, 19, 45 Wilhelm) vor, es gilt im 16. jh. überwiegend und wird im 17. jh. durch nhd. gotteshaus verdrängt, aber gottshausz noch bei Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 566. — zu kotzhus, lotzhus entstellte formen begegnen vereinzelt im 16. jh. abwertend in der anwendung 2a, s. schweiz. id. 2, 1715; 1717.
1)
der jüdische tempel der bibel. vgl. schon im got. anstelle des sonst gebrauchten alhs: ik sinteino laisida in gaqumþai jah in gudhusa (τῷ ἱερῷ), þarei sinteino Judaies gaquimand (Joh. 18, 20) d. got. bibel 81 Streitberg. in ahd. zeit regelmäszig als genitivverbindung (s.gott sp. 1075), die im 12. jh. zum kompositum zusammengerückt ist: templum goteshus (12. jh.) ahd. gl. 3, 180, 17 St.-S.;
daz siv got erhorte enzit,
ê si wͦrden zeuuͦret
unde ir gotshus zestoret
(12. jh.) dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 142, 3 Diemer;
werdet jr mir den Judam nicht gebunden uberantworten, so wil ich dis gotteshaus schleiffen, und den altar umbreissen 2. Makk. 14, 33; als Zirus die Ebreer aus der babilonischen gefängnüs erlöset, und unter Zorobabel ihr gotteshaus wieder gebauet worden Ph. Zesen rosenmând (1651) 47;
der vater und die brüder sind erwürgt,
die diener, und was nur im gotteshause
gelebt
Rückert ges. poet. w. (1867) 9, 159.
vgl., wenn nicht z. t. zu 2 c gehörig: templum, edes gotzhus voc. opt. 16ᵃ Wackernagel; templum gottis husz (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 576ᶜ; gotteshaus templum, œdes sacra Steinbach dt. wb. (1734) 1, 716.
2)
seit dem mhd. begegnet gotteshaus in zwei getrennten anwendungen als lehnübersetzung von lat. casa dei und domus dei. casa dei, zunächst wohl auf einzelne gebäude oder gebäudeteile zielend, die als wohnung oder versammlungsraum für geistliche dienen, die versammlung selbst (das kollegium, den konvent) miteinbegreifend, bezeichnet im allgemeinen mehr das kloster als institution, körperschaft, domus dei dagegen mehr die kirche, das kirchengebäude; eine strenge abgrenzung der lat. termini gegeneinander besteht freilich nicht; vgl. Du Cange gloss. 2, 197ᶜ; 3, 177ᵇ.
a)
in älterer zeit überaus häufig, seit dem 18. jh. nur noch gelegentlich das durch ein kollegium konstituierte geistliche institut, die kirchliche körperschaft, das geistliche territorium. vorwiegend, aber nicht ausschlieszlich, im obd. ein stift oder, häufiger, ein kloster als institut oder, besonders im alem., als grundherrschaft; vgl. collegium gotz husz, closter (15. jh.) Diefenbach gl. 132ᵇ; gottesheuser, etiam dicuntur monasteria, et abbatiœ, ac qvilibet locus sacer habitationi aptus; olim casa dei vocabatur Stieler stammb. (1691) 799; bei Campe 2 (1808) 431ᵇ noch als im obd. gebräuchlich verzeichnet:
do sente Egidius der guͦte
sich gearbeitet hete ...
vnd sines gotehuͦsis sache
so hete geschaffit
daz iz an nichte ne missequam
Trierer Aegidius 1559 in: Germania 26, 51;
gotes hiusern viel daz ander teil (seiner güter zu)
(var. den klostern)
Hartmann v. Aue armer Heinrich 256 Haupt;
vnd hant die selben lúte ze Verrich mit gemeinem gunst vnd willen frilich geben vnserm gotzhus ze Rúti (ecclesie nostre) ... alle ir ligenden guͤter (1238) corp. d. altdt. originalurk. 1, 19, 45 Wilhelm;
und (der könig v. Irland) wil sich niht lan gezemen
das er von mir (der äbtissin) iht welle nemen,
won das er fogt und herre sig
úber alles gozhus, das ist vrig
Rudolf v. Ems Willehalm 11 866 Junk;
dis sint dú recht, dú daz gotzhus von Engelberg het in dem ampte vnd in dien höven in Zürichgoewe, die daz gotzhus anhoerent (ende 13. jh.) weist. (1840) 1, 1; (Galahut) halff witwen und weisen und macht arme gotteshuser rich Lancelot 1, 544 Kluge; (die angehörigen der vogtei Weidenthal) sollen auch keine kolen brennen in des gotzhus (des klosters Limburg) walt, dan mit eins abts laube und siner forster (pfälz. 1448) weist. (1840) 5, 596; dann solch dorf Bollingen und das ampt hat vor vil jaren dem gotzhaus Salmansweil zugehört Zimmer. chron. ²3, 16 Barack; sein grunt, die er von dem gotzhaus inhat (17. jh.) österr. weist. 1, 47, 44; bekannt mit alter und neuer literatur, ... kann er (der mönch) noch ein gemeinnütziger schriftsteller, besonders für sein gotteshaus werden Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 261; die behagliche absicht in fetten gotteshäusern heilige bäuche zu mästen Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 140. nur selten im nd.: men denst vnde manrecht schal wesen vnde blyuͦen des godeshuͦzes thuͦ Dargun (1390) mecklenb. urkundenb. 21, 400; den vorscreuenen heren vnde broderen ... des godeshus tho Tempzyn (1390) ebda 21, 388; godeshuslüde oppe goddeshus (dem stift zu Bücken) weist. (1840) 3, 212. jünger noch in historischer anwendung: hofft man ein bequem gelegenes wieslein oder äckerlein für sein hart erspartes geld zu erwerben, so ist schon ein gotteshaus da, unten, oben, hinten, vorn am berge, das es nimmt G. Keller ges. w. (1889) 6, 31; und mög euch ein unwürdig geschenk wenigstens den guten willen des euch stets getreuen gotteshauses beweisen Scheffel ges. w. (1907) 2, 86. hierher wohl auch und nicht zu b, wie Kraus Walther v. d. Vogelweide, untersuch. (1935) 21 will, die folgende stelle aus Walther; vgl. Wilmanns Walther v. d. Vogelweide 2 (1924) 78 u. 82, der freilich 'gottesdienst' interpretiert, während es sich doch eher um die kirchliche körperschaft selbst und ihre rechte und ordnungen im allgemeinen handelt:
do störte man diu goteshus
Walther 9, 34 L.;
vgl. 10, 35. nd. und md. häufiger, aber auch sonst (bes. bair.) gelegentlich, das stifts- oder domkapitel als kirchliche körperschaft und dessen macht- und herrschaftsbereich, (erz)bistum (ähnlich dom 'domkapitel, kollegialstift' aus domus ecclesiae 'priesterwohnung', s. Kretschmer in: zs. f. vgl. sprachf. 39, 545 ff.; Kluge-Götze etym. wb. ¹⁵142ᵃ):
so daz er (der könig v. Böhmen) von sînen wegen
daz goteshûs (von Salzburg) het in sînen phlegen
und den bischolf schermte vor gewalt
Ottokar österr. reimchron. 8343 u. ö.;
ainen iegleichen tuom, dâ ain pischolf weisel ist der kôrherren ... die leident under in niht mêr dann ain haupt, wan sie fürhtent, mahten si mêr dann ain haupt, daz ir gotshaus verdürb Konrad v. Megenberg buch d. natur 294, 16 Pfeiffer; de underbischope des godeshuses Magdeborch (Magdeburg 14. jh.) städtechron. 7, 83; der graveschop leide de koning ein grot deil to dem godeshuse to Merseborch ebda 78; wenn mich mein obgenanter gnediger herr ... vodert auf welche vesten vnd geslosz in seinem gotshaus ze Brichsen er will (1407) bei Sinnacher beytr. z. gesch. d. bischöfl. kirche Säben u. Brixen in Tyrol 6, 198; so ist auch die pflicht, damit die stände (die Naumburger stiftsstände) dem kapitel verwandt (verpflichtet), nicht auf die gegenwärtige person (des bischofs), sondern auf die erhaltung der kirchen im grund gemeinet. darum auch die worte also lauten: ich schwöre dem gotteshaus etc. Luther br. 9, 598 W. so auch sicher in der beziehung auf das erzbistum Magdeburg:
und der keiser rehte ersach
gezierde und grôze rîcheit
diu an daz gothûs was geleit
Rudolf v. Ems d. gute Gerhard 226 Haupt.
seltener, und dem anschein nach ebenfalls mehr dem nd. und md. zugehörig, die pfarre als institut, körperschaft: alle guter unnd gerechtigkeit, erblehen ... unnd so allenthalben an gewissen und zufelligen dingen unnserm gots hawsze (zu Leisnig) zustendig, sollen ... in den gemeinen kasten miteingezogen sein (1523) Luther 12, 18 W.; die vier altarlehen ynn unnsern gots hawsze (1523) ebda; die pfarren, gotteshäuser, commenden und cüstereyen sollen auch bey jhren alten privilegien, einkommen vnd gerechtigkeiten gelassen ... werden Scheplitz consuetudines elect. et marchiae Brandenburg. (1616) 15; ähnlich: in die kirche gehören nur kichliche handlungen, das gotteshaus darf kein schauspiel aufführen (wie der passionsunfug) Fr. L. Jahn w. 1, 215 Euler.
b)
kirchengebäude (zunächst für dom, stiftskirche?). anfangs nur zögernd vordringend, breitet sich diese anwendung in berührung mit 1 in frühnhd. zeit rasch aus. jünger fast nur noch literarisch in gehobener sprache und in steigerndem sinn, die heiligkeit des ortes betonend; in umgangssprache und mundart kaum gebräuchlich: man nützet daz holz zuo den ältern in den gotshäusern Konrad v. Megenberg buch d. natur 355, 23 Pfeiffer; und wieden dit godeshus (den dom) mit groter êre und werdicheit (Magdeburg 1364) städtechron. 7, 251; alle die frommenn christenn menschenn, wielche ihnn dasselbige gottes hauss (die kapelle) ... kamenn (1491) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 237; daz man an keinen ort got mer gelestert und geschendet hat, denn ebenn in den kirchen und gotsheusern, wie man sie genennet hat (1527) Luther 17, 2, 342 W.; er sahe auch ab die weite häuser vnd hohen thürn vnd zierde der gottshäuser vnd gebäw (in Venedig) mitten in dem wasser gegründet vnd auffgerichtet volksb. v. dr. Faust 60 ndr.;
es endet sich eur leiden
die seelen-lust bricht an, geht hin ins gotteshausz,
und hohlet wiedrum trost nach vielem kreutz herausz
Rist Parnasz (1652) 598;
daher findet man neben einer ziemlichen anzahl wirtshäuser auch viel herrliche gotteshäuser Abr. a s. Clara w. 2, 72 Strigl; es ist gewisz höchlich zu beklagen, dasz unsere gottes-häuser vielen wollüstigen manns-personen zu rechten kuppel-plätzen dienen müssen vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 24 Gottsched; solch bild gehört eher in einen anatomischen lehrsaal als in ein gotteshaus H. Heine s. w. 3, 36 E.; auf die stufen des gotteshauses schwang sich der bedrängte missionar Herm. Hesse kleine welt (1943) 265. in besonders deutlicher steigerung: dem nach kanstu urteylen und schliessen, das unsere clöster und stift kirchen nicht gottes heuser sind, denn da ists alles also gestifft, das man kein gottes wort darynne hat, denn wo gott wonet, da schweiget er nicht stille, und wo er redet, da wonet er auch, daruͤmb sol man kein haus gottes nennen, man sey denn gewis, das er da rede (1527) Luther 24, 498 W.;
die versammelte gemeine
nur macht sie (die kirche) zum gotteshaus
Rückert ges. poet. w. (1867) 7, 173.
seltener vom kloster als bloszem gebäude: vff die ander frag, wa ist es mitten vff dem erdtreich, der apt sprach, mein gotzhausz ist mitten vff dem erdreich Pauli schimpf u. ernst 47 lit. ver.;
ei, so will ich das kloster anzünden,
das schöne gotteshaus
bei Erlach volkslieder d. Deutschen (1834) 3, 63;
vgl. auch oben Luther 24, 498 W.
c)
von b aus, älter wohl auch in berührung mit 1, in der anwendung auf nichtchristliche tempel und kultische gebäude: unde wirt inzundin eyn vuer in Egyptin gotehusirn (in delubris deorum) Claus Cranc prophetenübers. 144 Zies.; die meisten gotteshäuser in Rom waren tempel K. O. Müller Etrusker (1828) 2, 137; der Inder, der Ägypter, der Grieche, der Mohammedaner, der katholische christ bauten ihre gotteshäuser, wie ihre anschauung von ihren göttern, ihrem gott war W. Raabe s. w. I 2, 153 Klemm.
3)
armenhaus, spital. zu vergleichen ist mlat. domus dei in dieser bedeutung bei Du Cange gloss. 3, 177ᶜ; frz. maison-dieu, hôtel-dieu (seit dem 13. jh.). dem kompositionstyp gott I D 5 entsprechend, häufig im nl., vgl. Verwijs-Verdam 2, 2013; woordenboek 5, 280; auch im nd.: vmme bestenticheyt des godeshuses (siechenhaus) (1443) urk.-buch d. st. Lübeck 8, 159; im suluen yare (1556) wert dat gadeshus vor dat schardor gebuwet, dar de armen seevarende lude ere kost vnd behusynghe yn hebben scholden bei Schiller-Lübben 2, 128ᵃ. nur vereinzelt im hd. sprachgebiet, das diesen kompositionstyp sonst kaum kennt: (die reichen geizigen) weisen arme ... leuth nur zum bettelhausz, zum spittal, zum allmusen, andern gottshäusern zu C. Dieterich ecclesiastes (1642) 2, 761.
4)
übertragener und bildlicher gebrauch geht in mhd. zeit von der bedeutung 1 aus. so die metapher für Maria:
dû irweltez gotes hûs,
sacrarium sancti spiritus
Melker Marienlied 94 Waag.
für die seele: were dis hindernis abe und werent die kouflúte uzgetriben und der tempel gerumet, so zuͦhant so wurde es und so were es ein bettehus, ein gotzhus, do got inne wonen solte Tauler pred. 394, 31 Vetter; ebda 393, 31. jünger in verschiedenartigen, mehr gelegentlichen übertragungen von 2 b her:
in dir (Christus) wohnt alle gottesfüll,
hast alles, was ich wündsch und wil.
du bist das rechte gotteshaus
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 411;
und endlich bau (gott) in unser seelen
dir ein lebendig gottes-haus
Schmolck trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 45;
nach des tages schwüle
geht es froh hinaus
in das grosze, kühle,
grüne gotteshaus (die natur)
Tiedge s. w. (1841) 5, 88;
aber der ganze glänzende und stille weltsaal wäre für mich das gotteshaus deines gedächtnisses, deine grabkirche G. Keller ges. w. (1889) 5, 353. so auch in nicht christlicher beziehung: der staat mit seiner ordnung ist durch einen religiösen weiheakt unter den schutz derselben (der götter) gestellt, gewissermaszen zu einem gotteshaus gemacht, an dem man ohne willen der götter, die es bewohnen, nichts ändern darf Jhering geist d. röm. rechts (1852) 1, 268. in bestimmter wendung auf die im gotteshaus versammelte gemeinde zielend: sie allein predigten vor gefüllten gotteshäusern Treitschke dt. gesch. (1897) 4, 497. nur selten für den gottesdienst: das gottshausz fleissig besuchen Kramer teutsch-ital. 1 (1700) 551ᵃ; vgl. dazu den häufigeren entsprechenden gebrauch unter kirche II 2, teil 5, sp. 795.
5)
ableitungen von und zusammensetzungen mit gotteshaus gehören vorwiegend der spätmhd. und frühnhd. zeit an. sie knüpfen zumeist an gotteshaus 2 a an unter berücksichtigung der meist sachlich bedingten regionalen unterschiede im gebrauch des grundwortes. zu weiteren, im folgenden nicht aufgeführten bildungen vgl. vor allem die obd. mundartwbb. und dt. rechtswb. 4, 1019 ff.
Zitationshilfe
„gotteshaus“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gotteshaus>, abgerufen am 18.03.2019.

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