gottesdienst m.
Fundstelle: Lfg. 8 (1954), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1213, Z. 5
als zusammenrückung aus der schon ahd. in verschiedenen bedeutungen bezeugten genitivverbindung früh zum selbständigen kompositum zusammengewachsen und so vereinzelt im 13. jh. (s. u.C 1), häufiger im 14. u. 15. jh. nachweisbar; doch zeigt das 16. jh., besonders in Luther-drucken, nicht selten noch getrennte schreibung. im obd. des 15. u. 16. jhs. sehr häufig in den kurzformen gotz-, gottz-, gocz-, gots-, gottsdienst, -dinst, gelegentlich noch im 17. jh. gotsdienst (1625) österr. weist. 1, 17; gottsdienst (1671) ebda 105. singulär bleibt die fugenlose form gottdienst Luther 45, 352 W.; md. sind die formen gotisdinst, gottisdienst des älternhd.; als neutrum begegnet das wort in mnd. dat godesdienest sächs. weltchron. 205, 6 Weiland; dat godesdenst (1458) Gött. urkdb. 2, 243 Schmidt; Schiller-Lübben 2, 127ᵇ. in anlehnung an die bedeutungsmäszig bereits differenzierte genitivverbindung, aber auch über sie hinaus, entwickelt das zum kompositum gefestigte wort ein eigenes leben; es verzweigt sich früh, festigt sich an verschiedenen stellen terminologisch und zieht sich in jungem gebrauch, zumal vor dem seit dem späten 18. jh. vordringenden gottesverehrung (s. d.), im wesentlichen auf eine einzige terminologische anwendung zurück (s. u.B 2). oft, zumal in älterer sprache, erschwert die im wort liegende mehrdeutigkeit eine genaue bedeutungszuordnung.
A.
die gottesverehrung und ihre bekundung in einem akt religiösen handelns oder einer bestimmten art religiöser haltung, sowohl auf die gemeinschaft wie auf den einzelnen gläubigen bezogen. entsprechend der verbindung gottes dienst unter gott I D 1 a und gott dienen unter gott I D 2 a α, im vergleich zu der auf das kultisch-sakrale eingeschränkten bedeutung B umfassender, z. t. auch innerlicher und persönlicher.
1)
allgemein die erweisung religiöser verehrung, hier, anders als unter 2 und 3, die kultische verehrung meist mit umfassend.
a)
in fester verbaler verbindung gottesdienst tun, erweisen u. ä., so mehrfach in der Luther-bibel, hier aber selten auf die verehrung des biblischen gottes bezogen: die da menschen fleisch frassen, vnd grewlich blut soffen, da mit sie dir gottesdienst erzeigen wolten weish. 12, 6; apostelgesch. 19, 27; (ich) fand einen altar, dar auff war geschrieben, dem unbekanten gott. nu verkündige ich euch den selbigen, dem jr vnwissend gottesdienst thut ebda 17, 23; weish. 15, 17. auch sonst vornehmlich in der anwendung auf heidnische religionen, aber kaum über das frühe 18. jh. hinaus: wenn sie ihnen (den göttern) eine grosse ehre vnd gottesdienst thun wolten Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 1, a 3ᵇ; was fuͤr eine abscheuliche abgoͤtterey bey den alten im schwang gegangen, erhellet ausz der grausamkeit ihrer vermeinten gottesdienste, die sie ihren abgoͤttern erzeiget Schupp schr. (1663) 777. in christlichem sinne: wer im hause des herrn will angenehmen gottesdienst abstatten, musz vor gott ligen nicht auff eigene gerechtigkeit, sondern auff gottes grosze barmhertzigkeit Frisch neukling. harpfe Davids (1719) 21. in der genitivverbindung so schon bei Luther 32, 419 W.
b)
als rechter, reiner, falscher, unnützer gottesdienst u. ä. aus biblischer, durch die auseinandersetzung mit anderen religionen bestimmter sicht: sie (die kinder Israel) halten so hart an dem falschen gottesdienst, das sie sich nicht wollen abwenden lassen Jerem. 8, 5; er richtet den rechten gottesdienst wider auff, da das land vol abgoͤtterey war Jesus Sirach 49, 4; seltener pluralisch: ja warumb haben sie mich so erzürnet, durch jre bilder vnd frembde vnnütze gottesdienste Jerem. 8, 19. in reformatorischem und anderem an der bibel orientiertem sprachgebrauch auf entsprechend beurteilte verhältnisse angewandt: also (wie die obrigkeit gotteslästerung bestraft) ist sie auch schuldig, offentliche falsche leer, unrechten gottsdienst und ketzereien jnn eigen gebieten ... zu wehren und zu straffen Luther 50, 11 W.;
(die christl. obrigkeit) reuttet ausz an allem ort
all falsch gotts-dinst und abgöttrey
Hans Sachs 1, 236 lit. ver.;
theatr. diabol. (1569) 28ᵇ; also warnen sie (die schwalben) für der schändlichen, heydnischen und papistischen abgötterey, vnd gottesdienst, und anruffung Prätorius winterflucht der sommervögel (1678) 231; die edikte (Konstantins) von abschaffung der fechter, konkubinen, von feirung der sonntage, entfernung der heiden und abgötter auf die dörfer, damit in den städten reiner gottesdienst wäre Herder 5, 677 S.
2)
gottesdienst als gott wohlgefälliges leben und handeln, erfüllung des göttlichen willens und gebotes, mit stark religiös-ethischem akzent und oft auf das handeln des einzelnen bezogen; im sprachgebrauch der Luther-bibel, auch sonst bei Luther und in der redeweise des 16. und 17. jhs., gelegentlich auch schon früher, seltener jünger.
a)
im sinne eines gesamtverhaltens: sulchen reinen werken (einer nonne), sulchem unschuldigem leben, semlichem gotesdinste trug der leidige teufel ... merklichen haz Joh. v. Neumarkt Hieron. 184 B.; von sünden lassen, das ist ein gottesdienst, der dem herrn gefelt Sirach 35, 5; Römer 12, 1; so aber sich jemand vnter euch lesset düncken, er diene gott, vnd helt seine zungen nicht im zaum, sondern verfüret sein hertz, des gottesdienst ist eitel. ein reiner vnd vnbefleckter gottesdienst fur gott dem vater, ist der, die waisen vnd widwen in jrem trübsal besuchen, vnd sich von der welt vnbefleckt behalten Jac. 1, 26 f.; in genitivischer verbindung Luther 10, 3, 264 W.; 10, 1, 1, 413;
auff gott allein hoffen und bawen,
und lieb haben den nechsten sein,
das ist der recht gottsdienst allein
Hans Sachs 18, 208 lit. ver.;
gottsdienst ... fleysz vnd sorg die man hat gott zedienen vnnd jm gehorsam zeseyn Maaler teutsch spr. (1561) 190ᶜ; und unsern nächsten als uns selber (lieben), das ist der ganze gottesdienst Jac. Böhme s. w. 6 (1846) 274 Schiebler. jünger, aber in der reformatorischen tradition stehend: denn dem protestanten ist auch die berufsthätigkeit ein gottesdienst Justi Winckelmann (1866) 1, 323. in vergleichbarer ausweitung: ihr (der geistlichen dichter) dichten ist hingebender gottesdienst Scherer litteraturgesch. ⁷783.
b)
daneben vereinzelnd als 'gott wohlgefällige, fromme tat, gutes werk, almosen, stiftung', im ersten beleg nicht ganz eindeutig: und sollich schoͤn leben (öffentliche festlichkeiten) zergieng allweg mit lieby und früntschaft. und och dazwischen geschach grosz gotzdienst von gaistlichen herren, mit groszem almuͦsen und andern Ulrich v. Richental chron. d. Constanzer concils 86 lit. ver.; man sol den hof czuͦ kainen andren dingen brauchen dan allain czuͦ dem pilgrinhausz und hospital armen leutten. wäre aber sach, das man denselben hof ... czuͦ andren sachen prauchen und niessen welte, auch dasz man kain goczdienst domit folbrechte ... (Augsburg um 1500) städtechr. 22, 391; weil gottes gebot ... da ist, so können solche werck, wie gering sie auch scheinen, anders nicht denn eitel gute werck und gottesdienste sein und heissen Luther 34, 2, 132 W.;
nun luͦgend, wie guͦt müessig gon si,
darumb ir fliehend zuͦ den klöstren in!
das sol ein grosser gottsdienst sin
N. Manuel Barbali 677 Bächtold;
was man gott zugefallen thut,
das ist ein gottesdienst seer gut
Lobwasser Calumnia (1583) b 3.
jünger in vereinzeltem rückgriff auf diese bedeutung und in ausdrücklicher abwehr der in neuerer sprache vorherrschenden bedeutung B 2: das wort gottesdienst sollte verlegt, und nicht mehr vom kirchengehen, sondern blosz von guten handlungen gebraucht werden Lichtenberg verm. schr. (1800) 2, 125. gelegentlich hier, von der wortbildung her, in dem eigentlichen sinne 'dienst für gott', vgl. auch in noch getrennter schreibung: ich (Luther) musz ... den tod redlich umb sie vordienen, auff das sie (die gegner) ursach haben, einen grossen gottis dienst an mir zu volbringen (vgl. Joh. 16, 2) Luther 8, 340 W.; unter dem schein des gottesdienstes ... ungeheure mord und bubenstück in werk zu richten Gryphius trauersp. 15 Palm; 'glaubt mir, es ist auch ein gottesdienst, wenn ihr mitgeht' ... 'weil ihr sagt, es sei ein gottesdienst, so kommt' W. Hauff s. w. (1890) 3, 17. vgl. dazu in frühem gebrauch die genitivverbindung godes dinst für 'wallfahrt', in der gegenüberstellung zu rikes dinst Sachsensp. landr. 2, 7; 1, 28 Homeyer.
3)
von einer religiösen grundhaltung, namentlich in der erörterung über die rechte art der gottesverehrung innerhalb überkommener religiöser anschauungen oder in der religion überhaupt, mit anderer blickrichtung also als unter 1 b. im ganzen wie in seinen einzelnen äuszerungen erscheint gottesdienst hier betont als eine durch glaube, gesinnung und gefühl bestimmte fromme haltung. so schon bibelsprachlich und bei Luther, später vor allem im 18. jh., dann (hinter gottesverehrung, s. d. 3 b) zurücktretend: die furcht des herrn ist der rechte gottesdienst Sirach 1, 17; Luther 9, 674 W.; gottsdienst: gottsforcht, liebe zu gott Maaler teutsch spr. (1561) 190ᶜ; massen gott freywillige opffer und einen freywilligen gottesdienst von uns haben will Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 1, ccc 6ᵃ;
es ist der beste gottesdienst, uns sein (gottes), in seinen werken, freun
Brockes ird. vergnügen (1721) 8, 68;
euer gottesdinst sei vorzüglich, unseren gott lob, preis, und ehre darzubringen (1776) bei Meinecke Boyen (1896) 1, 8; so ward kindliches vertrauen, kindliche liebe der erste gottesdienst J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 184. vereinzelt geradezu als 'andachtsgefühl':
in deinen laubgeweben ...
wie war mein geist voll leben,
mein herz voll gottesdienst
Tiedge w. (1823) 2, 22.
in blasphemischer umkehrung:
ja, gott
ist boshaft, und verzweiflung ist
der wahre gottesdienst!
Grabbe w. 1, 132 Bl.
mit unbestimmtem artikel auf eine einzeläuszerung religiöser grundhaltung bezogen: es ist ja wohl nichts unschuldiger, als ein geistlich lied? nicht wahr, vater? Ruysum: ei wohl! es ist ja ein gottesdienst Göthe I 8, 179 W. eine tiefere, geistigere auffassung kommt auch in der namentlich im 18. jh. begegnenden unterscheidung äuszerlicher und innerlicher gottesdienst zum ausdruck. wertend: wenn ich einen rechten christen sehe, so verstehe ich, dasz Christus allda innen wohnet und ist: was machet ihr denn mit euren aͤuszerlichen gottesdiensten? Jac. Böhme s. w. 5 (1843) 520 Schiebler. sonst im sinne sachlicher scheidung, bei der das prädikat äuszerlich den öffentlichen kultus meint (s. u.B 1 a): die pflichten des innerlichen und des äuszerlichen gottesdienstes Cramer nord. aufseher (1758) 1, 251; nothwendigkeit des innerlichen gottesdienstes ... vom äuszerlichen gottesdienst (kapitelüberschriften) allg. dt. bibl., anh. zu bd. 37/52 (1771 ff.) 1115; vgl. Stosch gleichbed. wörter 1, 94; Campe 2 (1808) 430ᵇ. ebenfalls im sprachgebrauch der aufklärung: alle (Essäer) kamen ... darin überein, der vernünftige gottesdienst bestehe in stille und beschaulichkeit Zimmermann einsamk. (1784) 1, 128.
B.
in einem engeren, gegenständlicheren sinne bezeichnet gottesdienst, vorherrschend schon in frühem gebrauch, die von der kirche oder einer anderen glaubensgemeinschaft ausgeübte kultisch-sakrale praxis, institutionen, ordnungen und verrichtungen des kultischen lebens, entsprechend gottes dienst unter gott I E 3 b, vgl. auch gott dienen unter gott I D 2 a. vorwiegend in biblisch-christlichem gebrauch, aber von da her auch auf heidnische kultübungen übertragen (s. u. 3).
1)
zusammenfassend für die verschiedenen religiösen feiern und rituellen übungen, die kirchlichen kulthandlungen, dienste und zeremonien, seltener auch für eine einzelhandlung solcher art. seit dem 14. jh., zunächst vornehmlich für den jüdisch-biblischen tempeldienst und die kulthandlungen der katholischen kirche.
a)
allgemein, meist singularisch, seltener im plural: (das) tempelgewant, daz Aaron an truog in dem gotsdienst ob dem altar Megenberg buch d. natur 431, 21 Pf.; wes dar horde to godesdenste unde to der hilghen syrheit (zierde) in der kerken (1384) in: dt. rechtswb. 4, 1013; dat godesdenst, dat in dem tempele geschach (15. jh.) bei Schiller-Lübben 2, 127ᵇ; dasz derselbig priester ... der kirchen getruwlich warten und mit allen gottesdiensten den vollen thun (soll) (1463) in: dt. rechtswb. 4, 1013; mit myssen unde anderen godesdenste (1491) ebda; Wigand Gerstenberg chron. 199 Diemar; auch das erwürdig gotzhaus Ottenbeuren haben sein aygen leüt geblindert, ... die altar und bild zerrissen und alle zierd des gotzdienst zerstört (vor 1544) qu. z. gesch. d. bauernkriegs in Oberschwaben 385 Baumann. abschätzig: die weil sie nun ... allein ann yrem gotzdinst (alsz siesz nennen) anhengen, an euserlichen ceremonien Luther 10, 3, 368 W. im gebrauch der Luther-bibel ohne nebenton: vnd du solt solch geld der versünung nemen von den kindern Israel, vnd an den gottesdienst der hütten des stiffts legen 2. Mose 30, 16; Jer. 52, 18; Sirach 50, 21; vnd die hütten vnd alles gerete des gottesdiensts Ebr. 9, 21; gleich wie der euserliche gottes-dienst ohne die innerliche andacht unnütze ist; also ist das gegenspiel gar unhöflich Butschky Pathmos (1677) 150; dasz dieses eine nachahmung des jüdischen gottesdienstes gewesen, da der hohepriester die hörner des altars ergreifen muszte anmuth. gelehrsamk. 1, 52 Gottsched. nur vereinzelt in persönlicher beziehung, von den kulthandlungen oder andachtsübungen eines einzelnen: wenn mich der herr wider gen Jerusalem bringet, so wil ich dem herrn einen gottesdienst thun 2. Sam. 15, 8; (es) wolt sich grave Götfridt Wernher von seim gotzdienst zu Mösskirch weiter nit eusern ... als er geen Mösskirch kam, wolt er nit ins schloss, sonder gieng zuvor zu S. Martin in sein gewönlichen bettstuel; da verrichtet er sein gebet ganz andechtigclichen Zimmer. chron. ²4, 152 Barack. in jüngerem gebrauch scheint die anwendung auf den gesamten kultus oft mehr von der 'gemeindeversammlung' (s. u. 2) als kultischer haupthandlung her verstanden zu werden, diese engere vorstellung also die umfassendere zu repräsentieren; so besonders in verbindungen wie äuszerlicher, öffentlicher, katholischer gottesdienst u. ä., wie sie in der engeren bedeutung unter 2 b erscheinen, vgl. dazu auch C 2 b ende: was die fanatici vor gefährliche absichten haben, wenn sie die kirchen, und den äuszerlichen gottesdienst verwerfen ... wenn man keine kirchen und öffentlichen gottesdienst hat, so braucht man keiner priester Liscow sat. u. ernsth. schr. (1739) 30; den freien, öffentlichen gottesdienst haben avoir l'exercice libre, public de la religion Schwan nouv. dict. (1783) 1, 779ᵃ; so forderten sie (die protestanten) eine eigene kirche und einen öffentlichen gottesdienst Schiller 8, 41 G.; der protestantische gottesdienst hat zu wenig fülle und konsequenz, als dasz er die gemeine zusammen halten könnte Göthe I 27, 118 W.; der italiänische gottesdienst der vergangenen jahrhunderte ... bedurfte der darstellung des letzten schrecklichen tages als eines hauptmittels zur stimmung der gemüther Herm. Grimm Michelangelo (1890) 2, 191.
b)
in besonderen verbalen wendungen älteren gebrauchs den gottesdienst stiften, fördern u. ä.: darnach fiengen etlich treffenlich geschlecht an, capell, kirchen, clöster, ... almusen, gotsdinst zu stiften (1488) städtechron. 3, 73; Hans Sachs 17, 260 lit. ver.; ich sag nit darumb, das es unrecht sei, stiftungen thon und den gottsdienst uffnen (fördern) Zimmer. chron. ²1, 49 Barack; ob er kein testament machen wolt oder etwas zuͦ goͤtlichen sachen setzen und gottzdienst fürdern Montanus schwankb. 523 lit. ver. speziell den gottesdienst verbieten, hindern u. ä., für die kirchenstrafe des interdikts, vgl. Diefenbach gloss. 303ᶜ s. v. interdicere; Schiller-Lübben 2, 127ᵇ: von wes wegen ... briefe von geistlichem gerichte har geschicket werdent, also daz man (die stadt) ungesungen sol sin oder ane gotzdienst (1374) in: dt. rechtswb. 4, 1013; das ... nieman gewalt habe ... gottesdienst zuverbieten. darumb hielten sie stets maͤsz vber desz papsts interdict vnd bann Stumpf Schweizerchron. (1606) 92ᵇ. in anwendung auf eine einzelperson: ein gebannen man, der von deme gotesdinste gehindert wer (14. jh.) in: dt. rechtswb. 4, 1013.
2)
in verengerter und spezieller bedeutung von der geregelten zusammenkunft der gläubigen, der kultversammlung der gemeinde als einer meist, wenn auch nicht immer örtlich und zeitlich festgelegten veranstaltung. in dieser prägnanten anwendung schon mehrfach im 14. und 15. jh., zunehmend seit dem 17. jh. und im gegenwärtigen gebrauch in entschieden vorherrschender geltung. die abgrenzung gegen 1 als die summe der kulthandlungen, in der diese spezielle form als vielleicht wichtigste implicite mitgegeben ist, ist in manchen fällen schwierig, vgl. besonders ob. 1 a ende.
a)
im ersten beleg von 1 nicht mit sicherheit zu trennen: (dasz) czwen prister ... diselben chyrchen mit dem gotzdienst vnd allv gotz-e selber davon raichen schullen nach der gwonhait der christenhait (Wien 1360) fontes rer. Austr. II 18, 307; der leute ist genuk auf erden, die grossen heiligen in iren hochzeiten grosse wirde und grossen dinst beweisen mit dem, das sie auf dieselben vrist die kirche fleizziclichen suchen und bei gotesdinsten denselben tag williclichen und mit gutem mut bleiben, von des heiligen leben horen predigen Johann v. Neumarkt Hieronymus 128 B.; vnde wente nu de sulue juwe lanste (landsasse) dem kerkheren ouerlast (belästigung) ghedan heft, godesdenst to vorstorende in sunte Stephens daghe neghest vorghan ... en de kerkhere in godesdenste nicht lyden sunder myden moste (1422) Lüb. urkdb. 6, 805; sant Peters kirch (in Nürnberg) ... hat ein pfarrer, der selsorg tregt; ein schaffner, der das ander in der kirchen und haus auszricht; ein prediger, der zu zeiten verpunden ist ... die alle wartent der kirchen und gotsdinsts und selsorg (Nürnberg 1488) städtechr. 3, 73; wer bei ainer versambleten gemein oder gotsdienst sich ungebürlich ... hielte (1568) österr. weist. 4, 114; alle und iede unterthannen sollen die gotsdienst an son- und feirtagen vleissig besuechen und vor vollendung des gotsdiensts, des ambt und prödig nit aus der kirchen geen (17. jh.) ebda 1, 61, 16; das war heute ein gottesdienst, frau Walter! M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 241; das volk konnte ihn (den antiken tempel) nur umziehen. aber was wir gottesdienst nennen, die spendung des unsichtbaren heiligen an eine erlebende gemeinde, brauchte genau das entgegengesetzte: den eintritt, vielleicht selbst den einzug der gemeinde, keinesfalls den umzug allein Pinder kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 85. formelhaft gepaart: predig und gottesdienst alle sonn- und feyertag besuchen (1625) in: dt. rechtswb. 4, 1013; Chr. Weise erznarren 189 ndr.; die Russen begannen aber diesen krieg, wie ein christliches volk jeden gerechten krieg beginnen soll, mit gottesdienst und gebet E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 239.
b)
vor allem in diesem anwendungsbereich begegnet das wort in festen sprachlichen prägungen.
α)
in verbalen verbindungen. auf die abhaltung des gottesdienstes bezogen: ain kranker gerichtsmann, der mag ein gesatls rosz, dieweil man den gotsdienst helt oder in der landschrannen rechtet, auf dem moos geen lassen (1625) österr. weist. 1, 17; endlich kam er in eine grosze stadt und mitten in die kirche, wo eben gottesdienst gehalten wurde br. Grimm kinder- und hausmärchen (1812) 2, 184; G. Freytag ges. w. 17 (1888) 220; des andern tages, so eben der sontag war, lies er zuvorderst den gottesdienst verrichten Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 184. die teilnahme am gottesdienst umschreibend:
nach anhörung des gottesdienst
Ayrer dramen 637 Keller;
damit wir noch frühe genug ... in obgemeldten pfarrherrns kirche ... kommen und dem gottesdienst abwarten können Grimmelshausen Simpl. 33 Scholte; dem gottesdienst beywohnen Dentzler clavis germ.-lat. (1716) 138ᵇ; er besucht ... den gottesdienst Lichtenberg erkl. d. Hogarthischen kupferst. (1794) 5, 94; wen der zufall hier vorüberführt, musz gern oder ungern an dem gottesdienst theil nehmen Schiller 7, 213 G.; das niemands zuͦ jhrem gottsdienst vnd predig gienge Wurstisen Basler chron. (1580) 281; die gutsleute ... waren schon um die mittagszeit aufgebrochen, weil sie zum gottesdienst in die kreisstadt wollten Wiechert missa sine nomine (1950) 341. auf den zeitlichen ablauf der feier gerichtet: noch hatte der gottesdienst nicht begonnen Immermann w. 5, 163 Hempel; darnach so der gotsdienst ... ausz ist (1625) österr. weist. 1, 17; als der gottesdienst vorüber war L. v. François Reckenburgerin (1871) 1, 254.
β)
präpositionen bestimmen vor allem den zeitlichen ablauf des gottesdienstes: der prantwein und anders getrank vor und under wehrendem gottsdienst ... auszugeben genzlichen verpotten (1671) österr. weist. 1, 105, 6; so strenge die schulzucht, so locker war die aufsicht über uns schüler während des gottesdienstes Steffens was ich erlebte (1840) 1, 140; sonntags, nach dem gottesdienst, ja da posselt man so was kleines für sich selbst zurecht maler Müller w. (1811) 3, 113.
γ)
adjektivische attribute sind durch verschiedenartige sachliche gesichtspunkte bestimmt, durch rangunterschiede der feiern, durch ihren öffentlichkeitscharakter, ihre konfessionelle oder nationale ausprägung, zeit, ort und regelmäszigkeit ihrer abhaltung u. ä.: sie (die kapellmeister von Salzburg) setzten ihre ehre darin, dasz die für den feierlichen gottesdienst nöthige musik auch ... ihr werk sei Jahn Mozart (1856) 1, 434; in den letzten jahren seines lebens konnte er seiner schwachheit wegen dem öffentlichen gottesdienste nicht mehr beywohnen Cramer nord. aufseher (1758) 1, 82; alle freunde eines vernünftig eingerichteten öffentlichen gottesdienstes werden dem verfasser (einer kritischen beurteilung des gesangbuches) ... verbunden seyn anh. zur allg. dt. bibl. 1/12 (1771) 59 (s. auch ob. 1 a ende); er ging mit seiner frau und seinen kindern in den deutschen gottesdienst Anna Seghers d. toten bleiben jung (1950) 470; beim sonntäglichen gottesdienste in dem herrschaftlichen kirchenstuhle Storm s. w. (1899) 1, 118; hochheilig seit urzeiten gilt den juden diese nacht, sie feiern in ihr mit häuslichem gottesdienst und festmahlzeit die erinnerung an die befreiung aus Ägypten Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 278; nachdem die gemeinde den gewohnten gottesdienst beendigt und mit einem choral beschlossen G. Keller ges. w. (1889) 2, 83.
3)
der biblisch-christliche gebrauch des wortes wird entsprechend auch auf die kultischen feiern und verrichtungen auszerchristlicher religionen angewandt, so schon im zuge des humanismus, in der behandlung antiker stoffe und in der übersetzung antiker schriftsteller: vnd begieng sonst vil mutwillens inn den templen, deren gotsdienst vnd ordnung verspottet er allenthalben Boner Herodot xxxviiiᵃ; Hans Sachs 16, 8 lit. ver.;
weil wir dann nun verrichtet han,
wie recht ist, den gottsdienst ...
(1605) W. Spangenberg in: griech. dramen 1, 216 Dähnhardt;
Daria ... darzu kame, um den fuͤr diese Flora angeordneten gottesdienst zu verrichten A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 139. in völkerkundlichem oder historisierendem zusammenhang: zue denselbigen (heiligen wäldern) liefen die leut, so si peten wolten, geistliche werk üeben, ir andacht und gotsdienst under den wolken und offnem himel verpringen Aventin s. w. 4, 77 bayer. akad.; ich sahe auch jhrem (der Türken) gottesdienst vnd gebet zu Schweigger reyszbeschr. (1619) 11; ihr (der alten Perser) gottesdienst war unter dem himmel Herder 15, 601 S.; die für den öffentlichen gottesdienst nöthigen opfertiere Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 70.
4)
gelegentlich tritt in älterer sprache, vor dem hintergrund der kultischen anwendung, gottesdienst geradezu in die bedeutung 'religiöser, geistlicher stand, priesteramt' hinüber, in christlichem und auszerchristlichem zusammenhang, vgl. schon in noch getrennter schreibung: das ein münch oder nun nicht mer under seim vatter sein sol, ja sprechen (sie): das kindt ist in dem geystlichen standt und gottes dienst Luther 10, 3, 264 W.; Fischart in: euphorion, ergänzungsh. 7 (1908) 183; accersere aliquem ad rem diuinam einen zum gottsdienst beruͤffen Frisius dict. (1556) 15ᵃ; sie ist eine keusche jungefrau, welche alle vnreinigkeit hasset, und anfangs sonderlich zu dem gottesdienst gewidmet gewesen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 4 (1644) 11.
5)
sprichwörtlicher gebrauch scheint in der wendung krankendienst geht über gottesdienst Fischer schwäb. 3, 766 von der bedeutung B auszugehen, während verwandte prägungen sowohl von hier wie von A aus, und also in einem umfassenderen sinne, denkbar sind: herrendienst geht sogar dem gottesdienst vor, sagen die geschäftsmänner Alexis ruhe (1852) 1, 202; rhein. wb. 2, 1325; Bauer-Collitz Waldeck 44ᵃ. umgekehrt: gottesdienst geht über herrendienst Fischer schwäb. 3, 766.
C.
über A und B hinaus, wenn auch nicht ohne nahen zusammenhang namentlich mit B, kann sich das wort zu einer bedeutung verselbständigen, in der es die religion bzw. die religionsgemeinschaft, die glaubens- oder kultgemeinschaft als objektive gröszen und in objektiver bestimmung bezeichnet.
1)
so schon früh, und gelegentlich in älterem gebrauch auch sonst, prägnant für die christliche religion und kirche, das christlich-kirchliche leben überhaupt, besonders hier noch in spürbarer verbindung mit B 1: he (kaiser Lothar) vorderede wol dat godesdienest, des vrowede sic al du cristenheit sächs. weltchron. 205, 6 Weiland; der gotszdienst ist durch das gantz Schlesier land fast vil vnd grosz G. Alt buch d. cronicken (1493) 267ᵃ; dieser keyser war ein mann, der alle seinen fleisz auff den gottesdienst legete, vnd dasz er kirchen vnd gottesheuser stifftete Binhardus thür. chron. (1613) 76.
2)
als besondere religionsform in näherer bestimmung.
a)
historisierend von bestimmten, religionsgeschichtlich greifbaren religionen und religionsformen, vornehmlich auszerchristlichen: und Numa (Pompilius) hat den römischen glauben und gotsdienst am ersten aufbracht und erdacht Aventin s. w. 4, 264 bayer. akad.; Fischart w. 3, 22 Hauffen; es ist ein wesentliches stück der römischkatholischen religion, gegen jedweden andern gottesdienst einen hasz einzuflöszen Dusch verm. schr. (1758) 282; die geheimnisse des orphischen gottesdiensts Wieland Agathon (1766) 1, 30; Herder 13, 218 S.; Mose, eingeweiht in die geheimnisse des ägyptischen gottesdienstes Peschel völkerkunde (1874) 300.
b)
soviel wie religion, zu der man gehört, glaubensgemeinschaft, zu der man sich bekennt: denn ich bin ein phariseer gewest, welche ist die strengste secten vnsers gottesdiensts apostelgesch. 26, 5; Daniel 6, 5; 2. Macc. 11, 24;
der äuszerliche gottesdienst,
wozu wir uns bekennen,
ist in der that noch nicht genung,
dasz wir uns christen nennen
J. Chr. Günther s. w. 2, 263 lit. ver.;
zwei pflichten sodann haben wir (die gesellschaft der auswanderer) aufs strengste übernommen: jeden gottesdienst in ehren zu halten, denn sie sind alle mehr oder weniger im credo verfaszt Göthe I 25, 189 W.; (die religionen) werden erst dann zu ihrer ursprünglichen herrlichkeit wieder erblühen, sobald die politische gleichheit der gottesdienste ... eingeführt wird H. Heine s. w. 3, 419 E. geradezu für 'konfession', hier freilich dem kultisch betonten gebrauch B 1 a sehr nahe:
verlaszt die ketzerey und kehrt zur kirche wieder,
die Rom als haupt verehrt. ein gottesdienst allein,
ein glaube, soll hinfort in meinem reiche seyn!
Gottsched dt. schaubühne (1740) 6, 73;
(den ständen) allein wurde die freyheit eingeräumt, kirchen und schulen zu errichten, und ihren protestantischen gottesdienst öffentlich auszuüben Schiller 8, 67 G.; vgl. 133; 4, 90; überall (in Schlesien) erneuerte sich der evangelische gottesdienst Ranke s. w. (1867) 28, 354.
3)
in ganz allgemeiner, mehr klassifizierend-begrifflicher anwendung für religion, kultus als phänomene und gegebenheiten:
recht, gottesdienst, gesetz, zucht, policey
Lehman florileg. polit. (1662) 3, 426;
gesetze, gottesdienst, ja ruhe, lust und leben,
das, das habt ihr (der könig) der welt gegeben
Gottsched ged. (1751) 1, 29;
Wieland Agathon (1766) 2, 78; wohl gewisz, dasz beide völker durch sitten, gesetze und gottesdienst so gleichartig ... gestanden haben mochten Ritter erdkunde (1822) 1, 580.
D.
auszerhalb religiös-kirchlicher anwendung erscheint gottesdienst in vergleichendem, uneigentlichem oder übertragenem gebrauch nicht ganz selten, aber auf sehr unterschiedlichen ebenen.
1)
in direktem vergleich. an B anknüpfend:
und wann du mir so treulich,
wie freundesblick erschienst,
dann wars um mich so heilig
wie stiller gottesdienst
Tiedge schr. (1796) 1, 19;
es ward mir, als sei stiller sonntag in meinem herzen, und die engel darin hielten gottesdienst H. Heine s. w. 3, 142 E. wohl mehr von A her empfunden: in diesen kampf zu ziehen, wie in einen gottesdienst Hohlbaum Stein (1934) 280.
2)
in uneigentlicher anwendung nur älter, so in derber satire auf amt und funktion des priesters, zu B 1: da stuͦnd die züchtig junckfraw ... auff mit sampt einer magd, welche ihr dann trewlich zuͦ dem gottsdienst halffe, dem göttlichen thuͦmbherren ... zu dienen ... auch mit dem leybe Schumann nachtbüchlein 234 Bolte; vgl. dazu schon in gleichem sinne gotzdienst Arigo decameron 233 lit. ver.;
den fetten teutschen priester,
desselben gottesdienst bestund allein im wein
Dietrich v. d. Werder ras. Roland (1636) 96.
ähnlich in mythologisierendem anschlusz an B 3: aber im gottsdienst Bachi, mit sauffen, fressen Joh. Nas eins u. hundert 1 (1567) 20ᵃ.
3)
in eigentlicher übertragung nur jünger, verschieden gewendet, aber vornehmlich von B her, doch kann die vorstellung auch mehr zu A hinüberwechseln.
a)
ohne religiösen gehalt: den weggehenden Scheerauerinnen gab Fenk nach dem botanischen gottesdienste (einer botanischen belehrung) noch die nachricht als einen altarsegen mit nach haus, bei welchem er das kreuzmachen ihnen selber überliesz Jean Paul w. 1, 80 Hempel; im saal (bewegte sich der) ... zeremonienmeister und befehlshaber der garden, ehrfurchtsvoll dem gottesdienst höfischer etikette obliegend Bergengruen Karl d. Kühne (1930) 37. unter der voraussetzung von gott III E 3 a:
gold, ehr und wollust herrscht, so weit der mensch gebietet,
...
verführung schwacher zucht, der gottesdienst des bauches
Haller ged. 136 Hirzel;
ihr (der kochkunst) weiht er seine huldigungen,
und seinen gottesdienst dem gaum
Tiedge s. w. (1841) 5, 177.
b)
auf höherer ebene. im bereich naturhafter oder ästhetischer religiosität: mitten darin säsze ich mit meiner staffelei und versuchte endlich jene farben zu erhaschen, ... ach jene wunder, die in wüsten prangen, über oceanen schweben und den gottesdienst der Alpen feiern helfen Stifter s. w. 1 (1904) 47; hier (in dem kirchlein) sitze ich täglich eine stunde und spiele Chopin ... auch das ist gottesdienst Meschendörfer d. büffelbrunnen (1935) 327. vereinzelt im anschlusz an C 2 b, soviel wie 'glaubensbekenntnis' in einem säkularisierten sinne: unser gottesdienst wurde der heroismus quelle a. d. jahre 1932.
Zitationshilfe
„gottesdienst“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gottesdienst>, abgerufen am 26.04.2019.

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