gnade f
Fundstelle: Lfg. 4 (1942), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 505, Z. 39

Unterbegriffe in diesem Artikel

herkunft und form.
1)
nordisch und westgerm. (mit ausnahme des engl.) belegt. ahd. gi-nâda, ge-ke-nâda, ka-nâda; gnâda, knâda 'ops, propitiatio, humanitas, misericordia, miseratio'; altostfränk. ge-, ginātha 'misericordia, miseratio'; alts. nâtha, gi-nâtha 'gnade, clementia, misericordia'; mhd. genâde, gnâde; nhd. gnade; mnd. g(e)nâde 'gnade, gunst, guter wille, privileg'; mnld. genāde ds. sowie 'ruhe,bequemlichkeit, ↗hilfe, willkür, demut, dankbarkeit'; nld. genade; afries. nēthe, nāthe 'gnade, nutzen, privileg, ruhe, schutz, sorgfalt'; spätanord. nāđ, f.; plural nāđir 'gnade, sorge für, hilfe; (im pl.) ruhe, frieden'; dän. naade (daraus norw. naade, m., aber in Telemarken naair, pl. = an. nāđir, s. Torp 452), aschwed. naþ, meistens pl. naþir 'ruhe, freude, vorteil, glück, hilfe, schutz, gunst, gnade, willkür', schwed. nåd. ob die skandinav. wörter aus dem mnd. entlehnt oder nur in ihrer bedeutung weitgehend durch mnd. g(e)nâde bestimmt sind, ist nicht mit sicherheit zu entscheiden, am wahrscheinlichsten ist noch der pl. nāđir mit seiner speziellen bedeutung einheimisch. die ableitungen, das adj. und verb, sind im nordischen aus dem deutschen entlehnt: dän. naadig, schwed. nådig 'gnädig'; dän. naade 'gnaden'.
2)
gnade ist dehnstufige ō-bildung (germ. *-nēþō-) zu got. niþan 'helfen' (vgl. W. Wissmann nomina postverbalia 1, 112 f.) zu einer germ. wurzel nē͏̆þ.
3)
die für gnade beigebrachten auszergermanischen verwandten bereiten schwierigkeiten.
a)
im ältesten altind. (Rigveda) ist von der angeblichen wurzel nāth 'hilfe suchen' nur das particip nāthitá 'bedrängt' belegt; daneben findet sich aber nādhitá und mit der gleichen wurzelform das perfekt nā͏́dhamāna und das abstraktum nā͏́dhas 'zuflucht'. nāthá 'hilfe' ist erst im Atharvaveda und nur in der komposition belegt, nā͏́thate 'sucht hilfe' noch später. Wackernagel (altind. gr. 1, 123) hält dh beim verbum für ererbt, th für aufgekommen durch einflusz von -nāthá 'hilfe', das er dehnungsgesetz d. griech. composita 50 zu ὀνίνημι stellt. dann ist verwandtschaft mit niþan unmöglich. verbindet man aber -nātha mit niþan, so wäre die bedeutung 'hilfe, helfen' ursprachlich, und die germ. bedeutungen 'neigung, ruhe' schwer erklärlich.
b)
auch die verwandtschaft des aus dem air. beigebrachten ist wenig wahrscheinlich (belege nach Hessens ir. lexikon 2, 146): ar-neat etc. 'erwartet, hält aufrecht'; do-neat etc. 'verharrt, besitzt dauernd', in-neat 'erwartet, hält aufrecht'; abstr. tuinide 'feste lage, etwas festsitzendes, fels'; am ehesten liesze sich 'feste lage' mit der im german. wahrscheinlichen grundbedeutung 'sich niederlassen' ˃ 'ruhe, friede, schutz' in verbindung bringen. nach Bergin Ériu 10, 111 gehören aber die ir. wörter zur wurzel sed 'sitzen'; auch Pokorny bei Walde-Pokorny 2, 327 hält zusammenhang mit niþan für unmöglich.
4)
die germanischen und deutschen verhältnisse machen die annahme einer grundbedeutung 'sich niederlassen', 'sich neigen' bzw. 'das sich-niederlassen, sich-herabneigen' am wahrscheinlichsten (vgl. Haltaus 1, 652, auf den sich Benecke stützt: wb. zu Iwein und anmerkung zu 646; danach mhd. wb. 2, 1, 337 und Lexer 1, 850; Falk-Torp 1, 751). der älteste german. bestand ist offenbar die bedeutung 'ruhe' (˃ 'ungestörte lage, friede, glück, ewige ruhe') — entstanden aus der grundbedeutung 'niederlassung' —, die sich im anord. plur. nāđir, im afries. und im mhd. findet. der mnd. gebrauch ist vom ahd. und mhd. her beeinfluszt. im alts. war der wortstamm veraltet (der Heliand hat einmal nātha als entlehnung; vgl. das fehlen des wortes bei Tatian); er wurde aus dem obd. nach der bedeutungsmäszigen umbildung durch die irische mission (s. unter bedeutung und gebrauch, vor I) neu aufgenommen; ob das mnld. mit der bedeutung 'ruhe' alten bestand fortsetzt wie das anord. und wahrscheinlich das fries., oder vom nd. her bestimmt ist, bleibt unsicher.
5)
schwierig ist die frage des plurals, der seit dem ahd. für die christliche gnade häufig gebraucht wird. darin stimmt gnade überein mit anderen abstrakten, wie êre, triuwe u. s. w. vgl. A. Lingl über den gebrauch der abstrakta im plural im ahd. und mhd., phil. diss. München 1934. Wahmann gnade. der ahd. wortschatz im bereich der gnade, gunst und liebe (1937) sucht dem plural bedeutungsmäszige funktion (konkretisierung: bezeichnung der einzelnen akte der gnadenerweisungen) zuzuweisen und sieht in dem überwiegen des deutschen plurals vor dem lateinischen eine germanisierung der christlichen gnadeauffassung (s. s. 82 u. 170 ff.). dagegen ist zu sagen, dasz im lat. der plural möglich und nicht selten ist, sowohl von 'gratia' wie auch von 'misericordia'. es ist grundsätzlich zu scheiden zwischen der gnade (χάρις, gratia), der 'huld gottes', durch die der mensch aus dem stande der sündhaftigkeit in den der gotteskindschaft erhoben wird (s. unten II D) und den gnaden, den einzelnen gnadenerweisungen und gnadengaben, durch die dem menschen hilfe für leib und seele zuteil wird. nicht nur die 'gratiae gratis datae', die charismen, sind pluralisch (1. Kor. 12, 4ff.), sondern auch die eingegossenen theologischen und sittlichen tugenden und die sieben gaben des heiligen geistes. im sprachgebrauch ist diese trennung nicht streng durchgeführt, da schon seit dem ahd. der plural auftritt, wo es sich der sache nach um die gnade handelt. die neigung zum plural zeigt sich vor allem in festen sprachlichen formeln, besonders präpositionalen fügungen: aus gnaden, in gn., von gn., zu gn., vgl. dazu anzeiger f. dtsches altertum u. dtsche liter. 57 (1938) 150f. die formale bestimmtheit des plurals zeigt sich bis in die neuere zeit in weiterlebenden festen wendungen: was fuͤr unendliche ewige frewde ... gott den frommen aus genaden geben werde Moscherosch insomnis cura par. 28 ndr.; doch sollte aus gnaden nur jeder fünfzehnte ... hingerichtet werden I. v. Döllinger akad. vorträge (1888) 1, 41; besonders deutlich in doppelformen: empfehlen sie mich ... zu gnaden und gunsten Göthe IV 20, 191 W.; empfehlen sie mich zu gnaden und hulden IV 20, 160 W.; noch manche jahre ... hielten herr und diener, der eine in gnaden, die andern in treuen zusammen Gutzkow ges. w. (1872) 1, 40. der grund der vermischung von sing. und plur. liegt wohl darin, dasz der sache nach die trennung schwierig ist. 'gnadengaben', soweit sie das übernatürliche leben betreffen, können erscheinungsformen der χάρις sein, aber auch die neutestamentlichen χαρίσματα, die eigentlichen 'gnadengaben' (s. zu gnade II C 3 a).
6)
seit dem mhd. wird die beurteilung des plurals noch erschwert durch die neben der starken auftretende schwache flexion von gnade. die ursache des flexionswechsels liegt wohl in der doppeldeutigkeit mancher formen: seit dem frühmhd. kann formal vater der genaden sowohl starker gen. plur. wie schw. gen. sing. sein. sichere beispiele für schwache flexion von gnade: mit der gottes genaden Schönbach altd. pred. 1, 51, 6; also vortirbet die sele ân die gotes genade und wirt schone von der gotes genaden 1, 61, 2; alle die in der gnaden gotz sint Tauler pred. 166, 1; 64, 17 V.; häufig in der formel (die seele) wirt alles das von gnaden das got ist von naturen Tauler pred. 146, 22; 162, 10; 300, 25; von gnaden und nút von naturen 146, 27; vgl. noch: sô ist er wêrlîche daz selbe von gnâden, daz got ist von nâtûre mystiker 2, 185, 4 Pfeiffer; ich von gottes gnaden, die mir gegeben ist 1. Kor. 3, 10; das gesaz weicht der gnaden Fischart bibl. hist. 209 Kurz; aus lauterer gnaden Sebiz feldbau (1579) 560; mit deiner güt und gnaden Dannhawer catechismusmilch (1657) 4, 30; nach seiner milden gnaden Olearius moscovit. u. persian. reisebeschr. (1696) 44; vielleicht noch:
damit ich (der christ) freudig hören mag,
den süszen geruch der gnaden
Pietsch schr. (1740) 361.
nachdem starke und schwache flexion nebeneinander bestanden, ist mit der möglichkeit zu rechnen, dasz sing.- und plur.-formen miteinander vertauscht und verwechselt wurden. manches, das heute als plural aufgefaszt wird (auch in den präpos. fügungen, wie von gottes gnaden, zu gnaden und gunsten etc.), könnte, soweit die herleitung aus dem ahd. nicht sicher steht, schwacher singular gewesen sein. möglich ist, dasz in anlehnung an fälschlich als plural aufgefaszte schwache formen der pluralgebrauch seit dem frühmhd. gefördert worden ist; sicher ist, dasz manches als schw. sing. zu deuten ist, was wie ein plural scheint: ain ... urchunde des trostes unde der genaden Schönbach altd. pred. 3, 214, 15; di erste gabe der gnadin paradisus anime 134, 18 Str. (s. auch 135, 15); do ich der gnaden beroubet ward, do begund ich ... betrahten, wellich die gnad was E. Stagel schwestern zu Töss 59, 16 V.; als schwacher sing. könnte neben zahlreichen beispielen aufgefaszt werden etwa: (gott) von des gnaden Seuse dtsche schr. 246, 25; waz mag der wisheit und gnaden ... erwerben 256, 21; von diner gnade wider ze gnaden (kommen) 264, 19; daz werc der gnadin paradisus 17, 12 Str.
7)
synkopierung des e (bzw. i, a) schon im ahd.: gnada Benediktinerregel 193, 32 bei Steinmeyer kl. ahd. denkmäler; gnada Otlohs gebet 182, 3 St.; nah dien gnadon Notker ps. 118, 17; nube durh knada 1, 265 P. im mhd. häufiger; vgl. Haupt zu Neidhart 58, 7 ; seit dem 16. jh. beginnt gnade zu überwiegen; Luther hat gnade; im 17. jh. begegnet noch genade:
aber du hast diesem schaden
abgewehret mit genaden
Neumark musikal.-poet. lustw. (1657) 1, 49.
noch im 18. jh. ist genade bekannt gewesen: Göthe führt in einem brief an Käthchen Schönkopf v. j. 1769 als fehler ihres letzten briefes an: gnade und nicht genade IV 1, 215 W.; in der 'verlorenen liebesmüh' von Lenz heiszt es gar, dasz die henkersknechte aller guten orthographie gnad für genade sagen schr. 2, 267 Tieck; Wilhelm Grimm schreibt genade (vielleicht bewuszt gelehrte schreibweise) in: briefw. zwischen J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1888) 2, 123.
bedeutung und gebrauch. die bedeutungsentwicklung des wortes gnade ist innerhalb der deutschen sprache von dem inhalt des christlichen gnade-begriffes bestimmt. gnade ist ein wort der süddeutschen mission (s. zu diesen und den anderen die früheste geschichte von gnade betreffenden fragen Th. Frings Germania Romana [1932], bes. 17-25; P. Wahmann gnade. der ahd. wortschatz im bereich der gnade, gunst und liebe [1937]; A. Lindquist studien über wortbildung u. wortwahl im ahd. mit bes. rücksicht auf die nomina actionis Paul-Braunes beiträge 60 [1936] 1-132) und hat innerhalb dieser welt seine begriffliche ausprägung erhalten. die frühesten bezeugungen (bair., vor 800) stehen bereits unter christlichem einflusz. wie weit der vorchristliche gebrauch entwickelt war, läszt sich nicht entscheiden. einzig die bedeutung 'ruhe, glück' (s. unten I) geht mit einiger sicherheit auf vorchristlichen gebrauch zurück. dasz 'huld, hilfe' schon vor der mission neben 'ruhe' aus der grundbedeutung 'sich niederlassen' entwickelt worden ist ('das sich neigen, um zu ruhen' — 'das sich neigen, um jemandem beizustehen'), so dasz die missionare an einen weltlichen gebrauch 'huld, gunst, hilfe' anknüpfen konnten und ihn mit der christlichen 'misericordia' und 'gratia' in beziehung brachten, ist glaubhafter, als dasz erst die mission diesen schritt getan hätte. dafür spricht vor allem, dasz gnade zunächst nicht 'gratia', also 'die gnade gottes' im engeren sinne, sondern 'clementia' und 'misericordia', 'gottes gnädige, erbarmende gesinnung' bezeichnete, also die bedeutung, die einer allgemein menschlichen am nächsten liegt, (s. unten unter II B). noch Notker gebraucht gnade hauptsächlich für misericordia, während er gratia meist unübersetzt läszt und nur selten mit gnade wiedergibt. unsicher bleibt damit auch, ob die vereinzelten frühen ahd. belege in weltlichem zusammenhang ('hilfe, schutz') und die breit entwickelten mhd. gebrauchsweisen ('huld', 'gunst', 'schutz' im bereich des lehns- und minnewesens) mit älteren nichtliterarischen bedeutungen in verbindung stehen, oder ob sie in ihrem gesamten umfang säkularisationen darstellen.
I.
'ruhe, ruhige lage, ruhiges leben'; 'glück, glückseligkeit'. gegensatz von ungnade 'unruhe, aufruhr' u. s. w., s. teil 11, 3, 1017f. wahrscheinlich handelt es sich um einen alten, aus der grundbedeutung 'das sich-niederlassen' abgeleiteten, vorchristlichen gebrauch, vgl. Benecke zu Iwein 646. auffällig bleibt die verhältnismäszig späte bezeugung (11., 12. jh.), ferner, dasz die wendung diu sunne gât ze gnâden erst im späteren mhd. belegt ist.für eine herleitung aus älterem gebrauch spricht vor allem das anord.; der plur. nāđir hat die bedeutung 'ruhe, ruhe des schlafs', auch 'musze, bequemlichkeit', vgl. Falk-Torp 1, 151; Cleasby-Vigfusson 448ᵃ (die bedeutung 'gratia' für den singular erst seit dem 14. jh.; offenbar unter südlichem einflusz): ganga til nāđa 'sich legen'; frelsi ok gōdar nāđir 'musze und ruhe'; vera þar um nōttina ī nāđum; drekka saman ī nāđum. auch das afries. hat die bedeutung 'ruhe' bewahrt, vgl. v. Helten lex. d. aofries. 243; Richthofen afries. wb. 942 f.; häufig ist thruch fretho and thruh natha (nethe); bei der späten bezeugung, nicht vor dem 13. jh., ist das afries. für die bedeutungsentwicklung ohne rechte beweiskraft. im as. ist (gi)nātha kaum bekannt; vgl. Frings Germania Romana 19. der mnd. und wahrscheinlich auch mnld. gebrauch sind vom deutschen her bestimmt, geben also auch über die ursprünglichen verhältnisse keine sicheren aufschlüsse. mit der möglichkeit, dasz, namentlich in übertragenem sinne, spätere (mhd. und frühnhd.) bezeugungen nicht mehr aus der bedeutung 'ruhe' abgeleitet, sondern fortbildungen von gnade als 'gunst, hilfe, wohltat' sind, musz gerechnet werden. so scheinen auch die späteren belege (Wieland, Jac. Grimm) unter ungnade 2, sp. 1018 keine fortsetzungen des mhd. gebrauchs zu sein, sondern übertragungen von ungnade als 'ungunst' aus der menschlichen sphäre in die der natur (vgl. die ungunst der verhältnisse, des wetters; das gnädige oder ungnädige wetter u. s. w. s. auch unter gnadelos, adj., 1).
1)
'ruhe, untätigkeit'; 'ruhige, angenehme, geschützte lage' als gegensatz zu 'unruhe, hartes, gedrücktes, gestörtes leben'; 'schutz', 'friede'. auf das innere bezogen: 'innere ruhe' und daraus entspringende 'befriedigung, glück, glückseligkeit':
wan so der man und daz wip
die wochen chestiget sinen lip,
so schulen si an dem suntage
genade unde reste haben
genesis 8, 30 Diemer;
(die fliegen) sine lazzent uns rawe
neheine genade sine lant uns geruowen
den abent noch den morgen
140, 15;
der ie die werlt gefröite baz dann ich,
der müeze mit genâden leben (der möge glücklich leben)
Reinmar in: minnes. frühl. 164, 4;
nû het in (Erec) an der gnâden sant
ûz kumbers ünden gesant
got und sîn frümekeit,
daz er nû allez sîn leit
hâte überwunden
Hartmann v. Aue Erec 7070 H.;
zehant wart in beiden
ein ruowe bescheiden,
dâ in gnâde unde gemach
zuo ir wunden geschach
Iwein 7771 L.;
ez wâren dem rîchen dürftigen (Gregor, der als armer auszer landes geht)
alle genâde verzigen,
wan daz er al sîn arbeit
mit willigem muote leit
Gregorius 2752 P.;
liute unde lant, diu möthen mit genâden sîn,
wan zwei vil cleiniu wortelîn 'mîn' unde 'dîn',
diu briuwent michel wunder ûf der erde
Gottfried v. Straszburg s. 246 R.;
ir muoter sprach 'waz ob ich des niht wil
daz ir mit ir (der tochter) iht rûnet? ...
lât sî mit genâden; zechet anderthalben hin'
Neidhart 45, 24 H.-W.;
wi unversehenlich geschiht
an wertlichen sachen ist!
wi gar unstedecliche list
wendet si her unde hin!
wi lützel gnaden ist an in,
wi idel, wi gar drugesam
ist werltlicher dinge ram
Elisabeth 5012 Rieger.
vride und gnade übersetzt die im mittelalter geläufige formel pax et gratia, bezeichnung des allgemeinen friedens (R. His strafrecht d. dtschen mittelalters 1 [1920] 352); zufrühest im geistlichen belegt: do wunschten si (die engel in der weihnacht, Luc. 2, 14) genaden und frides menschlichem geslæcht Schönbach altd. pred. 2, 19, 16; wir ... tuͦn chunt allen di disen brief an sehen, daz wir durh frid und durh genad einen so getanen satz haben gesatzt (Regensburg, 1269) corp. d. altdt. originalurkunden 1, 171, 13 Fr. Wilhelm; ze vride und ze gnade der stat und der gemeinde han wir gesetzet (1252) ebda 1, 52, 21; ist die vierte meinung: das die stat Bamberg fürbass allzeit einem herrn und dem capitl ein erbhuldung thun solle uf solichs das die vorberurten straff und ordnung alle dester forderlicher in fride und gnaden bleiben möchten (15. jh.) chron. d. stadt Bamberg 1, 8 Chroust;
frid und gnad wil mich (den kriegsmann) gar verderben,
ich woͤlt vil lieber unruͦw han
H. R. Manuel weinspiel 408 ndr.;
besser mit gutem gewissen in fahr und ungnad, denn mit bösem gewissen in fried und gnad leben Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 2, k 7ᵃ. setzen wir sy hiemit aus unsern und des reichs gnad und schirm (v. j. 1495) im dtschen rechtswb. 4, 965; sîneme wechferdigen gesellen unde sîme werde, dâ her geherberget is, unde sîme gaste unde swer zu sînen gnaden vlût, deme sol die man helphen weder alre malkeme Sachsenspiegel III 78 § 7 Eckhardt; s. auch Schwabenspiegel unter III D 4, sp. 550. in neuerer zeit nur noch in mundart und umgangssprache: to gnaodn kaom nach anhaltender, schwerer arbeit sich einige erholung, ruhe verschaffen Danneil altmärk. 66ᵃ; nicht zu gnaden kommen können für die Mark bezeugt durch Frz. Söhns parias d. dt. sprache (1888) 31; tau gnâden kômen zur ruhe kommen, sich erholen Schambach Gött. 65ᵇ; die geister böser menschen spuken, weil sie nicht ze gnodn kommen können Hertel Thür. 108; z gnade cho zu sich kommen, sich erholen Seiler Basler ma. (1879) 143; in dem bett kann ich nicht zu gnaden kommen und habe bis jetzt schlecht geschlafen Th. Storm br. an s. frau 30. — auch vom nachlassen des schmerzes: nu heffk n bätn gnaod Danneil 66ᵃ; ich kriech itz awing gnaͦde K. Rother schles. sprichw. (1928) 254. — hierher gehören auch die folgenden selteneren anwendungen aus Thüringen und Sachsen (nach mitteilungen von Rudolf Hildebrand und Karl Kant): ein garten liegt in der gnade, d. h. 'liegt geschützt' (dafür auch in der geduld liegen 'unter dach und fach sein, gegen regen und wind geschützt sein'); andre jahre haben die katzen ihm (dem vogel) die jungen aus dem nest geholt, dies jahr hat er sie aber zu gnaden gebracht (sie ohne störung und schaden aufgezogen) landmann aus der Grimmaer gegend (1894). in geistlicher sprache 'die ruhe und seligkeit des jenseits', gelegentlich mit vröude verbunden; ewige gnade 'ewige ruhe, ewige seligkeit': daz si (Maria und die heiligen) mine sele wisen in die gnade unde in die vroude, die si selbe besezzen habent mit allem himelischem herige (hs. d. 12. jh.) Benediktbeur. glaub. u. beichte III 99 bei Steinmeyer kl. ahd. sprachdenkm. 360; daz wir also funden werden, daz wir die ewigen genad mit dem almæchtigen got besitzen muͤzzen Schönbach altdt. pred. 2, 42, 22; we ... anheven scholden eyne selenmissen to troste und gnaden unsem heren (Braunschw. 1418) städtechron. 16, 42;
wer dorten in gnaden schlafft,
der ist von allem jamer weit.
eyn yder stirbt zu rechter zeit,
wy got sulchs wirt gefellig sein
Joh. v. Schwarzenberg trostspruch 147 ndr.;
gott bewahrt ihr gebein:
die lieben heiligen sein
sind nu bei ihm in gnaden,
kein feind kann ihnen schaden
in: dreiszigj. krieg 215 O.-C.
— ze (den) gnaden 'in der ruhe und seligkeit der ewigkeit'; im gegensatz dazu heiszt ze den ungenaden 'in der ewigen verdammnis, in der hölle'. ze gnaden komen, varn nähert sich mehrfach formelhaftem gebrauch als umschreibung für 'sterben':
ich meine sante Marien
unde andir, die ze gnaden sint
genesis 17, 10 Diemer;
daz er niht ersturbe
unde fuͤre ane chwale
ze den himelischen genaden,
da er immir lebte
10, 24;
wirn habn hie kein stete wesin und ist uns not daz wir da hin denkin, daz immer wern sol. antweder zu den genaden oder zu den ungenaden. sive ad austrum, sive ad aquilonem, arbor ibi manebit Leyser dtsche pred. 135, 34; also sule wir tuͦn, uf daz wir cumen da er (st. Johannes) nu ist, zu den ewigen gnaden Schönbach altdt. pred. 1, 253; daz ander teil (der menschen beim jüngsten gericht) ist die guͦt sint und ane urteil ze gnadin varent. daz dritte teil ist die guͦt sint unde niht ane urteil ze gnaden coment Lucidarius 69, 29 Heidlauf; Maria Eleonora (geb. 9. febr. 1627) so den 6. augusti 1629 widerumb zu gnaden gangen Frz. Adam v. Brandis ehrenkräntzl. (1678) 219; (gott hat) e. e. lieben ... ehgemahel ... zu seinen goͤttlichen genaden genommen Caspar Scheit frölich heimfart a 2ᵃ. die folgenden belege schlieszen die möglichkeit anderer deutung nicht aus; ze gnaden komen, bringen könnte auch meinen 'die huld, gnade gottes erwerben etc.' sie legen auch nahe, dasz gnade als 'ewige ruhe' nicht aus der bedeutung 'ruhe, gemach' abgeleitet ist, sondern mit gnade als 'huld gottes' (II C) zusammenhängt:
swer ze genâden wil chomen,
der sol nieman niht nemen
vom rechte 179 bei Waag kl. ged. 75;
swer [dort (im himmelreich) ze] genâden wil chomen,
der muoz die smâch an sich nemen,
er muoz die ubirmuot lâzzen
die hochzeit 939 bei Waag;
und wie er (Christus) leid den bittern tod für uns und gäntzlich wart gesmecht, das er uns armen zuͦ gnaden brecht schausp. d. mittelalt. 2, 187 Mone;
der mensch dort nie zu gnaden kam,
der arm leuten hie war gram
Petri d. Teutschen weish. (1604) 2, o 6ᵃ.
2)
die sonne geht zu gnaden 'die sonne geht unter'. neben zu gnaden gehn begegnet auch zu reste, nd. zur rüste, ze sedele, zur ruhe gehn, im mnd. de sunne geyt to gāde 'die sonne geht unter' (vgl. dazu entgegen dem mnd. hdwb. I 2, sp. 1 teil 4, 1, sp. 1132 gadem, gaden 'gemach, kammer). zu gnaden gehn ist verhältnismäszig spät belegt, mit sicherheit erst seit dem 15. jh.; Notker kennt ze sedele gân, in sedel gân 1, 38 P. (Boethius I metr. v); in den von Jac. Grimm mythol.⁴ 2, 267 angeführten stellen aus Salomon u. Markolf haben die frühen hss. ze sedele (vgl. die ausgabe von Vogt 267, 1; 663, 4); zu gnaden gehört einer hs. des 15. jh. an. für die ableitung aus gnade 'ruhe', auf die Jac. Grimm a. a. o. hinweist, bleibt diese späte bezeugung auffällig: item wart eyn frydde uffgenommen czuschin den herrn uff beit siyt uff donstagk Alexii den frytagk unde sonnobent bisz daz die sonne in golt genant adder in gnaden genant adder neyddir gangen wer (v. j. 1466) Conrad Lange v. Friztlar annalen in: zs. d. ver. für hess. gesch. u. landeskde 57 (n. f. 47) 35, vgl. Edw. Schröder zs. f. dt. alt. 66, 256; umb sovil dann die sonne nach mittemtag widerumb zu gnaden weicht ... Zimmer. chron.² 4, 140 Bar.; item welcher seinen zins bei sonnenschein nicht gibt, ehe die sonne zu gnaden geht (16. jh.) weisth. 1, 744; die sonn get zu rue oder rast oder zu gnaden Aventin 1, 365, 19 L.; die hirten bezeugen, dasz sich die geisz auf der weide, wenn ietz die sonne unter und zuͦ gnaden gehen wil, einander gar nicht ansehen Heyden Plinius (1565) 262; es werete, bisz die sonne wolt zu gnaden geen, das ist, bis die sonne wolt undergeen, und der welt yre gnade und scheyn versagen und zu ruwe gehen J. Agricola sprichwörter 2 (1529) nr. 737; die zu gnaden gehende abendsonne Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 8 (1649) 270;
wan früh die sonn sich hebet,
auch wan sie späth zu gnaden geht,
und müd im westen schwebet
Fr. v. Spee trutznachtigall (1649) 107;
(der tugendtrieb der zornigen Almire)
wil des himmels pracht gar nicht gemindert sehn,
er spricht: der sonnen wird ihr schein so nicht benommen
das auge musz vor ihr, nicht sie zu gnaden gehn.
allein dis machet nicht der augen pracht geringer
J. G. Gressel Celanders verliebte ged. (1716) 89;
vgl. noch: grande quondam erat nefas, dicere die sonne geht unter, sed uti hodie quoque loquendum die sonne gehet zu gnaden, geht zu bette Henrici Vagedes opera academica (1703) 283. — in etwas abweichender form: jetzt wollt es abendt werden und nahete sich die sonn zu gnaden und eylete mit jhrem nidergang zu durchleuchten den andern theil des himmels buch d. liebe (1587) 112ᵈ. — übertragen: Christus, die wor sonn der gerechtigkeit, ... ist leider itzund gar noh zuͦ gnoden gangen, und ist also worden ein abent (1522) Michael Stiefel von d. christform. lehre Luthers 31 Lucke;
nun, es will mir auch abend werden,
mein stern neigt sich nun auch zur erden ...
derhalben will ich auch mein schreiben
zu gnaden lasen gahn und pleiben
Fischart glückh. schiff 1140 ndr.
II.
die gnade gottes. das dem menschen zugewandte erbarmen, wohlwollen gottes und die daraus flieszende gabe. der wichtigste bedeutungsmäszige unterschied ist der zwischen 'erbarmen' (B) und 'huld, güte' (C und D). erschwert wird die deutung durch die völlig unklare verwendung des plurals, der nur selten bedeutungen von einander scheidet, s. oben unter herkunft und form 5.
A.
die wesentliche qualität der christlichen 'gratia', ihre sogenannte 'gratuität', vermittelt das charakteristische merkmal, durch das gnade seit seinem auftreten in ahd. zeit bis in die jüngsten und entlegensten weltlichen bedeutungen hinein als etwas aus unverdientem wohlwollen, 'gratis' empfangenes, auszergewöhnliches und von der norm abweichendes gekennzeichnet und dadurch von den synonymen huld, gunst, neigung unterschieden ist. damit hängt zusammen, dasz gnade im deutschen nur für eine beziehung eines höheren zu einem niederen gebraucht wird. die im mndl. auftretende anwendung auf die beziehung eines untergebenen zu einem höheren, 'ootmoed', 'deemoed' ist späte sonderentwicklung. auch der entscheidende, im weltlichen bereich sich ausbreitende gegensatz vongnade zu recht und gesetz hat hier seinen ursprung (sieh III A). nur ganz vereinzelt, wie bei 'segen, belohnung' (II C 2) wird das merkmal der 'gratuität' aufgegeben; und da empfindet man, dasz es im widerspruch zum eigentlichen sinn von gnade geschieht. (zum theologischen begriff der 'gratuität' vgl. u. a. Röm. 3, 23f., 11, 6; Thomas v. Aquin summa theol. III 63, 3 ad 1; Franz Diekamp kath. dogmatik 2 [1930] 398; vgl. auch E. Brunner 'gnade' in: religion in gesch. u. gegenw.² 2 (1928) 1261 ff. in den folgenden belegen ist der gegensatz zu etwas verdientem ausdrücklich betont:
thaz ih in himilriche   thir, druhtin, iamer liche
...   thaz nist bi werkon minen,
suntar rehto in waru   bi thineru ginadu
Otfrid I 2, 46;
du gibest dar du wile per indebitam gratiam bona pro malis, ... kilt ouh mir nah dien genadon Notker ps. 118, 17; dar umbe enist in got umbe iriu werk unde umbe ir geben nihtes niht schuldic, er enwellez denne gerne tuon von sîner gnâde unde nicht umbe iriu werk meister Eckhart d. dt. w. 1, 8, 3 Quint;
ich bin Moyses din knecht,
durch gnad und nit durch recht
Mone schausp. d. mittelalters 1, 143;
es gehet alszo: credentibus verbum gratis sine meritis datur iusticia. das heyst unter gnaden sein Luther 34, 2, 23 W.; eine solche vorstellung (dasz der gute gebrauch der religiös-sittlichen kräfte die gnade vermittele) wäre allerdings pelagianisch, und nicht Christus, sondern der mensch würde die gnade verdienen, oder besser, die gnade hörte auf gnade zu sein Joh. Adam Möhler symbolik⁵ (1873) 113; Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth von England. andern leben und der armut das brot geben — darin allein ruht das glück. ich möchte, das ich mir das erringen könnte. aber man erringt sich nichts. alles ist gnade Th. Fontane ges. w. (1915) 5, 286; gnade meint, was weder erzwungen noch verdient werden kann; weder in der reichweite der macht noch des rechtes liegt R. Guardini d. engel in Dantes göttl. komöd. (1937) 118. — in leichter abwandlung den gegensatz von dem, was man aus sich selbst leisten kann und dem, was nur geschenkt wird, meinend:
die liebe kann das herz dir freudig zollen,
der glaube wird ja nur als gnade kund
Annette v. Droste-Hülshoff s. w. 2, 31 Schw.
die tatsache, dasz gnade ein freies geschenk gottes ist, drückt sich zuweilen in attributen aus: lauter, blosz, rein: sich, in der wisen sol ouch dine uͤbunge sin, daz du dich nút in enthaltest denne uf der bloszen gnoden und barmhertzikeit gottes, und nemest und gist gnode von gnoden von gottes guͤte alleine, und nút enwisse von keinre dinre bereitunge oder wirdekeit Tauler pred. 64, 17 V.; das ist der recht Messias, sic venit, ut afferat eitel gnad und barmherzigkeit, qui dat caecis visum Luther 32, 242 W.; die arme Lea, die on all ir verdienst ... ausz klam lauter gnaden zu diesen groszen ehren ... kommen sei Mathesius histor. v. Jesu Christo (1568) 1, 31ᵃ; und nun (Röm. 8, 28ff.) entfaltet sich dieser gedanke der reinen gnade, die keine voraussetzungen hat als sich selbst, zu voller kraft R. Guardini d. harren der schöpfung (1940) 17. die allen anwendungen zugrunde liegende bestimmung der gnade als des freien geschenks kann sich gelegentlich verselbständigen, so dasz gnade einfachhin 'das freiwillige geschenk' bedeutet, namentlich in verbindungen wie aus gnade, von gnaden, die mit lat. 'gratis', 'umsonst', gleichbedeutend sein können: das heyszen gratificari, ausz gnaden on vorgangen oder zukünfftigen dienst oder verdienst geben Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 138ᵃ; (der euch) aus gnaden und umbsonst gerecht will machen Joh. Mathesius Sarepta (1571) vorr. 1ᵇ; ausz gnaden, umb sonst per gratia, gratuitamente Hulsius (1618) 1, 139ᵇ; ich für meine person glaube nicht an die wichtigkeit all dieser geschichten. erziehung! auch da ist das beste vorherbestimmung, gnade. in diesem stück, so gut lutherisch ich sonst bin, stehe ich zu Calvin Th. Fontane ges. w. I 7, 43; an ihrem (der schönheit) wesen, dasz sie 'von gnaden' ist, gratia, χάρις, kann sich nichts ändern Th. Haecker schönheit (1936) 69.
B.
erbarmen, barmherzigkeit, milde. misericordia, miseratio, propitiatio. in der christlichen lehre vom verhalten gottes dem menschen gegenüber werden 'misericordia, clementia' und 'gratia' formal voneinander unterschieden, obschon sie eng miteinander zusammenhängen und der sache nach ein und dieselbe liebesbewegung gottes meinen. es handelt sich dabei nur um besondere ausdrucksformen der göttlichen huld, die sich allgemein als 'güte', 'gratia' (II C u. D), oder als den sünder rechtfertigendes 'erbarmen', 'misericordia' (II B) äuszern kann. die wortfamilie gnade hat zunächst, wenn die quellen die verhältnisse richtig wiedergeben, gottes erbarmen und versöhnende güte ausgedrückt: misericordia, miseratio und propitiatio, und die dafür vorhandenen wörter, bair. alem. armherzi(da), armherz, irbarmida; ostfränk. miltida, milti (Tatian); fränk. êregrehti, êgrohtful (Wahmann gnade 82, 150) zurückgedrängt. dieser vorgang begann im bairischen; das früheste zeugnis ist der ahd. abrogans (764); nach 800 setzt sich die bewegung im alemannischen und fränkischen fort; vgl. dazu Frings Germania Romana 19 ff., Wahmann 25 f., 123, 130, 144. gleichzeitig gaben kinatha, kanathaft, canadic die mit 'misericordia' eng zusammenhängende 'güte', 'clementia' (C) wieder. die verwendung von gnade für 'gratia' (D) scheint erst im anschlusz daran nach 800 erfolgt zu sein. diese entwicklung spricht dafür, dasz ein vorchristlicher gebrauch mit der bedeutung 'güte, milde, freundlichkeit' (entwickelt aus der grundbedeutung 'das sich-niederlassen', 'sich-herabneigen, um in güte zu helfen') vorhanden gewesen ist, an den der christliche angeknüpft hätte.
1)
erbarmen gegenüber der menschlichen not, bedrängnis und der sünde und schuld. von der 'güte' (C) nicht immer zu trennen; nur durch stärkeren gefühlston davon unterschieden. zuweilen neben und gleichbedeutend mit irbarmida, barmherzi(g)keit, miltida, guoti (reichliche belege für das ahd. bei Wahmann a. a. o.): propitiatio canada vel aerhaftida ahd. gl. 1, 232, 8 (ahd. abrogans, um 764), vgl. pius aerhaft 1, 229, 13; propiciatorium ginada 4, 89, 36 (ebenso 4, 156, 56);
wanit sih kinada   diu wenaga sela
Muspilli 28 bei Steinmeyer kl. ahd. denkm. 67;
thia ginada ouh, druhtin,   dua in mir mit mahtin,
thia thu in thina guati   themo scachere dati
Otfrid IV 31, 27;
(das kananäische weib)
suntar sus betota,   ginada sino thigita,
giloubta, er sia (ihre tochter) giheilti
III 11, 11;
secundum multitudinem miserationum tuarum respice in me nah dero manigi dinero gnadon nals minero sundon sih mih ana Notker ps. 68, 17 (dagegen ps. 50, 3: secundum multitudinem miserationum after dero manigi dinero irbarmidon); diligit misericordiam et iudicium er minnot armherzi unde gerihte. daz ist knada unde urteilda ps. 32, 5; misericordia domini plena est terra sinero gnadon ist diu erda fol ps. 32, 5; tu (gott) inluihta min herza, daz ih dina guoti unta dina gnada megi anadenchin unta mina sunta (lat. nur bonitatis) Otlohs gebet bei Steinmeyer kl. ahd. denkm. 182, 3; durch die dina alemahtigun erbarmida unde gnada Bamberger beichte ebda 141, 24;
got der gewære,
nû vernim mich sundære ...
des biute ich mîne riuwe
zuo dînen gnâden
Vorauer sündenklage 417 bei Waag kl. dtsche ged.;
(die blutflüssige frau)
wolt es gar verswigen han,
im ungedanket also lan,
do ir der gnaden hail beschach
schweizer Wernher Marienleben 7459 P.-H.;
wirt si (Aglye) mit warhait innen
waz din erbærmde gnade hat,
daz si in dinem namen lat
sich taufen und gelaubet
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österr. 10533;
sô enpfâhet die buoze nâch gotes genâden und nâch gotes erbermede und nâch iuwern staten Berthold v. Regensburg 2, 43 Pf.-Str.; sie (die gnade) tæte mit in unde an in genâden site, daz ist wol tuon den unwirdigen David v. Augsburg in: dtsche mystiker 1, 332, 30 Pf.; und da der herr fur seinem angesicht ubergieng, rieff er, herr, herr, gott barmhertzig und gnedig, und gedültig, und von groszer gnad und trew, der du beweisest gnade in tausend gelied 2. Mos. 34, 6; der dein leben vom verderben erlöset, der dich krönet mit gnade und barmhertzigkeit ps. 103, 4, qui coronat te in misericordia et miserationibus; hilf mir nach deiner gnade salvum me fac secundum misericordiam tuam ps. 109, 26; seyndt auch gleich wie wir gottes gnaden und zorn underworffen U. v. Hutten opera 2, 126 Böck.;
er kömmt zum weltgerichte,
zum fluch dem, der ihm flucht,
mit gnad und süszem liechte
dem, der ihn liebt und sucht
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 325;
bedeck mit gnad all meine that,
nit mehr der sünd gedencke
Fr. v. Spee trutznachtigall (1649) 85;
hat nun gott die seinigen stets för den augen, ja er trägt sie gar in seinem hertzen, so musz er sie ja allerdings in gnaden und barmhertzigkeit kennen Sperling Nicodemus quaerens (1718) 1, 1115;
liebe, die gnädige,
hegende, thätige,
gnade, die liebende,
schonung verübende,
schweben uns vor
Göthe 15, 1, 343 W.
2)
die aus erbarmen dem sünder gewährte 'vergebung, verzeihung', gelegentlich, wo es der sachzusammenhang nahelegt, an 'schonung' anklingend (s. auch unten III A 2); vom vorigen nicht immer sicher zu trennen: nieht ein unrehten unde sundigen nube ioh dien wirsisten geheizzo ih danne gnade fone dir, ube sie sih pezzeron wellen Notker ps. 50, 15; kot almahtigo, kawerdo mir helfan enti kawerdo mir farkepan kanist enti kanada in dinemo riche st. Emmeramer gebet bei Steinmeyer kl. ahd. denkm. 310, 25;
Maria du bist milt und suͤs,
kein sunder sol sin verlorn,
der zů dir flúcht, e er stirbt,
er billich gnad umb dich erwirbt
Mone schausp. d. mittelalters 1, 298;
er wird gott bitten, der wird im gnade erzeigen, und wird sein antlitz sehen lassen mit freuden, und wird dem menschen nach seiner gerechtigkeit vergelten Hiob 33, 26; das sie (die Juden) in morte desperirn und kein gnad anruffen können Luther 34, 1, 236 W.; wie wir solten gott in die ruten fallen, ein fuszfall thun, gnad bitten, und besserung unsers lebens versprechen und zusagen Musculus hosenteuffel 7 ndr.; daz ich (Faust) mich ihm mit leib und seel ergeben und verkaufft habe, darumb kan ich keiner gnade mehr hoffen, sondern werde wie der Lucifer in die ewige verdamnusz und wehe verstoszen volksbuch v. dr. Faust 31 Fritz; und ist etwas sträflichs heryn (in dem buch) gesetzt worden, so begert er (der verfasser) gnad und verzeihung von got dem herren Pauli schimpf u. ernst 19 lit. ver.;
unser lamm, das für uns stirbet,
und bey gott
für den tod
gnad und fried erwirbet
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 330;
das stärkste innere kennzeichen, woran man die einige wahre religion erkennen kann, ist ... (dasz sie) einen überzeugenden unterricht ertheilen musz, wie man, in ansehung der abweichungen von derselben, gnade und vergebung erlangen könne Lessing s. schr. 7, 1 M.; kein sünder ist so verworfen, dasz er nicht durch seine reue die gnade unseres vaters im himmel erwerben kann G. Freytag ges. w. (1886) 11, 145; den ablasz leugnet er (Luther) noch nicht, aber schon 1516 ist es ihm bedenklich, dasz der mensch dadurch die gnade empfangen solle Ranke s. w. 1, 202.
C.
gottes 'güte, liebe, huld', als kennzeichnende haltung gottes dem menschen gegenüber, und die aus dieser huld gewährte hilfe, unterstützung. durch den geringeren gefühlston von B unterschieden, durch die allgemeinere bedeutung von 'gratia' im engeren sinne (D), die sich nicht auf den menschen überhaupt, sondern auf die rechtfertigung der seele bezieht. aus dem ahd. abrogans, der 'clemens' mit kanathaft, kanadic (vgl. gnädig, adj., A 3) und 'ops' durch kinada (s. unten 2) wiedergibt, geht hervor, dasz gnade und seine ableitungen schon vor 800 zur bezeichnung von gottes gütiger, milder gesinnung benutzt wird. daneben bestehen noch êrhaft (pius), frumahaft (benignus); 'gratia' wird mit anst und huldi übersetzt, erst nach 800 kommt gnade für 'gratia' hinzu. der häufige plural ist teils ohne besondere funktion, namentlich in präpositionalen verbindungen: in (den, seinen) gnaden, von gnaden, aus gnaden 'in (seiner) huld', 'durch seine huld, hilfe'; teils (s. unter 2 und 3) bezeichnet er die einzelnen gnadenerweisungen oder gnadengaben. doch ist auch hier, wie immer, der plural kein eindeutiges kennzeichen wirklich pluralischer auffassung (vgl. auch unter herkunft und form und einleitung zu II). man wird in diesem bereich seit dem mhd. mit der möglichkeit der rückwirkung des weltlichen gebrauchs ('gunst des höhergestellten') auf den geistlichen rechnen müssen, indem vorstellungen von menschlicher freundlichkeit und güte auf gottes verhältnis zu den menschen übertragen werden. alle fälle, in denen gnade sehr menschlichen betätigungen gegenüber gewährt wird, könnten so beeinfluszt sein, so etwa die belege Hartmann v. Aue Erec 3150, arm. Heinr. 394, Iwein 5352 unter 1; vgl. auch die Hartmann- belege unter 2, sp. 517, die die gleiche haltung zeigen. offenbar ist Hartmann v. Aue an dieser einbeziehung des weltlichen in das geistliche, die hinwiederum, vom geistlichen aus gesehen, eine art 'säkularisierung' darstellt, stark beteiligt. damit berührt sich, was J. Schwietering dtsche dichtung d. mittelalters s. 151 f., 156f. über Hartmanns ethik und religiosität sagt.
1)
gottes huld, gunst, güte, liebe; gratia, caritas, clementia, benignitas, pietas; eine gesinnung, die dem menschen und seinem ganzen dasein wohlgeneigt ist. kennzeichnend ist ein mhd. beleg (Schönbach altdt. pred. 3, 116, s. unten), in dem der hl. geist gots gnade in der Abälardschen trinitätsbestimmung (vater potestas, sohn sapientia, hl. geist benignitas) genannt wird. vgl. clementia, placabilitas, benignitas gnade ahd. gl. 4, 126, 25 St.-S.; caritas gnade, gotes genad vel lieb (anf. 15. jh., obd.) Diefenbach gl. 102ᵃ; dei benignitate ausz gutthaat und gnaden gottes Frisius dict. (1556) 163ᵃ: cot almahtico ... forgip mir in dino ganada rehta galaupa enti cotan willeon Wessobrunner gebet 10 bei Steinmeyer kl. ahd. sprachdenkm.; ecce pietate sua demonstrat nobis dominus viam vitę see dera gnada sua keaugit uns truhtin wec des libes Benediktinerregel ebda 193, 32; piviliho ih mih selben unta alla mina arbeita, allen minen flîz in dina gnada Otlohs gebet 75 ebda;
(Adam und Eva) nachet waren sie beide
scham heten si deheine:
der gotes gnaden vroͮten si sih
genesis 12, 17 Diemer;
Daniel lúhtet oͮch in wunderlicher wisheit, das im got von gnaden under allen sinen vienden gab die spise an sele und an libe Mechthild v. Magdeburg 81 Morel;
(Enite:) rîcher got der guote,
ze dînen gnâden suoche ich rât: (ob sie Erec warnen
dû weist aleine wiez mir stât soll)
Hartmann v. Aue Erec 3150 H.;
dô nam ich sîn vil cleine war
der mir daz selbe wunschleben
von sînen gnâden hât gegeben
d. arme Heinrich 394 G. (vgl. 402);
die vrouwen bâten alle got,
dazz sîn gnâde und sîn gebot
in ze helfe kêrte,
und ir kempfen êrte,
daz er in ze trôste
ir gespiln erlôste
Iwein 5352 L.;
wan alsam der gots gewalt unde diu gotes wisheit, daz ist der vater unde der sun, iemer ewic ist, alsam ist och der heilige geist, daz ist diu gots gnade, iemmer ewic úber sin hantgetat Schönbach altdt. pred. 3, 116, 39;
der obrost aller welte
behalt dich in den gnaden sein
liederbuch d. Hätzlerin 28 H.;
und Jhesus nam zu, an weisheit, alter und gnade bei gott und den menschen Luc. 2, 52; denn du, herr, segenest die gerechten, du krönest si mit gnaden, wie mit einem schilde ps. 5, 13 (ut scuto bonae voluntatis tuae coronasti nos); aber das kind wuchs, und war stark im geist, voller weisheit, und gottes gnade war bey ihm Luc. 2, 40 (et gratia dei erat in illo, καὶ χάρις θεοῦ ἦν ἐπ' αὐτό); es ist eyttel lieb und genad auff gottes seitten sprichw., schöne weise klugreden (1548) 67ᵃ;
dein ewge treu und gnade,
o vater, weisz und sieht,
was gut sey oder schade
dem sterblichen geblüt
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 372;
ob die götter den Deutschen gold und silber aus gnad oder ungnad versagt, getrauet sich Tacitus nicht zu entscheiden M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 11;
... von freuden erschüttert,
sah ich (Maria Magdalena) beynah nur allein sein (Christi) antlitz, und himmlische gnaden
in des göttlichen antlitz, und unaussprechliche gnaden!
siehe, so stand er umgeben vom duft und schimmer der dämmrung
Klopstock Messias (1780) 426;
der schöpfer kan mir stets entziehen,
was er aus gnaden mir verliehen
Drollinger ged. (1743) 31;
ich fürchte nichts auf der welt, wenn ich die gnade gottes habe Göthe 43, 286 W.;
du reicher gott in gnaden,
schau her vom blauen zelt
Schenkendorf ged. (1815) 38;
gottes gnade hat gewaltet und dich (seinen bruder Wilhelm) uns gelassen Jacob Grimm gramm. 3, vorr.;
dann scheint mir alle liebe wie ein spott,
und keine gnade fühl ich, keinen gott
Annette v. Droste-Hülshoff s. w. 2, 29 Schw.;
wenn ich ... den deutschen reichstag um mich versammelt sehe, so drängt es mich vor allem, meinem demüthigen danke gegen gott ausdruck zu geben für die weltgeschichtlichen erfolge, mit denen seine gnade die treue eintracht der deutschen bundesgenossen ... gesegnet hat Wilhelm I. bei Bismarck polit. reden 5, 3 Kohl; ich ... empfehle sie in meinen worten und vor allem auch in meinem herzen der gnade gottes Th. Fontane ges. w. I 6, 59. vereinzelte weiterbildung von des (gottes) gnaden, nicht wie sonst 'durch dessen huld, güte', sondern 'durch dessen fügung' oder einfach 'durch den':
er (Jakob) antwurt ir (Rahel) mit zorne ...
wande erz got niht enwære,
von des gnaden si was unbære
genesis 57, 17 Diemer.
2)
äuszerung, bezeigung der güte und liebe; gnadenerweisung, hilfe, unterstützung, segen, belohnung; hut, schutz; gelegentlich durch den plural als einzelne akte des begnadens gekennzeichnet. diese hilfe kann sich, wie die huld, güte (s. unter 1 und die vorbemerkung zu C) auf das gesamtdasein des menschen beziehen, also weltliches und geistliches, diesseits und jenseits umfassen; aber auch sich auf eine bestimmte geistliche oder weltliche situation erstrecken, hilfe in einem bestimmten anliegen der seele oder des körpers. nicht selten nach 3 'gnadengabe' hinübergehend: opem kinatha, kinada (opem auxilium) ahd. abrogans (764) in ahd. gl. 1, 219, 38 St.-S.;
(zur fortführung des werkes)
ginada ih sina fergon   mit forahtlichen sworgon,
er (Christus) ouh in thesemo werke   zeichan sinaz wirke
Otfrid III 1, 9;
mit dinen ginadun   gihalt mih dir in ewun
(et deduc me in via aeterna, ps. 138, 24)
ps. 138, 37 bei Steinmeyer kl. ahd. sprachdenkm.;
daz ez (unser münster) rihtet were durch dina gnada unta durh allero dinero heiligono digo (per gratiam tuam perque omnium sanctorum tuorum intercessionum)
Otlohs gebet 45 bei Steinmeyer 185;
in des namen (Jesu), den ih gnant hân und in des gnâde ih hiute gân
Münchener ausfahrtssegen 36 bei Müllenhoff - Scherer denkm. nr. 47, 3;
bî swære ist gnâde funden
Walther v. d. Vogelweide 77, 8 L.;
unser herre got der guote
underwant sich sîn ze huote,
von des genâden Jônas
ouch in dem mere genas
Hartmann v. Aue Gregorius 931 P.;
dâ (zum kampf) hœret weizgot sorge zuo:
got sî der sîne gnâde tuo
Iwein 7420;
im enwelle got genâde geben,
wirt ez dem lantvolke kunt,
sî ermurdent in ze stunt
Erec 6845 H.;
und vorschet ouch da starke
von stete ze stete, hin unde her:
von gotes genaden do vant er
die zwene wallende man
Gotfried v. Straszburg Tristan 3804 R.;
wie dik hast du (Maria) uns gnad und trost von im (gott) erworben Seuse dt. schr. 265, 9 Bihlm.;
daz si got alle do,
danchten der genaden sin
die er tet an irm herren schin,
wan er gesunt her wider kam
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österr. 519 R.;
also alse du gerne wistes, we it mir ginghe inde mime leyven gessellen, inde we unse saychen geleygen sin, dat wisse, dat wir van der goz genayde gesont inde stark sin. inde hey ist aych neyt seych (= siech) geweyst (14. jh.) privatbr. d. mittelalters 1, 4 Steinhausen; gott wil euch raichen sein hand, das ist sein götliche hilff und genad Keisersberg granatapfel (1510) c 3ᵇ; und so ich meister Hans von Gersdorff ... durch hilf und beystand vorab göttlicher gnad auch verluhener kunst, vil mit meiner eygen handtwürckung probiert, experimentiert und geyebt hab in mancherley gestalt, ... diesz feldtbuch hiemit anfah Gersdorff wundartzney (1517) xixᵃ; der man aber wundert sich ir, und schweig stille, bis er erkennete, ob der herr zu seiner reise gnad gegeben hätte oder nicht 1. Mos. 24, 21 (ipse autem contemplabatur eam tacitus, scire volens utrum prosperum iter suum fecisset dominus, an non); vgl. 24, 40: der herr ... wird ... gnad zu deiner reise geben (dominus ... diriget viam tuam);
der, wenn die noth herdringet,
bald hört und hertzlich gern
uns gnad und hülfe gibt
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 349;
alle morgens nüchtern einen guten löffel voll von solchen essig eingenommen, und zwey stund darauf gefastet, so ist einer mit gottes gnad 24 stund vor der pest sicher v. Hohberg georgica cur. aucta (1715) 3, 202ᵃ;
dies und was sonst
noch noth thut, wollen wir mit gottes gnade
nach masz und ort und zeit zu ende bringen
Schiller 13, 163 G.;
in der jüngsten zeit ist ... mit dem vertrauen auf gottes gnade auch der entschlusz in mir fest geworden, den ich jetzt ausführe Bismarck br. an s. braut u. gattin 4 B.; ich weisz mich sicher in seiner (gottes) gnade kriegsbriefe gefallener studenten (1928) 159. vereinzelt kann sich in diesem bereich das merkmal der gratuität (s. oben II A) verlieren, indem gnade als 'segen, belohnung' eine antwort auf menschliches bemühen darstellt: dasz vor gott kein ehrlicher dienst gering ist, dasz es sich für jeden lohnt, seinen lichtkeim zu entwickeln, ja dasz der treuen bemühung auf die dauer auch die gnade nicht fehlen kann H. Carossa wirkungen Goethes in d. gegenwart (1938) 31.
3)
'gnadengaben', 'begnadungen'.
a)
die aus wohlwollen und güte verliehenen, unverdienten gnadengaben gottes; 'gnädiges geschenk'. der häufige plural (alle gnaden, mannigfaltige gn.) und attribute (besondere, süsze, geringe u. s. w. gnade) unterscheiden die einzelnen gnadengaben von der gnade als der übernatürlichen seinsform des menschen (D 2). übernatürliche gnadengaben, auf das heil der seele bezogen: diu heilige gots urstendi diu ... hat úns aver sunderlichen drie genade braht, da ælliu diu heilige christenheit ... mit bestiftet unde bestatiget ist (taufe, eucharistie, gaben des hl. geistes) Schönbach altdt. pred. 3, 74, 8; (der mensch) enphohet núwe goben und gnode, also dicke er sich hiezuͦ keret Tauler pred. 92, 31 V.; wann ich beger euch zuͦ sehen: das ich euch etwas mit teile der geistlichen genaden euch zuͦ vesten (impertiar vobis gratiae spiritualis, χάρισμα Römer 1, 11, Luther: etwas geistlicher gabe) erste dtsche bibel 2, 11 K.; so aber gedechtnusz der cerimonien inzogen wird, der so Moises gelernet hat, wöllen wir lassen ruͤwen, wan es alles ein figur ist gewesen künfftiger gnaden, so uns got der vatter verheiszen hat, und ietzt volbracht und gestaltet durch Jesum Christum Jud. Nazarei v. alt. u. neuen gott 38 ndr.;
disz (Christi) blut, disz theure testament
macht, dasz dein (gottes) kind uns bruder nennt,
welch dancklied kan vor solche gnade
ein rein und würdig opffer seyn?
Joh. Chr. Günther ged. (1736) 9;
und hier kann es mir oft scheinen, als ob ... ein starres hinblicken auf gott ... das einzig übrige ratsame sei, d. h. ohne eine besondere wunderbare gnade gottes, die auch das heiszeste gebet nicht immer herabruft Annette v. Droste-Hülshoff s. w. 6, 24 Schw.; dieser kelch (der abendmahlskelch) ist randvoll von süszer gnade W. Flex ges. w. (1927) 1, 263. natürliche gnadengaben, zum wohle des menschen überhaupt geschenkte gaben und wohltaten: domine in celo misericordia tua trohten in himile ist din gnada diu fore allen gnadon ist, die du echert dinen heiligon gibest. andere gnada, die in erdo sint, kibest du in gemeinun ubelen unde guoten. daz duost du honores divitias salutem corporis unde daz demo gelih ist Notker ps. 35, 6; unde er gibet lieht, regen, wint umbe die fructus terrae, also unerdrozzeno spendot got knada dien die in sinero forhtun sint ps. 102, 11; und sprach, so hat mir got besunder genade geben und gethon und mir beschert und zugesant als ein volkomne tugentreiche frawen, als man eine in allen landen finden möcht Arigo decam. 142, 18 Keller;
dasz Araber an ihrem theil
die weite froh durchziehen,
hat Allah zu gemeinem heil
der gnaden vier verliehen   (turban, schwert, lied und blume)
Göthe 6, 12 W.;
ich kann nur sagen, dasz ich gott heisz gebeten habe und ihm heisz gedankt für seine an uns erwiesene gnade (Wilhelms genesung) Jac. Grimm in: briefw. der brüder Grimm mit K. Lachmann (1925) 559; gott verzeihe mir die schwere sünde, dasz ich seine gnade nicht sogleich erkannte (als er beim duell den gegner gefehlt hatte), aber ... als ich durch den dampf sah und mein gegner aufrecht stehn blieb, hinderte mich eine empfindung des miszbehagens in den allgemeinen jubel ... einzustimmen Bismarck br. an s. braut u. gattin (1906) 328 B.; das dasein der schöpfung ist selbst schon gnade. es besteht keine vorausgängige notwendigkeit dafür, dasz sie sei und so sei, sondern sie ist reines werk der freiheit ... ihr dasein selbst ist geschenk R. Guardini unterscheidung des christl. (1935) 343. zuweilen sind allgemein die gnadengaben gemeint, ohne dasz natürliche und übernatürliche unterschieden wären:
(Maria) gelêd uns an Jesum,
dînen vil guoden sun,
der sal uns alle genâde duon
Arnsteiner Marienlied 253 bei Waag 132;
daz er (der mensch) got danket aller der gnaden, die er im ie getet, ... und in der dankbaͤri git únser herre dem mentschen me gnaden st. Georgener pred. 66, 34 R.; unser herre, ... der begienc och vil mænge genade an allen den, die zuo zim chomen mit mængem grozem zaichen Schönbach altdt. pred. 3, 112;
so hat mich got reichlich beladen
mit überflüssigen genaden
Hans Sachs 1, 157 Keller;
weil denn ohne ziel, ohn ende
zahllos deine gnaden sind
Klopstock s. w. (1823) 7, 227;
das war ... der glückstag meines lebens. fast hätte ich gesagt: der einzige, was aber nicht wahr wäre, denn der mensch hat viele gnaden von gott Grillparzer s. w. 13, 255 Sauer. der schenkende ist nicht nur gott, sondern auch ein innerweltlich groszes, erhabenes, unpersönlich göttliches (natur, schicksal oder ähnl.). dabei kann es sich (vgl. etwa die Göthe-belege) um eine übertragung christlicher vorstellungen ins weltliche oder allgemeinreligiöse handeln. bei späteren belegen (Rilke) liegt eher das umgekehrte vor: der versuch, die aus dem christlichen zusammenhang gelöste, säkularisierte gnade wieder neu religiös zu füllen; solche mythisierung welthaft gewordener begriffe und vorstellungen findet sich auch sonst bei Rilke, vgl. die Rilke -belege unter 3 e und das zu 3 f gesagte: tage des lauten und mit vorsatz erneuerten schmerzens folgten darauf; doch sind auch diese für eine gnade der natur zu achten Göthe I 21, 118 W.;
im atemholen sind zweierlei gnaden,
die luft einziehen, sich ihrer entladen
6, 10;
wenn du nicht hinfällst tot zu dieser frist,
ist es dein recht auf leben und auf atem?
ich sehe übrall gnade, wohlthat nur
in allem, was das all für alle füllt,
und diese würmer sprechen mir von recht?
Grillparzer s. w. 8, 157 Sauer;
dasz ein mensch, der sich durch das heillose zusetzen jener jahre bis in seinen grund zerspalten gefühlt hatte, ... die gnade erfährt, wahrzunehmen, wie ... unter diesem aufgerissenen spalt die kontinuität seiner arbeit und seines gemütes sich wiederherstellte Rilke briefe aus Muzot 347; elegien und sonette unterstützen einander beständig — und ich sehe eine unendliche gnade darin, dasz ich, mit dem gleichen atem, diese beiden segel füllen durfte br. 1921-26, 338;
aber dem, der einsam liebt,
bist du (nacht) doch die allgewaltige,
die die dunklen gnaden übt
und aus träumen hellgestaltige
wunder wirkt in meiner brust
R. G. Binding ged. (1922) 31;
seele geht verschlungene pfade,
lernet ihre sprache lesen!
morgen preist sie schon als gnade,
was ihr heute qual gewesen
Hermann Hesse trost d. nacht (1929) 33.
statt gnade heiszt es in diesem bereich häufig gnadengabe oder gabe. namentlich Luther zeigt die neigung, gabe statt gnade zu sagen und bestimmt damit bis heute den protestantischen sprachgebrauch, dem der plural von gnade ungeläufiger ist als der katholischen redeweise. Luther gebraucht gnade vorwiegend für die gesinnung gottes, seine huld und liebe (C 1 und D 1) und, namentlich in der bibelübersetzung, für 'misericordia, miseratio, propitiatio'; in der vorrede zum Römerbrief hat er ausdrücklich zwischen der gnade und den gaben unterschieden, s. bei Bindseil 7, 435 f. unten II D 1 sp. 526.
b)
der besondere inhalt der gnade kann auf verschiedene weise bezeichnet werden, am häufigsten durch einen nebensatz, die gnade, dasz:
der des himilis walti ...
der rûchi uns di gnâdi zi gebin,
daz wir immir insamint imo lebin
lob Salomonis 253 bei Waag;
und (gott) im die gnade git, daz er sich bekere st. Georgener pred. 170, 11 R.; es ist nicht ein geringe gnade, das gott sein wort auch durch böse buben und gottlosen gibt Luther 26, 164 W.; das ist, wer die gnade hatte, das er mit lust und liebe keusch kann leben, der kan gute tage haben 12, 99; got im so vil gnade thet ... das er im in dem fallen an dem leibe keinen schaden thet Arigo decam. 84 Keller; der allmächtig verleyhe gnade, dasz disz buch ... recht gebraucht werde Osw. Gäbelkover artzneybuch (1595) vorr. a 4ᵇ; Ludwig dagegen sagte: ich preise gott für die gnade, die er ihm (dem herzog) geschenkt hat, so heilig zu sterben als er lebte Herder 17, 242 S.; (der herr) gebe mir in zukunft die gnade, dasz ich weiser und stärker bin, so ich vordem töricht und schwach gewesen Stifter s. w. (1901) 2, 152. — durch einen infinitiv: gott dir genad verleihe, das künigreich cze regieren Arico decam. 585 Keller;
ey, so heb ich meine hände,
zu dir vater, als dein kind,
bitte, wollst mir gnade geben,
dich aus allir meiner macht
zu umbfangen tag und nacht
hier in meinem gantzen leben
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 349;
wenn ich richtig wandle, vater, schenke mir die gnade, richtig fortzugehen Seume ged. (1804) 2; gott gab mir die gnade, sie (die sünde) zu bereuen und zu vergessen A. Stifter s. w. (1901) 1, 289. — seltener durch abhängigen genetiv: aut obliviscetur misereri deus? alde irgizit er zesceinenne dia gnada sinero incarnationis, die er geheizzen habet? Notker ps. 76, 10; das er die heyden nit schuhe, sunder sy ouch zuͦ der gnad des evangelii berüffe H. Zwingli v. freiheit d. speisen 6 ndr.
c)
im anschlusz an das vorige bezeichnet gnade die besonderen religiösen und mystischen begnadungen und erfahrungen, 'entrückung, verzückung': die selen, wo er (der hl. geist) stat vindet: die fúllet er mit aller der richeit, gnaden, minnen und gaben von den nút ze sprechent ist Tauler pred. 305, 4 V.; dise gesicht weret ain guͦt wil an ir, und hie von enpfieng sy unmaͤsigen trost. die gnad beschach ir nach meti Elsbet Stagel leben d. schwestern z. Töss 25, 7 V.; das sy als vil gnaden hat, das sy sich ir muͦst weren, das sy ir sinn behuͤb (damit sie ihr bewusztsein bewahrte) 41, 15; die saͤlig schwester sach dik wunderliche gnad, die gott mit andren schwestren wurkt, und wir hand es aigenlich da fúr, das och únser her fil wunders mit ir wurkte 36, 13; an einem festtage, während sie (Teresa von Avila) mit vornehmen frauen betet, trifft sie der blitz (die mystische verzückung) so furchtbar, dasz ... man den zuckenden körper halten musz. die gnade des himmels, die sie so lang erflehte, wird zu grosz. schon wird, was zwischen ihr und gott geschieht, durch alle straszen getragen Reinh. Schneider Philipp II (1931) 155. — da solche gnadengaben als beseligung empfunden werden, nimmt gnade geradezu die bedeutung 'seligkeit', 'trost, süszigkeit' an; gnade steht dann zusammen mit lust, begird, süezekeit, fröude, trost: got gruͤsse dich, bittere bitterkeit, vol aller gnaden Tauler pred. 161, 24 V.; und do si (Maria) daz gesprach, do sah ich ir nimmer und mein hertz wart voller gnaden Adelheid Langmann offenbarungen 51, 23 Strauch; daz mich dick duht, ich möht lebent da von nimmer geschaiden von als groszer gnaud und überkreftiger süezkait, diu mir so starclichen in drang in daz hertz und alliu miniu lider Margareta Ebner offenbarungen 20, 23 Str.; daz ich fürbas immer mer dar zuo gieng mit begirden und mit langem gebet daz mir got gab, da ich groszen lust und genaud inne het 8, 15; und do ward sy als fol gnaden und trostes E. Stagel Töss 33, 4 V.; hier läszt sich anschlieszen: also sollt man fassen und das sacrament nicht anders ansehen denn das darynn eytel süsze gnade, trost und leben sey Luther 15, 496 W.; also will er auch alle dürre und lechzende hertzen mit gnad ... überschwemmen Dannhawer cat.-milch (1657) 1, 2. — ob vereinzelte weltliche anwendungen (süszigkeit der minne) säkularisierungen dieses gebrauches oder fortsetzungen von gnade als 'ruhe, glückseligkeit' (I 1) sind, läszt sich nicht mit sicherheit ausmachen:
(den liebenden)
nû flôz dar zuo der minnen bach
und hôher gnâden brunne
Konrad v. Würzburg Engelhard 3155 H.
d)
'ablasz'; in den volkstümlichen frühnhd. quellen verbindet sich der strenge kirchliche sinn des 'ablasses' (nachlasz von sündenstrafen auf grund der gnadenverdienste des erlösers) mit einer erweiterten bedeutung 'gnadengabe', durch gebet an besonderen gnadenorten erworben; vgl. ein jar der gnaden; ein jor der genoden annus jubileus (1440, md.) Diefenbach gl. 36ᶜ; s. auch gnadenjahr: die tragen gemalt taffeln und geweren die leut, sie kemen von Jherusalem, ... und es sei vil heilthumbs darinn und sagen wonder davon und geben gros gnade darzu, wer ein ave Maria vor der taffel bette M. v. Kemnat chron. Friedrichs I. 107 Hofmann; in dissem jar (1226) was ein jar der gnade und wart gekundiget ein vart over mer, unde den papen wart vorlovet or gulde to dren jaren to volgende, de in der vart weren Magdeburger schöppenchron. in: dt. städtechron. 7, 147, 8; sy ... paten den pabst, das er sy begnadet und stewrt; sy hetten angefangen ain gotzhaus ze pawen, darzue begerten sy genaden und heyltumb. also gab in der pabst den gantzen leib sancti Quirini (15. jh.) U. Füetrer bair. chron. 64 Spiller; das er (der papst) aber keinen gewalt sol haben uber die selen des fegfüers, und solche geistliche genaden unbillich usz deile, setz ich dem concilium heim zu erkennen Th. Murner kl. schr. 1, 104 Pfeiffer-Belli; auff den 23. tag maii facht sich die walfart (nach Mekka) an, dahin man von ferren gegnen zu wasser und land kumpt, gnad und ablasz zu erlangen, wie man bey uns in die gnad hat beicht (beichten, um ablasz gewinnen zu können), und gen Rom zur zeit des jubeljars ist gelauffen Seb. Franck weltbuch (1534) 185ᵇ;
hie gibt man ablasz unnd genad,
doch keynem der nit pfenning hat
U. v. Hutten opera 456 Böck.;
die obgeschriben gnad ist vor ainem jar auch hie gewesen (Augsburg 1515) städtechron. 25, 26, 20; 1535 erschien ein gebetbuch, worin nicht allein jene mit rothen lettern gedruckten versprechungen besonderer gnaden weggelassen waren, sondern die verehrung der Maria ausdrücklich bekämpft wurde Ranke s. w. 4, 40.
e)
im bereich des kulturellen, besonders des künstlerischen schaffens: gnade als etwas unabhängig von arbeit und bemühen (gratis) gewährtes, 'der einfall', der die entstehung des werks bewirkt oder selbst mit dem entstehen eins ist. der spender der gnade ist ungenannt und unpersönlich. wie bei 3 a lassen sich verschiedene innere formen unterscheiden, wie dort etwa bei Göthe ist hier bei Haecker die vorstellung aus dem christlichen auf das weltliche übertragen. bei Rilke liegt eine neueingliederung in einen religiösen (nichtchristlichen) zusammenhang vor: spender der gnade ist ein unpersönlich göttliches, genauer, die gnade ist eine numinose kraft, die sich selbst mitteilt und wie ein göttliches wirkt. der gleiche vorgang in gröszerer form zeigt sich bei der gestalt des engels in Rilkes 'elegien' und seiner vorstellung vom jenseits, welche beiden, nachdem sie völlig säkularisiert waren, von Rilke (und vor ihm von Hölderlin) mythisch belebt werden. in diesem zusammenhang bekommt gnade den nebensinn des 'seltenen', gnade haben ist 'auserwählt sein aus vielen': Stifter und Keller hielten sich beide an die dinge und die sachen, aber die gnade der sprache ward dem einen mehr als dem andern ... von der sprache ist hier die rede im sinne der gnade und des freien geschenkes, als einem element durchaus jenseits aller arbeit an ihr Th. Haecker christentum u. kultur (1927) 181; dieses schöne, reiche buch ist entstanden wie alle groszen, originalen geisteswerke der menschen: durch harte mühselige arbeit und durch die gnade plötzlicher einfälle ebda 135; die gröszte (aufgabe) ist so durchaus von der gnade abhängig, dasz ich über ihre erfüllbarkeit nichts zu versichern wage; aber es fehlt mir ja auch nicht an anderen, verhältnismäszig in meine macht gerückten Rilke br. an s. verleger 349; das auszerordentliche ist immer noch sache der gnade und der überlegenheit, aber das einfach ordentliche und an sich schätzbare ist zahlreich, ist zahllos br. 1921-26, 391; erfindung ist gnade und kommt aus träumen K. B. v. Mechow vorsommer (1933) 10; wir können doch nicht wie er (Goethe) genial sein, können uns nicht erfüllen wie er und auf die gnade der eingebung zählen H. Carossa wirkungen Goethes in d. gegenwart (1938) 26. — von da aus gnade als 'begnadeter zustand des kunstwerks': dieses porträt lebt zum teil auch durch die gnade jener grazie, die in der französischen plastik seit jahrhunderten erblich ist Rilke ges. w. (1927) 4, 349; Anton stand neben mir. er sah die beglückende gnade der form. er hatte das recht, die gnade zu sehen R. G. Binding erlebtes leben (1928) 194.
f)
an e anschlieszend, gnade als besitz, wesenszug des im geschehen der gnade stehenden, des begnadeten: 'begabung, gabe, geschick'; meist vom menschen gesagt. es handelt sich dabei, wie bei gnade als 'habitus' (II D 1), nicht um eine einmalige oder wiederholbare 'begnadung', sondern um eine dauernde auszeichnung und 'begabung'. die herkunft aus dem geistlichen bereich (gott als geber der übernatürlichen und natürlichen gnaden, s. 3 a) ist noch zu spüren, jedoch entfernt sich der gebrauch immer weiter vom religiösen. der geber der gnade wird nicht genannt, und unbestimmt gelassen, je später um so mehr; gnade ist ein sich selbst schenkendes. nur im wort selbst deutet sich noch ein religiöser bezug an. begabung als ersatz für gnade in diesem sinne ist ein versuch, auch den religiösen anklang noch zu vermeiden, s. oben zu 3 a und 3 e; vgl. dos oris die gaab oder liebligkeit und gnad ze reden und ze singen Frisius dict. (1556) 933ᵃ; palaestra die gnad und wäsentlich bärd etwas ze thun. hinc homo apalaestros der niener zu kein gnad hat, tölpisch und ungeschickt ebda 939ᵇ:
zwô gnâde fuogten im daz,
sælde und grôze werdekeit
die hete got an in geleit
Hartmann v. Aue Erec 2437 H.;
und geruͦch dich (gott) oͮch erbarmen
úber mich gnaden armen (Anna),
das ich des lasters werde frig
und in den selben gnaden sig
die du allen dingen hest
gemainsammet aͮn allen brest
schweizer Wernher Marienleben 282 P.-H.;
sy erkant och was der mensch gnaden hat von schoͤne, von wishait ald von weler hand gnad er hat Elsbet Stagel leben d. schwestern z. Töss 72, 37 V.; also hat ein jeder mensch ein besunder genad, die sunst niemant hat auf dem ertrich Keisersberg pred. teutsch (1508) 47ᵃ; er ist jung, hübsch, wolgesprech, ouch in ander weg mit natürlichen gnaden begabet ders. seelenparad. (1510) 22ᵃ;
das es wundert mich,
wie doch das kleine vöglein das
zuwegen bringt on underlas.
es musz ein grosz gnad in ihm sein,
dasz es singt tag und nacht so fein
Er. Alberus fabeln 137 ndr.;
denn solche gnade hat das wortt (gottes): yhe mehr mans handelt, ye süszer es wirtt Luther 12, 396 W.; und ob man schon deutsche gesang wil machen, das sich des nicht ein iglicher vermesse, on die gnade dazu haben 26, 224; das er (der prediger) sy ein menschlich bescheiden man, der gnad hab, die geschrifft verstentlich und stanthafftig für zuͦ halten Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 47 ndr.; es ist aber das landt, die alte marck. mit hohen gnaden und gaben gottes gezieret (1579) Christoph Entzelt altmärk. chron. 52 Bohm;
furnemlich wil ich zeigen an
... auch mein canzler und treuen rat,
der sonder gnad zu reden hat
Schade satiren u. pasqu. 1, 109;
es entdeckte sich, dasz eine eigne gnade dazu gehört, um fern von hof und stadt in einem dörfchen sich bei laune zu erhalten Wieland s. w. (1853) 12, 35; Friesen war ein aufblühender mann in jugendfülle und jugendschöne, an leib und seele ohne fehl, voll unschuld und weisheit, beredt wie ein seher; eine Siegfriedsgestalt von groszen gaben und gnaden Fr. L. Jahn w. 2, 1, 5 Euler; der alte graf sprach nichts von dem ursprung und den gnaden dieser kleinode Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 228; die beiden köstlichen gaben und gnaden einer künstlernatur ... naivität und schöne sinnlichkeit grenzboten (1864) nr. 44, 168; wenn man nur die gnade des gebens behält Rilke br. aus Muzot 47; und wenn das nicht genügte, sie zu überzeugen, so bestätige die reinheit ihres aufblicks ihnen die stärke, die gnade, das unsägliche rechthaben ihrer verfassung br. an eine junge frau 29; ich sollte auch einmal ins kloster, als ich fünfzehn wurde, am sankt Johannistag. aber man musz eine gnade dazu haben W. Weigand d. renaissance (1904) 1, 43; die schönheit ist die einzige gnade, die einer frau widerfahren kann H. Johst so gehen sie hin (1930) 126; jeder dieser versuche (wasserfarbenbildchen) war voll kindlicher gnaden, jeder bürgte für Cynthia H. Carossa d. arzt Gion (1931) 21; nüchternere freunde haben mich später oft mit harten worten getadelt, dasz ich in der frau gnaden erblicke, die sie gar nicht besäsze Ernst Wiechert wälder u. menschen (1936) 199. in diesen zusammenhang gehören wohl die sprichwörtlichen redensarten: er hat kein gnad, da ist kein gnad, ein bild ohne gnaden: er hat kein gnad non habet genium, friget; est frigidus Aler dict. (1727) 1, 963ᵃ; da ist kein gnad non est oleum in lecytho ebda. — ein bild ohne gnaden, von einer schönen, aber geistig unbedeutenden frau; vgl. im deutschen ist ein seitenstück zu 'Maria di legno', jedoch in der anwendung auf frauenzimmer, welchen das neidische geschick zwar nicht reize, aber den geist versagt hat, die redensart: ein bild ohne gnaden C. v. Wurzbach glimpf u. schimpf (1864) 117: ouch uff die schönen unkündende (unwissenden) frowen, von denen man spricht: das ist ain bild on gnad Steinhöwel Äsop 127 lit. ver.; es ist ein bild on alle gnad (zu: ein rechter ölgötz) sprichw., sch. w. klugr. (1548) 18ᵃ; das fräulein vom hause sei ein halbreifes gänseblümchen, ein rechtes bild ohne gnaden Eichendorff s. w. (1864) 2, 120; wert hat diese schönheit in den augen des volkes nur, wo sie von einer gewissen lebensfrische, von einer energischen individualität getragen ist, sonst heiszt es von solchen mädchen: es ist ein bild ohne gnad K. Stieler natur- u. lebensbilder aus d. Alpen (1886) 313; mit einer in den voraufgehenden belegen eingeschlossenen, aber nicht voll entwickelten bedeutung: die bäuerin sei von guter herkunft, fleiszig, mildtätig und obendrein ein blitzsauberes weibsbild gewesen; man hatte nur immer ihre unfruchtbarkeit bedauert. vielleicht war sie, wie der bayrische volksmund sich ausdrückt, 'ein bild ohne gnad', was in der sprache unserer zeit etwa dem fehlen des sex-appeal entspräche H. Carossa das jahr d. schönen täuschungen (1941) 189. äuszerlich schlieszt sich der folgende beleg hier an; doch meint gnade hier offenbar die in dem sprichwort ausdrücklich ausgeschlossene 'grazie' (über gnade als anmut s. u. VI). absichtliche umkehrung der geläufigen redensart?:
wie an eim bild ist kein meh gnad,
wann man den kopf abgschlagen hat,
also wo nicht ist zucht und ehr,
da ist keyne lieblichkeyt mehr
Fischart w. 3, 201 Hauffen.
4)
von gottes gnaden, seit dem 13. jh. geläufige übersetzung von gratia dei, einer der vom frühen mittelalter an dem herrschertitel hinzugefügten formeln. der wortlaut geht auf den apostel Paulus zurück, der sein amt auf die gnade gottes gründet: secundum gratiam dei, κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ 1. Kor. 3, 10; 15, 10. von da her begründeten zunächst geistliche obrigkeiten (konzile, synoden, bischöfe, später auch andere geistliche) ihre stellung und ihr amt; χάριτι θεός, dei gratia, misericordia dei u. s. w. eine unmittelbare fortsetzung in deutscher sprache ist es, wenn sich Luther, wohl auf Paulus direkt sich beziehend, von gottis gnaden ecclesiastes nennt (10, 2, 227 W.). im anschlusz an die kirchliche formel übernehmen auch weltliche personen die bezeichnung dei gratia neben anderen (eine aufführung der verschiedenen formeln s. bei K. Schmitz ursprung u. gesch. der devotionsformeln bis zu ihrer aufnahme in die fränk. königsurkunde, kirchenrechtl. abhandlungen 81 [1913] 188 ff.). wahrscheinlich auf persönlichen antrieb Karls d. Gr. wurde die formel dei gratia in die fränkischen urkunden als feststehende beifügung zum herrschertitel eingeführt. der grund dafür liegt in dem bestreben, die herrschaft des neuen königshauses zu legitimieren und als von gott stammend zu bezeichnen. mit der ursprünglichen absicht dieser formeln, die demut des herrschers und seine abhängigkeit von gott auszudrücken (devotionsformeln), verbindet sich schon früh eine weitere, die von gott gegebene herrschaft als vom volkswillen unabhängige zu kennzeichnen. auf diese weise wurde dei gratia und von gottes gnaden in neuerer zeit zum geläufigen ausdruck des absoluten herrschertums. vom 13. jh. an begegnet die deutsche fassung von gottes gnaden. über den zusammenhang der devotionsformeln mit dem gottesgnadentum des herrschers und dem widerstandsrecht der untertanen s. Fritz Kern gottesgnadentum u. widerstandsrecht im früheren mittelalter. zur entwicklungsgesch. der monarchie (1914), bes. s. 92 ff. u. 304 ff.; über die geschichte der formel und ihre staatsrechtliche bedeutung s. Alfred Daniel die kurialienformel 'von gottes gnaden', diss. Erlangen 1902: er gebrauchte sich (im jahre 1234) dieses titls, Otto, von gottes gnaden herzog zu Meran v. Brandis landeshauptleute v. Tirol (1629) 18; ich Henrich von der gotes gnaden herzoge zo Bruneswich (v. j. 1299) hess. urkundenbuch 1, 483 Wyss; wir Ludwig von gotz gnaden romischer cheiser (v. j. 1333) oberrhein. stadtrechte I 1, 11 Schröder; wir von gots gnadin Herman lantgreve ztu Hessen. wir von denselbin gnadin Heinrich grave ztu Waldegke (v. j. 1380) Varnhagen urkundenbuch 187; wir Ferdinandt von gottes genaden römischer könig, zu allen zeiten mehrer des reichs abschiedt des reichsztages zu Augspurg (1555) vorr. a; so oft du auch (bei unterschriften von fürsten) liesest: wir, von gottes gnaden, muszt du dir das ... urtheil der klügsten ... rathgeber des vaterlandes dabei denken Herder 16, 175 S.; die nationalversammlung hat mit groszer mehrheit das 'von gottes gnaden' abgeschafft Varnhagen v. Ense tagebücher (1861) 5, 231; wir Wilhelm von gottes gnaden deutscher kaiser, könig von Preuszen eingangsformel aller reichsgesetze. in freier verwendung:
könnt ich ein klein fürstlein werden
von gottes gnad und volkes gold
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 4, 41.
von da auch auf andere verhältnisse übertragen; noch in engem anschlusz an das vorige: wir Geori von gottes gnaden abt des gotzhus ze sant Gallen (v. j. 1361) urk.-buch d. abtei St. Gallen 4, 9 Wartmann; auf genedige vergonstnus der hochwurdigen ... frauen Felicitas, von gottes genaden abbtissin zu Sonnenburg, (16. jh.) österr. weist. 5, 711, 1; (die römische volksgemeinde,) die aus freien und gleichen bauern bestand und keines adels von gottes gnaden sich zu rühmen vermochte Mommsen röm. gesch. (1874) 1, 62. — in weiterem abstand: ich halt warlich, das dieser geist nicht anders ynn seim hertzen dencke denn also: wir Zwingel (Zwingli) von gottes gnaden, riese und roland, hellt und siegman ynn welschen und deudschen landen Luther 26, 371 W.; er ist ein sklave seines weibes, so wie wir von gottes gnaden herren sind Hippel über d. ehe (1774) 226; denn wenn der teufel erst von gottes gnaden sein wird, so würdest du gewisz leibarzt von des teufels gnaden werden Immermann 2, 133 Hempel;
und mit sonnenschein beladen,
und mit blumenduft besät,
nahet er von gottes gnaden,
er, des frühlings majestät
Hoffmann v. Fallersleben ged.⁹ 45;
die persönlichkeit mit ihrem anrecht auf freie schöpferische thätigkeit ist nicht minder von gottes gnaden, als der staat R. v. Jhering geist d. röm. rechts (1852) 2, 1, 131. freier ist ein gebrauch erst in neuerer zeit, wenn statt gott eine anderes subjekt als gewährer der gnade erscheint: von volkes, staates etc. gnaden; dabei auch umstellung von gnaden der sprache, der natur: dichterexcellenz von Apollos und aller neun musen gnaden E. M. Arndt s. w. 1, 223 R.-M.; wozu glauben denn die herren, dasz, von gnaden der natur, die genannten groszen männer dagewesen seien? Schopenhauer w. 3, 63 Gr.; eine religionsgemeinschaft von staates gnaden, und im auftrage, unter leitung des staates handelnd und lehrend, ist keine sonne, sondern der trabant eines mondes P. de Lagarde dt. schr. (1891) 263; einen landrat von herrn Mertens gnaden mögen wir nicht W. v. Polenz Grabenhäger 199; das war die zeit, da jeder malergesell ein taugenichts war von Eichendorffs gnaden W. Schäfer 13 bücher d. dt. seele (1923) 454; grosze metaphysiker, theologen und denker, die von gnaden der sprache gelebt haben Th. Haecker dialog über christentum u. kultur (1930) 65. von des apostolischen stuhles gnaden bei Ranke ist eine übersetzung der seit dem 12. jh. bis heute üblichen bischofsformel 'dei et apostolicae sedis gratia' (vgl. Daniel a. a. o.): es gab bischöfe nicht allein in Ungarn, sondern auch in Deutschland, die sich von des apostolischen stuhles gnaden schrieben Ranke s. w. 37, 25. — vgl. noch: der inhalt (des gedichtes) wird zum anlasz für eine aus sich selbst — aus des dichters gnaden — bestehende sprache, so sehr, dasz ... E. G. Winkler gestalten u. probleme (1937) 150. äuszerlich ganz gelöst, aber innerlich aus den mit der formel von gottes gnaden verbundenen vorstellungen zu erklären sind die folgenden beispiele:
in deiner schneeweiszen hand
hältst an demantener kette
fest du (schönheit) geschmiedet
alle die vielen
eisigen kronen,
welche die bergriesen
tragen von deiner gnade
R. G. Binding ged. (1922) 39;
von dem tage an lernte ich das süsze glück der macht kennen, die aus der eigenen gnade und eigenen knochen, dem eigenen willen stammt H. Lersch im pulsschlag d. maschinen (1935) 26. nur äuszerlich übereinstimmend, aber nicht mit der formel von gottes gnaden zusammenhängend (sondern zu II C 1, 2 gehörend, 'durch die güte gottes'), sind verwendungen wie: nun was ligt daran, das kind ist doch schön, so hab ich daheim (von gottes gnaden) noch gelts genug buch d. liebe (1587) 4ᵈ;
es leben die soldaten
so recht von gottes gnaden,
der himmel ist ihr zelt,
ihr tisch das grüne feld
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 2, 52.
D.
gnade im eigentlich theologischen sinne. gratia, gottes huld, güte, wohlwollen, gnädige gesinnung und das daraus folgende wirken; übernatürliche gnade, die dem menschen aus huld unverdient zu dem ewigen heil seiner seele verliehen wird, gratia gratum faciens. etwa um 800 beginnt gnade neben 'misericordia' (B) und 'clementia' (C) auch 'gratia' zu übersetzen. das mit dem got. übereinstimmende anst (bair. und alem.) hält sich neben gnade noch länger. im ostfränk. (Fulda) bleibt auch das aus der ags. mission stammende geba für 'gratia' (ags. gifu, geofu) bis ins 11. jh. bewahrt und bleibt als gabe noch lange neben gnade geläufig; Otfrid hat häufiges ginada neben seltenerem huldi und anst, der Tatian hat nur geba, daneben aber als einwirkung des südens das adj. ginadig. im altsächs. huldi und anst (im Heliand einmal nâđa); nur die westaltsächs., dem Rhein naheliegenden quellen (nfränk. psalmen, Werden) nehmen das südliche ginada auf. im einzelnen Wahmann 130-134, Frings 18 -20. im mnd. ist ghenade neben gracie geläufig; auch das mnld. nimmt ghenade auf; Ruusbroec z. b. hat aber noch vorwiegend gave neben gracie und ghenade. im ganzen erscheint gnade in dieser bedeutung, namentlich in neuerer sprache, im singular: die gnade im gegensatz zu den gnaden, den einzelnen gnadengaben (C 3). der plural begegnet nur in festen sprachlichen formen, in denen er keine bedeutungsmäszige funktion hat, als abhängiger genetiv (der genaden ellende), oder in präpositionalen formeln (von gnaden); manches könnte auch schwache flektion sein. vgl. dazu unter herkunft und form 5.
1)
gnade als aus gottes huld und wohlwollen ausgehende kraft und von ihm bewirkte gabe, die der seele des menschen das übernatürliche leben erhält. über die unterschiede der scholastischen, im wesentlichen bis heute geltenden katholischen lehre, die in der gnade einen zustand (habitus) der seele sieht (habituelle gnade, gratia sanctificans, heiligmachende gnade) von Luther, der sie als eine wirkung gottes an der seele auffaszte, in der er selbst persönlich und unmittelbar gegenwärtig ist, vgl. R. Seeberg lehrbuch d. dogmengesch. 3 (1913) 402 ff., 415 ff.; 4, 1 (1917) 97 ff.; J. A. Möhler symbolik (1873) 99 ff. hierher sind vor allem auch die belege aus II A zu ziehen:
thia worolt minnota er so fram,
bi thia so sant er herasun   then sinan einogon sun
thaz si (die welt) sih bithahti,   ginada sina suahti
Otfrid II 12, 73;
daz rinnenta wazzer ist gratia sancti spiritus. gnada des heiligen geistis Notker ps. 1, 3; deus, deorum dominus, locutus est. got dero goto, daz chit dero heiligon, die fone gratia dii heizzent (glosse: kenadon gota) Notker ps. 49, 1; miner sunteno mich ze gloubenne unte also verro ze vermidenne, so mich sin gnade gesterchet 1. Benediktbeurer gl. 33 bei Steinmeyer d. kl. ahd. sprachdenkm. 339; zu gelicher wis als die lylye dorret ân den tou und bluͦet von dem touwe, also vortirbet die sele ân die gotes genade und wirt schone von der gotes genaden Schönbach altdt. pred. 1, 61, 2;
der gnâden ellende (der in sünden gestorbene)
hât danne den bœsern teil erkorn
Hartmann v. Aue Gregorius 24 P.;
gnade ist ouch ein glichnisse godis. si ist ein schin godis, der da irluchtit daz antlitze der sele ... wan daz allir erste werc daz got wirkit, alse he cumit zu der sele, daz ist gnade paradisus anime 24, 15 Str.; di gnade cumet ouch in di sele, wan si nicht bestênde wesin inhâit an ir selben, mer si gibit der sele wesin und lebin Eckhart Rube in: parad. anime 24, 39 Str.; wan di sele ist substancie, daz ist wesin, gnade ein aneval des wesines ebda 69, 31 Str., vgl. 103, 20: da ist gnade ein cleit der sele alzumale; aneval und cleit übersetzen den scholastischen terminus 'habitus' (ἕξις), 'eine bleibende, inhärierende übernatürliche beschaffenheit der seele'; vgl. Grabmann zu paradisus 99, 25 f. s. xxxviii; die götlich gnode wart an im wahsent und zunement Adelheid Langmann offenbarungen 58, 13 Str.; ists nit war. er (Augustinus) nennet hie die gnade die gottlich lieb ynn unszer hertz durchgossen? und yhr Sorbonischen: was nennet yhr anders gnade denn die gottliche liebe Luther 9, 759 W.; gnade und gabe sind des unterscheids, das gnade eigentlich heiszet gottes hulde oder gunst, die er zu uns treget bey sich selbs, aus welcher er geneiget wird, Christum und den geist mit seinen gaben in uns zu gieszen vorrede auf d. ep. S. Pauli an d. Römer bei Bindseil 7, 435; denn seine (gottes) gnade teilet und stücket sich nicht, wie die gaben thun, sondern nimpt uns gantz und gar auff in die hulde, um Christus unsers fürsprechers und mitlers willen ebda 436; gnad ist gottis hulde, die fehet ytzt ynn uns an, musz aber fur und fur wircken und sich mehren bisz ynn todt 12, 264 W.;
der schatz, den ich begehr,
ist deine gnad, o herr:
die gnade, die dein sohn
mein heyl und gnadenthron
mir sterbend erworben
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 300;
wenn aber deine hand einst unsern geist entbindet,
wann einst des irrthums nacht vor seinem blick verschwindet,
... dann wird, in näherm glanz, ihm deine gnad erscheinen
Giseke poet. w. (1767) 4 Gärtner;
aber ach! diese eindrücke gingen vorüber, wie das gefühl der gnade seines gottes allmählich wieder aus der seele des gläubigen weicht, die ihm mit ganzer himmelsfülle in heiligen, sichtbaren zeichen gereicht ward Göthe 19, 179 W.; die natur mag alle ihre kräfte redlich entfalten, sie wird durch sich und aus sich nicht ins übernatürliche verklärt, das menschliche durch keinen kraftaufwand aus sich selbst göttlich: es bliebe eine ewige kluft zwischen beiden, wenn sie nicht durch die gnade ausgefüllt würde: das göttliche musz sich zum menschlichen herablassen, wenn das menschliche göttlich werden soll Joh. A. Möhler symbolik (1873) 114;
du tröster in der noth, so sag mirs treu:
ward ihm (dem sterbenden) ein strahl der gnade noch beschieden?
Annette v. Droste-Hülshoff ges. w. (1879) 2, 249;
gottes gunst, sein allmächtiger und doch gütiger wille, wie er als geist in Christus offenbar und wirksam wird, das ist die gnade, nicht nur gesinnung, sondern wirksamer wille R. Seeberg lehrbuch d. dogmengesch.² 4, 1 (1917) 98; denn wer am meisten von der gnade lebt, wie der heilige, hat auch das tiefste erleben der freiheit Th. Haecker schöpfer u. schöpfung (1934) 77; dasz er (der priester) die gefährdete mutter mit sichtbaren zeichen unsichtbarer gnade für tod und leben sichere H. Carossa d. arzt Gion (1931) 205; auch sie (Theresa von Avila) weisz sehr wohl, dasz ihre leidenschaft, wenn gott sie nicht schützt, aller sünden fähig wäre, sie verliert aber niemals den stand gnade und verfällt deshalb nie der tödlichen sünde Reinhold Schneider Philipp II. (1931) 141. — personifiziert: die gnade (als allegorische figur) kennt man an ihrem olivenzweige J. A. Cramer d. nord. aufseher (1758) 3, 75. — zeit der gnade, 'zeitalter der gnade', im gegensatz zur zeit des gesetzes, für die zeit nach Christi geburt, in der in Christus die 'gnade' erschienen ist (die grundlage ist biblisch, vgl. und von seiner fülle haben wir alle genommen, gnade umb gnade. denn das gesetz ist durch Mosen gegeben, die gnade in wahrheit ist durch Jesum Christum worden Joh. 1, 16; dieweil wir nicht unter dem gesetz, sondern unter der gnade sind Röm. 6, 15):
got lerte si (das volk Israel) do fúrbas me
mit sinir lere manig ê
der ich niht bescheiden wil ...
wand úns got sit ein andir lebin
hat und ein andir ê gegebin:
úns ist der genadin lebin
und der genaden ê gegebin
Rudolf v. Ems weltchron. 12884 E.;
under der zeit der genaden, daz ist sint Christes geburt Schönbach altdt. pred. 2, 13, 23; deszhalb (wegen der erbsünde) die opffer im gesatz der natur, die beschnydung im zyt des gesatz, der heilig touff im zyt der gnaden, als gegenzeychen des glaubens zuͦ got gesetzt synd, darin sich die menschen tröstlich im glauben geübt haben Judas Nazarei v. alten u. neuen gott 4 Kück.
2)
gnade als übernatürlicher zustand der natur entgegengesetzt, als vollendung, nicht aufhebung des natürlichen standes; von gnaden ex gratia, per gratiam; vgl. cum igitur gratia non tollat naturam, sed perficiat Thomas v. Aquin s. theol. I 1, 8 ad 2: och die gnad zerstört die nattür nit, sy volbringt sie wol meister Eckhart reden d. unterscheidung 39, 5 D.; gnade ist ouch alle zit ein ordenunge in got, wan si bewerit sunde und wirkit alle werk tusintvalt pobin di nature parad. anime 24, 19 Str.; und da von was fil wundrung under den schwestren und von gelerten lúten, ob ir dis von siechtagen ald von gnaden beschaͤch E. Stagel schwestern zu Töss 66, 30 V.; Leibniz nannte die welt, so fern man darin nur auf die vernünftigen wesen und ihren zusammenhang nach moralischen gesetzen unter der regierung des höchsten guts acht hat, das reich der gnaden und unterschied es vom reich der natur Kant 3, 527 akad.; in der lehre vom urstand ist von keinem unterschied der ordnungen der natur und der gnade die rede Ranke s. w. 4, 152; sie (die ersten mönche des abendlandes) waren Benediktiner nach der ordnung der gnade, Vergilianer nach der ordnung der natur Th. Haecker Vergil (1931) 66; gott geht zwar nicht gegen die natur, aber er geht oft sehr weit über die natur hinaus, und wo seine gnade ist, da ist auch immer sein groszes wunder Gertrud v. le Fort schweisztuch der Veronika (1935) 130; (Paulus) meint aber damit (mit dem fleischlichen menschen) nicht nur den körper im unterschied zum geist, sondern das natürliche ganze, leib und seele, umwelt und werk, im unterschied zu dem, was aus der gnade kommt R. Guardini welt u. person (1939) 167. — in der mystik häufig die formel von genaden ... von nature, um die übernatürlichkeit des mystischen vorgangs zu bezeichnen; von gnaden wird wahrscheinlich als schwacher singular zu deuten sein, vgl. z. b. bei Tauler von naturen — von gnaden 162, 10 u. ö.: das sú (die menschen) also eins sint mit uns, doch nút von naturen, mer von genaden noch unbegriffenlicher wisen Tauler pred. 47, 21 V.; und wirt do der mensche ... als verre uf erhaben úber sin natúrlich wise, das er reht wirt von gnaden das got weslichen ist von naturen 162, 10; daz ist, daz sú (die menschen in der unio mystica) selig sint von gnaden, als er (gott) selig ist von natur H. Seuse dt. schr. 245 Bihlm. dieser über die natur hinausgehende zustand ist licht der gnade, lumen gratiae: des hat ir (der natur) der barmherzig got gegeben ze helfe ein úbernatúrlich helfe und ein úbernatúrlich kraft: das ist das liecht der gnaden. das ist ein geschaffen liecht, das úberhebet die nature verre úber sich Tauler 329, 20 V.; fornuft ist cleine wider dem lichte der gnade paradisus anime 64, 7 Str.
3)
gnade als übernatürlicher zustand des menschen verengt sich vereinzelt zu dem begriff der 'tugend'; wer gnade hat, dessen werke sind gut, der hat geistliche tugend. die theologische begründung für diese bedeutungsänderung liegt darin, dasz die eingegossenen theologischen und sittlichen tugenden und die 7 gaben des hl. geistes zur 'habituellen gnade' gehören (s. Diekamp dogmatik 2, 412): swaz du gnad oder tugent hast an wishait, an erbaͤrmde, an kunst oder an dekainen dingen, daz solt du aim ieglichen andern gemainsamen volleklich st. Georgener pred. 67, 19 R.; la dir gnugin an minir gnade, daz ist daz ich dich minir gnade also gewaldic mache, daz du mide widerstein macht allir bekorunge (2. Kor. 12, 9). nith also alse ein tugintlich werc etwanne geworcht wirt, daz dan noch di tugint nicht bevestint ist in der sele, mer di gnade ist un also gegebin in ure gewalt, daz si da mide mugin gewirkin werc der gnadin parad. anime 42, 28 Str.;
an allen tugenden völleklich
uͦbte si an genaden sich
schweizer Wernher Marienleben 12616 P.;
wan si (Maria) hett och nu genaden me
ze den genaden die si och het e,
do si was aller genaden vol
ebda 12603;
lieber vater, ich bitte dich, erlöse uns von des teuffels reich, wilchs ein reich ist aller laster und sunden, und setze uns yn dein reich, wilchs ein reich ist aller tugend und gnaden 2 ält. katechismen 58 ndr.
E.
im 16. jh. unter dem einflusz der bibelübersetzung gnade als grusz und segenswunsch; vorbild ist die gruszformel apostolischer briefe gratia vobis, et pax a deo patre nostro, χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν 1. Kor. 1, 3; Röm. 1, 7; ähnlich 1. Petr. 1, 2 u. öfter: gotts genad sey mit uns allen Luther 19, 461 W.; genad und barmhertzigkeit gottes ... seyent mit eüch allen manuale curat. (1516) 56ᵇ; gottes gnad, meinen grusz und dienst zuvor, ehrenhaffte ... liebe herren und freunde volksbuch v. dr. Faust 3 Petsch; gottes gnade neben wünschung zeitlicher und ewiger wolfart zuvor Ringwaldt lauter warheit (1597) a 2ᵃ; dem christlichen leser gottes gnad und ware besserung in Christo Ambach vom zusauffen u. trunckenheit a 2ᵃ. — häufig, wie in der apostolischen gruszformel, mit friede verbunden: gnade sey mit euch und friede, von gott unserm vater und dem herrn Jesu Christo Röm. 1, 7; gnad und frid gottis zuvor, achtpar wirdiger lieber herr und freund Luther 6, 404 W.; (dem rat der stadt Nürnberg) entbeüt Ulrich von Hutten ... den frieden und gnade Jesu Christi U. v. Hutten opera 2, 124 Böck. im anschlusz daran entbietet der herrscher seine eigene gnade: wir Friderich von gotes gnaden romischer chunig ... embieten unsern getrewen lieben ... dem richter ... den gesworen und den burgern ... ze Chrems ... unser gnade und alles guͦt (v. j. 1318) urk.-buch d. landes ob der Enns 5 (1868) 217; wir Ludwig von gottes gnaden pfaltzgrave bey Rhein ... embieten allen und jeden unsern ober- und under amptleuhten, burggraffen unsern grusz, gnad und alles guts ordnunge wie sich handtwercker ... verhalten sollen (1579) a 2ᵃ.
F.
die gnade Mariae, der mutter gottes. darin sind zwei vorstellungen enthalten, zum teil getrennt; zum teil gehen sie ineinander über: Maria 'voll der gnaden' (nach Luc. 1, 28), ihren durch die erwählung zur gottesmutter und ihr heiliges leben hohen gnadenstand bezeichnend; und Maria als mittlerin der gnaden (omnium gratiarum mediatrix), besonders dadurch, dasz sie den erlöser geboren hat, dann dasz sie durch ihre fürbitte den menschen gnade vermittelt.
1)
Maria 'voll der gnaden' (häufig in der formel gnaden vol, rîch, voll der gnaden, als übersetzung von gratia plena bei Luc. 1, 28):
Maria, gratia plena,
dû bis vol aller gnâden
Arnsteiner Marienlied 307 bei Waag kl. dtsche ged. 134;
er (der engel) sprach: ave Marja,
dû bist genâden plena
Marienlied aus Seckau 31 ebda 177;
won si (Maria) wart erfúllet mit aller der gnade die got hatte, won dú flôz sament in si daz si gar úberfúllet wart st. Georgener pred. 223, 9 R.; do si (Maria) aber mit der goͤtlichen gnade wart durchgegossen ebda 223, 28; so si (Maria) alle engelschlichen zungen ..., ir gnade und ir grundlosen ere nit volloben kan H. Seuse dt. schr. 265, 15 Bihlm.;
Maria aller genaden vol
die man iemer loben sol
schweizer Wernher Marienleben 14485 P.;
du sælden, gnaden riche,
nu fröwe dich ewekliche
mit dinem kint Jhesu Crist
ebda 14397;
item da der engel Mariam grüsset und spricht: gegrüsset seistu, Maria vol der gnaden ... wolan, so ists bisz her schlecht den lateinischen buchstaben nach verdeutschet, sage mir aber, ob solchs auch gut deutsch sey? wo redet der deutsch man also: du bist vol der gnaden? und welcher deutscher verstehet, was gsagt sey, vol gnaden? er mus denken an ein vas vol bier, oder beutel vol geldes, darum hab ichs vordeutscht: du holdselige ... und hette ich das beste deutsch hie sollen nemen, und den grus also verdeutschen: gott grüsse dich, du liebe Maria Luther 30, 2, 638 W.; vgl. noch 24, 570 W. unter gnadenreich, adj., 1 b; der engel ... (sprach): gott gruͤz dich (Maria), du volle gnaden H. Zwingli dt. schr. 1, 92. geläufig vor allem in dem seit dem mittelalter verbreitetsten Mariengebet, dem 'englischen grusz', 'ave Maria', oder 'gegrüszet seist du Maria', das aus dem grusz des erzengels Gabriel (Luc. 1, 28) und der Elisabeth (Luc. 1, 42) an Maria zusammengesetzt ist: gegrüszet seist du, Maria, voll der gnaden. durch den anstosz, den Luther an der übersetzung voll der gnaden für gratia plena nahm (s. den beleg oben), ist die wendung der evangelisch-christlichen sprache fremd geblieben.
2)
Maria als mittlerin der gnade. damit verbindet sich die vorstellung von der barmherzigkeit (misericordia) Mariens, durch die sie bewegt wird, gott um hilfe für die menschen zu bitten:
aller guote bistû vol:
dîn gnâde diu sol
mich ledegen von mîner meile
Vorauer sündenklage 276 bei Waag kl. dtsche ged.;
Maria, stella maris, ...
burne des paradîses,
dan uns dû genâde ûz geflôz,
dû uns ellenden entslôz
daz unse rehte vaterlant
Arnsteiner Marienlied 232 bei Waag 131;
also ist ouch si vil liebiu frouwe ain sihtigez urchunde des trostes unde der genaden, die si uns vil armen sundæren an dise werlt tragen unde gebern solte an dem waren sunnen, an dem heiligen Christo Schönbach altdt. pred. 3, 214, 16, vgl. ebda 214, 32; wan diu (Maria) ist næmelichen ain muoter der genaden unde der waren erbarmunge. der selben genaden sult ir sie hiute manen 3, 207, 16;
vor der sünde schanden
behüt uns durch Marien,
sit ir genade frien
kan vor dem ewigen tode
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österr. 10464 R.;
wan ich sprich wol, daz si (Maria) ist vol
barmung und der gnaden
Muskatblüt 29, 57 Groote;
eine königin der gnaden
bist du (Maria)
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 1, 173.
als die aus erbarmen sich der menschen durch ihre fürbitte annehmende ist sie die mutter der gnade und barmherzigkeit (mater misericordiae): dise edele junchvrowe, die da ist muͦter aller barmherzicheit und aller genaden Schönbach altdt. pred. 1, 70, 31;
Maria mutter der gnaden,
dich ruff ich an von hertzen grund
Kehrein kirchenlied 1, 125;
eilte sie rasch vor ihr Marienbild ... und sagte: mutter der gnaden, mutter der waisen, höre mein gelübde A. Stifter s. w. (1901) 1, 33;
heilge mutter aller gnaden,
lasz mich dir mein herz entladen
Grillparzer s. w. 4, 87 S.;
das singende eintönige murmeln der gebete — 'heilige Maria, mutter der gnaden!', erscholl es vor dem fenster Th. Storm s. w. (1899) 2, 323. — in den bildlichen umschreibungen besonders spätmittelalterlicher dichter, die zum teil auf ältestes gut zurückgehen (lauretanische litanei; vgl. A. Salzer die sinnbilder und beiworte Mariens, Linz 1893), vaz, schrîn, brunne der gnaden etc. gehen beide vorstellungen ineinander über: Maria, die alle gnade in sich enthält, und die voller erbarmen mit den menschen ist und aus barmherzigkeit den menschen gnade vermittelt und spendet: (Maria) ist zware ain vaz der gnaden unde der ern Schönbach altdt. pred. 3, 216, 32;
(Maria) du gotes schrin, der gnaden vas
schweizer Wernher Marienleben 14327 P.-H.;
uzerweltú kúngin, du bist och der gnaden tor, der erbermde porte, dú nie zuͦ geschlossen wart H. Seuse dt. schr. 266, 4 Bihlm.;
so gar subtil   ich singen wil
der junffrau klar   die ich furwar
wol nennen   der gnaden bronne
Muskatblüt 17, 3 Gr.
III.
gnade im weltlichen bereich. nachdem gnade im ahd. geistlichen raum als vertreter von 'misericordia' und 'gratia' seine verschiedenen bedeutungen entwickelt hatte, wurde es zur darstellung der weltlichen beziehungsverhältnisse von 'erbarmen, huld' eines höhergestellten zu einem geringeren neben, bzw. an der stelle von huld, gunst gebraucht, wobei die im geistlichen bereich gewonnenen merkmalebesonders die gratuität (s. oben I A) — bewahrt bleiben. die weltlichen verhältnisse (lehnswesen, höfische und spätere gesellschaftliche zustände, rechtswesen) führten zu weiteren anwendungen. diese entwicklung bedeutet eine sich immer verbreiternde säkularisierung, die gelegentlich wieder zu versuchen neuer, allgemeinreligiöser eingliederung führen kann (etwa bei Rilke, s. oben II C 3 a u. e), ohne dasz aber dem wort eine wirksame und tragende religiöse grundlage geschaffen würde. solche säkularisierung wird besonders sichtbar bei festgewordenen formeln (s. etwa gnade finden vor jemandes augen, zu gnaden kommen, gnade für recht, gnade in der anrede u. s. w.), die im geistlichen beginnen und sich im weltlichen fortsetzen. umgekehrt kann auch eine im weltlichen ausgebildete formel (etwa ohne gnade) aus dem rechtsbereich ins religiöse übertragen werden. um diese abhängigkeiten zu zeigen, wird im folgenden auch der geistliche gebrauch im zusammenhang mit dem daraus folgenden oder ihm voraufgehenden weltlichen mit aufgeführt. die ausdehnung auf das weltliche gebiet beginnt im 11. jh. (Notker), ebenso bei gnaden, vb., s. d. 4; deutlicher wird sie erst mhd. ob sich darin auch die oben sp. 508 u. 513 als wahrscheinlich angenommenen älteren vorchristlichen verhältnisse unmittelbar fortsetzen, oder ob es sich nur um säkularisierungen des geistlichen gebrauchs handelt, bleibt unsicher.
A.
erbarmen, barmherzigkeit, misericordia, entsprechend II A, oben sp. 512 ff. die der gnade anhaftende bestimmung, dasz sie von einem höhergestellten einem geringeren erwiesen wird, erfährt in diesem anwendungsbereich mancherlei ausweitung, indem sie jede beziehung eines aus irgendeinem inneren oder äuszeren grunde überlegenen, begünstigten zu dem unterlegenen, zu kurz gekommenen meinen kann, der (mit richterlicher gewalt ausgestatteten) gemeinschaft zum einzelnen, des reichen zum armen, des siegers zum besiegten. dadurch bleibt das aus der christlichen 'gratia' stammende spannungsverhältnis auch da bewahrt, wo es sich scheinbar um eine beziehung von gleich zu gleich handelt, wie etwa in den belegen aus Hartmann v. Aue und dem Nibelungenlied unter 1 a; s. auch zu III B.
1)
'erbarmen' gegenüber vergehen und unrecht als gegensatz zu 'recht und gesetz'; 'milde, mäszigung' als gegensatz zu 'strenge, schärfe'. derjenige, der im besitz der gewalt ist, übt gnade, wo er dem recht nach strafen könnte, oder er mildert die strafe, ohne dasz von seiten des begnadeten ein anspruch darauf bestände. im mittelalterlichen recht bezeichnet gnade (gratia) das königliche oder obrigkeitliche recht des strafnachlasses oder der strafmilderung; s. dazu Schröder-v. Künszberg dt. rechtsgesch.⁷ (1932) s. 125; 157.
a)
'erbarmen, milde', im allgemeinen und im engeren rechtlichen sinne; gnade tun 'strafe, schuldige abgabe nachlassen oder mildern'; aus gnade strafen, richten, 'eine leichtere strafe an stelle einer schwereren vollziehen': quos oportebat duci ad iudicium, veluti aegros ad medicum, non ab iratis accusatoribus sed a propitiis potius miserantibusque ut morbos culpae resecarent supplicio. tie ze dinge gefuoret solton werden fone iro leidaren, also man sieche fuoret ze arzate, nals turh haz, nube durh knada unde irbarmeda, daz sie in dar frumetin uzersniten dero sundono gallun Notker 1, 265, 15 P.;
ob du gern nemen wilt,
sprach Joraffin, min sicherhait ...
min hende hie an dirre vrist
biut ich zu dinen gnaden
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 3785 R.;
gnade heisset das, das der man (richter) von den luten minre mag nemen, denne ire bruche ('brüche' = zahlung für einen rechtsbruch) zcu sagen adir gebrochen haben Magdeburger fragen 1, 2, 24 Behrend; wirt he (der auf einem münzverbrechen betroffene) verwunden (überführt) mit dem richter unde mit eime geswornen manne, man slet im abe di hant zu rechte oder he muz dingen an des munzmeistirs genade (13./14. jh.) urk.-buch d. stadt Freiberg 3, 45, 24 Ermisch; welch hof abir under eime halben pfunde cinset, der muz volliz geschoz (abgabe) geben alse wol, als ab he vri were, man wolle im denne gnade tun ebda 3, 32; als sich der selbe man tzu genaden und in des rates und in der stat genade gegeben hatte der sachen, wenne nymant denne got und dy herren gnode tun mogen d. Kulm. recht 3, 56 Leman;
ein mörder in dem rechten hat
verdient, das man ihn mit dem rat
richt, ist er aber gnaden werdt,
so richt man ihn nur mit dem schwerdt
Erasmus Alberus fabeln 195 ndr.;
welchen kein mensch erweichen kan,
was hilffts, dasz mann den selben man
vil bittet? und ist doch verlorn,
es ist da kein gnad, sonder zorn
ders. praecepta vitae (1548) 91ᵇ;
fand aber des königs ohren zu gnaden beschlossen, und müszt es am strick bezalen Wurstisen Pauli Aemilii histor. (1572) 1, 449; (ein mörder) dessen urtheil zwar gewest, dasz ihme anfänglich die hand abgehauen, hernach stranguliert werden sollen, aber aus gnaden und dasz ihn der scharpffrichter nit angerührt endlich durch das schwerd hin gerichtet (zum j. 1649) theatrum Europaeum 6 (1663) 1023ᵃ; in dieser verwirrung fiel er für Adelgunden nieder, konnte aber nicht mehr sagen als: sie möchte die durch seine vermessene liebe ihr angefügte beleidigung ihm zu gnaden wenden, weil nichts in der welt so verführerisch als ihr irrlicht, und daher die vergehung so viel mehr zu verzeihen wäre Lohenstein Arminius (1689) 2, 1398ᵃ; als decemvir ... kann Appius seine eigensinnigsten begierden zu gesetzen machen. gnade und mäszigung hören, wie er sagt, auf, tugenden zu seyn, wenn es auf die befestigung einer neuen herrschaft ankömmt Lessing 6, 84 M.;
es waltet über ihm (Tasso) ein schwer gesetz,
das deine gnade höchstens lindern wird
Göthe 10, 164 W.;
ihr (Götz) wart in der gewalt des kaisers, dessen väterliche gnade an den platz der majestätischen gerechtigkeit trat ebda 8, 122;
sie (die stadt) mag ihr heil beherzigen und sich
der gnade des Burgundiers ergeben,
er heiszt der gute, er wird menschlich sein
Schiller 13, 203 G.;
aber der böse wird durch gnade und güte nimmer gebessert E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 248;
... frag ich mich doch selbst,
ob das derselbe fürst, des sanfter muth
die liebe war des menschlichen geschlechts,
des wort verzeihung hiesz, des anschaun gnade
Grillparzer s. w. 8, 231 Sauer;
schon im jahr nach der schlacht wurden den Latinern ihre gefangenen zurückgegeben ... die Römer erzählen jenes, und nennen es eine gnade, womit der senat die Latiner belohnt habe Niebuhr röm. gesch. 1, 368; er schildert die fürsprache gerechter männer, welche unerschrocken für gnade und milde eintraten und auf die ehrliche pflichttreue des gefangenen hinwiesen G. Keller ges. w. 6, 237; was ist das für eine welt, ... in der die regung der gnade als versuchung und die milde als fürchtenswert bezeichnet werden darf Werner Bergengruen am himmel wie auf erden (1940) 449.
b)
daraus entwickelt sich die im vorigen eingeschlossene engere bedeutung, die aus erbarmen, milde gewährte 'begnadigung', 'verzeihung, vergebung'; 'schonung, pardon':
als er solde erslagen sîn,
wan daz er dô geruohte
daz er genâde suohte
Hartmann v. Aue Erec 955 H.;
denn so war gott lebt: welcher könig odder fürst meinet, das sich der Luther fur yhm demütige der meinung, als rewe yhn seine lere und habe unrecht geleret und suche gnade, der betreugt sich selbs weidlich Luther 23, 28 W.; dermaszen, dasz etlich derselben übelteter ... unaufgelegt und unempfangen verschulter gebürlicher und rechtmessiger straffe gesichert und ledig gelassen sind, und aber durch soliche bewissne gnade, wie wol die in guter meynung was beschehen, nicht allein das übel ungestrafft beliben ... ist Nürnberger polizeiordn. 42 Baader; wo sie im wölte bey irem gemahel frid und gnad schaffen Stumpf Schweizerchron. (1606) 106ᵃ; hierauff (nach der eroberung der stadt) liesz der tyrann eine allgemeine verzeihung und gnade ausruffen Ziegler as. Banise (1689) 652; so suchte dieser (herzog) anno 1134 zu Fulda gnade (weil er einen aufstand gemacht hatte), die er auch durch der kayserin vorspruch erlangte S. Fr. Hahn einl. zu d. teutschen ... kayserhistorie (1721) 3, 184;
ruft gnade aus für die geflohne mannschaft,
die unterwürfig zu uns wiederkehrt
Shakespeare 9, 209;
und hätt ich gottes richtschwert geführt, — gnade hätt ich ihr (der kindsmörderin) gegeben maler Müller w. (1811) 1, 305; wirst du izt gleich zum kreuz kriechen und um gnade und schonung flehen Schiller 2, 102 G.; (der könig liesz sagen:) nimmermehr würden sie gnade finden, wo sie nicht den verräther offenbaren wollten Grimm dt. sagen (1891) 2, 38;
und der (entschlusz) heiszt krieg, heiszt widerstand, wenn ihr
verzeihung nicht gewährt, vollgültge gnade (für die aufständischen)
Grillparzer s. w. 6, 242 Sauer;
von den offizieren, die sich gegen ihn ausgesprochen hatten, gewährte er keinem gnade Ranke s. w. (1867) 17, 195; die schuld lag auf Joachim, auf dem gleichen manne, der für Ellenhofens schuld nicht gnade, sondern nur gerechtigkeit hatte haben können Werner Bergengruen am himmel wie auf erden (1940) 503.
2)
neben verbindungen wie gnade suchen, um gnade flehen (s. unter 1) häufig jemanden um gnade bitten; mhd. und frühnhd. einen (sîner) gnade bitten; vereinzelt noch bis Göthe gnade (acc.) bitten; 'um verzeihung bitten' oder 'jemandes erbarmen, schonung anflehen' (der besiegte bittet um schonung); meist geht beides ineinander, 'um pardon bitten': da viel der arm man sime herren ze fuͦzen unde bat in siner gnaden, daz er im genædic were Schönbach altdt. pred. 3, 169, 25 (12. jh.); das volck in der stad ... lieffen mit weib und kinder auf die mauren und zerrissen ihre kleider und schrien laut und baten gnade und sprachen: straffe uns nicht nach unser bosheyt 1. Macc. 13, 45;
um gnad will ich nit bitten,
dieweil ich bin ohn schuld
Ulrich v. Hutten opera 2, 92 Böck.;
muste bey keyser Valens umb gnade und friede bitten Micraelius altes Pommerland (1640) 1, 66;
unüberwindlichster! hier lieg ich, bitte gnad
Göthe 16, 26 W.;
ich bitt um gnad, es soll nicht mehr begegnen
Schiller 14, 356 G.
sich auf (an, zu) gnade(n) ergeben, 'in der hoffnung auf schonung, milde sich dem sieger unterwerfen, den kampf aufgeben'; sich ganz in jemandes gewalt geben. die formel neigt in älterer und neuerer zeit zu wuchernden umbildungen. den ausgangspunkt bildet die wendung sich an (in) jemandes gnade (er)geben, seit dem mhd.:
der ander lebte dannoch:
der muose sich in iedoch
gar in ir genâde gebn:
dô liez er in durch got lebn
Hartmann v. Aue Iwein 6793;
zwang ich den ritter Joraffin
daz er an min genade sich
ergab
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österr. 9545 R.;
künig Heinrich ... überzog hertzog B. ... und bezwang ine ... sich ze ergeben an sin gnad Äg. Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 3; Caesar hat die Numider umbringen lassen, die sich ihm auf seine gnad ergaben J. G. Zimmermann v. d. nationalstolze (1758) 117. — desgleichen ergaben sich die von Montzig ... auch an gnade und huldigten dem fürsten M. v. Kemnat chron. Friedrichs I. 66 Hofmann; ergabe sich ... auff gnad Flaccius Illyricus ankunft d. röm. reichs (1567) 124; dasz er zuletzt abstund und sich zu gnaden ergab Stumpf Schweizerchron. (1606) 89ᵇ; da entblöszten sie (die bauern) ihre waffen und hieben das raubvolk tapfer nieder, bis sich die edelleute auf gnaden ergaben Grimm dt. sagen (1891) 1, 124; ähnlich: als er (der pfalzgraf) das (Sobernheim) berennen liesz, do gingent sie an gnade mit 24 edeln und 69 reisigen knechten M. v. Kemnat chron. Friedrichs I. 66 Hofmann; 1555 ... ergab sich die statt uff gnad des lebens Äg. Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 76. geläufiger und bis heute gebräuchlich ist sich auf (im 16. jh. auch in) gnade und ungnade (zunächst jemandes) ergeben, 'sich auf gedeih und verderb jem. ausliefern, sich bedingungslos ergeben', seit dem 15. jh. belegt, vgl. uff gnad und ungnad Er. Alberus (1540) nov. dict. b 3ᵃ; einem eine statt auff gnad und ungnad auffgeben Frisius dict. (1556) 275ᵇ: haben sich die 9 fendlein knecht ... auf gnad und ungnad ergeben (15. jh.) im dt. rechtswb. 4, 969; die bauern im stifts Saltzburgk sich in gnad und ungnade des gemeinen bunds zu Schwaben ergeben haben (v. j. 1526) d. dt. bauernkrieg (1935) aktenband 338 Franz; gleichwol ... schrein sie umb quartier und ergaben sich auff gnade und ungnade v. Chemnitz schwed. krieg (1653) 2, 158; Batto (habe) sich auf gnade und ungnade ins Tiberius hände geben müssen Lohenstein Arminius (1689) 1, 23ᵃ; ... er wolte unter keinen gütigern conditionen capitulieren, als dasz sich alles auf gnade und ungnade ergäbe discourse d. mahlern (1721) 3, 8; Wallenstein gab dem grafen von Thurn eine halbe stunde bedenkzeit, sich mit drittehalbtausend mann gegen mehr als zwanzigtausend zu wehren, oder sich auf gnade oder ungnade zu ergeben Schiller 8, 330 G.; alle ortschaften ... ergaben sich ihm auf gnade und ungnade Ranke s. w. 2, 154. — häufig in abgewandelten formen:
die landschaft hat sich auf gnad und ungnad aufgeben,
die stett auch desgleichen
(16. jh.) Uhland volkslieder (1844) 1, 492;
die bürger einer stadt,
die ... schnell zur reu und rasch zurückgekehrt
die pforten öffnet, in den staub sich beugt,
zu deiner gnad und ungnad sich ergebend
Grillparzer s. w. 6, 247 Sauer;
aber am ende sollte ich mich doch den Atheniensern auf gnade oder ungnade zu füszen werfen Wieland Agathon (1766) 1, 366; die coalition war ... zerstört, das isolierte Preuszen ... endlich zu gnaden und ungnaden unterworfen worden Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 229. — liesz der marckgraf ... die stadt Meinz durch ein trommeter uffordern wegen der kron Frankreich uff genadt und ungenadt (Mainz, 16. jh.) städtechron. 18, 122; erobert vil stett mit gnad und ungnad Stumpf Schweizerchron. (1606) 225ᵇ; ihr wiszt, wie ihr (Götz) auf gnad und ungnad in unsere (des rates) hände kamt Göthe 8, 122 W. später auch auf andere verhältnisse übertragen: eben so wenig gedeihet es unserer dichtkunst, dasz sie der despotischen willkür unsrer kritiker oder kritikaster auf gnade und ungnade überlassen ist Kretschmann s. w. (1784) 2, 36; endlich entschlosz sich mein vater, alle seine habe seinen gläubigern auf gnad und ungnad zu übergeben U. Bräker s. schr. (1789) 1, 51; auf gnade und ungnade habe ich ihnen mein geheimnis ausgeliefert Marie v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 109.
3)
erbarmen gegenüber dem leid, der not, der armut, dem elend: non sit illi (dem bösen) adiutor, nec sit qui misereatur pupillis eius imo unde sinen weison netuoe nieman helfa noh kenada Notker ps. 108, 12;
dô sprach diu küneginne: 'ir Sîfrides man
ir sult durch iuwer triuwe   an mir genâde begân
(und Siegfrieds sarg noch einmal öffnen)
Nibelungen 1067, 4 B.;
ob noch iemen wolde   genâde an in begân
(an den eingeschlossenen Burgunden)
2127, 2;
(die königin zu Iwein)
nû begêt genâde an mir ...
nû wil ich iuch durch got biten
daz ir ruochet mir vergebn
Hartmann v. Aue Iwein 8123;
die rîchen quâmen dar mit gâbe,
die armen quâmen dar durch genâde,
si êrten den rîchen künic Oswalt
Münchener Oswald 3198 Baesecke;
der dieb bot dem hund ain broth, daz er in da mit gestillet und nit märet. sagt man, der hund spräche zuo dem dieb: gibst mir disz brot von gnaden wegen, oder gibst du mir das darumb, daz du mich verfürest? Steinhöwel Äsop 113 lit. ver.; einen vorrath ... desz man sich zu fürfallender theurung zu gebrauchen hätte, damit man nicht müszte bey wucherern und kornwürmern zu gnaden kommen Agyrtas grillenvertreiber (1670) 44; nun bedürffend wir doch ... unsers nachbauren gar nichts. es hatt uns gott ... mit narung versehen, das wir im nit bald zu gnaden kumen dörffend Wickram 2, 128 B.;
du bist zum gnädigseyn gebohren,
wenn manchem, der sein volk nur quält,
die gnade selbst im herzen fehlt,
fühlst du (graf Schafgotsch) der deinen ungemach,
und ahmst hierinn dem vater nach,
von dem wohl niemand leicht betrübt und trostlos geht
Stoppe Parnasz (1735) 14;
ich laufe fort, verberge mich im busch,
uns lasse dich der gnade wilder thiere
(and leave thee to the mercy of wild beasts)
Shakespeare 1, 207;
aber mein mann ist ein menschenfresser, wenn der dich findet, so friszt er dich auf, da ist keine gnade kinder- u. hausmärchen 1 (1812) 274;
nimm käs und brot aus deiner pflügertasche,
und halte mahl am ungefügen tisch.
ists eigenes brot doch, das erhält und stärkt,
das brot der gnade nur beengt und lastet
Grillparzer s. w. 8, 164 Sauer;
Heimburg ist im exil, von fremder gnade lebend, gestorben Ranke s. w. 1, 32; er lebt rein nur von der gnad (d. h. von bettelei) Hügel Wiener dialekt (1873) 69.
4)
gnade und recht. die beziehung von 'gnade' und 'recht' (s. oben 1-3) wird häufig ausdrücklich als gegensatz vongnade undrecht hervorgehoben; so besonders deutlich in den folgenden verwendungen von gnade in rechtlichen zusammenhängen.
a)
gnade und recht gegenübergestellt; aus dem geistlichen bereich, wo damit die tatsache der gratuität (s. oben II A) ausgedrückt wird, in den weltlichen herübergenommen:
diu gnâda temperet nû daz reht,
ze sune ist worden der chneht
vaterunser 47 bei Waag kl. dtsche ged. 45;
man vindet dâ (in Rom) dehain zûversicht
rechtes noch genâden
Heinrich v. Melk erinn. an d. tod 401 Heinzel;
soͤlt uͤber uns din (gottes) gerich
rehtes me denne gnaden pflegen,
so muͤst wir uns erwegen
seln und libes
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österr. 17213 R.;
gotes gewalt ist niht gebunden: wil er, sô mac er dem sünder aber gnâde tuon über reht; wil er aber, sô verteilet er in mit rehte David v. Augsburg in: dt. mystiker 1, 356, 37 Pf.;
gnädigster könig und herr! vernehmet meine beschwerden,
edel seid ihr und grosz und ehrenvoll, jedem erzeigt ihr
recht und gnade
Göthe 50, 5 W.;
ich kann den grundsätzen vollständig beitreten, die er dahin ausgesprochen hat, dasz die freiheit eines jeden staatsunterthanen nicht auf einer milden praxis der regierung, oder, wie er sich ausdrückte, auf der gnade, sondern auf seinem rechte beruht Moltke ges. schr. u. denkw. 7, 102. in dem zusammenhang von gnade und recht, aber mit anderer betonung, 'glück': sie könne von gnade sagen, denn nach dem alten recht begrabe man weibsbilder ... lebendig Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 291. geläufig in redensartlichen formeln; gnade besser als recht:
ir strâfet mich (Keiî) als einen kneht.
gnâde ist bezzer danne reht
Hartmann v. Aue Iwein 172;
darumb were ime gnade besser den recht weist. 1, 565; besser gnad dann recht sch. w. klugr. (1548) 107ᵃ; auch: dem were gnade nutzer dan recht weist. 1, 565. gnade geht vor recht:
ob er (der sünder) genâde suochen wil,
gît man im gâhes buoze vil,
vil lîhte ein man dâ von verzagt,
daz er sich aber got entsagt
und wirt wider des tievels kneht.
dâ von gêt gnâde für daz reht
Hartmann v. Aue Gregorius 3822 P.;
denn gnade gehet doch vor recht,
zorn musz der liebe weichen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 393;
auf erden gehet recht vor gnade, im himmel aber gnade vor recht Joh. Hoffmann Jesus Sirach (1740) 7; besonders gnade für recht ergehen lassen, 'milde walten lassen, eine strafe in eine geringere verwandeln oder ganz erlassen': Karl ... beschlosz, gnade für recht ergehen zu lassen, und die liebenden (Eginhart und Emma) mit einander zu verehelichen Grimm dt. sagen (1891) 2, 75; sie lieszen daher gnade für recht ergehen und schenkten ihnen einen sehr milden frieden E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 305; lassen sie gnade für recht ergehen und beruhigen sie mich durch einige zeilen fürst Pückler briefw. u. tageb. (1878) 386. — verkürzt gnade ergehen lassen: ich stimme mit ihnen überein, dasz man den höchsten maszstab anlegen müsse; hält man daran fest, so kann man hernach auch gnade ergehen lassen Wilh. Grimm in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 123; obwohl es abscheulich ist, dasz mich ihr mann auf seiner reise nach Wien nicht besucht, so will ich nach meiner milde doch gnade ergehen lassen A. Stifter s. w. 18, 34 Sauer.
b)
gnade, 'nachlasz einer abgabe oder busze' (aus gnädiger gesinnung, die das mildert, was von rechts wegen gefordert werden könnte). im mittelalterlichen recht besonders bei geldbuszen; vgl. dazu R. His strafrecht d. dtschen mittelalters 1 (1920) 384 ff.
α)
gerichtlich, 'nachlasz der strafe oder busze', gnade tun, 'nachlasz gewähren': der kouffere des guͦtes sal ime (dem erzbischöfl. schultheiszen) gebin einen schillink von der mark; daran mac der schultheizze gnade wol tuͦn, ob er will, gegen dem kouffere (v. j. 1289) die ältest. weist. v. Erfurt 8 Kirchhoff; er geb acht marck, und ob man wil, so mag im ain rat mitsambt dem richter darinne genad tun österr. weist. 5, 492 (ende 15. jh.); so man aber um gnade bittet, sollen meier und die huber alweg das halb huprecht nachlassen weisth. 1, 744 Grimm.
auf_gnade, nach_gnaden
'mit der möglichkeit, dasz strafe oder busze erleichtert oder nachgelassen werden können', oder 'unter gewährung von strafmilderung'. über die anwendung der 'gnade' im mittelalterlichen rechtsverfahren vgl. R. His a. a. o. nach gnaden in anderer, aber hiermit zusammenhängender bedeutung s. unten d β: unde swaem furgeboten wirt unde niht furkumet ... so soln im der vogt phenden nah mittem tage, unde ist dem vogte schuldic funf schillinge nah gnaden (v. j. 1276) Augsburger stadtbuch 136 Meyer; allez daz, daz er (an waren) fueret, daz schol man ziehen in des lantherren gewalt ouf gnade (Wien 1281) corpus der altdt. originalurkunden 1, 420 (nr. 477) Fr. Wilhelm; so ist eines richters gröster pan 50 pfunt perner, und der herschaft leib und guet auf gnad (2. hälfte des 14. jh.) österr. weist. 3, 288; auch, wer es, das einer den andern ermordt hette, adir sust wundt gemacht wurde, so weiszt man den hern zu R. 1⁄2 [[undefined:poundsign]] gelds zu busze, uf gnade (Birkenfeld, Main, 1448) weisth. 6, 46 Grimm; der wär verfallen ein halb pfunt pfenning auf genad (15. jh.) österr. weist. 6, 1; item solche obgeschriben buesz sollen alle uf genad sten (Theilheim b. Würzburg, 1473) weisth. 6, 84 Grimm; darauf ist mit urtail bekant, das derselb meinem genedigen herren vervallen ist mit seinen paurechten, nach genaden ze straffen (v. j. 1476) österr. weist. 2, 149; welcher aber solchem ... ungehorsam erfunden wurd, der soll der herschaft in die buesz verfallen sein, iedoch nach gnaden (17. jh.) ebda 2, 13; und wer sein gewicht nit hat in der ordnung alsz im gebürt ..., ist die puss xx pfunt alt, auff gnad Nürnberger polizeiordn. 63 Baader; (bei der angabe von strafen): das alles stet nach gnaden (anf. 16. jh.) österr. weist. 6, 40; so soll dem zentgraven von der person, so den frevl begangen, werden 45 d uf gnad weisth. 6, 81. die möglichkeit des richtens nach gnaden im gegensatz zur strengen durchführung des rechtes kommt in der nicht seltenen formel nach rechte oder nach gnaden zum ausdruck (zur sache vgl. R. His a. a. o. 387 f.; E. Osenbrüggen d. alamannische strafrecht im dtschen mittelalter [1860] 179 ff.). es wird sowohl gerichtet als auch gebüszt nach gnaden oder nach rechte: das es werde gericht nach recht des keisers und der Sachsen oder nach gnaden mit willen des clegers und gerichts Grimm rechtsaltert.⁴ 73; der keiser galt unde gap wider nach genaden oder nach rehte allen den, den er schaden hete getan (v. j. 1260) in: dt. rechtswb. 4, 971; hebic an N. icht gebroken, dat wil ik gerne beteren na rehte unde nach gnaden (14. jh.) ebda; wes se dar na ghebroken hedden, dat sadden se by den raed in rechte to richtende efte na gnaden (Minden 1405) ebda; dat gy nü fortmer dyt jar den rait der stede Corbeke hoeden, helen und waren, und richten na rechte unde na gnaden (v. j. 1434) bei Bauer-Collitz 307. der gleiche sprachgebrauch auch in der mittelalterlichen kirchlichen buszpraxis, wobei zu beachten ist, dasz er hier früher belegt ist als im weltlichen: nâch gnâde als gegenteil von âne gnâde, nâch der gerehtekeit, nâch rehte (zur erklärung des zusammenhanges vgl. pfî, gîtiger, ... dû bist der dâ genzlîche büezen muoz nâch rehte ân aller slahte gnâde Berthold v. Regensburg pred. 1, 71, 2 Pf.; gêt den wec der buoze mit der wâren riuwe unde mit der lûtern bîhte und enphâhet die heiligen buoze nâch der gnâde gotes und ûf sîne grôze erbarmherzikeit 1, 78, 5 Pf., dazu: sô möhte man die selbe sünde niemer gebüezen âne gnâde 1, 354, 15 und ob dû der sünde fünf hundert hâst ûf dir, der alliu diu werlt eine niht gebüezen möhte âne gnâde nâch der gerehtikeit 354, 23): (ihr jungen priester) gebet mir allen sündern buoze nâch gnâden, wan eht zwei sündern: den sult ir deheiner slahte gnâde tuon Berthold v. Regensburg pred. 1, 355, 19 Pf.; darumbe ... ir jungen priester ...: alle die dem almehtigen got büezen wellen, den gebt niwan buoze nâch gnâden. wan solten sie nâch rehte gote büezen, sô möhten alle menschen eines einigen menschen sünde nâch rehte niht gebüezen 1, 72, 7 Pf.; formelhaft zusammengefaszt nach gnâde und nâch rehte: und suln rechte bicht tun und suln wirdige buze entphan und suln die leisten nach genaden und nach rechte mit allen guͦten werkin bei Leyser dtsche pred. 126, 20; und wiltu die (die auferlegte busze) leisten nach genaden und ouch nach rechte, is genuget gote wol 34, 23; ich geloube, daz ich armer suͦndere danne (beim letzten gericht) uf sten sol unde rede dan geben sol aller der suͦnde, die ich ie beginch, sunder der die ich gebichtet habe und gebuͦzzet habe nach genaden oder nach rechte Schönbach altdtsche pred. 1, 42, 8; der folgende beleg stellt vielleicht einen versuch dar, die rechtsformel in anderem als dem juristischen sinne zu erklären: wan ein iegelich kristenmensche muoz gote zwivalte buoze tuon: unserm herren nâch gnâden und dînem næhsten nâch rehte. der almehtige got was und ist ie bezzernhalp unde gert des niht daz man im nâch der rehtikeit iht gelte. er wil dir gnâde unde grôz vorteil tuon an der buoze, sünder, an der buoze, die dû büezen solt Berthold v. Regensburg pred. 1, 70, 12 Pf.
β)
ohne gnade. zunächst als rechtsformel: 'ohne allen nachlasz der strafe oder busze' (gegenteil nâch genâden, ûf genâde, s. oben α): swer den andern wundet in diser stet frid, ... so sol er der stat ze bezzerung zwai pfunt auspurger geben an den graben (für die stadtbefestigung) aune gnad (v. j. 1276) Augsburger stadtbuch 117 Meyer; wer auch einen zu tod slecht, der ist uns leib und gut on alle gnad verfallen (v. j. 1416) österr. weist. 3, 108; darumben ist geurtailt und vervolgt, das dieselben sind meinem genedigen herrn vervallen mit leib und guet on alle gnad (v. j. 1476) ebda 2, 150, 20; wo aber eins hierumben betreten wurde, solle es ohne alle gnad durch die gemain ... gepfendt werden ebda (v. j. 1574) 4, 44; (wir) befelhen hiemit allen unseren amptleuten ... die übertretter derselbigen (ordnung) zu arrestieren und straffen on alle gnad ordnung, statuten u. edict keiser Carols V. (1540) b 3ᵃ; so auch ymandt zu lewten schusz, es beschehe bey tag oder nacht, der sol zweintzig pfund newer haller on gnad zu puss geben Nürnberger polizeiordn. 53 Baader; das der oder dieselben durch die geschwornen bei der paan ... ohne gnad oder nachlassung gestraft werden österr. weist. 4, 158. später allgemein, fast formelhaft, 'ohne erbarmen, unweigerlich, wohl oder übel'; in dieser allgemeineren anwendung vereinzelt ins geistliche übertragen: vertilge sie on alle gnade ps. 59, 14;
de smit brachte beide hamer unde vilen,
etlike hadden schuffele, etlike spaden,
se slogen en ane alle gnaden
Reinke de vos 31 Prien;
wer das gesetz Mosis übertrate, muste ohne gnad sterben Harsdörffer t. secretarius (1656) 2, 59;
(es kommt) ein losz heraus späth oder früh,
das uns zuletzt aus diesem land
auf ewig ohne gnade bannt
Joh. Ulr. v. König ged. (1745) 359;
(Melitta): o laszt mich!
(Eucharis): nichts da, ohne gnade, kind!
den kopf empor und alles frisch bekannt
Grillparzer s. w. 4, 159 Sauer;
aber dann bin ich unwohl, nicht gerade krank, aber auf dem punkte, es zu werden, und musz ohne gnade meinen tag zwischen spazieren und ausruhen vertheilen, um über solche halbe anfälle wegzukommen Annette v. Droste-Hülshoff br. an L. Schücking (1893) 284;
und willst du wissen, warum
so sinnend ich manche zeit,
mitunter so töricht und dumm,
so unverzeihlich zerstreut,
willst wissen auch ohne gnade,
was denn so liebes enthält
die heimlich verschlossene lade,
an die ich mich öfters gestellt?
w. (1879) 1, 156;
wer es von der hand einer weibsperson zu trinken bekomme, der sei derselben ohn alle gnade verfallen und müsse ihr nachgehen G. Keller ges. w. 5, 222.
c)
jemandem etwas zu gnaden stellen, 'nicht anrechnen, gnädig hingehen lassen': und solchs itzunt ir erster diebstall wer, so mag sie als ein weibsbild zum leben peinlich nicht gestrafft werden, sondern möget ir das zu gnaden stellen und ane straffe ... von euch wol kommen und ledig lassen Chr. Zobel sechsisch weichbild u. lehnrecht (1537) 140ᵃ; es wollen e. e. g. g. geruhen, mir diese meine künheit zu gnaden stellen M. Rinckhart christl. ritter 9 ndr.
d)
'belieben, willkür'. der in gnade eingeschlossene sinn, dasz sie auf seiten des empfangenden keinem verdienst entspricht, auf seiten des gebenden keiner verpflichtung, sondern aus freier entscheidung gegeben wird, kann sich dahin verstärken, dasz gnade als etwas von dem belieben, der neigung, oder noch stärker von der willkür, laune abhängendes empfunden wird und in besonders deutlichen fällen, namentlich in neuerer sprache, mit 'belieben, willkür' gleichgestezt wird. der ausgangspunkt ist wohl der rechtsbereich, vgl. die formel ûf, nâch gnâde(n) unter d β, γ und oben unter b α. gnade (gratia) nimmt damit dieselbe bedeutung an, die im mittelalterlichen recht auch gewalt (potestas) haben kann und bezeichnet dann 'das gutdünken des gerichtsherrn oder der stadt', s. dazu R. His strafrecht d. dtschen mittelalters 1 (1920) 349 ff. gelegentlich sind gnade und gewalt miteinander verbunden. vgl. auch gnädig in der bedeutung 'herablassend', B 2.
α)
'gutdünken, belieben': (der missetäter) es van live ende van al sinen goede ins graven ghewelt ende ghenaden (grafschaft Gent, v. j. 1268?) bei R. His a. a. o. s. 349; (wir wollen) wann einer den andern wundet in der friunge ... unserer stat, daz man fürbaz umb wunden ... nicht mehr teile, dann uns zehen pfünde haller und dem kleger, der den schaden nimet, beszerunge nach irer fründe rat beidersit, des klegers und des selbschuldigen, ez were danne umb einen totschlag, daz sol an unsern gnaden sten (v. j. 1369) oberrhein. stadtrechte I 1, 16 Schroeder; unde waz pyne adir buze der velscher, der dyͤ tuͤch hot lazen machen, doruͤmme sal liden, daz sal sten czu der burger unde der meistir genaden (14. jh.) urk.-buch d. stadt Freiberg 3, 159, 36 Ermisch; also es noch ist in vil künigrichen in der cristenheit und in der heidenschaft, das daz erste geborne kint noch sines vatters tode besitzet das künigrich und wiset die andern kinde us mit herzogentuͦme oder mit groveschaft, also denne an sinen gnoden ist, und des selben ersten sunes kynden und kindeskynden blibet das künigrich (1400) Jac. Tw. v. Königshofen straszb. chron. in: dt. städtechron. 8, 253; oder was wir dafur nemen wellen das stet hinz unsern gnaden (15. jh.) österr. weist. 6, 268; und ob es (das kind) an etlich liberben absturbe, sol der halbteil sölichs guͦts an die spanweid, der ander halbteil gemeiner statt uff ir gnad (so wie ihr gutdünkt) vervallen dok. z. gesch. d. bürgerm. Hans Waldmann 2, 132; wie unglücklich wir alten leute sind, wenn wir ... der bittern gnade undankbarer erben unterworfen werden können J. Möser s. w. 1, 202 Abeken;
doch fühlt ich bald,
dasz ich nun in dem seinen lebte, seiner gnade,
was er mir gönnen wollte, danken muszte
Göthe 11, 22 W.;
so dasz die ausübung seines (des staates) erlangten eigenthumsrechts ganz von seiner willkühr und gnade abhange Niebuhr röm. gesch. 1, 116; aber wer diese frauen (Friederike, Lotte, Lili u. s. w.) deshalb zu schemen herabdrückt, die nur von der schöpferischen willkür und gnade des in einsamer göttlichkeit thronenden genies gestalt und leben haben, der widerspricht jedenfalls Goethes eigener ansicht K. Burdach in: jahrb. d. Goethegesellsch. 6 (1919) 40. — von daher bekommt gnade einen minderwertigen nebenton: man will keine gnade, etwas aus belieben, herablassung gewährtes, wo man etwas als recht beanspruchen kann. häufig in der wendung: er tut, als ob es eine gnade wäre (wenn er dies und jenes bewilligt); meine bemühung geht nur dahin, diese approbation nicht blosz von der gnade dieser herren abhängig zu wissen (v. j. 1862) W. Scherer an Müllenhoff briefw. 5 Leitzmann.
β)
in der älteren rechtssprache häufig formelhaft nach gnaden, 'wie es einem gutdünkt', 'nach freier entscheidung', d. h. die entscheidung ist in das belieben des urteilenden gestellt. diese bedeutung, die den nebensinn des willkürlichen haben kann, wird mit dem positiven gehalt von gnade ('güte, milde') verbunden, so dasz die formel nach gnade den sinn 'nach billigkeit' bekommt, d. h. nicht zu streng, nach dem natürlichen rechtsgefühl, nicht nach dem gesetz. (nach gnaden in anderer, aber hiermit deutlich zusammenhängender bedeutung s. oben b α; diesen doppelten sinn der formel nach gnaden bestätigt R. His a. a. o. s. 350): (ihr richter) nemet von niemen kein guet wan iuwer rehte buoze, die selbe dannoch nâch gnâden Berthold v. Regensburg 1, 15, 25 Pf.; als oft man raicht (zins bringt) und empfacht von dem herrn, und wan der paumann das raichgelt gibt, so sol der mair sein erunge von dem probst haben nach seinen gnaden (2. hälfte d. 14. jh.) österr. weist. 2, 209; item darumb, daz die schatzung, so von den gefangen gefiel, als manigen tail hett, daucht die stockmaister geraten, daz sie in sunderheit die atzung nemen von den gefangen, doch nach gnaden, nachdem und die sach und daz vermügen was (15. jh., Nürnberg) städtechron. 2, 264; unde entrinnet im (dem richter) daz mensche (ein entlaufener leibeigener), so muͦz er ienem bezzeren, dez daz mensche waz nach gnaden Schwabenspiegel, landr. art. 356 v. Laszberg; wer ain gelübt oder versprechen thuet und helt daz nit, der soll gebessert werden nach gnaden und statten (v. j. 1495) österr. weist. 8, 811; wer ouch tuͤch mit ungerechter varbe verbit und darumme wirt besayt von den meystern, der sal iz der stat nach der burgere genaden bessern (14. jh.) urk.-buch d. stadt Freiberg 3, 160, 8 Ermisch; dovon mogen dy rotmanne (ratsleute) besserunge nemen (geldbusze fordern). noch yren gnoden und noch yren willen d. Kulmisch recht 1, 13 Leman; wer den andern an dem rat missehandelt mit worten freveleiche, der muͦz geben fünf pfunt ... und muͦz dar zuͦ pessern dem, der da missehandelt wirt, nach der burger gnaden Nürnberger polizeiordn. 35 Baader.
γ)
gnade als die in das belieben des herrn gestellte milde, güte gegenüber dem in einem dienstverhältnis zu ihm stehenden. seit dem mhd. ûf gnâde dienen 'im vertrauen auf den guten willen des herrn dienen', d. h. 'den lohn nach belieben des herrn empfangen, nicht für einen festgesetzten lohn arbeiten'; später sprichwörtlich (vgl. Graf-Dietherr dt. rechtssprichw. [1864] 178, 179, 265); s. auch unten auf gnade III D 4, sp. 549. vgl. ainer der uf gnad dienet munuscularius Diefenbach gl. 372ᵃ; in andern vocc. diener umb gab, knecht ebda: sît ein kneht sînem hêrren dienet ûf genâde unde sorget niht umbe die spîse, waz er ezze David v. Augsburg in: dt. mystiker 1, 344 Pf.; wer uf genade dinet, der sal des erbin genade wartin (14. jh.) Neumarkter rechtsbuch in: darstellungen u. quellen z. schles. gesch. 2, 135 Meinardus; aber ain erber kneht bei ainem burger, der im dient auf gnade, der schol haben daz selbe reht, daz der gedingt kneht hat Nürnberger polizeiordn. 63 Baader:
hab uff gnad dient nach reuters sitten
Hans Sachs 9, 18, 26 K.;
wer auff gnad dienet, dem lohnet man mit barmhertzigkeyt sprichw., schöne w. klugr. (1548) 59ᵃ; Binder nr. 1543;
der schwache musz doch haben schad,
oder dem starcken dienen auff gnad
Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 2, o 8ᵇ.
jünger und noch heute geläufig ist von jemandes gnade leben (eines gnade leben), 'von dem leben, was einem gutwillig gewährt wird', mit dem nebenton 'von dem belieben, der willkür, eines andern abhängig sein', vgl. auch gnadenbrot: wann ich noch zu lernen hätte, wolte ich mich ... vor allen andern künsten zur artzeney begeben. nun musz ich eines anderen genade leben Moscherosch insomn. cura parent. 40 ndr.; der schuster hätte keine ahl, der schmied keinen hammer ... ihr menschen alle, die ihr hier seyd (d. h. alle handwerker) müst von des köhlers gnaden leben Abr. a s. Clara etwas f. alle 2 (1711) 323; Dietrich, ein marggraf zu Brandenburg, ... ward von den Wenden von land und leuten vertrieben und muste in dieser stadt Magdeburg der dohmherren gnade leben Scriver seelenschatz (1701) 2, 337; in diesem trübseligen zustande muste er des beiszigen weibes gnade leben, die sich von einem kleinen mehlhandel dürftig nährte Musäus volksmärchen (1826) 5, 114; weil ich es vor unschicklich hielt, dasz der liebling meines freundes, vorden er selbst gesorgt hatte, von der gnade anderer leben sollte Göthe IV 4, 31 W.;
von diesen trotzig herrischen gemüthern
sich meistern lassen, von der gnade leben
hochsinnig eigenwilliger vasallen
Schiller 13, 208 G.
vgl.du findest hier (in Salzburg) 100 gnädige herren, die von 300 bis 400 gulden auf gnade des hofes leben Risbeck bei O. Jahn Mozart (1856) 2, 10, anm. 12.
B.
'huld, gunst, nachsicht', venia, gratia; entsprechend gottes huld und güte (II C und D). in dieser bedeutung ist gnade wesentlich ein wort der gesellschaftlichen sphäre, im mhd. also des ritter- und minnewesens, an das verhältnis standesmäsziger und sozialer schichten gebunden, d. h. wie die geistliche gnade die beziehung eines höhergestellten zu einem niedergestellten, im rechtlichen bereich der herrscherlichen oder obrigkeitlichen gewalt zum untergebenen bezeichnend. daneben wird gnade auch von gleich zu gleich gebraucht; dann kommt sie dem sinn von triuwe nahe. man könnte an einen einflusz von mhd. hulde und gunst denken, die beide eine beziehung von gleich zu gleich ausdrücken können. es ist aber zu beachten, dasz dort, wo der soziale unterschied aufgehoben ist, eine innere oder aus höflichkeit zugestandene überlegenheit an seine stelle treten kann (s. auch zu III A). im 18. und 19. jh. geht gnade in die sprache der höheren gesellschaft ein; am deutlichsten zeigt es sich bei gnädig in der häufigen gesellschaftsformel gnädige frau.
1)
'huld, gunst'; 'wohlgeneigtheit, freundlichkeit', die haltung des geneigtseins. im mittelalterlichen recht bezeichnen gnade und huld das herrscherliche und obrigkeitliche wohlwollen, den zustand des rechtlichen einklangs zwischen herrscher und untertan. vgl. auch die formeln unter III C 1. bei dem sogen. 'huldverlust', dem durch ein vergehen bewirkten verlust der obrigkeitlichen gnade oder huld, der namentlich in der königlichen gerichtsbarkeit der 'entziehung des gemeinen friedens', der 'friedlosigkeit' gleichkommt (zur sache s. R. His strafrecht d. dtschen mittelalters 1 (1920) 351 ff.), ist gnade meist als 'friede', 'schutz' zu deuten und zu gnade I zu stellen, s. oben I 1, sp. 509 und dort die verbindung gnâde und vride, gnade und schirm: humanitatis ginado (10. jh.) ahd. gl. 1, 700, 16; et dulci prece veniam umbrarum dominos rogat unde sus suozo bat er (Orpheus) gnadon die herren dero selon Notker 1, 223, 20 P.; wâ ich iu bevilhe mîne muntadele ziweren triwon und ze iweren gnâden ... daz ir ir rehte voget sît unde ir genâdich voget sît schwäbische trauformel 27 bei Müllenhoff-Scherer denkm. nr. 99;
er endarf sich nimmer versehen,
voller triuwen noch genâden
von sînen næhsten mâgen
Heinrich v. Melk erinnerung 529 Heinzel;
(der ritter zur frau, 'bitte um aufnahme in das dienstverhältnis', s. Vogt zu der stelle):
nu nim mich in dîne genâde
so belîbe ich aller sorgen frî
minnesangs frühling 37, 2;
sî sprach: 'got grüeze iuch, herre.
ich hân iuch harte verre
ûf gnâde gesuochet:
got gebe daz irs geruochet.'
er (Iwein) sprach: 'ichn habe gnâden niht:
swem mîns dienstes nôt geschicht ...
dern wirt es niemer entwert'
Hartmann v. Aue Iwein 6001 L.;
swie der ameral wære laz
ze gnâden und ze güete,
doch wart sîn ungemüete,
do ez ie baz und baz entweich,
ze jungest senfte unde weich
Konrad Fleck Flore u. Blancheflur 7205 S.;
'nune welle got von himele' sprach Gunther der degen,
'daz ir (Rüdiger) iuch genâden sült an uns bewegen
unt der vil grôzen triuwe'
Nibelungen 2177, 2 B.;
wolt mir din (der aventiure) gnade sin berait,
das moͤhte wol gewirden mich.
durch minen got so bit ich dich
daz du mich ellenden man
wellest nu zu diener han
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österr. 3336 R.;
wellicher burger unser gnade verluret (v. j. 1347) oberrhein. stadtrechte 3 (Schlettstadt) 1, 43 Gény; so geloben wir in da wider bei unsirn kunglichen gnaden an disem brieve (v. j. 1349) waldeck. urkundenbuch 168 Varnhagen; (papst Innozenz VI.) hat dem gemainen orden von Cisterz auch sonder gnad tragen und sy wieder und für die bischof gefreyt Knebel chron. v. Kaisheim 137 lit. ver.; so redten auch darzue alle fürsten und herren das pest und sovil, das der künig diesen fürsten und mag genedigklich in sein genad entpfieng U. Füetrer bayr. chron. 62 Spiller; (die gemeinde) namen die speise, und lobeten gott, mit freuden und einfeltigem hertzen, und hatten genade bey dem gantzen volck apostelgesch. 2, 47; fürsten gnad aprill wetter Luther 19, 572 W. (bei ihm auch häufig in abgewandelter form, z. b. herrn gunst und aprillenwetter verkeren sich bald hauspost. [1559] 476ᵇ); gnad kan wol zorn werden sprichw., schöne w. klugr. (1548) 73ᵃ; also sollen auch die junge fromme herrn ... beflieszen seyn, inen (den untertanen) gnade zu erzeigen, darumb sie genedig herrn genannt werden Lorichius pädag. principum (1595) 93;
da er (der sultan) auf mein haus genad und auge neigt
Lohenstein Ibrahim sultan (1680) 23;
die gnade wird nur von gott und erhabenen standespersonen gesaget, wenn man im mittelstande die wörter gewogenheit, zuneigung und gunst brauchet. könige und fürsten können gnade erzeigen ... doch wird diesz wort auch schon allmählich gemiszbrauchet. wer die gunst kleiner herren nötig hat, der musz sie auch wohl eine gnade nennen Gottsched beobacht. über d. gebrauch dtscher wörter (1758) 444; die herzogin sprach mit ganz besonderer gnade und recht viel mit mir Gottschedin br. 1, 63 Runkel; und für irgend eins meiner werke um gnade zu betteln Bürger w. 323 Bohtz; der rathschlusz aber eines oberen zur ertheilung eines guten, wozu der untere nichts weiter als die (moralische) empfänglichkeit hat, heiszt gnade Kant w. (1838) 6, 241; sie wollen hoffen, dasz Voigt in jezziger crise sich der gnade, die sie (geheimrat v. Fritsch) für ihn tragen, nicht ganz unwürdig machen werde Göthe IV 4, 11 W.; nehmen sie (Carl August) daher meinen verpflichteten danck für alle gnade und nachsicht, die ich im laufe des geschäfts genossen IV 28, 56; und (er) erwarb die gute meinung und gnade des papstes I 43, 107;
und Friedland ...
wird höher stehn in seines kaisers gnade,
als je der niegefallne hat gestanden
Schiller 12, 384 G.;
den fall ..., wenn einem Römer oder andern fremden durch des königs gnade verstattet wurde, nach dem rechte des herrschenden stammes zu leben Savigny gesch. d. röm. rechts 1, 118;
doch mit zeichen meiner (des königs) gnade,
mit geschenken reich geschmückt,
sollst du ziehen deine pfade
Grillparzer s. w. 7, 177 S.;
die alte excellenz ... träufte nur so von gnade und leutseligkeit Storm w. (1899) 2, 192; nun ist es an euch (dem unangemeldeten gast), mit einem schicklichen wort euch vollends in gnaden (bei der dame des hauses) zu bringen Heyse romane u. novellen II 2, 157; (Karl V.) verstand, auch wo er parthei war, seine gegner durch gnade und würde zu versöhnen G. Freytag ges. w. (1887) 19, 154; ich darf mich glücklich schätzen, meine laufbahn zu schlieszen, reich belohnt durch die gnade des königs und das vertrauen meiner kameraden Moltke ges. schr. (1892) 1, 29; erhalten sie mich in den gnaden der fürstin und in gutem gedächtnis aller ihrigen R. M. Rilke br. 1914 -21, 115. mit dem nebensinn des hochmutes: sie giht umär wie die wandelnde gnade Rother schles. sprichw. 246. wenn gnade in seltenen fällen auszerhalb der gesellschaftlichen ordnung erscheint, haftet ihr leicht ein nebensinn, der der angemaszten herrschaft, an:
soll je das publikum dir eine gnade schenken,
so musz es dich als einen mazzen denken
Göthe 38, 52 W. (Hanswurst);
nicht was ihr habt, nein das nur, was euch fehlt,
empfahl euch in des pöbels hohe gnaden
Grillparzer s. w. 2, 144 S.
2)
im anschlusz an das vorige, mhd., 'neigung, vorliebe', daraus entwickelt 'vertrauen', 'zuversicht zu jemandem' (ähnlich wie trost zu jemandem Marg. Ebner offenb. 64, 26 Str.; s. auch unter trost, m., I 1 d, teil 11, 1, 2, sp. 904 f.):
daz ich (Laudine) iuwer (Iweins) niht enwolde
sô gâhes noch ensolde
gnâde gevâhen
Hartmann v. Aue Iwein 2309;
swem von dem andern geschiht
sô leide als ir ir habt getân,
und sol man des genâde hân,
dâ zuo hœret bezzer lôn
ebda 2272;
Margreta Ebnerin, zuo der der grosz brediger und sällig vatter Johannes Tauler vil gnad und liebi in gott hatt Überlinger hs. bei Strauch Marg. Ebner u. Heinr. v. Nördlingen xlvi, anm. 2; ein juncvrouwe ... bat die eptissîn, daz si ir ein houbit gêbe von den juncvrouwen (der hl. Ursula), si wolde im grôze êre tun, wanne si hete grôze gnâde zu den juncvrowen Hermann v. Fritzlar in: dt. mystiker 1, 224 Pf.; und dô hate he (der bauer) grôze gnâde zu disen erzeten (Cosmas u. Damian) und ginc uber iren altâr unde bat si hulfe ebda 1, 206; do begert si von irem lieben herren und boten sant Johansen, zuͦ dem si sunder gnad hate, daz er ir biht horte H. Seuse dt. schr. 102, 8 B.; deszhalb sich ... herzog Albrecht ... desz closters ausz sonder lieb und gnad, die er darzuo hett, ... understond und nam dasz closter ... in sein schutz und schirm Knebel chron. v. Kaisheim 160 lit. ver.auch 'neigung, lust zu einer sache haben', vereinzelt noch frühnhd.: die gruͦben und die lochere der vuͦchse bezeichen die herze, die da vol sint boser gnaden und gedanken Leyser dt. pred. 56, 35; daz ich grozzen lust und kreftig gnaud het, got ze dienen Marg. Ebner offenb. 19, 16 Str.; nun lag mir als creftlichen an mit süeszer gnaud diu begird und der wandel, die ich het mit dem criuz ebda 22, 17; wan ich sunder genaud und begirde het ze allen dingen, und begirden, die ich über in (Ludwig d. Bayer) het ebda 6, 17; sy hat och sunderlich gnad ze andaͤchtigen, suͤszen gebetten Elsbeth Stagel leben d. schw. z. Töss 46, 20 V.; do antwort er (Husz), er hielte kain bann und wölt messe haben, als dick er sin gnad hett U. Richenthal chron. d. Constanzer conzils 77 lit. ver.; die (seine bücher und 30 gulden) er mag beschiden vor sin selgerete, wo er die gnade hin had (v. j. 1417) bei Haltaus 652ᵇ; ich hab zwar nicht sonderlich gnade in dysem hausz (im schlosz von Wittenberg) zu predigenn, ... doch weyl mans von mir begert hatt, will ich predigen, so vil gott gibt Luther 12, 427 W.;
in summa, er hat sich vergessen,
hat gar die wurst on senff gefressen,
sprach bey im selbs, gesegen mirs gott,
zu fressen hab ich gut genod
Fischart Eulenspiegel 186 Hauffen.
3)
gnade als huld, gunst der frau dem liebenden gegenüber. vom mhd. bis ins 18. jh., im minnesang oft das, was gegen sorge und trûren hilft und dadurch vrô macht, so dasz gnade der bedeutung 'hilfe' nahekommt; im frühnhd. oft stark real gemeint, das was die frau gewährt: jemandes (kein) gnade haben. im minnewesen parallel zur huld des herrn, und wie diese dem geistlichen gebrauch entlehnt, z. t. wohl auf dem umweg über den rechtlichen. wie der gnädige herr (s. unter gnädig und unten IV 3) und die formel euer gnaden (s. unten IV 4) hat die gnade der frau ihr vorbild in der göttlichen gnade, vgl. Ehrismann d. ritterl. tugendsystem in: zs. f. dt. altertum 56 (1918) 177. der wortlaut erinnert oft deutlich an das geistliche vorbild; gnâde an ieman begên; gn. wonet bî; gnâden rîch (von der frau gesagt), gnâde suochen, vinden etc.:
an der genâde al mîn fröide stât,
dâ enmac mir gewerren noch huote noch nît
Friedrich v. Husen in: minnes. frühl. 43, 28;
daz (die sorge) muoz sîn an mir vil unverwandelôt,
in gelebe daz si genâde an mir begê
Reinmar ebda 196, 38;
mirn (Iwein) werde ir gnâde baz beschert,
sô wil ich mich iemer schamen
mîns lebennes und mîns rehten namen
Hartmann v. Aue Iwein 5498;
vgl. ↗hulde 5477; 5493;
mîn sanc wil genâde suochen
an dich, güetlîch wîp; nu hilf, sît helfe ist worden nôt
Wolfram v. Eschenbach lieder 7, 23;
tûsent herze wurden frô
von ir genâden
Walther v. d. Vogelweide 73, 10 L.;
ich wil ir klagen mine not,
was ob si mir gnade tuͦt
Rudolf v. Ems Wilh. 4165;
uff erden wuͦlt ich nit keiser sin
ee ich, fraue, wuld enperen
der gnade und ouch der hulde din
Muskatblüt 40, 39 Gr.;
ach möcht ich die gnad erlangen,
schönste dam,
dasz ich aus holt
auch nur einmahl küssen solt
deine rosenrothe wangen
Venusgärtlein 4, 8 ndr.;
aber es halff alles nicht, er kundt kein gnad (von der jungfrau) erlangen (v. j. 1559) Val. Schumann nachtbüchlein 235 Bolte; ein ritter, welcher der jungfrauwen ein lange zeit heymliche lieb getragen hatt, aber nie kein gnad bey ihr bekommen mocht buch d. liebe (1587) 238, 1; derselbige gewan die schöne Magelone auch lieb, aber sie hett sein kein gnade ebda 36, 3;
(der kaufmann) fragt, ob er het ein pulschaft auserkoren.
er sprach: ich hab eins frewleins gnad
in dem rotten eckhaws am marck daforen
Hans Sachs fabeln u. schwänke 3, 291 Götze;
wen er (der alte mann) freüntlicher weis mit ir (der jungen frau) wolt scherczen,
ging es ir nicht von herczen
und seins gar kein genade haben wolt
ebda 3, 192;
gantz krefftiglich
bevilch ich mich
feins meidlein, in dein gnade
Forster frische teutsche liedlein 40 ndr.;
nie kundt ich zu wegen bringen
Fillis so viel gnad von dir,
dasz du ein gut wort mir geben
Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 80, 4;
getreue Sylvia, hab ich genade funden
so schau, ach schaue doch! in meine tieffe wunden
Hoffmannswaldau u. a. ged. (1697) 1, 377;
und ihre (der geliebten) gunst bleibt immer gnade,
und ich musz immer dankbar sein
Göthe 4, 90 W.
4)
höfisch-gesellschaftlich gnade als 'ehre'; das, was dem niedriggestellten aus huld zugewandt wird, bedeutet für ihn eine ehrung. gern in wendungen, die auch bei ehre geläufig sind, etwas als eine gnade (er)achten, es ist mir eine gnade; ich habe die gnade: ich schäcz mir das in besunder ere und genade Arigo decam. 587 Keller; waz euer gefallen ist, das ist mir liebe, und besunder genade, euern willen ze tuͦn ebda 70; er meinte dasz ... Walpurgis für eine ehre oder gnade zu achten hätte, wenn ein anverwandter des römischen kaysers mit ihr seine lust büszete Lohenstein Arminius (1689) 1, 13ᵇ; (mein vater) aber unter ewr. kayserl. majestät ... die gnade gehabt, ... allertreueste dienste zu leisten H. v. Fleming soldat (1726) widmung; die russische armee stehet noch in der nehmlichen position, als ich in meinem gestrigen rapport ewr. königl. majestät ... zu melden die gnade gehabt Lessing 18, 391 M.; ihro kaiserlichen hoheit der frau erbgroszherzogin war ein kostbares stammbuch ... verehrt worden und mir ward die gnade zugedacht, dasselbe durch vorstehendes sonett einzuweihen Göthe I 4, 75 W.; (der herr v. König) war auszerordentlich artig und auf die frage, ob ich mich nicht wollte bei seiner durchlaucht hören lassen, antwortete ich, dasz es mir zwar eine gnade seye, ich mich aber ... nicht aufhalten kann Mozart an s. gattin bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 479; (da) ich selbst am hiesigen höchsten hofe als compositor angestellt zu seyn seit mehreren jahren die gnade habe, hoffte ich dieser stelle nicht unwerth zu seyn ebda 3, 190.
C.
formelhafte wendungen, im anschlusz an 'erbarmen', 'schonung' (III A) und 'gunst', 'huld' (III B). innerhalb dieser formeln entwickeln sich neue bedeutungsschattierungen, 'freundliche, wohlwollende gesinnung' jemandem gegenüber, 'anerkennung', 'billigung', daraus 'duldung, nachsicht'. vereinzelt tritt die in den formelhaften wendungen entstandene bedeutung 'duldung, anerkennung, nachsicht' auch in anderem zusammenhang auf, vgl. etwa: aber aus eben diesem grunde müssen wir auch für die geschichte der mittleren zeiten um gnade bitten A. v. Haller tageb. seiner beobacht. (1787) 1, 4; nach dem zu urtheilen, was madame von dem verlaufe und dem dialoge unserer dramatischen stücke gesagt hat, scheint es wohl nicht, sagte Selim, dasz sie den entwicklungen wird gnade widerfahren lassen Lessing 10, 145 M.; mit den übrigen büchern müszten sie jetzt gnade haben brüder Grimm br. an Benecke 77 Müller; es (das wort idis) scheint mir ein erzheidnischer ausdruck, dem man doch auch nach der bekehrung eine zeitlang gnade widerfahren liesz Jac. Grimm kl. schr. (1864) 2, 4; selbst die frommen lassen dem buche gnade angedeihen fürst Pückler briefw. u. tageb. (1873) 3, 171.
1)
aus dem geistlichen gebrauch ins weltliche gewandte formeln. meist seit dem mhd.; in den älteren geistlichen belegen hat gnade gewöhnlich noch den vollen, je nach der umgebung sich wandelnden inhalt (misericordia, gratia, clementia u. s. w.); der begrenztere, redensartliche charakter entwickelt sich erst nach und nach, und nicht bei allen formen gleichmäszig: gnade finden etwa wird früher zur festen wendung als zu gnaden kommen.
a)
gnade finden, ich oder etwas (ein tun, ein werk) findet gnade vor, bei jemand, vor jemands augen, 'gunst, anerkennung; duldung, nachsicht', gelegentlich fast 'erbarmen'; aus dem biblischen gratiam invenire apud deum etc. entlehnt; seit dem mhd.:
es ist dú edele Maria,
dú den túvel hat úberwunden,
bi gotte gnade funden,
das er demuͤteklichen kam
ze ir und si ze muͦter nam
schweizer Wernher Marienleben 14356 P.-H.;
vand si ein wolgevallen in sinen oͮgen ob allen frowen, vand si (Esther) gnade vor in allen H. Seuse dt. schr. 266, 20 Bihlm.; wann Noe vand gnad vor dem herren (Noe vero invenit gratiam coram domino) erste dt. bibel 3, 61 Kurr.; ebenso bei Luther 1. Mose 6, 8; Laban sprach zu im, las mich gnade fur deinen augen finden, ich spüre, das mich der herr segenet um deinen willen 1. Mos. 30, 27; fürchte dich nicht, Maria, du hast gnade bey gott funden Luc. 1, 30 (invenisti enim gratiam apud deum, εὗρες γὰρ χάριν παρὰ τῷ θεῷ); die jungfrau anhub: dieweil ich denn edler ritter gnad bey euch funden habe, so ist mein bitt an euch, ir wöllet ... buch d. liebe (1587) 252, 3; grosze gnad hastu vor unsern königlichen augen funden engl. comedien u. trag. (1624) a 5ᵇ; dasz in deinen so einsichtsvollen augen die erlernung der flöte ... gnade findet A. G. Meiszner Alcibiades (1781) 1, 99; (ich) kann bey ihren grundsätzen hoffen, dasz dereinst mein versuch über Mose gnade vor ihren augen finden soll Göthe IV 12, 87 W.;
mein glauben, lieben, hoffen
fand gnade vor dem herrn
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 1, 27;
die zwei langgewachsenen töchter eines reichen bauern, vor deren augen Ludwig ebenfalls gnade gefunden hatte M. Meyr erzähl. aus d. Ries (1868) 1, 23; privilegien fanden keine gnade vor diesem konsequenten kopfe Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 125; (ein händler) welcher auch ganz neue bilder kaufte, wenn sie vor seiner kennerschaft gnade fanden G. Keller ges. w. (1889) 3, 52. — auch verkürzt gnade finden: ein zeitig wort findt allzeyt gnad Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 112ᵇ; von der tragödie bis zur posse, mir (Göthe) war jedes genre recht; aber ein stück muszte etwas sein, um gnade zu finden Goethes gespräche¹ 5, 154 W. Biedermann; die bilder wurden von den altären genommen, ... die tafeln weisz vertüncht ... auch das spiel der orgeln fand keine gnade Ranke s. w. (1867) 3, 57;
o dasz ich gnade finde,
fortan, o herr, noch hier,
dasz einst gleich einem kinde
ich stehe dort vor dir
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 1, 43.
b)
zu gnaden kommen, seit dem mhd.; jemandes 'huld', 'gunst' (geistlich auch 'erbarmen', 'vergebung') finden. vgl. obenI 1 zu gnaden komen, 'die ewige ruhe finden': wan abir der mensche noch waz uf deme wege (in statu viatoris) du her di sunde geteit, darumme mochte he wider cumen zu gnaden parad. anime 11, 38 Str.;
so daz wir von dem valle
zuen gnaden wider alle
von irworben irarnten sin komen
Heinrich v. Hesler apok. 16332 H.;
wenn ich mich kuͤnd zu ihn geselln,
und wie der hundt mich freundlich stelln,
ich halt, ich wer auch angenem,
wie, wann ich noch zu gnaden kem?
Erasmus Alberus fabeln 135 ndr.;
und sy (die eidgenossen) also zu gnaden und hulden als ain glied des hailigen reichs kommen lassen (v. j. 1499) urkunden z. gesch. d. schwäb. bundes 1, 378 lit. ver.; seyn doch der mehrertheil der menschen ubelthäter, und kommen doch durch buos widerumb zu gnaden buch d. liebe (1587) 100ᵈ; (dasz er) bei dem khaiser zu gnaden khomen und in sein lanndt Bairn wider eingesetzt worden J. A. v. Brandis landeshauptleute v. Tirol 15;
... o wär ich
weit von hier! ist Reineke wieder zu gnaden gekommen,
braucht er jegliche kunst, uns alle drei zu verderben
Göthe 50, 74 W.;
ich bin ein armer sünder und habe das beten nöthig, wenn ich zu gnaden kommen will Jer. Gotthelf ges. schr. (1855) 10, 261.
c)
jemanden an (zu) seinen gnaden nehmen; (wieder) in, zu gnaden an-, aufnehmen, 'jemandem seine huld, gunst (wieder) zeigen'; vgl. in gratiam recipere einen widerumb begnaden oder zuͦ gnaden aufnemmen. in deditionem recipere zuͦ gnaden aufnemmen Frisius dict. (1556) 1121ᵃ: daz wi die burger unde di stat gemeinlich zcu M. habn genumin zcu unsin gnadin (v. j. 1310) Mühlhäuser urkundenbuch 277 Herquet; der papst, wie man sagt, soll alle lutherischen mit ihren weibern zu gnad genommen haben, wenn sie nur predigen und lehren, was er will Luther tischreden 3, 129 W.; so zurschlage und zurknirsch mich got, der alle ding sicht und weisz, und neme mich nymmermher auff tzu gnaden Hutten opera omnia 2, 194 Böck.;
als uns die schlang verfüret hat,
namstu uns wider auff zu gnadt
Kehrein kirchenlied 1, 112;
keyser Carl ... sie uber vilfaltigs erbieten zuͦ keynen gnaden annemen wolt hertzog Aymon (1535) a 1ᵃ;
ach herzchen schöne, wenn du es thust,
und drückst mich wiederum an deine brust,
und nimmst mich wieder zu gnaden an,
die zeit, weil ich das leben han,
nimmermehr ich dirs bezahlen kann
Erlach volkslieder d. Deutschen 3, 151;
do erbatend die fürsten den keiser, ... dasz er sie zu gnaden wider uffnam Äg. Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 11;
da ich ewig durch die sünde
sollt von dir geschieden seyn,
nahmest du mich doch in Christo
widerum zu gnaden ein
B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 61;
die alten gegner, die verbündeten der Quitzows, wurden (von markgraf Friedrich) in gnaden angenommen Ranke s. w. 25, 94; (Lothar) schrieb fast die bedingungen vor, unter denen das lange für Anaklet stimmende kloster zu gnaden aufzunehmen sey Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 1, 384. zu (seinen) gnaden nehmen, vermischung mit zu gnaden kommen, 'in die ewige ruhe und seligkeit aufnehmen' (s. unter I 1 sp. 510): vorgib yhn und unsz allen unszere schulde, tröste sie und nym sie zu gnaden Luther 7, 227 W.;
wo bleibt denn leib und seel?
nim sie zu deinen gnaden,
sey gut für allem schaden
Paul Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 298;
ob es sich füge, daz got der almechtig über euch gepüte und euch zuͦ seinen genaden näme Arigo decam. 26 Keller.
d)
gnade haben jemandes, eines dinges, 'wohlgeneigt sein, gern haben, beachten'; mhd. und frühnhd., häufig von der neigung der frau zum manne, sie hat sein (kein) gnade, 'sie erhört ihn (nicht)', s. auch oben III B 3; nur über den minnebereich noch mit dem geistlichen zusammenhängend:
nû tuo mir swie dû wellest, minneclîchiu minne,
sît nieman mîn genâde hât
Walther v. d. Vogelweide 55, 7 L.;
ein alt man ... der bulet umb ein hübsche dochter zuͦ den eren, die dochter wolt sein kein gnad haben, sie het lieber ein jungen gesellen gehabt J. Pauli schimpf u. ernst 147 Österley; etlich tellerlecker, die verlogen den frommen gelerten mann Athanasium gegen den keiser, das er sin kein gnad wolt han, satze im uff sin lib und leben lange zit Judas Nazarei v. alten u. neuen glauben 13 ndr.;
so seh ich nun das widerspill,
und merck leider was werden will,
das man des will kein gnad nicht han,
des man nicht mehr genieszen kan
Erasmus Alberus fabeln 66 ndr.;
dise neun lehr in gutem schwanck
macht ich einer gesellschafft zu danck,
die meins gedichts hetten gut gnaden
Hans Sachs 17, 312 K.-G.;
(der hund) hett trewlich dient bey seinen tagen,
des hett der herr sein gunst und gnaden
ebda 9, 230.
2)
höfisch-gesellschaftliche formeln; als formelhafte wendungen im weltlichen bereich während des 17. und 18. jh. entstanden. gelegentlich ins geistliche gewandt.
a)
in gnaden sein, stehen bei jemandem, 'in gunst, ansehen stehen, anerkennung finden': in gnad seyn favorito, esser in favore Hulsius (1618) 139ᵇ; er ist in gnad bey den fürsten ebda 139ᵇ; in diesem kriege hat hertzog Erich ... herrliche thaten vollbracht, darüber er bey dem keyser in sonderlichen grossen gnaden gewesen Bünting braunschweig. chron. (1620) 297 Meybaum; Quintus ist bey cäsar Friedrich wieder in gnaden Gleim briefw. 1, 58 Körte. — dieser stund bei dem könige in höchsten gnaden Zesen Assenat (1679) 466; er stund in trefflichen gnaden bey dem probst Joh. Riemer d. polit. maulaffe (1679) 52; zufrieden sein, dasz ich so glücklich bin, beym könige in gnaden zu stehen Mozart bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 483; bei dieser gelegenheit ... überzeugte ich mich, dasz ich bei beiden allerhöchsten herrschaften in voller gnade stand Bismarck ged. u. erinn. 1, 37 volksausg.; ins geistliche übertragen:
die stehn bei gott in keinen gnaden,
so sich in geilen pfützen baden
Neukirch anfangsgr. z. t. poesie (1724) 62.
b)
sich (jemandem) zu gnaden empfehlen, 'sich der gunst, geneigtheit empfehlen'; auch erweitert sich zu gnaden und gunsten etc. empfehlen, sich zu ferneren gnaden u. s. w. empfehlen; höfisch seit dem 18. jh.; hauptsächlich als briefformel, so bis heute: was konnte der gute ritter nun für seine sicherheit klügers thun, als stracks ... nach der uhr zu sehen, sich ihr zu gnaden zu empfehlen und sachte seiner wege zu gehn Wieland 21, 102 Gruber; ew. königl. hoheit ... darf ich ... den professor Müller zu höchsten gnaden empfehlen Gleim briefw. 2, 105 Körte; mich zu ferneren gnaden empfehlend ew. excellenz ... Lessing 18, 93 M.; ich empfehle mich zu fortdauernden gnaden Göthe IV 5, 28 W.; empfehlen sie mich ihm zu gnaden und hulden IV 20, 160; empfehlen sie mich ... wo es sich gebührt und schickt, zu gnaden und gunsten 20, 191; ein gütiger brief der fürstin Ö. bitte, empfehlen sie mich ihr zu gnaden R. M. Rilke br. aus Muzot 1921 -26, 101. — auch ohne dativ der person: (herr) Menz geruhten wohl zu ruhen. ach, sehr erfreut. empfehle mich zu gnaden Fontane ges. w. I 6, 33; da die mutter nun selbst wieder im stand ist zu schreiben, so bin ich abgedankt, ich empfehle mich also zu gnaden Caroline 1, 290 Waitz; österreichisch: das is also der neue gartner? da musz man sich ja zu gnaden recommandieren Joh. Nestroy ges. w. (1890) 2, 85; vgl. noch: zugleich empfehle ich mich und das gesamte bataillon euer königl. majestät fernern allerhöchsten gnade Lessing 18, 372 M. ins geistliche übertragen: befehlt eure seele gott zu gnaden Göthe 14, 190 W.
c)
die gnade haben, etwas zu tun, 'so gütig, freundlich sein, etwas zu tun'; oft in dem höfisch-gesellschaftlichen sinne: 'geruhen, etwas zu tun'; vielfach als bitte haben sie die gnade; seit dem 18. jh.: (sie bat,) ich möchte die gnade haben und ihr erzehlen, wer? woher? was ich sey Schnabel insel Felsenburg 28, 23 Ullrich; sollten höchst dieselben etwas von der bibliothek befehlen, so würden sie die gnade haben, ... an den bibliothekar Vulpius zu schicken Göthe IV 36, 282 W.; deshalb geht mein ansuchen dahin, ob sie von Münster aus ihm dasselbe (eine wiedertäufergeschichte ...) bald zukommen lassen zu wollen die gnade haben? L. Schücking in: Annette v. Droste-Hülshoff br. (1893) 95; in diesem falle hätten sie wohl die gnade, mir eine weisung angedeihen zu lassen Pückler briefw. u. tageb. 6, 21; auf die mittheilungen zurückzukommen, welche eure majestät soeben die gnade hatten mir zu machen Bismarck gedank. u. erinn. 2, 32 volksausg.; er lachte darüber, ... und hatte die gnade zu bemerken, ich sei die 'putzigste kruke' H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 55.
d)
zu gnaden halten; vom bittenden gesagt, 'nehmen sie es zu gnaden, gnädig auf'; 'verzeihen sie'; seit dem 18. jh.: halte mir doch eure ... majestät zu gnaden, wenn ich ... meine empfindlichkeit ... zeigte Klinger w. (1809) 3, 38; eure königliche hoheit ... wollen zu gnaden halten, wenn ich die erscheinungen dieser zeit anders auffasse Fontane ges. w. I 1, 369; der vater wird neingerufen und sagt ja, aus angst hab ich so gesprochen. haltens mir zu gnaden, ich bin der vater A. Winnig wunderbare welt (1938) 121. vereinzelt: halten sie mir diesen scherz zur gnade Rabener s. w. 3, 46. formelhaft verkürzt halten zu gnaden: (Miller zum präsidenten:) teutsch und verständlich. halten zu gnaden. ewr excellenz schalten und walten im land. das ist meine stube ... den ungehobelten gast werf ich zur tür hinaus — halten zu gnaden Schiller 3, 416 G.; halten zu gnaden, stammelt der buffalo, sind hölzer gut Gaudy s. w. (1844) 13, 79;
ihr herrn, der Ruprecht, mein ich, halt zu gnaden,
der wars wohl nicht
H. v. Kleist 1, 412 Er. Schmidt.
vgl. noch:
ach, verzeiht zu hohen gnaden,
fast kommt mir ein lachen an
Grillparzer s. w. 7, 166 Sauer.
D.
präpositionale formeln. die herkunft aus dem geistlichen ist wahrscheinlich, wenn auch nicht überall nachzuweisen.
1)
in gnaden, 'gnädig, gnädigst'; 'gütigst, huldvoll'.
a)
im geistlichen bereich, 'gnädig, gütig, hilfreich', seit dem spätmhd.: lieben bruͦder, bittent got das wir unser liden und unser wallefart also gelaisten ... das er alle guͦte lúten in gnade sterken welle geiszlerliturgie bei A. Hübner d. dt. geiszlerlieder (1931) 114; so will ich den himmel ... bitten, dasz er ihn vor gicht ... in gnaden bewahren wolle J. Möser s. w. (1842) 3, 55;
gott wird vor dem sturme der nacht uns behüten,
und auch vor den feinden in gnaden
Rückert w. (1867) 1, 164;
herr der welt, in gnaden füge
meines vaterlands geschicke
Fr. Wilh. Weber Dreizehnlinden (1907) 44;
denn wenn nicht unerhörte, langvorbereitete miszverständnisse zu tief eingewurzelt sind, was gott in gnaden verhüte, kann die kurze zeit seiner amtsführung in Wien wahrhaft segensreich werden Bismarck gedank. u. erinn. 1, 104 volksausg.
b)
höfisch-gesellschaftlich, 'gnädig'; zunächst im anschlusz an a ernsthaft, dann auch verhüllend, mit ironischem nebenton 'gnädigst', in der sprache der konvention und gesellschaft: abt und convent (hat) zu seiner majestat erbere botschaft geschickt, mit diemutigem bitt ersuͦcht, dasz gottshausz in gnaden zu betrachten Knebel chron. v. Kaisheim 143 lit. ver.; e. f. g. ... wölle solche geringe schenck in gnaden auffnemen W. Ryff confectbuch (1548) * 2ᵃ; darauf ward die statt in genaden bedacht, und mit weytern privilegien ... begaabet Stumpf Schweizerchron. (1606) 384ᵇ; ein edelmann sieht jetzt eine bürgerliche in gnaden an, wenn er ihr seine hand ... reicht Hippel über d. ehe (1792) 61; ewr. königliche majestät aber werden in gnaden vermerken, dasz ich ... Lessing 18, 416 M.; da sich des königs von Preuszen majestät in gnaden entschlossen hat, Frankreich in einen aschenhaufen zu verwandeln, so hat ihn sein weg über Erfurth und Gotha gebracht prinz August v. Gotha in: Göthe IV 9, 320 W.; aus beiliegendem ... promemoria werden ew. hochfürstl. durchl. in gnaden zu ersehen geruhen IV 7, 15 W.; der junge prinz erklärte, dasz se. majestät mehrere mitglieder des staatsraths ... in gnaden entlassen hätten H. Steffens was ich erlebte (1840) 1, 283; so ging Martin Salanders später liebesfrühling in gnaden und ohne weitere gewitter vorüber G. Keller ges. w. (1889) 8, 339; indem ich (Wilhelm I.) sie (Roon) daher von diesem amte hierdurch in gnaden entbinde, spreche ich ihnen meine volle anerkennung ... aus Wilhelm I. in: Bismarck polit. reden 6, 114 Kohl.
2)
ähnlich aus gnaden: (glockenläuten ist verboten) solang als ein kirch oder volck im bann ist ... wiewol dannoch ausz gnaden zugelassen ward, alsdann dasz ave Maria zu läuten Fischart binenkorb (1588) 16ᵇ;
halt, dasz den höchsten schatz dort in dem andern leben
des höchsten milde hand dir werd aus gnaden geben
Paul Gerhardt ged. 1, 14 Ebeling;
lasz uns, so offt wir erstling (von früchten) essen,
doch dein, o vater, nicht vergessen!
lasz ein vergnügt gott lob, das wir für freuden lallen,
aus gnaden dir gefallen!
Brockes ird. vergnügen (1747) 3, 624.
3)
mit gnaden, 'gnädig', 'huldvoll', seltener als in gnaden, im 17. jh. ausgestorben:
des bisz, herre, nu gemant,
und hilff mit gnaden uns an das lant,
wann din gewalt ye gnaden phlag
Hugo v. Montfort 40, 27 W.;
alsdann werde ir. kaiserl. mt. sich gegen inen und gemainer statt Augspurg mit gnaden beweisen (Augsburg, mitte 16. jh.) städtechron. 32, 480;
wo sie (die Israeliten) gott sicht mit gnaden an
und gibt in frumme obrigkeyt
Hans Sachs 1, 229 Keller;
dardurch bin ich bewegt worden, mich mit disem kleinen werck bey e. g. einzustellen, ... mit gehorsamer bitt, sie geruhen es in solcher meinung unnd gestalt mit gnaden von mir zu vermercken Äg. Albertinus Lucifers königreich 6, 3 Liliencron; got der almechtig wende also die kranckheit der seel und desz laibs mit gnaden von uns Teutschen Joh. Schwarzenberg v. zutrinken 8 Scheel;
und führ uns bald mit gnaden eyn
zum ewigen fried und freudenschein
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 319.
4)
auf gnade; mhd. ûf genâde, 'im vertrauen, in der hoffnung auf huld, wohlwollen', vgl. mhd. wb. 2, 1, 340ᵃ; vereinzelt noch frühnhd.; s. auch oben ûf gnâde dienen, III A 4 d γ, sp. 540:
des ist dîn (Mariae) lop sô hô gestigen,
daz ez kan niemen übersigen;
des wirt genigen
dir ûf genâde sêre
pseudogottfried. Marienpreis 46, 14 Wolff;
so wil ich (Gedeon), herre, uf dine gnade einen schæpær hin uz an daz velt legen Schönbach altdt. pred. 3, 10, 20;
vor aller nôt sô wânde ich sîn genesen,
dô sich verlie
mîn herze ûf genâde an sie
Friedrich v. Husen in: minnes. frühl. 46, 36;
sî sprach 'got grüeze iuch, herre.
ich hân iuch harte verre
ûf gnâde gesuochet:
got gebe daz irs geruochet'
Hartmann v. Aue Iwein 5999;
ich wil nu mêr ûf ir genâde wesen frô
Walther v. d. Vogelweide 184, 1 Kr.;
ein schœniu vrouwe guot,
der ich hân gedienet ûf genâde her vil lange
den sumer und den winder ie mit einem niuwen sange
Neidhart 61, 26 H.-W.;
ich (Kriemhild) melde ez ûf genâde,   vil lieber friunt, dir (Hagen)
daz du dîne triuwe   behaldest ane mir
Nibelungen 901, 1 B.;
ich han in allen minen tagen
geminnet úch fúr alle wip
und iuwern tugende richen lip
uf die gnade das ir
rloͮbent iu ze dienen mir
Rudolf v. Ems Wilh. 4291;
ich lisz freundt und gesipten, und fuhre auff gnade in frembde land buch d. liebe (1587) 85ᶜ. — 'in der hoffnung auf schutz, friede' (zu gnade I 1, oben sp. 509): der zuͦ des wirtes huse uf gnade vliuhet, dem sol der man helfen wider aller manglichen, daz er unrehts uber werde Schwabenspiegel art. 152 v. Laszberg.
E.
gnadenbeweis, gnadengabe, begabung.
1)
gnadenerweisung, gnadengabe.
a)
'gnadenbeweis', akt des begnadens, aus huld entspringend; und daraus der inhalt der gnadenbezeigung, gnade als unverdient erwiesene 'gabe, geschenk' (gelegentlich in verbindung mit guttat); oft ist die trennung von 'huld, güte' schwer, da der 'gnadenbeweis' eine folge gnädiger gesinnung ist, vgl. z. b. jem. mit gnaden überhäufen. seit dem ahd. im anschlusz an den geistlichen bereich. um eine gnade bitten (älter: gnaden [genetiv] bitten), sich eine gnade ausbitten, jem. eine gnade tun, erweisen etc.: da saz ein plinte pi demo wege unte bat kinadone (Marc. 10, 46 = Luc. 18, 35, mendicans) predigtsamml. b 4, 2 bei Steinmeyer ahd. denkm. 172; dara nah bito ih umbe alla die, die der io cheinna gnada mir gitatin (pro parentibus et propinquis) Otloh gebet 60 bei Steinmeyer a. a. o. 186;
von iuwern (der eltern) gnâden hân ich
die sêle und einen schœnen lîp
Hartmann v. Aue d. arme Heinrich 670 G.;
do sazin die armen betelere an einer stat zu samene und ruͦmeten sich der genaden die in guͦte luͦte hatten getan Schönbach altdt. pred. 1, 103; (der aussätzige) lag vor im (Martinus) an dem wege und bat in genaden 1, 130, 9; solche guttat, als ir (der tod) beweiset an den leuten, solche genade, als die leute von euch emphahen, ... schicke euch, der des todes und lebens gewaltig ist Johann v. Tepl d. ackermann aus Böhmen 13, 24 Hübner; der ersluog den heiligen bischof darumb, wann der künig im vil sunder genaden tet durch seiner swester willen U. Füetrer bair. chron. 65 Spiller; von wegen der genad und guetthat, so mir von weiland dem ... kayser ... beschehen ist Albrecht Dürer etl. underr. z. bef. d. stett (1527) vorr.;
gnad ist umb gnaden feill, wer gibt, nimbt häuffig ein,
und wie du miszt, so voll, so richtich fest und rein,
wird man auff deinen schos die wiederkehre schicken
Gryphius sonn- u. feiertagssonnette 47 Welti;
dasz der herrlichste vorzug der königlichen würde nicht in strafen, sondern in gnade und belohnung bestehe samml. v. schauspielen (1764) 1, 24;
und was ich hoffe, will ich seinem (Alphons) herzen
allein verdanken, keine gnade mir
erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen,
was ihn gereuen könnte, dasz ers gab
Göthe 10, 211 W.;
weil es die erste gnade wäre, die ich mir ausbäte S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 280; (ein könig,) der noch immer erblich, für seine person ... der urquell aller ehren und gnaden ... ist Dahlmann gesch. d. frz. revolution (1845) 270; nach objektivierung in der gestalt strebend, schafft sie (die dichtung) im aufnehmenden objektive geltung, hinnahme der künstlerischen erfahrung als einer gabe, gnade, eines frei gereichten wirklichen H. Hefele wesen d. dichtung (1923) 231; ich ... fühlte mich auch durchaus bereit, alle nur möglichen gnaden auszuteilen H. Carossa führung u. geleit (1933) 7. — in besonderer bedeutung, 'gnadengehalt', 'pension': man erzählte sich im Harz eine rührende geschichte von einem alten, achtzigjährigen köhlermeister, der von seiner 'gnade' (d. h. seiner pension) lebte J. G. Kohl dt. volkslieder (1866) 184;
b)
der inhalt der gnade ('gnadenerweis') wird durch einen abhängigen satz angegeben:
Jacob sprach (zu Esau), daz des dehein durft wære,
ob et im diu genade geschæhe, daz er hiete sine hulde,
aller genaden wære ez im ein ubirgulde
genesis 67, 20/21 Diemer;
zwâre ich vinde wol den man
der mir durch sîne hövescheit
die gnâde niemer widerseit
ern beschirme mich vor dir (der schwester, die ihr das erbteil vorenthält)
Hartmann v. Aue Iwein 5654;
wan unser herre der künig hat sogetan gnade der stat getan, daz man von seiner haize die kelrshelse und die lauben hat vor den judenhewsern abe gebrochen (14. jh.) Nürnberger polizeiordn. 288 Baader; bezwang ine zur gehorsammy, und beweisz im gnad, dasz er bi sinen landen bleib Äg. Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 2; (er hat) seine fürstl. durchlaucht ... sehnlich gebeten, ihme die gnade zu erweisen und behülfflich zu seyn, dasz er mit seinem sohn in unserer religion recht unterwiesen und getaufft werden möchte Olearius persian. reisebeschr. (1696) 400; sintemal fürsten zuweilen gezwungen werden, die aus dem wege zu räumen, welche gleich nichts verrathen haben, aber nur was geheimes entdecken können. daher des königs Lysimachus schoszkind ihm sehr klug zur gnade ausbat, er möchte ihm doch keine heimligkeit vertrauen Lohenstein Arminius (1689) 2, 82ᵇ; es ist sehr viel gnade von unserm erbprinzen, dasz er mir die kosten meines aufenthalts in Braunschweig vergüten lassen Lessing 17, 315 M.; der alte graf Franken, ... der erst seit kurzem wieder dauernd die gnade gehabt hatte, in der residenz zu wohnen K. Gutzkow ritter v. geiste (1850) 4, 47.
c)
in älterer urkundensprache (seit dem 14. jh.), das recht (erlaubnis), das jemandem aus gnade zugebilligt wird, 'recht, freiheit, privileg'; oft neben freiheit, vgl. venia gnad, friheit, bose friheit (15. jh., md.) Diefenbach gl. 610ᵇ (sonst: urlaub, busz, verzihung ebda); privilegio, concessione d'un principe freyheit, gnad, gunst Hulsius (1618) 2, 310ᵃ: (wir, der kaiser) gebietten allen leuten, unsern getrüwen fürsten, ... burgern und gebuwern, ... das sie die vorgenanten brüder (des deutschen ordens) an diser unser freiung und gnaden (verleihung des stadtrechts) nimer beschweren (v. j. 1323) oberrhein. stadtrechte I 1, 8 Schroeder; daz die friheit und die gnade, die wir etzlichen steten, markten und dorfern der herren getan haben, anders verstande worde (Ludwig d. Bayer 1322) urkundenb. d. reichsstadt Frankfurt 519 Böhmer; und bestetigen, confirmiren und vernewen ym ouch in crafft dicz briefes alle sulche privilegia, brieve, freyheitten und gnaden, die seliger gedechtnusse unser herre und vatter ... gegeben hat (v. j. 1379) waldeck. urkundenbuch 177 Varnhagen; auch sal nimant keinem freihen keine gutter zu kauff geben usz der bede ... es wer dann, daz einer gnade oder freiheit hette von unser gnedigen herschaft (v. j. 1428) oberrhein. stadtrechte I 1, 21 Schroeder; ob sie das leibgut aus irer gewer (besitz) lies, den erben zu schaden, damit verleuret sie auch die gnad der leibzucht Chr. Zobel sächs. weichbild- u. lehenrecht (1557) 40ᵇ; wie dann die ... röm. key. may. ... mit sondern gnaden mich gnedigst privilegirt Hans Sachs 18, 4 K.-G.; darumb gebot sein mayestat, dasz gottshausz bey seinen freyheiten, gnaden und handtfest wider die landgericht zu Baiern lassen bleyben Knebel chron. v. Kaisheim 297 lit. ver. — mit gnade 'mit erlaubnis, bewilligung': mit gnad, verhengnusz und urlaubung unsers gnedigen hern (v. j. 1385) im deutschen rechtswb. 4, 969; mit röm. kön. may. gnade und freyheit in sechs jharn nit nachzutrucken d. keyserl. maiestat cammergerichtsordn. (1555) titelblatt; mit röm. key. may. gnad und freiheit getruckt zu Basel W. Xylander Polybius (1574) titel.
2)
gnädiges geschenk.
a)
der in gnade enthaltene nebensinn der aus güte gewährten gabe wird zum wesentlichen inhalt: gnade ist nicht nur etwas geschenktes, 'gratis' gegebenes (1), sondern ein wohltätiges, helfendes geschenk: 'hilfe, unterstützung', 'wohltat'. der gleiche vorgang im geistlichen bereich (II C 2):
ich (Kriemhild) mane iuch (Rüdiger) der genâden   und ir mir habt gesworn
Nibelungen 2149 B.;
si sprach: 'fürste von Berne,   ich suoches dînen rât,
helfe und genâde: mîn dinc mir angestlîchen stât'
ebda 1899, 4 B.;
mine mage und mine liebe man,
von der genaden ich ez han,
swaz mir got eren hat getan,
von iuwer helfe han ich mich
verrihtet alles, des ich
in minem herzen gerte
Gottfried v. Straszburg Tristan 5761 R.;
(gott) lone iu der demuͤte
und der genaden gros der ir
mit helfe hant getan ze mir
durch úwern eregernden muͦt
Rudolf v. Ems Wilh. 12293;
der ubelthetter todt ist der frommen gnad Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 158ᵇ; der graf (in einem streit zwischen ihm und einigen landgemeinden) erbot sich etlicher zimlicher mittel und gnaden: aber die paursame wolten ihrer stercke und waaffen mehr unnd basz dann der richtung vertrauwen Stumpf Schweizerchron. (1606) 453ᵃ; aber andere gelehrte institute nahmen die gnade unseres herzogs auf eine dringendere weise in anspruch Göthe II 12, 156 W.
b)
im anschlusz daran geradezu gleich 'nutzen'; mit schaden formelhaft zusammengestellt, zu gnaden oder zu schaden, 'zu nutzen oder schaden': wiewol wir verschiner jar ... dem allmechtigen zuͦ lob erhaltung fridens und rechtens ... unnd sonderlich unsern underthonen zuͦ gnaden und guͦttem, ein gemeine landsordnung fürgenummen d. fürstenthumbs Wirtemberg newe landsordnung (1536) a 2ᵃ; aber k. mt. inen zuͦ gnaden und der sachen allenthalben zuͦ guͦt, damit irer mt. bergwerck gefüdert ... und irer k. mt. comissari ... schrifftlich und mundlich zuͦ handlen sich erbotten, dasz ir k. mt. allen taillen zu gnaden umb frids und ainigkait willen noch etlich tausent zu den 10000 gulden den gewercken volgen zu laussen gerüchte (16. jh.) städtechron. 23, 227, 12; zeit und stat bringen deiner gab gnad oder schad sprichw., sch. w. klugr. (1548) 105ᵃ; da würd auff eim theil s. Mangolt regiern, dem einen zu schaden, dem andern zu gnaden Fischart praktik 4 ndr.; im dise schwachait mehr zu gnaden als zu schaden geraichte ders. podagr. trostbüchlein 45 Hauffen.
IV.
gnade als ausruf (in der anrede) und als titel. seit dem mhd. wird gnade in der anrede an höhergestellte personen gebraucht, indem ihre huld, gunst erbeten oder verehrend gepriesen wird. die grundlage liegt im geistlichen bereich, in der bezeichnung gottes als gnädig (gnädiger herr; der genædige hêrre genesis 19, 1 Diemer; näheres unter gnädig A 1) und der anrufung seines erbarmens (vor allem im imperativ ginâdo, -de mir, mîn, als übersetzung von 'miserere mei', so bei Notker und Otfrid, ferner als conjunctivellipse gnâda mir, s. unter 1), auch wo kein direkter zusammenhang vorliegt. die form der pluralischen anrede im gegensatz zu der einheimisch-volkstümlichen singularischen stammt aus dem spätrömischen hofstil. vgl. zu dem ganzen problem G. Ehrismann duzen u. ihrzen im mittelalter, zs. f. dt. wortforschung 1, 148 f. 2, 148.; zur entwicklung und deutung der anredeformen im deutschen vgl. noch G. I. Metcalf forms of address in German 1500 -1800. (Washington university studiesnew series. language and literature no. 7) St. Louis 1938.
1)
bittend: genâde, herre!; genâde, vrouwe! neben wirklicher bitte, 'gebt mir eure huld', 'erbarmen, herr', steht formelhafte höflichkeitswendung, 'verzeiht', als einleitung der rede (s. etwa Fleck Flore 891); daraus entwickelt sich frühnhd. die anrede gnadherr, gnadjunker, s. unten 3. es liegt nahe, bei der wendung gnâde, herre an einen aus dem ahd. übernommenen imperativ von gnâden, vb., zu denken. in einzelnen fällen liegt ein solcher imperativ vor, sicher in Schönbach altdt. pred. 1, 47, 35, wo er deutlich kyrie eleison übersetzt: herre genade! herre Crist, genade! herre got, genade! (beachte die wortstellung); wahrscheinlich auch Wackernagel altdt. lesebuch ²(1847) 922, 9:
das wer ein schwere busze:
gnad herr, her domine!
so wir die tragen muszten,
es teet uns iemer wee
lied v. strit ze Sempach.
im ganzen ist jedoch mhd. gnâde, herre zu gnâde, f., zu stellen. dafür spricht auszer dem sinnzusammenhang auch der dankende ausruf iuwer gnâde (s. unter 2) und die tatsache, dasz es als imperativ in vielen der belege gnadet, herre, vrouwe heiszen müszte. vgl. auch mhd. wb. 2, 1, 340ᵇ, wo im anschlusz an Lachmann glossar zur 'auswahl aus den hochdeutschen dichtern' (kl. schr. 1, 184) die deutung als imperativ abgelehnt wird. vorgebildet ist die mhd. formel in vereinzelten ahd. belegen: miserere mei domine quoniam ad te clamavi tota die cnâda mir herro Notker ps. 85, 3. nach gramm. 4, 159 handelt es sich dabei um conjunctivellipsen (zu ergänzen wäre irgangê, werdê, oder sê, vgl. jedoch unter gnaden, vb., vor 1, sp. 560). möglich, und für das mhd. wahrscheinlicher, ist auch, gnade als accusativ aufzufassen:
gnâde, ein künginne, du tuo mich gesunt
Heinrich v. Morungen in minnesangs frühl. 141, 7;
genâde, frowe! tuo alsô bescheidenlîche:
lâ mich dir einer iemer leben
Walther v. d. Vogelweide 70, 22 Kr.;
lîhte ez sich gefüeget sô
daz ich erwirbe mîner frowen minne,
seht so stîgent mir die sinne
wol hôher danne der sunnen schîn. genâde, ein küniginne!
ebda 118, 29;
(der könig zur königin:)
genâde, frouwe, ich suoche rât,
wan ez uns kumberlîche stât
mir und ouch iu dar zuo.
nû râtent mir waz ich tuo
Konrad Fleck Flore u. Blancheflur 891 S.;
ze stunt viel er an sînen fuoz
und sprach: 'genâde, herre, ich muoz
schiere sterben âne wern,
went ir mich eine niht genern'
Tristan als mönch 956 Paul (Münch. sitz.-ber. 1895);
gnade, liep, gnade!
aller sælichait hort,
la dich erbarmen daz mort
daz ich durch dich in den tot
was gegeben
Joh. v. Würzburg Wilh. 6762 R.;
er sprach ir zue mit tugentlichem siten:
genad ain freulin waidelich,
welt ir ain klain verhören mich
Oswald v. Wolkenstein 20, 4 Schatz.
frühnhd. fortsetzung des mhd. gebrauchs: der gut arm Martellinus anhube zu schreien: gnade, lieben herren, gnade umb gottes willen Arigo decam. 57 K.;
genade, herre, ich euch pitt,
das ir mich geweren welt do mitt
alhie ytzund zu disser stund
pfarrer v. Kalenberg 7 ndr.;
derwegen schrie der alte ausz forcht: ach herr, umb gottes willen genad Amadis 67 lit. ver.späterhin ist gnade als flehender ausruf, wofür im folgenden einzelne beispiele, keine direkte fortsetzung der mhd. wendung: was für fremde empfindungen ergreifen mich! — gnade! o schöpfer, gnade! Lessing 2, 351 M.;
er sieht das buch — o gottesmutter, gnade, gnade!
A. v. Droste-Hülshoff w. 2, 26 Schücking.
2)
dankend. höfische und höfliche anredeformel im mhd. Martin zu Parzival 303, 11 bringt sie mit altfranz. vostre merci in verbindung, wofür die form iuwer genâde spricht; ebenso häufig ist aber auch das einfache genâde. vgl. gramm. 3, 306 und 4, 135. die deutung ist schwierig; dasz sie neben der huldigung oder einfachen höflichkeitserzeigung einen dank einschlieszt, 'es ist sehr viel huld von euch, ihr seid sehr gnädig zu mir, herr; ich danke euch dafür', machen viele der folgenden belege deutlich. zu beachten sind die fälle, in denen ein nebensatz angeschlossen ist: iuwer genâde, daz. das ist aufzufassen als: 'es ist sehr gütig von euch, dasz ihr ...', worin der dank eingeschlossen ist, so etwa Nibel. 420, 1; kann aber auch den dank unmittelbar ausdrücken: 'ich danke euch, dasz ihr ...', so vielleicht schon Parzival 389, 22; wahrscheinlicher noch Flore und Blancheflur 3895. diese formel ist auch der ausgangspunkt der bedeutung 'dank', s. unten unter V:
vil michel iwer genâde,   mîn vrou Prünhilt,
daz ir mich ruochet grüezen
Nibelungen 420, 1 B.;
iwer genâde, hêrre, ir sprechet wol,
daz ich vil gerne dienen sol
Wolfram v. Eschenbach Parzival 303, 11;
hêr, iwer genâd, das ir uns tuot
iwer helfe sô grœzlîche
389, 22;
'iwer genâde', sprach daz kint,
'daz ir mir sô genædic sint
daz hân ich unverschuldet noch'
Konrad Fleck Flore u. Blancheflur 3895 S.;
man sol getriuwem manne
mit liebe leit vertrîben ...
'genâde, frouwe, tûsentwarp'
sprach der minnen wunde
Konrad v. Würzburg Engelhart 2380 H.;
'du solt mir und Apollen
mit vlizze willekomen sin!'
'gnade', sprach er, 'swesterlin!'
und naig ir uf die fuͤzze
Johann v. Würzburg Wilh. 1377 R.;
gnad, vrawe! kuͤnd ich dank
nach dankes lone dir gegeben
ebda 2100;
(der sänger beim abschied:)
gnad, frouw, alde, wir farend darvon
Schweiz. schausp. d. 16. jh. 1, 42, 692 Bächtold;
sit willekomen, ie meistere gut!
gnade, herre hochgemut!
din gruz dunkit uns alle gut
Katharinenspiel 177 Beckers;
3)
gnadherr, gnadjunker, gnadfrau, 'gnädiger herr' etc. als anrede und titel im frühnhd., soviel wie ew. gnaden (s. unten 4). nicht selten mit gehässigem oder ironischem nebenton. die entstehung aus der anredeformel gnade, herre! läszt sich an spätmhd. und frühnhd. übergangsformen erkennen (s. unten). der anschlusz geschieht an höflichkeitswendungen zur einleitung eines gespräches ('verzeiht', 'mit verlaub', s. oben unter 1). die schreibung in einem oder zwei wörtern ist nicht immer entscheidend. übergangsformen: schwester, gelobest du, das ich gewarer got und mensch bin? do sprach sy: genad, her, ich gelob es wol Elsbet Stagel leben d. schw. z. Töss 63, 20 V.;
er sprach: gnad her, so heisset schier
do mir die füesz und hend hie binden
pfarrer von Kalenberg 7 ndr.;
sondern, wo sie den keiser personlich inn deudsch land brechten, würde jederman erschrecken und zu in sagen: gnade herrn, was wollet ir haben? Luther 30, 3, 286 W.; da sprich du: gnad juncker, ich wills nicht thun ebda 12, 334, 28 W. — gnadherr, gnadjunker, gnadfrau als titel: so wollen sie denn ungestrafft seyn, man soll sie gnadjunker heyssen, drumb musz man den hals dran setzen Luther 12, 550 W.; aber was thut er? er spricht: Luther, schreybt itzt anders von bapst und ablas denn vorhynn! fart schon, gnad junker ebda 10, 2, 235; idoch versteh ich hie nicht die armen, schlechten weiber und schüsselspülerin ... sondern die gnadfrawen, die prächtige und mächtige, die uberflüssige und müsige, ... die reiche ... die pfulwentruckerin, die schoshündlinmelkerin Fischart w. 3, 42 Hauffen; denn es sein etliche, die achten die armen minder denn ein hundt ... die reichen aber laden sie zu gast, sagen ihm gnad herr Keisersberg pred. über Brants narrenschiff bei Scheible kloster 1, 319; und so die gnad frawen ausz den heusern ghan, müssen ... die mägt nachtretten Seb. Münster cosm. (1550) 76; dasz sie (die bischöfe) weder predigen noch ander sorg und arbeit tragen dörfen und nur gnadherr sein Schade satiren 3, 282, 25; (vier oder fünf mägde) welche, so man sie (die kinder) nicht gleich gnade juncker hiesz, vor grosze sünde auffgeruckt würde R. Lorichius paed. principum (1595) 186; ein solcher, der all kirchhöf anfüllt und ermordt ein halbs land, der ist gnadt herr, das ist der welt sitten Paracelsus opera (1590) 7, 140;
kein gute stund noch zeit ich hab,
ich werck mir selbs das leben ab,
und sind da unser mägd gnad frawen (weil sie nichts tun)
Scheit Grobianus 1562 ndr.
4)
euer gnade, ihr(o) gnaden, dein gnad als titel hochgestellter personen; allmählich auf immer breitere schichten angewandt. über den gesellschaftlichen anwendungsbereich s. Metcalf a. a. o. s. 55 ff., 105 f., 165. vgl. auch das oben zu III B 1 gesagte und den hinweis bei Schmeller-Fr. bayr. wb. 1, 1725 auf ein mandat von 1615, durch das das prädikat gnaden schon beschränkt werden muszte auf 'grafen, freiherren, geh. räte, kammerer und vicedome'. die entwicklung beginnt im mhd. (s. auch gnädig, adj., B 4); grundlage ist gnade als 'huld, gunst' der herren; die eigenschaft des herrn wird zur vertretung der person selbst. der gleiche vorgang auch bei gunst (s.gunst teil 4, 1, 6, sp. 1116), güte (ebda sp. 1400), würde, zucht (vgl.herre, sit iwer künclich zuht samet also gnaden fruht Joh. v. Würzburg Wilh. 5713). im mhd. begegnen belege, in denen euer gnade als formelhafte anrede sich andeutet (vgl. etwa: herre, iuwern gnâden si genigen Hartmann v. Aue Greg. 1729 P., 'ich danke eurer huld', vgl. auch Oswald v. Wolkenstein unter c), und die die vermutung nahe legen, dasz der titel sich innerhalb des deutschen entwickelt habe und die gleichzeitigen lateinischen formeln (tua, vestra clementia) fördernd, nicht verursachend eingewirkt haben. dahin deutet auch, dasz der inhalt von gnade, 'huld, geneigtheit', auch in späterer zeit noch deutlich empfunden wurde, vgl. im 17. jh. und thu ... mich ... dero hohen königlichen, beharrlichen gnaden allerunterthänigst empfehlen v. Chemnitz schwed. krieg (1648) 1, widmung 6 (weitere belege dieser art, in denen der titel noch nicht völlig erstarrt ist, s. untera). anderseits musz die möglichkeit zugegeben werden, dasz bei den frühesten zeugnissen (Joh. v. Würzburg, Oswald v. Wolkenstein) die kenntnis des lateinischen eingewirkt haben könnte.
a)
die früheste und geläufigste form (seit dem spätmhd.) ist euer gnaden, in verschiedener abwandlung und schreibung: iwer, euer gnad, eure gnade, euer gnaden, eure gnaden; in abkürzung seit dem 16. jh.: e. gnad, ew. gnaden, e. g., e. f. g. (euer fürstliche gnaden) u. s. w. die schreibung ew. gn. hat sich neben euer gnaden bis in die jüngste zeit erhalten. das zugehörige prädikat nach euer gn. steht gewöhnlich im plural: e. g. haben, wollen u. s. w., vereinzelt (auf den singular gnade bezogen) im singular: als mich e. gnad ... beschicken hat lassen Paracelsus opera (1616) 1, 686ᵇ. die form des titels ist erstarrt, es heiszt im allgemeinen euer gnaden in allen casus, also ich danke euer gnaden; von euer gnaden fürtrefflichem verstand (Schiller 12, 218 G.). in älterer sprache ist der dativ nicht selten flektiert, zu uwern gnaden; ich bin ewern gnaden schuldig (buch d. liebe [1587] 316ᵇ); ich dank ewren gnaden (H. Sachs); von ewren gnaden (buch d. liebe [1587], Murner); ewern fürstlichen gnaden ( Luther). daneben ewer gnaden (Fischart, Wickram), eur gnad ein schenkung pracht (pfarrer v. Kalenberg). flektierter genetiv ist selten, in eurer gnaden sache Grillparzer 6, 31 S.:
auch wil ich iwerr gnade verjehen
daz er (der könig) mich sant gein Frigia
Joh. v. Würzburg Wilh. 5744 R.;
het ich gehabt ain peutel swär,
als eur genad (der könig) vernempt die mär
Oswald v. Wolkenstein 101, 31 Sch.;
her richter, ich danck üwer gnad.
ich wil von stund an louffen grad,
ob ich ein stattknecht möchte finden
H. R. Manuel weinspiel 1001 ndr.;
herre, mer kommen zu uwern gnaden
Alsfelder passionsspiel 818 Grein;
uns han gesendt her
die frawen ungefer
und bitten uwer gnad (die kaise rin)
durch got im hochsten grad
fur diesen guten man
Herm. v. Sachsenheim spiegel in: meister Altswert 186, 38 lit. ver.;
auch biten und begern wir an euer fürstlich gnad, uns holz zu erlauben ze slahen (v. j. 1460) österr. weist. 5, 600, 27; ich hette wol lieber heimlich und mit meiner handschrifft diesen brieff an e. k. f. g. geschrieben Luther 30, 2, 397 W.; ich vernimm wie üwer würd und gnad ... die evangelisch leer ... zu hören geneigt sye H. Zwingli dt. schr. 1, 114;
der prior fieng zu reden an
'genädgen herren, dorumb han
ich noch euwren genaden gsant,
das eüch die worheit würd bekant
Th. Murner von den fier ketzeren 2814 Fuchs;
die trewen dienst des ritters Galmien ... meyn ich ewer gnaden, meiner gnädigen frauwen, unverborgen seyn Wickram w. 1, 12 Bolte; wo es euwer königliche mayestat unnd gnaden für gut ansicht Amadis 1, 303 lit. ver.; (er) thut sich vor euer gnaden vettern aus Grimmelshausen 2, 336 Keller; durlauchtiger, hochgebohrner fürst, gnädigster herr, eure fürstliche gnade J. Rist n. t. Parnasz (1652) a 3ᵃ; dieser freudenaufzug e. fürstl. gn. samt anderen hohen persohnen zu ehren J. G. Schottel friedenssieg 7 ndr.; ich emphehle unsere sache eu. gnaden vorspruche bey der gnädigen frau Gottsched dt. schaubühne 4, 181; ja wohl, ew. hochgräfl. gnaden Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 56; ja selbst edelleute wollen schon gnädige herren heiszen, und sich eure gnaden titulieren lassen Gottsched beobachtungen über den gebrauch ... deutscher wörter (1758) 119; alles ist recht schön geworden und musz ew. gnaden (dem baron) gefallen Göthe 20, 3 W.; ich bin so gut als euer gnaden von königsart E. M. Arndt w. 6, 162 R.-M.; wie eure gnade sich eben ausdrückte, spricht nur ein welteroberer wie Alexander oder — ein rasender C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 306. — in erweiterter form: so will ich ewer gnaden und gunst hilff bewerben U. Hutten opera omnia 1, 418 Böcking; (anrede an das domkapitel:) erwirdig, wolgeborn, edel und hochgelert gnedig und günstig herrn. wie fridlich eur gnadengunsten und die iren bisher neben unsern herrn, einem erbern rat ... alhie gewonet (Augsburg 1534) städtechron. 23, 367, 13; damit aber, ehrwürdige, gestrenge und edle herren ... ubergebe, dedicire und zuschreibe ewren gnaden, herrligkeiten und gunsten sampt und sonderlich derwegen mehrgemeltes ... buch J. Lochner vorr. u. widmung bei Hans Sachs 18, 6 K.-G.selten indirekt gebraucht:
für jetzt geruhe meines kaisers gnade
mich unerkannt zu lassen
Schiller 13, 375 G.
b)
neben euer gnaden auch ihr(e), ihro gnaden, seit dem 16. jh.:
der Eulenspiegel antwort gab:
wie, das ir gnaden recht wol hab;
doch, sagt er, wolt ich ewer gnaden
anzeigen unser grösten schaden, l
wann sie es hetten nur für gut
Fischart Eulenspieg e 8078 Hauffen;
ich bin ... glaubwirdig berichtet, als sollten e. g. neben ihr gnaden hochlöblichem ... gemahl ... mit sterbensgedancken umb gehen Ringwald christl. warnung (1688) a 2ᵇ; denn damals war noch nicht der brauch, dasz man soldaten von Fortun ihr gnaden titulirte, ob sie gleich obriste waren Grimmelshausen Simpl. 253 Scholte; belieben ihre gnaden eine boure, eine minuet oder einen teutschen tantz? Chr. Reuter ehrl. frau 42 ndr.; heunt ihr gnaden, morgen gnad dir gott, das sieht man oft Abr. a s. Clara s. schr. 4, 217 Strigl; ihre gnaden haben das rechte wort gebraucht Wieland s. w. (1794) 11, 283; ich danke ihro gnaden ebda 11, 281; was spricht man vom Türkenzug, ihro fürstliche gnaden? Göthe 8, 40 W.; ja, ihr gnaden, ich will mich ausruhen in der küche Schiller 14, 145 G.; die rohe kraftbrühen der natur sind ihro gnaden zartem makronenmagen noch zu hart ebda 3, 358;
mauskätzchen gab ein groszes fest,
und hatte dazu geladen
bekannt und verwandte von ost und west
und lauter ihro gnaden
miau, miau, miau
Hoffmann v. Fallersleben ged.⁹ 213.
c)
selten dein(e) gnade. vorbereitend?:
(an die frau) was dein gnad well,
darzue pin ich berait
Oswald v. Wolkenstein 14, 35 Schatz;
ähnlich:
ach trautgesell.
ich soll, was dein gnad well
ebda 16, 25.
— wel dein keiserlich maiestat und genad nach gelegenheit der sachen zu hilff kummen Murner an den adel 6 ndr.; aber daz klagent wir deiner durchlüchtigsten genaden majestat und christlichem hertzen ebda 4; herre, ich kome nicht für dein genade, mich meiner empfangner widerdriesz zu rechen Arigo decam. 50 K.
d)
verkürzt gnaden als anrede: (arzt zum grafen): die doctores von Trier, die gnaden mit mir consultiren, baten mich schon oft darum maler Müller w. (1811) 3, 343; nehmts nicht übel, gnaden, seid ihrs oder seid ihrs nicht? Tieck schr. (1828) 3, 160; darf ich mir erlauben, freiherrlichen gnaden eine mittheilung zu machen Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 34; wenn gräfliche gnaden es nicht selbst gehört hätten Ricarda Huch d. grosze krieg (1920) 2, 406. — auszerhalb der anrede auch als standesbezeichnung: (denn) die gnädige frau etatsräthin und wohl noch höhere gnaden ... klätschrinnen (zu heiszen): das würde freylich sehr übel genommen werden J. A. Cramer nord. aufseher (1758) 1, 127;
so siegt des liebesgottes pfeil. es fielen freyherrn auf freyherrn
und gnaden auf excellenzen dahin
J. Fr. W. Zachariä poet. schr. (1763) 3, 149;
es ist hier zu schlimm mit den vielen grafen und baronen und freiherrlichen gnaden G. Hauptmann die weber (1892) 55.
e)
in indirekter rede von jemandem gesagt: seine, ihre, ihro gnaden; des königs gnaden u. ähnl., abgekürzt s. gnaden, se. gnaden:
so wil ich mit iu hinnen dan
varn zu der selben stat
da sin gnade (s. Johannes) ruͦwe hat
Johann v. Würzburg Wilh. 426 R.;
soll ihr gnaden, herr praelat etc. die nachbarschaft fragen, ob der brobst dem land gepoten habe wie vor alters (14. jh.) österr. weist. 2, 98, 17; wo sie von seinen koniglichen gnaden ader seiner gnaden zugegeben rethen hen geweiset wurden (v. j. 1452) lehnsurkunden u. besitzurkund. Schlesiens 1, 429; und hat ewer herr, der marggrave, ja lust darzu, mögen ihre churfürstliche gnad vorher springen und tantzen mit harpffen, paucken, zimbeln und schellen Luther briefw. 8, 625 W.; darin solichs gemieten werde bei verlirung der ware und s. gn. straf und das darob gehalten wurde (1525) chron. d. stadt Bamberg 2, 209 Chroust;
schaut, dort thut sich sein gnad (der fürst) her nehen
Hans Sachs 2, 29 Keller;
was ihrer gnaden beliebte zu befehlen Grimmelshausen 2, 339 Keller; für mein geld, das ich der stadt abgeben musz, heiszt mich ihre gnaden, der herr ammeister, selbst er H. L. Wagner theaterstücke (1779) 109;
stracks schielten ihro gnaden
... nach seinen vollen waden
Hölty ged. 5 Halm;
aber von meiner kunst verstanden se. gnaden auch garnichts Göthe 43, 279 W. — von denselbigen vischen aber ist man im nichts schuldig zu geben, auszgenommen ob der frauen gnade (die äbtissin) ichts ausz genaden gibt (15./16. jh.) österr. weist. 6, 304; wissit, das mins herren von Mencze gnade (erzbischof) und min herre von Brandenburg uff gestirnt samsztaig her gein Reigenspurg wole komen sint (v. j. 1429) Frankfurts reichscorr. 1, 367 Janssen; das uns meines herren gnad zu Österreich die freiheit geben hat (v. j. 1660) österr. weist. 2, 260, 14; was ich an des herrn generals wohlseeligen gnaden für pferdecuren verfertigt Lichtenberg aphor. 2 Leitzmann; der frau baronin gnaden war bei dieser gelegenheit noch vorschneller v. Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 27; der ich, mit bitte um rücksendung der beylage, und mit respectuoser empfehlung an die frau gemahlin gnaden mich zu unterzeichnen die ehre habe (v. j. 1802) Göthe IV 16, 298 W.;
erst noch ein gläschen, kameraden!
des Piccolomini hohe gnaden!
Schiller 12, 56 G.;
herr, des königs hohe gnaden
lassen euch zur heimkehr laden
Grillparzer s. w. 7, 155 Sauer;
seine gnaden der herzog! Hebbel s. w. 3, 152 W.;
mich hat seine gnaden, der bischof, gebannt
C. F. Meyer ged.¹⁴ 119 (Bacchus in Bünden).
V.
gnade in der bedeutung 'dank', meist jemandem gnade sagen eines dinges, mhd. (ebenso mnld., vgl. Verwijs-Verdam 2, 1385), vereinzelt noch frühnhd.; selten hat gnade für sich die bedeutung 'dank'. gewöhnlich abgeleitet aus der dankenden anredeformel (genâde, iuwer genâde, oben IV 2; so mhd. wb. 2, 1, 341; Lachmann glossar zur 'auswahl', kl. schr. 1, 184); die darin stillschweigend eingeschlossene bedeutung 'dank' geht auf das wort gnade über: zu jemandem 'gnade' sagen, heiszt 'dank' sagen, 'danken'. die verbindung gnade sagen spricht gegen eine ableitung der bedeutung 'dank' aus der grundbedeutung 'das sichniederlassen', wie sie Lexer nahezulegen scheint: 'niederlassung, (fuszfall), um zu danken, der ausgesprochene dank' 1, 850. die mit den wendungen gnâde, vrouwe (IV 1 und 2), gnâde sagen und gnâden, vb. (s. besonders die belege aus Iwein unter gnaden 7) deutlich verbundene anschauung des sichverneigens läszt sich leicht aus der situation erklären: man verneigt sich, um zu bitten oder zu danken. dasz bei dem mit gnade u. s. w. umschriebenen vorgang das sprechen des dankes gemeint ist, und das verneigen nur eine begleithandlung ist, zeigen auch belege wie Hartmann v. Aue Iwein 5100; Gregorius 1387 P. (s.gnaden, vb., 7). neben der ableitung aus der dankenden anredeformel ist der einflusz von latein. gratia 'dank' zu erwägen. in der sprache der vulgata sind gratiarum actio und gratias ago, denen im deutschen gnâde oder danc sagen entspräche, sehr geläufig. für eine ableitung aus dem biblischlateinischen spräche, dasz genâde sagen um einiges früher (Vorauer sündenklage, mitte des 12. jh.; für das mnld. ältester beleg von 1165 bei Verwijs-Verdam 2, 1385) belegt ist als die anredeformel (Nibelungenlied); ferner, dasz gnade als 'dank' fast nur in der verbindung gnâde sagen vorkommt. auch dasz 'danken' zunächst als gnâde sagen, dann erst als danc sagen und nicht selten auch in der verbindung gnâde unde danc sagen auftritt, könnte darauf hindeuten. noch in frühnhd. bibelübersetzungen wird gratia, 'dank', mit gnâde wiedergegeben (s. unten). die verbindung lop und gnâde (neben häufigerem lop und danc, s. unter lob teil 6, sp. 1076 f.) weist ebenfalls auf geistlichen zusammenhang:
sô ich scolde sprechen dîn (gottes) lop
sô was ich unmuozech:
daz hâstû wol gebuozet,
des sag ich dir gnâde
Vorauer sündenklage 487 bei Waag kl. dtsche ged.;
des wil ich iu genâde   mit triuwen wærlîchen sagen
Nibelungen 62, 4 B.;
er neic ir minneclîchen   genâde er ir bôt
292, 2 L.;
Engelhart dô sînen munt
sô gar minneclîche entslôz
und seite dô genâde grôz
dem fürsten rîch von hôher art
Konrad v. Würzburg Engelhart 4294 H.;
genade gote wart gesaget (vor der mahlzeit)
und gezzen von in beiden
passional 219, 14 K.;
unde sagen wir lop unde gnade dem vater unde dem sun unde dem heiligen geiste Schönbach altdt. pred. 3, 117; eya, dank und lob, heil und selde, gnad und wúnne und iemer werendú ere si im geseit H. Seuse dtsche schr. 246, 23 B.; damite sage wir gote gnade aller der gnade, so er mit uns het begangen Lucidarius 48, 10 Heidlauf;
der unverscheiden driveldicheit
si ummer gnade und ere geseit
Mone schausp. d. mittelalters 1, 85;
wol bayde spotte und auch frue
pleibt es (eine bereicherung seines gedichts) von mir unausz geschlagen,
ich wolt im des genade sagen
pfarrer v. Kalenberg 2164 ndr.
häufig in der verbindung mit danc:
unde truoc
guoter gâchspîse gnuoc:
des sagterr gnâde unde danc
Hartmann v. Aue Iwein 1223;
gnâd unde danc seit er in dô
mit herzen und mit munde
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 11480;
ach bluͤgende minne Jesu Christe, ich sage dir gnade und dang diner bluͤgenden urstende bei Wackernagel altdt. pred. u. gebete 563; und sagen ir (Maria) gnade und dank H. Seuse dtsche schr. 265, 15 Bihlm. vereinzelt auszerhalb dieser verbindung:
(Gunther zu den Hunnenboten):
gnâde sîner (Etzels) dienste, die er mir enboten hât,
unde mîner swester
Nibelungen 1443, 1 B.;
'kint', sprachen si, 'got segene dich,
ze sælden müezest du gevarn!'
'genade, und got müez iuch bewarn!'
sprach aber der guote Tristan
Gottfried v. Straszburg Tristan 2784 R.;
genâde mînem herren,
im sol unlange werren
der kumber, den er von mir hât
Wirnt v. Gravebnerg Wigalois 8786 Pf.
(Lachmann wollte unnötigwie die übrigen belege zeigenändern in genâde mînes herren);
daz ich bin von der welte erlôst,
des sî im (gott) iemer mêre
genâde, lop und êre
Rudolf v. Ems Barlaam 133, 4 Pf.
späterhin erscheint genâde nicht mehr in dieser bedeutung. vereinzelte bezeugungen in glossarien des 15. jh. geben noch den spätmhd. stand wieder. wenn in frühnhd. übersetzungen gelegentlich genade als 'dank' begegnet, so handelt es sich um mechanische wiedergabe der vorlage: gratia gnade, danck (15. jh., obd.) Diefenbach gl. 269ᵃ; eucaricio gut gnade (15. jh., md.), eucharistia gut gnad (ende 15. jh.) gl. 212ᵃ (sonst: der lichnam users hern, der heilige leichnam Christi, de hilge lichnam godes ebda); und Thou der sant zu David dem kunig Joram sein sun, das er in grüsst frölich: und macht genad eum congratulans et gratias ageret (2. kön. 8, 10) erste dt. bibel 5, 161 Kurr.; und er nam di vii brot und di fieschel und machte gnad, er brachs und gabs seinen jungern codex Teplensis 1, 22 Huttler (vgl. Luther: und er nam die sieben brot und dancket und brach sie Mc. 8, 6, gratias agens fregit, εὐχαριστήσας); und ob ir die lieb habet, die euch lieb habent: was genaden ist es euch? ... und ob ir wol thuͦt den, die euch wol thund: was genaden ist euch erste dt. bibel 1, 225 Kurr. (Luther: was dancks habt ir davon? Luc. 6, 32; quae vobis est gratia, ποία ὑμῖν χάρις ἐστίν); denn ist es, das du allein gutes tust dem, der dir ouch hin wider gutes thut, was genad ist das; desgleichen tund ouch die heiden Keisersberg seelenpar. (1510) 21ᵇ; wann gnad zuͦ gott, der uns zu allen zeyten macht ze úberwinden in Jhesu Cristo erste dt. bibel 2, 114 Kurr. (Luther: aber got sey gedanckt 2. Kor. 2, 14, deo autem gratias, τῷ δὲ θεῷ χάρις).
VI.
anmut. vereinzelt begegnet gnade in der bedeutung 'anmut, lieblichkeit', in anlehnung an χάρις und 'gratia', denen der nebensinn der 'anmut' eigen ist. im deutschen ist diese verwendung nicht fest geworden; es handelt sich jedesmal um bewuszte entlehnung, namentlich in neuester sprache, vgl.gnade, charis meint aber zugleich lieblichkeit. auch für das christliche bewusztsein steht am ende alles sagbaren eine ahnung reinen, freien, von allen zwecken gelösten, blühenden daseins R. Guardini der engel in Dantes göttlicher komödie (1937) 119; woher aber ist dieses wort gnade, gratia, χάρις genommen? wo ist es daheim? ... es ist ursprünglich und unmittelbar daheim, nicht im wahren und guten, sondern im schönen Th. Haecker schönheit (1936) 44. ahd. und mhd. ist gnade in dieser bedeutung nicht belegt. Notker z. b. übersetzt gratia, 'anmut', mit zierda (vgl. Wahmann gnade 57). wenn er ps. 44, 3 kanada gebraucht: diffusa est gratia in labiis tuis kanada ist kebreitet in dinen lefsen, so hat er offenbar die stelle umgedeutet und sagen wollen: 'auf deinen lippen ist miseratio, deine lippen sprechen erbarmen'. die bibel von 1483 hat an der gleichen stelle ebenfalls gnade: du bist ein schönes bild vor den sünen der menschen, die gnad ist ausgegossen in deinen lebsen 273. das ist eine auch sonst gerade in frühen bibelübersetzungen begegnende mechanische übersetzung von gratia mit gnade (Luther übersetzt: du bist der schönest unter den menschenkindern, holdselig sind deine lippen ps. 45, 3). Luc. 4, 22: et omnes testimonium illi dabant: et mirabuntur in verbis gratiae, quae procedebant de ore ipsius, ἐπὶ τοῖς λόγοις τῆς χάριτος lautet in der ersten dt. bibel: und wunderten sich in den worten der genad. wiederum mechanische übersetzung (Luther: und wunderten sich der holdseligen wort). auch die übrigen frühnhd. belege, in denen gnade die bedeutung 'anmut' hat, lassen nicht darauf schlieszen, dasz es sich um einen festgewordenen gebrauch handelt. sie stehen in deutlich humanistischer umgebung: so hat die latinisch spraach vil sprüchen, die by iro lieblich sind ze hören, aber gantz ghein gnad hand in der tütschen spraach schweiz. schausp. d. 16. jh. 1, 183 Bächtold; decor die gnad, die ein mensch hat, das was er redt oder thut, ist es lieblich und angenäm, zierd, liebligkeit, holdsäligkeit Frisius dict. (1556) 369ᵃ; antiquitas tristis et impexa die spraach der alten, grob, ungeziert, unlieblich, unangenäm, hat kein gnad nit ebda 658ᵇ; vgl. noch: die drei gratien oder gnaden, freud, lust und hubscht Seb. Münster cosmogr. (1564) 1014; ein herrlicher pronnen von alabaster: und darauff die drey gracie oder gnadgoͤttin Fischart Gargantua 449 ndr.
Zitationshilfe
„gnade“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gnade>, abgerufen am 18.09.2019.

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