gliederbau m.
Fundstelle: Lfg. 1 (1936), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 48, Z. 67
erst seit dem 18. jahrh. belegt, den mundarten fremd; vgl.gliedbau;
1)
vom menschlichen körper: der bau der glieder, die beschaffenheit der einzelnen glieder und ihre stellung zueinander
a)
allgemein: in ... dem ganzen gl. (des menschl. körpers) — ist soviel ... poesie gottes — dasz mir oft meine zitternde brust zu gluͤhen scheint Lavater physiogn. fragm. (1775ff.) 4, 185; selbst bei insekten hat man ein analogon des menschlichen gliederbaues gefunden Herder 15, 287 S.; vom menschlichen körper, von der zusammenstimmung seines gliederbaues habe ich nur einen allgemeinen begriff Göthe 19, 213 W.; dasz selbst lebensgewohnheiten einflusz auf das wachsthum üben und daher auch die gröszenunterschiede beim gl. als flüssige erklärt werden Peschel völkerkunde (1874) 91;
b)
zur kennzeichnung der wirkung auf das auge, bes. in verbindung mit adjectiven, wie zart, zierlich, schön, proportioniert, stark, kräftig, schlank u. s. w.: der gl. der Griechen war kräftig, breit und doch von schlanker linie Fr. Th. Vischer ästhetik (1846ff.) 2, 235; beyde geschlechter waren an gl. und gesichtsbildung muster von schönheit F. Th. v. Schubert verm. schr. 1, 266; die frau dieses nordischen mannes war braun und von zartem gl. Storm 4, 38; es war ein schöner, mächtiger knabe, hoch wie die männer waren, wenn auch noch von zartem gl. J. Gotthelf (1855f.) 16, 360;
betrachte den hals und die hüften,
den zierlichen gliederbau
Chamisso (1836) 3, 188;
wie der kleine knirps (klein Zaches) ... von allen für einen schönen mann von zierlichem gl. ... gehalten werde E. Th. A. Hoffmann 5, 29 G.; sie ... sind in ihrem schönen gl. ... noch bilder der schönheit gegen ... die weiter hinabwohnenden negervölker Herder 13, 231 S.; wohl gewachsen, von sehr proportioniertem gl. Forster (1843) 2, 143 vgl. 2, 23; starker gl., scharfe gesichtszüge, kleines blitzend verwegenes auge ... zeigten mir ein muster von seemann Heinse 4, 138 Sch.; kräftiger gl. v. Alten handbuch 4, 162; schlanker gl. Heine 1, 273 E.; groszer gl. Shakespeare 5, 12; seinen drallen, echt älplermäszigen gl. Rosegger (1895) 12, 163;
c)
umschreibung für körper, oft im gegensatz zu geist oder seele: man geduldet sich gern in dem zerbrechlichen gl., man weisz, er wird doch bald eingehen Zinzendorf Londoner pred. (1757) 2, 254;
... im lumpengewand
einher der wanderer,
bettelnahrung zu suchen
dem zerstümmelten gliederbau
Hölderlin ges. dicht. 1, 69 L.;
der gl. dient nur den trieben, bestimmt sie aber nicht Jean Paul 59/60, 174 H.;
trocknen gleich des leibes saͤfte,
hat der starke geist noch kraͤfte,
o so staͤrkt der hofnungsthau
auch zugleich den gliederbau
Fr. v. d. Trenck ges. ged. u. schr. 2, 217;
der menschen gliederbau zerfaͤllt,
mein geist eilt nun nach jener welt
B. Schmolcke s. trost- u. geistr. schr. 2, 69;
auf dann! sei unsrer seele licht,
in unserm schwachen gliederbau
uns stärke
Herder 29, 641 S.;
bildl. was wäre der schönste gl. werth, dem der kopf fehlt Alexis ruhe (1852) 5, 78.
2)
vom thierischen körper ebenso wie vom menschen: sie (die wassertreter) haben einen zarten gl. Naumann vögel 8, 235; der pongo hat den gl. eines menschen Brehm thierl. (1890) 1, 60; aber auch speciell auf die einzelnen abschnitte zwischen den gelenken bezogen: die stangen (im geflügelhaus) werden nicht rund, sondern entsprechend dem gl. der zehen mit rechteckigem querschnitt ... hergestellt Lueger 4, 139.
3)
von pflanzen:
der baum, nach dem mein lautes herz sich sehnte,
desz gliederbau sich rings in stolzem drang
unübersehbar in die lüfte dehnte
N. Lenau 43 B.;
4)
auf abstractes und lebloses übertragen:
a)
allgemein, häufig im sinn von organismus, innere form eines solchen: in denen (Shakespeares werken) ... der letzte scharfsinnige beobachter noch neue übereinstimmungen mit dem unendlichen gl. des weltalls ... finden wird Novalis schr. 2, 245 Minor.; ... denn die künste sind spezifische organismen, deren gl. im versuche der vereinigung (d. h. der gewaltsamen verquickung der künste) nur eine miszgeburt darstellen kann Fr. Th. Vischer ästhetik (1846f.) 3¹, 165f.; den ganzen inneren gliederbau derselben (d. wissenschaft) Kant 3, 15 acad. ausg.;
b)
in der baukunst: bau, der aus gliedern besteht: dieser gl. (wurde) ... mit einer antikisierenden decoration ausgestattet Karmarsch-Heeren 8, 667; auch die gotische kirche ist ein gl. nur in relativem sinne, erst allmählich in stark überwiegendem masze dazu geworden Schmarsow gotik in d. ren. (1921) 16;
c)
im sprachlichen bereich: rein bildlich: da auch dieses (buchstabensystem) noch eine ... andre ... analogie darbietet mit dem höhern princip des innern lebens und seinem ganzen organischen gl. Fr. Schlegel 15, 141; die deutsche sprache, die sich eines so gesunden gliederbaues erfreut, besitzt auch leider einen ganzen vorrat von solchen krücken und stelzbeinen J. Bayer lit. skizzenb. (1905) 8; von metrischen formen: schon sein (des sonettes) gl., sein reicher reim verkünden diese bestimmung E. J. v. Vaerst hundert sonette (1825) VIII; für periodenbau: den unendlichen gl. mechanischer reden Bettine dies buch gehört d. könig (1843) 1, 222; für aufbau: selbst der gl. (im letzten theil von W. Meisters lehrjahren) ist erhaben Fr. Schlegel Athenäum 1, 2, 176; nur einzelne stellen, gewisz nicht die grosze anordnung und der kunstreiche gl. des ganzen (machen Tasso) ... zum lieblingsdichter der Italiener Fr. Schlegel 5, 132.
Zitationshilfe
„gliederbau“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gliederbau>, abgerufen am 13.11.2019.

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