glied, gliede
Fundstelle: Lfg. 1 (1936), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1, Z. 63
gaunersprachlich 1) f. u. n., dirne, freudenmädchen, beischläferin, zuhälterin: J. K. v. Train chochemer loschen 47, 189ᵇ; Horn soldatenspr. 130; Ostwald rinnsteinspr. 60; v. Grolman 25ᵇ; Staub-Tobler 2, 605; Fischer nachtr. 2046; glied hur Luther 26, 652ᵃ W.; denn der bettelstab ist yhnen [den stabuͤlern und yhren kindern] erwarmet yn den grifflingen, mögen und künnen nicht arbeiten und werden glieden und gliedes vetzer aus yhren gatzam ... 640;
das hat geschafft der sonnenbossz,
das er hat glassen kind und wyb,
hatt es verthon mit einem glid
P. Gengenbach 346 G.;
glyde, gliede scortum Avé-Lallemant 2, 330; 2) f. schwester Kluge rotwelsch 1, 344ᵇ; zeitschr. f. dt. wortf. 10, 213; Fischer 3, 692; Götze frühnhd. gl. ²109; zeitschr. f. dt. kulturgesch. 1854, 462; 3) m. (?) bruder Kluge rotwelsch 1, 338; Fischer 3, 692. — die herkunft des wortes ist unsicher; für bedeutung 1) läge herleitung von ²glied = weiblicher geschlechtstheil nahe, vgl.fotze = meretrix Cl. Crank prophetenübers. Baruch 6, 10, vgl. M. Höfer, etymol. wb. (1815) 1, 237; brem. wb. 1, 425; ähnlich muschel 'vulva, mädchen' s. th. 6, 2732, pritsche dass., s. th. 7, 2135 und schachtel 'feminal, weib' s. th. 8, 1965; doch wäre dann bedeutung 3) kaum erklärbar; auch der plur. glieden spricht dagegen; daher ist herkunft von hebr. דלֶגֶ 'haut' wahrscheinlicher, entsprechend lat. scortum, frz. peau, soldatensprachlich haut, schweiz. leder für geliebte, schlechtes weib, vgl. Klenz scheltenwb. 31ᵃ; Staub-Tobler 2, 605; Lexer kärntn. wb. 136, während die ableitung von nd. glîden gleiten, rutschen Avé-Lallemant 2, 330 bei der ausschlieszlich hd. bezeugung des wortes nicht in frage kommt.zu der hauptbedeutung 1) stellen sich eine reihe von composita: glidenbeth, n., bordell: gl. hurenhausz Moscherosch gesichte 287 dnl. (im verzeichnis der feldsprache); Horn soldatenspr. 131; gl. hurhaus bei Luther 26, 652 W.; gliedenbos, n. (u. f.?), dass. v. Train chochemer loschen 47ᵃ (21ᵃ bos n. haus); v. Grolman spitzbubenspr. 25ᵃ; Fischer 3, 692; wir wend alchen ins glidempos Wickram 5, 197 B.; gliedenfetzer, gliedesvetzer, m., hurenwirt, bordellwirt v. Train 189ᵇ; Avé-Lallemant 2, 330; Fischer 3, 692; Moscherosch gesichte 287 dnl.; gliedes vetzer bei Luther s. o. ¹glied 1;
wie wol sie sind noch jung und starck,
mögen und können sie nit wercken mer
und werden gliden und glidenvetzer
P. Gengenbach 347 G.;
zum 2. bestandtheil fetzer gastwirt, metzger, schinder s. Bischof geheim- u. berufsspr. 25; Ostwald rinnsteinspr. 47; gliedenfetzerin, f., kupplerin, hurenwirtin v. Train choch. loschen 47ᵃ; v. Grolman spitzbubenspr. 25ᵇ; Moscherosch gesichte 287 dnl.; gliedenfetzerin hurwirtin bei Luther 26, 652 W.
glied n
Fundstelle: Lfg. 1 (1936), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 2, Z. 41

Unterbegriffe in diesem Artikel

gliedflusz · gliedschwamm · gliedstein ·  · gliedabsterben · gliedamputation · gliedbad · gliedbau · gliedbrestig · gliedbrüchig · gliedeinrichter · gliederhaltung · gliedformiererin · gliedfräulein · gliedfürstin · gliedgebrochen · gliedgelenk · gliedgewerbe · gliedgichtig · gliedgut · gliedhildin · gliedkämpferin · gliedlahm · gliedlähme · gliedlähmig · gliedlebig · gliedlos · gliedlöser · gliedmächtige · gliedmanglig · gliedmann · gliedmarterin · gliedmarternd · gliedmörderin · gliedmüde · gliedpfeil · gliedreiszen · gliedruhr · gliedsaft · gliedsalbe · gliedschart · gliedschelch · gliedschmerz · gliedschrötig · gliedschwachheit · gliedschwächig · gliedschweinung · gliedseuche · gliedstich · gliedstummel · gliedsucht · gliedverrenkung · gliedweh · gliedwesen · gliedwunde · gliedwüten · gliedzerleger · gliedzittern · gliedfügung · gliedweis gliedweise · gliedlang · gliedring · gliedringlein · gliedschäftig · gliedtief · gliedkrümme · gliedschirm · gliedschwamm · gliedsteife · gliedstein · gliedtheil · gliedstaat · gliedstellung · gliedsfolge · gliedsverwandt · gliedhülsenförmig · gliedhülsig · gliedbetrieb · gliedkreis · gliedzirkel · glieder-flusz · gliedergegicht · gliederschwamm · gliederablösung · gliederabnahme · gliederabnehmen · gliederabnehmung · gliederarbeit · gliederarzt · gliederauftürmung · gliederauszenwerk · gliederausstreckung · gliederbalsam · gliederband · gliederbeschädigung · gliederbeschwerden · gliederbewegung · gliederbezug · gliederbild · gliederbildung · gliederbrand · gliederbruch · gliederbrüchig · gliederbude · gliederbuhlschaft · gliederdocke · gliederdoublette · gliederdrücken · gliedereinschlafen · gliederengel · gliederentzündung · gliedererstarrung · gliederfang · gliederfäule · gliederferien · gliederfeuer · gliederfigur · gliederpuppe · gliederflosse · gliederfolterin · gliederform · gliederfrau · gliederfrei · gliederfroh · gliederfuge · gliederfülle · gliedergang · gliedergebäu · gliedergebäude · gliedergebrauch · gliedergeist · gliedergelenkig · gliedergemisch · gliedergestalt · gliedergesücht · gliedergeschwulst · gliedergewächs · gliedergewerbe · gliedergicht · gliedergichtig · gliederglanz · gliedergöttin · gliederhang · gliederharmonie · gliederhemmung · gliederherrschaft · gliederherrscherin · gliederhunger · gliederkalender · gliederkälte · gliederkenner · gliederkitzel · gliederklumpen · gliederknochen · gliederkontraktur · gliederkraft · gliederkrampf · gliederkrümme · gliederkunst · gliederlahm · gliederlähme · gliederlähmung · gliederlässig · gliederlast · gliederleben · gliederlehrer · gliederleiden · gliederlinderung · gliederlos · gliederlösend · gliedermangel · gliedermarasmus · gliedermasz · gliedermasse · gliedermatt · gliedermauser · gliedermensch · gliedermuskeln · gliedernahrung · gliedernarr · gliedernerv · gliederöl · gliederordnung · gliederpaar · gliederpalast · gliederpein · gliederpflaster · gliederplage · gliederplump · gliederpracht · gliederpulver · gliederreich · gliederreiz · gliederrenker · gliederrheumatismus · gliederrose · gliedersalbe · gliederschart · gliederschlaf · gliederschnee · gliederschneider · gliederschnell · gliederschönheit · gliederschutt · gliederschwäche · gliederschweinen · gliederschwenken · gliederschwere · gliederschwinden · gliederschwung · gliedersehne · gliederspannen · gliederspiel · gliederspiritus · gliedersprache · gliederstark · gliederstärke · gliederstärkend · gliederstärkung · gliedersteifheit · gliedersteifigkeit · gliederstich · gliederstrecken · gliederstück · gliederstumpf · gliederstürmend · gliedertanz · gliedertätigkeit · gliedertaxe · gliederteufel · gliederübung · gliederunempfindlichkeit · gliederverdrehung · gliederverlust · gliederverrenken · gliederverrenkend · gliederverrenker · gliederverrenkung · gliederverschränkung · gliederverschwörung · gliederverzuckung · gliedervoll · gliederwärme · gliederwassersucht · gliederweh · gliederwehe · gliederwehetum · gliederweh · gliederwehtag · gliederwein · gliederwendung · gliederwerk · gliederwiegen · gliederwohllaut · gliederwuchs · gliederwunde · gliederwurm · gliederzappeln · gliederzart · gliederzartwuchsrichtig · gliederzehrend · gliederzerbrechlichkeit · gliederzerknirschung · gliederzerlegungskunst · gliederzerrüttung · gliederzerschlagenheit · gliederzerschmetternd · gliederzeug · gliederziehen · gliederzittern · gliederzitterung · gliederzüchtigung · gliederzucken · gliederzuckung · gliederzügel · gliederzwang · gliedergrösze · gliederknöchel · gliederschuhe · gliederzahl · gliederarm · gliederfüsze · gliederfüszer · gliedergruppe · gliederkorall · gliederkoralle · gliederkoralline · gliederring · gliederspinne · gliederthiere · gliederthierreich · gliederwurm · gliederreich · gliederstaat · gliederzahl · gliederabstand · gliedercontremarsch · gliederdistanz · gliederfeuer · gliederordnung · gliederschlieszer · gliederstellung · gliederende · gliederfarn · gliederfrucht · gliederhaar · gliederhülse · gliederhülsig · gliederkrötengras · gliederschote · gliederseele · gliedersende gliedersenden · gliedersimse · gliederspore · gliederstock · gliederstockig · gliederstück · gliederform · gliederkette · gliederring · gliedertheil · gliederbremse · gliederegge · gliederhaken · gliederkessel · gliederlänge · gliedermäszig · gliedermaszstab · gliederofen · gliederpaar · gliederpflug · gliederriemen · gliederröhre · gliederstange · gliederzahl · gliederlos · gliedersystem · gliederausbildung · gliederbesetzung · gliedergruppe · gliederlos · gliederwerk · gliederreich · gliederfolge · gliedersatz · gliederstellung · gliederreihe · gliederstelle · gliedersumme · gliederzahl
herkunft und verbreitung. die präfigierte form ahd. gilid n., mhd. gelit, glit m. n., mnd. gelit, mnl. gelit n., nnl. gelid n. ist auf die deutschniederländ. gruppe beschränkt (aus dem nd. entlehnt ist dän. geled) gegenüber dem gemeingerm. simplex (vgl. th. 6, 981): got. liþus m., ahd. lith, lid m. n. (in compos. auch lidu-), mhd. lit m. n., frühnhd. lid, lit, lyet n., as. liđ m., mnd. lit, let n., mnl. lit, let n., nnl. lid n., ags. liđ m. n. (in compos. auch liođu-), engl. lith, afries. lith, leth n., anord. liđr m., schwed. led m., dän. led; hierzu anord. liđa beugen, ags. aliþian zergliedern, trennen, ahd. lidōn, mhd. zerliden, in stücke hauen; germ. liþu- ist dentalableitung zur germ. wurzel li-, idg. lei-, li- biegen vgl. lat. lituus krummstab der auguren, krummes signalhorn; es handelt sich wohl um idg. tes/tos-stamm, vgl. Lidén spraͦkvet. sällsk. i Upsala förhandl. 1891 —94 74 u. Güntert wörter u. sachen 11. 124 ff.; von liþu- abgeleitet ist wohl anord. lidugr beweglich, frei, unbehindert, neunorweg. lidug, schwed. ledig beweglich, biegsam, unbehindert, afries. lethoch, ledich, ags. liđig biegsam, geschmeidig, mengl. lethy ledig, leer mhd. ledec, lidic, ledig, frei unbehindert, mnd. led(d)ich, nhd. ledig; vgl. Falk-Torp 1, 630 und Hellquist 401ᵇ; dagegen Persson wurzelerw. 6 (zu germ. liþan gehen), entsprech. o. th. 6, 497 u. Weigand-Hirt 2, 37 (zu lid gang); Klugestellt es zu mengl. lethe musze, freie zeit, nnd. onlede unmusze, kummer und hebt beide von unserer gruppe ab, während Kluge-Götze daneben auf glied verweist. zur germ. wurzel li- gehört mit m-erweiterung anord. limr glied, zweig, lim n. feine zweige, ags. lim n. glied, theil, zweig; anord. lima ein glied abhauen, zerstückeln; anord. limi reisigbund, besen, schwed. dial. lim(m)e dass.; verwandt mit gr. λειμών wiese ('einbuchtung'), lat. līmus schief, līmen türschwelle, wohl auch lit. liemuô baumstamm, wuchs; vgl. Walde-Pokorny 1, 156 ff. das erst seit dem 12. jahrh. (ahd. gl. 1, 551, 15) bezeugte compositum concurriert zunächst noch, vor allem md., mit dem vorherrschenden simplex; innerhalb der schriftsprache ist der kampf auf dem hd. gebiet sehr bald zugunsten des compositums entschieden: schon im 15. jahrh. begegnet lit nur noch vereinzelt, vgl. z. b. Joh. Hartlieb dialogus miracul. 278, 10, sonst vor allem in glossarien, in denen ältere tradition fortlebt, im 16. jahrh. wohl nur noch gelegentlich in der Schweiz s. Staub-Tobler 3, 1087. dasz bei dem raschen zurückweichen des simplex der homonymische zusammenfall mit lit (˂ ahd. hlid) 'deckel', das sich länger hält, wirksam gewesen ist, ist wahrscheinlich, aber bei der starken bedeutungsdifferenz nicht erweisbar. innerhalb der mdaa. ist glied auf hd. gebiet allg. verbreitet, wenn auch keineswegs überall wirklich geläufig (vgl. z. b. Müller-Fraureuth 1, 425ᵇ 'wohl nur in redensarten', vgl. auch Martin-Lienhart 1, 256, dazu das fehlen in systematischen zusammenstellungen wie Wenisch nordwestböhm.) das compositum fehlt in älteren auszengebieten wie dem cimbrischen (Schmeller 143 u. 190) und wohl auch in randgebieten, wie dem kärntischen (Lexer 179 verzeichnet nur lit). daneben hat sich das simplex gehalten, auf rein hd. boden wohl nur im alem. u. bair. süden, z. th. als synonym zu dem compositum, so in Glarus s. Streif 54 u. 102, in theilen Tirols s. Schöpf 194 u. 389, Höfler krankheitsnb. 369, viell. auch in Kärnten (s. o.); häufiger ist es spezialisiert: in der Schweiz bezeichnet lid (meist m.) 'ein stück fleisch, ein viertel von einem geschlachteten stück rindvieh oder von einem schwein' s. Staub-Tobler 3, 1087, Tobler Appenzell 295 (led m.), A. Weber Zürcher oberland 75, in Lusern lit m. die kraft (bei kleinen kindern, die zu gehen anfangen) Bacher 308; im hochpreusz. scheint es mit lit deckel verschmolzen zu der bedeutung 'gelenk am deckel eines trinkgeschirrs' Frischbier 2, 31ᵇ. sonst hat sich das simplex gehalten in älterer oder jüngerer kampfzone gegen das nd. im ripuar. s. rhein. wb. 2, 1272, Hönig Kölner wb. 110, Rovenhagen Aachen 77 (lëd), in Hessen und Waldeck Vilmar 248, Martin Waldeck 241, Bauer-Collitz 67 (nur 'kettenglied'). als erstes glied von zusammensetzungen hat sich lit auch sonst in der alten bedeutung behauptet s. rhein. wb. 2, 1272, Ruckert Unterfranken 112, Frischbier 2, 17ᵇ, Crecelius 559, Haltrich siebenbürg.-sächs. volksspr. (1865) 17, Kramer Bistritz 82, Schacherl Böhmerwald 25, Hügel Wien 100, Überfelder Kärnten 172, Unger-Khull 439, Tobler 296, 298, Hunziker 166, Vetsch Appenzeller mda. 63 u. 161, A. Weber Zürcher oberland 154. dem nd. war das compositum von haus aus fremd: dem as. fehlt es, im mnd. ist es nur schwach belegt (wohl unter einflusz des hd.) s. Schiller-Lübben 2, 45ᵃ; noch Schottel stellt scharf hd. glied gegen nd. lid haubtsprache 52. in den nd. mdaa. ist auch heute noch lid, led herrschend, doch ist daneben das comp. aus der schriftsprache eingedrungen, s. rhein. wb. 2, 1272, Mensing 2, 390, 3, 426 u. 471, Bauer-Collitz 40 (nd.; lit blosz noch für kettenglied), Woeste-Nörrenberg 80 u. 160 (lit auch vorwiegend 'kettenglied'), Böger Schwalenberg 151, mecklenburg. mda. 27ᵃ (daher u. wohl noch verstärkt durch hd. einflusz gl. häufig bei F. Reuter, z. b. stromtid 2, 40; 376; 451; 453 S.); der übergang zum compos. zeigt sich gelegentlich darin, dasz sich neben sing. lid plur. glieder stellt s. Danneil 125, Berghaus 2, 390, mecklenburg. mda. 27ᵃ, vgl. Mensing 2, 390; vereinzelt ist auch im nd. schon glied alleinherrschend geworden s. Damköhler 62 u. 118, Fischer samländ. 53, Block Eilsdorf 65.
form. während das simplex im ahd. alle 3 geschlechter aufweist (zum fem. vgl. Franck altfrk. gr. 200 § 154 u. Schatz altbair. gr. 113 § 102ᶜ), lit mhd. noch stark zwischen m. u. n. schwankt, gelit mhd. wenigstens noch vereinzelt m. ist, ist das geschlecht von gl. im nhd. stets n. das mhd. daneben stehende collective gelide n. Lexer 1, 816, Wernher Marienleben 905 verliert unter dem einflusz von gelit seinen collectiven charakter und schwindet dann: do sol ... ein ieklich gelide als für sich selber den andern dehein leit tuͦn oder drang Tauler 158, 36 V.; 72, 31; schemiges gelyde Diefenbach n. gl. 308ᵃ; vgl. gl. 642ᶜ; ein lútzel glide erste dt. bibel 2, 418; das erst gliede H. Sachs 17, 422 K.-G. der pl. von lit erscheint ahd. in 3 formen: lidi, lide m., lid n. u. (10./11. jahrh.) lider, lidir (ahd. gl. 3, 439, 69, Wiener Notkerhs. ps. 30, 1 u. 34, Piper 3, 84⁶ u. 102⁶); diese dreiheit behauptet sich über das mhd. hinaus im älteren nhd. auch bei dem compositum, nur dasz pl. glide nicht mehr auf m. sg. hinweist, sondern als jüngerer neutr. pl. erscheint. endungsloser pl. begegnet noch im ganzen 16. jahrh., wobei natürlich gelegentlich apokope vorliegen mag: durch all gelied bisz auff das marck H. Sachs 6, 369 K.-G.; zwei gantz glidt von sant Valentino wittenb. heiligtumsb. (1509) e 4ᵇ; die gelid der grossen altvaͤtter Jesu Christi Luther 10, 3, 312 W.; für alle ... glid C. Hedio chron. germ. (1530) 107ᵇ; all vorgemelter hauffen glid J. v. Schwarzenberg Cicero (1535) 1503; sechs glid oder stellen Dreyfelder histor. d. hauses Est (1580) 117ᵇ; in alle glied N. Selnecker christl. psalmen (1587) 420; die glid in einander hengen Henisch (1616) 1648 (er hat sonst glider). den pl. gliede stellt noch Pölmann (1671) neben glieder; doch erscheinen flectierte pluralformen ohne r nach dem 15. jahrh. nur selten, so dasz bei Pölman wohl beeinflussung durch den nd. dialekt vorliegt (vgl. auch P. B. beitr. 31, 347 anm.): gelide Luther wider den falsch genannten geistl. stand (1522) H 2ᵇ; denn gott rechnet nicht noch den glieden Luther 10, 2, 281 W., vgl. 26, 647; dann es ist wäger, das eins diner gliden umbkoͤmme Zwingli von freiheit der speisen 173 ndr.; unser furstenthumb Grossenglogau mit allen und yglichen weichpilden, glieden und zugehörungen (aus d. j. 1511) lehns- u. besitzurk. Schlesiens 1, 259; in drey glieden Micrälius Pommerland (1640) 4, 136; der gen. gelegentlich apokopiert: es ist dir besser, das eins deiner gelied verderbe Matth. 5, 29. der plur. auf -er, der schon im 13. jahrh. nicht selten ist, vgl.P. B. beitr. 37, 51 u. 517, bes. aber seit dem 14. jahrh. obd. wie md. stark hervortritt, vgl. z. b. buch Daniel 2484 H., 6866; Hugo v. Trimberg renner (meist gelider s.P. B. beitr. 37, 530); Tauler predigten, häufig; Wernher Marienleben 4603, 9824; Heinr. v. Neustadt Apollonius 13562 (reim); Heinr. v. Burgus 5019; st. Georgener prediger 115, 9; 216, 21; 339, 25, überwiegt seit dem 15. jahrh. durchaus; Luther schwankt zwar noch, doch herrschen die -er-formen durchaus vor, s. Dietz 2, 136; der gen. pl. wird gelegentlich auf -rn gebildet (vgl. auch Paul gr. 2, § 18 a. 3): den ordenlichen gebrauch der glidern unseres leibs Gretter erklär. d. epistel Pauli 353; erstaͤrckung der glidern Fischart ehzuchtbüchl. 297 H.; der dat. pl. hält auch obd. noch häufig das e der endung fest, z. b. glideren Zwingli dt. schr. 1, 61; andererseits begegnen formen ohne n (vgl. P. B. beitr. 37, 524 u. 540) bis ins 17. jahrh. (nicht blosz aus reimzwang): starck ... in meyn glider (: wider) Murner schelmenzunft 73 ndr.; in glider kranck Stumpf Schweizerchronik (1606) 261. der mit unorgan. e erweiterte nom. acc. pl., der beim simplex gut bezeugt ist (schon lidera gl. 3, 431, 15; 12. jahrh.), vgl. Tauler predigten reg. 477 V. u. P. B. beitr. 37, 524, ist beim compos. schriftsprachlich selten: bey hundert und achzig glidere des raths blieben auf der wahlstatt A. v. Haller Fabius u. Cato 48, begegnet aber in mdaa. öfter, vgl. z. b. Follmann Lothr. 208ᵇ; Rovenhagen Aachen 45. die von Gürtler P. B. beitr. 37, 543 nachgewiesene übertragung der pluralendung auf den sing. begegnet nhd. nicht mehr. der dental des stammes erscheint im 14. u. 15. jahrh. gelegentlich als tt: mit manchim gelitte: dâmitte Nikolaus v. Jeroschin 830 Str.; under disen gelitten: enmitten ebda 853; glitte Diefenbach gl. 355ᵇ, im 15. u. 16. jahrh. zur kennzeichnung der vokalkürze als dd: glidder Diefenbach gl. 532ᶜ, 596ᶜ; alle gelydder Luther 2, 125 W.; mit allen seynen glidderen H. v. Cronberg 120 ndr. der stammvokal erscheint md. u. nd. auch als e: gelet, glet Diefenbach-Wülker 628; geledder Schiller-Lübben 2, 40ᵃ (in offener silbe nd. zerdehnung); an allen geledern pilgerfahrt des ritters v. Harff 79; di gleder hist. volksl. 1, 320 Liliencron; vereinzelt erscheint u (= ü): gelud Jostes meister Eckhart 78, unorganisch ey, ei in gleydt ordn. d. schlosses Tirol v. 1505 bei Schöpf 36; geleiden volks- u. gesellsch.-lieder nr. 60, 39 Kopp. die dehnung hat sich von Mitteldeutschland aus früh verbreitet (gelegentliche kürze aber noch bei Luther), die schreibung mit ie ist seit dem 14. jahrh. häufig (nicht nur md., vgl. Tauler 81, 6, 124, 22 V.), sie ist bei Luther nach 1522 die regel, setzt sich aber nur langsam durch: noch Stieler 670 schwankt, dagegen kennen Steinbach und Frisch nur glied. das e des präfixes, das schon mhd. häufig synkopiert wird, ist im 16. jahrh. noch oft erhalten, überwiegt bei Luther vgl. Dietz 2, 136f.; vgl. ein klein gelied sprüchw., klugreden (1548) 35ᵃ; bis ins dritt und vierd gelidt Hayneccius Hans Pfriem (1582) 52 ndr., weitere belege Paul-Braune beitr. 31, 369; und wird bis über die mitte des 17. jahrh. anerkannt: ein wortlit oder gelied eines worts Harsdörffer secretarius 2, ):( 6ᵃ; von dem ... saͤchsischen lit oder let membrum. die hochdeutschen spraͤchen iz gelid oder glid Bellin hd. rechtschreibung (1657) 1; also kann ich wol sagen grade glieder vor gerade gelieder, weil man auch im ausreden das fordere e ofters zuruͤck haͤlt A. Buchner poeterey 71; Stieler kennt nur noch formen ohne e. in den obd. dialekten ist die synkope immerhin so früh eingetreten, dasz das g als stammhaft empfunden wurde s. Streif Glarner mdaa. 54; Wiget Toggenburg 113; Jutz alem. 219.
bedeutung. die bedeutung von lit, gelit hat von beginn der überlieferung an stark unter dem einflusz von membrum, artus, articulus gestanden (wie entspr. got. liþus unter der einwirkung des neutestamentl. μέλος), ohne sich doch jemals ganz mit diesen zu decken. die bedeutungsübergänge sind sehr flieszend, insbes. ist oft unsicher, von welcher eigentlichen bedeutung die übertragenen abgeleitet sind.
I.
gelenk, bewegliche verbindung zweier theile des körpers und der ort dieser verbindung.
A.
beim menschlichen oder thierischen körper. die grundbedeutung 'krümmung' vereinigte wohl für germ. liþu- von anfang an die begriffe 'gelenk' und 'beweglicher körpertheil'; ersterer fehlt zwar dem got., da dem griech. text die entsprechung abgeht, wird aber durch die übereinstimmung der andern germ. sprachen gesichert. im gegensatz bes. zum anord. steht im dt., zumal im hd., für das simplex die bedeutung 'gelenk' beträchtlich hinter der von 'membrum' zurück. das hat z. th. seinen grund darin, dasz sich für die erstere bedeutung ahd. gileich, mhd. geleich und späterhin mhd. gelenke darbot. dies gilt in noch erhöhtem masz für das compositum; zwar mochte die präfigierung in anbetracht des ältesten beleges juncturœ [femorum] gilith ahd. gl. 1, 551₁₅ (12. jahrh.) gerade das verbindende moment betonen, aber weiterhin sind die belege äuszerst spärlich, zumal auch die glossierungen von articulus Diefenbach gl. 51ᵇ, n. gl. 35 f. keineswegs eindeutig sind; in der mhd. lit. fehlen obd. sichere belege; wer einen peern erlegt, sol den rechten prankchen, so am hintern gleydt abgeledigt werden soll, also rauch zu antworten schuldig sein ordnung des schlosses Tirol 1505 bei Schöpf-Hofer 36. später eindeutige belege nur noch in den wbb.: artickel vel articul, ein glid, ein gleich, kleine gelenck Simon Roth; excidunt ossa ... verrenckend sich oder gond ausz glid Frisius (1556) 935ᵃ; luxata ... verrenkt ... ausz dem glid gangen 789ᵃ; Stieler 670; Hulsius (1618) 2, 175ᵃ; arthron ein glied, gelenck, une jointure, ist eine solche vereinigung der beinen, die zur bewegung bequem sey Blancard med. wb. (1710) 69; das glied, gelenck la jointure, article Schwan nouv. dict. (1783) 1, 764ᵇ; schillernd ist der gebrauch da, wo von gliederschmerz und mitteln dagegen die rede ist, da hier zunächst wohl an die gelenke gedacht ist, aber der begriff membrum als der umfassendere sich an die stelle schiebt: salben für gliderwehe: nim auszgelassen dachsschmaltz und branntenwein gleich vil, damit salb die glider nach dem bad Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 380. dies gilt auch von den entsprechenden composita wie gliedersucht, vgl. von der gleichsucht arthritis ... die gleich- oder gliedersucht Wirsung artzneyb. (1588) 595ᶜ, während in gliedschwamm und glied(er)wasser die bedeutung gelenk im wesentlichen unangetastet geblieben ist. in dialekten ist die bedeutung gelenk noch vorhanden, s. z. b. Crecelius 425, Berghaus 1, 575ᵃ (vgl. für nd. lidd z. b. Mensing 3, 471 u. 426).
B.
auf lebloses übertragen: solchs instrument (ein zirkelähnliches instrument) wirdt ... gewendt und umbgeryben, und in glidern der stangen soͤllen scheiben seyn Dürer underweysung der messung (1525) D I E.
II.
organischer theil des menschlichen oder thierischen körpers.
A.
in gelenken beweglich; dies neben 'gelenk' die älteste bedeutung von germ. liþu-; das compositum übernimmt sie ohne sichtbare differenzierung; eine collectivierung durch das präfix läszt sich weder in dem sinne feststellen, dasz gl. sich weniger als lid auf die theilabschnitte der gliedmaszen und mehr auf ihre gesamtheit bezöge, noch in dem sinne, dasz gl. stärker als lid die äuszeren theile der gliedmaszen (haut, muskeln u. s. w.) einbezöge, wie dies heute etwa von gliedmaszen gegenüber glieder gilt; vielmehr ist dies für lid wie für gl. die regel, doch auch für letzteres schon in älterer sprache nicht unbedingt, vgl. z. b. glid = fleisch desz leybs, das die bein bedeckt, membrum J. Maaler 185ᵈ neben membrum, haut und fleisch, damit die glieder des leibs überzogen sind: item ein ietlichs glied Calepinus XI ling. (1598) 881ᵃ. seit dem spätmhd. wird gliedmasz(en) synonym und ist daher zu vergleichen.
1)
beim menschen.
a)
am häufigsten für arme und beine in ihrer gesamtheit und ihren theilen; der bezeichnung haftet eine grosze unschärfe an, so dasz ohne näheren zusatz die beschränkung auf arme und beine nicht immer sicher ist, auch wo sie zweifellos im vordergrund stehen.
α)
allgemein, zumeist im plural: wem ain gelid zerplæt ist, ez sei arm oder pain, der nem rauten gar wol zestosen Konrad v. Megenberg 417, 30 Pf.; artus grosz gleth als arm, beyn Diefenbach gl. 52ᵇ;
ja wenn sie erst den kopf riskieren
und glieder, arm und bein, verlieren
Bauernfeld ges. schr. 5, 49;
hernach wil ich ... zu der glyder lengen auff allen zwerchlinien die preiten ... setzen Dürer menschl. proportion (1528) A 4ᶜ; wie denn solche (gebrechlichkeit vortäuschende vagabunden) oft ergriffen und meister Hansen die glieder wider zu recht zu bringen befohlen werden A. Pape bettel- u. garteteuffel (1586) K 8; man soll die knaben zu den ringmeysteren ... schicken, beydes von wegen rechtfüger gestaltung und artlicher wolschickung und auch erstaͤrckung der glidern sampt gesunder wolsetzung des leibs Fischart phil. ehzuchtbüchl. 297 H.; bedunckte mich, es wären mir alle glieder entzwey Grimmelshausen 4, 677 Keller; freyer heldengang, der glieder hurtigkeit König ged. (1745) 3; alle falten bei Raphael haben ihre ursachen, es sei durch ihr eigen gewicht oder durch die ziehung der glieder Sturz 1, 51; der dampf meines kerkers ... frasz meine brust an, senkte tödtliche mattigkeit in meine glieder Schubart br. 2, 1 Str.; ich ... ziehe mir ... eine grimmige erkältung zu, die ärzte, in streit, ob daraus ein rheuma oder katarrh entstanden ist, lassen beide teufel in meinen gliedern sich balgen Göthe IV 29, 195 W.;
mit angeklemmten gliedern sasz ich da
und log, von sorge überschlau gemacht,
ein heitres angesicht der finstern nacht
A. v. Droste-Hülshoff 2, 96 (1878) 2, 276 Cotta;
straff ward die muskel, mark erfüllt die knochen,
die weichen glieder wurden fest und eisern
gr. Strachwitz ged. (1850) XIII;
speziell auf die arme bezüglich:
mit ewern gliedern sanfft und hart
solt ihr einander froh umbfassen
Zinkgref auserles. ged. 39 ndr.;
bis er ... eines gliedes (d. h. eines armes) beraubt ... verabschiedet worden war L. v. François Reckenburgerin (1871) 1, 2.
β)
hier nimmt die gegenüberstellung von kopf (haupt) und gliedern ihren ausgang, freilich mit vorliebe übertragen (s. u. III A) die schlauen Deutschen, welche so viel gehirne im kopffe als marck in gliedern hatten Lohenstein Arminius 1, 44ᵇ; wem man den kopff abschlägt, dem kan kein glied mehr schaden A. Gryphius trauersp. 26 P.; du streitest wieder dein eignes haubt mit unmessigen fressen und sauffen ... und verdirbest dadurch jaͤmmerlich deine eigene glieder J. Rist d. friedenwünschende Teutschland 70; mit hinneigung zum bilde: wenn der kopf krank ist, so legen alle glieder ihr beigleid ab Rother Schles. sprichw. 52ᵃ; wann das haupt kranck ist, so trawren alle glider Tappius adag. (1545) B b 2 β, vgl. 1. Kor. 12, 26; nun sorget das haupt für alle glieder, dasz sie unverletzt bleiben Schupp Corinna 109 ndr.; die glieder ... sollen dem willen desz haupts volgen Moscherosch insomnis cura parentum 76 ndr.; mit ausgesprochener übertragung:
wenn haupt und glieder sich trennen,
da wird sich zeigen, wo die seele wohnte
Schiller 12, 295 G.;
stand nicht der kopf schon, eh noch ein glied sich regte?
2, 45.
bes. dient die verbindung haupt und glieder zur kennzeichnung der gesamtheit organisierter gebilde: die reformation der kirche an haupt und gliedern Büchmann geflügelte worte²⁶ 462; anschauungen über den verfall des staates an haupt und gliedern Mommsen röm. gesch. 2, 86; vgl. auch u. III.
γ)
feste wendungen; gelegentlich macht sich hierbei schon die neigung zum metonymischen gebrauch von glieder für 'körper' geltend (s. u. II D), ohne dasz sichere trennung möglich ist.
aa)
mit adjectiven: gerade oder gesunde glieder gelten als inbegriff äuszerer gesundheit: das es dem leibe seer nützlich ist, macht gerade, starcke, gesunde, schöne und geschickte gelieder Luther 19, 607 W.; halt ers maul, ich bitt ihn, mit seinen graden gliedern Gottl. Stephanie d. j. s. singsp. 159; ich bin von herzen froh, dasz ich meine graden glieder habe Hafner ges. lustsp. 2, 196; dasz man aufs dorf gehen musz, um sich gerade glieder brechen zu lassen Holtei vierzig jahre 1, 22; thu dich nur nehmen in acht, dasz du nicht kommst um deine geraden glieder M. v. Ebner-Eschenbach 2, 66; ... klagte, dasz C. kein gesundes glied an ihrem leibe habe Schupp Corinna 58 ndr.; mit gesunden gliedern O. Ludwig 2, 44; dem gegenüber krumme glieder; ein kind mit schwachen gliedern Steinbach 1, 605; über die zahllosen bezeichnungen kranker glieder, die zumeist hierher gehören, s. Höfler krankheitsnb. 369f.; daneben stehen wendungen mit präpositioneller abhängigkeit vom adj.: lahm ... in allen gliedern Grimmelshausen vogelnest 2, 383 Keller; an allen glydern lame Ambach vom zusauffen B 3ᵇ; stark von gliedern Wickram 1, 33 B.; Mörike 1, 261 G.; von gliedern klein Reinicke fuchs (1650) 391.
bb)
mit verben. gl. als subject. am geläufigsten ist die glieder zittern als ausdruck von gemütserregungen, bes. angst u. schreck, von schwäche, alter oder krankheit; vgl. mîne lide rîdont Notker 1, 8 P.;
... schawt, wie myn glider
ein teil so vast noch zittern
Altswert 249, 5;
das alter in eym wesen stat,
inn zittern glyder, stym und hirn
Brant narrenschiff 28, 23 Z.;
der visch hat mich erschrecket sider,
daz mir zittren all mein gelieder
H. Sachs 1, 144, 33 K.;
ich bö — boͤbre schohn, di glider zittern mihr Zesen adr. Rosemund 17 ndr.; ... ich alderir mich, dasz mer alle glidder zidern Niebergall dram. w. 113; diese wendung auch in den mdaa. weit verbreitet; daneben an allen gliedern zittern (s. u.). beben, schlottern, fliegen: mir aͤrmsten bebet iedes glied Lohenstein 1, 24; meine glieder beben Herder 27, 61 S.; mir beben die glieder Göthe 11, 327 W.; dasz ... ihm wirklich von ungeheurem entsetzen alle glieder bebten Fouqué gefühle 1, 27; krankheit hat ihm die glieder schlotternd gemacht Laube ges. schr. 1, 275; seine glieder flogen, der angstschweisz drang ihm aus allen poren G. Hauptmann bahnwärter Thiel 31. wehthun, den dienst versagen, absterben: hab ich doch heute zu schaffen gehabt, dasz mir ordentlich alle glieder wehthun Eichendorf s. w. (1864) 2, 384;
jetzt thun ihm alle glieder weh,
weil er musz Sachsen missen
Ditfurth einh. hist. volksl. d. pr. heeres 42;
o, weh mir! meine glieder
versagen mir den dienst
Grillparzer (Medea) 5, 227 S.;
absterben ... wird ... von einzelnen gliedern gesaget, die durch den schlag oder eine andere lähmung ... zur bewegung und zum gefühle ungeschickt gemacht werden; ... es starb ihm ein glied nach dem andern ab Gottsched beob. (1758) 283; gl. als object. die glieder brauchen, rühren (s. theil 8, 1459), regen, bewegen, fort (vorwärts) schleppen:
er fiehl auff beede knie darnider,
kundt nit mehr brauchen seine glider
Spreng Ilias (1610) 52ᵇ;
jedes glied im spiele ... brauchen und ... üben Göthe 23, 199 W.; — sie ruorten manlich dâ ir lit U. v. Lichtenstein 315, 19; er konnte kaum mehr athmen oder die glieder ruͤhren Lohenstein Arminius 1, 419;
nach der mode glieder rühren ...
wil Morinna alle lehren
F. v. Logau sinngedichte 212, 29 E.;
demuth, die ... dem schöpfer vertraut, durch ihn berge zu versetzen, ohne ihn kein glied zu rühren, vielweniger gedanken zu erschaffen glaubt G. Forster s. schr. 7, 132; oft hyperbolisch gebraucht: er, der vor aller augen auf dem mächtigsten throne Europas hätte sitzen sollen ..., wurde durch einen geheimnisvollen zwang ... in verborgenheit und armut gehalten, dasz er kein glied ohne den willen seines tyrannen rühren konnte G. Keller ges. w. 2, 53; — di irscraken also sere, daz si ein gelit nicht regen mochten hl. regel f. vollk. leben 45, 6;
er fiehl bald auff die erden nider,
thet nit mehr regen seine glider
J. Spreng Ilias 48ᵇ;
wie — oder wollen wir kein glied bewegen
und wehrlos fallen mann für mann?
Z. Werner kreuz an d. Ostsee 59;
amputierte glauben, die fehlenden glieder zu bewegen, wenn sie die stuͤmpfe bewegen Sömmerring menschl. körper 6, 766; ich kann d'r kee glied ni bewegen G. Hauptmann d. weber 32; —
die glieder, so in frost und qual
ihn treulich trugen durch die steppen,
kaum vorwärts weisz er sie zu schleppen
A. v. Droste-Hülshoff 2, 41 (1878);
Heine 1, 32 E. die glieder recken (s. th. 8, 445), dehnen, schütteln als zeichen von kraft, begehren oder müdigkeit, oder um sich ihrer unverletztheit zu vergewissern; belege aus Göthe s. theil 8, 445 u. 2, 903; ich ... recke die glieder und finde, dasz die maschine noch in ordnung, allerdings etwas zerkratzt H. v. Barth Kalkalpen 61; noch bin ich frei und ledig! rief er aus und schüttelte alle glieder Eichendorf s. w. (1864) 2, 116. die glieder (aus)strecken (zu ruhe, schlaf oder zum tode): schau, tochter, ob ich wo die glieder strecken kan A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 979; Denis lieder Sineds 93, 11; dieser ... streckte unvermerkt seine glieder aus und schlief ein auf dem knisternden schnee G. Keller ges. w. 5, 46; wie wohl es thut, die glieder auszustrecken Grillparzer 6, 120 S.; vgl. ausgereckte glieder Göthe 14, 150 (Faust 3034). die glieder erquicken, beleben, erhitzen: ein masz wein erquickt die glieder Moscherosch gesichte (1650) 2, 213;
doch leb ich und betrachte
die teure stadt noch immer,
erquick im morgenschimmer
die glieder schwach und alt
Platen 1, 21 R.;
wenn ihm der sonnenschein voriger tage wieder die glieder zu beleben schien Göthe 21, 120 W.;
den [wein] schuͤt er in rachen hinein,
dasz er ihm all glieder erhitzt
bei Dähnhardt griech. dramen 2, 96.
die glieder (zer)brechen, zerschlagen, abschlagen, absetzen: und wiewohl er keins seiner glieder gebrochen hatte, konnte er doch keinen weg finden, um heraus zu kommen k. u. h.-märchen (1812) 269;
so hat mir auch der zoren dein
dew gelider oft zeprochen (der leib spricht zur seele)
Heinrich v. Burgus 5018;
einem die glieder zerbrechen Steinbach 1, 605; sich ... glieder zerschlagen lassen Stifter 3, 216; partic. zerschlagen gern bildlich zur kennzeichnung des ermattungsschmerzes:
und wäre auch dieser ort ein gottgeweihter,
o führe, setze mich dahin und gönne
doch endlich den zerschlagnen gliedern rast
Jos. v. Collin Regulus (1802) 137;
die glieder abschlahen Frisius dict. 364ᵃ; dies gern bildlich: hier musz ich liegen bleiben ... meine glieder wie abgeschlagen Schiller 2, 114 G.; amputation wird bes. in älterer medizinischer sprache durch absetzen bezeichnet: ein artzt musz offt ein glied absetzen, dasz der leib erhalten wird Lehman floril. polit. (1662) 2, 714; s. auch theil 1, 117. gl. in präpositioneller fügung; bei persönlichem subject: an allen gliedern zitternd Göthe 45, 105 W.; G. Keller 6, 69; Erasmus hatte an allen gliedern gezittert und im angesichte geglänzt Stifter 2, 119; mit allen gliedern zittern Steinbach 1, 605; in allen glideren zittern J. Maaler 185ᵈ; seltener in gleicher verwendung zucken, beben: endlich warf er sich gänzlich erschöpft, an allen gliedern zuckend, auf das canapee Storm 2, 295; in allen gliedern bebend Mörike 3, 61 G.;
dann sink ich in die tiefste tiefe, bebe
durch alle glieder
Schubart s. ged. 1, 6;
sie bebte nur durch alle glieder Pfeffel poet. vers. 1, 28;
ach heilger gott, ich habs in allen gliedern!
wir sind verloren
Grillparzer 11, 159 S.
bei abstractem subject, besonders von schreck, furcht, angst, schauer, krankheit gebraucht, seltener bei sachlichem und bei unpersönlichem subject: fahren durch die glieder:
Pandur trat kühn herein und stieg zur grotte nieder;
ein heiligs schrecken fuhr durch seine starren glieder,
da er dem gott sich naht
Zachariä poet. schr. 1, 62;
grausen und schmerz faͤhrt durch seine glieder Herder 5, 15 S.; Stillingen fuhr der zorn durch die gl. Göthe gespr. 1, 16;
die flamme, so nunmehr durch alle glieder faͤhrt,
entglamm naͤchst in der burg der lichten feuerballen
Hoffmannswaldau-Neukirch 5, 90;
ich fasse endlich die hand, die sie emporhält, und ein elektrischer schlag fährt mir durch alle glieder E. Th. A. Hoffmann 10, 152 Gr.; wie mirs durch alle glieder faͤhrt maler Müller 3, 95; das fuhr mir durch alle glieder Göthe 8, 51 W. (s. auch theil 3, 1250); Gutzkow ritter v. geiste 2, 325; fahren in die glieder: der schreck ist mir in die glieder gefahren Göthe 27, 366 W.; O. Ludwig, ges. schr. 2, 75; sonst wären mir die versetzten groszvaterfreuden am ende in die glieder gefahren H. Seidel Leberecht Hühnchen 263; der abt war sprachlos, die keckheit war ihm lähmend in die glieder gefahren Scheffel ges. w. (1907) 1, 144; die geschichte ist mir in die glieder gefahren Wigand der menschl. körper im munde d. dt. volkes 85;
und (die narren) raunten hin und wieder
und stieszen einander an;
das fuhr mir in die glieder,
dasz ich den frost gewann
Göthe 3, 192 W.
laufen, schleichen, gehen, wallen, dringen durch die gl.: so oft indessen der gedanke in mir aufstieg, ... lief ein kalter schauer durch meine glieder Knigge roman m. lebens 3, 111; die freude läuft mir durch alle glieder, dasz du mich besuchen willst Heinse 4, 367 Sch.; — eine sanfte mattigkeit schlich durch alle ihre glieder Göthe 37, 26 W.;
schleicht, wie vom haupt der gräszlichen gorgone,
versteinernd dir ein zauber durch die glieder?
(Iphigenie 3, 1) 10, 50;
froud, di da gat durch al glider Diefenbach gl. 623ᵃ; aus meinem ... schlafzimmer, wo mir der zugwind durch alle glieder ging jahrb. der Grillparzergesellsch. 1, 113; dörch sine glieder gung en furchtbores bewern Reuter stromtid 2, 451 S.;
ich fühle schon den schlaf durch alle glieder wallen
Gottsched dt. schaubühne 1, 232;
ein kalter schauer drang durch alle meine glieder
Cronegk schr. (1766) 2, 132;
ein kusz, den ich dem mädchen aufgedruͤckt,
der mir durch alle glieder drang
Schubart s. ged. 2, 37;
auf einmal! ach es dringt
ein seliges gefühl durch alle meine glieder!
Göthe 2, 90 W.
blitzen, zucken, beben, fliegen (theil 6, 1015), toben, kreuzen, strömen, sich gieszen: wem blitzte nicht oft ein kalter schauer durch alle glieder Hippel kreuz- u. querzüge 1, 18;
urahnfrau liebte schmuck und gold,
das zuckt wohl durch die glieder
Göthe 3, 368 W.
mir zuckte es in allen meinen gliedern, herunterzuspringen Eichendorf s. w. (1864) 3, 23;
plötzlich bebt ein heilger schauer durch des knaben glieder
Hölderlin 1, 38 L.;
da fühlte sie — und ein ahnendes zittern flog durch ihre glieder — die bärtige lippe auf ihrer stirn Holtei erz. schr. 5, 205;
wie tobt es durch die matten glieder?
Mastalier ged. 81;
dieser bericht rannte mir wie ein feuer durch alle glieder U. Bräker s. schr. 1, 61; indessen mir das podagra durch alle glieder kreuzt Kotzebue s. dram. w. 1, 4; ich glaubte es zu fühlen, wie die lebenswärme durch ihre jungen glieder strömte Storm (1907¹⁰) 1, 88; ein eisstrom gosz sich durch meine glieder E. T. A. Hoffmann 6, 69 Gr. schlagen in die gl.: befanden, dasz Herzbrudern vergeben worden, und weil das gift nicht starck genug gewesen, ihn gleich hinzurichten, dasz solches ihm in die glieder geschlagen wäre ... Grimmelshausen Simpl. 385 ndr.; dem das verschwelgte viertelhundert reichsthaler dermaszen in die glieder geschlagen war, dasz er keinen schritt gehen konnte Langbein s. schr. 31, 146; aus Göthe s. theil 9, 44; was is ihnen denn so in die glieder geschlagen? G. Hauptmann d. weber 84. stecken, liegen, sitzen, sein in den gliedern: in ähnlicher verwendung wie die obigen verben, doch stecken und liegen zugleich in der bedeutung 'neigung bzw. fähigkeit haben für' z. b. das reisen steckt mir in den gliedern Bettine d. Günderode 2, 66; hast und raschlebigkeit, die all unsern zeitgenossen in den gliedern steckt F. M. Böhme geschichte d. tanzes 218; ist nun das trommeln ein angeborenes talent oder hab ich es frühzeitig ausgebildet, genug, es liegt mir in den gliedern, in händen und füszen Heine 3, 156 E.; allgemeiner der sonstige gebrauch: untersuche dich ja, ob dir dergleichen zeug in den gliedern steckt Göthe IV 27, 221 W.; R., dem noch der vorige zank in den gliedern steckte Eichendorf (1864) 3, 450; sie haben nur eine erkältung, und der schrecken steckt ihnen noch in den gliedern graf Pocci lustiges komödienbüchlein 181; — der zufall, über welchen sie mir ihr beyleid bezeugt haben, liegt mir noch in den gliedern Lessing 18, 270 M.; mir liegt der schlaf in allen gliedern Schiller 13, 448 G.; der schreck liegt mir in allen gliedern A. v. Arnim 16, 107;
der böse tag
so schwer mir in den gliedern lag
Brentano 2, 83;
es liegt mir noch der katzenjammer einer schlechten rede in den gliedern briefe von u. an Herwegh 365; nachdem sie sechs reihen (des tanzes) erduldet hatte, erklärte sie positiv: es liege ihr in den gliedern wie blei — es ginge nicht mehr! Melch. Meyr aus d. Ries 1, 325; — die erfahrung sasz ihm noch in den gliedern W. v. Polenz Grabenhäger 2, 101; — das thauwetter war mir in den gliedern Göthe III 1, 78 W. herausgucken, -wollen: es guckt uns der tod zu allen gliedern heraus A. Hondorff historien u. exempelbuch 405ᵃ, Petri der Teutschen weiszheit 1, C 1ᵛ; der mann, dem geist, imagination, nachahmungsbegierde zu allen gliedern heraus will Göthe IV 4, 123 W.; schaudern, wohlthun: wie fühl ichs zittern in allen nerven, schaudern in allen gliedern Schubart leben u. gesinnungen 1, 224; dem bürgermeister that dieser schmeichelhafte ausspruch in allen gliedern wohl H. Kurz 2, 81.
δ)
oft in bildlicher verwendung bei vermenschlichung der natur:
seht, wie so grüne werden
die glieder überall der breitgebrüsten erden,
feld, wiesen, berge, tal
P. Fleming dt. ged. 59;
(der du) sie (die erde) mit kühlem taue tränkst,
dasz frisches grün um ihre glieder,
ihr haupt mit jungen blumen lacht
Uz 200 Sauer;
das land streckt seine arme und glieder, wie sich das geripp der gebirge streckt Herder 13, 34 S.; felsenstücke stürzten zermalmend auf den feind. es schien das ganze gebirge selbst wie ein riese die steinernen glieder zu bewegen, um die fremden menschen abzuschütteln Eichendorf s. w. 2, 250; der wald dehnte seine glieder weithin im nachtschlummer Stifter 1, 252 S.; 262.
b)
seltener (mit ausnahme des unter c genannten gebrauchs) werden speciell einzelne der durch gelenke verbundenen theile von armen und beinen mit gl. bezeichnet, am ehesten hände und füsze: eyn syn gelyth also hende und fusze Diefenbach gl. 400ᵇ; und leget sie (die heilkräftigen würmer) auf ain glit, ez sei fuoz oder hant oder ain ander glit Konrad v. Megenberg 300 Pf.; der kranck empfindt, dasz ihm ... ein kalter dampf ausz dem erkalteten glid, es sey gleich hand oder fusz, ... in den kopf ... steiget Gäbelkover artzneyb. 1, 29; der einer hand oder sunst eins glids mangelt Alberus nov. dict. gen. 45ᵃ; unter den dienenden gliedern ist sie (die hand) die vornehmste Gottsched d. neueste aus d. anm. gelehrs. 1, 50; auch finger und zehen: so viel aber weis ich doch, dasz man zwar wohl eher glieder ablöse, z. e. eine zehe, einen finger J. J. Schwabe belustig. 1, 177; der daume ist ein gl. der hand Happel akad. roman (1690) 193; auch die folgende beteuerungsformel denkt wohl bei gelit eher an finger als an fingerglied (s. c):
ich gæbe ê doch zewâre
durch bœser liute vâre
ein mîn lit (gelit hss.) von mîner hant,
ê ieman wære bekant
daz ich hie bî iu wære
Gottfried Tristan 14745 M.;
ich geb ausz meyner hande
das aller beste glid,
das unser vatter Gybich
het hie den meynen muͦt
hürn. Seyfr. 56 ndr.
es ist kein gl., welches ... mehr schaden ... davon empfengt alsz ein finger Würtz wundartzney (1612) 156; den fingerwechsel findet er (der musiker) vorgeschrieben, damit ein glied dem andern aus dem wege gehe Göthe 25, 1, 9 W.; die vorstellung der einzelnen durch gelenke verbundenen theile liegt vor in wendungen wie glied für glied, von glied zu glied u. s. w.: wenn man mir dies herz aus dem leibe risse und mich glied vor glied verstümmelte Lenz ges. schr. 1, 76 T.; glied für glied würde ich mir für sie martern lassen Gleim briefwechsel 1, 34 f.;
was hindert mich, dasz ich nicht rasend glied von glied
dir basilisce zieh und eyl in staub zu treten
den schlauen natterkopf
A. Gryphius trauersp. 39 P.;
ubergib sie dem scharffrichter, dasz er ihnen die hände von glied zu glied abhawe engl. comedien u. tragedien (1624) C 2ᵇ; artuatim, membratim von glyd zu glyd Diefenbach gl. 52ᵇ, 355ᵇ.
c)
gern erscheint gl. specialisiert für die abschnitte der finger.
α)
concret: ein mitz ist das erst glitt an dem daum Schiltberger reisebuch 60; die zählung der glieder beginnt am handrücken: die gantze faust, wobei nur die ersten glieder der finger (die zunächst an der hand) den kopf stützen Lichtenberg aphorismen 5, 35 L.; an dem goldfinger zur rechten fehlten ... schon zwey glieder J. J. Schwabe belustig. 1, 556; kleines glied (1512 kleynglyd ...) = das kleine 3. glied am finger Höfler krankheitsnamenb. 370ᵃ; vgl. auch die composita mittelglied, nagelglied.
β)
ohne zusatz im sinne von fingerglied beliebt als masz, bes. im 16. u. 17. jahrh.: ... und musz schier zwey glid lang sein O. Gäbelkover artzneyb. 2, 214; daselbst schneide die haut auf und schneide ferner das dicke (der geschwulst) etwan zwo glieder lang heraus M. Böhme roszartzney (1618) 18; noch umb ein gl. tieffer Schoch studentenleben J 3ᵛ; (man) legt am boden etwan eines gliedes tieff nassen sand v. Hohberg georgica cur. (1682) 443; vgl. glied(s)lang.
d)
auch der kopf wird bisweilen als glied bezeichnet, vgl. furista lid ist caput Graff 2, 189; daz beste lit das haupt Stricker Karl 1433; dieweil wir nun genugsamlich den underscheyd eynfacher und zusammengesetzter glider erklärt und angezeygt haben, volgt das haupt als das höchst und öberst glid zu beschawen W. H. Ryff d. kleyner chirurgi (1542) 9ᵃ.
ir pawrn, ich beudt euch allen friedt
bey dem geldt und dem höchsten gliedt!
H. Sachs 14, 70 K.-G.; 8, 229.
e)
bei der häufigen contrastierung von leib und gliedern ist der kopf gelegentlich deutlich eingeschlossen, zumeist bleibt es unsicher: der leib desz wassersuͤchtigen, wenn der zunimmet, so nehmen die glieder ab Lehman floril. polit. (1662) 2, 694; die augen sind desz leibs und aller glieder licht 1, 63;
es bekommen leib und glieder ...
ihre newen kraͤffte wider
[im frühling]
G. Voigtländer oden u. lieder (1642) 96, 38;
wo bewegung, stimme, gang
leib und glieder zieret, ...
da ist schoͤnheit
R. Z. Becker mildh. liederb. (1799) 69;
die verbindung leib und glieder ist sonst vor allem der rechtssprache geläufig: an leib und gliedern gestraft werden Carolina 11 K.-Sch.
2)
beim thier. gl. ist auszerfachsprachlich für das thier weniger geläufig, entspricht sonst aber im wesentlichen dem obigen; bei den vierfüszlern unterscheidet man vordere und hintere glieder (brust-und bauchglieder), deren einzelteile anatomisch nach analogie des menschlichen körpers benannt werden, wobei aber zu den vorderen auch schulterblatt und schlüsselbein gerechnet werden (vgl. Behlen forst- u. jagdbrauch 3, 455); so eym rind eyn glid erfreurt, das es hinckend wuͤrd, so soll man ihm den fusz waͤschen M. Herr feldbau 199ᵃ; 197ᵇ; die valcken leident manigerlay sucht, die ich hie beschreiben will nach ordnunge der glider an dem kopff anzufahen Mynsinger v. d. falken 22 H.;
wie gottes kraft der nachtentstammten Hyder
durch einen schlag zerschmettert hat die glieder
Rückert ges. w. 1, 34;
(wenn) man einem rosz an einem glid des leibs lassen will Seutter hippiatria 57; einen dieser normannischen hengste ..., die so glänzend von haut, so stark von gliedern und knochen sind Laube ges. schr. 4, 187;
si (die hindin) zittert, und ihr leib und alle glieder beben
D. v. d. Werder ras. Roland 1. ges. 34. str.;
ebenso im sinne der einzelnen von gelenken begrenzten theile: ganz einzig ... ist die gliederung der fuszzehen; ... indem der äuszere zeh um zwei glieder ... verkuͤrzt ist (beim segler) J. A. Naumann vögel 6, 114; die vier hinteren kletterfüsze (der filzlaus), mit zurückschlagender kralle, weil 2 glieder vorhanden sind Sömmerring menschl. körper 8, 1, 407; auch der schwanz wird als gl. bezeichnet:
der schlaue Renkke fuchs war einmahl ausgerissen
und hatte seinen schwantz zur beute lassen müssen,
... das haͤsslichst aller glieder
J. Rachel sat. ged. 106 ndr.
B.
wohl unter einflusz biblischen und allgemein antiken gebrauchs tritt germ. *liþu- von anfang der überlieferung an auch zur bezeichnung anderer äuszerer (bzw. nach auszen in erscheinung tretender) körpertheile auf, wobei die beweglichkeit zunächst wohl noch voraussetzung ist, die dann aber nicht festgehalten wird; schon im got. wird in der bekannten stelle Matth. 5, 29 liþus auf das auge bezogen. auch gelit zeigt früh diese verwendung.
1)
theile des kopfes (und des halses).
a)
am geläufigsten erscheint die zunge als gl., doch kaum mehr nach dem 17. jahrh.:
siner zungen gelit
berihtet jenes und ouch dit
väterbuch 12319;
passional 116, 82 Hahn;
och tunge, du klene gelyt.
lied aus d. Münsterl. 35, 7 (Schiller-Lübben 2, 45a);
ernstlich also ist auch die zung ein lutzel glide (Luther ein klein glied Jac. 3, 5): und derhoͤcht michle ding erste deutsche bibel 2, 418; Brant narrenschiff 22, 27 Z.; zung ist das best und das boͤszst glid S. Frank sprüchw. (1541) 1, 112ᵇ; ähnl. sprichw. schöne weise klugreden (1548) 170ᵇ; G. Mayr sprüchw. E 2 β;
die zunge, dein schädliches glied,
du falscher, verlogener mund,
thut manchen gefährlichen schnitt,
schlägt alles zu schanden und wund
P. Gerhardt ged. 2, 5 G.
pfy dich, du verfluchts glyd, verletzende zung Riederer rhetoric d 2ᵃ.
b)
das auge, auch auszer in der erwähnten stelle Matth. 5, 29 bis in neuere zeit zu belegen; auf concretem gebrauch beruht die bildliche verwendung bei Tauler: also ist ein ordenunge in der heiligen kilchen ...: ein geistlicher licham, und des ist unser herre Jhesus Christus ein hoͮbt. in disem ist vil gelider. das ein ist ein oͮge ... und ein ander ist ein munt pred. 158, 24 V.; darnach nimpt er für sich ... die kleinen glidern den grossen eingeschlossen, als in dem haupt sind die augen Seb. Münster cosmogr. 21; glied oder gliedmasz ... bedeutet in der anatomie überhaupt jeden organischen coͤrper des menschlichen leibes, welcher aus unterschiedenen einfachen theilen bestehet und zu willkuͤhrlichen verrichtungen geschaffen ist. dahero auch die augen glieder genennet werden können Noel Chomel 4, 1153;
auge spricht zum herzen wieder:
deine klag ist ungerecht.
bin ich nicht wie alle glieder
du die fürstin, ich der knecht?
Herder 25, 375 S.;
ein gen himmel gekehrtes auge, nehmen wir das edelste glied, das am deutlichsten vom innern spricht, was kann diesz ... nicht für vielerley ausdrücken? Heinse 4, 189 Sch.; auge A als glied des körpers dt. rechtswb. 1, 973.
c)
die nase: mich frewst fester an die nasen denn an die andern glider Brenner sprachbuch 2; 4; von den gliedern (Karls d. gr.) war nichts verfault, auszer von der nasenspitze fehlte etwas brüder Grimm dt. sagen 2, 98.
d)
die ohren: es (d. h. das hofgesind des armen) sind alle usserliche glidder, ouge, nas, oren, hend, fuͤss Keisersberg bilgersch. C 2ᵃ; das drit notbad ... ist von noͤten den glidern der fünff sinnen (dann aufgezählt mund, augen, ohren u. s. w.) Seb. Franck chronica d. Turckey F 3ᵇ; Henisch 1648. zu ad vgl. auch sinnenglieder Stieler.
e)
der mund Tauler 158, 24 V.; Seb. Franck chronica d. Turckey F 3ᵇ (s. o. b u. d).
f)
theile des gesichts: auch so seind in unserem antlyt und angesycht zehen oder wenig mer glyder Eppendorff Plinius 5; C. F. Nicolai reise d. Dtschld. u. d. Schweiz 1, 130; vgl. auch J. V. Carus gesch. d. zoologie (1872) s. 230f.
g)
die zähne, gelegentlich, so in den übertragungen der fabel des Menenius Agripga vom bauch und den gliedern: wie das ... die glieder des menschlichen leibs sich mit einander wieder den bauch verglichen ... hende ... mund ... zeene ... schlund Eyering proverb. copia 1 vorr. 4ᵇ; man wird also künftig von solchen gliedern wie z. b. von den eckzähnen des sus babirussa nicht fragen, wozu dienen sie? sondern, woher entspringen sie? Göthe II 8, 17 W.
h)
besonders den Pinzgauern wird nachgesagt, dasz sie auch den kropf als ein notwendiges glied rechneten: ein Bintzger beurin ... solt sie den (kropf) nit haben, er (der B. bauer) meynt, sie were ein genszkrag und hette ire glider nit alle Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 69ᵃ; Lindener katzipori 135 L.; sie hat ihre glieder alle, sagte der Pinzger bauer, als er das mädel mit dem kropfe sah Wander sprichw. 1, 1723₂₃; doch auch schwäb. s. Fischer 3, 692.
i)
vereinzelt auch für (augen)lid, indem infolge des lautlichen zusammenfalls von ahd. hlid u. lid das compositum gelit auch auf den gebrauch des ersteren übertragen wurde:
waz dutet dit,
daz got heiset der ougen gelit
mit ougsalben bestrichen?
Heinr. v. Hesler apokalypse 7076;
palpebra ogbrau ł glid Diefenbach gl. 407ᶜ; meiner augen gelieder H. Sachs 1, 401ᵇ; vgl. zf. d. phil. 58, 55 (rezeptbuch d. Philippine Welser). häufiger ist dieser gebrauch in der zusammensetzung augenglied: in den belegen für palpebra bei Diefenbach gl. 407ᶜ dominiert es durchaus über augenlid, vgl. sonst theil 1, 806, dazu Wirsung artzneyb. 27ᵃ; Hyrtl kunstworte der anatomie 13; Frisius 116ᵇ; Sanders 1, 598; Höfler krankheitsnamenb. 369ᵇ; Schmeller-Fr. 1, 144ᵃ; Staub-Tobler 2, 606.
2)
verhüllend werden die geschlechtstheile durch gl. bezeichnet; den mdaa. wenig geläufig, vgl. etwa Fischer 3, 692; Staub-Tobler 2, 605; Martin-Lienhart 1, 256.
a)
der gebrauch geht aus, entsprechend lat. membrum virile, von der bezeichnung des penis, coles als gl.; im ahd. bezeugen für lid die composita scartlidi circumcisio und kanzlidi praeputium Graff 2, 190 diesen gebrauch. gewöhnlich wird ein kennzeichnendes attribut hinzugefügt:
wen der man sin manlich gelit
besneit vor an des wibes stat (d. h. nur der mann wurde beschnitten)
H. v. Hesler apok. 12472;
das mänlich gelid Diefenbach gl. 612ᶜ (daneben mansglid 459ᵃ; 483ᵇ; 504ᶜ; Kramer 2, 23ᵃ; vgl. auch theil 6, 1580); penis ... das männlich glid Alberus K 4ᵃ; (eine miszgeburt hat) darunder ein frauenscham und zuletzt eines manns glied an seiner rechten statt Ruoff hebammenb. 109; so einem das heimlich glid wehe thut Gäbelkover artzneyb. 1, 356; der guͦte freündt ... (hat) mir sein noth ... angezeigt, wie das sein männlichs glidt, das ist der ölffte finger, nit stehn wölle Lindener katzipori 100 L.; die länge (der harnröhre) ist natürlich nach der verschiedenen laͤnge des maͤnnlichen gliedes sehr veraͤnderlich Sömmerring menschl. körper 5, 338 anm. 1. daneben steht die prägnante bezeichnung durch gl. allein, an meim gelit Osw. v. Wolkenstein 40, 30 Sch.; er heist ... den zetel alle tag vernewen und an das glied mit zuruͤckgestreuffter vorhaut binden Nigrinus von zäuberern 112; mutoniatus der ein grosz glid hat Alberus 40ᵃ;
er thets und ward ein tuͤrck zu hand
und liesz mit groszem spot und schand
die vorhaut schneiden von seim glied
Sandrub hist. u. poet. kurzweil 67 ndr.;
als man, was männlich war, von seinen lenden riss
und ihm des brudern glied ins angesichte schmiss
A. Gryphius trauerspiele 21 P.;
einem sänger ..., welcher ... einen ring durch die vorhaut seines gliedes gezogen hat Winckelmann 2, 200; in den komödien der alten band man sich ein groszes glied von rothem leder vor 3, 254; ebenso auch vom thier: ... also dasz der ander halbe theil vom pfeil, so auszerhalb des leibs was, sich vergleicht einem mennlichen glied eines solchen thiers J. Wetzel reise der söhne Giaffers 77; und auf diese (gedoppelten) öffnungen (des weiblichen krebses) passet auch ein gedoppelt glied des männlichen krebses H. S. Reimarus wahrheiten d. nat. relig. 416.
b)
auf die gesamten männlichen geschlechtstheile ausgedehnt und gelegentlich speciell auf die hoden bezogen: Noel Chomel 6, 370; ir yeglichen baide gelider oder (dasz man es dester basz verstand) baid hoden ausschneiden Fortunatus 12 ndr.; hierher wohl auch Stumpf Schweizerchronik 276ᵃ; der geperung glide (die männlichen organe) Berth. v. Chiemsee theol. 32, 1 R.; ein soldat von der artillerie hat sich ... jenes mistische glied weggeschnitten, ohne welches der mann bei seinem weibe im bette eine gar erbärmliche rolle spielte Schubart br. 2, 180. ebenso beim thier: es sein andere hirsch, die ihr gl. (entscheidend sind die hoden) in der brunst oder sonst verloren, diese werfen (ihr geweih) nimmer ab Feyerabend jag- u. weidwerkb. 32ᵃ.
c)
diese bedeutung geht dann über in die allgemeine: geschlechtstheile überhaupt: sexus, geschlecht der naturlichen glidder Diefenbach gl. 532ᵃ; schämige glieder (1478) Höfler krankheitsnamenb. 370ᵇ; der unkäusch gelider Konrad v. Megenberg 389, 33 Pf.; androgynus der beide glider hat manns und weibs Frisius 91ᵃ; pudor ..., genitalia, membrum genitale ... beyd desz mannes und weibs glid Alberus 40ᵇ; die onanitische suͤnd ... ist ... ein würckliche unzucht, so der mensch an seinem glied allein, ohne vermischung mit einer andern person, reitzet und begehet Dannhauer catechismusmilch 2, 267; über die mystischen glieder des menschen — an die nur zu denken, schweigend sie zu bewegen, schon wollust ist Novalis 3, 207 Minor; hierfür auch die bezeichnung untere glieder Höfler krankheitsnamenb. 370ᵇ; vom tier: ich weisz auch gar wol, das etlich meynen, ein jeder hass hab beyderley geschlecht und natürlich glid Sebiz feldbau (1579) 597.
d)
es ist daher nur natürlich, dasz auch die weiblichen geschlechtstheile für sich mit gl. bezeichnet werden (vgl. dagegen Adelung [1775] 2, 717); vielleicht darf man den gebrauch schon für ahd. lid erschlieszen aus Notkers uuiblido für hermaphroditus Graff 2, 190; genitalia lede der vrouwen Diefenbach gl. 260ᵃ; cunnus des weibs glied der natur Pinicianus N 1ᶜ; muliebria, vulva, cunnus, das weibliche glied, weiberscham nomenclator lat. germ. (1634) 204; bärhaftige glieder (1530) Höfler krankheitsnamenb. 369ᵇ; dafür auch geburtsglied (vgl. theil 4, 1, 1908), weibsglied, frauenglied; man malt kein weiblich glidt uf ain helm zimmer. chron. 2, 67, 17; in der sprache von Otaheiti heiszt ... erao das weibliche gl. Lichtenberg aphorism. 2, 156 L.; dann auch für die inneren geschlechtstheile: als heymliche gelyder faszt Hans v. Gersdorf die inneren geschlechtstheile des weibes zusammen Hyrtl kunstworte der anatomie 84; anscheinend erst spät (1819) speciell für clitoris: empfindliches glied Höfler krankheitsnamenb. 369ᵇ. — über das möglicherweise von hier seinen ausgang nehmende gl. = hure s. o. ¹glied.
3)
gelegentlich auch sonstige äuszere körpertheile: der hinder ist ein unehrlich glid Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 110ᵇ; die geilheit ist allezeit mit der fullerey verknüpfet; darumb ist der bauch und das heimliche gemaͤcht nicht weit von einander, und wie die glieder auf einander folgen, also folgen auch die sünden Reinicke fuchs (1650) 293.
4)
im älteren strafvollzug spielt der begriff glied eine wichtige rolle und erfährt eine specielle abgrenzung: glied bemercket man in peinlichen sachen ein hand, einen arm, fusz, die augen, die zunge und das männliche glied, keineswegs aber einen zahn, das haar, den bart, ein stücke fleisch etc. Noel Chomel 4, 1154; im rechtssprichwort aber wird das auge von den gliedern gesondert: haupt um haupt, auge um auge, gleiches glied für gleiches glied Graf-Dietherr 336; vgl. auch zwei glieder abgeschnitten stehen für den leib ebda.
5)
in der zoologie heiszen beim niederen thier (insekten u. s. w.) alle äuszerlich erkennbaren abschnitte des körpers gl. sowohl die des leibes, z. b. die segmente, wie die der äuszeren theile, z. b. der fühlhörner, vgl. Brehm thierl.³ 9, 3.
C.
seit dem 14. jahrh. erscheint gelit unter lateinischem einflusz auch im sinne von organ für die inneren theile des leibes: diu gaistleichen gelider ..., daz herz und diu leber und andreu gelider Konrad v. Megenberg 372, 11 Pf.; vitalia die leblichen gelider Diefenbach gl. 623 c (ausg. d. 15. jahrh.); mit vorliebe wird dann von inneren, innerlichen gliedern gesprochen: der erst tractat disz buͦchs beschreibt die anatomie der uszeren und inneren glider des menschen J. v. Gersdorff wundtartzney 1, 1ᵃ; viscera die innerlichen glider im leib Golius (1585) 98; in der brust ... und andern innerlichen glidern Sebiz feldbau 402; vgl. Wirsung artzneyb. reg.; sie ... zerplotzten mich so unbarmhertzich, dasz mir alle innerliche glieder samt der seele herausz hätten fahren mögen Grimmelshausen Simpliz. 105 ndr.; kenntnisz der äuszern und innern glieder des menschen Göthe 25, 596 W.; für die verdauungsorgane im 16. jahrh. auch deuende, führende, nährende glieder, s. Höfler krankheitsnamenb. 369ᵇ; sonst werden vor allem herz, lunge, leber, milz, magen, die nieren (gelegentlich auch die zunge) zu den inneren gliedern gezählt s. Er. Alberus 40ᵃ; die inwendigen glyder als lungen, leber, magen, miltz und gedärm Sim. Roth; vgl. die leber ... ist ein edels gl., das vielen gliedern dienet Paracelsus 1, 57 B H.; das herz stehet nimmer still; es lebet unter allen gliedern im menschlichen leib am ersten Otho 209; der magen ist das vornehmste glied des menschlichen körpers Castelli s. w. 10, 220; doch auch vom gehirn: das hyrn ist das edelst glyd (des menschen) H. v. Eppendorff Plinius 11, 204; die zehen fürnehmste glieder ..., als da sind: das gehirn oder haupt, die lunge, das hertz, der magen, die leber, galle, miltz, nieren, das geburtsglied und die mutter Francisci d. eröffnete lusthaus (1676) 234; ebda 127 heiszt dieselbe reihe principalglieder; vgl.haupt-, principalglieder Höfler krankheitsnamenb. 370; vgl. Ortolff v. Bayrlandt artzneib. 2ᵇ; wie hier das gehirn zu den inneren gliedern gerechnet wird, so auch sonst ausdrücklich die inneren theile des kopfes: eygentliche und fleissige anatomi und beschreibung des haupts und darinn verschlosszner glider Ryff d. kleynen chirurgi n. (1542) 9ᵃ (kapitelüberschrift); sogar das gliedwasser (im sinne der älteren medizin als die die glieder durchflieszende u. belebende flüssigkeit) wird gelegentlich als gl. bezeichnet: nun ist das glidwasser ein trefflich gl. des leibs und das allerempfindlichst des gantzen leibs, das am wenigsten leiden oder gedulden mag Paracelsus 1, 65 H.; sehr verbreitet ist der gebrauch von gl. für die inneren organe in nichtmedizinischen kreisen wohl nicht gewesen: wie ihn Adelung nicht kennt, so heiszt es bei Stosch 2, 439 man braucht daher diese wörter (d. h. glied, gliedmasz) nur von den äuszerlichen theilen des leibes, die innerlichen als das herz, die leber, die lunge u. s. w. wird man nicht innerliche glieder nennen, sondern sagt vielmehr: die innerlichen theile des leibes.
D.
die sich aus den mannigfachen einzelverwendungen ergebende bedeutung 'organischer theil des körpers überhaupt' tritt gelegentlich in definitionen ausdrücklich zutage: ein jeder theil des menschlichen koͤrpers, der sich von den andern sinnlich unterscheidet, heiszt ein gl. M. Mendelssohn ges. schr. 4, 1, 117; die mittelalterliche medizin zählt 362 glieder (membra) am menschlichen körper, eine zahl, die auch für die exorzismusformeln für besessene üblich blieb, s. hdwb. d. dt. aberglaubens 3, 866; daneben steht die zahl 248, ebda 867 (dort auf die juden in Böhmen beschränkt), vgl.es werden auch der gebot, die Moses aus gottes befehl auffgezeichnet, 614 gezehlet: 248, die gebieten, und so viel sind glieder an dem menschen Harsdörffer secretarius 1, vorr. 7.
E.
ähnlich wie lat. artus und membra und gewisz nicht unbeeinfluszt davon wird der plur. glieder vor allem in poetischer sprache gern metonymisch für den körper bzw. die person selbst gebraucht; für das simplex begegnet entsprechender gebrauch gotisch im anschlusz an die vorlage Röm. 7, 5, ahd. und mhd. auch sonst, vgl.
mino lid es fualtun, joh mih thio dati ruartun,
thar ir iz datut lieben then bruaderen minen
Otfrid V 20, 93;
wê gescheh ir lide
Milst. genesis 36, 15 Diemer;
beliebt wird diese verwendung von gl. besonders seit dem humanismus:
1)
allgemein.
da der schlaff dem menschen zu erquickung
seiner glieder verordnet
W. Spangenberg ausgew. dicht. 4 M.;
S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn 67;
sie (die krankheit) schonet nicht der staͤrksten glieder
Gottsched ged. 1, 166;
als neulich Seladon, der arme Seladon,
voll kummer, angst und schmerz die abgekraͤnkten glieder
im gruͤnen niederwarf
B. Neukirch bei Gottsched vers. e. crit. dichtkunst 325;
leg deine tasche weg, leg ab und lasz die glieder
... bey diesem feuer nieder
J. U. v. König ged. 42;
und risz den putz der glieder,
die rose, von dem busen
Dusch verm. ged. 15;
und umfassen da oft die zarten glieder badender mädchen S. Geszner schr. 1, 124;
ich hab mein werk gethan.
nun ruhet aus, ihr glieder!
Overbeck verm. ged. 226;
J. G. Jacobi s. w. 1, 112;
diesz ist ein könig! scheuet euch und schaudert
zurück, die heilgen glieder zu verletzen!
Schiller 13, 435 G.;
du gabst mir ruh, wenn durch die jungen glieder
die leidenschaft sich rastlos durchgewühlt
Göthe 1, 5 W.;
ging zu dem lieben gott und bat ihn, wenns ihm recht waͤre, moͤcht er sich in ihr bett legen und seine glieder ordentlich ausruhen kinder- u. hausmärchen (1812) 2, 3; Mörike 1, 53 Göschen; A. v. Droste-Hülshoff 2 (1878) 202. besonders gehören hierher die wendungen mit müde, matte glieder u. ä., wie ja auch einige der obigen beispiele in diese richtung weisen:
und wollten ihre muͤde glider
durch speisz und tranck ergoͤtzen wider
Spreng Ilias (1610) 93ᵃ;
Drollinger ged. 44; H. v. Kleist 2, 329 Schm.;
da lagern rings ums feuer die husaren
und wärmen ihre kampfesmüden glieder
Geibel ges. w. 1, 59 Cotta;
nun geht, ihr matten glieder,
geht hin und legt euch nieder
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 298;
B. Neukirch ged. 45; ich sehe mich genöthiget, eine ruhestadt für meine geschwaͤchte glieder zu suchen sammlung v. schausp. (1764) 1, 6. gern dient glieder zur kennzeichnung körperlicher schönheit: gleichwol sagt man, schoͤne glider bedeuten schoͤne gemuͤter Fischart Garg. 113 ndr., vgl. Körte 161;
und solltest du so feinen witz nicht haben:
mich hätte doch der glieder pracht entzückt
schlesw. literaturbr. 208 lit.-dkm.;
verfolgt mein blick den bau der schoͤnen glieder,
faͤllt von der brust zu vollen huͤften nieder, ...
so wird ein boͤser geist im herzen wach
Tieck schr. 2, 97.
2)
als gegensatz zu seele, geist, herz. bereits im got. werden im anschlusz an Röm. 7, 23 liþjus und ahma gegenübergestellt (parallel der sonstigen neutestamentlichen contrastierung von σάρξ und πνεῦμα). glieder — seele:
thaz suht ni derre uns mera   then lidin ioh thera sela
Otfrid III 5, 6;
denn wie ihre reine seele nach abgelegter bürde verweszlicher glieder ... ietzt ihre wohnung hat Lohenstein Arminius 1, 16ᵇ; J. v. Besser schr. 1, 311; die seele war vorausgeeilt und hatte die irdischen glieder verlassen Hölderlin 2, 125, 37 L.;
aber die seel aus den gliedern entfloh in die tiefe des Aïs,
klagend ir jammergeschikk, getrennt von jugend und mannkraft
Schleiermacher Platon (1862) 3, 1, 107;
unausgesprochen liegt diese contrastierung wohl auch vor, wo glieder für sich im sinne von leichnam, gebeine gebraucht ist:
Stobäus glieder
sind in dieser grufft verhüllt
S. Dach 762 Ö.;
Gottsched ged. 1, 252;
die schaar der staunenden liesz meine glieder
zur asche glühn, und senkte dann ...
des staubes urn in diese gruft
Gerstenberg ged. e. skalden 364 lit. dkm.
glieder — geist, vernunft:
nu scal geist miner ...
mit lidin lichamen druhtinan diuren
Otfrid I 7, 4;
du wuchsest auf an geist und gliedern,
und meine liebe wuchs zugleich
Gottsched ged. (1751) 1, 142;
sein matter geist verlaͤszt so fluͤchtig seine glieder
Ramler einl. in d. schön. wiss. 1, 400;
ein noch in irdische glieder gefesselter geist Wieland Agathon (1766/67) 1, 268; vernunfft und glider H. R. Manuel weinspiel 2609 ndr. glieder — sinne:
daz uns an nichte gebreste hat
weder uzen noch enbinnen
an geliden noch an sinnen
Heinrich v. Hesler apokal. 22744;
lobet gott, ihr meine glieder,
und ihr sinnen, preiset ihn
B. Neukirch 55;
maler Müller (1811) 1, 28. glieder — herz, gemüt: wann ich sich ein ander ee in meinen gelidern widerstreiten der ee meins hertzen erste deutsche bibel 2, 32, 46; ich finde aber eyn ander gesetz yn meynen gelyddern, das da streytet widder das gesetz ynn meynem gemuͤt Luther 12, 324 W.
III.
von der bedeutung II (vgl. bes. II A 1 a β u. 1 e) wird glied übertragen auf das verhältnis von individuum zu gemeinschaft bzw. zum führer der gemeinschaft.
A.
im religiös-kirchlichen bereich. von gröszter bedeutung für die entwicklung des übertragenen gebrauches von gl. ist die neutestamentliche bildersprache gewesen: nach Kol. 1, 18 ist Christus ἡ κεφαλὴ τοῦ σώματος τῆς ἐκκλησίας 'das haupt des leibes, nämlich der gemeine', nach Eph. 5, 23 u. 30 ist 'Christus das haupt der gemeine', 'wir (d. h. die gläubigen) sind glieder seines leibes', nach 1. Kor. 12, 27 sind die gläubigen 'der leib Christi und glieder ein jeglicher nach seinem theil', nach 1. Kor. 6, 15 der gläubigen leiber Christi glieder, nach Röm. 11, 5 sind die gläubigen 'ein leib in Christo, aber unter einander ist einer des andern glied'; dies bild wird mit dem christentum übernommen: bei Ulfilas sind die vier letzteren verse leider nicht erhalten, doch vgl. Eph. 4, 25 unte sijum anþar anþaris liþus; im ahd. Christ ist haubit allero cristanero enti alle dea gachoranun gote sintun sines haubites lidi Monsee-Wiener fragmente 29, 5 H.; es wird dann zahllos variiert und ausgebaut:
1)
Christus das haupt, die gläubigen die glieder: lieben kinder, wie moͤhte daz iemer minner gesin, die gelieder volgetent irme houbete, daz húte ufgevarn ist Tauler 81, 5 V.;
merket, daz unser trehten
ist houbet der gerechten
unde sie wider sine gelit
Heinr. v. Hesler apokal. 1969, vgl. 3298 f.;
H. Sachs 1, 335 ₈ K.; Logau sinnged. 175 E.;
du bist mein haupt, hinwiederum
bin ich dein glied und eigenthum
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 327ᵇ.
2)
die gläubigen glieder des leibes Christi: also dasz zwen ... ware freund, ja alle glider des leibs Christi gleichsam ein christenlich ehe in got mit einander haben Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, vorr. 2ᵃ;
auff das wir in der klarheit dein
dir wider moͤgen ehnlich sein
als glieder deines leibes
Ringwaldt evangelia E 7 b;
das leben, welches wir als glieder seines (Christi) leibes fuͤhren Schleiermacher s. w. II 4, 97.
3)
die gläubigen glieder Christi (ohne weitere andeutung des bildes):
Gregori, du pfligest bevriden
mich (Christus) dicke an meinen geliden,
die da (l. du) enpfest sunder klage
passional 202, 85 Köpke;
und schowet aigenlich, wie wir sine (Christi) gelider worden sind Elsb. Stagel 72, 34 V.;
der ist verloren und kein glid
Christi dort in ewigem frid
H. Sachs 22, 167 K.-G.;
den ausserwelten lieben gottes, allen geliedern Christi zu Augspurg Luther 12, 224 W.; Christo widerumb in seinen glidern an galgen will helffen Fischart binenkorb (1588) 56ᵇ; wer einen menschen toͤdtet, der toͤdtet ein bild gottes und glied Christi Schupp schr. 42; und dasz sie ... eintraͤchtig mit ihnen (den bekehrten heiden) als mit Christi gliedern zu leben verbunden waͤren allg. dt. bibl. 1, 105; an seinen (gottes) gliedern übte sie seine gebote ... aus Gottschedin br. 3, 328; übertragen auf auszerchristliche sphäre: in den meisten religionssystemen werden wir als glieder der gottheit betrachtet Novalis im Athenäum 1, 97.
4)
da nach Kol. 1, 18 die kirche der leib ist, dessen haupt Christus, so werden die gläubigen auch als die glieder der kirche bezeichnet, wobei die bildlichkeit zunächst deutlich ist, aber immer mehr verblaszt, sodasz glied die abgeblaszte bedeutung angehöriger, mitglied erhält: welcher sagt, das ein mensch, so versehen ist endtlich von got zuͦ ewiger verdamnisz, sey ein wor glyd der christlichen kirchen hie uff erd, der irt, dann niemandt ist ein glid also, des nit Christus ein ewig heylmachen houpt sy Eberlin v. Günzburg 1, 167 ndr.; alle glid muͤessen irem leib christenlicher kirch ainhelleklich anhangen Berthold v. Chiemsee 49 R.; warhafftige glyder der christlichen kirchen H. v. Cronberg 74 ndr.; ... ein wahres lebendiges glid deiner heyligen kirchen Spee güldenes tugendbuch (1649) 33; ein abgeschnitten, verbannet glid der apostolischen kilchen Tschudi chron. Helvet. 1, 26; die Sorbonne ... blieb bei dem grundsatz stehen, dasz man die faulen glieder von der kirche abhauen müsse L. v. Ranke s. w. 8, 116; ein arbeitsames glied der kirche G. Chph. Lichtenberg nachl. 27, 17; glieder der kirche und des staats Zimmermann über die einsamkeit 1, 289.
5)
für die kirche tritt in der obigen formel auch die christenheit, die gemeinschaft der christenheit und, zumal Luther an den entsprechenden stellen ἐκκλησία mit gemeine wiedergiebt, die gemeinde ein, wodurch die formel zum modernen begriff glied einer bestimmten gemeinde überleitet: swel mensch der cristenheit gelid ist st. Georgener prediger 175, 16; 216, 20; ain abgeschnittes gelid van der gemainschafft der hailligen christenhait Keisersberg granatapfel C 4ᵇ; glieder der christlichen gemeinschaft D. Fr. Strausz schr. 6, 28; als wenn sich gott seiner gemeine und ire glieder ... gar nicht anneme F. Dedekind papista conversus vorr. 5ᵇ; den gliedern der herrnhutischen gemeine Göthe 22, 347 W.; als seelsorger und im ... verkehr mit den gliedern seiner gemeinde freute er sich M. Meyr erz. aus d. Ries 1, 7.
6)
a)
das luthertum des 16. jahrh. setzt zur polemischen bezeichnung der katholischen kirche das papsttum in die formel ein: das bapstum mit seynen gliedern Luther 19, 8 ff. W.; da mitt, ob die schwachen todten glyder des bapstuͦmbs ettwas grunds dargegen vermeynten an zuͦ zeygen H. v. Cronberg 116 ndr.;
die jesuwider, Christ zuwider,
weils wolten sein des bapstumbs glider
Fischart nachtrab 80 v. 3066 Kurz.
b)
ähnlich begegnet in katholischer polemik evangelische glieder: man kündt sie durch zehen oder zwaintzig boͤser buͦben (solt euangelischer gelyder sagen) blündern J. Nas antipap. eins und hundert 2, 254ᵇ.
7)
den membra Christi werden in kirchlicher tradition früh die membra diaboli gegenübergestellt, daher schon bei Notker diabolus unde sîne lide 2, 619; 116 P.; die wendung ist besonders im 16. jahrh. beliebt, namentlich bei Luther:
alle vorlorne sint gelit
des tuveles
Heinrich v. Hesler apokal. 10784;
dasz ich nicht widder fleisch und blut schreibe ... sondern widder den teuffel und seine gelieder Luther 26, 402 W.; 8, 499 W.; 19, 282 W.;
darzu helffen im (dem satan) seine glieder,
falsche propheten, hin und wider
H. Sachs 6, 202 K.-G.
das wir warhafftige glyder worden seind des teüfels v. Cronberg 108 ndr.; Berth. v. Chiemsee 188 R.; volksb. v. dr. Faust 20 ndr. P.;
der verfluchten hellen glieder
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 59.
8)
glieder eines klosters oder ordens (genetisch vielleicht zur folgenden gruppe gehörig). schon ahd. ist membra (sc. monasterii) mit lidi übersetzt benediktinerregel 239, 30 St.;
der heilige ordin ritterlîch
des dûtschin hûsis, ...
mit manchim gelitte
êrbêrlîch stêt gezîret
Nicolaus v. Jeroschin 827 Str.; 853;
deme vorgenanten orden und allen den balyen, husern und glyͤdern zü dem selben orden gehorich (a. d. j. 1355) hess. urkundenbuch 1, 2, 605 Wyss; allen glidern der ritterorden wunsche ich gnad und hilff von got Eberlin v. Günzburg 1, 194 ndr.; J. V. v. Scheffel ges. w. (1907) 2, 214.
B.
im politischen und socialen bereich. wie von dem ausgeprägten biblischen bilde her glied sich der abgeblaszten bedeutung 'angehöriger, mitglied' zubewegt, so entwickelt sich diese auch unmittelbar unter dem einflusz von lat. membrum, das schon in klassischer und erst recht in späterer zeit allgemein die zugehörigkeit zu einer gruppe bezeichnen kann; von den unter III A 8 genannten fällen abgesehen, scheint dieser gebrauch dem deutschen bis in die spätmhd. zeit fremd zu sein. anderseits hat die heutige sprache diesen gebrauch wieder eingeschränkt zu gunsten von mitglied, angehöriger und specielleren bezeichnungen.auch hier steht das bild natürlich im hintergrunde und wird gelegentlich auch unmittelbar angedeutet: dieselben (die stände) fürnemlich erwägen sollen, ... dass vielmehr ein jedes glied das andere in gleicher acht halten, keines dem andern in denen sachen, so das ganze zusammen hart verknüpfte und verbundene corpus angehen, vorgreifen ... sollten acta publica 1, 16 P.; einzeln hab ich mit den professoren sehr gern zu thun, aber als glieder ihres mystischen körpers sind sie durchaus intraitable Göthe IV 28, 144 W.; die politiker fügten hinzu, dasz das reich einen einzigen körper ausmache, dessen glieder die einzelnen bürger, dessen haupt niemand als der könig sei Ranke s. w. 4, 38; doch wird gl. mitglied bildhaft auch auf das paar glied—kette bezogen s. u. VII B 1. glied bezeichnet hier in der regel ebenso wie bei III A das einzelne individuum, doch werden auch collectiveinheiten, die einer gröszeren gruppe zugeordnet sind, darunter verstanden, vgl. dass selbe zu dess regiments (als dessen glieder die hausswesen sind) wolfahrt gedeien mögen Harsdörfer gesprächsp. 1, C 7ᵃ; die geistlichkeit ... ein lebendiges glied des volkskörpers Dahlmann gesch. v. Dänemark 2, 360; in den ersten jahren Eduards III. haben die vier glieder desselben (des parlaments), prälaten, barone, ritter und städte, in vier verschiedenen versammlungen berathung gepflogen Ranke s. w. 14, 68 und vgl. u. 3.
1)
glied eines rates oder ähnlicher administrativer, gesetzgebender oder rechtsprechender korporationen; in dieser verwendung am frühesten belegt: und sachte, wu dat my mannichmal van radesfrunden und geledder weer vorgeholden Schiller-Lübben 2, 40ᵃ; bey hundert und achzig gliedere des raths blieben auf der wahlstatt A. v. Haller Fabius 48; er schrieb demosthenische reden für und wider die wichtigsten fragen im parlament unterm namen wirklicher glieder H. P. Sturz 1, 5; von den landräthen oder von gliedern der cammer Lessing 18, 480 M.; thätiges glied einer gesandtschaft in England Göthe 24, 120 W.; die trefflichsten glieder (des kammergerichtes) Ranke s. w. 1, 145; zwey geistliche glieder des oberconsistorii zu Dresden Liscow (1739) vorrede 18.
2)
glied einer gemeinde, einer stadt, eines staates, bes. seit dem 17. jahrh. geläufig: auch einem rat und der gemeine gilt, was sie fur einen buͤrger oder buͤrgerin odder glied in yhre gemeine bekome Luther 30, 3, 227 W.; ein buͤrger und handelsmann ist ein boͤsz glied seiner statt, so er sich nit dem brauch, marck und handel derselben gemesz verhaͤlt Lehman florileg. polit. (1662) 1, 453; alle glieder eines staates br. die neueste litt. betr. 11, 53; zu nuͤzlichen gliedern des staats gemacht werden Bahrdt gesch. s. lebens 1, 383; das totale der einzelnen glückseligkeiten aller glieder ist die glückseligkeit des staats Herder 17, 123 S.; hier gern die gegenüberstellung von haupt und gliedern: in bedenckung, dasz die könige das haupt der monarchien und ihr die glider seyn Amadis 1, 321; dahin auch die glieder des reichs ... sich zu ihrem haupt versamlet S. v. Birken vermehrte Donaustrand 29.
3)
bei staaten- und städtebünden bezieht sich gl. bald auf die politischen einheiten: dasz der ort, einst ein mächtiges glied im bunde der hansa, seine grosze wehrhafte zeit gehabt habe Immermann 1, 199 B.; dann diese stadt war ein glied desselben (des schwäbischen bundes) gewesen W. Hauff 1, 6; der ... staatenbund ... streitfertig dastand, dem religionszwang seiner glieder zu steuern Schiller 8, 12 G.; dasz ... Bayern so grosze opfer ... nicht bringen könne, wie es die glieder des norddeutschen bundes 1867 über sich vermocht hatten Bennigsen d. nationallib. partei 58; bald auf den einzelnen bürger: glieder der hansa (die Thorner bürger) G. Freytag ges. w. 11, 4; der norddeutsche bund ist gegründet worden, und der letzte conrector ist ein mit der weltgeschichtlichen wendung vollständig einverstandenes glied des norddeutschen bundes Raabe Horacker 7. — in anwendung auf das hl. römische reich und den deutschen bund werden unter gl. mit vorliebe die fürsten bzw. stände verstanden, vgl. reichsgl. princeps sacri romani imperii Steinbach 1, 605: zu einem glid und fursten des reychs aufgenommen Stumpf Schweizerchron. (1606) 34ᵃ; zu solichem reichstag fodert sein mayestat den ... abt von Kaiszham auch alsz ain glid desz reichs Knebel chronik v. Kaisheim 401; wenn Agrippa jetzo tausend und noch andere viel newe maͤhrlein machte, wuͤrden sich doch die glieder desz roͤmischen reichs nicht vergleichen und einig machen Lehman floril. polit. (1662) 2, 834; das persönliche zusammensein der glieder des reichs L. Häuszer dt. gesch. 1, 86; von den sämtlichen allerhöchsten, höchsten und hohen gliedern des deutschen bundes Göthe 42, 1, 115 W.; die einzelnen glieder des teutschen bundes Jos. Görres ges. schr. 2, 144.
4)
glied eines volkes, einer nation, eines stammes, wohl nicht vor dem 18. jahrh.:
alle sind wir ...
eines volkes glieder
J. H. Voss s. ged. 5, 276;
F. L. Jahn 1, 45 E.; bisher beschäftigten sich die glieder mehrerer nationen mit der farbenlehre Göthe II 4, 1 W.; eines stammes W. v. Humboldt Latium u. Hellas 149 lit. dkm.; anderer menschenstämme Peschel völkerkunde 15;
5)
glied einer familie, eines hauses, eines geschlechtes, der sippschaft; die ganze gruppe wird erst im 18. jahrh. geläufig, wie sich das für g. e. familie schon aus der langsamen einbürgerung dieses wortes ergiebt; vgl. mhd. lit verwandtschaftsglied Lexer 1, 1938: es (das gedicht) ward ... einem liebenswürdigen gliede der gleichfalls zahlreich ausgebreiteten familien überreicht Göthe 4, 83 W.; wir sollen ... den ton der familie annehmen, wie wenn wir glieder derselben wären Knigge umgang m. menschen 2, 193; D. Fr. Strausz ges. w. 4, 8; E. T. A. Hoffmann 14, 167 Gr.; die jüngeren glieder der senatorischen familien dienen Mommsen röm. gesch. 2, 109; ein glied der indogermanischen familie 5, 182;
rings um den hochergrauten vater hatten
sich ahndungsvoll gedrängt des hauses glieder
A. v. Chamisso 4, 103;
alle glieder des hausstandes Raabe hungerpastor 3, 10; glieder der minder mächtigen häuser oder begünstigte des kaisers Ranke s. w. 1, 232, des gleichen adelsgeschlechts Mommsen röm. gesch. 2, 322; vgl.unter den verdienten geschlechtsglidern F. A. graf v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 231; die älteren glieder der sippschaft G. Keller ges. w. 1, 234.
6)
glied eines standes, einer socialen schicht, einer partei, seit dem 18. jahrh.: die allgemeinheit meines urtheils von den gliedern ihres standes Lessing 2, 54 M.; der umgang mit dem hofe und den gliedern höherer stände Gervinus gesch. d. dt. dichtg. 5, 72; die spanische (partei), wozu einige glieder des vornehmsten adels gehörten Moltke ges. schr. 2, 12; eine geistlichkeit ..., deren glieder um gottes, nicht um des gehaltes willen geistliche sind Lagarde dt. schr. 14; welche thorheit ist es, denjenigen fuͤr einen priesterfeind ... zu erklären, der einzelner glieder laster tadelt A. G. Meiszner skizzen (1778 ff.) 1, vorbericht 5; bürokratie, die ihrerseits in der mehrzahl ihrer glieder liberaler als ich war Bismarck ged. u. erinn. 1, 35 volksausg.; ... wie eine bajadere als gl. dieses verworfenen geschlechts durch leidenschaftliche liebe ... sich selbst zur göttin erhoben Göthe 41, 2, 100 W.;
nicht glieder der parthey, das haupt sind wir nunmehr
v. Ayrenhoff 1, 63;
glieder verschiedener religionsparteyen Schlegel Europa 2, 73.
7)
glied des menschlichen geschlechts, der menschheit, der (geistigen) welt, der (menschlichen) gesellschaft: ein todes glied desz menschlichen geschlechtes Grimmelshausen Simpliz. 508 ndr.; ein glied der menschheit allg. dt. bibl. anh. zu bd. 58—86, 42;
der welt durch wissenschaft ein nuͤtzlich glied zu seyn
Chr. Günther ged. 700;
sein herz ... bemuͤhet sich allein,
ein nuͤtzlich glied der welt ... zu seyn
J. J. Schwabe belustigungen 1, 198;
als menschen und glieder der literarischen welt F. Schleiermacher I 5, 39, dieser geist- und gotterfüllten welt D. Fr. Strausz 3, xvii;
gerettet ist das edle glied
der geisterwelt vom bösen
Göthe (Faust 11943) 15, 1, 330 W.;
sie (die tugend) entspringt daher, weil sie das gemeine beste zum gegenstande und zur absicht eines jeden gliedes der gesellschaft macht J. A. Cramer nord. aufseher 1, 195, der menschlichen gesellschaft G. Chph. Lichtenberg verm. schr. 5, 70; ich werde als ein nützliches, als ein nöthiges glied der gesellschaft erscheinen Göthe 25, 60 W.; Schiller 4, 36 G.; kalt und klar stand der herr des etablissements als ein ... sehr nützliches glied der ... menschlichen gesellschaft inmitten seiner ... welt Raabe hungerpastor 2, 15.
8)
glied einer durch satzungen oder vertrag u. ä. gebundenen gemeinschaft: einer gesellschaft, genossenschaft, einer schauspielertruppe u. dgl., seit dem 17. jahrh. geläufig, vielleicht unter specieller mitwirkung von ital. membro: glieder (der fruchtbringenden gesellschaft) Neumark neuspr. teutsche palmb. 303, (der italiänischen gesellschaft der Cruska) Leibniz dt. schr. 1, 455; gleichwie unsere gesellschaft ... sich weniger sorgen giebet, viele ... glieder zu bekommen discourse der mahlern 2, 105; die glieder der ehemahligen sonntägigen gesellschaft Göthe IV 1, 188 W.; die aufnahme zum glied ihrer mineralogischen gesellschaft ebda 13, 29, der mineralogischen societät ebda 19, 211; — glieder derselben genossenschaft sind schnell befreundet J. V. v. Scheffel ges. w. 1, 172, der ackermannischen gesellschaft Lessing 7, 36 M.; keine einigkeit unter den gliedern, wie sie aber aufs theater kommen, schwebt ihnen etwas gemeinsames vor Göthe IV 27, 52 W.; des theaters 21, 359; eine bühne, die durch reinen geschmack, bessern ton und das wahre, geistvolle spiel einiger ihrer glieder die aufmerksamkeit des ganzen publikums auffodert Schiller 3, 531 G.; des anspachschen orchesters Schubart ästhetik d. tonkunst 164, des chors Göthe IV 22, 57 W.
9)
glied einer losen gemeinschaft: eines kreises, zirkels, einer versammlung: der mann, der zweifelnd und schwankend eine solche versammlung betritt, verläszt sie innerlich gefestigt: er ist zum gl. einer gemeinschaft geworden A. Hitler m. kampf (1933) 536; so ist in dem kleinen kreis sehr viel geschehen, weil alle glieder, grosz und klein, sich lebendig erwiesen Göthe IV 40, 219 W.; weswegen ich mich mit den gliedern jenes kreises (s. freunden in Düsseldorf) zu zeiten überwarf I 33, 193; Lucilius ... gleichfalls ein glied des scipionischen kreises Mommsen röm. gesch. 2, 444; des geweihten zirkels Pfeffel pros. vers. 6, 186; einer so losen verbindung ..., deren einzelne glieder sich beständig nach eignen rücksichten bestimmten Niebuhr röm. gesch. 1, 72; glieder dieser versammlung Göthe 41, 1, 89 W.;
so wird das chor der weisen,
davon wir glieder sind, die stunde glücklich preisen
Gottsched neueste ged. 112.
10)
glied einer anstalt: einer universität (hohen schule, akademie), eines museums: ein verworffen glied ... der hohen schulen, ein kaͤtzer der facultet Paracelsus (1616) 1, 201 B, der academie Happel akad. roman 889; dasz ich niemals aufhören werde an dem wohl der akademie Jena und der einzelnen glieder derselben aufrichtig wirksam theil zu nehmen Göthe IV 40, 94 W.; sie (die universität) ist, wie corporationen meistentheils, in sehr vielen gliedern schwach an geist und schwächer an fleisch Jac. Grimm kl. schr. 1, 53, glieder des museums Göthe III 7, 96 W.
IV.
eine übertragung auf die collectiveinheit einer gröszeren menschlichen gruppe findet unabhängig vom lateinischen oder romanischen im militärischen bereich statt: glied von soldaten. da in den belegen, die mit dem 16. jahrh. einsetzen, aber bereits eine längere verwendung des begriffs zur voraussetzung haben, die übertragung bereits vollkommen vollzogen ist, läszt sich nicht sicher entscheiden, ob auch hier der ausgangspunkt der gegensatz von körper (= heer, vgl.heereskörper) und glied (= bewegliche einheit) ist oder das bild der sich an einander schlieszenden kettenglieder (s. u. VII B, vgl. z. b. die späte wendung: schlieszt eure glieder zu vereinter kette Rückert 1, 4) maszgebend war. das gänzliche fehlen bildhafter elemente (im gegensatz zu III B) deutet vielleicht auf individuelle fachterminologische schöpfung; die bedeutung erscheint wenig später auch in dän. geled, holl. gelid. aus dem rein militärischen bereich wird der begriff dann auf verwandte verhältnisse sowie ins bildhafte übertragen. glied bezeichnet eine reihe neben einander befindlicher soldaten und zwar sowohl in marsch- wie in schlachtaufstellung, während reihe im militärischen sinn die hinter einander stehenden bezeichnet: die reihe ... gehet in die laͤnge, das glied in die breite Gueintz dt. rechtschreib. 114.
A.
allgemein. die veint ... ein glid umb das ander raisig und fueszknecht geordent Wilw. v. Schaumburg 59; da dieser glieder drey voruͤber, fuͤhret man darzwischen eyn ein gliedt mit schlachtschwerdtern oder andern kurtzen wehren Kirchhoff milit. discipl. 112; siebendehalbhundert man in den gliedern gezehlet v. Chemnitz schwed. krieg 2, 210; hingegen zertrennte die deutsche reiterey mit ihren langen spieszen die roͤmischen glieder Lohenstein Armin. 1, 38ᵃ;
seht das entsetzliche gewül,
wie durch der janitscharen glieder
die scheuchen hengste wiehernd sprengen
Brockes bei Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 24;
und flamme, bley und stahl durchfährt die dichten glieder.
Pietsch ges. schr. 22;
in feste glieder dringen Zachariä poet. schr. 1, 149;
der so zu fechten weis,
dasz ganze glieder fliehn
Gottsched schaubühne 1, 342;
die eisenbrocken ... spickten uns die leuthe aus den gliedern weg U. Bräker s. schr. 1, 152;
pfeifenklang
schmettert durch die glieder
Schiller 1, 231; 2, 69 G.;
kartätschen fällen die glieder
M. Schneckenburger dt. lieder 37;
übertragen: der kegel allzudichte glieder Pfeffel poet. vers. 1, 69; du weiszt, beym nebel flieszen die dinge so hübsch in einander; es erscheinen einem nie mehr als neben einander in einem gliede platz haben F. H. Jacobi 1, 60.
B.
speciell.
1)
nach der zahl der glieder bestimmt sich die aufstellung einer truppe: von einem gefreiten geführt, marschieren (sie) auf und stellen sich nach dem kommando in einem glied vor den herzog, die honneurs machend Schiller 12, 296 G.; herren und diener fochten in einem glied Ranke s. w. 2, 181; die jäger- und schützenbataillone werden in zwei glieder aufgestellt Wilhelm I. milit. schr. 1, 7; eine ... phalanx von dreitausend mann, die sechs glieder hoch eine fronte von fünfhundert schwergerüsteten bildeten Mommsen röm. gesch. 1, 83. mit anwendung auch auf die breite (also gegen den engeren sinn von gl.) die schlachtordnung war ... eine ... eben so viel glieder tief wie breit gestellte phalanx ebda 2, 173; übertragen: meine leser werden ... die koͤpfe schuͤtteln, wenn sie den dritten theil meiner geschichte mit dieser stelle in einem gliede marschieren sehen werden v. Hippel lebensläufe 1, 105.
2)
die reihenfolge der glieder ist besonders vor dem feind von wichtigkeit: in haubtschlahen ... da müssen die vordern glider fechten, kombt etwan der sechst oder zehent man nimmer zu schlagen Wilw. v. Schaumburg 92 K.;
zun fordersten glidern lasz auserlesen
die freidig und die mer im krieg sein gewesen
kaiser Maximilians lehr (1532) 50ᵃ;
das hinterste glied Niebuhr röm. gesch. 1, 279; im vordersten, ersten gl. zu stehen, ist besonders gefährlich und darum ehrenhaft: zuge er auss verdruss des leben in krieg und liess sich ... in das forderste gliedt stellen Heyden Plinius 66; der keyser fiel selbs personlich im ersten glid in sie S. Franck chron. Germ. (1538) 179²; einer statt und koͤnigreichs gemeines heyl ist ein streitbarer mann, dem das erste gl. in dem streit beliebet mit bestaͤndigkeit ohne flucht Lehman floril. pol. (1662) 3, 165;
du schütze, du held im ersten glied
Rückert ges. w. 1, 59;
gern in bildlicher verwendung: also gehets, wenn gott ... im foͤdersten glied stehet Mathesius Sarepta (1578) 22ᵇ;
der (Jesus), welcher die felsen zerschmetteren koͤnnen,
geht vornan im gliede beym kampfe und rennen
Zinzendorf teutsche ged. 151;
ihr sollt in seiner gunst im ersten gliede stehen
Stoppe Parnass 27.
heute dafür mehr entsprechende wendungen mit linie. beim exerzieren liegt auf aussehen und sicherheit des ersten gliedes besonderes gewicht: der schullehrer ... ging immer wieder die front ab, die richtung korrigierend. da war ein knecht zu klein für das erste glied W. v. Polenz Grabenhäger 1, 6; waren sie nicht anfangs rechter flügelmann der abteilung? ... aber nachher muszte ich sie ins zweite glied stecken, weil sie mir die ganze gesellschaft umschmissen Büttnerbauer 3, 344.
3)
die zahl der leute in einem glied bestimmt die breite der aufstellung einer truppe:
(sie) machten ein feltordnung mit,
alle mal fünf man in ein glit
H. Sachs 22, 186 K.-G.
Kirchhof milit. discipl. 71; Ziegler asiat. Banise 372.
4)
feste verbindungen.
a)
substantivische.
α)
glied vor (für, an, bei, zu) glied, von gl. zu gl.: exercitia von feuergeben gliedt vor gliedt v. Fleming vollkomm. soldat, kupfer 242/43; glied bei gliede frhr. v. Ditfurth hist. volksld. d. pr. heeres 5;
als sein grimm von glied zu glied
in die schaar der feinde setzte
Neukirch ged. 16;
von glied zu glied J. G. Seume ged. 177. bildlich:
der offiziere namen, gnädigste,
wie sie dem rang nach, glied für glied, sich folgen
H. v. Kleist 3, 93 Sch.;
trutziglich wie schwarze krieger,
lanzenknechte der konvente,
standen glied an glied die runen
auf dem weiszen pergamente
F. W. Weber Dreizehnlinden ¹³⁶15.
β)
besonders verbreitet ist die verbindung reih und glied für die ordnung einer abtheilung nach längs- und seitenrichtung fast ausnahmslos mit der präp. in: in den älteren belegen zumeist und gelegentlich bis ins 19. jahrh. flectiert bzw. in vollform: wie man sie (die schützen) etwa vor der scheiben uͤbet in reihen und gliedern W. Dilich kriegsb. 99; acta publica 2, 301 P.;
es stellt sich der soldat in reihen und in glieder.
v. Schönaich bei Gottsched neueste 6, 627; 2, 381;
als wirklich in reih und gliedern stehenden soldaten Lessing 18, 490 M.; dasz er ... sie doch in reih und glieder stellt Göthe gespr. 1, 163 B.; in glied und reihn Z. Werner 24. febr. 167; W. Müller ged. (1868) 2, 100; mit in reihe und gliede zu gehen Moritz Ant. Reiser 220 lit.-dkm.; von der wiege bis zur waffe in reihe und gliede Gutsmuths turnbuch XXVII; seit dem 18. jahrh. überwiegend und heute wohl ausschlieszlich in der formelhaften einsilbigkeit:
und die Christen hatten kaum jeder reih und glied geschlossen
v. Schönaich Heinrich d. Vogler 138;
marschiert in reih und glied J. D. Falk satiren 1, 111; H. Heine 3, 406 E.; wieder in reih und glied eintreten Fr. L. Jahn 2, 14 E.;
vorm feinde stand in reih und glied
das volk um seine fahnen
Herwegh ged. e. lebendigen 64;
stellt euch jetzt in reih und glied
alle ohne unterschied!
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. 2, 276;
als er ihn die zerstreuten grenadiere ... in reih und glied bringen sah Fontane I 1, 387. ebenso für nicht militärische kolonnen (aufzüge u. dgl.): die kinder ... stelleten sich in reih und glied dt. erzähler d. 18. jahrh. 156 Fürst; 150 personen ... charakteristisch zu costümieren, zu gruppieren, in reihe und glied zu bringen ... war keine kleine aufgabe Göthe IV 31, 43 W. sehr häufig uneigentlich auf menschen und dinge angewandt, wobei der begriff sich oft abschwächt zur bezeichnung der gemeinschaft oder einer sichtbaren ordnung: so werden ew. wohlgeboren hier ... mit trefflichen männern ... in reih und glied auftreten Göthe IV 40, 286 W.; die kleinen kinder ... in reih und glied bei tische ... gesessen haben Tieck schr. 4, 1, 69;
deine taxushecken recken
sehnend sich aus reih und glied
Eichendorf s. w. 1, 443;
alle vögel ... flogen in den raum der kapelle, wo sie sich hübsch ordentlich in reih und glied in die leeren fenster, auf die mauervorsprünge ... setzten Brentano 5, 78; die bücher ... stehen so langweilig neben einander in reih und glied Holtei erz. schr. 24, 209. auch auf abstractes angewandt: ein rangstreit unter ihnen ward selbst von philosophen begünstigt, welche berufen sind, geistiges in reih und glied zu stellen Göthe 41, 382 W.; ein merkwürdig phänomen in reihe und glied zu stellen IV 15, 291 W.; aus reih und glied übertragen = aus der ordnung, dem geleise: junge unerfahrene springinsfeld werden durch dergleichende einladende blicke freilich leicht aus reih und gliedern gebracht Hippel ü. d. ehe 190; der alte graf ist ganz aus reih und glied H. Beck kamäleon 59.
b)
verbale. die glieder schlieszen = aneinanderrücken, sodasz tuchfühlung besteht, in älterer kriegstechnik bes. vor dem gefecht: setzt euch, schlieszt die glieder! macht das gewehr fertig v. Ziegler asiat. Banise 64; v. König ged. 99; in dicht geschlosznen gliedern Schiller 6, 366 G.; in geschlossenen gliedern stehen, mit geschlossenen gliedern den feind empfangen Steinbach 1, 605; übertragen:
auf ihr brüder! schlieszt die glieder, stoszet nieder,
wer nicht treu und fromm und bieder
Brentano 7, 320;
ich verkenne nicht die vorzüge, welche das gegenwärtige geschlecht ... vor dem besten in der vorwelt behaupten mag; aber in geschlossenen gliedern musz es den wettkampf beginnen und das ganze mit dem ganzen sich messen Schiller 10, 288 G.; gegensatz ist: die glieder auseinander rücken Apinus gloss. nov. 249; die glieder öffnen von mann zu mann einen abstand von einem schritt oder mehr herstellen; das glied, die glieder formieren aus der stellung hintereinander nach links oder rechts ein glied bilden:
frühmorgens musz man exercieren,
bald links, bald rechts das glied formieren
A. v. Arnim 21, 339 Gr.;
glied, keine glieder halten richtung (und tuchfühlung) halten bzw. nicht halten: Horn soldatenspr. 103; so geschwind ..., dasz man keine glieder noch ordnung halten konnte A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 482; seine glieder auflösen: als die zünfte ihre glieder auflösten und das volk sich allmählich zu verlaufen begann W. Hauff 1, 15; sich in glieder stellen, aus den gliedern gehen M. Kramer 1, 537ᵇ; Jagemann 529; ins glied treten, rufen (oft in erweiterter bedeutung): er ... nahm des erschossenen patrontasche und gewehr und trat feuernd in das glied Fouqué gefühle, bilder 2, 10;
und wenn die sturmglock einst erschallt, ...
dann steig ich nieder, tret ins glied
und schwing mein schwert und sing mein lied
Uhland ged. 1, 18 Sch.-H.;
so leb denn wohl, lieb mutter!
die trommel ruft ins glied
Storm s. w. 1, 102.
V.
gleichfalls auf eine menschliche collectiveinheit bezieht sich gl. zunächst in der bedeutung 'generation' = gesamtheit der von gleichen eltern geborenen; doch neigt dieser begriff früh zu der abgeschwächten abstracten bedeutung 'verwandtschaftsgrad'; im hinblick auf das nordische (Cleasby-Vigfusson 387ᵇ; Egilsson-Jónsson 370ᵇ; Fritzner 2, 506ᵇ; Hägstad-Torp 255ᵇ) sowie die begriffsverwandten des idg. ('winkel, krümmung' wird zur geschlechterfolge in beziehung gesetzt, s. Meringer wörter. u. sachen 11, 122; Güntert ebda 124 ff.) ist die bedeutungsübertragung alt, wenn auch fürs dt. sichere belege vor dem 13. jahrh. fehlen. ob der ausgangspunkt der ist, dasz 'wie das kind aus dem mutterleibe hervorkommt, so die glieder sich auseinander zu entwickeln scheinen' (Meringer), oder ob der umweg über die glieder = internodia der pflanze zu nehmen ist, wo tatsächlich glied um glied sich entwickelt, vgl. Güntert 128, ist unsicher, zumal gl. 'internodium' erst spät bezeugt ist. jedenfalls geht die bildliche darstellung des stammbaums an den gliedern des menschlichen körpers vom haupt abwärts im Sachsenspiegel I 3 § 3 aus von dem decretum Gratiani c. 35 (s. Eckhardts Sachsensp.-ausg.); für gl. in älterer sprache auch spân, heute für bedeutung B gern grad.
A.
zur bezeichnung der verwandtschaft in direkter aufsteigender oder absteigender richtung; hier deckt sich gl. mit generation; vgl. bes.
gott creutzig euer creuz und wasser sey euch wein,
bis ihr das vierdte glied hört in der wiege schreyn
Fr. v. Logau sinnged. 12 E.
1)
absteigend: gott, der da heimsucht der veter missethat an den kindern bis in das dritte und vierde gl. 2. Mos. 20, 5; alle gelied von Abraham bis auff Dauid sind vierzehn gelied Matth. 1, 17; (die erste dt. bibel braucht an allen stellen geschlecht) atnepos meines änckels sun im dritten glid Frisius 132ᵇ; weil aber Lamech und seine kinder das siebende und achte glied von Adam her erreichen Mathesius Sarepta (1571) 9ᵇ;
er segne sein geschöpf und dieses liebe paar
in tausent, tausent glied itzund und immerdar
bei Fleming dt. ged. 567 L.;
fluch soll ihn treffen bis ins zehnte glied
Schiller 13, 232 G.;
bet up dat virte glied Reuter 2, 453 S.; übertragen: in einer feinen, späterfundnen metaphysischen sprache, die von der ursprünglichen wilden mutter des menschlichen geschlechts eine abart vielleicht im vierten gliede Herder 5, 9 S.; Jacobi sey ... auf seine eigne eitelkeit eitel und wieder auf diesz eitelsein eitel bis ins tausendste glied Caroline 1, 223 W.
2)
aufsteigend: ja wenn er nur aus dem tausendsten gliede von adel wäre G. Stephanie d. j. s. lustsp. 242; eine familie, die ... ins dritte, vierte glied hinauf, durch übel angewandte kraft sich unglücklich gemacht hat Caroline 1, 26 W.; Mithridates VI. ..., der sein geschlecht von väterlicher seite im sechzehnten glied auf den könig Dareios, im achten auf den stifter des pontischen reiches Mithridates I. zurückführte Mommsen röm. gesch. 2, 266.
B.
zur bezeichnung der verwandtschaft in der seitenrichtung und sonst; die berechnung dieser verwandtschaftsgrade, die für fragen weltlichen wie kanonischen rechts von groszer bedeutung waren, schwankt vielfach: so mit angeborener blutsfreundschafft verwandt biss ins vierdte glied lehnsurk. u. besitzurk. Schlesiens 2, 572 (aus d. j. 1498); die grad oder gelid wurden geendert, in wilchen der ehlich stand wirt vorpotten Luther an d. christl. adel 53 ndr.; so mustu doch deyne mume ym dritten und vierden gelied nicht nemen 10, 2, 280 W.; gradu sanguinis propior eins glids näher oder vil der näher fründ Frisius 1076ᵃ; wo eine erbschafft weiter als auf das fünffte glied hinunter verfällt, so gehöret die selbe dem frohnen Wicht ostfries. landrecht (1746) Iiiiii 4ᵃ; grad oder glied wird in berechnung der stuffen in der anverwandtschafft, blutsfreundschaft und schwagerschaft gebraucht Noel Chomel 4, 1294; du bist mir gar kein fremder, sondern aus meinem geschlecht im siebenten glied Jung-Stilling 6, 522; in rechtssprichwörtern: wer im gliede näher ist, ist auch im erbe näher Graf-Dietherr 200; halbgeburt tritt ein glied weiter ebda.
VI.
auf organisches auszerhalb des menschlich-thierischen körpers wird gl. übertragen bei der pflanze:
A.
die theile zwischen den knoten oder absätzen eines halms oder stengels; auch die knoten bzw. absätze selbst; dafür auch gelenk; die bedeutung ist vielleicht alt; verwandte idg. entwicklung s. Güntert wörter und sachen 11, 124 ff.; doch fehlen ältere belege nicht nur im dt., sondern auch in den andern germ. sprachen; im dt. ist die bedeutung erst seit dem 16. jahrh. belegt; sie kann sich jederzeit aus dem naheliegenden vergleich besonders mit den gliedern der finger entwickelt haben: gelenk wird gleichbedeutend mit glied, articulus, angesehen und bezeichnet absätze, durch welche ein körper gleichsam aus stücken zusammengesetzt erscheint, ohne dasz, auszer einer leichten anschwellung oder verengerung an jenen stellen, die geradlinigt fortlaufende richtung verändert werde. eigentlich heiszen die zwischenräume zwischen den zusammenfügungen oder verengerungen glieder, articuli (zwischenknoten), die verengerungen selbst ... gelenke, auch knoten, genicula, nodi, nach einer richtigern ansicht Röhling Deutschlands flora (1823) 1, 36; Behlen forst- u. jagdkunde 3, 455; niemand sol die saat tretten durch jagens ... willen, so das korn geschossen und glied gewunnen hat, das ist, wie die glosse sagt, wenn die saat das ander blatt hat Cyr. Spangenberg jagteuffel (1560) 16ᵇ; das ... rhizom treibt am ende einen ... stengel, dessen glied zwischen den blättern etwas knieförmig gebogen ist Schlechtendahl flora v. Dtschld.⁵ 4, 24.
B.
die theile einer quer getheilten fruchthülse: gliederhülse, lomentum, ist ... eine längliche, meistens trockene frucht, die zwar aus zwei klappen besteht, welche auszerhalb näthe bilden, die aber nie wie die hülse aufspringt, sondern an den kleinen querwänden ... sich gliederweise ablöst ... oft ist nur ein einziges gl. vorhanden Röhling Dtschlds flora (1823) 1, 38.
C.
in botanischer fachsprache allgemein jeder formtheil einer pflanze; glied: der körper der pflanze baut sich auf aus formteilen bestimmter gegenseitiger stellung, succession, struktur und wachstumsrichtung, welche wir mit alleiniger rücksicht auf diese ihre beteiligung beim aufbau als seine glieder bezeichnen ... glieder verschiedener ... ordnungen: wurzeln und beblätterte sprosse, internodien, blätter, segmente und meristenschichten, zellkomplexe, endlich die einzelne, wiederum in glieder zerlegbare zelle K. Schneider hwb. d. botanik (1905) 270; so arbeitet der baum in seinen ästen und gliedern den saft der erde und der luft ... zu seiner natur Herder 15, 290 S.;
und grünen wird der baum durch alle glieder
hoch von der krone bis zur wurzel nieder
Rückert ges. poet. w. 1, 119;
bei dem auszerfachsprachlichen gebrauch läszt es sich nicht immer entscheiden, ob der t. t. oder bildhafte vermenschlichung vorliegt, da letztere häufig in eindeutigen fällen begegnet: und die baͤumer an allen glidern zittern Abr. a s. Clara Judas 1, 29; Herder 24, 48 S.; übertragen: harmonie ist nicht blosz die äuszere blüthe der hellenischen bildung, sondern ihre innerste natur. die schönen glieder des groszen gewächses sind entschieden gesondert Fr. Schlegel 3, 185.
VII.
von II A, bes. II A 1 c wird gl. übertragen auf die beweglichen theile einer kette; die belege beginnen mit ausgang des mittelalters; bis dahin ist dafür rinc üblich (vgl. die ähnliche entwicklung im franz., wo membre neben anneau gegenüber lat. annulus s. Godefroy 5, 226); dafür schriftsprachlich auch gelenk (seit dem 16. jahrh. gut belegt), weniger allgemein schake. in den mdaa. vielfach nicht üblich, dafür bes. obd. geleich, vgl. z. b. Staub-Tobler 2, 591, Martin-Lienhart 1, 255, Fischer 3, 692; 283; im westfäl. hat zwar liəd diese bedeutung, nicht aber gliəd Woeste 80; 160.
A.
concret: glied ... ist ein gemeiniglich länglichter, zuweilen aber ganz runder ring, deren viele in einander geschlossen eine kette formieren Noel Chomel 4, 1155; ein glid der keten sant Johanns Endres Tucher in chron. d. dt. städte 2, 12; zwo keten von feinem golde mit zwey enden, aber die gelied in einander hengend 2. Mos. 28, 14; ain halspand von ainundzwainzig geschmelzten glidern font. rer. aust. I 1, 356; eine schöne, lange keten ... deren glieder man ausheben ... konte Harsdörffer gesprächsp. 5 )( )( )( )( 7ᵃ; in erweitertem technischem sinne: mechanismus oder getriebe ist eine geschlossene kinematische kette, von welcher ein gl. festgestellt ist Lueger 6, 349; sprichwörtlich: wenn ein glied ausz der ketten gerissen wird, so ist sie nicht mehr gantz Lehman floril. polit. (1662) 2, 831 (unter uneynigkeit); was ist eine kette, so man ein gl. erst ausbrach? Alexis Roland v. Berlin (1840) 2, 189; ein glied macht keine kette Wander 1, 1722.
B.
sehr häufig übertragen; hierher gehört wohl der ausdruck das verbindende, vermittelnde glied, der in mannigfachster verwendung erscheint, vgl. z. b. ist nun diese das verbindende glied zwischen dem gesamtleben vor der erscheinung des erlösers und dem in der gemeinschaft mit dem erloͤser Schleiermacher I 4, 15; das wasser ... ist zu gleicher zeit das vermittelnde glied alles organischen lebens Liebig chem. br. 318; vgl. mittelgl., bindegl., zwischengl.; sonst lassen sich bei den flieszenden übergängen mit sicherheit nur wendungen hierher stellen, die den begriff kette enthalten, vgl. u. VIII A 2; die übertragungen begegnen häufiger erst seit dem 18. jahrh.; sie beziehen sich
1)
auf concretes.
a)
auf menschen als angehörige einer gruppe: Matthias Claudius ... ein untrennbares gl. in der kette dieser norddeutschen dichterschule, die sich um Klopstock sammelte Gervinus gesch. d. dt. dichtg (1853) 5, 35; ... fanden sich stets einige glieder dieser kette (einer gesellschaft) zusammen Göthe 36, 18 W.; dem ewigen baumeister der welt gefiel es, eines unserer geliebtesten und verdienstvollsten glieder aus unserer bruderkette zu reiszen (1792) bei O. Jahn Mozart 3, 407.
b)
auf theile einer gebirgskette: der hügel, an dessen abhang die stadt sich anlehnt, ist gleichsam das letzte glied zwei beträchtlicher ... gebirgsketten W. v. Humboldt theater in Sagunt 58, 67 lit. dkm.; den ... sätteln der diese parallelketten unter sich verbindenden gebirgsglieder H. v. Barth Kalkalpen 257.
c)
sonstiges: in allen sprachen erscheint die kette der laute vielfach unterbrochen und fehlende glieder heischen ergänzung Jac. Grimm kl. schr. 3, 170; (Lachmanns) aufmerksamkeit entschlüpften ... unbemerkt gebliebne zahlenverhältnisse nicht, nach welchen ganze gedichte in bestimmte, dem ohr unfühlbare glieder oder ketten, wenn dieser ausdruck passend ist, aufgiengen 1, 154; dasz sie (die idiome der stämme) ... ein glied sind in der indogermanischen sprachenkette Mommsen röm. gesch.² 1, 11.
2)
auf abstractes.
a)
auf zeitliches: von glied zu glied lief er die kette der begebenheiten durch Klinger 4, 132; bei welchem gliede der ketter er (gott) eingreifen wollte Fichte 5, 110; ... glied der kette von ereignissen Melch. Meyr erz. aus d. Ries 3, 375; dasz das bildnis hier stand, dasz es heute regnete, dasz ich heraufstieg und es wegnahm — das sind lauter glieder derselben kette, damit das werde, was da ward Stifter 2, 142 S.; das erste glied in der langen kette dieser ... segensreichen entwickelung Mommsen röm. gesch. 2, 118; der krieg (ist) ein glied in gottes weltordnung Moltke ges. schr. 5, 194.
b)
auf geistiges:
die kette meiner treu hat noch kein glied verlohren
Günther ged. 619;
und so wäre dasjenige, was ich für das erste gl. in der kette gehalten, das letzte darin gewesen (von motiven u. handlungen) Schiller 4, 299 G.; besonders von gedanken u. schlüssen (vgl. auch u. VIII A 2 u. B 2 a) wäre es möglich, dasz wir die kette unserer gedanken anhalten und an jedem gliede seine verbindung suchen könnten Herder 5, 61 S.; scheint ihnen das sophisterey — nun so lassen sie es seyn, dasz ein glied in der kette der schluszfolge fehlte Caroline 1, 84 W.; und so fügt sich hier wieder ein glied in die kette unserer beweisführung Dilthey einl. in d. geisteswiss. 1, 69.
VIII.
überhaupt jeder wahrnehmbare oder erkennbare theil eines ganzen.
A.
allgemein.
1)
auf concretes bezüglich: glied wird auch ... für die einzelnen teile, aus welchen irgend ein gegenstand besteht, gebraucht Helfft wb. d. landbaukunst 156; gl. unterscheidet sich von theil, stück u. ähnlichen begriffen durch die dem wort innewohnende beziehung auf organische, naturgegebene begrenzung: unterschied zwischen gl. — teil — element. teil ist blosz quantitativ vom ganzen unterschieden. element ist ein bloszes akzidens, es steht also in relation mit dem ganzen. glied ist eine variation des ganzen, es besteht aus denselben elementen, die nur auf eine verschiedne und durch die gesetze des ganzen bestimmte weise in denselben eingeordnet sind Novalis 3, 279 M.; 3, 60; die groszen glieder der schöpfung Kant 8, 224; R. Z. Becker mildh. liederb. (1799) 72; mehr persönlich und sich der bedeutung III nähernd: der mensch ... als eines der fuͤrnehmsten glieder dieses ganzen erdbodens Butschky Pathmos (1677) 11;
immer strebe zum ganzen und, kannst du selber kein ganzes
werden, als dienendes glied schliesz an ein ganzes dich an
Göthe 1, 352 W.;
du bist kein gl. des ganzen und unnütz Brentano Godwi 1, 159; wenn wir die cometen in ihren geschlossenen elliptischen bahnen als glieder unseres sonnensystems nach der länge der groszen axe ... betrachten A. v. Humboldt kosmos 1, 115; alle glieder der wolken sind vom lichte belebt Stifter 14, 179 S.; im sachlich-technischen bereich wird gl. bes. gebraucht, wenn einzelne theile sich in gleicher weise wiederholen, z. b. die glieder eines zusammenklappbaren zollstockes, meterstabes, eines gliederofens u. s. w.; gliederkessel sind die am häufigsten verwendeten zentralheizungskessel; sie werden aus guszeisernen gliedern zusammengesetzt; zu jedem kessel gehört eine reihe von gleichartigen mittelgliedern und zwei endglieder Wasmuth lex. der baukunst (1930) 2, 649ᵇ.
2)
auf abstractes bezüglich; der gebrauch wird durch den im 18. jahrh. sich entwickelnden organismusgedanken stark gefördert: es musz ... jede ... untersuchung ... als ein dienstbares gl. in eine umfassendere eingehen können W. v. Humboldt an Welcker 92; dasz ich die astronomey beschreib mit allen ihren glidern Paracelsus opera 2, 497 H.; die gröszesten wahrheiten unserer tage verdanken wir dem konsakt der lange getrennten glieder der totalwissenschaft Hemsterhuis' Novalis 3, 352 M.; mehr ein begriff als ein wirklich organisches glied der verfassung Nitzsch dt. studien 28; der verfasser hat ein logisches zuschneiden der kunst und ihrer gattungen vorgenommen, dasz kein lebendiges gl. an dem andern bleibt Solger vorles. üb. ästhetik 45; (die vernunft) in ansehung der erkenntniszprinzipien eine ganz abgesonderte, für sich bestehende einheit ist, in welcher ein jedes gl. wie in einem organisierten körper um aller anderen und alle um eines willen da sind Kant 3, 15 akad. ausg.; freude, lust und entzücken sind nur die glieder des vergnügens, das sie zu einem höhern leben verknüpft Novalis 4, 165 M.; öfter mit sehr vager formulierung, wodurch gl. etwas stark flieszendes erhält, z. b. die religion ist nicht blosz ein theil der bildung, ein glied der menschheit, sondern das centrum aller übrigen, überall das erste und höchste Fr. Schlegel Athenäum 3, 6; besonders gern von reihen gebraucht (wobei die parallele verwendung von kette mitspricht, weniger das milit. bild von gl. u. reihe): in der reihe der britannischen ereignisse bildet diese epoche der republik eines der groszen glieder, durch welche die gesamte historische entwicklung verbunden wird Ranke s. w. 4, 55; stufenweise minder vollkommene glieder derselben entwicklungsreihe zu erkennen du Bois-Reymond grenzen d. naturerk.³ 33. ähnlich: er schwieg einen augenblick und setzte dann, einen gedankengang abschlieszend, dessen erste glieder er nicht aussprach, mit würde hinzu Fontane I, 1, 368; vgl. auch u. B 2 a.
B.
specielle anwendung hat dieser gebrauch in ausgedehntem masze in der fachterminologie gefunden.
1)
in der baukunst wird gl. unter dem einflusz von ital. membro (s. vocab. d. acad. della crusca⁵ 10, 52ᵇ ff.; Tomaseo-Bellini dizionario [1924] 5, 179ᵇ; vgl. auch frz. membre, engl. member) zum terminus technicus; befördert wird diese entwicklung durch die neigung der renaissance- und barockzeit, gebäude anthropomorph aufzufassen, vgl. M. Brózska anthropom. auffassung d. gebäudes (1931); gl. bezeichnet in der architectonik 'jede einzelheit formaler gestaltung' Schönermark-Stüber hochbaulex. 477.
a)
am geläufigsten und wohl allein allgemein anerkannt ist gl. für die theile der verzierungen, ornamente, gesimse, säulen u. s. w. (frz. moulures): glieder ... diejenigen kleinen theile, aus deren zusammensetzung die verzierung der gebäude und der zu wesentlichen theilen derselben gehörigen haupttheile, besonders der gesimse, entstehen. die glieder sind für die gesimse beynahe das, was buchstaben für die wörter sind Jacobsson 2, 117ᵇ; 5, 698ᵇ; v. Eggers 1, 1074 f.; die architektonischen glieder waren mit dem schönen gelben marmor ... bekleidet Göthe 23, 198 W.; glieder sind die einzelnen teile, aus welchen die profile der gesimse bestehen Helfft landbaukunst 155.
b)
seltener die gröszeren abschnitte eines gegliederten architektonischen ganzen, z. b. einer brücke: glied im kriegsbrückenbau, ein brückenglied v. Alten 4, 273; vgl. die glieder sind gleichsam die laute, aus denen der wohlklang der sprache eines bauwerks entsteht Schönermark-Stüber 477.
2)
in logik und erkenntnistheorie bezeichnet gl.
a)
allgemein theile einer reihe von vorstellungen, eines causalzusammenhanges u. dgl.: reihen nennt Herbart vorstellungsfolgen, deren glieder einander in bestimmter ordnung reproduzieren Eisler wb. der philos.⁴ 2, 663; 1, 206; nur durch die von uns fortwährend vorausgesetzten und eingeschalteten, nicht erfahrenen glieder kommt ordnung und einheit in die wirre jagd der wahrnehmungsbruchstücke J. Volkelt quellen d. menschl. gewiszheit 21; da wir keineswegs im stande sind, ... den kausalen zusammenhang glied vor glied zu verfolgen Schopenhauer 1, 49 Gr.; vgl. auch VII B 2 b u. VIII A 2.
b)
die theile eines urtheils (auch eines beweises, schlusses u. s. w.); diese verwendung berührt sich eng mit dem grammatischen terminus glieder eines satzes s. u.: Eisler wb. philos. begriffe⁴ 3, 364; 3, 354; in der vernunftlehre sind glieder die theile, die einzelnen urtheile eines schlusses: die glieder eines schlusses, das vorderglied, mittelglied und hinterglied Heinsius 2, 478ᵃ.
c)
die beiden seiten eines gegensatzes: hinsichtlich des gegensatzes zwischen dem tempus continuum und utile wissen wir, dasz das eine glied desselben der ältern, das andere der spätern zeit angehört Jhering geist d. röm. rechts 2, 1, 112.
3)
in der grammatik u. stilistik.
a)
die theile eines satzes, einer periode; hier wirkt griech. κῶλον = lat. membrum z. th. unmittelbar ein, vgl. z. b. ein yede gantze volkommene ... rede, auff disen sinn genandt periodus, hat etliche glider, ... die heissen griechisch cola, welliche abermal ire theylung in der rede haben in commata, das sein der glider theyl, welches sein etwa einzelne wort ... Ickelsamer gram. D 6ᵃ bei Fechner 4 seltene schr. d. 16. jahrh.; die membra oder cola des periodi zs. f. wortforsch. 15, 83 (Bödiker [1746]); gl. eines satzes seit Gottsched [1749]; ähnlich dt. sprachkunst (1748) 59; z. th. durch vermittlung von frz. membre de frase, vgl. z. b. Girards einflusz auf Bodmer Jellinek gesch. d. nhd. gr. 2, 476; unter glied der rede, des satzes werden sowohl die theile des einfachen satzes wie die zusammen eine periode bildenden gröszeren gebilde verstanden, vgl. ebda 2, 468; glied der rede Morhof unterricht (1682) 524; perioden, die man geschrieben oder gedruckt durch alle ihre verschränkte und verschraubte glieder und einschiebsel kaum mit dem auge verfolgen kann, ohne drehend und schwindlicht zu werden Lessing 8, 236 M.; 9, 215; Heine 3, 477 E.; J. Wackernagel syntax 1, 225; vgl. satzglied.
b)
die theile eines zusammengesetzten ('zwei- oder mehrgliedrigen') ausdrucks: interessant ist in dieser beziehung die verbindung von mühe und arbeit. von haus aus haben in ihr ja beide glieder die möglichkeit zu aktiver und passiver bedeutung Lutherjahrb. 1931, 110; das gesetz der wachsenden glieder Behaghel zschr. f. dtschkunde 44, 86; auch bei nicht gleichwertigen theilen von einheitlichen ausdrücken: die antike litotes hat als erstes gl. die negation, die germanisch-deutsche ein gradadjektiv oder gradadverb Alfr. Hübner d. mhd. ironie 42.
c)
die constructiven theile eines zusammengesetzten wortes: ist demnach zu wissen, dasz ein jedes verdoppeltes wort ... abgeteilet werde in zwey glider oder stücke Butschky dt. rechtschreibung (1612) 29 ; vgl. Schottel sprachkunst (1641) 108; Schottel unterscheidet der grund oder haubtglied und das beygefügte ... oder das vorderste gl. des wortes (= grund- und bestimmwort) haubtspr. (1663) 75; glied des wortes öfter seit Stieler (1691) s. zs. f. wortforsch. 15, 75; man unterscheidet erstes und zweites gl., vorderes und hinteres gl., vorder- und hintergl. oder endglied.
d)
seltener von den theilen eines diphthongs: der diphthong ei hat auf estnischem gebiet als erstes gl. langes offenes ē, lautet also ēi Mitzka balt. deutsch (1923) 3.
e)
die grammatiker (bzw. puristen) des 17. jahrh. verwenden gl. auch für silbe und buchstaben (letzteres mehr in etymologischer spielerei): Stieler stammbaum 2244; ist also der buchstab oder letter ein wortlit oder gelied eines worts, dadurch es, als an eine ketten gegliedert und zusammengehalten wird Harsdörffer secret. 2, ):( 6ᵃ; Schottel haubtsprache 53.
f)
wo die stilistik sich nicht der grammatischen termini bedient, bleibt der gebrauch unscharf: alles, was pathetisch, ernsthaft ... ist, erfordert lange und wol in einandergeschlungene glieder oder einschnitte Sulzer theorie d. schönen künste 3, 378; wenn ... eine gröszere geschmeidigkeit der glieder mir half, mich naͤher an mein original zu schmiegen Bürger 182 Bohtz;
die sprache selbst erhebt sich ihm zum lied,
es ist ein reich des wohllauts und der schöne,
in edler ordnung greifet glied in glied,
zum ernsten tempel füget sich das ganze
Schiller 11, 324 G.
4)
in poetik, metrik und musiklehre bezeichnet gl.
a)
bes. im 18. jahrh. im anschlusz an Horaz' disiecti membra poetae die (durch die überlieferung zerstreuten) einzelnen theile des gesamtwerks eines dichters (künstlers): die glieder des dichters wurden erst in der 61ᵗ olympiade gesammelt Herder 2, 66 S.; alte fabeln ..., in welchen er miszhandelte glieder des Phädrus zu erkennen glaubte Lessing 11, 353 M.; sollte dieses ... nicht die wahrhafte und vollkommene kunst sein ..., deren werke wir mit dem gemeinen verstande nur als die zerstreuten glieder des künstlers zusammenlesen Solger Erwin (1815) 2, 286.
b)
einen gröszeren rhythmischen oder musikalischen abschnitt eines werkes: für einzelne gedichte einer als ideelle einheit geplanten sammlung: sodann verkündige, wie mein divan um viele glieder vermehrt ist Göthe IV, 26, 122 W.; für die strophe eines liedes steht glid bei Aventin 1, 345, 19 L.; mit disen zweien tichtglidern (= versen) Zesen Rosemund 48 ndr.; die glieder des zweiten gesanges Lessing 4, 454 M.; das erste glied des gesangs (Palestrinas miserere) ist fünfstimmig Heinse 5, 13 Sch.; dieselben strophen von musik werden fünfmal wiederholt; und noch das sechstemal, jedoch mit auslassung eines gliedes ebda; jedes comma, ganzes oder halbes glied ... wurde durch das begleitende instrument ausgedrückt Schubart ästhetik d. tonkunst 13; dieser (der mangel an einheit in Mozarts oper Mitridate) wird noch gesteigert durch den allzuhäufigen abschlusz der einzelglieder durch eine ... cadenz O. Jahn Mozart 1, 283.
c)
den einzelnen takt oder takttheil: jambische glieder Bürger 243ᵇ Bohtz; desto mehr zu raten gibt das zweite g. des verses Jac. Grimm kl. schr. 2, 7; klangfuͤsze oder glieder einer melodie J. Mattheson vollkommene capellmeister (1739) 171; die geraden ... taͤcte ... haben 2, 4, 6 oder 12 glieder kl. generalbaszschule 93.
5)
in der mathematik erscheint gl. entsprechend lat. terminus
a)
vor allem für die theile der gleichung (vgl. membrum aequationis, membre d'équation) und der proportion: wenn die rede von einer gleichung ist, so werden sie (die theile) termini aequationis genennet und geschiehet ihre kombination mit einander lediglich durch die signa der addition und substraction + und —, maszen wenn eine grösze durch eine andere multiplizieret oder dividiret ist, solche dadurch nicht zwey, sondern nur ein glied formieret Noel Chomel 4, 1154 (es folgen die definitionen für unbekanntes gl., bekanntes gl., das erste gl., das letzte gl.); die vier zahlen, die zum gleichverhältnisse gehören, heiszen die sätze des gleichverhältnisses (termini proportionis); die beiden ersten machen das erste ... gl. ..., die beiden letzteren machen das zweite gl. ... in jedem gliede wird der erste satz auch vordersatz (antecedens) und der andere hintersatz (consequens) genannt Bürja gröszenlehre 26; in einer geometrischen proportion ist das product des ersten gliedes in das vierdte gleich dem product aus dem andern in das dritte Wolff anfangsgründe (1710) 1, 84; ähnlich werden gebraucht vorder-, hintergl., äuszeres, inneres gl.
b)
seltener für die theile von zahlenreihen, summen u. dgl.: das glied, welches vor 4 + 3 hergeht, musz ja nicht 4, d. i. 4 + 0, sondern 4 + 11⁄2 sein A. v. Humboldt kosmos 3, 444; dasz die summe von unendlich vielen gliedern ... gleich 2 ist L. Boltzmann pop. schr. 160; glieder einer arithmetischen progression Voigt gröszenlehre d. rein. math. (1791) 185; vgl. A. Schirmer wortschatz d. mathem. (1912) 29.
c)
vereinzelt für stelle: die zahl 666 besteht aus drei gliedern Jung-Stilling w. 3, 12 Gr.
compositionstypen zu ²glied: der ältere schon mhd. gut vertretene typus mit glied-, der seinerseits neben dem ins ahd. hinaufreichenden lide- des simplexes steht, wird von dem seit dem 16. jahrh. häufigeren typus mit glieder- an beliebtheit überflügelt, ohne dasz die concurrenz immer zugunsten des letzteren entschieden würde; wo der pluralbegriff im vordergrund steht, erweist sich glieder- als bevorzugt. nur sehr schwach vertreten ist der typus mit glied(e)s-, eigentlich nur bei glied(e)slang hat er gröszere geltung gewonnen, auch da nur neben gliedlang. es werden daher die wenigen fälle für gliedes- mit denen für glied- zusammengefaszt. am stärksten ist sowohl beim typus glied- wie glieder- die bedeutung II A (in gelenken bewegliche theile des körpers) vertreten, die freilich nicht immer ganz sicher abzugrenzen ist. zweifellose fälle mehrfacher bedeutung sind selten, sie werden daher in den verschiedenen rubriken besonders angeführt.
1)
compositionstypen mit glied- (einschlieszlich gliedes-)
a)
gl. 'gelenk' (vgl. I); hierher gehört vor allem gl.-wasser (s. an alphabet. stelle); bei andern wie gl.-sucht (s. an alph. stelle) ist gl.- in der bedeutung gelenk der ausgangspunkt, doch hat sich diese erweitert zu der des gliedes, dem das gelenk angehört. die fälle werden daher unter dem umfassenderen begriff II A angeführt:
gliedflusz
s. gliederflusz;
gliedschwamm m.
fungus articulorum 'eine schwammige geschwulst an einem gelenke des körpers, bes. am knie' Voigt hdwb. f. d. geschäftsführung (1807) 1, 346, vgl. Noel Chomel 4, 1159; im steirischen eingeschränkt auf entzündung des kniegelenkes, tumor albus Unger-Khull 295ᵇ; pl. die -schwammen v. Hohberg georgica cur. (1682) 1, 310; die -schwämme Voigtel wb. (1793 ff.) 2, 103ᵃ; nach volkstümlicher auffassung entsteht der gl. im knie vom langen bzw. harten knien: auf erbsen knien, so dasz sich der gl. in die gelenke setzte Devrient gesch. d. dt. schauspielkunst 2, 328; die waisenkinder bekommen von dem vielen anstand zu knien den gl. allg. dt. bibl. 52, 263; (-schwamm² s. unter c); vgl. gliederschwamm.
gliedstein
verkalkte gelenkmaus, verkalkte knorpelmasse innerhalb der gelenkkapsel, s. Höfler krankheitsnb. 682 (-stein² s. unter c);
s. an alph. stelle.
b)
gl. = in gelenken bewegliche theile des menschlichen oder thierischen körpers.
α)
bei den meisten composita steht der begriff arme und beine im vordergrund (vgl. II A 1 a u. 2), wobei freilich zumeist gleichzeitig an deren gelenkige theile gedacht ist; gelegentlich spielt auch II B (andere äuszere körperteile) mit: glied-absetzung (vgl. II A 1 a γ bb): die zahl der gliedabsetzungen und resektionen ist viel geringer geworden v. Alten 4, 122;
gliedabsterben
Höfler krankheitsnb. 370ᵇ;
gliedamputation
gl. oder gliederabloͤsen Noel Chomel 4, 1155;
gliedbad
merobalineum, ein gl., wo nemlich nur ein glied oder ein theil des körpers gebadet wird Blancard arzneiwb. 3, 366ᵇ;
gliedbau
(vgl. gliederbau) s. an alph. stelle;
gliedbrestig
nur in älterer sprache, obd. -praͤstig; wem ein glied fehlt oder schadhaft ist: dann ir gsatz laszt keinen glidpraͤstigen zuͦ einigem ampt S. Franck zeytb. (1531) 33ᵇ;
gliedbrüchig
an einer seite gelähmt, überhaupt gelähmt: gelidbruchig paraliticus Dieffenbach-Wülker 628, Dieffenbach n. gl. 280ᵃ; ... das man sehe, ob sy nit g., lam seind S. Franck weltbuch C 1ᵇ; vgl. gliederbrüchig;
gliedeinrichter
jemand, der verrenkte glieder wieder einrenkt: nach etlicher tagen verlauff kahm der g. wieder nach hofe (er hatte dem könig den ausgerenkten kopf wieder eingerenkt) A. Olearius persian. baumgarten 8 (1696) 88;
gliederhaltung
der verf. hat ... die verbindungen der äste (der schenkelpulsader) ausgezeichnet, um die möglichkeit der gl. anschaulich zu machen allg. dt. bibl. 69, 385; gliedesglied gliedabschnitt der gröszeren glieder: ich habe ihm jedes glied und gl. gelind mit dem stöcklein rühr dich ... bestrichen v. Görres ges. br. 3, 75; gliedfähig: F. L. Jahn setzt glied- und triebfähig für organisch des originals in den von ihm dem sinne nach zitierten satz: wie das turnen ... nun auf einer höhe angekommen, auf welcher es sich ... endlich fest gestalten und glied- und triebfähig in die erziehung und somit in das ganze deutsche leben einfügen zu wollen meint 2, 898 E.; vgl. u. gliedlebig u. gliedbaulich, gliedthumlich an alph. stelle;
gliedformiererin
bildliche bezeichnung des podagras bei Fischart podagr. trostbüchl. 38 H.;
gliedfräulein
glidfraͤwlin dass. ebda 39;
gliedfürstin
dass. ebda 52;
gliedgebrochen
an den gliedern gebrochen, übertragen:
indessen war die schlange, die verfluchte,
sich auf dem bauche schleppend, gliedgebrochen
und stumm für immer jetzt, davongekrochen
J. Baggesen poet. w. (1886) 4, 215;
gliedgelenk
Cardanus will, das podagra sei anders nicht, als eine inflammation der gliedgelencke Francisci lufftkreis (1680) 903;
gliedgewerbe
vgl. gliedergewerbe gelenke (vgl. theil 4, 1, 3, 5481) der glieder: zudem waren die gliedgewerber (des harnischs) so lotter, dasz man glaubete, der harnisch würde augenblicklich auseinander fallen Lindenborn Diogenes (1742) 2, 102;
gliedgichtig
darumb sin sie gut den, dy geruͦrt sin mit einer gutta, das ist ein tropf usz dem heupt, und den glidgichtigen Petr. de Crescent. (1495) 110ᵃ, vgl. gliedergicht;
gliedgut
an den gliedern gut, vollkommen gut Schmeller-Fr. 1, 1442;
gliedhildin
bildl. bezeichnung des podagras bei Fischart podagr. trostbüchlein 37 H.;
gliedkämpferin
dass.: Plisthenes ... hat zeitlich in der jugend angefangen, diser glidkempferin huld zu erlangen ebda 38;
gliedlahm
mhd. lidelam, vgl. gliederlahm: kein glidlammer oder eineügiger solt geweyhet werden S. Franck zeytb. (1531) 281ᵇ; uneig. der glieder nicht mächtig:
biete mir wein nicht an, lieb mütterchen; denn ich befürchte,
gliedlahm würd ich dadurch und verlöre die schneidige stärke
W. Jordan Ilias 128;
gliedlähme
gliederlähmung, auch durch verletzung, sowie gicht des viehs, nur älternhd. (Höfler krankhb. 347ᵃ) u. in dialekten (Staub-Tobler 3, 1265, Fischer 3, 693);
gliedlähmig
blosz in älterer sprache, gliedlahm: kein glidlamiger zu briester gemacht werden solt Alt buch der croniken (1493) 140ᵇ;
gliedlebig
was in gliedern lebt, organisch: unsere thätigkeit erscheint uns als ein gliedbauliches, gliedlebiges ganze, als ein organismus K. Chr. Fr. Krause vorles. ü. d. grundwahrheiten 101; vgl. o. gliedfähig u. gliedbaulich, gliedthumlich an alph. stelle;
gliedlos
ahd., mhd. lidelôs, nd. liddlos Mensing 3, 472, ledlos 3, 427; vgl. gliederlos, dem ein oder mehrere glieder fehlen, vor allem infolge gewaltsamen eingriffs: gl. dem man ein glid abgehauwen hat, lacer, lacerus Maaler 186ᵃ; er draͤngete sich zur seite in den feind hinein und machete damit, dasz sie gar gliedlosz wurden Bucholtz Herkuliskus (1665) 801; übertragen: ... veruhrsachen nur einen anstosz in der rede und machen sie gl., knarrend, hart und unlieblich Zesen rosenmând (1651) 177;
gliedlöser
der andere ihrer glieder beraubt:
eyn glidloͤser und augenblender
B. Waldis streitged. geg. herz. Heinrich d. j. 34 ndr.;
gliedmächtige
die, bildliche bezeichnung des podagras bei Fischart podagr. trostbüchl. 19 H.;
gliedmanglig
glidmangliger, der nur eyn hant hat oder sonst eyns glids manglet Dasypodius (1537) 289ᵈ; Hulsius-Ravellus (1616) 141ᵇ; vgl. gliedermangel;
gliedmann
s. gliedermann;
gliedmarterin
bildl. bezeichnung des podagras bei Fischart podagr. trostbüchlin 12 H.;
gliedmarternd
mein, mein noch einst, ob in gliedmarternden
erzbanden zur schmach ich verdammt jetzt bin
Droysen Äschylus (1841) 416;
gliedmörderin
... wie vil besser wer im (Pentheus) gewesen, er het Bachum hoch gehalten und darnach zu lon seine tochter, die glidmarterin, empfangen, als das er solche glidmoͤrderin im uber den hals geladen (er war zerrissen worden) Fischart podagr. trostbüchl. 42 H.;
gliedmüde
'in den gliedern ermüdet' Höfler krankheitsnb. 425ᵃ;
gliedpfeil
bildl.: pfeil des podagras bei Fischart:
wie venuspfeil pringt herzenprunst,
also die glidpfeil schmerzensprunst
podagr. trostbüchl. 25 H.;
gliedreiszen
s. gliederreiszen an alph. stelle;
gliedruhr f.
gliedrührerin, bildl. bezeichnung des podagras bei Fischart podagr. trostbüchl. 48 H.;
gliedsaft
= -wasser Höfler krankheitsnb. 871ᵇ (unter gliedwoge);
gliedsalbe
s. gliedersalbe;
gliedschart
ahd. lid(i)scarti f., vgl.gliederschart, verstümmelung eines gliedes: sic lidiscarti leg. boj. tit. 3. c. 1; si enim medietatem aurem absciderit quod lidiscarti Alemanni dicunt leg. alem. 118, 5 u. lesart. Lehmann; ebenso gliederschart: daher auch in denen l. l. diese altteutsche termini uberblieben sein: aranscarti, der æren abschlecht, lidiscarti gliederschart oder hieb J. Tröster polnisches adelsrecht (1666) 6;
gliedschelch
krumm an den gliedern, gebrechlich: labilis glydschelych Dieffenbach gl. 314;
gliedschmerz
s. gliederschmerz an alph. stelle;
gliedschrötig
vgl. mhd. gelitschrôt stm.: glidschroetige wunden, vulnera graviora, quae membra lacerant et corrumpunt. in cod. statutor. Wienn. rubrica est: von gliedschrötigen wunden, et sequens: von ainvaltigen wunden Haltaus 728;
gliedschwachheit
'muskelschwäche in den gliedern' Höfler krankheitsnb. 608ᵇ; vgl. gliederschwäche;
gliedschwächig
die glieder schwächend Fischer nachtr. 2047;
gliedschweinung
vgl. gliederschweinen schwinden, schrumpfen von gliedern: mit lämmungen, bäulen und andern zufällen auch gliedtschweinungen F. Würtz wundartznei (1612) 179; gliedsschweinung Höfler 617ᵇ;
gliedseuche schw. m.
gliederkrankheit: diser starb ... an eim glidseuchen G. Alt buch der chroniken (1493) 84ᵇ;
gliedstich
gl. si fiat stich per arm oder bein Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 470 B Huser; vgl.gliederstich;
gliedstummel
gleichwohl sind die gl. ihr (der erzschleiche) nicht ganz unnütz Brehm thierl. (1890/93) 7, 166;
gliedsucht
s. gliedersucht; gliedsversehrung 'verletzung u. schmerzen an einem glied des körpers' Pictorius 1, 81; gliedverkrümmung contractura Fenner medicin. wb. (1930) 2, 83;
gliedverrenkung
Höfler krankheitsnb. 505ᵇ;
gliedweh
vgl. gliederweh: schlangenöle ... geprauchs für das glidwee Sebiz feldbau (1579) 394;
gliedwesen
ein wesen nun ... nennen wir mit einem griechischen worte organismus und mit einem neuen, eben dasselbe sagenden worte ein gl. oder gliedbauwesen oder einen gliedbau K. Chr. Fr. Krause grundwahrheiten d. wiss. 93;
gliedwunde
vgl. gliederwunde: dann wie offt ist ein gliedwund, da der todt darzu schlecht Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 533 B H.;
gliedwüten
alunt, in weine gesotten und uber das gl. geschlagen, miltert den schmertzen J. Schnellenberg experimenta (1552) 11ᵃ;
gliedzerleger
vgl. gliederzerlegerkunst: warum sollte sich einer in einer solchen handlung nicht offt üben, die nicht allein dem gliedzerleger selbsten, sondern auch den zusehern eine tiefste weisheit erregen ... kann ... Er. Francisci höll. Proteus (1695) 987;
gliedzittern
'zittern der glieder, eine unwillkürliche und zwecklose, die willkürliche bewegung beschränkende oder gänzlich hindernde bewegung der glieder in kleinen distanzen, befällt entweder den ganzen körper oder einzelne theile z. b. den kopf, die augenlider, lippen, zunge, arme, hände, schenkel, füsze' Krünitz 242, 40.
β)
glied- bezieht sich speciell auf die zwischen den gelenken liegenden einzelabschnitte des körpers (vgl. II A 1 b). gliedfuge stelle, wo die glieder zusammenstoszen, gelenk: geliedfuͦge Dieffenbach gl. 640ᵃ; compago ist ein glydfuͦg Gersdorff wundarzney (1517) 83ᵇ; vgl. Dieffenbach n. gl. 104ᵃ; Serapion ... ward ... mit grausamen peinen gequelet fast, das sich alle seines leibs glidfuͦge vor entloͤseten G. Alt buch der cronicken 120ᵃ; vgl. gliederfuge;
gliedfügung
dass. wie -fuge: glidfugung zusamen Dieffenbach gl. 136ᵇ;
gliedweis gliedweise
s. an alph. stelle.
γ)
glied- bezieht sich auf die abschnitte der finger, und zwar buchstäbl. wie als masz (vgl. II a 1 c): gliedknorpel die verdickung der fingerglieder am gelenk: sie hatte ... den finger hübsch gerade gehalten und es geduldet, als er den gl. mit speichel bestrich, damit das ringlein leichter dran konnte Rosegger wildlinge (1905) 282;
gliedlang
bis zum 19. jahrh. und noch in den dialekten meist gliedslang s. z. b. Crecelius 425; Askenasy 209; Kisch Nösner worte 56; dagegen z. b. glitlank Damköhler 62: glidtslang articuli (sc. mensura) Stieler 1065; longitudine articuli digiti Steinbach 1, 970; seine blätter sind ... mit kleinen nebenblätlein an braunen rippen gliedslang von einander gesetzet Zincke öcon. lex. (1744) 898; gern zur kennzeichnung von wunden: dem ausdruck gliedslange und nageltiefe wunden begegnet man öfter, z. b. in Gaupps magdeburg. recht § 11 rechtsalterth.⁴ 1, 139; vgl. gliedlang sbst. an alph. stelle;
gliedring
'ein von gold geätzter, kleiner und subtiler ring mit oder ohne diamanten, welche das frauenzimmer meistens an das erste glied des kleinen fingers zu stecken pfleget' Noel Chomel 4, 1159;
gliedringlein
dass. Amaranthes frauenz. lex. 672; 1649; 961; K. Bräuer studien 2, 339;
gliedschäftig
ein glidscheftige wunden 10 [[undefined:poundsign]] hlr (busze) (1473) weisth. 6, 84;
gliedtief
gliəddaipe gliedtief (von wunden, die ein fingerglied tief sind) Woeste 80ᵇ.
c)
glied- bezieht sich auf die geschlechtstheile, vor allem den penis (s. glied II B 2): gliedfehler die ursache zur sodomie (unzucht mit thieren): ἀταβία quaevis in conjugio (ist auch) ... der sodomitische glied- und onanitische zweckfehler: die unvernunft in den eusserlichen umbstaͤnden Dannhauer catechismusmilch (1657 ff.) 2, 250;
gliedkrümme
männliche, chorda venerea, anhaltende erection des penis vgl. Höfler 337ᵇ (v. 1757);
gliedschirm
besondere schutzvorrichtung für die geschlechtstheile am bauchharnisch, vgl. th. 8, 2118: gl., schamkapsel Müller-Mothes 1, 469ᵃ;
gliedschwamm
pilz, der in einem gewissen stadium ähnlichkeit mit einem männlichen gliede hat, daher auch ruten- oder stertmorchel heiszt: gl., eichelschwamm phallus impudicus L. Holl pflanzenn. 130ᵃ; vgl. -pilz an alph. stelle;
gliedsteife
= priapismus, anhaltende krankhafte erection des penis, vgl. Höfler 481ᵇ (v. 1761);
gliedstein
dem männlichen gliede ähnliche versteinerung: gl. priapolithus, colites Nemnich wb. d. naturgesch. 198; frz. priapolite; gl.¹ vgl. unter a.
d)
glied- = innere körpertheile bzw. körpertheile überhaupt (vgl. II C, D): gliedstück: das ist ... aller eusserlicher und innerlicher glider und glidstuck ... erklaͤrung W. H. Ryff anatomie (1541) A 1ᵃ; ders., d. kleyn chirurgi n. (1542) 9ᵃ; Frisch 1, 355ᵇ;
gliedtheil
die bibergeylin ... erschelt die innwendige aneinander hangende glidteiler Herold-Forer Geszners thierbuch (1563) 27.
e)
glied- bezeichnet die zugehörigkeit zu einer religiösen, socialen oder staatlichen gemeinschaft (vgl. III A B): gliedfunction: die g., die der arme innerhalb der bestehenden gesellschaft übt, ist nicht schon damit gegeben, dasz er arm ist Simmel sociologie 490;
gliedstaat
halbsouverän bezeichnet im völkerrecht die stellung von gliedstaaten, die nur einen teil ihrer ... angelegenheiten selbständig regeln v. Alten 4, 564;
gliedstellung
sie (die existenz des menschen) steht unter der ... nicht weiter reduzierbaren kategorie einer einheit, die wir nicht anders ausdrücken können als durch die synthese oder die gleichzeitigkeit der beiden logisch einander entgegengesetzten bestimmungen der gl. und des fürsichseins Simmel sociologie 41; eine ganz specifische, organische gl. innerhalb des ganzen ebda 493.
f)
glied- im militärischen sinn (vgl. IV): gliedweise, gliedsweis(e) s. an alph. stelle; vgl.gliederweise; gliedsoberst: die gliedsobersten und wie sie in der ordnung gestanden Wallhausen kriegsmanual (1616) 182.
g)
glied- = generation, verwandtschaftsgrad, sippe (vgl. V): gliedrechtserbfolge erbfolge, die nur die nähe des verwandtschaftsgrades berücksichtigt: wir haben in den teutschen rechtshaͤndeln erbschaften, davon der Römer nichts weisz ... und zwar ... die gl. Estor rechtsgelahrtheit (1767) 3, 1085;
gliedsfolge
die glidsfolge sihet lediglich auf die naͤhe des grades; der naͤchste am glide ist der folger ebda 3, 1098;
gliedsverwandt
doch bitten sie, wo s. f. g. derhalben mit s. f. g. prelaten, gebietigern und glitsverwanten etwas bedacht hetten, inen solches gnediglichen mitzutailen
(1521) acten d. ständetage Preuszens 5, 656.
h)
glied- im botanischen sinn (vgl. VI): glied-hülse: 'eine hülse, welche durch querwände oder verengerungen in fächer abgetheilt ist und meist schon im äuszeren mehr oder weniger deutlich gegliedert erscheint, z. b. bei hedysarum, ornithopus u. skorpiurus' Bischoff wb. d. beschr. bot. (1857) 92ᵃ; Dietrich 5, 567; vgl. gliederhülse;
gliedhülsenförmig
'einer gliedhülse ... ähnelnd, z. b. die luftblasen von cystoseira siliquosa' Bischoff 92ᵃ;
gliedhülsig
'von dem bau einer gliedhülse' ebda; vgl.gliederhülsig.
i)
glied- als theil eines gröszern ganzen (vgl. VIII A 1); in der composition gewinnt gl. bes. in älterer sprache öfter die bedeutung des untergeordneten, nebensächlichen im gegensatz zur 'haupt' sache:
gliedbetrieb
nebenbetrieb: der verlagsbetrieb ist ein föderatives gebilde, in welchem die funktionen zwischen hauptbetrieb und gl. ... verteilt sind hwb. d. staatswiss. 4, 380;
gliedkreis
epicyclus, neben-, beikreis (in der astronomie): wenn ... die kreise von den intelligentzien bewegt würden und jegliche einen besonderen kreis bewegte, so müszten derselben intelligentzien nicht nur acht, sondern viel mehr sein, wegen der gliedkreise (epicyclos) und ungleich gecentrierten kreise (eccentricos) Francisci lusthaus (1676) 234;
gliedzirkel
dass.: (es) werden uͤberall drei und dreissig kreise gesetzt, wovon sieben und zwantzig um die erdkugel gehen, sechs gl. aber gantz ausser derselben sich befinden ebda.
k)
glied- im architektonischen sinn (vgl. VIII B 1): glied-besetzung: sägezahnverzierung ... anglonormannische g. Mothes ill. baulex. 4, 91.
2)
compositionstypen mit glieder-. nicht alle zusammensetzungen mit glieder- gehören zu glied, vielmehr gehören neuere bildungen öfter zum verbum gliedern; sie sind an alphabetischer stelle eingereiht, vgl. z. b. gliederkunst die kunst des gliederns; gliederstufe eine der gliederung dienende stufe, etappe; diese activen bildungen sind heute im ganzen durch solche mit gliederung(s)- ersetzt; daneben die passiven bildungen, wie gliederschiefer gegliederter schiefer. glieder- bezieht sich auf:
a)
die gelenke (vgl. I); auch hier werden die fälle, wo gelenk den ausgangspunkt bildet, aber im sprachempfinden die erweiterung auf die ganzen glieder vollzogen ist, unter letzteren mit aufgereiht:
glieder-flusz
reiszen in den gelenken vgl.flusz 2 c th. 3, 1856: Blancard arzneiw. wb. (1788) 1, 501ᵇ; bei Fischer nachtr. 2047 auch gliedflusz (1472);
gliedergegicht
polyarthritis, entzündung mehrerer gelenke s. Höfler 191ᵃ;
gliederschwamm
vgl. gliedschwamm¹; bildlich: aber wie dieser treibt auch er (der logische organismus der sprache) zuweilen regellose überbeine, sechs finger und gliederschwämme aus dem regelleibe heraus Jean Paul 54, 40 H.
b)
die in gelenken beweglichen theile des körpers,
α)
vor allem arme und beine (vgl. II A 1 a u. 2), wobei freilich keine feste begrenzung vorliegt, sodasz eine trennung von glieder = körper (vgl. II E) nicht immer möglich ist.
gliederablösung
amputation von gliedern allg. dt. bibl. 90, 437;
gliederabnahme
dass. allg. dt. bibl. 54, 382;
gliederabnehmen
d. verkümmern von gliedern: gliederschwinden und abnemmen zu huͤlff zu kommen Wirsung artzneybuch (1588) reg.; die amputation von gliedern Ph. J. Spener d. innerl. u. geistl. friede (1686) 201;
gliederabnehmung
amputation; bildlich: es ist eine wohlthätige anordnung der natur, dasz gerade in den höhern damen die tugend eine solche ... lebens- oder wiedererzeugungskraft hat, damit sie ... leichter die einfachen und doppelten brüche, knochensplitterungen und gliederabnehmungen und überhaupt das schlachtfeld jenes standes ausdauere Jean Paul 1, 213 H.;
gliederarbeit
körperliche arbeit Fr. v. d. Trenck s. schr. 5, 107;
gliederarzt
'wiedereinrichter der verrenkten glieder' Kramer hoch- u. niederdt. (1719) 2, 99ᵃ;
gliederauftürmung
diese ... thierklassen entscheiden wenigstens nicht durch blosze gl. für frühere grosze bildungskraft Jean Paul 44, 59 H.;
gliederauszenwerk
der satan tritt immer ganz auf, dazu noch ausgesteuert mit gliederauszenwerken oder randglossen von horn, huf und schwanz ders. 44, 93 H.;
gliederausstreckung
'membrorum distensio' Stieler 2194;
gliederbalsam
balsam gegen gliedersucht s. frh. v. Hohberg georgica curiosa (1682) 1, 238; Noel Chomel 1, 1063;
gliederband
muskelband, das die glieder des körpers miteinander verbindet s. Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 294;
gliederbeschädigung
auf einen hieb auf die nase bezogen bei J. G. Chr. Bode Thomas Jones 270;
gliederbeschwerden
s. J. Prätorius anthropod. plutonicus (1666) 2, 352;
gliederbewegung
... das ... götterbild (würde) ... durch eine nachgekünstelte gl. unfehlbar in eine kinderpuppe verwandelt werden Fr. Schlegel 12, 299;
gliederbezug
er schien das modell ... in gewissen bewegungen und gl. übertroffen zu haben Göthe 25, 315 W.;
gliederbild
'ein gegliedertes bild, ein bild mit gliedern, dann ein wesen mit gliedern' Heinsius 2, 478ᵃ; Herder 6, 316 S.;
gliederbildung
... was ihm (dem, der sich auf die physiognomik versteht) die gesichts- und gl. eines menschen sagen könnten Lavater aussichten in die ewigkeit 3, 110; überzählige gl. = polymelia G. Fenner medizin. wb. (1929) 2, 83;
gliederbrand
'eine art des brandes oder vielmehr des schlages bey dem rind-, schaf- und anderm viehe, welche vornehmlich die glieder u. knochen angreift, daher er auch der knochenbrand genannt wird' Krünitz 19, 72;
gliederbruch
P. Rosegger II 10, 334;
gliederbrüchig
'gliederlahm' Höfler 76ᵃ; vgl. gliedbrüchig;
gliederbude
verkaufsstelle von wächsernen gliedern zu votivgaben: ... so kam M. aus einer g. heraus und hatte zwei wächserne herzen erhandelt Jean Paul 7/10, 611 H.;
gliederbuhlschaft
bildl. bezeichnung des podagras bei Fischart podagr. trostbüchl. 38 H.;
gliederdocke
hölzerne puppe mit beweglichen gliedern (zum studium der maler) Voigt hwb. f. d. geschäftsführ. (1807) 1, 346; gliederdokn, bewegliche spielpuppe Hügel Wiener dialekt 68; als verdeutschung für marionette Campe wb. 2, 403ᵇ; vgl. gliederpuppe an alph. stelle;
gliederdoublette
gliederpaar: zwei lippen wie gemalt — zwei hände wie gegossen — und überhaupt alle gliederdoubletten recht hübsch Jean Paul 7/10, 229 H.;
gliederdrücken
druck auf (in) den gliedern: die vorboten des scharboks als trägheit, gl., hitze, schwindel D. Cranz Grönland (1770) 1, 80;
gliedereinschlafen
bildlich: sogar das alter ist ein langsames theilweises einschlafen des körpers, gleichsam ein gl. Jean Paul 59/60, 173 H.;
gliederengel
humoristische parallelbildung Jean Pauls zu gliedermann: so treibt der weltkenner Hermes häufig christliche gliedermänner, gl. und gliederteufel vor sich her 49/51, 220 H.;
gliederentzündung
'hitze, röte, schmerz u. schwellung an den äuszeren gliedern, arthritis' Höfler krankheitsnb. 861ᵇ;
gliedererstarrung
'tetanus, starrkrampf der glieder' Höfler krankheitsnb. 675ᵃ;
gliederfang
diese ursachen sind ... der ruck und gl. J. Schreyer milchcur (1694) 105;
gliederfäule
übergang der glieder in fäulnis, vgl. beinfäule th. 1, 1386:
bluͦt, harn, knoll, druͦszen, glyderfül,
des otems gstanck und zeychen vil,
für wor red ich, die zoͤigen an,
dasz diszer sey ein maltzig (= aussätziger) man
Joh. v. Gersdorff wundarzney (1517) 77ᵇ;
gliederferien
die musze einzelner glieder während der mit den andern ausgeführten arbeit; scherzhafte bildung Jean Pauls: wahrlich, der staat könnte durch ein strenges wegschneiden aller dieser esz-, bet-, busz- und gl. dahin hinaufgearbeitet werden ..., dasz er ein ordentliches groszes raspel- und arbeitshaus würde 19, 176 H.;
gliederfeuer
= '-brand' Höfler krankheitsnb. 135ᵇ;
gliederfigur, gliederpuppe
Göthe III, 13, 137 W.;
gliederflosse
flossen, die den menschlichen gliedern entsprechen (ruderflossen) im gegensatz zu den schweb- und steuerflossen Oken allg. naturgesch. 4, 340;
gliederfolterin
bildl. bezeichnung des podagras bei Fischart podagr. trostbüchl. 23 H.;
gliederform
es wird die frage seyn, ob sie unter dem modernen costum die wahren ächten menschenproportionen und gliederformen anerkennen werden Göthe IV, 12, 109 W.; H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 266; vgl. unter h;
gliederfrau
iron. parallelbildung zu g.-mann = -puppe: seine (Jean Pauls) frauen haben rothe augen und sind exempel, gliederfrauen zu psychologisch-moralischen reflexionen uͤber die weiblichkeit Fr. Schlegel pros. schr. 2, 280 M.;
gliederfrei
an den gliedern unbehindert s. den beleg aus Bürger unter schulkultur;
gliederfroh
A. Bohns v. neuen mythos 25;
gliederfuge
der ort, wo die glieder 'sich fügen', zusammentreffen, öfter gleichbedeutend mit gelenk gebraucht s. Schwan nouv. dict. 1, 768ᵃ; vgl. gliedfuge;
gliederfülle
die kernige gl. der handwerksbursche und gesellen Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 8;
gliedergang
1) das gehen, die vorwärtsbewegung auf gliedern (bei den fröschen, vögeln und säugethieren) im gegensatz zum leibesgang = kriechen, vorwärtsschieben des leibes Oken allg. naturgesch. 4, 232; 2) inwendiger gang durch die glieder für das gliedwasser, wie man ihn früher annahm, s. Höfler krankheitsnb. 182ᵇ, vgl. Qu. Kuhlmann lehrhoff (1672) 192;
gliedergebäu
der körper mit hinblick auf seine glieder: bei allen (statuen) ist im mittelpunkt der schwerpunkt, aber gewisz fällt bei allen das gl. nicht gleich auf denselben Herder 8, 67 S.;
gliedergebäude
das gl., mit dem du prahlest, wart von der erden ... zu dem gegenwaͤrtigen prachtglanze aufgefuͤhret Kuhlmann lehrhoff (1672) 355;
gliedergebrauch
Gutsmuths turnbuch (1817) XXV;
gliedergeist
'aus weingeist bereitetes mittel zum einreiben gegen die gliedersucht' Unger-Khull 295ᵇ, vgl. Mozin-Biber-Hölder 1, 418ᶜ; Schwan nouv. dict. 1, 768ᵃ;
gliedergelenkig
W. Jordan Ilias 136;
gliedergemisch
wie formbunt seltsam die märchenwelt
und der künstler phantastische laune
ihr gliedergemisch zusammengeträumt
nach wirklich vorhandnen gestalten
W. Jordan in talar u. harnisch 19;
gliedergestalt
gestalt, form der glieder Naumann vögel (1822—44) 8, 256;
gliedergesücht
'länger dauernder polyarticularer gelenkrheumatismus ohne fieber' Höfler krankheitsnb. 707ᵃ, vgl. Diefenbach gl. 46ᵇ;
gliedergeschwulst
C. F. Paullini philos. feierabend (1700) 554; Schwan nouv. dict. 1, 768ᵃ;
gliedergewächs
gewächs, pflanze, die gegen gliedererkrankungen hilft: odermeng ist eyn recht glydergewechs zu den verruckten spannadern und nerven, die bringt es wider zuͦ recht Bock kreuterb. (1539) 1, 153;
gliedergewerbe
vgl. glied-gewerbe: erkältete g. rheumatisch erkrankte gelenke Höfler 799ᵃ;
gliedergicht
'morbus articulorum' Steinbach 1, 594; bes. im 17. u. 18. jahrh. beliebt für gicht, doch auch später noch lebendig, z. b. Hebbel 1, 133 W.; vgl. rhein. wb. 2, 1272;
gliedergichtig
Petr. de Crescentiis (1493) 8ᵇ; vgl. gliedgichtig;
gliederglanz
äuszere schönheit H. Wagner ter tria (1698) 252;
gliedergöttin
bildl. ausdruck für das podagra bei Fischart podagr. trostbüchl. 29 H.;
gliederhang
art wie die glieder hängen B. Neukirch begebenheiten des prinzen v. Ithaca 2, vorrede, vgl. 2, 361;
gliederharmonie
... eine ... traurigkeit, welche ... über die ganze gl. des fräulein F. zitterte G. Keller 5, 84;
gliederhemmung
die stuben- und stuhlsitzerei ... hat einen starrkrampf erzeugt, eine gl. F. L. Jahn 2, 693 E.;
gliederherrschaft
der nachtwandler und der magnetschläfer behalten die gl. Jean Paul 27/29, 141 H.;
gliederherrscherin
bildl. ausdruck für podagra bei Fischart podagr. trostbüchl. 51 H.;
gliederhunger
freszsucht, bei der gewissermaszen alle glieder hunger haben s. Chr. Wirsung artzneyb. (1588) 414ᶜ;
gliederkalender
witterungsempfindlichkeit in den gliedern: gl., die besondere gemeiniglich schmerzhafte empfindung, welche schwächliche und insonderheit verwundet gewesene personen bey bevorstehender veraͤnderung des wetters in den gliedern empfinden, nennt man ... figuͤrlich den kalender in den gliedern Krünitz 19, 42; 32, 603;
gliederkälte
gelenkrheumatismus s. Höfler krankheitsnb. 256ᵇ;
gliederkenner
Knorr v. Rosenroth pseudodoxia 719;
gliederkitzel
körperlicher, sinnlicher reiz H. Demokritus die welt im argen 9; ... die liebe sey nichts als ein gl. allg. dt. bibl. 83, 345;
gliederklumpen
er bleibt ein verwirrter gl., an welchem weder vernunfft noch sinn entschieden werden J. W. v. Stubenberg Samson (1657) 206;
gliederknochen
Oken allg. naturgesch. (1839 ff.) 4, 27;
gliederkontraktur
'gliederverwachsung, gelenksteifigkeit' Höfler krankheitsnb. 294ᵇ; gl. oder das ziehen der glieder bestehet in einer gewaltsamen und beständigen zurückziehung der nerven und musceln nach ihrem anfange zu Noel Chomel 4, 1156;
gliederkraft
im kampfe mit dem tiger freute er sich seiner entdeckten gl. Schiller w. (1822 ff.), 16, 37;
gliederkrampf
convulsion, gliederzucken oder gl. J. Kinderling reinigkeit d. dt. spr. (1795) 244;
gliederkrümme
vgl. gliedkrümme compositionstypen 1 c, älter -krümbe, -krimpe (Guarinonius grewel [1610] 963) 'krampfhafte verzerrung der extremitäten durch tetanus, eclampsia' Höfler 337ᵇ;
gliederkunst
turnerische übung der glieder s. Gutsmuths turnbuch (1817) XXXVIII; vgl. dagegen gliederkunst² an alph. stelle;
gliederlahm
Höfler 347ᵃ; vgl. gliedlahm;
gliederlähme
Fischer nachtr. 2046; Staub-Tobler 3, 1265 (-lämi) s. gliedlähme;
gliederlähmung
Francisci lusthaus (1676) 1046;
gliederlässig
ohne anspannung der glieder: ... dachte, welche himmlische aufgabe es für die kunst sein müszte, dich in gliederlässigem beugen ... abzubilden fürst Pückler briefw. u. tageb. 1, 126;
gliederlast
last der glieder, des körpers:
entfesselt einst von dürftger gliederlast
das bange leben jauchzend zu verhauchen
F. v. Kurowski-Eicken untergang der letzten Odinskirche 133;
gliederleben
das leben des körpers, der lebendige körper, organismus; vgl.gliedlebig:
als strömte das blut ...
durch das ganze des gliederlebens
Fr. Th. Vischer lyr. gänge⁴ 83;
gliederlehrer
überhaupt mischen und verarbeiten wir seele und körper zu sehr in eins, über die grenzen der gesichts-, der schädel- und anderer gl. hinaus Jean Paul 52/53, 132 H.;
gliederleiden
leiden, krankheit an den gliedern; bildl. das gl. (ist) an allen seinen heiligen gliedmaszen seines leibs Dannhauer catechismusmilch (1657 ff.) 5, 945;
gliederlinderung
linderung gegen gliederschmerzen D. W. Triller poet. betrachtungen (1750) 3, 15;
gliederlos
vgl. gliedlos ohne glieder, ohne ein glied: ... sich krumm, lahm, gl. schieszen zu lassen Fr. M. Klinger 12, 52; übertr. 1) = ungegliedert: die gewaltigsten häupter des Vomperkammes sind es ...; prall, gl. stürzen sie in éiner flucht vom grat zum thal H. v. Barth nördl. Kalkalpen 435; 3; 2) ohne lebensmöglichkeit: alle ihre (der regierung) vorsätze waren todtgeboren und gl. Ölsner an Stägemann (1819) 61;
gliederlösend
die (muskeln der) glieder entspannend, bes. von schlaf u. ruhe gebraucht, doch auch von wein, liebe, wärme u. s. w., vgl. dagegen gliedlöser; vom schlaf: F. G. Welcker alte denkmäler 4, 177; Rückert poet. w. 2, 402; vergessen, gliederlösendes Nietzsche 8, 347;
des gliederlösenden Bacchus, der gliederlösenden Venus
gliederlösendes kind — podagra nennen sie mich
Herder 26, 26 S.;
ach die gliederlösende böse liebe quält mich 25, 407; wir wollen nackte götter, bachantinnen ... wallende busen und melodische lippen; ach die gliederlösende, böse liebe Büchner (Dantons tod) nachgel. schr. (1850) 59; von der gliederlösenden glut italischer mittagssonne J. V. v. Scheffel ges. w. (1907) 1, 116; dich entnervt die gliederlösende senectus C. F. Meyer schusz v. der kanzel 68;
gliedermangel
angeborener gl. 'lipomerie' Fenner medizin. wb. 2, 83; vgl. gliedmanglig;
gliedermarasmus
kräfteverfall der glieder Jean Paul 44, 36 H.;
gliedermasz
'masz, verhältnis der glieder zueinander' Heinsius 2, 478ᵇ;
gliedermasse
Vreneli erschrak fast vor dem mann und seiner gewaltigen gl. J. Gotthelf (1855 f.) 3, 414; vgl. Heine 1, 235 E.;
gliedermatt
müde in den gliedern Gutzkow ritter v. geiste (1850/52) 8, 58; übertr.:
wesz seele würde nicht bewegt,
gedenkt er dann der warmen hand,
die diesen kalten stein gelegt,
des geistes, der die formen fand,
die, greise selber, gliedermatt,
wie von dem baume blatt um blatt,
langsam nachrollen in die gruft
A. v. Droste-Hülshoff 2 (1885) 331;
gliedermauser
humorist. bildung von Jean Paul: denn wirklich hat die ganze gl. nichts mit der vorrede gemein als das jahr der geburt werke 7/10, 11 H.;
gliedermensch
'ein mensch als gegliedertes wesen betrachtet' Heinsius 2, 478ᵇ, vgl. Jean Paul 55/58, 82 H.;
gliedermuskeln
Oken 4, 38;
gliedernahrung
die den gliedern zugeleitete nahrung: wann ein flusz oder böse feuchtigkeit von dem gebluͤt oder der gliedernahrung abgesondert, sich in ein gliedmasz begibt, gibt es schmertzen J. C. Geilfusius trutz podagram (1658) A 4ᵇ;
gliedernarr
der nur an seine glieder denkt: ... z. b. in glied, kleid, bild, weib, kind die fügungen glieder-, kleider-, bilder-, weiber- kinder-narr Jean Paul 34, 17 H.;
gliedernerv
Oken 4, 56;
gliederöl
öl gegen die gliedersucht u. gliederschmerzen überhaupt, bes. bilsenkrautöl, nach Askenasy 166 auch terpentinöl: medicin. maulaffe (1719) 218, auch in mdaa.: Fischer 3, 692; Müller-Fraureuth 1, 425ᵇ Mi mecklenburg. 27ᵃ; Mensing 2, 390; rhein. wb. 2, 1272;
gliederordnung
(der tod,) welcher gleichfalls alle menschen ... reformieret oder vielmehr deformirt, indem er sie aus einer zierlichen gl. in asche und staub verkehret J. W. Valvasor ehre d. hertzogth. Crain (1689) 3, 6; übertr. für dispositio Neumark fortgepfl. musik-poet. lustw. (1657) 1 ):( 4ᵇ;
gliederpaar
der mensch hat zwey gliederpaare Oken 4, 25; vgl. u. h;
gliederpalast
bildl. für körper: dasz in einem so schönen gliederpallaste eine noch weit schönere seele hauset Q. Kuhlmann geschichtherold (1673) 392;
gliederpein
was wird wohl unser ende seyn?
fragt Isegrimm den fuchs; mein vater ward gehangen.
und meiner starb an gliederpein (wohl umschreibung für das rädern)
Hagedorn poet. w. (1769) 2, 240;
gliederpflaster
pflaster gegen gliederschmerzen Joh. Jac. Woyt thes. (1696) 107;
gliederplage
gliederschmerz Eschenburg beispielsammlung (1788—95) 2, 356;
gliederplump
im winkel hing ein grobschlächtiger, gliederplumper herrgott H. Watzlik o Böhmen 265;
gliederpracht
in all der gl. nichts als des werktags ein menschenscheuer, waldverborgner träumer A. Fitger von gottes gnaden 9; welche groszheit wieder in ihrer (der norwegischen ruderin) gl. F. Th. Vischer auch einer (1879) 2, 191;
gliederpulver
wieder den gliederschmertzen ... dienen innerlich gute gl. E. Gockelius curiose beschreibung (1697) 24; Marperger kaufmannmag. (1708) 599; Fischer nachtr. 2046;
gliederreich adj.
vergebens studiren sie (die künstler) den edeln wuchs, den gliederreichen bau des menschlichen körpers G. Forster s. schr. (1843) 3, 485; ein geist, der den gliederreichen körper beseele Herder 20, 62 S.; bildlich:
der an jener gliederreichen
deutschen malerrepublik ...
war als haupt hervorgetreten
Rückert 5, 5;
gliederreiz
augenblicklich versunken in seine gliederreize H. Conradi ges. schr. 3, 20;
gliederrenker
'ein sog. starker mann' Berghaus 1, 575ᵃ;
gliederrheumatismus
J. Liebig hdb. d. chemie (1843) 1355;
gliederrose
'das auf die extremitäten sich erstreckende rotlauf' Höfler 519ᵇ;
gliedersalbe
auch gliedsalbe salbe für kranke glieder Stieler 167ᵇ; Heinsius 2, 479ᵇ;
gliederschart
s. gliedschart;
gliederschlaf
das taubheitsgefühl beim einschlafen der glieder Höfler krankheitsnb. 572ᵃ;
gliederschnee
es wird der gliederschnee hier von der hitze braun,
dein schönes angesicht wird durch den strahl verbrennet
J. G. Gressel Celanders verl. ged. (1716) 115;
gliederschneider
anatom: durchschneider, persector qui etiam est gl., anatomicus Stieler 1900;
gliederschnell
und begann mit ihr ... über den rasen zu tanzen ...
gliederschnell und leicht wie ein elflein auf dem Libanon
H. Hart wunderkinder 6;
gliederschönheit
sie (die mediceische Venus) erscheint sogar durch ihre gl. noch anziehender H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 3, 130;
gliederschutt
bildl.:
dort wälzt die lava sich, die goldne schlange ...
hier zeichnen meine rasch gewagten tritte
glührote tapfen auf die schlackengruppen, —
als wenn die lust noch einmal froh und bange
des starren gliederschuttes schlaf durchglitte
M. Waldau canzonen (1848) 62;
gliederschwäche
nerven- und gl. D. Fr. Strausz 1, 96; vgl. gliedschwachheit;
gliederschweinen
vgl. gliedschweinung schwinden (abmagerung) der glieder O. Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 418; schwäb. -schweine s. Fischer 3, 692;
gliederschwenken
starke bewegung des körpers (die auf dem pirschgang vermieden werden musz) s. Laube jagdbrevier 173;
gliederschwere
Rosegger (1895) III, 6, 308;
gliederschwinden
dass. wie -schweinen, hauptsächl. vom vieh gebraucht: gl., bey dem rindvieh. wenn ein glied kleiner und dünner wird, als es im natürlichen und gesunden zustande sein soll Krünitz 19, 74; Noel Chomel 4, 1156 u. 8, 1085;
gliederschwung
und holde nymphen baden
sich ewig frisch und jung,
begeisterte mänaden
in wildem gliederschwung
F. v. Sallet s. schr. 3, 300;
gliedersehne
gliedersennen vincula et firmamenta membrorum Stieler 2007;
gliederspannen
spannen, krampf in den gliedern s. Blancard lex. medic. renov. (1735) 583; Felbinger nomencl. lat. germ. (1646) k 1ᵇ;
gliederspiel
1) körperliche, an spielerei grenzende übung: dadurch erschlaffte sein siegreich kriegsheer bei aller strenge im gl.- und kleiderspiel Fr. L. Jahn 2, 254 E. 2) die natürlichen bwegungen der glieder, parallel zu mienenspiel: lebhaftigkeit in seinem glieder- und gebärdenspiel Arndt 1, 135 R.-M.; denn er verstand es, die gebärde beider geschlechter und jeden alters und standes mit beweglichem mienen- und gliederspiele darzustellen C. F. Meyer d. heilige 27;
gliederspiritus
'gichtspiritus, lat. spiritus arthriticus mirabilis' Noel Chomel 4, 1156;
gliedersprache
ausdruckskraft der glieder: (soll) nicht der tanz durch gl. zeigen ... Schubart s. ged. (1825) 2, 4;
gliederstark
ein ungewöhnlich groszer und gliederstarker mann M. Meyr erzähl. a. d. Ries (1868) 1, 174;
gliederstärke
wie er allen
an groͤsze vorragt und an gliederstärke
Tieck schr. (1828) 1, 228;
gliederstärkend
M. Kramer teutsch.-ital. dict. (1702) 2, 910ᵇ; Heinsius 2, 479ᵃ;
gliederstärkung
G. Neumark neuspr. teutsche palmb. (1668) 282;
gliedersteifheit
Sudermann d. hohe lied 416;
gliedersteifigkeit
steifheit der glieder; übertr.: inliegende anzeige wird ihnen dies auch beweisen, obwohl einige gl. darin sich vorfindet Jos. Görres ges. briefe (1858/74) 2, 94;
gliederstich
'stechend schmerzende gliederkrankheit im gegensatz zum seitenstich' Höfler 679ᵇ; vgl. gliedstich;
gliederstrecken
musz er (der mensch) sein thun, die kopf- und willensanspannung in allem thun, mit einem gl. im imaginären und absurden ausgleichen Nietzsche 8, 140;
gliederstück
die gliederstuͤck und schenkel, eingehuͤllt
in fett, verbrannt ich auf dem sühnaltar
grafen zu Stolberg ges. w. 15, 28;
gliederstumpf
sein abgehawen gliderstumpff H. Boner Justinus (1532) 46ᵃ;
gliederstürmend
ihr gliederstürmendes volkslied regte mit siegender kraft zum tanze, zur fröhlichkeit auf B. Weber Tirol u. d. reformation 47;
gliedertanz
'st. Veitstanz' Höfler 727ᵇ;
gliedertätigkeit
es ist nicht hinreichend, dasz eine fortwährende glieder- und sinnenthätigkeit stattfinde Pestalozzi s. schr. (1819ff.) 14, 62;
gliedertaxe
... aber in England ist solcher (der halbe sold) bedeutender, da noch die gl. hinzukommt, d. h. ein aͤquivalent für ein verlornes glied ... K. J. Weber Deutschland (1828) 4, 816;
gliederteufel
humoristische parallelbildung von Jean Paul zu gliedermann, gliederengel (s. d.);
gliederübung
leibes- ò gl., eserectio ... agitatione del corpo M. Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1170ᶜ;
gliederunempfindlichkeit
Chr. Wirsung artzneyb. (1588) reg.;
gliederverdrehung
als akrobatische oder tänzerische leistung Wieland Lucian 4, 379;
gliederverlust
M. Heyne körperpfl. 138;
gliederverrenken n
1) geraten der glieder aus dem gelenk Ch. Wirsung artzneyb. (1588) reg., vgl.gliedverrenkung; 2) gliederakrobatik: ich habe mir manchmal gewünscht, ich hätte ein bestimmt ausgesprochenes talent für diese oder jene kunst: poesie, musik, ... grimassenschneiden, plastik, gl. Spielhagen 1, 247;
gliederverrenkend
zu gliederverrenken 2, die glieder in unnatürliche stellung bringend: in theatralischer kleidung und gliederverrenkender zärtlichkeit U. Hegner 5, 42;
gliederverrenker
akrobat: ein schwedischer gl. spielte den affen recht naturhistorisch correct K. Rosenkranz aus e. tageb. (1854) 184;
gliederverrenkung
akrobatische unnatürliche bewegung der glieder: die zeremonien (der seher) ... bestehen in gesichterschneiden, haarsträubenden gliederverrenkungen Ratzel völkerkunde 2, 483; bildl. bei Hebbel br. 6, 123 W.; vgl.gliedverrenkung;
gliederverschränkung
in welchem er ..., in ... ungefälliger gruppierung der heiligen familie, in gesuchter gl. einen ersatz ... gesucht Gaudy 20, 82;
gliederverschwörung
nach dem beispiel der äsopischen gl. wider den bauch G. Regis Rabelais (1832) 1, 754;
gliederverzuckung
gl. est luxatio et distortio et depravatio membrorum Stieler 2636;
gliedervoll
reich an gliedern, in den gliedern ausgebildet: das ... haupt steht ... zwischen zwo schultern als den balken des gliedervollen gebäudes (bei statuen) Herder 8, 68 S.; auch compariert: so wirkt die kraft des lebens ... vom kleinsten ... keime zum gliedervollesten geschöpf 31, 249 S.; bildl. übrigens sind religion und kirche nicht eins: diese soll der gliedervolle körper sein, jene die seele 15, 131 S.;
gliederwärme
indem die innerliche gl. herausrauchet oder herfürduͤnstet (wird) die hand kalt gemacht Francisci luftkreis (1680) 854;
gliederwassersucht
(vgl. auch gliedwasser an alph. stelle): hydarthros zeigt auch eigentlich die gl. an, welche eine, reiche unschmerzhafte, mit der haut gleichfarbige geschwulst um die gelenke ist Blancard arzneiw. wb. (1788) 2, 150ᵇ;
gliederweh, gliederwehe
schmerz in den gliedern bzw. den gelenken, rheumatismus und besonders gicht (podagra, zipperlein): gl. rheumatismus articulorum ... hitziges gl. rheumatismus articulorum acutus, arthritis calida Höfler 789ᵇ; gl.=podagra Wiederhold (1669) 147ᵇ; die gicht, der gichtflusz ... oder das gl. nimmt entweder bald dieses, bald jenes glied ein oder greift nur einen gewissen theil an Krünitz 18, 382; bei Fischer 3, 693; Martin-Lienhart 2, 776ᵇ für gelenkrheumatismus; vgl.gliedweh;
gliederwehetum
dass. wie
gliederweh
das heysz und laufend gliderweethumb Bock n. kräuterbuch (1551) 61ᵇ; gliederwehethumb (1582) Höfler 789ᵇ;
gliederwehtag
'rheumatismus articulorum acutus, morbus articularis, dolores osteocopi, der schmerz a) beim kaltvergicht oder gliedersucht, b) bei der knochensyphilis ... die fast alle gelenke oder glieder befällt' Höfler 726ᵇ; vgl. Chr. Wirsung artzneybuch (1588) reg.;
gliederwein
'ein auf kräuter und wurzeln gegossener wein gegen die gicht' Voigtel wb. (1793—95) 2, 102ᵇ;
gliederwendung
wohlgefallen an schöner gl. und holdseligen mienen J. Mosen (1863) 8, 24;
gliederwerk
vgl. unter 2 k) die gesamtheit der glieder; bildl.: da die charte lebenskraft gleichsam und gl. erst vom volke empfing Ölsner polit. denkwürdigkeiten 92; dem ungeachtet scheint die anstalt eines repräsentativen gliederwerks bedürftig Stägemann an Ölsner (1819) 33;
gliederwiegen
welch reizendes vorüberschweben,
welch anmuthvolles gliederwiegen,
und art und anstand wie gediegen
Herm. Kurz 1, 159;
gliederwohllaut
menschenschöne ist auszenwerk ... ist ... gl. Herder 29, 349 Suphan;
gliederwuchs
... gesundheit und freyen gl. Lavater physiognom. fragm. (1775ff.) 1, 76;
gliederwunde
wunden der glieder, bes. der gelenke: wenn du verbindest, so sei fein geschwinde, damit nicht lufft in die wunden dringt, sonderlich in den gliederwunden J. Agricola chirurgia (1643) 307;
gliederwurm
knochenfrasz Höfler krankheitsnb. 825ᵇ; Fischer 3, 693;
gliederzappeln
es ist jetzt nicht mehr ein tanzen, es ist ein rasen, eine arbeit, ein frohndienst, ein gl. F. M. Böhme gesch. d. tanzes (1886) 316;
gliederzart
die schöngehüftete, gliederzarte,
der strahlende frauenedelstein
Fr. Rückert w. (1867—69) 12, 52;
gliederzartwuchsrichtig
sie nun sehend in halber hülle, ...
die gliederzartwuchsrichtige
Fr. Rückert w. (1867—69) 12, 45;
gliederzehrend
fächle dir nicht die seele mit liebesträumen. sie nähren
gliederzehrendes feur, seelenberaubende glut
Herder 26, 12 S.;
gliederzerbrechlichkeit
ein wunderwerk ist, dasz ich .... bei solcher gl. ... noch frisch bin Q. Kuhlmann göttl. offenbahrung (1688) 31;
gliederzerknirschung
gliederquetschung frhr. v. Hohberg georgica curiosa (1682) 1, 300;
gliederzerlegungskunst
anatomie Er. Francisci d. höll. Proteus (1693) 984;
gliederzerrüttung
... als ob ihm der krampff und die gl. alle adern und sinnen kruͤmmte und zerrisz Francisci traursaal (1672) 3, 131;
gliederzerschlagenheit
mein aussehen (wird) die gl. und überwachtheit meiner person nicht unverrathen gelassen haben L. Wienbarg darstellungen 1, 60;
gliederzerschmetternd
unablässiger gliederzerschmetternder kampf
J. G. Droysen Äschylus (1841) 43;
gliederzeug m.
schönheit: hat der jungfer nun die natur den gl. etwas sparsam verliehen, so wissen doch ihre jungfraͤuliche kleinigkeiten diesen abgang mit ausschweifenden zierathen ... zu ersetzen Lindenborn Diogenes (1742) 1, 73;
gliederziehen
'tensio spasmodica membrorum' Steinbach 2, 1105;
gliederzittern
haarsträuben und gl. Raabe Abu Telfan (1870) 3, 8;
gliederzitterung
M. Kramer teutschital. dict. (1702) 2, 1470ᵇ;
gliederzüchtigung
pl., umschreibung für die podagraschmerzen bei Fischart podagr. trostbüchl. 50 H.;
gliederzucken
convulsion, gl. oder gliederkrampf Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 244; tensio spasmodica membrorum Steinbach (1734) 2, 1123; vgl. Höfler 860ᵃ;
gliederzuckung
nach Stieler 2636 u. Heinsius 2, 479ᵃ dass. wie -verzuckung;
gliederzügel
im ganzen ... dient das gehirn mehr den muskelnerven, den gliederzügeln, die da in der hand der seele zusammenlaufen Jean Paul w. 7/10, 537 H.;
gliederzwang
1) gliederkrankheit, die die bewegung verhindert:
denket nicht an meine plagen
undt den harten gliederzwang,
der mich leider nicht läst gehen,
meine felder zu besehen
J. Rist n. teutsch. Parnass (1632) 438;
2) gezwungene, unnatürliche gliederhaltung: er konnte sich so niedersetzen, dasz er allein gar nicht wieder aufzustehen vermochte, und dasz kritiker den von ihm in natura gelieferten gl. auf der leinwand unmöglich nannten Dingelstedt s. w. 6, 13.
β)
die durch die gelenke markierten abschnitte der gliedmaszen (vgl. II A 1 b):
gliedergrösze
die grösze von hand u. fingern (wichtig für das spielen von instrumenten) A. Cario hall- u. thonkunst (1684) 144;
gliederknöchel
gliederbeinen an den fingern und den zehen, phalanges Schrader frz. wb. 1, 556;
gliederschuhe
d gliedaschua 'hausschuhe' A. Schacherl Böhmerwald-mdaa. 17;
gliederzahl
in der gl. der zehen herrscht eine merkwürdige progression (2, 3, 4, 5 glieder) Naumann vögel (1822—47) 1, 43; vgl. auch unter d.
c)
die organischen theile niederer thiere (vgl. II B 5):
gliederarm adj.
wie ... die mollusken des oceans in gläsern je nach dem masze der vorhandenen nahrung mit jedem tage gliederärmer werden B. Weber charakterbilder 417;
gliederfüsze
'gressorii pedes' Nemnich wb. d. naturgesch. 198;
gliederfüszer
-füszler arthropoda, seitlich symmetrisch gebaute thiere mit heteronom gegliedertem körper und gegliederten gliedmaszen' Putlitz-Meyer landlex. 3, 231; gliederfüszer Brehm thierl. 1, 2; 9, 4;
gliedergruppe
... bei ... anderen (insekten) setzt sich nur der kopf von der übrigen ... gl. ab ebda 9, 3;
gliederkorall n.
'isis ochracea' Oken 5, 101;
gliederkoralle f.
'korallen, welche ringe u. absätze haben' Heinsius 2, 478ᵇ;
gliederkoralline
dass. Oken 5, 99;
gliederring
die ... schorflage ... besteht ... aus den häuten und fällt ... durch gelbliche gliederringe ... in die augen (bei der haarbalgmilbe) Brehm thierl. 9, 744;
gliederspinne
'arthrogastra' ebda 8, 679;
gliederthiere
arthopoden, der durch gegliederten bau, chitinbedeckung und durch den besitz gegliederter anhänge ausgezeichnete thierstamm hwb. d. naturwiss. (1914) 5, 63: gliederthiere nannte man früher eine abteilung der wirbellosen tiere, zu der man insekten, spinnen, krustentiere, tausendfüszler und ringelwürmer rechnete. jetzt bilden die ersten 4 tiergruppen die abteilung der gliederfüszler Putbus-Meyer 3, 231;
gliederthierreich
die schwertschwänze ... als eine besondere klasse des gliedertierreiches aufzufassen Brehm thierl. 10, 3;
gliederwurm
eine abteilung, die gliederwürme ... reihte er an die gliederfüsser ebda 10, 93.
d)
den körper, leib (vgl. II E); diese specielle verwendung ist selten, da in der regel übergänge vorliegen (vgl. compositionstypen 2 b α), eindeutig nur da, wo der gegensatz glieder—seele vorliegt: gliederelend: weil aber nicht zu leugnen steht, dasz die fleischliche luͤste ... eine tiefere wurzel in dem sterbenden gebein haben als die blos geistlichen suͤnden ..., so kann die heiligung und bewahrung des leiblichen gefäszes ... bei seelen, die die wahren grentzen des demüthigenden gliederelends ... kennen, von sehr gutem effect sein A. G. Spangenberg apologet. schluszschrifft (1752) 2, 159.
e)
die einer gemeinschaft angehörigen individuen bzw. einzelgruppen (vgl. III A B):
gliederreich
die völker der gliederreichen finnischen gruppe Peschel völkerkunde (1874) 499; vgl.gl. comp. typen 2 b α;
gliederstaat
sie (die bundesgewalt) bestimmt ... den umfang der hoheitsrechte der gliederstaaten ... Treitschke hist. u. pol. aufs.⁵ 2, 548; vgl. gliedstaat;
gliederzahl
(vgl. auch unter i und m):
aufgelöste gliederzahl
von der Bethlehems gemeine,
freu dich deiner gnadenwahl,
du erlöste sünderzahl
gesangb. d. brüdergem. 2109;
in ... kleinen gesellschaften ..., wo leichtere übersicht der geringen gl. ... (keine) strenge ... erheischen Zschokke (1824—28) 1, 73.
f)
den militärischen begriff (vgl. IV):
gliederabstand
der abstand zweier glieder von einander heiszt gl. v. Alten 4, 273; vgl. -distanz;
gliedercontremarsch
gegenmarsch, hin- und hermarsch in gliedern: überdem quälet man ... den soldaten mit gliedercontremaͤrschen allg. dt. bibl. 40, 269;
gliederdistanz
gliederabstand, in Österreich-Ungarn gl., ist die entfernung des hinteren vom vorderen gliede v. Alten 4, 273;
gliederfeuer
gewehrfeuer, bei dem die einzelnen glieder nacheinander ihre salve abgeben: gl.: das laden der vorderladergewehre forderte viel zeit; ... deshalb stellte man ... die musketiere ... in sechs gliedern auf (im 30 jähr. krieg) v. Alten 4, 273;
gliederordnung
Er. Francisci lustige schaubühne (1698) 2, 843;
gliederschlieszer
bezeichnung eines officiersgrades: die officierer einer compagny waren ein capitaͤn ... sechtzehn halbe gl. und sechtzehn gantze gl. J. J. Wallhausen kriegsmanual (1616) 159; vgl. ndl. gelidsluiter feldwebel;
gliederstellung
die entlehnung ... der gl. von dem griechischen hoplitensystem Mommsen röm. gesch. 1, 87.
g)
die organischen theile einer pflanze, bes. die abschnitte eines gegliederten stengels oder einer frucht (vgl. VI A B): gliederbinse juncus articulatus 'eine art binsen mit mehreren gliedern oder absätzen' Heinsius 2, 478ᵃ; vgl. Nemnich wb. d. naturgesch. 198; Holl pflanzenn. 130ᵃ;
gliederende
endtheil des stengelgliedes v. Schlechtendal⁵ 12, 108;
gliederfarn
schachtelhalm: equisetum 'schachtelhalm, kannenkraut, katzenstiel, pferdeschwanz, gl.' Prahn pflanzenn. 28;
gliederfrucht
lomentum, frucht, die quer in glieder zerfällt, vgl. auch -hülse; s. v. Schlechtendal 13, 143;
gliederhaar
mehrzelliges pflanzenhaar mit wollhaarähnlichem aussehen, das vor allem am stengel begegnet s. K. Schneider hdb. d. botanik (1905) 280;
gliederhülse
'lomentum, eine besondere art der hülse, bei der die samen durch querfächer voneinander getrennt sind' Behlen forst- u. jagdkunde 3, 457; Nemnich wb. d. naturgesch. 198; Dietrich 3, 346; vgl. gliedhülse;
gliederhülsig
'lomentaceus; gewächse mit einer gliederhülse führen dieses prädicat' Röhling Deutschlands flora (1823ff.) 1, 151; vgl. gliedhülsig;
gliederkrötengras
'gliedersimse, gliedersende, juncus acutiflorus' Holl pflanzenn. 130ᵃ;
gliederschote
siliqua lomentanea, vgl. -hülse Bischoff beschr. bot. (1857) 200ᵃ;
gliederseele
'hermodactyli' Holl wb. dt. pflanzenn. 130ᵃ;
gliedersende gliedersenden
juncus articulatus, gliederbinse, vgl. theil 10, 1, 571ᵇ; Nemnich wb. d. naturgesch. 198; 'juncus acutiflorus u. lampocarpus' Holl 130ᵃ;
gliedersimse
gliederbinse 'juncus acutiflorus' Holl 130ᵃ;
gliederspore
'arthrospora, eine besondere rosenkranzartige form von sporen bei fusisporium' Bischoff beschr. bot. (1857) 12ᵃ;
gliederstock
'gonygonium Hayne, ein zwischen knollen und wurzel in der mitte stehender pflanzentheil bei den monocotyledonen. er unterscheidet sich von dem wurzelstocke dadurch, dasz die wurzelfasern aus den gliedern und nicht aus den gelenken hervortreten' Röhling Deutschlands flora (1823ff.) 1, 38;
gliederstockig
mit gliederstock versehen, s. Röhling 1, 151;
gliederstück
gliederabschnitt des stengels Schlechtendal⁵ 12, 62.
h)
die theile einer kette (vgl. VII):
gliederform
einer kette Karmarsch-Heeren 7, 636;
gliederkette
kette aus (ovalen) gliedern, im gegensatz z. b. zu haken-, laschen-ketten u. ä.: gliederketten bestehen aus ovalen gliedern Lueger 5, 513; eine halskette mit gliedern Heinsius 2, 478ᵇ; übertr.: ... eine handlung von reichverschlungener gl. ihrer momente Kürnberger nov. 1 (1861) 40; dieses assyrische wird nur postuliert, weil wir den ersten ring zu dieser unermeszlichen gl. haben müssen Göthe II, 9, 186 W.;
gliederring
ring (glied) einer gliederkette; übertr.: das schoͤne zu beaͤugeln, sich darein zu vergaffen und selbiges zu verlangen, sein gleichsam drei gliederringe, welche ... diejenige kette machen, durch welche unsere freiheit gefangen gehalten wird J. W. v. Stubenberg Samson (1657) 20;
gliedertheil
(einer kette) Karmarsch-Heeren 4, 722.
i)
die theile eines mechanismus (vgl. VIII A 1):
gliederbremse
zu den backen- oder bandbremsen gehörige bremse, bei denen backen, biegsame stahlbänder, stahlseile u. s. w. gegen die welle oder eine darauf befestigte scheibe gepreszt werden, s. v. Alten 2, 512; die gl. bei windmühlen (kommt) unter der bezeichnung blockfang zur benutzung Mothes 1, 474;
gliederegge
gliedereggen, bei denen die balken ersetzt sind durch dreieckige, mittelst ringe untereinander verbundene eiserne glieder Schwerz (1882) 144; vgl. Putbus-Meyer landlex. 2, 282;
gliederhaken
Jacobsson 2, 117; Beil 1, 253;
gliederkessel
Lueger lex. d. ges. technik 4, 570; Wasmuth lex. d. baukunst (1930) 2, 649ᵇ;
gliederlänge
Karmarsch-Heeren 1, 277;
gliedermäszig
(der blitzableiter soll enthalten) durchaus keine ketten und bleche, nichts gliedermäsziges, alles so viel als möglich aus einem stück Lichtenberg br. 2, 326 L.;
gliedermaszstab
Karmarsch-Heeren techn. wb.³ 6, 90;
gliederofen
Lueger 5, 130;
gliederpaar
ebda 2, 329; vgl. o. b α;
gliederpflug
'doppelpflug mit beweglichem gliede am grindel' Unger-Khull 295ᵇ;
gliederriemen
Lueger 6, 119;
gliederröhre
aus einzelnen gliedern bestehende röhre, bes. für unterirdische leitungen Hoyer-Kreuter 1, 305; Blaschke elektrotechnik 1, 55; auch auf organisches übertragen: in den ganglien des sympathicus fand er nur feinere und stärkere gliederröhren und feine körnchen Sömmerring 6, 788;
gliederstange
aus gelenkigen gliedern bestehende eisenstange Avé-Lallemant gaunerthum 2, 242;
gliederzahl
(vgl. auch unter e und m) Karmarsch-Heeren 3, 383.
j)
die theile eines abstracten ganzen (vgl. VIII A 2):
gliederlos
(vgl. unter 2 b α u. 2 k):
ihm wird in seiner dunkeln haft die zeit,
die glücklichen enteilt mit sturmesmacht,
zur gliederlosen, starren ewigkeit
Lenau 29 B.;
gliedersystem
theilsystem gegenüber einem gesamtsystem: ... die relative mathematik, die in gliedersystemen und einem universalsystem erscheint Novalis schr. 2, 266 Minor.
k)
die theile eines bauwerkes (vgl. VIII B 1):
gliederausbildung
reich an gliedern und gl. gestaltetes kranzsims Schönermark-Stüber 441;
gliederbesetzung
'besetzung' eines simsgliedes mit blumen, eiern u. dgl. Mothes 1, 356;
gliedergruppe
die gesamtheit mehrerer simsglieder: so schützt die gl., die das kranzgesimse bildet, vor regen Fr. Th. Vischer ästhetik (1846f.) 3², 239;
gliederlos
(vgl. auch unter 2 b α u. 2 j): die gliederlose mauerfläche Allmers marschenb. 3/4, 241;
gliederwerk
vgl. unter 2 b α): das gl. des gebäudes (des flavischen amphitheaters) ist von lobenswerter simplicität H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 3, 413; ... als das reiche gl. der pfeiler, ohne unterbrechung durch knäufe und gesimse, in fliegendem zusammenhange an den gurten der decke entlang läuft L. Schücking eisenbahnfahrt durch Westphalen (1855) 67.
l)
grammatische termini, theile des wortes oder des satzes (vgl. VIII B 3):
gliederreich
(vgl. auch unter 2 b α): ... damit das publicum nichts von seinen gliederreichen kraftworten verliere Zimmermann üb. d. einsamkeit 3, 75;
gliederfolge
auch in der verkettung und gl. unserer perioden bemerkt man den gang eines Deutschen, der freilich nicht wie ein kind hüpfen und springen will wie ein gaukler, sondern dem ein einförmiger, gesetzter und männlicher gang eigen ist Herder 2, 44 S.;
gliedersatz
wie viel sprach- und periodenbaukenntnisse ersparen sich nicht wieder andere poetiker schon dadurch, dasz sie wie das einfache kind blos das und zum anfange und bande ihrer gliedersätze machen Jean Paul 49/51, 416 H.;
gliederstellung
in sätzen: ein bild auch fürs auge, nicht blos wie unsre periodisten ... das kreuzweise gelegte × udgl. in den gliederstellungen bemerken Herder 2, 338 S.
m)
mathematische begriffe (vgl. VIII B 5):
gliederreihe
... wenn man nach dem recept der hypothetischen synthesis einer endlosen gl. immer und immer theilet und theilet, häufet und häufet Herder 21, 228 S.;
gliederstelle
gleichwie ... bei den zahlen ... die veränderung derer gliederstellen in einer zifferzeil eine gantz andere geltung gibt E. Weigel moralweiszheit (1674) 151;
gliedersumme
s. E. Czuber wahrscheinlichkeitsrechnung 1, 146;
gliederzahl
(vgl. auch unter e u. i): jede periode der zahlen k, deren gl. gerade ist ... P. S. Lejeune Dirichlet vorles. ü. zahlentheorie 203 D.
Zitationshilfe
„glied“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/glied>, abgerufen am 27.05.2019.

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