gleichheit f.
Fundstelle: Lfg. 10 (1948), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 8124, Z. 53
älternhd. häufig in der schreibung gleicheit. seit dem 13. jh. mhd. gelîcheit, glîcheit, dann namentlich von den mystikern ausgebildet. ahd. entspricht neben calihida (Graff 2, 116) vor allem galîhnissa, das in mhd. gelîchenisse den vorrang vor synonymem gelîcheit noch bewahrt (s. gleichnis A, C, D), im nhd. aber mehr und mehr seine eigene entwicklung nimmt. auch gleiche, f. (ahd. gelîchi, mhd. gelîche, s. ¹gleiche) behauptet sich als ältere synonyme bildung neben gleichheit kräftig bis ins frühnhd., tritt aber seit dem 16. jh., von der gleiche 6 vorbehaltenen bedeutung 'ebene, gerade' abgesehen, hinter gleichheit immer mehr zurück. endlich zeigt auch ¹gleichung (s. d. 1, 2), soweit es an nicht aktivischen bedeutungen festhält, synonymität mit gleichheit.
1)
zu gleich I A, 'ähnlichkeit, gleichartigkeit, verwandtschaft', similitudo. in älterer sprache in den syntaktischen verbindungen vielgestaltiger als in der jüngeren.
a)
auf aussehen, gestalt und erscheinung bezogen, wofür in jüngerem gebrauch mehr und mehr ähnlichkeit eintritt:
daz schuof daz fremde wunder
daz von gelîcheite
got an si beide leite (an zwei im aussehen gleiche knaben)
Konrad v. Würzburg Engelhard 1063 Gereke;
die soldaten verwunderten sich ob jhrer schönheit und gleichheit und brachten sie zu dem Attila A. v. Kreckwitz lustwäldlin (1632) 492; gestern sah ich Kants büste bei H. Wichmann —ein meisterstück der gleichheit A. W. Iffland br. 2, 107 Geiger; man weisz nicht, ob man die grösze der steine, ihre gleichheit, ihr wasser ... am meisten bewundern soll Göthe I 17, 145 W.; er staunte über die gleichheit beider handschriften A. v. Arnim s. w. (1853) 10, 48. das zweite glied der vergleichung in präpositionaler abhängigkeit: diese art fische hat ziemliche gleichheit mit dem kaulbarsch Göchhausen notabilia venatoris (1741) 353; erstaunen sie nicht über die gleichheit, die Hilaria mit ihrem bruder hat? Lessing 2, 39 M. dafür früher auch mit abhängigem gen.: ob ich etwan träume oder sonst eine andere person in dero gleichheit antreffe. nein, nein! mein Scandor! redete ihm der printz ein, ich bin es freylich selber Ziegler d. asiat. Banise (1689) 44; da hingegen eine zitter, geige, laute und dergleichen ... einem nimmermehr auff einen vocalisten dencken, ich geschweige denn eine gleichheit der menschlichen stimme darinne finden lassen würden (1700) Kuhnau musical. quacks. 210 lit.-denkm.;
gieb, dasz ich (Pygmalion) im schönsten kinde
dieses bildes (der statue) gleichheit finde!
Joh. E. Schlegel w. (1761) 4, 209
gleichheit einer wahrheit von dem, was nur den schein der wahrheit hat, vgl. der wahrheit gleich sein auf sp. 7940: wie gegen ainander gesetzt ... die warhait vnnd gleichhait ainer warhait H. Ziegler antwort auff acht fragstuck (1555) b 1ᵇ. der vergleichspunkt in präpositionaler abhängigkeit: ist eine gleichheit im angesichte, so ist dabei doch eine ungleichheit im übrigen leibe S. Schelwig cynosura conscientiae (1692) 33.
b)
auf innere übereinstimmung des wesens, der gesinnung, des charakters u. ä. bezogen.
α)
in geistlicher, namentlich mystischer sprache von der gleichförmigkeit oder dem gleichwerden der menschlichen seele mit gott: waz got lobit, daz duit glichheit. alse allis daz glich ist gode, daz in der sele ist, daz lobit got; waz unglich ist gode, daz inlobit got nicht meister Eckhart in: paradisus anime intell. 50, 6 Strauch: dise vnbewegliche abgeschaidenhait pringet den menschen in grösere gleichait mitt got Keisersberg granatapfel (1510) g 1ᵃ. als vorstufe und vorbedingung der unio mystica: also rechte zúhet dise minnecliche spise den geist usser aller ungelicheit in gelicheit und den us gelicheit in ein goͤtteliche einikeit Tauler 121 V.; Seuse 356 Bihlm. in genetivischer oder pronominaler verbindung, wo jüngere sprache nur die präpositionale abhängigkeit gelten lassen würde: alzus wirt pracht daz, in dem da geworcht wirt, in daz da wurchet in einer glicheit seines, des wurcheres, der sein glichnuz da geworcht hat meister Eckart u. s. jünger 45 Jostes. mit beziehung auf Christus auch noch in jüngerem gebrauch, in anlehnung an Phil. 2, 6: dem herren Christo ... wölcher das regiment, die glaichait gottes und die allerbeste gaistliche güter nit von imselb, sonder auss gehaiss gotes vatters empfangen hat Luther 1, 691 W.; verfluchte er (Pilatus) nicht den menschen, der in der gleichheit gottes war? Lavater ausgew. schr. (1841) 1, 30.
β)
von der gleichartigkeit der menschen untereinander, in allgemeinem und speziellem sinne. insbesondere als vorbedingung der liebe, der freundschaft, der sympathie: der gerehte mensch der ist ein mit gote. glîcheit wirt geminnet meister Eckhart w. 1, 174 Quint;
die gleichheit ist der liebe band
G. Rollenhagen froschmeuseler (1595) f 5ᵇ;
wer wolte nun zweiffeln: dasz die verbind- und zusammenstimmung zweyer verliebten nicht eigentlich von der gleichheit herrühre, die einerley gestirne in zwey oder mehr menschen einpflantzen
Lohenstein Arminius (1689) 2, 1107ᵃ;
gleichheit ist die unnachläszliche bedingung der liebe
G. Forster s. schr. (1843) 3, 75.
auch sonst von innerer gleichartigkeit:
und wenn ein schwach gemüth, ein stumpfes sinnen
neugierig horcht auf jedes wort von dir,
um alles möchte gleichheit sich gewinnen,
aufzeichnet jede miene mit begier
Annette v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 3, 76.
besonders gleichheit mit: die menschen hand mer geleicheit mit dem teuffel, denn mit gott theologia deutsch 42 Mandel; also het der mensch glicheit mit den creaturen Keisersberg bilgerschaft (1512) 29ᵃ; ist ... bekant, was vor verwandnus, ähnlichkeit und gleichheit sie mit dem teufel zu haben pflegen Grimmelshausen 2, 662 Keller. an stelle von mit auch in anderer syntaktischer verbindung:
so wirst du, sohn, wenn du den bösen dich
entzeuchst, der bösen gleichheit immer fliehn
grafen zu Stolberg ges. w. (1850) 14, 336;
ein frauenzimmer bekommet zwar auch in der welt den namen eines engels: doch die englische gleichheit kan nur in jener welt vollkommen erlanget werden B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1233. mit angabe des vergleichspunktes in abhängiger genetiv- oder präpositionalverbindung: die recht freundschafft erfordert die höchst vereinigung vnd gleichheit der sinn, willens, art, geblüt und gemüt Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 8ᵃ; eine communication aller geistlichen und irdischen dingen, die von der gleichheit der temperamenten gestifftet ... wird d. discourse d. mahlern (1721) 2, 26; uberdis finde ich zwischen uns beyden weder in der gestalt noch in regungen keine solche gleichheit Lohenstein Arminius (1689) 2, 167ᵇ; ich glaube nicht, dasz eine völlige gleichheit in temperamenten ... erfordert werde, um eine frohe ehe zu stiften Knigge umgang mit menschen (1796) 2, 37;
ich merck an dir und mir viel gleichheit am gemüthe
Joh. Chr. Günther ged. (1735) 824.
γ)
allgemeiner soviel wie 'übereinstimmung, gemeinschaft, harmonie', vgl. schon: armonia glicheit (15. jh. md.) Diefenbach gl. 49ᵇ; das sie durch solch yhre lere wollen ... eine grosze einickeit vnd gleicheit auffrichten vnter allen christen Luther 23, 272 W.; haben sie (die Römer) vmb mehrer gemeinschafft, friden und gleychheit willen, bey den selbigen (den Galliern) jhr sprach, sitten, recht, buchstaben vnd schrifft ... eingefürt Stumpf Schweizerchron. (1606) 13ᵃ;
was mode, zwang und schicksal schied,
durch süsze angst und wonnevolles weinen
in banden schöner gleichheit zu vereinen
Schiller 6, 2 G.;
wenn ich an sie denke, fühl ich nichts als gleichheit, liebe, nähe! Göthe IV 2, 235 W.
c)
in sachlich-gegenständlichen beziehungen und in der anwendung auf handlungen: so wird auch die ruthe nicht nach der gleichheit bewogen, nach art und weise derer dinge, so jene an sich ziehen solten J. Prätorius wündschelruthen (1667) vorr.; (es) wird von andern alten trauerspielen dieses inhalts gehandelt, und aus innern gleichheiten wahrscheinlich erwiesen, dasz der rasende Herkules und Thyest einen verfasser haben müssen Lessing 7, 25 M. zu gegensätzlichem begriff gestellt: die tugendbahn so wohl durch das widerspiel, als gleichheit der sachen zeigen Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 4ᵇ; von der dinge gleichheit und unterscheid Leibniz dtsche schr. (1838) 1, 453. die träger der gleichheit werden meist präpositional aufeinander bezogen, besonders durch zwischen:
diweil du so gar grob on fug ...
vergleichst dem jubeljahr das schieszen:
was ist für gleichait zwischen baiden?
Fischart glückh. schiff v. Zürich 48 ndr.;
es ist gar kein gleichheit zwischen einem faulen holtz, vnd zwischen einem faulen menschen Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 542; unterschiede und gleichheiten zwischen mutterland und kolonialgebiet A. Götze in: neue jahrb. (1918) 41, 125. durch mit: alles so in einer apotheck zu finden, das hat eine gleichheit und gemeinschafft mit dem krieg und waffen. die bixen sind das rechte geschosz ... Moscherosch gesichte (1650) 1, 171; weil ich nicht zu begreifen vermag, wie diese eure angenommenen larven mit eurem wahren gemühtscharakter in einiger gleichheit stehen Liscow s. sat. u. ernsth. schr. (1739) 320; die durchgeführte gleichheit der möbelüberzüge mit den tapetenmustern Gutzkow ges. w. (1872) 11, 64. an stelle der präposition älter auch in anderen syntaktischen verbindungen: wie spilend wirt di sel angeblichet von den augen meiner magenchraft, an der ich gelicheit vinde der plutigen wunden meines suns! meister Eckart u. s. jünger 55 Jostes; uz der byblien ist dise ubirtragunge in daz mittelste dutsch mit einualdigen slechtin worten uz gedruckit zuͦ glicheit des einualdigen textes (in übereinstimmung mit ...) des Matth. v. Beheim evangelienbuch xviii Bechstein; wilde bienen ... machen ihr nest in hölungen der alten bäume der felsklüften. nach dieser gleichheit hat man den bienen in den gärten entweder aus stroh oder holz die wohnungen zubereitet Overbeck gloss. melitt. (1765) 80. gleichheit halten (in etwas) 'übereinstimmend, einheitlich verfahren': ist das nit ain unmenschlich ding, das in sollycher ungleychait der personen und complexion solle ein gleichait gehalten werden in speysz, klaid, arbait? Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 63 ndr.; das soviel müglich, eine gleichheit in ceremonien mit den benachbawrten reformierten kirchen getroffen vnd gehalten möge werden kirchenordnung f. Braunschweig (1569) 5; dasz man im marchiren im schrit und trit gleichheit halte W. Dilich kriegsb. (1607) 254, s. o. gleicher schritt sp. 7995. nach 5 c hinüberweisend: es ist kein ort vor dem andern zu verschonen, noch ein dorf vor das andere zu beschweren, sondern darinnen eine gleichheit zu halten H. v. Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 208. in ähnlichen verbindungen: sintemahl ... vor allen dingen auf eine durchgehende conformitet vnd gleicheit zutrachten sein wolte Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 304; (die obrigkeit) zieht beständig umher, um gleichheit in den hauptsachen zu erhalten und in läszlichen dingen einem jeden seinen willen zu gestatten Göthe I 25, 213 W.
2)
über 1 a hinaus präzisiert erscheint gleichheit vom frühnhd. bis ins 18. jh. nicht selten auch in der für gleichnis (s. d. A) ursprünglichen bedeutung 'bild, ebenbild, gestalt, erscheinung'. so in der vorstellung von der gottesebenbildlichkeit des menschen, in der sich freilich die bedeutungen 'bild' und 'ähnlichkeit' kreuzen (s. gleichnis A 1), vgl. vulgata 1. Mos. 1, 26: faciamus hominem ad imaginem et similitudinem nostram: wann got hatt dich gemacht ain vernünfftige creatur, nach siner bildung vnnd geleichait Keisersberg granatapfel (1510) g 6ᶜ; denn die kreatur soll ... mit nichten sagen, sie sei gott selber, sondern ein geschaffen werk und bild seiner gleichheit Jac. Böhme s. w. 7, 169 Schiebler; lasset uns menschen schaffen, zu unserm bilde, zu unsrer gleichheit Herder 26, 313 S. ferner: darum git der edel kúng dise wirdige spisz ynn gelicheit des brotes und des wines und nit yn ander gelicheit d. ewigen wiszheit betbüchtin (1518) 141ᵃ; der ... apis ... hat ... auffem rücken eines adelers form, vnter der zungen eines zifers gleicheit Heyden Plinius (1565) 243; dasz die schwangeren durch ein starcke ein bildung zur zeit der empfängnüs eintrücken können der frucht die gleichheit des vatters oder mutter Nigrinus v. zäuberern, hexen u. unholden (1592) 121; an einem orte ... an welchem nicht allein der weyrauch gegraben wird in der gestalt und gleichheit der männ- und weiblichen geburtsglieder J. Prätorius anthropod. pluton. (1666) 1, 65; indem sie die striemen der blätter und früchte mit den linien desz menschen angesichtes und händen vergleichen. welche eines anckers gleichheit in den händen tragen, denen dienet das kraut acon Harsdörffer erquickstunden 3 (1692) 303; darum darf es (das weib) nun nicht mehr lehren, nemlich so lange es in Evä gleichheit stehet G. Arnold d. geistl. gestalt (1723) 1, 571; ihre falsche einbildung machte ihnen nur ein solches schattenbild vor, indem ihr selbsteigenes schweres geblüt ihnen die gleichheit einer überfallenden bürde ertichtete Er. Francisci d. höll. Proteus (1695) 104.
3)
zu gleich IB, 'gleichrangigkeit, gleichberechtigung', paritas, um die gleiche stellung von personen zueinander nach stand, rang, besitz, macht, wert u. ä. zu bestimmen.
a)
ohne nähere bestimmung, vgl. schon: also wir sprechin sullin fon deme boume, so spreche wir fon den dingin di pobin deme baume sint, alse di sonne, di da wirkit in deme boume. darumme inmac fon gode nicht eginliche gesprochin werdin, wan pobin gode nicht inist. zu dem anderin male sprechen wir fon den dingin mit glichheit (auf gleicher rangstufe). darumme inmac man fon gode nicht eginliche geredin, wan ume nicht glich inist meister Eckhart in: paradisus anime intell. 58, 15 Strauch; deren, die alle ding wolten gemain unnd gleych machen, so doch kayn gleichhayt möcht ainen tag bestan, dann ob man alle gütter auff erden gleych machte, so liessens die hurer, prasser, spyler nit lang gleich bleyben Eberlin v. Günzburg 3, 275 ndr.; diese beyde liebe männer aber selbs belangend, so leugne ich nicht, dasz die wahl wegen der ziemlichen gleichheit fast schwer werden wolle Spener theol. bedencken (1712) 1, 546; die gleichheit unter ungleichen ist die größte ungleichheit Hoffmann polit. Jesus Syrach (1740) 131;
diesz brüderliche du betrügt mein ohr,
mein herz mit süszen ahndungen von gleichheit
Schiller 5, 2, 194 G.;
obgleich graf Schönborn mit ihm auf dem fusz der gleichheit umzugehen sich bestrebte Gaudy s. w. (1844) 17, 88; dasz Friedrich Wilhelm I. bei einer zusammenkunft mit Karl VI., der doch dem kurfürsten von Brandenburg gegenüber die stellung des lehnsherrn hatte, als könig von Preuszen die gleichheit beanspruchte und durchsetzte Bismarck ged. u. erinn. 2, 148 volksausg. als vorbedingung der liebe und ehe: desz ehestands glückseeligkeit bestehet in gleichheit der personen (nach ihrem stande) Lehman floril. polit. (1662) 1, 162; diesen ring nahmen sie das erstemal aus meiner hand, als unser beider umstände einander gleich, und glücklich waren. sie sind nicht mehr glücklich, aber wiederum einander gleich. gleichheit ist immer das festeste band der liebe Lessing 2, 249 M. nach c β hinüberweisend, vom standpunkt der naturrechtslehre aus: im übrigen sind alle menschen einander von natur gleich, und die ungleichheit der stände ist entweder aus mangel oder wegen dringender noth eingeführet worden. dannenhero steckt es in des menschen natur, dasz er so viel als möglich trachtet seine gleichheit zu erhalten. und entstehet daher ein absonderliches gut, das man freyheit zu nennen pfleget Chr. Thomasius v. d. kunst vernünfftig u. tugendhafft zu lieben (1692) 27.
b)
näher bestimmt. mit abhängigem genetiv an stelle einer präpositionalverbindung: wenn ich mag so volkumen werden durch dein wort, das ich kum zu geleicheit der engel (ad aequalitatem angelorum) Joh. v. Neumarkt pseudo-augustin. soliloqu. 21 Sattler; sie wollen die gleichheit gottes erlangen Reinicke fuchs (1650) 331. ebenso in der verbindung mit einem adjektiv oder possessivpronomen: das er nach gottis ehr, wie Luciper nach gotlicher gleichheit tast vnd greuffet Carlstadt v. bepstlicher heylickeit (1520) f 2ᵇ;
hat seine gleichheit nun von gott kein mensch genossen,
musz er iemanden sonst sie haben beygelegt
Lohenstein himmelschlüssel (1708) 33.
im übrigen dient die genetivverbindung dazu, entweder die träger der gleichheit oder den vergleichspunkt zu bestimmen: gefiele dir ... jene einfalt der sitten und gleichheit der stände? A. G. Meiszner Alcibiades (1781) 1, 38; den sechsten canon des nicänischen concils, aus welchem Luther die gleichheit der alten patriarchate gefolgert Ranke s. w. (1867) 1, 296;
... man pflegt in liebessachen
die gleichheit der geburt zwar sonst nur zu verlachen
Gottsched dtsche schaubühne (1741) 1, 334;
doch scheint mir die gleichheit des standes und des geistes (beim heiraten) nicht gerade das unentbehrlichste zu sein G. Keller ges. w. (1889) 7, 57;
c)
in speziellen anwendungen besonders ausgeprägt.
α)
in politischem sinne, als grundsatz jeder auf allgemeiner gleichberechtigung beruhenden regierungsform, namentlich als prinzip der demokratischen staatsform und der liberalen verfassung: kein wahrhafftigere vnnd auffrichtigere ordnung oder constitution vnd fürnemmen der gleichheit, freyheit vnnd policey so von dem volck inn gemein wirdt geregiert vnnd verwaltet, mocht man finden, weder die so bey den Achaiern war Xylander Polybius (1574) 96; der democratische standt besteht allein auff der gleicheit (1612) Chr. Lehmann bei Wackernagel lesebuch (1841) 3, 1, 550; damit eine gleichheit unter jhnen gehalten würde, und ein mann, wann er grosze landgüter an sich brächte, nicht zu mächtig würde C. Danckwerth Schleswig u. Holstein (1652) 51ᵃ; dasz sie (die stadt) auf gemeine bürgerliche gleichheit fundirt ist Göthe III 2, 99 W.
β)
speziell als forderung und schlagwort innerhalb der zur französischen revolution von 1789 und ihren europäischen auswirkungen (liberalismus, sozialismus) gehörigen ideologie, als bestandteil der aus der naturrechtslehre des 17. und 18. jh. und der französischen publizistik entwickelten menschenrechte (liberté, égalité); gleichheit als rechtliche, soziale, gesellschaftliche gleichstellung der individuen, insbesondere als regulativ der gesetzgebung: es lebe die nation, das gesetz und die gleichheit (auf der fahne der nationalgarde von Niederbronn, 1793) bei H. Ziegler geschützinschriften (1886) 83; zu unsern zeiten haben wirs erlebt, was die wortschälle 'rechte, menschheit, freiheit, gleichheit' bei einem lebhaften volk für einen taumel erregt (1794) Herder 17, 230 S.; freiheit, gleichheit, menschenrecht, menschlichkeit sind die aushängschilde zu allen dekreten und publikationen der nation, die sich in mehr als einer absicht die grosze zu nennen berechtigt glauben kann (1798) Lavater ausgew. schr. (1841) 2, 341;
nicht knechtisch wohlbehagen,
noch blutig gaukelspiel
aus wälscher gleichheit tagen
ist unsres volkes ziel
Geibel ges. w. (1883) 4, 221.
vor allem in der schlagwortartigen verbindung freiheit und gleichheit, meist in dem abschätzigen und verächtlichen sinne, wie er durch die greuel der revolution hervorgerufen oder durch ideologische gegnerschaft bedingt wurde: die mächtigen zauberwörter: freiheit und gleichheit ... was waren sie anders als losungswörter des aufruhrs, als blosze vorspiegelungen (1792/93) Wieland 9, 106 Hempel; vgl. 33, 370;
freyheit und gleichheit! hört man schallen,
der ruhge bürger greift zur wehr,
die straszen füllen sich, die hallen,
und würgerbanden ziehn umher
Schiller 11, 317 G.;
als man hörte vom rechte der menschen, das allen gemein sei,
von der begeisternden freiheit und von der löblichen gleichheit!
Göthe I 50, 232 W.;
freiheit und gleichheit —weg damit!
Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 4, 189.
in kritischer sondierung der begriffe: freiheit ist dasselbe wie gleichheit und ist nicht äuszerlich gemeint, sondern bezieht sich auf das gemüt ... zu äuszerlicher gleichheit werden die menschen nie kommen, weil die natur keine gleichheit kennt ... nur eine gleichheit ist möglich, nämlich indem sich alle menschen gleich achten A. Winnig frührot (1933) 445. dreigliedrig wie liberté, égalité, fraternité freiheit, gleichheit, brüderlichkeit u. ä.:
überall ...
lief und schrie halbnackendes gesindel:
io! freyheit! gleichheit! brüderschaft!
J. D. Falk satir. (1800) 2, 196;
es lebe die freiheit, die gleichheit, die bruderliebe! Herwegh in: br. von u. an Herwegh (1896) 135; der wahlspruch dieser partei (der sozialdemokraten) aber heisze: freiheit, gleichheit, brüderlichkeit Gerh. Hauptmann ges. w. 5 (1913) 157; freiheit, gleichheit und brüderlichkeit hatte die stimme in Frankreich gerufen, die herzen der völker hatten sie jubelnd vernommen W. Schäfer d. dreizehn bücher d. dtsch. seele (1925) 379; man stöszt schlieszlich immer wieder auf die drei worte: freiheit, gleichheit, brüderlichkeit. das heiszt: der mensch ist gut und bedarf nicht des zwanges; alle menschen sind gleich an wert und haben die gleichen anrechte; alle menschen sind brüder und brauchen keine waffen A. Winnig d. weite weg (1932) 397. von hier aus die gleichen formeln auch in anderer umgebung:
in des gefechtes wuth und graus
ist wahre freiheit und gleichheit zu haus!
Grabbe w. 1, 235 Bl.;
ich schreibe mit nächstem eine revision der liebe, eine kritik der ehe. das motto sei: freiheit und gleichheit zwischen mann und weib Bauernfeld ges. schr. (1871) 3, 258; es (ein gasthaus bei Kufstein) ist ein ort der freiheit, der gleichheit und der brüderlichkeit ... wo der dompropst, der geistliche rath oder der weltliche würdenträger ... in einem schatten mit dem hirten und dem flöszer sich laben L. Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 20; die forderung der gleichheit und brüderlichkeit ist (in Walthers v. d. Vogelweide gedicht: wir wachsen all aus gleichem samen) ... ausgesprochen W. Scherer kl. schr. (1893) 1, 669.
γ)
als eigentlicher rechtsbegriff die rechtliche gleichstellung von individuen und die gleichmäszige anwendung des rechtes bezeichnend (s. auch 9 a): die ungleichheit des standes hebt die gleichheit des rechtes ... nicht auf Reimarus wahrheiten d. nat. religion (1766) 527; im übrigen war die rechtliche gleichheit aller gemeindeglieder selbst in der äuszerlichen erscheinung durchgeführt Mommsen röm. gesch. (1874) 1, 69. namentlich in der verbindung gleichheit unter, vor dem gesetz: im innern der staaten selbst, wo die menschen zur gleichheit unter dem gesetz vereinigt zu seyn scheinen Fichte s. w. (1845) 2, 269; gleichheit vor dem gesetz für alle Raupach dram. werke kom. gatt. (1829) 3, 67; einer seiner vornehmsten gesichtspunkte ist: die gleichheit vor dem gesetz durchzuführen Ranke s. w. (1867) 31, 44.
δ)
zur bezeichnung der gleichstellung vor anderen, namentlich ethischen, religiösen, metaphysischen mächten: die gleichheit aller vor dem sittengesetz O. Jahn Mozart (1856) 3, 173; in der mitte (des kirchhofes) stand ein hohes kreuz von weiszem marmor, als zeichen des allgemeinen friedens und der allgemeinen gleichheit (vor dem tode) A. Stifter s. w. (1904) 2, 63; da (während des bauernkrieges) frasz die lehre der freiheit das faule gebälk der obrigkeit nieder, da griff die gleichheit vor gott die irdische hörigkeit an W. Schäfer d. dreizehn bücher d. dtsch. seele (1925) 235.
ε)
als ausdruck für die jenseits aller unterschiede festgehaltene gleichwertigkeit der menschen überhaupt: die natürliche freyheit gründet sich auf die angebohrne allgemeine gleichheit der menschen und die folge dieses grundsatzes ist die unabhängige herrschaft des menschen über seine person Fr. K. v. Moser beherzigungen (1761) 154; A. L. Hülsen über die natürliche gleichheit der menschen titel eines aufsatzes in: Athenäum 2 (1799) 152 ff. als die zur politisch ausgewerteten rassenlehre in scharfem gegensatz stehende anschauung: die herrschende liberale auffassung von der grundsätzlichen gleichheit aller menschen erleichterte die blutsmäszige vermischung E. Keyser bevölkerungsgesch. Deutschlands (1938) 312.
d)
gelegentlich in älterem gebrauch entsprechend den speziellen anwendungen von gleich I B 4 b und c, in verbindung mit negationen, um den begriff des unvergleichlichen auszudrücken: dasz an denen orten, wo kein wein wächst ... ohne gleichheit mehr fleisz auf das bierbräuen gelegt ... wird Hohberg georgica curiosa (1682) 2, 90; auch die heilffen beinern taffeln der Indianer wären hier der zierde halber in keine gleichheit zu ziehen Lohenstein Arminius (1689) 1, 585ᵇ; da(s) ist ekei glichheit gegeⁿ wie-n-ichs gha ha 'nicht zu vergleichen mit dem, was ich erfahren habe' schweiz. idiot. 2, 602. mit formalem anschlusz an gleich I C 1 meines gleichen: dasz dieser mann ein scharfer schütze war, der seine gleichheit suchte, beweiszt folgende begebenheit verachtung u. mitleid (1791) 53.
4)
nur vereinzelt und älter zu gleich I D 'entsprechend, gemäsz', dem gebrauch von gleichheit für 'rechtes masz, rechte proportion' (s. u. 5 c) nahestehend: wenn aber die straffe so grosz ist, dasz sie gegen die nachläszigkeit des domini gantz keine gleichheit hat Harprecht recht d. fuhrleute (1719) 100.
5)
zu gleich II, um übereinstimmung in masz-, grad-, gröszen- und intensitätsverhältnissen auszudrücken, aequalitas.
a)
in allgemeiner anwendung, wie gleich II A 1: parita di ballote gleichheit der stimmen Hulsius (1618) 2, 52ᵃ; da dadurch gleichheit der stimmen im churfürstenrat eintrat, so dasz keine entscheidung zu stande kommen konnte Ranke s. w. (1867) 31, 27;
du bist sehr lang, ich aber klein.
wie schickt sich das beysammen?
es mus am leib auch gleichheit sein
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 31;
gleichheit des alters, harmonie der neigungen und der karaktere, stifteten in kurzem ein verhältnisz zwischen beyden Schiller 6, 106 G.; bei der gleichheit des im kupfer- und eisengefäsze herrschenden druckes Muspratt chemie (1896) 5, 151; könnte ... bey dem abdruck auf gleichheit der schwärze und stärke genau gesehen werden Göthe IV 41, 44 W.; der mann, der diese gleichheit der güter wieder einzuführen sucht Klinger w. (1809) 1, 114; ungeachtet die praesente, womit sie (zwei rivalen) regaliret worden ... an kostbarkeit einander gleich gewesen, und sie daraus die gleichheit ihrer hochschätzung hätten urtheilen sollen Kuhnau music. quacks. 178 lit. denkm.
b)
in der exakten mathematischen bestimmung, zu gleich II B 2: de geometria. aequalitas die gleichheit Zehner nomencl. (1645) 32; 'gleichheit ist die beschaffenheit der gröszen, wodurch sie gleich sind. verhältnisz der gleichheit ist das a : a, oder 1 : 1. alle beweise in der mathematik beruhen auf der bestimmung der gleichheit oder ungleichheit der gröszen' Klügel mathem. wb. (1803) 2, 360. in der geometrie speziell zur bezeichnung von figuren gleicher grösze (aber verschiedener gestalt), im unterschied zu ähnlichkeit als terminus für figuren gleicher gestalt (aber verschiedener grösze): congruentia das einander decken, bedeutet in der geometrie die vereinigung der gleichheit oder (= und) ähnlichkeit in einer figur oder linie Wolff mathem. lex. (1716) 418; vgl. J. H. Voigt grundlehren d. reinen mathem. (1791) 219. das mathematische symbol = als zeichen der gleichheit Wolff mathem. lex. (1716) 1263 (s. u. gleichheitszeichen); in dieser (der mathematik) sind es formeln, welche die gleichheit zweier gröszenverhältnisse aussagen Kant ges. schr. 3, 160 akad.; das ist die schönste kreuzgangskirche, die ich noch gesehen habe; die gleichheit der seiten giebt ihr fast die zirkelsimmetrie Heinse s. w. 7, 203 Schüddekopf; in dieser gleichheit der zeiträume, binnen welcher die groszen geschichtlichen wendepunkte aufeinander folgten, ... meinte man den rhythmus der geschichte ... zu erkennen D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 4, 10.
c)
in der bestimmung dessen, was gleich geteilt oder abgewogen ist, zu gleich II B 3: als dann theilt man folgends das beste so auff dem marckt ist, unter alle höf mit gleichheit aus, nach der zahl eines jeden hofs Th. Morus utopia (1612) 1, 54; die gleichheit des gewichts in beyden schalen allg. haush.-lex. (1749) 3, 809; aus der gleichheit der kräfte entspringt der wunsch nach herrschaft Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 2, 241. gleichheit halten: der bader oder kesselknecht hat in ausztheilung des wassers gleicheit zu halten (1637) in: zs. f. gesch. d. Oberrheins 28, 465. meist mit dem nach 9 a weisenden nebensinn gerechter verteilung: derselben güter unter sich zu theilen, unnd eine gemeine gleicheit zu halten Letzner Dasselische chron. (1596) 1, 71ᵃ; (die parteien im rechtsstreit) sollen ... in der theilung gleichheit halten Lehman floril. polit. (1662) 2, 802. im sinne des rechten maszes, der richtigen proportion:
der (könig Cyrus) nam eim kniehoch kurtzen mann,
so hett ein langen mantel an
vnd gab denselben einem langen,
ein kurtz kleid muszt der kurtz empfangen ...
so bawt man nicht eim kleinen dieb
den galgen also hoch zu lieb.
es heiszt ein fein ding bey den alten,
in allen dingen gleichheit halten
Fischart w. 2, 440 Hauffen.
auch sonst ist gleichheit gelegentlich 'proportion, rechtes masz': dis leibs schöne ist ein rechte masz unnd gleichheit aller innern vnnd auszern gliedern Guarinonius grewel d. verwüst. (1610) 60.
6)
zu gleich III A und B als bezeichnung der identität oder der zugehörigkeit des verglichenen zu ein und derselben ordnung; identitas.
a)
zur bestimmung sachlicher identität, s. gleich III A: identitas gelijcheyt (nd. 1420), glicheyt (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 284ᵃ; sind wir durch gleichheit des namens verleitet, solches kan weder euch nachtheilig, noch uns schädlich seyn A. H. Bucholtz Herkuliskus (1665) 629; die end- und reimung der verse belangend, so bestehet dieselbe nicht so sehr auf gleichheit der buchstaben der letzten sylbe Aug. Buchner anleitung z. dtsch. poeterei (1665) 155; also haben z. e. die italiänischen juristen die teutschen vielmahl durch die gleichheit derer kunstwörter betrogen, da sie gemeinet, das römische recht wäre ... in Teutschland üblich gewesen Chr. Thomasius ernsth. gedanken u. erinn. (1720) 2, 197; der widersinn dieser verbindung zweier länder, die mit einander schlechterdings nichts gemein hatten als die zufällige gleichheit der blauweiszen landesfarbe Treitschke dtsche gesch. im 19. jh. (1897) 4, 638. älter gleichheit der zeit für gleichzeitigkeit (s. gleich III A 2): wo mich ... die gleychheit der zeyt, vnnd die wunderbaren gottes vrteil (der gleichzeitige tod zweier missetäter) nicht hierzu bewegt hetten Stumpf Schweizerchron. (1606) 338; sol demnach eine gleichheit der zeit in setzung der schenckel recht gehalten werden G. v. Danap beschreib. eines wolabgericht. pferdes (1624) 23. in gleichem sinne einer bewegung zugeordnet: nach dem schall ... einer glocke ... wonach sich die gleichheit der bewegung der matrosen richtet K. Bücher arbeit u. rhythmus (³1902) 203 anm.
b)
in der bestimmung solcher gröszen, die ein und derselben ordnung oder gattung zugehören, s. gleich III B: auff nasses regnet es gern ein gleichheit Henisch (1616) 1512. besonders in den für gleich III B 2 geltenden speziellen anwendungen auf innere kräfte, schicksalhafte erlebnisse und geistige voraussetzungen: die gleichheit unserer meinung über die gelehrte donna Bassi hat mich sehr erfreuet L. A. Gottschedin br. (1771) 1, 24; gleichheit der grundsäze verbindet freunde, aber gleichheit der meinungen nicht H. P. Sturz schr. (1779) 1, 189; hätte nicht diese gleichheit tief greifender gefühle unserm leben die einförmigkeit geben können, die in die länge nicht glücklich macht? Iffland theatr. w. (1827) 3, 62; ich lache nur über die gleichheit unsers schicksals Gottl. Stephanie d. j. s. singsp. (1792) 364; die ungleichheit der äuszerungsform bei gleichheit der treibenden kräfte R. v. Jhering geist d. röm. rechts (1852) 33. ohne bestimmung: und ich ahne immer mehr ähnlichkeiten zwischen uns, nicht gleichheit fürst Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 369.
7)
als übereinstimmung der glieder eines in sich geschlossenen ganzen oder eines in sich gleichförmigen ablaufes, s. gleich III E.
a)
von der gleichmäszigen stetigkeit äuszerer oder innerer bewegung, 'gleichmäszigkeit': hergegen aber wann sein (des mondes) lauff nit schnell ist, so tritt aux media täglich ein etwas zurück, dardurch seinem natürlichen lauff etwas zugesetzt, dasz hierdurch also allenthalben in desz monds lauff in seinem epicyclo ein gleichheit gehalten werde J. Rauw cosmographia (1597) 39; hält man das mehl, welches auf windmühlen gemahlen, wegen der ungleichen bewegung schlimmer, als das auf denen wassermühlen, weil diese in ihrem lauffe eine mehrere gleichheit halten Marperger vollst. küchen- u. kellerdict. (1716) 163ᵇ; da es aber mehr ripienisten, als solospieler gibt, so musz um der gleichheit des vortrags willen, das colorit bemerkt werden Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 364; solchem klaren bewusztseyn dürft es nun leichter werden, wo nicht mehr gleichheit in die ausführung zu bringen, doch vielleicht die ungleichheiten weniger fühlbar ... zu machen Göthe IV 37, 239 W. vom ablauf des lebens, der lebensvorgänge, der zeit u. ä.: mein dasein ist in eine harmonische gleichheit gerückt; nicht leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gingen mir diese tage dahin Schiller in: briefw. mit Körner 2, 177; mein befinden verlangt die gröszte gleichheit im leben und genieszen Göthe IV 27, 17 W.; meine stunden gehen in groszer gleichheit hin ebda 39, 125.
b)
von dem, was in sich gleich, gleichförmig ist, 'gleichförmigkeit, einheitlichkeit': wem träumt, daz er gê in gärten oder durch stet, die wol smeckent, daz bedäut ain gleichait und ain klârhait seinr fäuhten und daz si niht faulkait pei ir hât Konrad v. Megenberg buch d. nat. 53 Pf.; damit man ... die sprache zu durchgehender gleichheit, kunstrichtiger verfassung und ... endlicher vollkommenheit befördern möchte d. fruchtbring. gesellsch. ältester erzschrein 356 Krause; zuvörderst ... möge von der rechtschreibung orientalischer namen die rede sein, an welchen eine durchgängige gleichheit kaum zu erreichen ist Göthe I 7, 252 W.; für das moderne drama ist ferner gleichheit der klangfarbe ... unentbehrlich G. Freytag ges. w. (1887) 14, 282; der schnee, der ... alles überdeckte, stellte vollends eine gleichheit her Fontane ges. w. I 1, 71; die karden ... haben die aufgabe ... ein band von möglichster gleichheit zu bilden Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 1, 330.
c)
zur kennzeichnung des gleichbleibenden, unveränderten, konstanten: dieses wasser nimmt weder ab noch zu, sondern stehet in einer gleichheit, frieret auch nicht im härtesten winter zu J. G. Kahlo denkw. d. grafschaft Glatz (1757) 92; die causalität ist also für die naturwissenschaftliche betrachtung ein mathematisches verhältnisz von bewegungen, und für deren feststellung gilt als oberste voraussetzung die der unveränderlichkeit und gleichheit der bewegungsgrösze W. Windelband gesch. d. neueren philos. (²1899) 1, 91. besonders in der beziehung auf eine seelische haltung und charakterliche eigenschaft. schon in der mystik soviel wie 'gelassenheit, gleichmütigkeit' (s. gleich III E 4 b), und so gelegentlich bis in jungen gebrauch hinein; prägnant sowohl wie mit näherer bestimmung, wobei mehr oder minder auch mit dem einflusz von gleich VI E 5 als dem begriff eines mittleren maszes zu rechnen ist: dise gelicheit (gelassenheit) enmag nút sin in dem ussern menschen noch in der nature, aber man mag wole werden gelich Tauler 115 V.; vgl. 62; daz virde ist, daz ein mensche sî alle zît in glîcheit des gemutes in libe und in leide und waz an in gevallen mac dtsche mystiker 1, 250 Pfeiffer; es (die betrachtung des göttlichen leidens) enthaltet mich zwúschen lieb und leidt disser welt in rechter glichheit d. ewig. wiszheit betbüchl. (1518) 33ᵇ; (dasz) er in allem seinem thun eine kluge und behertzte gleichheit bezeigt hätte Lohenstein Arminius (1689) 2, 581ᵃ; an meinen andern arbeiten kann ich mit mehr gleichheit arbeiten; weniger enthusiasmus auf der einen seite, und auch weniger kälte und verdrossenheit auf der andern Chr. Garve br. an s. mutter 17 Menzel; die gemäszigte zone einer einfachen ehe, in der die unerschütterliche gleichheit des grafen die hauptrolle spielte Therese ( v. Bacheracht) ein tagebuch (1842) 57; die ruhige gleichheit des gemüthes Caroline br. 274 Waitz; durch die gleichheit und heiterkeit ihres (der mutter) wesens kam gleichheit und heiterkeit in die kinder A. Stifter s. w. (1904) 5, 1, 353. gelegentlich auch mit negativem wertakzent: ob dir disze leer in deinem anfang noch zu hoch wär, vnd deiner gleichaitt zu vberschwenck Keisersberg granatapfel (1510) g 2ᵈ. mehr im sinne der unwandelbarkeit, stetigkeit, festigkeit, so unter dem einflusz neuplatonischer gottesvorstellung als eigenschaft gottes in seinem einfach-unteilbaren sein gegenüber der mannigfaltigkeit und veränderlichkeit der welt: die ersten betrachten gottes guttheit, die andern sein kraft, die dritten sein gleicheit G. Alt buch d. chronicken (1493) 6ᵃ; lobe dich dein vnbetriegliche warheit, dein vnwanndelpare gleicheit, dein vnmangelhafftigs vngeprechlichs liecht hertzmaner (um 1492) 4ᵃ; so mag nun kein feuerquall (= quell) aus der ganzen gleichheit geboren werden, die gleichheit bewege sich denn: so hat sich doch die ewige gleichheit, als gott, in seinem mysterio zuvor mit schaffung der englischen throne beweget Jac. Böhme s. w. 5, 154 Schiebler.
8)
gelegentlich im bereich des gleichnisses, des gleichnishaften bildes, zu gleich V. nur selten als 'gleichnis' selbst, so im mhd.:
ich hab an ainem puech gelesen
der selben red ain geleichait,
und ist doch die warhait
Heinrich v. Neustadt Apollonius 9 Singer;
Konrad v. Helmsdorf 3632 Lindqvist. vgl. noch: parabola heist eine parabel oder gleichnus, gleichheit, gegen einander gehaltene rede Sperander (1727) 440ᵇ. meist in der beziehung auf das verglichene: der einem gleichnis innewohnende sinn, die deutung, kaum über das 17. jh. hinaus: unnd ohne zweiffel hat ein jedes bild seine gleicheit unnd deutung Nigrinus Daniel (1594) 265; wie sich nun etliche reden finden, die ihren eigentlichen wort-verstand haben, und doch (sensu analogico) auch auf eine gleichheit gezogen werden Butschky Pathmos (1677) 392.
9)
häufig entsprechend gleich VI E und lat. aequitas für das, was gerecht oder richtig ist, gelegentlich auch im sinne des angenehmen, günstigen.
a)
besonders 'gerechtigkeit, billigkeit' im eigentlichen rechtsbereich, von rechtlicher gleichstellung und gleicher rechtsbehandlung, oft deutlich von 5 c, der vorstellung gleicher verteilung, gleichen abwägens aus, doch vgl. auch 3 c γ: aequitas glicheit (14. jh.) in der übersetzung von Jes. 11, 4, Mal. 2, 6 bei M. Bisewski d. mhd. übersetz. d. perikopenbuchs, d. apokalypse u. d. kathol. briefe in d. Augsburger handschr. (diss. Greifswald 1908) 63; das gesatz oder geschrifft ist geflogen von den pfaffen ... glicheyt von den richtern B. v. Breidenbach d. heylig. reyszen gen Jherusalem (1486) 110ᵇ;
(die obrigkeit) helt gut gericht vnd grechtigkeit,
mit groszem ernst vnd gleicheit
M. Mangold marckschiff (1596) b 2;
dasz die sachen recht und also geführet werden, damitt durch gesambten rath, vndt durchgehende gleichheit, das gute vertrawen erhalten ... (werden) möge (1633) kurfürst G. W. v. Brandenburg bei Gädeke Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 153; das commando ist ordentlich und mit durchgehender gleichheit, ohne vorbeygehung eines oder des anderen, oder ohne vorzug einer compagnie vor der andern zu gebrauchen H. v. Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 175;
gerechte gleichheit theilt des landmanns trift
v. Salis ged. (1793) 91.
oft in verbindung mit synonymen: das er auch begerlich sei an sitten und auch im leben und nutzlich in der gerechtigkeit und gleicheit (utilisque in justicia et equitate) d. puch d. himl. offenb. d. heil. Birgitte (1502) buch 6, kap. 53; ainige beschwerden, damit sie wider recht und gleychait belestigt zu sein vermainten Lorenz Fries bauernkrieg in Ostfranken 1, 40 Sch.-H.; gesetz, gerechtigkeit und gleichheit Klinger neues theater (1790) 2, 12;
hier (im elysium) wird der knabe geweiht zum jünglinge!
hier, wer den haushalt
neu beginnt; hier schwört man gesez und ordnung und gleichheit
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 331.
gleichheit halten in geläufiger formel: damit in allweg ... gleicheit und fürderung der armen gehalten werden mög d. fürstenth. Wirtemberg newe landsordnung (1536) f 2ᵇ; denn gerechtigkeit heist gleicheit halten, nicht wie es ein jedem gut duncket, sondern wie das gesetz diese gleicheit ordnet E. Menius chron. Carionis (1560) 1, 98ᵇ; damit der ... dienste halben billige gleichheit gehalten werde J. Micraelius altes Pommerland (1640) 6, 457; dann ich verfuhr ... viel gerechter als mancher richter, indem ich ein durchgehende gleichheit hielte Grimmelshausen Simpliciss. 3 (1713) 252. in ähnlichen verbalverbindungen: jedoch das domit ein solche gleicheit furgenomen, das ein jede stat oder ampt uber ir vermogen nit belegt wurde (1525) A. Chroust chron. d. stadt Bamberg 2, 212; dasz aber weder der eigenthümer, noch der trifft- und weidegerechtigkeit befugte theil einigen vorzug hierinnen haben, sondern eine vollkommene gleichheit wahrgenommen werden solle Klingner dorf- u. bauernrechte (1749) 2, 321.
b)
in mehr moralischem sinne 'billigkeit, ehrlichkeit', s. gleich VI E 3: alle ordentlicheit und redlicheit, und geleicheit und warheit, und was allen tugenden zu gehort, das muss da sein theologia deutsch 54 Mandel; dasz wir uns ... gern von bequemen gleichmässigen wegen unterreden und dieselbigen, so viel der gleichheit nach immer möglich (quantum honeste fieri potest), vereinigen wollen Augsburger confession (1530) vorr.
c)
'die angenehme, günstige lage', s. gleich VI E 4: (der mensch) nimmet in ungelicheit me zuͦ und vindet sich selber in truwe verre baz denne in glicheit Tauler 415 V.; denn dieses (der hitzige kriegspöbel) bildet ihm eine gleichheit ein, wo sie nicht ist; wo sie aber ist, übersiehet es sie umb nur seiner vermessenheit den zügel schüssen zu lassen, sintemal die hofnung eines guten ausschlags meist die beysorge eines widrigen überwiegt Lohenstein Arminius (1689) 2, 66ᵃ. hierher wohl: mich beducht, ich haftet ze vil und ze liplichen an dem gemach, an der zartheit, an der geschelschaft, an der sinnlichen gleichait, die ich ze Basel hett Heinr. v. Nördlingen in: Marg. Ebner u. Heinr. v. Nördlingen 265, 15 Strauch. am ersten von der vorstellung des angenehmen aus auch ein vereinzelter gebrauch im sinne von 'begierde, sinnliche neigung': dann die gleichheitten, so sich des leibs miszbrauchen, das seind die gewonheitten und neigungen der seelen sich an den jrrdischen dingen zu ergötzen (libidines enim male utentes corpore, id est consuetudines et inclinationes animae ad fruendum inferioribus) C. Hedio Augustini IV bücher v. d. christl. leer (1532) 7ᵃ.
10)
nur vereinzelt in anderen zu gleich VI gehörigen anwendungen.
a)
die gleichheit wiederherstellen, wie gleich VI C von wiederhergestellter ordnung, wiederhergestelltem gleichgewicht, aber in komplexer anwendung, bei der auch gleichheit 9 aequitas und gleichheit 5 c 'proportion, rechtes masz' zu berücksichtigen sind: hier den ton der gleichheit und des verdienstes herzustellen: jene lobschreiende, alles überschreiende stimmen etwas zu mäszigen, das war meine absicht Herder 3, 368 S.; ihr kömmt es zu, sowohl prahlerische ansprüche abzuweisen, und dadurch die gleichheit wiederherzustellen Th. Abbt verm. w. (1768) 1, 2; dadurch (dasz leichtfertig erworbenes geld rasch zerrinnt, sauer erworbenes dauert) wird die gleichheit, die der menschen falsches urtheil über das verdienst so oft zerrüttet, nicht selten wieder hergestellt Schubart leben u. gesinn. (1791) 1, 147. in diesem sinne wohl auch ein vereinzeltes in die gleichheit bringen, s. gleich VI C 2: und wer will diesen jammer doch in einige gleichheit bringen, dasz so unzehlich viel knaben und mägdlein dem mahomedischem moloch gleichsam aufgeopffert, will sagen, der seelen nach, geschlachtet worden? Er. Francisci schau- u. ehrenplatz (1684) 167.
b)
zu gleich VI B 'eben', s. auch gleiche 6: dann weil es (das wasser) seiner natur nach, under sich begert, so wurd es von jhm selbst, auszer dem befelch gottes, an eine nidere haldechtige stadt geflossen, und nit ehr still gestanden sein, bisz dasz es zu einer ebnen gleichheit kommen wär Schweickhart graf zu Helffenstein Basilius magnus (1591) 29.
Zitationshilfe
„gleichheit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gleichheit>, abgerufen am 22.10.2019.

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