gleichförmigkeit f.
Fundstelle: Lfg. 10 (1948), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 8074, Z. 36
im 16. und 17. jh. auch gleichformigkeit; vereinzelt gleichförmikeit W. Linck dasz d. sekten ... ausgetilgt werden (1525) a 3ᵃ; gleichformikeit Casp. Hedio chron. German. (1530) d 4ᵃ. seit Seuse bezeugt, s. u. 1 c.
1)
'ähnlichkeit, gleichartigkeit, verwandtschaft, übereinstimmung', der anwendung gleich I A entsprechend.
a)
allgemein von äuszerer oder innerer gleichartigkeit, s.gleichförmig 1 a: sie sagen ... das ein ... sacrament sey der vnsichtbarlichen gnad ... ein sichtbarlichs tzceychen, das gantz ein gleichformigkeyt hab, vnd ein eygenschafft, leyblich den augen einbildet, der wirckligkeit in der selen Jac. Strausz beychtpüchl. (1523) c 1ᵇ; dann so wenig man leüt findet, die im angesicht einander gleich sehen, als wenig findet man under den sprachen gleichförmigkeit, iede hatt ir eigen art und weisz Casp. Hedio Augustinus (1532) vorr. 2ᵇ; gleich wie ein heszliches ding oder giftige ungestalte kröte und crokodil, wann es ... von einem guten meister abgemahlet, uns dennoch wegen der künstlichen gleichförmigkeit ergetzet Schottel friedenssieg 12 ndr.; der haupteinwurf den man dem Noah gemacht, betrift die gleichförmigkeit, welche die character und geschichten einiger antediluvianischer völker mit den charactern und geschichten viel jüngerer nationen haben Wieland I 3, 307 akad.-ausg. das zweite glied der vergleichung älter auch im genetiv: das glas hat die gleichförmigkeit oder ähnligkeit des cristalls Comenius janua (1644) 22. in jüngerem gebrauch besonders von geistiger verwandtschaft: gewohnheit des angenehmen umgangs, nach und nach entstandene gleichförmigkeit in der denkungsart ... kommen hinzu, und so entsteht dann ein glückliches bündnisz Knigge roman meines lebens (1781) 4, 55; doch sprach er (Christian Stolberg) auch die grosze übereinstimmung und gleichförmigkeit ihres geistes aus Gervinus gesch. d. dtsch. dicht. (1853) 5, 42.
b)
von gleicher gestalt im eigentlichen sinne, s.gleichförmig 1 b: sie (die gletscher) sind 30 bis 40 schuh hoch, und sehen sowohl in der nähe als in der ferne als zugespitzte eisthürme aus, wovon die meisten sechseckigt sind; gleich als ob die natur auch in dingen, welche sie dem bloszen zufalle überlassen zu haben scheinet, gewisse regeln der gleichförmigkeit beobachte Lessing 4, 335 M.; dasz die herren ... zwischen den chinesischen schriftzeichen und den ägyptischen ... einige gleichförmigkeit wahrzunehmen vermeint haben Fr. H. Jacobi w. (1812) 6, 292; haben nun die unebenheiten in den steinen ... eine gewisse gleichförmigkeit unter sich Lichtenberg verm. schr. (1800) 8, 216.
c)
speziell religiös, wie gleichförmig 1 c, von der angleichung an das bild Christi und an die art und den willen gottes: das der mensch nit geraste, er werde dem bilde (Christi) gelich in gelichformigkeyt na seiner wysen, als im möglich ist Seuse 526, 29 Bihlm.; in dieser predigt haben Adam und Eva ... wol gefület, das sie jre erste herrligkeit göttlicher erkentnis, und gleichförmigkeit jrer gantzen natur mit gott ... verloren hatten E. Menius chron. Carionis (1560) 1, 20ᵃ; die creutzigung deines fleisches, die gleichförmigkeit mit Christo in gedult Johann Arndt deutsche theologia (1631) a 3ᵇ; diese ähnlichkeit, gleichförmigkeit, homogenäität mit Christo, diese ist es allein, die ihn des frohen unverhüllten anschauns der gottheit fähig macht Lavater aussichten in d. ewigkeit (1773) 3, 224. älter auch in pronm ninaler verbindung oder mit dem genetiv an stelle von mit:
dasz wir fassen recht dein wort,
durch dasselb auff erden
zue deiner gleichförmigkheit, ...
neu gebohren werden
A. v. Franckenberg mir nach (1675) 103;
also auch, je mehr grosze vnd mechtige fürsten ... sich zu gottes gleichförmigkeit mehr geziehen, je mehr göttlicher gelindigkeit ... lassen sie vor jnen scheinen vnd leuchten Heinr. Rätel Joachimi Curäi chron. d. herzogtums Schlesien (1607) 571. vereinzelt soviel wie 'abbild, ebenbild': weil wir aber hie von den geistlichen bildern handeln, solt jr wol mercken, das solchs herrlichs bild oder gleichförmigkeit gottes, in vns hie auff erden nur ein angefangen ... bild ist Mathesius Sarepta (1571) 183ᵇ.
d)
'angemessenheit, gemäszheit', besonders zur bezeichnung dessen, was einer norm gemäsz, einem gesetz entsprechend ist, wie gleichförmig 1 d, aber weniger entwickelt: (wir) wöllen alles ... nach dem buchstaben verstehn, vnnd nach gleichformigkeit des glaubens, in massen es Paulus erfordert, auszlegen Fischart binenkorb (1588) 74ᵃ; die weisen aller zeiten bestrebten sich, ... gesetze der natur zu finden, und die gleichförmigkeit der menschheit mit ihnen zu fördern Herder 22, 9 S.; bei wahrnehmung unserer anstalten und der gleichförmigkeit derselben mit unsern reden J. D. Heilmann gesch. d. pelop. krieges (1760) 98.
2)
nur vereinzelt zur bestimmung gleicher maszverhältnisse: eine proportion ist eine gleichformigkeit deren verhaltnüssen Pirckenstein teutschred. Euclides (1694) 173.
3)
zur bezeichnung dessen, was identisch ist oder der gleichen art und ordnung angehört, oder zur bestimmung von handlungen, die in völlig gleicher weise geschehen, vgl.gleichförmig 3: wenn man eine übereinstimmung zwischen beyden sprachen (der griechischen und der deutschen) suchet, und in unzählich vielen wörtern eine ähnlichkeit oder auch gleichförmigkeit antrifft Gottsched d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamk. (1751) 1, 188; der schlusz des in g-moll stehenden satzes in d-moll, während Mozart eine fast ängstliche gewissenhaftigkeit auf die gleichförmigkeit der tonart des anfangs und schlusses bei ganzen opern ... zu wenden pflegte, war Schwencke ... auffallend O. Jahn Mozart (1858) 4, 722 anm.; hielten auch solche gleichformigkeit im gehen, dasz keiner einen tritt anders gethan hätte als der ander, sondern sie huben ihre füsze auff und setzten sie auch zu gleich wiederum nieder Agyrtas grillenvertreiber (1670) 195; man mag die littern beider buchstab ordnungen auf mancherlei weise umsetzen, und verfahren: so nur, in beiden alphabeten, eine gleichförmigkeit beobachtet wird Er. Francisci lustige schaubühne (1697) 3, 188; bei der vollkommenen gleichförmigkeit in der praktischen anwendung jener grundsätze G. Forster s. schr. (1843) 3, 137.
4)
von der übereinstimmung der teile und glieder eines in sich einheitlichen ganzen oder eines gleichmäszigen, sich gleichbleibenden ablaufs, wie gleichförmig 4 die seit dem 18. jh. gebräuchlichste anwendung des wortes.
a)
auf den stetigen gang äuszerer oder innerer bewegung bezogen: während sonne und mond ihren weg von westen nach osten (vorwärts) mit ziemlicher gleichförmigkeit fortsetzten, machten alle übrigen die seltsamsten bewegungen von der welt Lichtenberg verm. schr. (1844) 5, 182; das erste, was man an dieser bewegung (des groszen bären) bemerkte, war ihre vollkommene gleichförmigkeit Fr. Th. v. Schubert verm. schr. (1823) 1, 9; jenen ... quell zu ergründen, der so viele grosze erscheinungen mit ewiger gleichförmigkeit ... aus sich herausschüttet Schelling w. (1856) I 5, 357; ich habe mich nothdürftig diesen winter durch gehalten, das haus nicht verlassen und mit der gröszten gleichförmigkeit gelebt Göthe IV 34, 146 W.; die erzwungene gleichförmigkeit (der lebensweise) ist eine wundervolle ärztin Hans Grimm südafr. nov. (1921) 90.
b)
vom gleichmasz oder der gleichartigkeit der teile eines in sich geschlossenen ganzen. schon in älterer sprache für 'symmetrie', vgl.: symmetria ... gleychmässigkeit, gleychförmigkeit, wäsenliche abmässung oder proportion Frisius dict. (1556) 1283ᵇ; Henisch (1616) 1642; es mögen nun die pfeiler gesetzet seyn, auf welche von den vorerzehlten arten man will, so vermehren sie allezeit die gleichförmigkeit, und schönheit (des gebäudes) Gruber mathem. friedens- u. kriegsschule (1697) 224; um die strenge form und die gleichförmigkeit des ganzen auch in der vorrede zu behaupten, will ich sie in paragraphen schreiben Jean Paul 49/51, 3 Hempel. von der in sich gleichartigen zusammensetzung eines körpers: dichter kalkstein von gröszerer reinheit, gleichförmigkeit und einer bestimmten farbe, der sich vermöge seiner härte polieren läszt, wird im gemeinen leben ebenfalls marmor genannt Oken allg. naturgesch. (1839) 1, 236; das endresultat ist nicht eine masse von der nothwendigen gleichförmigkeit Muspratt chemie (1898) 6, 1468. auf eine landschaft bezogen: die steppe ist in ihrer gleichförmigkeit wie das meer —es gehört allen, die es befahren Jos. Ponten rhein. zwischenspiel (1937) 100.
c)
häufig im sinne von 'einheitlichkeit', als eigenschaft eines für eine mehrheit in gleicher weise geltenden ganzen: ein solch einfalt, gleichförmigkait ... erzaigen sie in all jrer klaidung, handlung, geperden vnd bewegungen, das du sie (die Türken) für hailig ... halten möchtest Seb. Franck chron. d. Türckey (1530) d 1ᵇ; hat nicht verstanden, wie das freiheit jnn diesen ceremonien vil besser ist, denn gleichförmigkeit Joh. Kymeus d. babst Hercules (1538) k 1ᵇ; die landsknechte waren nach ihrem geschmack gekleidet, doch hatte die mode der zeit ein wenig gleichförmigkeit in ihren anzug gebracht W. Hauff s. w. (1890) 1, 247; das solche jahrfeste dienen solten zu erhaltung, eintrechtigkeit, unnd gleichformigkeit, der lehr und kirchenordnung Joh. Pomarius gr. postilla (1590) 1, 519ᵃ; eine congregation sollte die gleichförmigkeit des ritus behaupten Ranke s. w. (1867) 37, 239; am wenigsten darf man in allen theatern der alten durchgängige gleichförmigkeit der bauart erwarten W. v. Humboldt über d. antike theater in Sagunt 93 lit.-denkm. absolut: das auch die allerfeiniste gleichförmikeit vnd allerlustigeste gleichheit vnter den frommen christen möchte widerbracht werden W. Linck das die sekten- u. menschenleren in d. christenheyt sollen auszgetilgt werden (1525) a 3ᵃ; in der unbeschreiblichen gewalt, welche die blose idee der gleichförmigkeit nach allen richtungen nun schon so lange in Europa ausübt Savigny v. beruf uns. zeit für gesetzgeb. u. recht (1814) 41.
d)
zur kennzeichnung des gleichbleibenden, sich nicht verändernden: alles müssen sie mit gleichförmigkeit des gemüths annehmen Teresa v. Jesu sendschreiben (1700 f.) 59; er dachte, so wild und barbarisch auch der geschmack der nation sey, so müsse er doch seine grundsätze haben; und es sey besser, auch nur nach diesen mit einer beständigen gleichförmigkeit zu handeln, als nach gar keinen Lessing 10, 76 M.; ganz vorzüglich zuträglich zur verlängerung des lebens ist, gleichförmigkeit der luft, besonders in absicht auf wärme und kälte, schwehre und leichtigkeit Hufeland kunst d. menschl. leben zu verlängern (1797) 194; die gleichförmigkeit ihrer (der frau) aussagen erinnerte an das bekannte: non mi recordo; sie lauteten unveränderlich: 'wie der mann sagt, was der mann sagt' M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 5, 9.
e)
'einförmigkeit, eintönigkeit' im sinne des mechanisch leblosen, reizlosen, abwechslungsarmen: wenn die wahre geschichte durch ihre gleichförmigkeit dem gemüthe unlust und eckel verursacht: so erhohlt es sich bey der dichtkunst Ramler einl. in d. schönen wiss. (1758) 1, 73; das ganze ist ohne wirkung; es ist zu breit und körperlos, die gleichförmigkeit peinlich, die allegorie gleich im anfang schon ermüdend, weil sie keine veränderung bietet Gervinus gesch. d. dtsch. dicht. (1853) 2, 195;
dem schiffer scheint es nur ein inbegriff der wonnen,
der fahrt langweiliger gleichförmigkeit entronnen
Fr. Rückert ges. poet. w. (1867) 3, 350;
wie ein spielzeug, dessen man, seiner ewigen gleichförmigkeit gewahr, müde wird Jelusich d. löwe (1936) 145.
Zitationshilfe
„gleichförmigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gleichf%C3%B6rmigkeit>, abgerufen am 14.11.2019.

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