gewinnend praesensform des participialen adjectiv
Fundstelle: Lfg. 9 (1908), Bd. IV,I,III (1911), Sp. 6069, Z. 73
zu gewinnen (s. d.), die der neueren sprache hauptsächlich mit ableitungen von der bedeutung bezwingen, gefangen nehmen (vgl. oben sp. 5982. 5992) angehört, denen die participialform durch den absoluten gebrauch ein neues gepräge giebt. die anderen bedeutungsrichtungen des verbums haben hier nur wenige dauernde ergebnisse erzielt.
1)
gewinnend in der bedeutung von bezwingend, einnehmend, anziehend.
a)
schon die ältesten belege (erstes drittel des 19. jahrh.) neigen zur zusammenstellung des particips mit synonymen. einige verbindungen stimmen mehr zum ausgangspunkt der entwicklung, andere kennzeichnen vielmehr den abschlusz.
α)
in hohem grade schlau und gewinnend wie Margareta war, knüpfte sie freundlich mit dem alten helden, graf Claus an, beschied ihn zu sich, nannte ihn vater. Dahlmann gesch. v. Dänemark 2, 58; die dinge, welche hier vorkommen werden, haben so etwas populäres und gewinnendes, dasz es keiner langen vorrede bedarf, sie zu empfehlen. E. M. Arndt reisen 5, 165; wenn kaiser Wilhelm selbst proclamationen redigirte oder wenn er eigenhändig briefe schrieb, so hatten dieselben, auch wenn sie sprachlich incorrect waren, doch immer etwas gewinnendes, oft begeisterndes. Bismarck ged. u. erinn. 2, 290; die warmherzigkeit, gemütlichkeit und redlichkeit des kapitäns hatten nicht nur etwas gewinnendes, sondern für mich wenigstens bezauberndes. Ricarda Huch aus der triumpfgasse⁴ 175; von dem eigenartigen und gewinnenden wesen der jungen frau gerührt. Fontane unterm birnbaum 9. vgl. dazu: bat mich mit ihrer eigenthümlich gewinnenden leutseligkeit. Stifter (studien 1, feldblumen 8) 1, 95 Sauer; denn das schöne mädchen hatte in ihrem ganzen leben dank ihrer gewinnenden stolzen anmut ... freundliche gesichter um sich gesehen. G. Hermann Jettchen Gebert⁸ 363.
β)
für den abschlusz der entwicklung zeugt das viel gebrauchte synonymon liebenswürdig: und das schien unmittelbar auszugehen von der sonnig heiteren, liebenswürdigen und gewinnenden persönlichkeit des königs, der die schranken zwischen sich und seinem volke fallen liesz. Hans Prutz preusz. gesch. 3, 255. dazu vgl.: gewinnend wird gleichfalls wie liebenswürdig in bezug auf das benehmen gegen andere und auf den verkehr mit anderen gebraucht und bezeichnet eigentlich, dass man durch sein zuvorkommendes wesen einen anderen für sich einnimmt, für sich gewinnt. Eberhard-Lyon s. 84.
b)
unter den gebrauchsformen überwiegt natürlich die attributive.
α)
das zum adjectiv gewordene particip ist hierbei auf einen engeren kreis von substantiven eingeschränkt: der mittlere bruder, ... Paul war von gewinnendem wesen, von groszer wohlredenheit, von stets gleicher wohllaune und wohlmeinung gegen alle. Gervinus leben 2; vgl. oben gewinnende persönlichkeit. Prutz; gewinnende eigenart Fontane; gewinnende anmut Arndt u. a.; gewinnendes äussere P. Heyse (s. u.); gewinnende erscheinung, gewinnendes benehmen Eberhard-Lyon a. a. o.; wenn kluge weltgestaltende männer im schweigen des cabinets mit der stillen feder oder der feinen gewinnenden rede bündnisse stiften, provinzen erwerben. Immermann (epigonen 8) 7, 128; dessen ... edle sitten auf jeden, der ihm nur flüchtig nahe kam, einen gewinnenden eindruck machte. P. Heyse im grafenschlosz. auffallend ist die folgende verbindung mit einem gebrauchsgegenstand; sie weist über den engeren begriff auf die ursprüngliche bedeutung zurück:
zuletzt ihr, grazien, umflattert mich,
und gürtet mir den leib mit eurem gürtel,
dem wunderbaren, dem gewinnenden!
K. Immermann (Petrarca 2) 16, 256.
beliebt ist die verbindung mit pronominalformen, die zur substantivierung weiter führt, vgl.etwas gewinnendes haben bei Arndt, Bismarck, R. Huch s. o.; vgl.: trotz allem auf den ersten blick gewinnenden fehlte doch mancherlei. Fontane vor dem sturm 28.
β)
objecte nimmt das zum adjectiv gewordene particip nur noch in der composition zu sich (s. d.); ein beleg wie: mit alles gewinnender anmuth (E. M. Arndt reisen 6, 131) führt auf den ausgangspunkt der entwicklung zurück. sonst sind hier nur adverbialbestimmungen belegt, wie sie auch einem adjectiv geläufig sind: er war ein ernsthafter mann von wenig gewinnendem äuszeren. Paul Heyse Helene Morton; dasz der von uns bevorzugte ... von einer sehr gewinnenden eigenart war, das stand fest. Fontane von zwanzig bis dreiszig s. 375 (vgl. dazu: 'sehr liebenswürdig', niemals aber 'sehr gewinnend'. Eberhard-Lyon).
γ)
zu den steigerungsformen vgl.: sie begrüszte ... mich mit ihrem gewinnendsten lächeln. P. Heyse Beatrice; graf Coronini, den eine glückliche leichtlebigkeit auszeichnete, sprach in gewinnendster weise sein bedauern ... aus. Fontane graf Petöfy 3.
c)
neben dem attributiven ist auch der prädicative gebrauch bei dieser bedeutung nicht selten: er (Louis Schneider) war nur nicht gewinnend in seinen formen, die, trotzdem er einer dichtergesellschaft präsidierte, der wahre musterausdruck äusserster märkischer prosa waren. Fontane von zwanzig bis dreiszig s. 424; so gewinnend er sein mochte. vor dem sturm 10; ebenso Dahlmann (s. o.). dazu vgl.: wie gewinnend ist der zauber reizender hilflosigkeit. Immermann (epigonen 4, 1) 6, 8; vereinzelt ist auch der übergang zu adverbialen functionen belegt: ein wohlwollendes lächeln spielte gewinnend um seine lippen. Fr. Halm (haus an der Veronabrücke) 4, 109 Schlossar.
d)
in der composition, die sich vor allem um die form herzgewinnend (mit herzgewinnendem lächeln J. C. Heer heilige wasser 133; vgl. oben sp. 6034) gruppiert, könnte man den ausgangspunkt unsers eben betrachteten gebrauchs von gewinnen erblicken. die chronologie der belege giebt jedoch keinen anhaltspunkt dafür, und die bedeutungsfärbung von gewinnend spricht vielmehr für die ellipse eines persönlichen objectes, vgl.alles gewinnend Arndt (s. o.). vgl.: dasz der völkergewinnende zauber des griechischen wesens sich in Aegypten besonders wirksam erwies. Georg Ebers die schwestern 1, xi vorrede. in herzgewinnend ist also viel eher eine secundäre erweiterung anzunehmen.
2)
die bevorzugung einzelner gebrauchsformen des particips auf grund anderer bedeutungsrichtungen von gewinnen führt nur theilweise zur isolierung über.
a)
in der mischform, die dem lateinischen gerundivum nachgebildet ist und die das fehlende passiv des part. praes. durch eine anleihe beim infinitiv deckt, bringt gewinnend gern die bedeutung erwerben zur geltung: soll der bergmeister sehen, wie durch gütliche handlung ... leidliche conditiones auf die künfftig zu gewinnenden ertze gemacht werden mögen. Chomel 3, 734; mein schönes väterliches haus, nur wenig hundert schritte von dem ihrigen, war doch immer ein leidlicherer, zu gewinnender zustand, als die über das meer entfernte ungewisse umgebung. Göthe (dichtung u. wahrheit 19) 48, 159 (var.: ein leidlicher zu gewinnender. 29, 156 Weimar); dem fehlt das richtige, nur durch erfahrung zu gewinnende urtheil über die lenkbarkeit der staatsmaschine. Bismarck ged. u. erinn. (24) 2, 130.
b)
vordem ist in der gleichen passiven actionsart das einfache particip belegt, das in der form der substantivierung mit der bildung gewinnet übereinstimmt:
als ich sah aufft kugel-statt dar
unnd der kegel namb eben war,
da hettens all narren-gestalt ...
bei dem sach ich an einer stangen
die gewinnenden klainater hangen.
H. Sachs 5, 222 Keller;
welch handwercksman hie wol wil leben,
musz darauff haben gut achtung eben,
ob es im sein gwinnends ertrag,
auf dasz er nicht von tag zu tag
abnem, darob zu scheitern geh.
21, 275 Keller u. Götze;
ob aber ein dergleichen spaszhafftiges gewinnendes in die länge erspriesset, weiset bei manchen der auszgang. Simplicianischer Haspel-Hannsz (1684) 56; das gewinnend (gwinnət, gwingət, plur. gwingətə), was bei wettspielen, rennen, schieszen, kegelschieben etc. als zu gewinnender preis ausgesetzt wird, gewinnst. Schmeller 2², 931.
c)
das particip in der activen actionsart wäre geeignet, durch substantivierung dem nomen agentis gewinner (s. d.) concurrenz zu machen: dise gewinnen etlich kanten mit wein .. der wein ist darzuͦ verschaffen wer ihn geben soll, den gewinnenden. Seb. Frank weltbuch (2) 51ᵃ; wenn anders die arten der abgaben darauf eingerichtet, dasz sie von den gewinnenden, und zwar nach proportion ihres gewinnes, gegeben werden. Chomel 1, 493; ebenso 1, 495. durchgesetzt hat sich dieser gebrauch nicht, und wo das viel verwendete gewinner später verschmäht wird, treten attributive verbindungen dafür ein: der könig war also bei diesem geheimartikel immer der gewinnende theil. Wieland (Athenion 7) suppl. 6, 27. von anderen gebrauchsformen ist die häufigkeit der adverbialen function, die vom particip in syntaktischer selbständigkeit übernommen wird, bemerkenswert: wo jedes reiner jugend blüthe zum pfande setzt, gewinnend zu verlieren. Heine (reisebilder: bäder v. Lucca 9) 2, 330; schöne freundliche taille des lebens, in welcher beide einsetzten, gewinnend zu verlieren. Immermann (Münchhausen 1, 16) 1, 112; unsre Hariet betreffend, so bereitet sie sich auf ein schulamt vor, von dem umstand gewinnend, dasz man neuerer zeit die volksschulen gerne mit weiblichen lehrkräften besetzt. Ferd. Kürnberger der Amerika-müde (1, 2) 29.
Zitationshilfe
„gewinnend“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gewinnend>, abgerufen am 15.09.2019.

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