geschosz n., bisweilen m.
Fundstelle: Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3958, Z. 33
wie der und das schosz, zu schieszen in dessen verschiedenen bedeutungen.
I.
Zu schieszen, werfen, schleudern.
1)
wurfgeschosz, wie wurfspiesz, pfeil, bolzen, schleuderstein, kugel u. s. w.: geschosz, allerlei geweer das man scheüszt den feind zuͦ verletzen Maaler 173ᵃ; ahd. das scoʒ und giscoʒ, missile, mhd. schoʒ und schôʒ, geschoʒ und geschôʒ, ags. das gescot, wurfspiesz, engl. shot, mnl. geschot; ndrhein. geschoysz Dief. 282ᶜ; mit erhaltenem z rhein. geschotz, geschutz, sagitta, jaculum Dief. 282ᶜ. 507ᵇ. 576ᵃ, vgl. geschütz 1, c und gschusz, telum Maaler 195ᶜ; mit umlaut das geschösz Hulsius dict. 61ᵃ. Phil. Lugd. 4, 300; selten als masc.: der geschosz, spiculum, sclopus, bombarda Stieler 1771;
ein geschosz (pulverschusz), der bald verpufft.
P. Fleming 665.
a)
eigentlich: bindestû die wurze anderhalp gegen der wunden, sô vert daʒ geschoʒ ûʒ (die pfeilspitze aus der wunde). Pfeiffer arzneib. d. 12. u. 13. jh. 2, 9ᵇ;
jâ sint der Sarrazîne geschôʒ (: grôʒ)
gelüppet (vergiftet) sam diu nâtern biʒ.
Wolfr. Willeh. 324, 4;
ain geschoʒ, das von ainem armprust vert. Megenberg 274, 3; Creta ist der geschosz der pfeil ein erfinderin. S. Frank weltb. 18ᵃ; er hat seinen bogen gespannet .. und hat drauff gelegt tödlich geschos. ps. 7, 14;
Geszler. das ist Tells geschosz.
Schiller XIV, 399 (Tell 4, 3);
zwischen geschosz und schirm kommen, zwischen wurfspiesz und schild. Schottel 1115ᵃ sprichwörtlich;
sohn, da hast du meinen speer, ..
nimm den schild und dies geschosz.
F. L. Stolberg 1, 44;
malzeichen, wohin sie jre geschosz (pfeile und steine der wurfmaschinen) richten und wenden solten. Josephus jüd. kr. (Frankf. 1569) 73ᵃ;
die felsen, ihr (der giganten) geschosz.
Ramler 28. ode;
geschos, glans. voc. inc. teut. i 3ᵇ; ain geschoʒ auʒ ainer schoʒpüchsen. Megenberg 274, 3;
vil büchsen, pulfer und geschosz,
manicherlei kugel und büchsenstein.
keiser Maximilians lehr (1532) 48ᵇ;
dasz wir durch das pulffer-geschösz unser leben verlieren müssen. Phil. Lugd. 4, 300; klein geschosz, schrot, hagel, grosz geschosz, kugeln Ludwig 754; geschosse der neueren zeit, kartätschen, granaten, bomben, raketen u. s. w. Rüstow mil. handwb. 331 fg.; kanonenschlag: es sind auch in solchem schlosz etlich hundert schüsz, darunter auch vil starcker geschosz dermaszen darinnen zugericht gewesen, welche alle wol abgangen, also dasz es weniger nicht gekrallet (geknallt), dann als ob grosze stück weren abgelassen. Abr. Hossmann von keiserl. wahl u. krönung (1612) 356.
b)
übertragen, der blitzstrahl, wie mhd. blicschôʒ:
er kann plitz geschosz und donner machen.
fastn. sp. 594, 26;
die geschos der blitzen. weish. Sal. 5, 22;
aber der vater der himlischen (Zeus) warf von der nächtlichen wolke
sein geschosz.
Klopstock gramm. gespr. 249:
vgl. blickschusz, albschosz, albgeschosz, donnerkeil, belemnites, sowie Schm.² 2, 479 und mythol. 164. 170; vom hagel:
alzdan voll macht und kraft liesz sich des höchsten stim
mit hagel, dunder, plitz, geschosz und strahlen hören.
Weckherlin 62 (ps. 18, 18);
der sonnenstrahl:
der sonne glühendes geschosz durchdringt
ein feuchtes, kaum der fluth entrisznes land.
Göthe 9, 339 (nat. tochter 4, 2);
der liebespfeil, minnen geschoʒ minnes. 1, 90ᵇ Hagen:
daʒ Amor unt Cupîdô
unt der zweier muoter Vênus
den liuten minne gebn alsus
mit geschôʒe und mit fiure.
Parz. 532, 5;
der pfeil des todes:
tod und liebe wechseln offters ihr geschosz,
jenes geht auff junge, disz auff alte los.
Logau 2, zugabe 159.
2)
schieszwaffe jeder art, bogen, armbrust, schleuder, wurfmaschine, feuergewehr, blasrohr; selten masc. der selbgeschosz, arcus automatus Stieler 1771. vgl. geschütz.
a)
eigentlich:
von mancher hand geslaht geschosz,
armprust und puchsen klain und grosz,
hub sich ain prastel und ein schal.
M. Beheim Wien. 85, 4;
die armbrust, welche kleiner ist als das stahlgeschosz (scorpio, grosze armbrust). stahlgeschosse, deren sich diejenigen schützen bedienen, welche nach dem vogel auf der stangen schieszen. Comenius orb. pict. 2, 263; das fuchs-geschosz schieszt der bestie den pfeil in den leib. 264; catapulta, geschosz zu langen groszen pfeilen. Emmelius nomencl. 376; wurfmaschine bei einer belagerung:
armbrüst, geschosz und böck (durch die zimmerleute erbaut), ..
dasz aus denselben künt starck werden rausz geschossen.
Dietr. v. d. Werder Gottfr. v. Bulljon 18, 43;
schlingen und schlaudern, so damals der kriegsleut geschos warn. Aventin. 4, 322, 27 Lexer; geschosz, feuerrohr Rädlein 366ᵃ; (Wormser bürger) haben aus der stadt zeughaus grosz und klein geschosz, pulver, stein und anders in die vorstadt getragen. Zorn Wormser chr. 220 Arnold; gleicher gestalt werden oben die mastkörb auch mit jhrem gehörigen geschosz ... zum schieszen versehen. Fronsperger kriegsb. 1, 132ᵃ, genauer halbhaken, handrohr oder ander büchsen 131ᵃ; die geschosse ... sind unterschiedlich: flinte, carabiner und musqueten, vogel- und pirschrohr. Comenius orb. pict. 2, 259; kleines oder kurzes geschosz, puffer Krämer 545ᵇ; musz alles ergehen wie ein kugel aus dem geschosz. Schuppius 753; geschütz, kanone:
wer sich von seinem geschosz lest jagen,
muͦsz haben den spott wie ander zagen.
keiser Maximilians lehr (1532) 48ᵇ;
ferner muszte ich ihr. gnaden geschos, das ist das blaserohr in verwahrung haben. Schweinichen 1, 30.
b)
dichterisch:
wo ihr geschosz (bogen) die zwietracht spannt.
Gökingk 1, 223;
mit seltener singularform:
völker stürzt sein rasselndes geschosse (Phöbus' bogen).
Schiller I, 239.
c)
collectiv, schieszzeug, wie die bogen:
die schüczen schik er doch ze land
hin für die andern (vor fuszvolk und reiter) ..
das geschoss den ersten schaden tuot.
Wittenweiler ring 50ᶜ, 19;
armbrüste: die metzler .. mit irm geschotze und gudem gewere. Limb. chr. 103, 31 Wyss; feuergewehre und kanonen, geschütz, selten als masc.: so ein romischer kung herkomen wurd, daʒ man allen geschosz und zeug, der auf der vesten ist, dannen tu. städtechr. 3, 384, 30 (Nürnberg, von 1444); der von Rafenstain zoch den herzogischen mit seinen kriegsschiffen und allem geschos zu solichem handel gehörig entgegen. Wilw. v. Schaumburg 119; die schiffe .. wurden mit dem kriegsvolk, auch allem groszen und kleinen geschosz, wie si das vor gedachtem flecken (zur belagerung) gebrauchen wolten, besatzt. 118; marggraf Fridrich hat den turn mit geschosz und umbgraben nider gefellt. städtechron. 11, 561, anm. (von 1490); der könig hette kein geschos zum sturme (schweres belagerungsgeschütz), sondern allein feldgeschütz. Schütz Preuszen 487ᵇ;
uber das geschosz muͦsz sein zuͦvoran
ein unerschrockner geschickter hauptmann,
zeugmeister, büchssenmeister und vil knecht.
keiser Maximilians lehr (1532) 48ᵇ.
3)
rheumatisches übel, ursprünglich gedacht als geschosz von dämonen oder hexen, vgl.albschusz, ↗hexenschusz, in einem ags. segen gegen stichschmerzen ylfa gescot, hägtessan gescot mythol.² 1192, geschosz, sic vulgus superstitiosam vocat causam morborum Henisch 1544: so het sie (zauberin) in daʒ geschosz getan umb veintschaft ... das sie wol 15 menschen das geschosz getan het. städtechr. 11, 694, 1 (Nürnberg, von 1505);
ich (hexe) kan under das gschwell (thürschwelle) eim graben
das es darnach das gschosz musz haben,
die gschosz kan ich segnen und heilen.
H. Sachs 1, 532ᵃ. 4, 3, 32ᵈ;
hab mich lang genehrt mit warsagen:
da mich die bawren theten fragen, ..
wo man einr etwas het verholn
unterm tritscheuffelein eingraben,
dasz sie darvon das gschosz solt haben.
5, 3, 354ᵃ;
der kan krankheit vertreiben mit segen oder dergleichen, als die geschösz, gesucht, blutstellen, kaltwee. Paracelsus op. (1589) 1, 325; spruch 'für die wilden geschoss oder bösen luft': wilde schoss (böser wind), ich gebeut dir aus dem mark in das bain, aus dem bain in das flaisch, aus dem flaisch in das bluot, aus dem bluot in die haut, aus der haut in das haar, aus dem haar in die erden, neun claffter tief. Mone anz. 1837, 470, nr. 27 (anf. d. 17. jh.); ich versegne dich, nöschtropf und gesicht (gesücht), margschosz und wild geschosz. 463, nr. 11; so lindert sich das reiszen der glider, welchen gebresten etliche das laufende vergicht, andere kalte gesucht und aber andere als die leut in Tyrol und am Bodensee das geschosz heiszen. Thurneisser erdgewächse 109; es ist auch gut den menschen, die da kalt geschosz haben. Seuter rossarzn. 402; geschosz in der seiten, lateris morbus immanens, subito dolore corpus gladii instar transverberans Henisch 1544; noch in Baiern und Schwaben das geschosz, heftiger kopfschmerz, besonders am scheitel Schm.² 2, 479. Schmid 477; auch heftiges, schnell kommendes und vergehendes zahnweh Schm. a. a. o. Stalder 2, 348; dagegen in Ostpreuszen krankheit, bei der sich knochensplitter aussondern Frischbier 1, 230ᵃ. vgl.kellergeschosz 2.
II.
Zu schieszen, emporwachsen.
1)
schöszling, schosz an gewächsen, mnl. geschot: saltus, novi frondes qui saliunt in altum, geschosz Brack (1495) 50ᵃ; unfruchtbar geschosz, spado Dief. 544ᵇ, berhafftig geschosz, surculus nov. gl. 356ᵇ, palmes, zweig oder geschosz, new geschosz vel rebstock. gl. 407ᵇ; nimb holderblätter und die junge geschosz von schöllkraut. Seuter rossarzn. 225; geschosz an bäumen, germen Aler 916ᵇ; überflüssiges geschosz an gewächsen Krämer 545ᵇ, oder wassergeschosz Henisch 1545.
2)
geschosz, absatz, knopf, schosz, wuchs oder jahrwuchs eines spanischen rohrs oder dergleichen Rädlein 366ᵃ, der theil eines stengels von einem absatz oder knotenring zum andern, der schusz Adelung.
3)
stock, stockwerk eines gebäudes, mnl. geschot: tecmen de schindil super unum geschoʒ. cod. dipl. Silesiae 2, 152 Wattenbach (von 1239); ein gebäw, vier geschosz hoch. Mandelslo (1658) 123; plur. selten mit umlaut: gebäu von sieben geschösz. Aler 916ᵇ; ich wohne im dritten geschosz. Rädlein 366ᵃ; was entdeckt der nicht alles, der auf einem hohen puncte nur um ein geschosz höher steht. Göthe 17, 102; 'bei groszen palästen folgen sie so: das kellergeschosz, das unter- oder bodengeschosz, das zweite oder hauptgeschosz (le premier étage), dann ein halbgeschosz oder obergeschosz für garderobe und bediente' Eggers kriegslex. (1757) 1, 1040; das stockwerk über dem keller, in der nebenform geschoszt:
die (wirkung des weins) kan kein arzt als wol vertreiben
als ein krug mit frischem brunnen,
wenn sie des kellers geschoszt hand gewunnen.
altd. bl. 1, 413;
der stockwerkartige aufbau am vorder- und hintertheil der schiffe früherer zeit: ein schiff, zu einem besondern köstlichen triumph gehörig, sol mit gemalter leinwat oder sonst gestickten zierlichen teppichen zu beiden seiten bisz an das geschosz uberhengt und bedeckt werden. Fronsperger kriegsb. 1, 130ᵃ, vorher das vorder und hinder hausz oder schlosz am schiff; bildlich:
durch diese zeigt sich dort ein berg von zwei geschossen,
aus einem hügel scheint ein andrer aufzusprossen.
J. E. Schlegel 5, 132;
da der jüdische glaube .. das unterste geschosz ist, worauf das christenthum als das obere ruht. Kant 6, 347.
III.
Zu schieszen, zuschieszen, beisteuern.
1)
geldabgabe, steuer, zins, wie der schosz (s. d.), daher als masc. bei Bech beitr. aus Pegauer hdss. d. 14. u. 15. jahrh. 7, 29, im Leipz. urkdbch. 1, nr. 406 (von 1466), und bei Adelung, sonst neutr.; nebenform geschas voc. von 1420 909 Schröer, mit dem seltenen plur. geschasser Liegnitzer urkdbch. 325 Schirrmacher (von 1421), geschosser lehnsurk. Schlesiens 2, 67 Grünh.-Markgraf (von 1469): 'ut monasterium ab omni jure exactionis et collectae, quod vulgo dicitur gescoʒ, sit absolutum' Haltaus 1647 (urk. Friedrichs II. von 1222); swenne di stat ein geschoʒ muʒ haben, das sullen di burger setzen unter einander, wenne si sin an irme heimelichen rate. Freiberger stadtr. 4, 1 (52, 18 Ermisch); swer da einen hof hat, der da cinset ein halp pfunt oder me, der gibet halbiʒ geschoʒ von der vurstat (feuerstelle). 4, 12 (54, 4); kompt imandt fur den richter hie bitend ein haus ime uberzuschreiben, sol man ime das nicht reichn, es sei dan das er zuvor lege die alten geschos von sulchm hausze, ap hiruff wehrn. 297, 9 Erm., zusatz von 1516; daʒ man nimanden vrevelichen solde phende in sime huse umme daʒ geschoʒ. sächs. weltchron., thüring. fortsetz. 313, 20 Weiland; dasz alle güter .. den bürgern zu Wiszenvels zustehen und ewiglich zu ihrem geschosse und pflicht bliben sollen. Haltaus 1648 (von 1454); als uff das thalgut etlich jerlich geschos durch uns, den rath und gemeine der stadt Halle, in vergangen zeiten gesatzt wurden ist. ebenda (von 1479); umb der bezalunge wille der hundert tusunt schok .. lies der homeister ein geschos uszgeen obir alle das lant. Lindenblatt 238 Voigt-Schubert (zum j. 1411); geschosz oder steur, exactio voc. 1482 m 2ᵇ; so wären die geschos mein, vorher die 14 schwere mark jährlicher zins auf der stadt Lemberg. Schweinichen 1, 352; wenn du sollst einen groschen zu zins und geschosz geben. Luther 3, 2435 Walch; nu hat S. Paulus Rom. 13 drei stücke erzelet, die der oberkeit gehören, das erste, geschos. 7, 6ᵇ Jenaer ausg.;
was oberkeit an sie begert,
das sie desselben sei gewert,
es sei am gschosz, stewr oder zoll.
B. Waldis 1, 40, 63 Kurz;
ordendliches, hohes geschosz. das haus steht hoch im geschosz, aedes istae exinaniuntur vectigalibus immensis Stieler 1789; eidgeschosz, abgabe vom vermögen und gewerbe, welche auf den eid hin bestimmt wurde, an die stadtgemeinde Haltaus 281 (Zeitz, von 1483). Vilmar 367 (Frankenberg i. H., von 1697), oben th. 3, 85 nachzutragen.
2)
tribut abhängiger völker: die Osos beweist jre ungerische sprach, das sie nit Teudschen seind, und darneben auch das sie den andern völckern tribut oder geschosz geben. Micyllus Tacitus 450ᵇ, Germania cap. 43.
geschösz n.
Fundstelle: Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3961, Z. 51
coll. zu schosz, gremium.
1)
der schosz:
hübsch groszes gesäsz, hübsch kleines geschösz.
Droysen Aristophanes 3, 93 (wolken 1014. 1018).
2)
ostpreusz. das geschösz, vulva der kuh Frischbier 1, 230ᵃ, s. geschöszlein 5.
Zitationshilfe
„geschosz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/geschosz>, abgerufen am 16.10.2019.

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