geizig
Fundstelle: Lfg. 4 (1882), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 2819, Z. 75
gierig, mhd. gîtic, aber einzeln auch schon gîzic (s. u. 1, a und geiz 1, a), wie umgekehrt auch noch nhd. geitic (s. d.), auch noch bei Luther anfangs und oberd. noch jetzt.
1)
gierig beim essen und trinken, gierig verzehrend, die eigentliche bed. (s. geiz 2, a, geitig 1).
a)
in eigentlichem sinne; md. gîzig, im 14. jh.:
adir (aber) der menschliche grat
der kan nimmir werden sat (wie doch die thiere),
he jait iʒ alliʒ durch den bûch
durch sînen gîzcigen slûch.
Haupt 17, 321, 10;
ô du gîzcigir slunt
und du hungerigir munt!
v. 23;
vom blutdurst der feinde (eig. ganz ernstlich gemeint, s. bluottrinker sp. 1685):
cristins blûtis gîzic.
Jeroschin 25114.
gelluans, ein geiczig (in einem voc. giczik) esser. Dief. 259ᵃ; gulosus, gytzig oder fressig. gemma Straszb. 1518 L 1ᵇ; und essen also die heüt geitzig, bisz sy satt werden, für wildprett. S. Frank weltb. 13ᵇ; sie (die panther) saufen ganz geitzig wein. J. Jonas Melanchthons Daniel deutsch s. 61; alle das gewürm und geitziges unziefer. Luther b. Dietz 2, 58ᵇ;
neigt das häupt (zum see), das sein kleiner bart
voll wassers als voll perlen ward,
weil er ihn gar ins wasser steckt
und dasselbig so geitzig leckt,
als wenns zucker und honig wer.
Froschmeus. C 7ᵇ (1, 8 Göd.);
so bald die frösch wurden gewar
die schöne rotefarbe beern,
kont sich das herrlein kaum erwern
das sie ihm nicht die hand erschnapten,
so geitzig sie alle zutapten.
D 1ᵇ (1, 12);
wenn ich etwan einen brunnen,
der schön gwest, unterwegen gfunnen,
hab ich getrunken geitzig nein.
Ayrer 2989, 12;
wer viel zu lesen pflegt und weisz nicht nach zu sinnen,
vergleichet sich mit dem der gar zu geitzig iszt u. s. w.
Opitz 1, 348;
er geht noch täglich fort, Gradivus der verheerer
mit seiner bösen schaar der geitzigen verzehrer,
verderbt was er nicht mag u. s. w.
Fleming 70 (128 Lapp.);
vom hausen der heere im groszen kriege, wie folg.;
das verruchte raubgeschmeisze,
welches unsrer wolfahrt gras
und was wuchs von unsrem schweisze,
geitzig immer abe frasz.
Logau 2, s. 245;
geizig essen, saufen, er friszt so geizig wie ein wolf Stieler 641; ein geitziger frasz, einer der da friszt wie ein geitziger wolf. Ludwig 722. noch jetzt z. b. in Thüringen geizig essen.
b)
bildlich und übertragen, z. b.:
unser zeit und ihr gesinde
fressen geitzig und geschwinde
alles auf bisz an den grund.
Logau 1, 1, 63;
höher als das lächeln deines fürsten
(ach! wornach so manche geizig dürsten!)
höher war dir der, der ewig ist.
Schiller I, 357, 26.
s. auch blutgeizig blutdürstig (17. jh.), mhd. bluotes gîzic, was denn freilich ursprünglich ganz ernstlich gemeint ist, s. u. geiz 1, a a. e., auch sp. 1685.
c)
vom heiszhunger als krankheit die geizig sucht (s. geiz 2, b):
ja herr, ich hab die geitzigsucht (so).
H. Sachs III, 3, 10ᵃ.
2)
dann gierig überhaupt.
a)
auch im guten und besten sinne, begierig, z. b.: wisset fürwar, ir allerliebsten, das ich inbrünstig und geitzig bin des ewigen himelischen reichs. A. v. Eybe 52, mit gen. wie mhd. bluotes gîzic vorhin, vgl.geiz 3, b mit gen.; s. auch die verwendung von geiz 3, c in gutem sinne und geitig 3, tirol. z. b. arbeitgeitig. mit gen. übrigens noch im 18. jh.: ich bin nicht eitler ehre geizig. Liscow ... 256, d. h. biblisch: lasset uns nicht eiteler ehre geitzig sein. Gal. 5, 26. auch wundergeizig, wundergierig: wo geschehen in diesen wundergeizigen zeiten anders wunder, als in der liebe? Hippel lebensl. 4, 331.
b)
sonst mit nach, wie geiz (3, b): er ist so geizig nach ruhm. Leisewitz 25 (Jul. v. Tar. I, 6); wäre mein leben mein eigen, so würde ich nach dem tod ihres theuren sohnes geizig sein. Schiller I, 105, würde ihn leidenschaftlich beneiden, brief an Hovens vater beim tod seines sohnes; diese fürstin, geizig nach herrschaft, zur intrigue geboren. 1052ᵃ (ausg. in fol.); auch mit auf, wie geiz und geitig, z. b. geitzig auf seine nahrung (s. u. 3, c), geitzig auf bücher, a devourer of books Ludwig 722. zuweilen mit inf., wie geiz 4, a, geizen 2, c: ein mann, der so rasch dahinstürmt, ist nur zu geizig, seine rache mit euch zu theilen. Klinger 2, 39.
c)
dasz noch im 18. jh. die heutige bed. das wort nicht beherschte, zeigt recht deutlich geiziges auge, begieriges blicken: ich sah .. den Main hinunter, der dicht am schlosse vorbeizog .. durchblickte mit geizigem auge die ganze schönheit der weiten gegend. Schubarts leben u. gesinn. 1, 242; vergl. geiz 3, c so bei Wieland, es steht der sinnlichen bed. noch ganz nahe, wie man ja von durstigen blicken, von verschlingen mit dem auge spricht.
3)
hauptsächlich aber gierig nach gut und geld.
a)
so geizig schlechtweg: es sol ein bischof unstreflich sein .. nicht hadderhaftig, nicht geitzig. 1 Tim. 3, 3; der geitzige segenet sich und lestert (damit) den herrn. ps. 10, 3; des geitzigen regieren ist eitel schaden. Jes. 32, 7; der geizig ist allweg arm. S. Frank spr. 1, 45ᵃ; der geitzig nimpt sich arm. 2, 136ᵃ (vorher das. der geitig); der geitzig thuͦt nichts rechts, dann so er stirbt. das.; der ist geiytzig, der trachtet reich zu werden, dann er fällt in die strick des teufels und thut anderen schaden. Lehmann flor. 1, 275; geytziger mann pfetzt jederman. das.; der geytzig sucht den himmel im koth. 276; einem armen mann mangelt viel, einem geytzigen alles. das.; des geytzigen sack hat kein boden. das.; mehr her, gebt her, bringt her, mir her lauten der geytzigen glocken. das.; der geytzig hängt den kopf nur zum boden. das.; es ist kein gröszerer menschenfeind den ein geytziger und wucherer, ursach, er reiszt alles zu sich, dasz mans von ihm als von einem gott musz betteln und empfangen. 277;
je mehr zunimpt des reichen gut,
je geytziger ihme wird sein muth.
das.
man lieb oder hasse einen geytzigen, so bleibt er Johannes in eodem. 279; die reichen und geitzigen seind ihres guts kinder. Henisch 1449; ein geitziger hat zwo töchter, die eine heiszt bring her, die ander trag her. das.; ein reicher und geitziger ist Salomons esel, es ist nichts ärmers dann eines geitzigen mannes hertz, gelt ist des geitzigen herz. das.;
wenn der geitzige frölich ist,
so tantzet ein camel.
das.;
hette der geitzige die ganz erden,
so möcht ihm doch nicht gnug werden.
das.;
den begriff in seinem unterschied vom heutigen macht recht deutlich die geizigen Römer, von ihrer beutesucht und ländergier: die teutsche fürsten waren der sach eins, sie wolten die geitzigen Römer, aller fürsten und herren todfeind, strafen, die statt Rom abtilgen .. Avent. 94ᵇ, wie nachher der Römer schinden und schaben, hochmut und geitzigkeit. das.; also werten sie (die schwebischen bawern) sich der geitigen Römer. Meisterlin Nürnb. chron 40, 5 (var. geutigen, vergl. weisth. 4, 211).
b)
gierig aufs festhalten von hab und gut, karg, filzig, knauserig, die kehrseite der habgier (vgl. geiz 4, c), die bedeutung, welche jetzt das wort beherscht, aber auch schon im 15. 16. jh. mit erscheint oder anklingt, z. b. wenn im 15. jh. die zünfte im mistrauen gegen den rat in die städtische schatzkammer eindringen: und do si sahen der stat schatz, do solten sie die fürsichtigen herren gelobt haben (hätten sie loben sollen). das tetten sie nit, sonder sie beschuldigten sie, dasz sie geitig werent gewesen. Meisterlin Nürnb. chr. 144, 9; der geitzig ist keinem guͤt, im selbs der ärgest. S. Frank spr. 1, 45ᵃ; man kan eim geitzigen nit mehr unglücks wünschen dann das er lang leb. 65ᵃ; karger, geytiger und zäher mensch, tenax homo, Euclio. Maaler 240ᵈ; was der geitzig hat, das braucht er nicht, darnach er tracht, das wird ihm nicht. Lehmann flor. 1, 276; der geytzig hilft gern mit dem maul, aber nicht mit den händen, er lädet gern gäst in ander leut häuser. das.; wann man der saw an stall klopft, so krecht sie: so erschrickt ein geytziger, wann man gelt von ihm begert, gehts ans gelt, so geht ans leben. das.; wenn wir vermögen haben, es sei viel oder wenig, und wir nützen es nicht uns und andern zum wahren besten, sondern halten es gierig zurück, so sind wir geizig. der arme kann also eben so wohl geizig sein, als der reiche .. Gellert 6, 353 (15. mor. vorl.), wo in dem gierig der ursprüngliche begriff noch richtig anklingt, wie darin dasz zum geiz eigentlich reichthum zu gehören scheint. auch geiziger besitz, reichthum bei geizigem sinn:
er (der weise) kennt, belacht und sieht mit rühmlichem entschlusz
den geizigen besitz, den üppigen genusz.
Hagedorn 1, 25.
c)
auch mit mit, auf, wie geiz 3, b (vgl. u. 2, b), z. b. bildlich:
wie? ihr (der tempelherr) hattet kummer?
und wart mit eurem kummer geiziger
als eurem leben?
Lessing 2, 264 (Nathan III, 1);
auf jede spanne des bodens geiziger und gleich anfangs in enge räume gedrängt, lieszen sie zu gassen nicht mehr breite, als nöthig war eine hausreihe von der gegenüberstehenden zu trennen. Göthe 27, 103, vom bau der stadt Venedig, zugleich haushälterisch sparsam, mit oder ohne übertreibung, wie im eigentlichen sinne: geitzig auf die nahrung, avidus, attentus ad rem. Henisch 1447. ebenso von arbeitern: sie (die westfälischen Hollandsgänger) arbeiten nicht für taglohn, sondern in verding, und darüber greifen sie sich bei einer elenden kost .. so geitzig an, dasz sie es nicht lange aushalten. Möser osnabr. gesch. 1, 111; s. dazu schweiz. gîtig z. b. von hausfrauen im besten sinne unter geitig 3.
Zitationshilfe
„geizig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/geizig>, abgerufen am 24.10.2019.

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