gehässig
Fundstelle: Lfg. 1 (1879), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 2326, Z. 37
weiterbildung von gehasz (s. d.), mhd. gehaʒ, für das später auch schon einzeln gehaʒʒic, geheʒʒic Lexer 1, 785 erscheint. s. auchhässig.
1)
ursprünglich hassend, feindlich gesinnt: lividus, gehessigk. Dief. 334ᵇ, invidus gehessig 307ᵇ, invidiosus voc. inc. t. g 3ᵃ; gehässig, schnöd, unfreundlich, feindselig. Henisch 1425.
a)
mit dat., einem gehässig, wie feind:
das ich ir bin so ghässig worden.
Gengenbach gouchm. 1155;
darumb lasset euch nit frembd bedunken, wo euch Reinhart so gehessig ist. Aimon A j; darumb mögen wir jenen nit gehessig sein. V iiij, sie nicht hassen; ich bin im gehessiger dann einem fremden. O ij, hasse ihn mehr; jedermann wird ihm gehessig. Kirchhof wend. 216ᵃ; ich bin ihm gehässig worden, cepit me odium ejus. Frisch 1, 422ᵃ; ich kan ihm nicht gehässig sein, odio in illum accendi non possum. Steinbach 1, 705; kunst und tugend ist in den augen der feinde auch ein laster. wenn sie selbige an uns vermerken, sind sie uns auch dessentwegen gehässig. Olear. pers. ros. 4, 1;
sie verdrehen das rechte und sind den besten gehässig.
Göthe 40, 126;
der vogt ist ihm gehässig, weil er stets
für recht und freiheit redlich hat gestritten.
Schiller Tell 1, 4,
bei Tschudi fand er gehasz öfter so. noch bei Adelung als geläufig 'für das veraltete hässig', einem gehässig sein, werden, sich jemanden gehässig machen, zum feinde, jetzt doch auch veraltet.
b)
auch dingen gehässig sein:
dasz ihr betet zu frü und spat ..
und dasz ihr aller weltlichen freud
im herzen ganz gehässig seid.
Ayrer 145ᶜ (728, 29);
Glaber liebet gerne junges, aber nicht den jüngsten tag.
diesem ist er so gehässig, dasz er ihn nicht glauben mag.
Logau 3, 8, 6;
üppiger ruhe gehässig.
Wieland 16, 99;
der neuen knechtschaft gehässig.
16, 114.
c)
ohne dat., besonders im adv.: gehäszig, infense, gehäsziger, feindseliger weise. Frisch 1, 422ᵃ, odieusement, par haine Rädlein 336ᵇ (vergl. gehässiglich), und so noch gangbar, sich gehässig äuszern, verhalten gegen einen;
gehässig haben sie mein leben
mit worten voller gift umgeben.
Opitz 4, 211 (ps. 109, 2).
auch als adj. ähnlich: alle gehässigen regungen, die sich an ihnen (den kindern) entwickeln könnten, zu unterdrücken. Göthe 24, 105 (aus m. l. 2); feindschaft und gehässige gesinnungen verkürzen uns und andern das leben. Böttiger lit. zust. 1, 130 aus einer predigt Herders; gehässige insinuationen, im zeitungsdeutsch. doch kaum noch ein gehässiger mensch, wie doch früher, z. b.: wann nicht gehässige eigennützige leute thäten, könte die sache leichtlich verglichen werden. Schuppius 625. das wort hat aber wirklich eine lücke gelassen, zumal in der bezeichnenden wendung mit dem dat.
2)
aber auch umgekehrt, gehaszt und hassenswert, wie auch hässig (s. d. 2) schon im 15. 16. jh. und häszlich (s. d. 2), das gleichfalls ursprünglich das hassen selbst adjectivisch bezeichnet, auch schon mhd.; denselben umsatz der bed. zeigen lat. perosus, exosus, ursprünglich hassend, später gehaszt, verhaszt.
a)
bei gehässig erscheint der umsatz der bed. sehr spät eingetreten, wie denn noch im 18. jh. z. b. Rädlein, Aler, Steinbach, Frisch, Weber nur die erste bed. angeben. doch bei Stieler 786 auch schon: er macht sich mit seinem auffaren gehässig, verbis suis asperis odia in se movet; gehässig sein bei jedermann, in odio esse. Kirsch (1723) 2, 136ᵃ. bei Adelung 'in leidendem verstande, verhaszt', z. b. sich bei jemanden gehässig machen, eine gehässige sache; es gibt für mich keine gehässigere menschen, als die, welche glauben, dasz sie bei jeder gelegenheit ex officio witzig sein müszten. Lichtenberg 1, 29, jetzt auch nicht mehr geläufig; die politiker haben ... einen grundsatz aufgefunden ... den dritten interessenten in das gehässigste licht zu setzen, den zweiten, mit dem man unterhandelt, meine ich, gegen den dritten aufzubringen. Klinger 1, 446, noch jetzt gangbar; ein gehässiges betragen. Campe.
b)
den übertritt zeigt ungefähr mein gehässiger im 17. jahrh., mein feind, eigentlich der mich haszt, dann aber von der gegenseite: die sättigen ihre misgunst durch den schein, als wolten sie andern helfen, gutes rathen oder warnen, erheben ofters durch groszes lob ihre widerwertige (mhd. widerwarte gegner) und gehässige, damit ihnen hernachmalen, wann sie falsche uflagen uf sie machen, desto mehr geglaubet werde. Schuppius 561 (v. d. einbild.); vgl. gehässiger hostis, inimicus Stieler 786.
c)
in mancher wendung aber schwebt der begriff gleichsam über beiden, z. b.: die kinder (verschiedener familien) vertragen sich selten, der junge mann (als gemeinsamer hauslehrer) hatte nicht autorität genug, und nach oft wiederholtem verdrusz gab es nur gehässige trennungen. Göthe 24, 189 (aus m. l. 4), trennungen mit hasz oder gehässigkeit auf beiden seiten, auch auf die familien sich erstreckend, der begriff zugleich subjectiv und objectiv, gehässig wie allgemeines adj. zu hasz, doch gemildert, wie häszlich gleichfalls.
3)
bemerkenswert abgehässig, bair.: der königin abgehässig (wol zu 2), den göttern aber hold. Schm. 2, 245 vom j. 1702; vergl.abhold, auch abgehasz unter dem adj. gehasz. schweiz. gehässig neben gehasz, hasz habend Stald. 2, 24, aber gehässig auch unangenehm, also sehr abgemildert, wie tirol. ghassig auch widerlich Schöpf 247.
Zitationshilfe
„gehässig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/geh%C3%A4ssig>, abgerufen am 20.10.2019.

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