gefühl n
Fundstelle: Lfg. 1 (1879), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 2167, Z. 8
sensus, subst. zu fühlen.
I.
Form, alter, herkunft.
a)
das hd. wort ist eine ziemlich junge bildung, in den wbb. noch im 17. jahrh. anfangs fehlend z. b. bei Henisch, Schönsleder (die doch das zeitwort haben), aber in Krämers t.-it. wb. (1678) 514ᵇ gefühl tatto, il senso del tatto, il tocco, il sentito, sentimento, also schon in völliger entwickelung, sodasz ein längerer gebrauch vorausgegangen sein musz; doch noch bei Stieler 580 gefüle mehr beiläufig, in den beispielen braucht er vielmehr das fülen, die fülung, der Schweizer Denzler aber hat es noch 1716 überhaupt nicht (fühlen nur beiläufig), wie auch Kirsch (nur fühlung, fühlen n.). im 17. jh. galt auch bei schriftstellern daneben ein f. fühle (s. d.), das z. b. bei Hofmannswaldau selbst hinter gesichte, gehöre erscheint, die doch gefühle hätten nachziehen sollen, es muszte also auch ihm und der mundart nicht geläufig sein; vgl. auch unter fühlung (1) dieses neben geschmack bei Butschky. hat es doch Frisch samt fühlen ganz vergessen, als Oberdeutscher.
b)
das ganze wort ist eben von haus aus nicht hochd., sondern md. (s.fühlen), nd., nl.; aber unser subst. fehlt auch im nd., im alten md. steht vielmehr vûle f., wie noch nd. föle f., mnl. aber der inf.:
want al tghevoelen, groot ende clene,
coomt uter zielen (aus der seele) allene.
lekenspieg. I, 18, 21, vgl. de Vries im gloss.;
hi was sêr crank van siecten,
dat hît ghevoelen had verloren.
J. Grimm Reinh. fuchs s. 262,
dasz er das fühlen verloren hatte, wie noch bei Stieler wo das fülen aufhöret, da ist der tod nicht ferne. auch im 16. jh. fehlt nl. das subst. noch bei Kil., es scheint auch da erst im 17. jahrh. entwickelt, daher bei Binnaert 't gevoel, gevoelinge, tactus, sensus, daneben noch der inf. in anderer bedeutung: 't gevoelen, meyninghe, opinio, judicium, also wie lat. sententia zu sentire (eigentlich fühlen); dieser inf. musz wol auch im folg. plur. stecken, nicht das subst. verb.: hoewel datter seer verscheyden gevoelen van zijn (vom ursprung der messe). Marnix byencorf 74ᵃ (2, 3, Fischart meinungen); nl. auch als zeitwort gevoelen wie lat. sentire, so und so denken, der und der meinung sein (Halma 218ᵇ). gefühl wird erst nach gesicht, gehör, geschmack im 17. jh. gebildet sein.
c)
bemerkenswert auch mit voller endung noch lange im 18. jh., wie gefüle bei Stieler u. a, gefühle Steinbach (s. II, 1), Weber:
nehmt das zärtliche gefühle und die treue redlichkeit,
die ich nächst in unsern linden Leonilden eingeweiht.
Günther 842 (251 Tittm.);
drum zeigt er (der mensch) jetzt schon ein gefühle
von trieben, die nichts endlichs stillt.
Drollinger 23;
sanftes gefühle der stilleren tugend (unschuld) ..
sanftes gefühle, von dir einst durchdrungen
tauschten die dichter u. s. w.
Creuz 1, 169;
das innere gefühle des pöbels. 2, 177. auch noch ohne h später, wie schon bei Stieler, gefül alm. d. bell. 1782 s. 50. 92 (II, 5, a, β).
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
als subst. zu fühlen, tastend prüfen u. ä.: gefühl, tactus Aler 863ᵇ, le toucher Rädlein 332ᵇ, vergl. Krämer unter I, a; oben an jeden auge sein ihnen (den bienen) hörner heraus gewachsen, die zwei gelenke haben .. diese dienen ihnen zum gefühl. öcon. lex. 262; das gefühl erkundiget sich durch den druck nach der gleichenden (ihm entsprechenden) natur. Abbt 1, 125; die süszen einzelnheiten, deren er (der blinde liebhaber) sich durchs gefühl versichern darf. Göthe 26, 232. ich habe das (z. b. den wärmegrad) im gefühl, kann es fühlend erkennen. im 15. 16. jahrh. steht für tactus md. vuelinge, nrh. gevolinge Dief. 571ᶜ (vgl. Binnaert unter I, b), wie fühlung auch später noch lange gleich dem heutigen gefühl erscheint.
2)
zu fühlen, empfinden, d. h. sinnlich empfinden (letzteres das oberd. wort dafür, vgl. 3, a, γ), gefühl sensus tactûs Aler.
a)
gefühl, das fühlen, der sinn des gefühls Ludwig 710; das gefühl verloren haben, to be out of feeling. das. (vergl. mnl. unter I, b); wo das gefühle aufhört, da ist der tod nicht weit. Steinbach 1, 520, vgl. für bewusztsein 5, c, α; das gefühle (sensus tactus) ist den menschen mit den thieren gemein. das. (bei Stieler in demselben beispiele fülung, im vorigen das fülen);
die sprache verloren, gefühl und besinnung geschwunden,
so ward sie, die mähderin, dort in den mahden gefunden.
Uhland ged. (1820) 254;
dasz die hand dem menschen ein groszes hülfsmittel seiner vernunft gewesen ... ja dieses zarte gefühl der hände ist in seinen körper verbreitet ... Herder ideen 1, 217 (4, 3); wenn einige blinde das gefühl, das gehör, die zählende vernunft, das gedächtnis bis zu einem grade erheben konnten, der menschen von gewöhnlichen sinnen fabelhaft dünket. 1, 218.
b)
Adelung unterscheidet 'das vermögen zu fühlen', z. b. durch harte arbeit verlieren die hände das gefühl, ein feines gefühl haben, und 'die empfindung' selbst, z. b. das gefühl der schmerzen, das habe ich am gefühle, kann es fühlend unterscheiden, vgl. u. 1. man kann auch unterscheiden gefühl mehr als thätigkeit, wollendes fühlen, wie in den Herderschen beispielen vorhin (s. besonders auch 4, c a. e.) und mehr als leiden, ungewolltes fühlen, z. b. ein gefühl von kälte haben, vorgefühl eines gewitters, nachgefühl der krankheit u. ä., auch kältegefühl, krankheitsgefühl u. ä.oder gefühl als fühlen und als gefühltes, letzteres z. b.: die meisten eigenschaften, welche wir sehen (an den dingen), sind verkürzte gefühle. Herder lebensb. II, 391, oder auch gefühl nach oder von auszen und nach oder von innen, dieses z. b. in krankheitsgefühl, jenes: dasz das gesicht uns nur gestalten, das gefühl allein körper zeige, dasz alles, was form ist, nur durchs tastende gefühl .. erkannt werde. Herder plastik 9.
c)
allen sinnen kann übrigens gefühl zugeschrieben werden (vgl. unter fühlen 2, a aus Gellert), wie das wissenschaftliche denken thut: wie aber alle übrige sinne auch eine gattung des gefühles sind. König zu Canitz (1727) 246, auch z. b. dem ohr, dem auge:
ein saft, wie äther fein, steigt in der nerven röhren,
giebt geist dem aug zum sehn, dem ohr gefühl zum hören.
Creuz 2, 158;
das grobe gefühl unsrer augen, das z. e. auch ... in der gröszten dunkelheit wirket. Herder lebensb. I, 3², 221; zwei völlig neue gefühle (in der entwickelung des menschen) wie auge und ohr. 295; nur durch die rede wird auge und ohr (sehen und hören), ja das gefühl aller sinne eins und vereinigt sich durch sie zum schaffenden gedanken. ideen 1, 220, das durch die sinne mittelst des gefühls aufgenommene;
erkenntnis musz und kann nur vom gefühl beginnen.
Dusch (bei Adelung),
wo sonst die schulsprache nur von empfindung spricht (s. 3, a). so auch Herder: es ist ein angenehmer blick, dasz selbst in den wissenschaften ... sich alles auf ideen reducirt, die aus dem gefühl entspringen. lebensb. II, 389. er schreibt dem ganzen (sinnlichen) menschen gefühl zu: gefühl ist der mensch ganz u. s. w. urspr. d. spr. 105, auch in höherem sinne, z. b.: gut (ist das schöne und wahre) für das gefühl des ganzen ich. lebensb. II, 401, für beide stellen ist freilich der zusammenhang nachzulesen. es ist Herders verdienst, die halbvergessene bedeutung des gefühls für leben, kunst und geist wieder hervorgehoben und verfochten zu haben, war doch einer seiner eifrigsten wünsche und pläne eine philosophie des gefühls, s. lebensb. I, 3², 294. 287 und seine vorarbeiten dazu das. II, 361 ff. vergl. übrigens schon die tiefdeutende bemerkung von Brockes in seinem gedichte die fünf sinne:
die vier andern sinne scheinen
kinder des gefühls zu sein ...
weil ihr ursprung und ihr ziel
selbst ein zärtliches (feines) gefühl.
ird. vergn. 2, 364.
d)
es gilt auch als subst. zu sich fühlen, deulich z. b. in wolgefühl zu sich wol fühlen, krankengefühl zu sich krank fühlen, wie das befinden zu sich befinden. ebenso z. b. menschengefühl bei Göthe 2, 89 zu sich als mensch fühlen.
e)
der pl. ist anfangs ungebräuchlich (vgl. Adelung u. 3, c), wie noch jetzt bei geschmack; daher im sing. neben dem plur. gedanken: denen mit uns lebenden thieren trauen wir gefühl und gedanken zu. Herder id. 1, 115. doch konnte der pl. nicht ausbleiben, wie unter 3, vergl. z. b. Kants schriftchen von der macht des gemüths durch den bloszen vorsatz seiner krankhaften gefühle meister zu sein.
f)
eigen auch von todten dingen, die uns ein gefühl erwecken, z. b. von einer heiszen schüssel, die man einem reicht, einem stocke mit dem man einem kinde droht: nimm dich in acht, sie (der) hat gefühl; so hat ja z. b. der apfel geschmack für die zunge, wie die zunge für den apfel. s. auch 5, d dasselbe in geistiger anwendung.
3)
gefühl der seele, das freilich von dem sinnlichen nie ganz getrennt oder zu trennen ist, wie dieses nicht von jenem.
a)
zunächst ein wort über das verhältnis zu empfindung, mit dem es sich eigenthümlich kreuzt, wie fühlen mit empfinden.
α)
die unterscheidung, die J. Grimm oben III, 426. 432 angibt (s. auch Weigand unter fühlen a. e.), dasz fühlen mehr sinnlich, empfinden mehr 'geistig und abstract' sei (im genauen sinne doch beides eben nicht), entspricht dem heutigen sprachgefühle, ist aber eigentlich willkürlich und sehr jung. in der philosophischen schulsprache ist alter überlieferung nach vielmehr umgekehrt empfindung das sinnliche, so noch jetzt nach Kants vorgange, der darin selbst nur der Wolffschen schule folgte (s. schon im 16. jahrh. unter γ), und gefühl heiszt was der gebildete lieber empfindung nennt, wie das tiefere aufnehmen der äuszeren empfindung ins innere auch fühlen genannt wird, z. b.: so oft unsre seele sich etwas vorstellet (d. h. von äuszerem berührt wird) .. so oft empfindet sie. wenn sie aber auch diese in ihr vorgehende empfindung (perceptio) gleichsam fühlet .. so ist sie sich ihrer selbst bewuszt (apperceptio). Gottsched erste gr. der weltw., theor. th. § 875; Unzer hat .. die wirksame veränderung in den nerven selbst mit der benennung gefühl von der empfindung oder vorstellung der seele (die ihr von auszen kommt) unterschieden. Reimarus triebe der thiere (1773) anh. s. 209. Doch auch eine innere, tiefere empfindung wird von der seele gefühlt, ist ein gefühl, kommt ihr zum bewusztsein, so bei Schiller in der philos. der phys. § 8, wo er vom sinnlichen gefühl handelt: von dem gefühl der empfindung ... ist hier gar nicht die rede. disz (das sinnliche) ist gefühl des thierischen, jenes (das der empfindung) ist gefühl des geistigen lebens. schr. I, 83 Göd., vergl. bei Kant animalisches und geistiges gefühl kritik der urtheilskr. 225 (Schiller X, 430); das übereinstimmende gefühl des vormals empfundenen und jetzt wieder vorgebrachten (reproducirten). Abbt 4, 72. Übrigens auch umgekehrt als in der schulsprache: die schönen künste beschäftigen sich mit dem gefühl, die schönen wissenschaften vorzüglich aber mit der empfindung. gefühl ist die bewegung meines nervengebäudes von auszen, empfindung ist der zustand meiner seele die von einer vorstellung abhängt und von innen ... auf die nerven wirkt. Lenz bei Stöber Röderer u. s. freunde (Als. 1873 nachtr.) s. 25. und so schon bei Mendelssohn: kann aber aus diesem allen die folgerung rechtmäszig gezogen werden, dasz das (sinnliche) gefühl die mutter aller fröhlichen (beglückenden) empfindungen sei? über die empfindungen (1755) 33. s. auch Dusch, Herder u. 2, c.
β)
so werden denn beide auch als völlig gleich behandelt (vgl. u. empfinden), sinnlich wie seelisch: kann denn unsere seele, indem sie den verdrusz schmeckt, der eine widrige empfindung ist, an dem gefühle dieser widrigen regung einen wohlgefallen finden? Gellert 5, 145, gefühl activisch, fühlen; was nur der feinern empfindung ekeln, das zarte gefühl schmerzen kann. Abbt 1, 71; was also eine einfache empfindung, ein unmittelbares gefühl in mich bringet, kann nichts als einfache empfindung, nichts als einzelnes gefühl sein. Herder lebensb. I, 3², 220, sinnlich; aber nun ist jeder augenblick, da ich eine pflicht anschauend erkenne, ein süszes gefühl, das sich von weitem der empfindung nähert, diese pflicht zu thun. II, 84; unser (der modernen) gefühl für die natur gleicht der empfindung des kranken für die gesundheit. Schiller X, 445; ein gefühl, das bei mir gewaltig überhand nahm ... war die empfindung der vergangenheit und gegenwart in eins. Göthe 26, 286; wenn auch Langer bei seinem glauben .. darauf hielt, dasz man die empfindung nicht solle vorherschen, sich nicht zur schwärmerei verleiten lassen, so hätte ich doch nicht recht gewuszt, mich ohne gefühl und enthusiasmus (vergl. 5, e, β) mit dem neuen testament zu beschäftigen. 25, 190;
mancherlei verdrieszt uns, und von stund zu stunden
schwankt das leicht-unruhige gefühl:
wir empfinden, und was wir empfunden,
spült hinweg das bunte weltgewühl.
1, 84 (d. j. G. 2, 36).
daher auch ein gefühl empfinden und umgekehrt, nur des wechsels wegen: so wird man (der leser) das unangenehme gefühl mit empfinden, das einen jeden überfallen musz, wenn er ... 28, 115 (Palermo 9. april 1787); er fühlt gegen diesen allmächtigen vater die empfindungen der höchsten liebe. Gellert (1784) 6, 41; das gefühl unserer empfindungen, die unruhe unserer leidenschaften ... zerstreuen alle ihre (der vernunft) schlüsse. Sulzer D. Humes verm. schr. übers. 2, 4, empfindung freilich mehr nach α, engl. sensation.
γ)
der unterschied ist ursprünglich eben nur ein örtlicher, d. h. empfinden das oberd., fühlen das md. wort für dieselbe sache, und eben deshalb wol kam in nordd. sprache das südd. wort auf für die höhere sache, trotz des entgegengesetzten schulgebrauchs, ähnlich wie das verkleinernde -lein dort höher, edler klingt als das heimische -chen (was im südd. sprachgefühl umgekehrt ist). empfindung ist übrigens weit älter, als III, 432 angesetzt ist, denn nicht nur Leibniz brauchte es (Wack. les. 3¹, 978 fg.), sondern schon das 16. jahrh., bei Alberus Dd 1ᵃ entpfindung sensibilitas, ja im 14. jahrh. inphindunge experientia Germ. 18, 271 (Bech), vergl. emphintlich experimentalis Mones anz. 5, 84, Dief. 218ᵇ, offenbar auch schon aus der schulsprache.
b)
zur geschichte der neuen bedeutung.
α)
dasz das innere empfinden doch gleich anfangs mit darunter verstanden werden konnte, verbürgt Krämers sentito, sentimento (s. I, a), aber die wbb. heben es bis auf Adelung nicht hervor, empfindung blieb dafür vorherschend, das z. b. bei Bodmer herscht (poet. gem. 316. 329. 336. 339, noch häufiger affect, auch regungen des herzens 339. 349), aber gefühl nicht; und wenn es im anfang des 18. jh. dichter schon brauchen, wie Günther, Drollinger unter I, c, so scheint das doch mehr eine dichterische neuerung, wie es denn noch im j. 1760 Gottsched als ziemlich neu behandelt: brauchet man doch heute zu tage schon das gefühl, welches noch ein gröberer sinn ist (als der geschmack), die feinsten empfindungen der seele auszudrücken. wb. der sch. wiss. 760, in dem art. geschmack, der diesz wort im seelischen sinne gegen widerstrebende meinungen (z. b. noch Klopst. 12, 130) in schutz nimmt; vgl. 6, b, γ.
β)
man sagte denn auch lange gern ausdrücklich gefühl der seele, des herzens oder ähnl., wo wir den zusatz nicht mehr brauchen, oder setzte auf andre weise seele und herz dazu:
seele, zur liebe gemacht, dreimal erschreckte dich
deiner einsamkeit bang gefühl.
Klopstock od. 1, 45 (Petr. u. Laura);
ach, warum, o natur, warum, unzärtliche mutter,
gabest du zum gefühl mir ein zu biegsames herz.
1, 26 (die künft. gel.),
es ist doch auch bei ihm noch selten in vergleich mit empfindung, wie häufig er fühlen braucht; (das gewissen) ein geheimes gefühl des herzens. Gellert 5, 189; das gefühl des ruhigen herzens. 6, 52;
theilen kann ich euch nicht dieser (meiner) seele gefühl.
Göthe bei Schöll br. u. aufs. 151 (d. j. G. 2, 28),
nachher das. in prosa diese glückseligen empfindungen genannt (vgl. u. c); strebende stolze kraft des geistes, hohes feuriges gefühl des herzens. Klinger Faust 4. noch jetzt sagt man doch auch in gehobener stimmung z. b. einem die gefühle seines herzens offenbaren.
γ)
oder inneres gefühl u. ähnl.: wir ... haben ein inneres gefühl von dem zustande unseres körpers. Mendelssohn in den lit. br. 8, 248, vergl. 249;
ihr innerlich gefühl beurtheilt jede that u. s. w. (s. 6, b, α).
Haller 109;
auf den ausspruch eines innerlichen gefühls dessen, was gut ist oder nicht. Gellert 5, 191 (vgl. u. β); das innere gefühle des pöbels. Creuz 2, 177, im verhältnis zum gelehrten denken, s. unter 6, a; das innere gefühl des menschen, wodurch er .. das schöne findet (der geschmack). Riedel theorie d. sch. wiss. u. k. 1774 s. 8, wie vorher das. der sensus communis und das moralische gefühl (vergl. 5, b), als ein inneres gefühl des menschen zum unmittelbaren erkennen des wahren und des guten; unmittelbar, durch ein innres gefühl bin ich eigentlich von nichts in der welt überzeugt, als dasz ich bin, dasz ich mich fühle (aber meinen gewonnenen inhalt doch mit). Herder IV, 7 (4. krit. wäldchen I, 1), eben gegen Riedel, vergl. unter 5, c, β; ists mit dem gewissen anders? wo ist inneres gefühl der seele, das sich nicht auf unser sittliches urtheil gründen sollte? IV, 35 (vgl.äuszeres gefühl s. 8);
mit dem wärmsten ausdruck des innern gefühls im gesicht.
Wieland Amad. 1771 1, 92;
über alle diese prüfungen half Charlotten ihr inneres gefühl hinweg. Göthe 17, 148 (wahlv. 1, 13). noch jetzt in gehobener rede meine innersten gefühle, und dasselbe sind eigentlich innige gefühle. vergl. ebenso innere empfindung Reimarus triebe der thiere 155, innerliche empfindung Gellert 6, 45, schon bei König zu Canitz 248. 258. 263, seelenempfindung 277, gemüthsempfindung 279, er sagt doch schon meist blosz empfindung, aber nie gefühl.
c)
bemerkenswert ist auch, wie jung der heute beliebte plur. ist.
α)
noch 1796 merkt Adelung an:der pl. ist auch in dieser bedeutung (vgl. 2, e) bisher ungewöhnlich gewesen, ungeachtet die sache selbst ihn wohl verstattet, einige neuere haben ihn daher in den gang gebracht“, und gibt aus Wieland schöne gefühle, die aus seelenvollen melodien athmen. lange noch findet sich der sing., wo wir nun den plur. gewohnt sind, z. b. (vgl. die älteren beispiele unter I, c): ich will ihr gefühl durch keinen fremden zusatz (von mir) zerstreuen. Lessing 3, 305 am schlusse einer rührenden erzählung, ihre empfindungen wäre jetzt das geläufige;
(die seele) sprachlos, ihr gefühl zu sagen.
Klopstock od. 1, 73 (an gott);
wirft aber der ewige geist einen blick seiner weisheit ... einem erwählten zu, der trete auf und lalle sein gefühl. Göthe 56, 245 (der j. G. 2, 241), versuche auszusprechen was er fühlt; wie liebte ich Ferdinanden! wie dankte ich ihm für das gefühl das er in mir erregte. 16, 202 (br. aus d. Schw.), s. auch unter b, β bei Göthe aus Mahomets gesang dieser seele gefühl, nachher durch empfindungen wiedergegeben, wie Gellert (1784) 6, 42 fg. das gefühl des rechtschaffensten mannes und die empfindungen eines menschen, der u. s. w. begrifflich gleich gebraucht, der letztere plur. bestand schon lange;
die ohne .. zwang sich ihrem gefühl überliesz.
Wieland Amadis 1771 1, 57;
ergriff es mich in meiner tiefsten seele,
und des gefühls nicht mächtig stand ich da.
Schiller 410ᵃ (M. Stuart 1, 6);
gemischtes gefühl, aus mehreren gefühlen bestehend. X, 429 (gemischte empfindung Gellert 5, 148). das ist ein rest von der herkunft des wortes aus derselben reihe mit geschmack, gesicht, gehör, denen ein eigentlicher plur. noch jetzt abgeht.
β)
den pl., der ja neben empfindungen und gedanken auch von einem gleichzeitigen stande unsres empfindens und denkens nicht ausbleiben konnte, hat vielleicht Wieland in gang gebracht (vgl. u. α); zwar in den sympathien z. b. (1758) find ich neben empfindungen nur gefühl sg. (s. 19), auch noch in Musarion 1768 (s. 62. 74), aber bald nachher im neuen Amadis (wo auch fühlen weit häufiger erscheint):
bis endlich, im magischen dunst
der süszen gefühle, das auge phantasieret.
Am. 1771 1, 153;
die kunst (der musik), mit starken gefühlen den busen auszudehnen.
2, 98;
von neuen gefühlen umfangen.
2, 97;
die uns das leben gaben, herrliche gefühle
erstarren in dem irdischen gewühle.
Göthe 12, 40;
worte waren es nur, die ich sprach, sie sollten vor euch nur
meine gefühle verstecken, die mir das herz zerreiszen.
40, 270 (II. u. Dor. 4);
und sie hielt sich nicht mehr, es zeigten sich ihre gefühle
mächtig, es hob sich die brust ..
328;
dort (im kloster Bergen) hatte Wieland in allen concentrirten jugendlichen zartgefühlen gewandelt. 31, 210;
je weiter sich gedanken und gefühle ..
dem reichern strom der schönheit aufgethan ..
Schiller VI, 277 (künstler);
und wiegt es (der gesang das herz) zwischen ernst und spiele
auf schwanker leiter der gefühle.
XI, 15 (macht des ges.);
aber auf treuerem pfad der gefühle
wandelt die frau zu dem göttlichen ziele.
35;
des gedankens sieg entehret (beim manne)
der gefühle widerstreit.
36;
dieser zwang, den sich der civilisirte mensch bei äuszerung seiner gefühle auflegt, verschafft ihm über diese gefühle selbst einen grad von herrschaft. X, 419; die welt der gefühle. Herder Kallig. 2, 236; fühlte sie, dasz die gefangenen flammen ihrer gefühle ihre öffnung fanden. J. Paul Hesp. 1, 111.
γ)
jetzt sagt man vorzugsweis z. b. seine gefühle verbergen, aussprechen, d. h. in bezug auf einen bestimmten fall, gegenstand oder menschen, ich möchte deine gefühle nicht verletzen, er war seiner gefühle nicht herr, sich seinen gefühlen überlassen (Göthe 22, 38); auch gern seinen gedanken und gefühlen nachhängen u. ähnl. doch lieber im sing. z. b. seinem gefühle folgen, wenn ich mein gefühl befrage, das widerstrebt meinem gefühle; nach meinem gefühle musz ich bekennen u. s. w. Herder III, 326. doch sind dabei unterschiede im sinne, oft leise und schwer zu fassen; vgl. unter 5, b, β.
4)
der gegenstand oder inhalt des gefühls wird bezeichnet
a)
mit gen., z. b.: wir haben (von natur) ein gefühl des schicklichen und unschicklichen. Gellert 6, 44; das moralische gefühl des guten und bösen. 91; das natürliche gefühl des guten und edlen. 131; Leibnitz bedauerte, dasz in allen ständen Europas allgemach ein gewisses gefühl des muths und der ehre abnehme. Herder Adrast. 5, 276;
mit gefühle der gesundheit durchströmt
die frohe bewegung (das schrittschuhlaufen).
Klopstock od. 1, 304, der kamin;
aber ach! diese eindrücke giengen vorüber, wie das gefühl der gnade seines gottes allmählich wieder aus der seele des gläubigen weicht. Göthe 16, 180;
aber sinkt des muthes kühner flügel
bei der schranken peinlichem gefühl.
Schiller XI, 57, ideal u. leben;
in seines nichts durchbohrendem gefühle.
Carlos 2, 1.
Selten mit pron. poss. statt gen.:
so neu, so niemals empfunden
war sein (gottes) gefühl mir!
Klopstock 11, 215.
b)
unter umständen mit von statt gen.: der wahren tugend .. von der sie weder gefühl noch kenntnis haben. Wieland sympath. 19;
erschöpft ist ihre kraft, besinnen, hören, sehen
verschwunden — das gefühl von ihrer liebe bleibt.
Oberon 7, 32;
und das alles so ohne gefühl von weiblichem werth. Göthe 33, 42, ohne dasz er den wert des weibes fühlte; das wahre gefühl von natur. 16, 18; das gefühl von so viel zusammengeketteten wundern der natur. 16, 298 (auf dem gipfel des Gotthards). regelmäszig bei mangelndem artikel, z. b. ein gefühl von hasz, von verehrung, von sorge u. dgl.
c)
mit für, wo mit gefühl besonders die fähigkeit zu fühlen, empfänglichkeit gemeint ist (5, a): wer einiges gefühl für die hoheit und macht der .. natur hat. Herder id. 1, 116; niemand, der nur einiges gefühl für gesang oder poesie hat. br. das studium d. theol. b. 1, 16; Leibnitz ... der für die musik ein groszes gefühl hatte. Kallig. 1, 113; auf das moralische leben hat ein reges und reines gefühl für schönheit offenbar den glücklichsten einflusz. Schiller X, 415; sein (Hallers) glühendes gefühl für wahrheit. 470, 9; dadurch bildet sich gefühl und sinn für das allgemeinere nach und nach aus. Göthe 22, 230, wie bei den sinnverwandten empfänglichkeit, verständnis.
d)
ungewöhnlich mit an: das volle warme gefühl meines herzens an der lebendigen natur. Göthe 16, 73 (Werther); ich habe keine vorstellungskraft, kein gefühl an der natur. 16, 77; als aber im dreizehnten jahrhundert das gefühl an wahrheit und lieblichkeit der natur wieder aufwachte. 43, 404 (reise am Rhein u. Main, Heidelberg); mögen diese blätter wenigstens meinem gefühl an jenen unschätzbaren augenblicken .. gewidmet sein. 290 (herbstt. im Rheingau). es ist wie freude an etwas, interesse, geschmack u. ä., auch das letzte ohne haben, z. b. der geschmack an der moralität Gellert 6, 43.
e)
auch mit satz, wie fühlen, besonders mit dasz, z. b.: in jedes gute herz ist das edle gefühl von der natur gelegt, dasz es für sich allein nicht glücklich sein kann. Göthe 14, 178; ohne gefühl, dasz hier nichts zu vermitteln sei, dasz Werthers jugendblüthe schon von vorn herein als vom tödtlichen wurm gestochen erscheine, läszt der verf. (Nicolai) ... 26, 231; der appell an die nachwelt entspringt aus dem reinen, lebendigen gefühl, dasz es ein unvergängliches gebe. sprüche in prosa 221. auch anders: ich habe das gefühl, als ob wir heute besuch bekämen; ohne gefühl, was so ein mann gewesen, ohne ahnung, was so ein mann sein könne .. Göthe 33, 119.
5)
der begriff fordert aber genauere betrachtung.
a)
gefühl ganz allgemein, als eigenschaft oder fähigkeit des fühlens (wie beim sinnlichen gefühl unter 2, b), vgl. die schuldefinition: man nennt die fähigkeit, lust oder unlust bei einer vorstellung zu haben, gefühl. Kant 5, 9.
α)
im folgenden mehr gleich fühlen n.: er (Luther) ists, der die scholastische wortkrämerei wie jene wechselertische verschüttet, er hat .. eine ganze nation zum denken und gefühl erhoben. Herder I, 372 (fragm. 3, 23), zum selbstdenken und selbstfühlen gegenüber der römischen geistesknechtschaft;
die musik .. verfeinert das gefühl.
Wieland Musar. (1768) 62;
das lächeln blühte (nun) auf der wange ..
im feuchten auge schwamm gefühl.
Schiller VI, 270 (künstler).
hierher wol folgendes, gefühl als art zu fühlen, seelenstimmung oder 'weltanschauung':
wenn dein umlorbeert saitenspiel
von unsrer freundschaft schallt, und wie ein gleich gefühl
dich mir gewählt, mich dir erkohren.
Uz 2, 295.
β)
kein gefühl haben, fühllos sein, sowol im allgemeinsten sinne von 'menschlichem gefühl', mitgefühl für andere wesen u. s. w., sodasz es im leben auch gleich gemüt gebraucht wird (s.γ) als auch im besondern, z. b.: von dem, der bei dem, was wir erhaben zu sein urtheilen, unbewegt bleibt, sagen wir, er habe kein gefühl. Kant 7, 118; sie (die helden der 'gesetzmäszigen trauerspiele') reden, wie sie denken, ohne hoheit, ohne gefühl. Gellert 5, 169; er hat kein gefühl für ehre, für würde, kein anstandsgefühl, kein mitgefühl u. a.; eine harte seele, welche alles gefühl des elendes anderer verloren hat. Adelung, wie eine schwielige hand das gefühl verliert; ein undeutscher kerl, ohne redlichkeit, ohne menschengefühl. Nicolai S. Nothanker 2, 102; er (Gellert) der so ganz vom wolwollen durchdrungen war .. der ganz gefühl für die leidende menschheit war. alm. der bellettr. 1782 s. 50. gemeine leidenschaften tödten das gefühl, wie im Epimenides 2, 7 die 'dame' (aus der verdorbenen hofgesellschaft) erklärt:
und wie den marmor selbst der tropfen folge höhlt,
so tödt ich endlich das gefühl.
Göthe 13, 277,
das gesunde, natürliche gefühl, die fähigkeit zu fühlen.
γ)
dagegen er hat viel gefühl (auch zu viel gefühl), was man im vorigen jahrh. eine fühlende, auch eine fühlbare seele nannte; er (Albert) hat viel gefühl und weisz was er an Lotten hat. Göthe 16, 59. auch er hat tiefes oder ein tiefes gefühl, ist voll gefühl, gefühlvoll:
verliebt und jung und voll gefühl.
d. junge Göthe 1, 109;
da war jedem die zunge gelöst, es sprachen die greise,
männer und jünglinge laut voll hohen sinns und gefühles.
40, 291 (H. u. Dor., Klio),
wo doch zugleich die reden gedacht sind als voll hohen sinns und gefühls, wie es heiszt:
unschuldsvoll wie ein kind, redet sie (doch) geist und gefühl.
Voss ged. 1802 1, 115 (das brautfest).
auch ein mensch von gefühl, daher mit gen., nach römischer art, im hexameter: der jüngling edlen gefühles. Göthe 40, 267 (H. u. Dor. 4). da trifft es denn eigentlich mit gemüt zusammen und kann selbst damit tauschen.
δ)
daher auch so, dasz es wie in vertretung für den menschen selber steht, gleich gemüt, seele, geist u. ähnl.: ich berufe mich auf jedes reingestimmte gefühl (vgl. c, δ), ob es nicht alles kühne und starke .. im Messias .. für die zarten empfindungen hingeben würde, welche in der elegie an Ebert u. s. w. Schiller X, 474, 31 (sentiment. dicht.); heilige gesetze (des anstandes), die ein sittliches gefühl nicht verletzen darf. 479, 29, als dichter; von der achtung, die man einer so einzigen erscheinung, einem so auszerordentlichen genius, einem so sehr veredelten gefühl (d. h. Klopstock) .. schuldig ist. 474, 20. vgl. Gellert 'ganz gefühl' unter a, β.
ε)
aber auch wie eine ideale kraft für sich über uns, oder doch wie eine macht für sich in uns, so wie man vom gebot der shre, der pflicht, von der stimme der vernunft, der leidenechaft spricht als persönlicher gewalten, die wie éine sind für alle:
hier weicht die stolze kunst der siegenden natur ..
die sprache des gefühls so mächtig ausgesprochen ..
Wieland Oberon 11, 63,
wie die sprache des geistes Göthe 56, 240 (d. j. G. 2, 237);
und da aus einer brust, die weise zu bethören
vermögend war, das mächtige gefühl
sich in gesang ergosz ..
Oberon 11, 61;
wie dem sirenenton der zauberischen stimme (widerstehn),
der des gefühls geheimste saiten regt?
11, 11 (vgl. u. c, δ).
ebenso die empfindung, als beraterin des künstlers (s. mehr unter 6, c, β):
bleib du der empfindung getreu und der ungeschminkten natur,
so kannst du, auf meine gefahr, die andern regeln verletzen.
Wieland Amadis (1771) 1, 16.
s. auch das gefühl als innere stimme, instinct 6, a, γ.
b)
bestimmtes oder einzelnes gefühl, d. h. einzelne erscheinung, äuszerung oder bethätigung des gefühls.
α)
bestimmtes gefühl, ich meine gefühl als eigenschaft in bestimmter erscheinung und wendung, z. b. gefühl der pflicht, pflichtgefühl, ehrgefühl, gefühl für ehre (s. a, β) auch mit gen., dichterisch:
sage der vater alsdann, ob nicht der ehre gefühl mir
auch den busen belebt.
Göthe 40, 269.
mannesgefühl, wie es dem manne gebührt Göthe 40, 320, menschliches gefühl 33, 76, menschengefühl (a, β), vatergefühl, freundesgefühl u. s. w., freundschaftsgefühl, familiengefühl Göthe 33, 109, vaterlandsgefühl, schönheitsgefühl Schiller X, 303. 368, religionsgefühle 476, 13, auch wahrheitsgefühl (s. 6, d, δ), kunstgefühl u. a. das sprachgefühl das uns innewohnt als die form in der wir unsere sprache nach reichthum und richtigkeit beherschen, vergl. schon Herder I, 372: hat man wahres gefühl von der innern stärke einer sprache (fragm. 3, 24).
β)
einzelnes gefühl (Herder u. 3, a, β), das uns von auszen kommt oder angeregt wird und die seele stimmt (vgl. c, δ): ihm kam plötzlich das gefühl, als ob er da überflüssig wäre; das gab mir ein (oder das) gefühl der befriedigung; es beschlich sie das (oder ein) gefühl der verlassenheit;
indem des todes gefühl ihm
jede nerve beschleicht.
Klopstock Mess. 6, 1;
und wie froh das gefühl des eilig geretteten lebens.
Göthe 40, 239;
setzen sie sich über das gildegefühl hinaus. 23, 27; ich hab wieder ein wohngefühl in meinen vier wänden. an Lavater 9 (d. j. G. 3, 111), er liebte es in solcher zusammensetzung besonders im gebrauch für sich. gefühl der freude, des schmerzes, der lust u. a.:
ihr werdet gerecht der überraschten verzeihen,
erst die thränen des schmerzes, und nun die thränen der freuden.
o vergebt mir jenes gefühl! vergebt mir auch dieses.
40, 333 (Il. u. Dor. 9),
von denen doch jedes einzelne wieder pluralisch gefaszt werden kann (s. 3, c) als aus gefühlen bestehend, wie es ebenda von jenem gefühl vorher heiszt es zeigten sich ihre gefühle mächtig (s. 328), d. h. auch éin gefühl kann genauer geprüft als eine reihe ablaufender gefühle oder als eine menge gleichzeitiger empfindungen erscheinen, z. b. von liebesgefühl:
ihres busens erste fülle ...
ihre lieblichen gefühle.
Göthe 2, 26 (deutscher Parnass).
Daher gezählt das erste gefühl, z. b.: wär ich doch meinem ersten gefühle gefolgt; diesz war ja mein erstes gefühl (so zu thun), warum lassen wir uns auf klugheitswege verleiten! Göthe 21, 144, wie mein erster gedanke, den andere ablösten, verdrängten; doch anders:
mein erst gefühl (am morgen) sei preis und dank ..
Gellert 2, 140,
und noch anders, gefühl das man zum erstenmal hat:
und die rohen seelen zerflieszen
in der menschlichkeit erstem gefühl.
Schiller XI. 296 (d. eleus. fest).
Auch verschiedene gefühle in uns streitend um die oberherschaft, streit der gefühle, (sich) widersprechende gefühle u. ä.; das gefühl des erhabenen ist ein gemischtes gefühl .. diese verbindung zweier widersprechender empfindungen in einem einzigen gefühl .. Schiller X, 218, 23 (üb. das erhab.), vergl. vom naiven 429, 16.
γ)
bemerkenswert ist, wie das einzelne gefühl durch ein adj. bestimmt wird, als wären alle einzelnen doch im grunde nur éin fühlen, blosz in verschiedener färbung, mit verschiedenem inhalt:
wie wenig dieser schein von güte meinen klagen
mitleidiges gefühl verheiszt.
Wieland Musar. 74;
schwellt seine seele noch das zürnende gefühl:
verdient' ich das? verdiente das Amande?
Oberon 10, 16;
wort gehalten wird in jenen räumen
jedem schönen gläubigen gefühl.
Schiller XI, 374 (Thekla, eine geisterst.);
ein seliges gefühl oder selige gefühle kamen über sie, ein banges, ängstliches gefühl, angstgefühl, wol auch ein hoffendes gefühl, gefühl von hoffnung. vergl. auch die ewigen gefühle unter 7, e a. e.
δ)
das gefühl der liebe im engeren sinne wird auch vorzugsweis blosz gefühl genannt, falls es die umstände bestimmen:
ach warum, o natur, warum, unzärtliche mutter,
gabest du zum gefühl mir ein zu biegsames herz.
Klopstock od. 1, 26, die künft. geliebte;
wie die erste der liebenden ...
mit jungem gefühl an das gestade trat.
1, 99, der verwandelte,
das herz gefällt mir nicht, das streng und kalt
sich zuschlieszt in den jahren des gefühls.
Schiller XIII, 174 (jungfr. v. O., prol. 2);
dasz ich mit sorge diesem augenblick,
der aufgeschlosznen blume des gefühls (bei den söhnen)
mit banger furcht entgegen sah — die liebe
wird leicht zur wuth in heftigen naturen.
XIV, 96 (braut von Mess.);
vgl.fühlen so sp. 411, empfinden III, 428. sonst auch zärtliches gefühl Günther unter I, c (anders e, α):
ich seh auch, dasz sie zärtlicher gefühle,
der schönen neigung fähig sind.
Schiller XIV, 95;
vgl. die lieblichen gefühle bei Göthe unter β.
ε)
der begriff schwankt auch ins begehren über (das gefühl, der erste innere grund des begehrungsvermögens Kant 1, 95), wie eben bei der liebe auch; z. b.:
ich weisz es, der mensch soll
immer streben zum bessern, und wie wir sehen, er strebt auch
immer dem höheren nach, zum wenigsten sucht er das neue.
aber geht nicht zu weit! denn neben diesen gefühlen
gab die natur uns auch die lust, zu verharren im alten u. s. w.
Göthe 40, 277 (H. u. Dor. 5);
es könnte auch gedanken heiszen, worin sich gleichfalls das begehren, streben eingeschlossen findet (s.gedanke 13, c), oder stimmung, sinn, gesinnung, die sich mit gefühl auch sonst berühren; vergl. auchlust an etwas und lust zu etwas.
c)
im sing. auch von einem gesamtgefühl, gemeingefühl, das sich auf uns und unseren jeweiligen zustand bezieht, zum theil mit bewusztsein zusammenfallend, auch mit stimmung; es gehört da meist zu sich fühlen; vergl. Mendelssohns erklärung des schmerzes als das dunkele, aus tausend einzelnen empfindungen zusammengesetzte gefühl einer unvollkommenheit, die ihrem (der seele) körper den untergang drohet. phil. schr. 1777 1, 83. ebenso wenn Göthe einem erklärer seiner harzreise im winter nachrühmt, er habe den sinn des obwaltenden gefühls erkannt. 45, 315.
α)
gleich dem heutigen bewusztsein, bei ohnmachten u. ä.: Seneka (der sich von der ohnmacht erholt). ach! ist das ende meiner qual noch nicht vorhanden? eine zeitlang hatte mich das gefühl verlassen. Kleist (1771) 2, 111, zugleich sinnlich, s. unter 2, a; von Hüon und Amanda bei ihrer rettung aus den fluten:
gerettet, frei, allein, sich arm in arm zu finden,
diesz übermäszig grosze glück
macht alles um sie her aus ihren augen schwinden:
doch ruft ihr zustand bald sie zum gefühl zurück.
Oberon 7, 38,
wo es denn nur das 'bewusztsein' von der äuszeren welt ist, die sie nicht mehr fühlen, wol aber ihr glück und ihre liebe, wie es vorher heiszt, als sie, der vollsten wirklichen ohnmacht nahe, umschlungen in den fluten schweben:
erschöpft ist ihre kraft, besinnen, hören, sehen
verschwunden — das gefühl von ihrer liebe bleibt.
7, 32;
vergl. von dem glück ihres ersten sich findens:
allmälich wiegt die wonnetrunkenheit
das volle herz in zauberischen schlummer ...
die seele dünkt vom leibe sich befreit,
in éin gefühl beschränkt ... in diesem einen blosz
sich fühlend — aber, o diesz eins, wie grenzenlos!
5, 86.
dem ähnlich auch sie hatte zum glück kein gefühl ihrer gefährlichen lage, jetzt lieber kein bewusztsein, obwol weniger geeignet, da gefühl auch die ahnung einschlieszt, eine vorhandene ahnung aber noch weit entfernt ist von bewusztsein, es gehört das zu dem misbrauch dem das philos. schulwort nun verfallen ist (vgl. auch 6, d, ε).
β)
auch in dem sinne von bewusztsein, dasz wir überhaupt von uns wissen:
wir sind, und jeder ist sich gnug davon bewuszt,
ein unleugbar gefühl bezeugts in unsrer brust.
Haller 65 (ged. über vernunft u. s. w.),
d. h. eine berichtigende, vertiefende umbildung von dem cogito ergo sum des Descartes (vgl. unter gedenken II, 1), die auch Herdern geläufig war und am herzen lag, z. b. (s. schon unter 3, b, γ): ich fühle mich! ich bin! lebensb. II, 386;
dasz ichs fühl, und jeder fühl: ich bin!
I, 1, 214;
selbst: unmittelbar empfinden, (so) wie ichs empfinde dasz ich denke, dasz ich bin. I, 3², 225.
γ)
noch anders gefühl seiner selbst, gefühl dessen was wir sind (im vorigen gefühl dessen dasz wir sind), jetzt selbstgefühl oder wieder auch selbstbewusztsein: das gefühl einer groszen seele, das sie von sich selbst hat. Klopstock 11, 254 (von d. wahren hoheit der seele); in der brust meines lesers ein fröhliches gefühl seiner selbst zu erwecken. Schiller VII, 8 (abfall d. Nied., einl.); der .. einem so lang gedrückten volke gefühl seiner selbst ... verschaffte. IX, 105; dasz aus der art, wie Klopstock seine tobackspfeife in die höh' hält, wenn er am ofen steht, das gefühl strahlt: ich bin Klopstock. Musäus physiogn. reisen (1778) 2, 72;
in seines nichts durchbohrendem gefühle.
Schiller Carlos 2, 1.
δ)
mit stimmung berührt es sich im folgenden: und das gefühl dér nacht ist noch in mir, da ich auf scheiterndem schiffe .. mit mitternachtwind umschauert Fingal las und morgen hofte. Herder von d. art u. k. 20, wie mir da zu mute war;
erinnrung hält mich nun, mit kindlichem gefühle,
vom letzten, ernsten schritt zurück.
Göthe 12, 46,
Faust, als er die giftschale ergriffen und plötzlich die osterglocken und gesang hört: mittelst des wiedererwachenden kindergefühls, der stimmung, mit der er als kind ostern und sich da fühlte;
den rest von kindlichem gefühle.
s. 81;
hier ein paar zeilen reinen (so l.) gefühls auf dem Türinger walde geschrieben d. 3. aug. an Lavater 158, d. j. G. 3, 143, d. h. das gedicht an das schicksal: ausdruck meiner stimmung, wie ich mich da fühlte, wie mir zu mute war, d. h. rein. daher das gefühl verstimmen, seine reinheit stören oder zerstören, z. b. von den meinungen, d. h. den herschenden ansichten von weltglück:
sie haben nie genug und kein bestimmtes ziel,
verderben den geschmack, verstimmen das gefühl.
Uz 2, 67,
vgl. reingestimmtes gefühl unter a, δ; dasz man dabei noch an ein saitenspiel dachte, zeigt z. b. des gefühls geheimste saiten bei Wieland unter a, ε.
ε)
ähnlich und doch noch anders, zugleich echt göthisch:
ach! zu des geistes flügeln wird so leicht
kein körperlicher flügel sich gesellen.
doch ist es jedem eingeboren,
dasz sein gefühl hinauf und vorwärts dringt,
wenn über uns .. die lerche u. s. w.
Göthe 12, 43,
d. h. er selber 'im geiste', 'mit den gedanken' (s. u.gedanke 9, a) oder vielmehr mit dem gefühl, das da gedacht ist als strebte es wirklich in die höhe, das ich mitnehmend oder selbst als das eigentliche ich; man vgl. von seinem gefühlten fliegen unter gedanke 9, b. zugleich ist da das gefühl recht deutlich kein leidendes, nur empfangendes oder abwartendes, sondern ganz anders ein thätiges (vgl. unter 2, b), ja ein fassendes hinausgreifen ähnlich dem fühlen der greifenden hand, wie ähnlich vom gedanken dort 12, a. empfindung hat diese seite des begriffs nicht.
d)
bemerkenswert zuweilen auch wie passivisch, von dem gefühlten oder fühlbaren das sich uns von auszen bietet:
was half's! ihr leibchen war offen!
was er gehört hat, mischt die phantasie ins spiel,
und was er sieht, verstärkt sie durch gefühl.
Wieland Amad. (1771) 1, 190,
sinnenreiz der von ihr ausgeht, den sie ihm einflöszt; Werther schreibt: das ist wieder ein wort! ein leerer schall! ohne gefühl für mein herz. Göthe 16, 179 (d. j. G. 3, 365), gleichsam: hat kein gefühl für mich, gibt mir kein gefühl;
wie athmet rings gefühl der stille,
der ordnung, der zufriedenheit (in Gretchens zimmer).
12, 139.
das stimmt denn seelisch zu der sinnlichen anwendung 2, f, z. b. eine heisze schüssel hat gefühl, s. dort.
e)
das gefühl ist seiner form nach
α)
ein feines oder grobes, ein scharfes oder stumpfes, obwol man im engeren sinne das erste gern schlechtweg gefühl nennt und damit meint, dem letzteren aber den namen ganz versagt; das feine heiszt oder hiesz auch leises, zartes (vgl.zartgefühle Göthe u. 3, c, β), zärtliches, empfindliches u. a.: diese heldenseele ist empfindlich erschaffen, voll leisen gefühls und zärtlichkeit. was wäre sonst ihre grösze? Wieland sympath. (1758) 51; das zarte gefühl der Griechen unterschied frühe schon, was die vernunft noch nicht zu verdeutlichen fähig war. Schiller X, 66;
sein muth (als soldat) erstickt nicht seinen witz,
sein zärtliches gefühl (zu 5, a) nicht gier berühmt zu sterben.
Lessing 1, 172.
diese fein, scharf, leise stammen deutlich noch von der sinnlichen bed. her, deren man sich jetzt dabei kaum noch erinnert; heiszt doch auch das gehör leise, fein, scharf, ebenso der sinnliche geschmack.
β)
anderseits seiner äuszerung nach, auch stark (und schwach), vgl. Wieland Am. 2, 98 unter 3, c, β und 5, a, ε das mächtige gefühl Oberon 11, 61, mächtig ausgesprochen 11, 63, oder warm Göthe 33, 86 (und kühl), auch heisz, glühend, feurig (3, b, β). wieder anders lebhaft, lebendig, alles zugleich nicht mehr vom sinnlichen gefühl, und noch anders tief (vgl.γ). übrigens wird mit gefühl schlechthin auch lebhaftes empfinden, tieferes gefühl bezeichnet, wie schon Adelung bemerkte, z. b. eine sängerin die mit gefühl singt; daher zur sicherstellung verstärkt gefühl und enthusiasmus Göthe unter 3, a, β a. e. von innigem gefühl s. 3, b, γ a. e., von dunklem, klarem 6, d, γ. ε.
γ)
bemerkenswert ist noch, wie es in seiner erscheinung als flüssig vorgestellt wird, denn wie tiefes gefühl wol ursprünglich solches meint, das aus tiefem grunde quillt, wie das herz, die seele voll gefühls ist (man spricht auch von vollem gefühl), so ergieszt es sich aus dem herzen, wie ein quell, oder auch wie ein geschwollener bach nach geöffnetem damme o. ä.:
ihre (Psyches) wonn' ist in gelasznen klagen,
und ihr labsal des gefühls ergusz.
Salis (1808) 24;
die lange gehemmten gefühle brechen aus, kommen zum ausbruch, und reiszen auch kalte herzen mit fort; singt doch selbst eine sängerin mit hinreiszendem gefühl, alles bilder die uns meist schon halb verblaszt sind, d. h. schon von einem gewissen alter, der auffrischung bedürftig. spricht man aber von glühendem gefühl, glühenden empfindungen, so tritt sogar das bild von glühend flüssigem erz oder lava ein, während die ähnlichen überwallenden gefühle nur auf den kochenden topf oder kessel zurückgehn (s.kochen 8). aber auch milde, zarte gefühle werden eingeflöszt, wie ein trank oder luft. wenn es aber heiszt feuriges gefühl, flammen der gefühle (3, c, β a. e.), so hat ja auch die flamme eine flieszende bewegung. s. übrigens auch das gefühl als saitenspiel c, δ a. e., die einzelnen gefühle als töne daraus zu denken (die doch auch etwas flieszendes haben).
6)
inhalt und bedeutung des begriffes brauchen doch auch noch nähere betrachtung, zumal das gefühlsleben gerade in der groszen zeit unserer literatur eine besondere beobachtung und entwickelung erfuhr.
a)
das gefühl im vergleich mit dem gedanken.
α)
es ist den dingen gegenüber ein unmittelbares (s. mhd. âne mittel u. e a. e. sp. 2184), d. h. mit dem wir die dinge selber fassen können, so weit wir das überhaupt können (mit den gedanken sehen wir sie blosz, s. sp. 1947. 1952); s. u. 3, a, β unmittelbares gefühl bei Herder von sinnlicher empfindung, unmittelbare empfindungen ders. IV, 37 (lebensb. I, 3², 267), ein urtheil ist ja kein unmittelbares gefühl mehr s. 6 (220). aber diese unmittelbarkeit, richtig verstanden, verläszt auch nicht die gefühlte empfindung (s. aus Gottsched u. 3, a, α), d. h. das gefühl bei seiner vertiefung ins innere; z. b. vom modernen staate als abstractem begriff: und ewig bleibt der staat seinen bürgern fremd, weil ihn das gefühl nirgends findet. Schiller im 6. ästh. briefe.
β)
deshalb heiszt es untrüglich, unleugbar u. ähnl., während unsere reflexionen trügen können, unseren gedanken von andern widersprochen werden kann: ein unleugbar gefühl Haller 65 als beweis unsres daseins (s. 5, c, β);
ein unbetrügliches gefühl
sagt mir, sie lebt, sie ist für mich geboren (die geträumte schöne).
Wieland Ob. 4, 8;
vergl.redendes gefühl im herzen unter d, α.
γ)
daher gleich instinct, als sprache der natur in uns, angeborenes, 'natürliches gefühl' (natürliche empfindung Gellert 6, 34): das innere gefühle des pöbels hält unserem (der gelehrten) denken das gleichgewicht (an sicherheit). Creuz 2, 177;
jene zeit, da das heilige noch in der menschheit gewandelt,
da jungfräulich und keusch noch der instinkt sich bewahrt ..
da ein sichres gefühl noch treu, wie am uhrwerk der zeiger,
auf das wahrhaftige nur, nur auf das ewige wies.
Schiller XI, 68. 69 (natur und schule),
wo er in der späteren fassung (der genius) für instinkt gesetzt hat das gefühl (für gefühl aber der sinn); denn, wie er ebenda hinzusetzte,
das entweihte gefühl ist nicht mehr stimme der götter,
und das orakel verstummt in der entadelten brust,
in der sprache der Wolffischen schule ausgedrückt:
ich weisz, wie grosz es sei, aus überlegung (reflexion) handeln,
und handle doch aus (blosz) sinnlichem gefühl.
Gellert 2, 125.
nur das reine, echte, unverfälschte, gesunde gefühl kann als jener wegweiser des wahrhaftigen, ewigen dienen, s. auch das glückliche gefühl unter b. denn es gibt auch falsches, gemachtes gefühl: die natur trieb sie (die skalden u. s. w.) zum singen, wie den vogel in der luft. uns treibt ein gemachtes gefühl, das wir der bewunderung und dem wolgefallen an den alten zu danken haben, zu der leyer. Göthe 33, 36, vgl. wir als freunde des wahren gefühls s. 60, und ein geheucheltes:
kaum gibt (jetzt) wahres gefühl noch durch verstummen sich kund.
Schiller im spaziergang.
b)
so besonders im sittlichen gebiete.
α)
gleich gewissen, das damit neu bezeichnet ward:
sie (die tugend) ist des himmels ruf, den reine herzen hören,
ihr (der reinen herzen) innerlich gefühl beurtheilt jede that,
warnt, billigt, mahnet, wehrt und ist der seele raht.
Haller 109;
diese absicht (gottes) ... wird durch ein geheimes gefühl des herzens oder den trieb des gewissens offenbart. Gellert 5, 189 (empfindungen des gewissens 6, 91);
es mag
die menschheit solche augenblicke (der versuchung) haben,
doch siegen musz das glückliche gefühl.
Schiller Wallensteins tod 2, 2,
d. h. das natürliche gefühl in seiner glücklichen stunde (vgl.zur stunde der empfindung Göthe 33, 119), wo es rein wirkt (glücklich vom genie oder talent entlehnt); die vernunft hat geleistet, was sie leisten kann, wenn sie das gesetz findet und aufstellt, vollstrecken musz es der muthige wille und das lebendige gefühl. 8. ästh. br., also wieder mit dem begriff des thätigen, lebendig für: ins leben eingreifend.
β)
die philosophie sprach, nach englischem vorgang (moral feeling) von moralischem gefühl: Hutcheson und andere haben unter dem namen des moralischen gefühls u. s. w. Kant 1, 95; das moralische gefühl ist die empfänglichkeit für lust oder unlust blosz aus dem bewusztsein der übereinstimmung oder des widerstreites unserer handlung mit dem pflichtgesetze. 5, 225 (sachlich sehr unzureichend); das moralische gefühl des guten und bösen. Gellert 6, 91; in absicht des vergnügenden (d. h. beglückenden, befriedigung gewährenden) und des moralischen gefühls. Herder I, 475, s. auch Riedel u. 3, a, γ; die natur scheint mehr seinen (des Griechen) verstand und seine wiszbegierde, als sein moralisches gefühl zu interessieren. Schiller X, 443, wo jetzt blosz gefühl oder empfindung sagbar wäre. daher jetzt das sittliche gefühl (sittengefühl Schiller X, 98), auch moralische empfindung Gellert 6, 43.
γ)
bemerkenswert ist, wie auch geschmack dafür eingesetzt ward: diese sittliche empfindungskraft des guten und edlen ist der vernunft .. zur gehülfinn gegeben. aber man erinnert sich auch, dasz dieser moralische geschmack, wie alle fähigkeiten und kräfte der seele, seine ausbildung verlangt. Gellert 6, 42; aber beide (Hutcheson und Fordyce) bauen in ihrer sittenlehre wol zu sehr auf den moralischen geschmack (sens moral), den Shaftsbury zuerst .. in aufnahme gebracht. 242; vergl. schon König in seiner untersuchung vom guten geschmack als anhang zu Canitz ged. 1727 s. 279 (1734 s. 427) vom geschmack in der sittenlehre. befremdet uns das als zu sinnlich, so war doch auch mit dem moralischen gefühl (feeling) ursprünglich nichts andres gemeint als eine art sinnliches wol- oder wehgefühl, wie ein seelisches tastgefühl angewandt auf das sittliche, d. h. ein versuch den alten begriff des gewissens nach der neuen natur- und erfahrungslehre erklärend zu fassen.
c)
in anwendung auf das schöne und sein gegentheil, wo ja geschmack nach langem widerstreben (vgl. 3, b, α) sich fest eingebürgert hat.
α)
der geschmack ist selbst ein inneres gefühl der seele, wodurch sie ohne vernunftschlüsse (unmittelbar) das schöne da findet, wo es sein mag. Riedel theorie d. sch. w. 398, bei König a. a. o. s. 262 (409) geschmack des verstandes genannt, ein feiner geschmack entdecket alsofort durch hülfe der empfindung, was ein kunstverständiger durch den weg einer angestellten untersuchung erkannt hätte, auch auf das wahre und gute erstreckt: dasz der geschmack des verstandes durch sein geistiges feuer eben so schnell, als der sinnliche geschmack durch die zunge, das wahre, gute und schöne von dem falschen, schlimmen und heszlichen genau zu entscheiden wisse. ders. im vorw. zu Bessers ged. 3ᵃ; wir haben ein gefühl des schicklichen und unschicklichen, welches uns in ansehung des äuszerlichen wohlstandes unterweist, des unstreitigwahren u. s. w. (s. d, α), des schönen und schlechten, welches das genie leitet, bei seinen nachahmungen der natur, fast ohne dasz es sich dessen bewuszt ist, nach den regeln der natur zu arbeiten. Gellert 6, 44 (2. mor. vorl.), vgl. den geschmack als feine empfindung 5, 84, besonders 81.
β)
eben für die genieperiode ward diese erkenntnis von entscheidendem einflusz für die befreiung des geistes vom zwang der alten regeln, principien, systeme, der werkzeuge des bloszen gedankens: das genie ... verfährt nicht nach erkannten prinzipien, sondern nach einfällen und gefühlen, aber seine einfälle sind eingebungen eines gottes (alles was die gesunde natur thut ist göttlich), seine gefühle sind gesetze für alle zeiten. Schiller X, 437 (üb. das naive), vorher auch ausdrücklich instinct genannt (vgl. mhd. einval der natur für instinct Megenberg 230, 20); ähnlich schon beim jungen Lessing in dem gedichte über die regeln 1, 183 vom mustergeist, an dem z. b. selbst die fehler schön sind, und von sich selber als kritiker und dichter:
nun tadle mich, dasz ich die regeln schmäh
und mehr auf das gefühl, als ihr geschwätze seh.
Lessing 1, 181,
wozu er schon von Gellert angeregt sein konnte, der auch schon von sich als fabeldichter aus jungen jahren berichtet: ich kannte das fehlerhafte im erzählen mehr aus gefühl als aus regeln, dieses war besonders im anfang meine ganze regel. 10, 61, d. h. noch mitten in der herschaft der regeln; s. auch u. 5, a, ε aus Wieland Am. von der empfindung und den regeln.
γ)
in der eigentlichen geniezeit z. b.: wenn schönheit und grösze sich mehr in dein (mein) gefühl webt, wirst du gutes und schönes thun, reden und schreiben, ohne dasz dus weiszt warum (ohne berechnendes bewusztsein). Göthe, aus Herders nachl. 1, 43, in der antwort auf Herders beurtheilung seines Götz, der doch zum theil auch 'nur gedacht' sei (das. 3, 302), d. h. nicht gefühlt, wie nun der ausdruck war (s. u.ε), vgl. in der beurtheilung von Lavaters auss. in die ew.: doch quillt auch da nichts aus der seele, es ist so alles in die seele hereingedacht. 33, 94 (d. j. G. 2, 465). von einem dramatischen plane schreibt er Herdern u. a.: ich brauche zeit, das zum gefühl zu entwickeln. nachl. 1, 35, d. h. aus dem bloszen denken heraus, wie noch 1794 Schiller ihn sich schildert: so muszten sie nun rückwärts (d. h. mit rückkehr von dem sonstigen modernen wege) begriffe wieder in intuitionen umwandeln und gedanken in gefühle verwandeln, weil nur durch diese das genie hervorbringen kann. an Göthe 1, 7. Es ist nun das eigentliche werkzeug der kunst (s. aber später unter 7, e): wenn mehrere das gefühl dieser inneren form hätten, die alle formen in sich begreift, würden uns weniger verschobene geburten des geistes anekeln. Göthe 44, 2, 'dramatische form' (vgl. das. jede form, auch die gefühlteste u. s. w., s. ε am ende); glaubt nicht so schnell zu verstehen, was das heisze: das gefühl ist die harmonie und vice versa. 44, 6, vgl. 4 (d. j. G. 3, 690); in dichtung stammelt sie über (die vom genius aufgeregte schöpfungskraft), in kritzelnden strichen wühlt sie auf dem papier ... ewiges leben, umfassendes unauslöschliches gefühl des das da ist und da war und da sein wird. 44, 12 (3, 695), wo denn das gefühl zum gefäsz der ganzen welt oder des weltkerns geworden ist, worein der künstler ihn faszt zum nachfühlen für die andern (vgl. vorfühlen 7 a. e.). Erwins von Steinbach schöpfungskraft war ein aufschwellendes gefühl der verhältnisse u. s. w. 44, 14, d. h. gefühl der verhältnisse die allein schön und von ewigkeit her sind, deren hauptaccorde man beweisen, deren geheimnisse man nur fühlen kann 39, 349 (d. j. G. 2, 212), vgl. in der ital. reise von häusern mit schiefem sims u. ähnl.: dasz das gefühl der wasserwage und des perpendikels, das uns eigentlich zu menschen macht und der grund aller eurhythmie ist, in uns zerrissen und gequält wird. 28, 116. auch prüfendes gefühl, 'kritisches', der prüfend greifenden, arbeitenden hand ähnlich:
der leidenschaften wilden drang,
des glückes regellose spiele ..
stellt ihr (künstler) mit prüfendem gefühle,
mit strengem richtscheit nach dem ziele.
Schiller VI, 271.
δ)
auch vom genieszenden und urtheilenden ward nun diesz gefühl verlangt und erstrebt und auch da sein begriff erweitert; von einem z. b., welchem dichtergedanken zu hoch oder tief gehen:
o begeistrung! .. ströme! denn du schonest des umsonst,
der, leer des gefühls, den gedanken nicht erreicht!
Klopst. od. 1, 271 (unsere sprache);
an einem kritiker Homers vermiszte Göthe das gefühl des höchsten ideals menschlicher natur u. s. w. 33, 17. auch für die schule verlangt es Herder als ziel, beim lesen der römischen dichter: hier ist das gröste feld, antike schönheit, sprache, geist .. verfassung, wissenschaften zu fühlen zu geben. hier keine nacheiferungen (d. h. lat. verse als aufgabe) .. aber viel gefühl, geschmack, erklärung. IV, 397 (lebensb. II, 235) und so oft, d. h. fühlendes, schmeckendes verstehen (vergl. z. b. die lateinische sprache durchschmecken s. 398). daher leser von gefühl, was wir jetzt etwa einen feinsinnigen nennen würden: dürfen sie sich aber wundern, dasz der leser von gefühl keine wahrheit, keine richtigkeit, keine schicklichkeit darin antrift (in den nachahmungen Klopstockischer oden)? Mendelssohn litt. br. 13, 17. daher selbst gefühl vom urtheil; folgendes ist uns auszer diesem zusammenhange jetzt schwer verständlich: ich musz glauben, dasz er (der beifall für meine fabeln) nicht sowol durch das kritische gefühl als durch ein sanftes wohlwollen gegen den verfasser erzeugt wurde. Pfeffel poet. vers. 1789 1, vorb., was wir ästhetisches urtheil nennen, denn kritisch vertrat aus dem anfang des jahrhunderts her noch lange mit das erst später aufgekommene ästhetisch, was band V, 2335 ff. leider auszuführen versäumt ist, vgl. z. b. aftercritik falsche ästhetik Lessing 6, 374, kritiker ästhetiker noch Schiller X, 450.
ε)
auch das verstehen hiesz denn nun fühlen, d. h. nicht blosz logisch oder grammatisch, sondern den vollen 'lebendigen' inhalt fassen (s. schon unter gedanke sp. 1951), z. b.: einige haben seinen Adam gelesen, wenige gefühlt und erreicht. Sturz 1, 109 (von den Franzosen und Klopstock), wie schon bei Gellert von der nachtigall als vertreterin echter dichter:
die nachtigall sang einst ihr göttliches gedicht,
zu sehn, ob es die menschen fühlten.
1, 224,
und noch spät Göthe, z. b. im divan:
vom himmel steigend Jesus bracht'
des evangeliums ewige schrift,
den jüngern las er sie tag und nacht ..
er stieg zurück, nahms wieder mit:
sie aber hattens gut gefühlt u. s. w.
5, 239.
Aber auch kühner, vom dichter selber in seinem schaffen:
theilen kann ich euch nicht dieser (meiner) seele gefühl.
fühlen kann ich euch nicht allen ganzes gefühl.
Göthe bei Schöll br. u. aufs. 151 (d. j. G. 2, 28),
d. i. das volle gefühl ungetheilt mittheilen, aussprechen; dasz eben so viel hoffnung in mir ist als in liebenden, dasz ich sogar zeither einige gedichte gefühlt. Göthe u. Werther 135 (d. j. G. 1, 348); ähnlich vorempfinden, mit empfindung, lebhaft vortragen 33, 52 (d. j. G. 2, 412), vgl. vorfühlen 7, e a. e. auch die gefühlteste form 44, 2 (s. unter β) musz wol meinen die mit dem vollsten gefühl geschaffene, als gegensatz zu dem 'nur gedacht' unter γ, das besonders Herdern geläufig war, vgl. bei Klopstock der gefühlteste und gesungenste ton od. 1, 55 (Bardale).
ζ)
entsprechend gefühl und wort im gegensatz, d. h. die worte nur logisch oder grammatisch verstanden, 'abstract', nicht dem inhalt nach: wir sind ja! vergehen! was heiszt das? das ist wieder ein wort! ein leerer schall! ohne gefühl für mein herz! Göthe 16, 179; es sind immer worte ohne geist ... redensarten ohne gefühl, die sie (die nachahmer) von ihren meistern auf dummen und blinden glauben annehmen. Mendelssohn litt. br. 13, 18; sogar in unsere wahren systeme sammeln wir immer nur wörter, spielmarken und medaillen ein, wie geizige münzkabinetter, und erst spät setzen wir die worte in gefühle um, die münzen in genüsse. J. Paul 12, 154. denn wirklich lehrte die philosophie, z. b. die Wolffische: dasz wir uns auch im stillen nachdenken allezeit der worte bedienen ... dieses ist auch in der that viel bequemer ... als wenn wir uns die begriffe selbst allezeit vorstellen sollen. Gottsched weltw., theor. th. § 928, und noch bei Schopenhauer besteht das denken in den mit hülfe der worte vollzogenen combinationen der begriffe (Schopenh.-lex. 1, 114), die leichter zu handhaben sind als die vorstellungen (1, 7); aber damals war eben begriff noch gleich vorstellung, ja die innere anschauung selber (vgl. sp. 1955 unten), beide aber erhalten ihren inhalt wirklich nur durch mitfühlen, während z. b. bei Schopenhauer das wort gefühl durchaus einen negativen inhalt hat (1, 219) — so scharf ist der wagebalken wieder umgeschlagen!
d)
aber auch in anwendung auf das wahre und das denken ist vom gefühl zu reden.
α)
schon in der alten schule war auch davon die rede, z. b.: wir haben .. ein gefühl des unstreitigwahren und ungereimten, das unserm geiste bei der anwendung der kraft zu denken zum führer dienet. Gellert 6, 44 (2. mor. vorl.), er nennt es ebenda auch ein unterscheidendes gefühl, das unterscheiden aber ist ein werkzeug des erkennens. das hiesz in der schulsprache auch sensus communis (vgl. engl. common sense, franz. sens commun), von Riedel z. b. definiert als das innere gefühl des menschen, wodurch er ohne vernunftschlüsse von der wahrheit oder falschheit einer sache unmittelbar überzeugt wird. theorie d. sch. w. 7 (vergl. Herders einwendung IV, 35, lebensb. I, 3², 266, fragm. 3, 192 fg.). in anwendung auf bestimmte fragen, z. b. von unsrer ausstattung als menschen:
ein redendes gefühl, das laut im herzen spricht:
so viel ich hab und bin, hab ichs von mir doch nicht.
Gellert 2, 60 (der stolz),
vgl.redendes gewissen s. 124; alles beweist ihn (diesen moralischen grundsatz), der gedanke an gott und das gefühl des ruhigen herzens. 6, 52 (2. mor. vorl. a. e.); s. auch Haller, Herder unter 5, c, β.
β)
in der geniezeit ward auch hier das gebiet des gefühls erweitert und vertieft. schon in den 60 er jahren ward die frage aufgeworfen: ob (etwa) grosze genies mit dem verstande empfinden können? Herder fragm. 3, 317 (I, 524 Suph.), vgl. mit der vernunft empfinden 318; es war ein einfall Mendelssohns, kaum spöttelnd gemeint: vielleicht aber haben die genies hierin etwas voraus und können mit dem verstande empfinden? dieses kann niemand entscheiden, der nicht zu ihrem mittel gehöret. litt. br. 13, 27, in besprechung eines 'versuches über das genie', der dieses gebiet scharf untersucht und dessen gedankengang wirklich zu dieser frage hinführte. von Göthen in Wetzlar berichtet Kestner: er strebt nach wahrheit, hält jedoch mehr vom gefühl derselben als von ihrer demonstration. Göthe u. Werther 38 (s. dazu unter δ), was sich da allerdings zunächst, doch nicht ausschlieszlich auf die sogenannten moralischen wissenschaften bezieht, worunter man damals alle auf den menschen, das menschliche bezogene wissenschaft verstand (im unterschiede von den physicalischen); vergl. schon Gellert 5, 91 in seiner antrittsvorlesung von wahrheiten, die sich mehr empfinden als beweisen lassen. daher z. b. Faust in seinem glaubensbekenntnis:
erfüll davon dein herz, so grosz es ist,
und wenn du ganz in dem gefühle selig bist,
nenn es dann, wie du willst,
nenns glück! herz! liebe! gott!
ich habe keinen namen
dafür! gefühl ist alles.
Göthe 12, 181,
womit zu vergleichen am ende der zwo bibl. fragen der lalle sein gefühl (3, c, α). Die gegner der 'genieseuche' sprachen freilich scharf dawider, z. b.: als man in Deutschland Jakob Böhmen für ein genie erklärte und keine neue wahrheit (s. 7, b) mehr bewies, sondern fühlte (mit dem gefühl bewies) .. es dämmert eine sanfte abendröthe im aufgeklärten Europa. Sturz 1, 214, und Lessing 11, 467 gegen die schwärmer, denen scharf unterscheidendes denken weh macht, er führt einen redend ein u. a.: ich hatte sie schon ganz ergriffen die wahrheit, ich war ganz im besitz derselben — wer will mir mein eignes gefühl abstreiten? er selbst nennt das aber den einzigen ungezweifelten segen, mit dem gott den menschen ausgestattet, mit füszen treten; s. auch 6, 129 ff. seine ausführung gegen Klopstocks aufsatz von der besten art über gott zu denken (s. z. b. sp. 1952 unter f, vgl. sp. 1959 unter c), wo das denken ein empfinden werde (dazu Herder fragm. 3, 306 ff.), auch Mendelssohn über mystiker: seine gedanken sind eine art von dunkeler empfindung. was er denkt, glaubt er zu fühlen und ist niemahls genug bei sich selbst, um über sein gefühl nachzudenken. litt. br. 7, 171. sprachen doch die gegner von wildheit zu der man zurücksinke, wie Sturz 1, 212 die kraftgenies als die kraftgefühlvollen Patagonen bezeichnet; vgl. noch Schillers äuszerung vom genie, das am nächsten an die wildheit gränzt X, 306 (10. ästh. brief) und: daher ist der mensch, ehe er anfängt zu philosophieren, der wahrheit näher als der philosoph, der seine untersuchung nicht .. geendigt hat. 337, 28 (18. br. a. e.).
γ)
die philosophie inzwischen strebte immer entschiedener danach, den reinen gedanken zu gewinnen, d. h. von bild und gefühl völlig zu lösen, denken und empfinden scharf aus einander zu schneiden (vgl. dazu u. gedanke II, 5): man hat in unseren tagen allererst einzusehen angefangen, dasz das vermögen, das wahre vorzustellen, die erkenntnis, dasjenige aber, das gute zu empfinden, das gefühl sei. Kant 1, 93 (1764), vergl. eine andere einschränkung des begriffes bei ihm: das was jederzeit subjectiv bleiben musz und schlechterdings keine vorstellung eines gegenstandes ausmachen kann, wollen wir mit dem sonst üblichen namen des gefühls benennen. 7, 47, also das gefühl blosz hindernd fürs erkennen. Es hatte aber von Leibnitz, Wolff her zugleich als ein dunkler, verworrener begriff gegolten (notio obscura, confusa u. ä.), eine art unentwickelter erkenntnis, als ein theil oder mittel der 'cognitio sensitiva' (aesthetica meint ursprünglich eben das), das in bewuszte gedanken umgesetzt werden müsse: ihr gefühl verwandelt sich in einen logischen schlusz. Mendelssohn empf. 12. Daher dunkles gefühl, auch verworrenes, unklares, oft aber auch lebhaftes (d. h. lebendiges), aber dunkles gefühl: und das alles soll ein blindes, dunkles gefühl thun (überzeugen)? Herder IV, 6, lebensb. I, 3², 221; da die natur die seele (durchs gehör) .. aus dem dunklen schlaf des gefühls wecket. urspr. d. spr. 105; das dunkle gefühl, dasz es (das misvergnügen) unsre freuden versüsze. Gellert 5, 147; noch fehlet ein punkt (in der untersuchung), von welchem die kunstrichter blosz ein dunkles gefühl gehabt zu haben scheinen. Lessing 6, 185, vergl. 12, 51 das blosze gefühl anstatt eines grundsatzes und regeln, die er an jenes stelle setzt (in einer ästh. frage);
den schleier hat er glücklich aufgehoben
von dem gefühl, das dunkel mich beseelt.
Schiller 502ᵇ.
Aber schon Mendelssohn nahm, zunächst für das seelenleben und das eigentliche leben, auch das dunkle gefühl in schutz gegen das drängen, es durchaus in klare begriffe zu verwandeln, in der schrift über die empfindungen (1755) handelt der 2. brief von dem thema: das dunkele gefühl befördert unsre glückseligkeit, der affect verschwindet, wenn alle begriffe deutlich werden. s. 14, vergl. s. 16 wir fühlen nicht mehr, sobald wir denken, auch s. 105 warum sind die dunkelen vorstellungen thätiger als die deutlichen? wie Göthe von fruchtbarer dunkelheit spricht 50, 49. und wohin jener philosophische weg zuletzt führt, erfuhr man an sich mit bangen, s. z. b. unter gedanke 5, d die geständnisse Lichtenbergs in seinem tagebuche, und schon die anklage des jungen Lessing gegen die schulphilosophie das fühlen wird verlernt 1, 179, auch sp. 1951 Kästners äuszerung über die philosophen; daher die freude darüber, dasz gedanken wieder zu gefühlen werden können (d. h. zugleich gefühlt werden): der anblick der schönen natur ... spannet so ganz alle andere gedanken ab ... dasz diese freiheit und diese wollust alle gedanken (wieder rückwärts) in gefühle verwandeln. Zimmermann eins. 4, 4. aber noch in unserm jahrhundert sind diesem denkenden auflösen des gefühls opfer gefallen, z. b.: meine jahrelange operation, den verstand als scheidewasser auf mein gefühl zu gieszen, scheint ihrem ende zu nahen, der verstand ist ausgegossen und das gefühl zertümmert. Grabbe von sich, werke (1874) 4, 376, vgl. schon Herders angstvoll aufbrausenden zorn gegen das denkende 'zergliedern' des empfundenen: weg zergliedrerstahl, du menschheitmörder u. s. w. ged. 1817 1, 236 (auf eine sammlung Klopstockscher oden). gar wol hatte schon Schiller erwiesen und gemahnt: ausbildung des empfindungsvermögens ist also das dringendere bedürfnis der zeit (als die des denkvermögens, dringender als aufklärung des verstandes) .. weil der weg zu dem kopf durch das herz musz geöffnet werden. X, 298 (8. ästh. br. a. e.), und so stehen wir denn jetzt in der that wieder.
δ)
den alten weg (s. u.α und β) war inzwischen auf eigne hand Göthe fortgegangen, wofür freilich, wie für manche aufstellung hier, eine genauere ausführung nötig wäre, zu der doch hier nicht der ort ist; in der zeit seines reifsten denkens glaubte er an ein angebornes, uns urwesentliches wahrheitsgefühl als letzten grund eines fruchtbaren erkennens: alles was wir erfinden, entdecken im höheren sinne nennen, ist die bedeutende ausübung, bethätigung eines originalen wahrheitsgefühles u. s. w. 50, 149 (19, 196 Hempel); selbst in anwendung auf die mathematik: was ist an der mathematik exact als die exactheit? und diese, ist sie nicht eine folge des innern wahrheitsgefühls? 50, 158 (19, 204 Hemp.). und ein philosoph selber, Fichte, hatte diesz gefühl eben an ihm beobachtet, wie W. v. Humboldt Schillern aus gesprächen mit jenem im j. 1794 meldet: auch Göthen wünschte er für die speculation zu gewinnen, sein gefühl leite ihn zu richtig. briefw. (1876) 57, wie ebenda über Schiller: er erwartet von ihnen viel für die philosophie .. das einzige, was noch mangle, sei einheit. diese einheit sei zwar in ihrem gefühl, aber noch nicht in ihrem system u. s. w. Fichte selber berief sich in vorlesungen auf diesz gefühl seiner hörer als vorläufig ausreichende stütze für metaphysische hauptsätze, die wir ihnen hier nur historisch mittheilen können, höchstens rechnend auf ihr eigenes wahrheitsgefühl, das uns auch ohne einsicht in die gründe beistimme. üb. d. wesen des gelehrten (1806) 25. und ein naturforscher: so vermeinte ich denn am besten zu thun ... den für das einzelne einfachen weg der beobachtung durch die natur fortzugehen, für das allgemeine, unendliche aber mich dem unendlichen in mir zu überlassen, (d. h.) meinem naturgefühl zu trauen, welches das einzelne verbände u. s. w. Martius in Göthes naturw. corr. 1, 354, wie es denn im grunde jeder denker, auch der philosophische macht, selbst ohne es zu wollen oder zu wissen; es ist dasselbe, was Mendelssohn empfindung des ganzen nannte, als schluszarbeit des trennenden, zergliedernden denkens (wie die 'empfindung' der einzelheiten als vorarbeit dazu): lerne daraus, wie zuträglich es der empfindung des ganzen sei, wenn wir alle seine theile vorher bis zur deutlichkeit überdacht haben. empf. 25 ff. (phil. schr. 1777 1, 13 ff.), vgl. auch vom mathematiker s. 131 (96).
ε)
daher denn gefühl in verwendungen, wo wir jetzt lieber bewusztsein oder überzeugung sagen würden, ja mit übergang des begriffes in erkenntnis, z. b.:
du (das schicksal als göttliche macht) hast uns lieb, du gabst uns das gefühl,
dasz ohne dich wir nur vergebens sinnen,
durch ungeduld und glaubenleer gewühl
voreilig dir niemals was abgewinnen.
Göthe an Lav. 158;
'nun sag, wie hast dus mit der religion?' ..
will niemand sein gefühl und seine kirche rauben.
werke 12, 179;
und war es endlich dir gelungen
und bist du vom gefühl durchdrungen:
was fruchtbar ist allein ist wahr ..
22, 162. 47. 74 (vermächtnis),
was doch auch zugleich den höchsten grad der klarsten erkenntnis meint (war es dir gelungen 'dich zu durchdringen' mit dem g.), denn blosz verstanden bleibt eine solche wahrheit im kopfe, 'durchdringt' nicht den ganzen menschen, das kann eben nur das fühlen; man verdient wenig dank von den menschen, wenn man .. ihnen das herrliche eines wahren edlen daseins zum gefühl bringen will. 27, 79, zum bewusztsein, zur fühlenden und erst damit klaren erkenntnis. Er nennt es auch reines gefühl, entsprechend dem 'reinen gedanken' der philosophen (vergl. reines anschauen des äuszern und innern 22, 239):
dasz ich der völker gewerb' und ihre geschichten vernehme,
gebt mir ein reines gefühl, was sie in künsten gethan.
1, 357 (ven. epigr. 34ᵃ),
klare, volle erkenntnis und kenntnis, wie im Epimenides vergangnes fühlen, d. h. die geschichte tief und ganz verstehen 13, 315 (sp. 1951), s. auch in den sprüchen in prosa 337 empfindungswert eigentlich gleich wissenswert 49, 86 (19, 75 Hempel). vergl. auch reingestimmtes gefühl Schiller unter 5, a, δ.
ζ)
auch klar heiszt nun dieses fühlen, wie sonst begriff und denken, die gefühle aber oft unklar heiszen (s. unter klar 11, a), während noch Herder als Kantianer im 4. krit. w. deutlich fühlen als widerspruch ansah IV, 25 (leb. I, 3², 250): darum trau ich mehr der wahrheit, die ich klar empfinde, als ich meiner vorsicht traue, die mich täglich irre führt, und als dem dunkel meiner weisheit. deutsches museum 1783 1, 105 (J. Paul 33, 13); klar empfinden Göthe 13, 311 (Epimen. 2, 9) von sich selber und seiner lebensaufgabe, das denken eingeschlossen (vgl. 7, e); mitunter musz man die dinge (in Moritzens schrift) einige mal übersehen, um es recht klar zu fühlen. Schiller u. Lotte 243, vergl. s. 253 er hat neue saiten in meiner seele berührt und einige gefühle in mir hervorgebracht, die ich nur dunkel ahnen konnte, wo denn gefühle aus dem dunklen ins klare hervortreten, aber doch gefühle bleiben, d. h. im vorigen sinne, denn die edlen frauen dieses kreises lernten die sprache ihrer dichter zuerst verstehen und reden; s. auchklar gestimmt Humb. unter 7, c. Daher selbst wahr fühlen: o wie wahr fühlten die menschen, die so widersprechende würkungen (in uns) fremden mächten zuschrieben. Göthe Werther 175 (der j. G. 3, 343). Für ein urtheil beruft man sich auf sein gefühl, auch wo es sich nicht blosz um gutes und schönes handelt: es dünkt mir meinem gefühle nach, er habe die begriffe vom schönen, edlen u. s. w. gut auseinander gesetzt. Schiller u. Lotte 243; Mosheims sittenlehre, nach meiner empfindung ein sehr schätzbares werk u. s. w. Gellert 6, 240 (10. mor. vorl.), noch jetzt eine beliebte wendung; unser gefühl sagt es uns, dasz die verfasser ohne genie sind. litt. br. 13, 15.
e)
es geht also auf eine geahnte und gesuchte verschmelzung der thätigkeit von kopf und herz hinaus, die man eben erst im 18. jh. so genau zu scheiden sich gewöhnt hatte (s. unter kopf V, 1765), wovor schon Abbt bange und mit tiefer einsicht warnte, z. b.: verstand wird dem herzen, empfinden dem denken, gefühl der einsicht ... so oft entgegen gesetzet, dasz man zuletzt kaum mehr weisz, ob sich beim gefühl des herzens zugleich auch noch ein gedanke finde. 1, 114 (vom verd. 2, 3), wozu die weitere ausführung gehört, dasz sie von einerlei kraft der seele herrühren. so forderte man nun die vereinigung beider, wie Abbt a. a. o. (s. auch 4, 134), so ganz scharf auch Schiller, z. b.:
allen gehört, was du denkst, dein eigen ist nur was du fühlest:
soll er dein eigenthum sein, fühle den gott den du denkst.
alm. 1797 s. 168 (das eigne ideal),
im grunde also doch genau so wie das biblische habe gott vor augen und im herzen;
stimme des ganzen ist deine vernunft, dein herz bist du selber:
wohl dir, wenn die vernunft immer im herzen dir wohnt.
169 (schöne individ.),
vgl. W. v. Humboldt und Schiller über Kant: von den spuren, die man in seinen schriften von seinem gefühl und seinem herzen antrifft, hat schon Schiller (X, 426, 31) richtig bemerkt, dasz der hohe philosophische beruf beide eigenschaften, des denkens und des empfindens verbunden fordert. Humboldt briefw. mit Sch. 21 — eigentlich doch nur eine wiedervereinigung in höherer oder tieferer lage, denn in alter zeit wohnten bei uns die gedanken eben im herzen (s.gedanke II, 3), und die gefühle wurden gern mit als gedanken bezeichnet (das. 4, c), wie noch jetzt im leben und noch im 18. jh. auch bei schriftstellern, z. b.: die gedanken, die in seinem herzen kochten. Wieland 8, 414; nach jener vereinigung strebt auch die beliebte verbindung gedanken und gefühle (sp. 1952 m.), wie denken und fühlen: es war nämlich vorzüglichen, denkenden und fühlenden geistern ein licht aufgegangen, dasz u. s. w. Göthe 26, 341, vgl. unter gefühlart, auch 'empfinden und meinen' Schiller VI, 317, 18, auch sinn und gefühl, geist und gefühl unter 5, a, γ. Bemerkenswert ist dabei, wie auch die materialisten, obwol in anderm sinne, denselben weg suchten gegenüber der austrocknenden abstraction, z. b.: hiernach befleisziget sich hr. Helvetius (in der schrift de l'esprit) aufs äuszerste, alle gedanken, alle vorstellungen und alle erinnerungen auf ein bloszes gefühl (sensation) zurückzubringen .. hr. H. macht sogar ganze reihen von schlüssen zu bloszen gefühlen. Haller tageb. 1, 177, und wie anderseits schon die sog. mystik von fühlen z. b. gottes sprach (vgl. unter gefühlig 1): si hâte allewege gotlîche gegenwertikeit âne mittel ('unmittelbar', s. a, α), si gefûlte gotis stêtlîchen in irre sêle. myst. 1, 197, im grunde also schon wie bei Göthe, Schiller wieder.
7)
endlich noch einiges vom gefühl im engeren sinne.
a)
das volle gefühl (5, e, β) findet schwer oder gar nicht entsprechende worte, sich auszudrücken:
o wonne, flammendes entzücken!
o freude, die die zunge bindt!
o thränen nur, dich auszudrücken!
gefühl, das keine worte findt.
Haller 230;
(die seele) sprachlos ihr gefühl zu sagen.
Klopstock od. 1, 73 (an gott);
diese anstrengung, jene unsäglichen gefühle zurück zu rufen, wieder auszusprechen. Göthe 16, 75;
ich habe keinen namen
dafür! gefühl ist alles.
12, 181 (s. 6, d, β);
kaum gibt wahres gefühl noch durch verstummen sich kund.
Schiller im spazierg.;
vergl. sein gefühl lallen Göthe 56, 245 (3, c, α), aussprechen so gut es geht. daher unaussprechliche gefühle u. ä., vgl. Göthe an Aug. von Stolberg 6. märz 1775: o beste, wie wollen wir ausdrücke finden für das was wir fühlen! und schon früher z. b.: das stammeln ist ja die beredteste sprache unsers herzens. Weisze an Herder in dessen lebensb. I, 3², 525. dagegen auch redendes gefühl, s. Gellert sp. 2180 unten.
b)
man achtete auch auf neue gefühle, als gewinn fürs seelenleben überhaupt:
welches neue gefühl glühte mir! ah der blick
ihres auges ..
Klopstock od. 1, 54 (Bardale);
und o! wem wallet nicht, von neuen gefühlen umfangen,
das herz im busen ..
Wieland Amad. 1771 2, 97,
von der wirkung von Pergoleses musik;
ha! wies in meinem herzen reiszt!
zu neuen gefühlen
all meine sinnen sich erwühlen!
Göthe 12, 33;
ihn ergreift
ein überraschend neu gefühl: er sieht
den alten hasz aus seinem busen schwinden.
Schiller XIV, 39 (braut von Mess.).
so begehrte man und suchte neue wahrheiten Abbt 1, 36, Klopstock 11, 214 (vergl. Lessing 6, 131), Herder fragm. 3, 314 ff., Schiller VII, 10, neue gedanken Klopstock 11, 210, Wieland sympath. 126, litt. br. 13, 9, neue grosze ideen Göthe 33, 118.
c)
die alten, gewohnten aber war man bestrebt zu verfeinern, zu erhöhen, zu veredlen, zu reinigen:
die musik .. verfeinert das gefühl.
Wieland Musar. 62;
erst reizet sie (die schauspielerin) durch sittsam muntre scherze
der edlern freunde feineres gefühl.
Mastalier ged. (1774) 17;
in allem, was ihn jetzt umlebet ...
sieht er (der mensch) die huldgöttinnen spielen
und ringt in still verfeinerten gefühlen
der lieblichen begleitung nach.
Schiller VI, 273,
vergl. die feinsten empfindungen der seele (gegensatz grob) Gottsched unter 3, b, α; obgleich seit jener epoche die ideen sich erweitert, die gefühle gereinigt, die ansichten aufgeklärt haben. Göthe 45, 332 (üb. die geheimnisse a. e.). höheres, erhöhtes gefühl u. ähnl.: hat man nicht von jeher die furcht roher völker vor mächtigen naturerscheinungen ... für den keim gehalten, woraus ein höheres gefühl, eine reinere gesinnung sich stufenweise entwickeln sollte? Göthe 22, 13 (wand. 2, 1), begrifflich zu 6, c; die gefühle der gesellschaft erhöhten sich, man asz, trank und jubilierte und bekannte wiederholt, niemals schönere augenblicke erlebt zu haben. 19, 37; der leser .. ist, wie der dichter, klar und gleichförmig gestimmt, aber zuletzt tief gerührt und von den höchsten gefühlen durchdrungen. W. v. Humboldt üb. Herm. u. Dor. 89;
nicht länger wollen diese lieder leben,
als bis ihr klang ein fühlend herz erfreut ..
zu höheren gefühlen es geweiht.
Schiller alm. 1796 s. 203,
vergl.: es ist also nicht genug (für den dichter), empfindung mit erhöhten farben zu schildern, man musz auch erhöht empfinden. Schiller VI, 316, 10 (über Bürgers ged.), d. h. der dichter als der aufgeklärte verfeinerte wortführer der volksgefühle 318, 29, vergl. verfeinerung Humboldt üb. Herm. u. Dor. 158 ff. (auch von ihrer gefahr, vgl. u. d). veredeltes, edles: einem so sehr veredelten gefühl (wie Klopstock). Schiller X, 474, s. dazu unter 5, a, δ;
der jüngling edlen gefühles.
Göthe 40, 267 (Herm. u. Dor.);
Werther! rief sie mit dem gefaszten tone des edelsten gefühles. 16, 177. auch schön, worin man denn auch das alles zusammenfaszte, vgl. Schiller in den künstlern u. 3, c, β (auch schöne seele):
nähren sie wachsam das ewige feuer
schöner gefühle mit heiliger hand.
Schiller XI, 32 var. (würde d. frauen);
wort gehalten wird in jenen räumen
jedem schönen gläubigen gefühl.
XI, 374 (Thekla);
was schöne seelen schön empfunden,
musz trefflich und vollkommen sein.
VI, 278 (künstler a. e.);
anders das ästhetische gefühl X, 92, 26, an Körner 3, 69, d. i. das gefühl des schönen.
d)
übergriffe des neuen gefühlslebens blieben freilich nicht aus, wie ja auch das denkleben sie vorher und nachher geübt hat. wie schon Meta Klopstock im jahre 1753 in ihrem aufsatz über die moden auch von modesentiments berichtet, als sentiment eben aus England her mode wurde, z. b. von einer 'phantastin': wird sie nicht aus krankheit blasz, so ist es doch aus empfindung, ihre seele fühlt, leidet so stark! (diesz sind auch modeausdrücke) Klopstock 11, 200. 201, so war noch in unserm jahrh. zu klagen: sentimentalität, das nachahmen und aufsuchen des gefühls, das schauspielen mit dem edelsten u. s. w. (das folg. gehört eigentlich notwendig dazu). Arnim im wunderh. (1845) 1, 442, vgl. schon Klinger u. gefühlelei; man will sich einen schatz von gefühlen sammeln, und vergeudet darüber sein leben leer an thaten. Hegner molkenkur (1818) 1, 76; mit seinen überfliegenden gedanken, die nirgends zu hause sind, mit seinen raffinirten empfindungen, die keine heimath haben, steht der deutsche geist auf einer höhe, wo jede weitere eroberung ihn ärmer macht .. Pfizer briefw. zw. D. (1831) 145, bemerkenswert raffiniert, d. h. das verfeinert unter c im franz. gewande, wie wir für das erhöht dort in gleicher übersetzung exaltiert brauchen im schlimmen sinne. so ist jetzt noch sentimental ein gefürchteter begriff, mit oft schon unheilsamer macht, schon lange auch wieder in schutz zu nehmen versucht, z. b.: (ich meine) jene sentimentalität, das menschliche gefühl wie es im einzelnen sich (naturwüchsig) ausdrückt u. s. w. Arnim a. a. o. mit anklagen gegen falsche philosophie, die es ertödte; arme, aber heilige empfindsamkeit! womit wird nicht dein name verwechselt u. s. w. J. Paul ästh. (1813) 948 ff. es ist nun von wahren, echten, natürlichen, gesunden, einfachen gefühlen die rede, auf die man zurückkommen müsse, z. b.: (ich bin) ein mensch, der es lebendig fühlt, dasz, wenn wir nicht auf einfache gefühle und grundsätze in der liebe zurück kommen, es um das glück der staaten gethan ist. Iffland 9, 2, 68 (die hagest. 3, 7); vergl. Schillers forderung an den echten volksdichter (s. u. c). selbst die erhabenste philosophie des lebens würde ein solcher dichter in die einfachen gefühle der natur auflösen u. s. w. VI, 319, zugleich also gedanken wieder in gefühle umsetzen oder einkleiden, vgl. u. 6, c, γ seine äuszerung vom genie.
e)
auch im ästhetischen gebiete ward auf der höhe der entwickelung dem gefühl eine niedrigere stellung angewiesen: das an das gefühl sprechende, die letzte wirkung aller poetischen organisationen, welche aber den aufwand der ganzen kunst selbst voraussetzt, sieht der dilettant als das wesen derselben an und will damit selbst hervorbringen. Göthe 44, 271 (über den sog. dilett.), wie er 30 jahr früher doch selbst gethan hatte, s. 6, c, γ, auch Schiller dort; der dilettant wird nie den gegenstand, immer nur sein gefühl über den gegenstand schildern. 279; der poetische dilettantismus ... glaubt genug gethan zu haben, wenn er geist und gefühl zeigt. 291 (vgl. sentimentale nullität 289), wozu für volles verständnis ausführungen Humboldts in der schrift üb. Herm. u. Dor. zu vergleichen sind, z. b. s. 256. 245. 53, auch seine äuszerung über die Deutschen im briefw. mit Göthe s. 105, während gleichzeitig Herder Kallig. 2, 228 in der dichtung der zeitgenossen mangel an gefühl fand (vergl. Adrast. 5, 271 ff. 6, 160), d. h. noch so dachte wie Göthe selber in der aufgehenden geniezeit, in Herders schule; vgl. auch den späteren vorwurf gegen seine zeit:
gefühl habt ihr alle,
aber keinen geist.
Göthe 47, 249 (3, 269 Hemp.).
Dabei fuhr er doch fort, selber die höchste aufgabe und wirkung des dichters damit zu bezeichnen (vgl. den zusatz oben 44, 271); wie im Tasso 1, 1:
der uns die letzten lieblichsten gefühle
mit holden tönen in die seele flöszt.
9, 106,
die letzten, wie sonst die höchsten, oder tiefsten, die erreichbar letztenso noch später:
die ewigen gefühle
heben mich, hoch und hehr,
aus irdischem gewühle.
1, 98 (nachtgesang),
die ewigen, d. h. die das ewige (er brauchte ewig auch für das absolut der philos.) mir 'zum gefühl bringen', zum bewusztsein (s. 6, d, ε), also das adj. zugleich zur bezeichnung des inhaltes (wie 5, c, γ). sachlich dasselbe meint Faust 2. th. 1. act, finst. galerie:
das schaudern ist der menschheit bestes theil,
wie auch die welt ihm das gefühl vertheure,
ergriffen fühlt er tief das ungeheure.
41, 76.
daher auch im 'vermächtnis' an die nachwelt die letzten worte:
denn edlen seelen vorzufühlen
ist wünschenswerthester beruf.
22, 262. 47, 74,
wie er damals als 'prophet' räth: viel denken, mehr empfinden 3, 266. diesz vorfühlen ist zugleich ein thätiges, greifendes, gestaltendes (wie mehr sinnlich unter 5, c, ε, s. dort), denn schwerlich ist es noch das fühlen für dichten aus seiner jugendzeit unter 6, c, ε, obwol er schon 1773 empfinden so brauchte, dasz es zwischen beiden wie vermittelnd steht: hätte Lavater für den empfindenden theil der menschen zu singen sich zum seher berufen gefühlt (statt für die gelehrten nur prosa zu schreiben) .. er hätte empfunden für alle, die aus seinem herzen strömende kraft hätte alle mit fortgerissen. 33, 94 (d. j. G. 2, 466).
gefühl n
Fundstelle: Lfg. 1 (1879), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 2167, Z. 7
rauchwerk, weidmännisch, s.gefüll.
Zitationshilfe
„gefühl“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gef%C3%BChl>, abgerufen am 20.04.2019.

Weitere Informationen …