gedicht n
Fundstelle: Lfg. 10 (1878), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 2013, Z. 67
subst. verb. zu dichten, mhd. getihte, ahd. noch nicht entwickelt (ags. gediht dictum, jussum Ettm. 560), mnd. mnl. gedichte, entlehnt dän. digt, schwed. norw. dikt, vgl. hd. nd. dicht II, 1056 fg. (s. sp. 1608 fg.). Die alte form mit t-, wie mhd. tihten, lautverschoben entsprechend dem lat. dictare, ist hd. noch im 16. jh. geläufig, findet sich selbst noch im 17. jh. (z. b. Opitz u. 6, a). das volle gedichte, jetzt ganz niedrig klingend (s. sp. 1610. 1617), war doch im 18. jh. noch edel (s. unter 6, a), während getiht doch auch schon mhd. bestand. Bemerkenswert auch gidicht (s. unter 6, c), noch im 15. jh., also das gi- noch länger als ich sp. 1596 angeben konnte, und bedicht (s. spalte 1623 fg., vgl. unter gedächtnis, gedenken 7):
bewer (Calliope) der ritterschaft geschicht,
die angenem sint deim bedicht.
Brant Mor. 444 (s. 146ᵃ Z.).
Nur mhd. wie es scheint auch ein fem. getihte, nicht häufig, s. wb. 3, 36ᵇ, d. h. verstärktes tihte f. das., ahd. tihta, ags. dihte f. Ettm. 560, dichtung.
1)
die älteste bedeutung von tihten, für die niederschrift verfassen, eigentlich dem schreiber in die feder sagen (lat. dictare) erscheint auch beim subst. noch gegen die nhd. zeit hin, z. b.: ob der brief gebresthaft würde an geschrift, an gediht, an insigel. Mones zeitschr. 17, 198, vom j. 1381 (Lexer 1, 944), schrift nach form und inhalt, wenn er unlesbar und unverständlich würde; wer dat diese brieve .. gebreclic wer an scricht of an gedicht. Lacomblet 3, nr. 605 (Sch. u. L. 2, 28ᵇ); mnl. gedichte vom inhalt eines briefes:
Belijn sprac .. wistic u (euer) gedichte
dat getrouwe ware ..
Rein. 3261,
wüszte ich, dasz ihr im briefe nichts untreues geschrieben, geplant hättet. vgl. mhd. einen brief tihten, von schrîben unterschieden, oben II, 1058, aus späterer zeit s. Schm.² 1, 486, noch jetzt z. b. in Thüringen zu hören: schreiben kann ich wol, aber einen brief dichten das kann ich nicht. merkwürdig aber noch im 17. jh. im ältesten sinne: gedicht, dʒ der schulmaister dictirt, dictata magistri. Henisch 1407, 36, war das wirklich noch im schulgebrauch?
2)
daher ursprünglich von allem in schrift verfasztem, seinem inhalt, seiner fassung nach.
a)
z. b. von geschriebenem rechte (vgl. gedichtbuch):
unde hîlt dô um den mein (untreue)
ûf sî ein gerichte,
nâch des rechtis getichte
urteilende des tôdes pîn.
Jeroschin 20683,
die todesstrafe aussprechend nach maszgabe des rechtes, das wol als geschriebenes gedacht ist, vergl. von geschriebenen rechtssatzungen: van dessen naghesreven setten (gesetzen) unde gedichten. Braunschw. städtechron. 1, 133, 22; gedichte unde sette. 177, 24. im 16. jh. von einer kaiserlichen bulle: wisz, dasz solich bull ich ganz hab gelesen, und zaigt das gedicht an, das seltzam latein auf diese zeit in römischen kaisers canzlei gebraucht ist (in gebrauch war). S. Meisterlin Nürnb. chr. 3, 95, 1 (lat. entspricht littera, s. 428ᵃ), der text, die abfassung.
b)
in vocc. des 15. jh., wo der zusammenhang mit dem lat. worte noch bewuszt war, und länger (daher auch die beginnende rückkehr zum d-): dictamen, gedichte (auch dichtung) Dief. 180ᵃ; prosa, i. e. dictamen a lege metrica solutum, ein langs gedichte. 466ᶜ (Wack. voc. opt. 37ᵇ); prosa, gedicht on versch (prosator tichter on versch). nov. gloss. 306ᵃ, worin denn das vorwiegende denken an den heutigen begriff schon erkennbar ist, wie ihn auch z. b. der voc. inc. teut. voranstellt. s. weiter 6, f und g.
c)
aber um diese zeit auch noch von gelehrter arbeit: bewarte erznei fur den gemainen lewtsterben (pest), genomen ausz den pesten getichten der maister Galieni, Avicenne, Ypocratis. Schm.² 1, 487; vgl. das. gedicht von einem formular für behördlichen gebrauch, gleich entwurf o. ähnl.
3)
auch von nachdenken, sinnen, wie es ja zu dem dichten unter 1. 2 gehört als quelle oder mittel (s. dichten 3).
a)
vom nachdenken selber z. b.:
ich traurig ongeschlafen lag,
bedacht die falschen tück und schand,
so man itzt über deudsche land
machet. ich dichtet hin und her,
wie doch der sach zu rathen wer,
entschlief also in dem gedicht.
Joh. Schradin bei Liliencron 4, 302ᵃ, Wolff hist. volksl. 85.
das ist wol noch das schwäb. dîcht m. tiefes nachdenken, z. b. er ist im dîcht, hat es im dîcht gethan Schmid 126 (Schm.² 1, 487), das m. und die länge vielleicht von anlehnung an dâcht, gedanke, überlegung das. 115, d. i. gedacht m. sp. 1926.
b)
auch als subst. zu 'dichten und trachten', worauf sinnen, bedacht sein (s. dichten 4):
und ist also sein ganz gedicht
nur auf den mammon abgericht (hingerichtet).
Ringwald laut. w. 33 (29);
ja sein (des menschen) gedicht im ganzen lauf
steckt voller sünd von jugend auf.
13;
der herr mach ja sein (des papstes) arg gedicht,
wie noch biszher geschehn, zu nicht.
6.
c)
daher auch von bestimmten anschlägen, plänen:
dann daher kompt es, das man spricht,
die Suiter (Jesuiten) und ihr gedicht
seien des teufels letzter furz,
der doch vor angst ihm ward zu kurz.
Fischart 2, 267 Kurz;
herr, greif ins spiel und schaffe rath ..
bekehr die feind und mach zu nicht
all ihr anschläge und gedicht.
Opel u. Cohn dreiszigj. krieg 90.
4)
bemerkenswert selbst für kunstarbeit mhd., eigentlich wol gleich dem erfindung, das im 17. 18. jahrh. im kunstsinne viel gebraucht war; so mhd. (vgl. u. dichten 2), von stickerei z. b.:
nu heiʒ mir gewinnen   die beste meisterin ..
diu mich lêre wirken   daʒ gedihte an der ram
und darûf entwerfen   beide wild und zam.
grosz. Wolfd. 32, 1.
so von der welt als gotes getihte, einen abschnitt bei Heinzelein von Konstanz, der die weisheit und schönheit der schöpfung preist, überschreibt eine handschr.: hie lobet Klein Heinze got umb sîn getihte (Pfeiffers ausg. s. 130), vgl. im gedichte selbst z. b. v. 76 fg.: dîn fürtrebtigiu meisterschaft hât bilde ûʒ nihte gegoʒʒen, gott als künstler, bildgieszer, wie Walther 45, 25.
5)
für erfindung noch in andrem sinne.
a)
von erfindung menschlicher kunst, im gegensatz zur natur, z. b. vom bier: unser leiden und der menschen tiranney (erzählt der hanfstängel) fieng ererst an, aus uns, einem namhaften gewächs, ein pures menschen-gedicht (wie etliche das liebe bier nennen) zu verkünsteln. Simpl. 3, 377 Kz. (887 Kell.), 6. buch 11. cap.; das war dann als witzwort gangbar: und einen trunk Paderbornisch menschengedicht darauf setzen? Köhler kunst üb. a. k. 156, 15. vergl. zum begriffe, menschenwerk, auch im gegensatz zum göttlichen.
disz rührt vom himmel her.   ich achte kein gedicht,
dasz nur vom menschen komt.   viel klüglen hilft uns nicht,
wo gott nicht ist im raht u. s. w.
Rist Parn. 308.
b)
besonders von willkürlicher oder falscher, lügnerischer erfindung u. ähnl.
α)
geticht vel lugen, ficticium, figmentum voc. inc. teut. i 5ᵇ, commentum, nue gedicht Dief. 135ᶜ, gebraucht bis ins 18. jh., und schon mhd.:
vor gerihte valsch getihte.
Renner 8722;
das können sie nicht leugnen, und ist nicht mein geticht, sondern zu Augsburg offentlich geredt und gehört. item so ist das offenbar und nicht mein geticht, das sie u. s. w. Luther 5, 304ᵇ; des Emsers degen nur ein nerricht geticht ist. ders. bei Dietz 2, 33ᵇ; aber werdet ir (die Chaldäer) mir nicht den traum sagen, so gehet das recht über euch, als die ir lügen und geticht fur mir zu reden furgenomen habt. Dan. 2, 9; also ist es nit gänzlich ein erlogen gedicht, dasz (was) die alten von solchen meerwundern geschrieben haben. Forer fischb. 106ᵃ;
ihr glaubet vielleicht, dasz mein bitten
sei allein ein gedicht
nach anderer liebhaber sitten?
Weckherlin 399 (od. I, 19, 4);
darumb laszet uns vergessen
aller sorg, angst und gedichts.
413 (od. I, 29, 5),
leerer, grillenhafter gedanken; welche .. dieses gedicht herzu gethan, dasz bei ihnen ein mann gewesen sei mit namen Aesop, der diese fabeln erzehlet hab. Schuppius 111; die Egyptier und Griechen mahleten den meersgott mit einem dreizackichten scepter, den gott des feuers mit einer brennenden fackel. mit solchen und dergleichen nichtigen gedichten führeten sie als durchs narrenseil den pöbel. 523;
doch triegst du uns auch wol mit fälschlichen gedichten?
J. E. Schlegel 1, 434;
man sagt es überhaupt den guten weibern nach,
dasz alle diese tugend haben (zu widersprechen).
doch, wenns auch tausendmal der ganze weltkreis spricht:
so halt ichs doch für ein gedicht,
und sag es öffentlich, ich glaub es ewig nicht.
Gellert 1784 1, 55 (die widersprecherin);
die kunst? sprach sie ganz höhnisch zu der spinne:
was ist die kunst (im bau des tempels, der welt)? ich sinn und sinne
und sehe nichts, als ein gedicht!
was ist sie denn? durch wen ist sie vorhanden?
nein, dieses mährchen glaub ich nicht.
1, 141 (die fliege), zugleich wol zu d;
taub, stumm und fühllos (wäre er)? wie? wer glaubt ein solch gedicht?
3, 115.
β)
daher auch im gegensatz und reim zu geschichte, z. b. bei Schmeller aus Abr. a S. Clara: es ist eine geschicht und kein gedicht; ein gedicht ist keine geschicht, fabula non est historia. Stieler 297; weisz nicht, ob's 'n geschicht oder'n gedicht ist (Werthers leiden), aber ganz natürlich gehts her u. s. w. Claudius 1. 2, 80 (51); bänkelsänger singen, um die hörer zu fesseln:
hört, ihr leutchen, die geschichte ..
es ist wahrlich kein gedichte.
s. auch gedichtweis, gedichtgeschicht.
γ)
noch jetzt so in andichten, erdichten, erdichtung, wobei der gedanke an dichtung und dichter noch uns fern liegt; vgl. auch das part. gedicht sp. 2013. auch lügengedicht (vgl.lügen und geticht bei Luther vorhin): die aussprengung der neuen auch erdichten zeitungen seind nicht allezeit eitelkeiten (leere einfälle), sondern darunter viel politische griff verborgen .. (indem) ein solch lügengedicht, wann es nur wenigst auf etlich wenig tag beharren kan, viel tausend gulden werth seie. Abele gerichtsh. 2, 84. traumgedicht: durch einfall seiner traumgedichte verwirrt. ders. unordn. 4, 124.
c)
im 16. 17. jh. besonders auch in glaubenssachen (vgl. aus dem 15. jh. gedichtung): gleich als sei aller glaub ain gedicht, wie sceptici vermainen. Berthold v. Ch. teutsche theol. 28, 7; antwort ich, das das kein grund hab (im glauben) und ein lauter geticht ist. Luther 1, 46ᵇ; item, das Carlstad gaukelt von der gerechtigkeit des absterbens .. ist sein gedicht und hat keinen grund. 3, 89ᵇ; solt ir wissen, das ('s) ein lauter geticht ist, wer da sagt das dis wörtlein (ist) so viel heisze als deutet. 442ᵃ; da würde freilich Christus leib ein lauter geticht und gespenst sein. 461ᵇ; grund wollen wir aus der schrift haben und nicht kunst und sein geticht. 463ᵃ; das man greifen musz, es sei ein mutwillig getichte. 470ᵃ; wo sie nicht ir geticht oder werk, sondern gottes wort oder werk zeugen und zeigen. 4, 323ᵃ; unsere opfer und gelübd sind ohn schrift, ein lauter eigen geticht und menschenfündlin. 5, 136ᵇ; und das alles nicht aus menschlichem geticht und fürnemen, wie die müncherei. 6, 24ᵃ; da haben unser widersacher in ihrem schönen gedicht, in der confutatio, ein treffenlich meisterstück bewisen. Melanchthon apol. 85 (corp. doctr. chr.), zugleich zu 2; dasz es ein spöttlich gedicht ist, alles das die schuͦlen .. gesagt haben. ders. anm. zu Röm. 9, 42;
wol denen, so zu jeder fahrt
im glauben ohn getichte
auf ihren abscheid han gewart.
Ringwald bei Mützell 709;
sie sagen, es sei eitel menschen gedicht und teufels list. Fischart bienk. 71ᵇ;
im winter trägt disz land (und das ist kein gedichte)
gleich wie im sommer selbst, die aller schönsten früchte.
Werder Ariost XVII, 12, 5.
d)
doch mischte sich der gedanke an den dichter früh auch ein, von dem man ja ein erfinden (mhd. vinden) verlangte. wie schon früh der dichter die wahrheit seiner dichtung besonders behaupten musz, z. b.:
ist aber hie dehein man,
der dise rede welle hân
vür ein lügenlîcheʒ werc,
der kome hin ze Babenberc ..
ze latîne eʒ noch geschriben stât:
dâ von eʒ âne valschen list
ein vil wâreʒ liet ist.
herz. Ernst 4467 ff. (Bartsch s. 97ᵃ),
so stellt schon der voc. inc. teut. i 4ᵇ als éins hin: geticht, poema, dictamen, carmen ficticium, figmentum, der voc. 1482 k 4ᵃ: gedicht, poema, poesis, ficticium, dictamen. daher poetisches gedicht, dichterische erfindung: darinn sie die obgemeldte thier für offentlich (offenbare) lügen, fabeln und eitel poetische gedicht declariren. Schuppius 570. auch im folgenden ist wesentlich oder allein an die dichter gedacht:
dasz ich in meinem herzen
die von euch rührend grosze schmerzen
leid, lieb und lob, ist kein gedicht (thue ich nicht als dichter).
Weckherlin 400 (od. I, 20);
dasz .. ich also auch allein geboren
zu lieben euch, ist kein gedicht.
das.;
dannenhero das gedicht von ihm (Atlas) entstanden, dasz er den himmel auf seinen schultern getragen haben soll. Simpl. 1685 1, 456; es ist zwar schwer, die eigentliche quelle dieses sinnreichen gedichts (von einer goldnen urzeit) zu entdecken. Lessing 11, 1;
des alterthumes götter schlafen,
der neuern gott ist ein gedicht, wie sie.
Gotter 1, 378 (als lehre der materialisten);
herr stoiker! wir kennen uns, du prahlest!
wir wissen auch, was sein kann oder nicht:
dein weiser mann bleibt ewig — ein gedicht.
Wieland 9, 227,
zugleich als täuschendes, lügnerisches ideal, blosze dichtererfindung, wie im folgenden:
was labt den frommen in der zeit
mit ahnung höhrer seligkeit,
als mädchenblick und mädchenkuss,
des weibes heiliger genusz?
schweig, gleiszner, dich befrag ich nicht,
dir bleibt dies ewig ein gedicht u. s. w.
Voss 1825 3, 99 (an Luther);
(das ding) ist unsichtbar, den junkern ein gedicht,
der mann im kittel kann es haben,
und mancher ritter hat es nicht.
Claudius 1. 2, 130 (78);
wie oft hab ichs hören müssen von dir und dem Boigeol, bitter, bitter, wie mein ganzes wesen (thun und treiben) eben ein gedicht sei, wie meine empfindung, vorgegebene empfindung von gott, religion, freundschaft etc. phantasey, kurz alles blos vom dichter ... herausgequollen. Schiller I, 57, 28 (brief an Scharfenstein 1778); vgl. die erfahrung, die Göthe in Leipzig machte: ich sah dasz sie (Fried. Öser) meinten, poesie und lügen wären nur geschwister. an Leipziger freunde 151, d. j. G. 1, 48.
6)
gedicht des dichters, seine erfindung, schöpfung, dichtwerk in völliger abfassung.
a)
auch diesz schon mhd., wie schon in der dichtersprache zu St. Gallen zu Notkers zeiten dictamen ein aufgegebnes exercitium in versen, dictare die ausarbeitung hiesz (z. b. Haupts zeitschr. 14, 3, vgl. unter dichten 2 und 6), s. noch aus dem 15. jahrh. unter d a. e. dictamen, selbst dictatura für gedicht:
ir hât diz getichte wol gehôrt (vorlesen),
eʒ tichte von Fritslâr Herbort.
liet von Troye 18449.
Auch gleich dichtung, poesie, d. h. begrifflich allgemein oder collecivisch gedacht (vgl. 7, a nhd.):
der diz selbe mære vant
in kriecheschem getihte.
Barl. 4, 29;
dô bat der margrâve mich,
daʒ ich diu mære rihte
ze tiutschem getihte.
Haupt 2, 393;
de sulve Brûn Scônenbeke makede sedder vele dûdescher bôke, als cantica canticorum, dat ave Maria und (überhaupt) vele gûdes gedichtes. Magdeb. schöppenchr. 169, 17. Das mhd. t auszer im 16. auch noch im 17. jh., z. b.: das Eratosthenes ein getichte von beschreibung der welt ... geschrieben. Opitz poet. B 3ᵃ (Braunes neudruck s. 12). B 4ᵃ (13), lobgetichte C 2ᵇ (17), trostgetichte C 4ᵇ (20), auch tichten H 4ᵃ (s. 49), ertichten G 4ᵇ (s. 44), doch daneben gedichte B 3ᵇ (12); Logaus sinn-getichte. auch die volle endung noch tief im 18. jh.: ist mein gedichte auf ihre hochzeit immer noch eine fabel? Gellert 1784 4, 118, wie geschenke ebenda; er setzte sich also und schrieb ein ziemlich lang gedichte. Lessing 4, 449.
b)
es heiszt ein gedicht schreiben, z. b. Opitz, Lessing vorhin (vgl. unter c), ein gedichte verfertigen Günther vorr. 3, aber auch einfach machen, wie jetzt noch, auch nl. maken, schon im 14. jahrh. (s. mnd. unter a, auch aus der Limb. chron. unter c) und im 16. (vgl. griech. ποιεῖν, ποίησις, ποίημα):
nechten zu abend ich spaciert
auf freiem mark und phantasirt
zu machen ein newes gedicht.
H. Sachs 1, 507ᵇ.
natürlich auch dichten, z. b.:
meine gedicht, spruch und gesang,
die ich het dicht vor jaren lang.
ders. bei Göz 1, 8 (summa aller meiner gedicht).
c)
der genaue begriff, dem ursprunge entsprechend, das heiszt geschriebenes dichtwerk, im unterschiede von dem gesungenen liede, ist noch jetzt lebendig, man denkt sich ein gedicht geschrieben und gelesen. daher auch wechselnd mit buch, z. b.: kein feiner noch meisterlicher gedicht als das buch von Reinicken. Alberus Es. 9;
so hon ich Michahel Peham
ain puch da von getichtet.
Behaim Wiener 2, 16. 417, 17.
dem widersprechen auch folgende zeugnisse aus älterer zeit nicht, wo zwar von liedern die rede ist, aber daran gedicht und gesang, melodei unterschieden werden, d. h. der text von der weise: der (aussätzige mönch) machte die besten lieder und reihen in der welt von gedicht und melodeyen ... und was er sung, das sungen die leut alle gern, und alle meister pfiffen (spielten, bliesen) und andere spilleut furten den gesang und das gedicht. Limb. chr. 65 R. (75), wie mhd. geläufig wort unde wîse; vergl.: in denselbigen jahren verwandelten sich die carmina und gedichte in teutschen landen. dann man bishero lange lieder gesungen hatte .. da machten die meister neuwe lieder. das. 36 (35), das ist zugleich gelehrt und volksmäszig durcheinander gedacht und geredet; hie nach volget gar hüpsche abentewrige gidicht, so gar kurzweilig sind zelesen und zesingen, titel von Neidhart fuchs, s. Haupts Neidh. s. viii, genauer als gedicht und lied zugleich nach belieben zu behandeln, sowol zu lesen als zu singen, was bei Beheim Wiener s. 1 spruch oder liet heiszt.
d)
so wird auch sonst, wo gedicht von gesang gebraucht ist (auch mit lied wechselnd), der wortlaut, der inhalt gemeint sein, z. b. ein schönes lied von Kopfstain vom j. 1504 beginnt:
wöllt ihr hören ein neues gedicht?
Soltau 2, 41, Liliencron 2, 550;
nun wend ir hören singen
iezund ein nüw gedicht?
Liliencron 2, 552;
und der könig Hiskia hiesz die Leviten den herrn loben mit dem geticht David und Assaph des schawers. 2 chron. 29, 30; wir wöllen einen guten spruch hören, und ein fein geticht auf der harfen spielen. ps. 49, 5; Phemi, du kanst vil schöne liebliche gedicht oder gesäng von den göttern und menschen ... aber jetzo hastu ein lied gesungen, das mir (Penelope) in meinem herzen schmerz erweckt hat. Schaidenreiszer Od. 10ᵇ; ein jedes newes gedicht und von new geschehen dingen höret man am aller liebsten (tröstet sie Telemach). darzu betrifft disz lied nit allein Ulyssem. 11ᵃ. der voc. inc. teut. gibt neben geticht poema noch besonders geticht von gesangk carmen, vgl. bei Dief. 102ᵃ für carmen wechselnd gedicht, lied, gesang, das erste ist mehr gelehrt gedacht, wie das ganze wort von haus aus. Ein völliges übertreten in den sinn von lied klingt uns entschieden befremdlich, und hats wol immer gethan, z. b. von der nachtigall in einer fabel, doch wechselnd mit lied:
die nachtigall sang einst ihr göttliches gedicht,
zu sehn, ob es die menschen fühlten (s. sp. 1951 m.) ..
drauf kam Damöt mit seiner schöne.
der kukuk schrie sein lied: sie giengen stolz vorbei.
nun sang die meisterinn der zauberischen töne ..
sie fühlten die gewalt der lieder.
Gellert 1784 1, 224 (die nacht. u. der kukuk),
gedicht ist da herbeigeführt durch das dichten der zeitgenössischen liederdichter, das er zugleich oder mehr im sinne hatte. so auch schon bei meistersingern, gelehrt gemeint, vom waldgesang:
frölich die vogel sungen da,
suͤszlich usz ganzer musica ..
ieglicher sang sein aigen ticht ..
die nachtgall ir gesang durchpricht u. s. w.
Hätzl. 37ᵃ.
Übrigens findet sich auch liet früher umgekehrt erweitert, z. b. der Teuthonista 70ᵃ gibt als begriff: gedicht of (oder) liet int gemein, dictamen, carmen, poema, dictatura, fictio, dann im besonderen: gedicht of liet van kerlschen (bäurischen) saken, comedia, gedicht of liet van herliken saken (herrenangelegenheiten), tragedia, wie ja auch das nicht gesungene epos schon mhd. liet hiesz, im 18. jh. wieder heldenlied; vgl. tragedia als gesang Dief. 591ᶜ.
e)
von verschiednen gedichtarten werden z. b. bei Stieler 297 genannt liebesgedicht, schandgedicht pasquillum, geistlich gedicht, lobgedicht, ehrengedicht, traurgedicht, geschichtsgedicht poëma epicum; ferner klag- traur- ruhm- und lobgedicht. Rist Parn. 447; spielgedicht oder comödien. Zinkgr. 1, vorr. 6ᵃ (vgl. gedichtspiel); heroisch gedicht, epos. Aler 856ᵃ; hochzeitgedicht oder carmen, trauergedicht oder leichencarmen, ein liebes- und heldengedicht a romance, schand- oder schmähgedicht, strafgedicht (satire) Ludwig 706; abschiedsgedichte, buhlergedichte, geburtsgedichte, leichengedichte u. a. Steinbach 1, 278; ein heroisch getichte. Opitz poet. C 4ᵃ (s. 19 Br.); dramatische gedichte. Gottsched dichtk. (1751) 175, Lessing 3, 128, von allen gattungen der bühnendichtung, während man im engeren sinne jetzt ein solches so nennt, das sich den strengen forderungen der bühne gegenüber freier hält, mehr gedicht als drama ist; Hallers und Hagedorns lehrgedichte. Gellert 1784 6, 257; sinngedicht, schäfergedicht, klinggedicht, scherzgedicht, spottgedicht, festgedicht, gelegenheitsgedicht, dankgedicht u. a im 17. jahrh. für fabula, apologus sinnreich gedicht Schönsleder L 3ᵇ.
f)
wenn für den begriff eigentlich verse, reime, rhythmus u. s. w. nötig sind, so ist er doch auch auf dichterarbeit in prosa erstreckt worden, wie wir diese, z. b. den roman, die novelle, noch als dichtung bezeichnen, während uns gedicht dafür jetzt befremdet, z. b.: Bronners fischergedichte. Zür. 1787, idyllen in prosa. von romanen:
er macht sich einen plan von freuden und von pflichten,
vielleicht nach Richardsons unsterblichen gedichten.
Uz 2, 102,
genauer als prosaische gedichte bezeichnet: zu dieser classe zähle ich ferner die guten prosaischen gedichte, besonders die Clarissa und den Grandison. Gellert 1784 6, 257 (10. mor. vorl.); Gerstenbergs prosaische gedichte. Altona 1759. derselbe ausdruck übrigens auch in anderm sinne, gedicht in ungezwungenen reimzeilen, im ton der 'poetischen epistel', in halber prosa sich bewegend, denn so ist es wol im folgenden gemeint:
ich sage nicht was ich empfunden,
denn mein prosaisches gedicht
stimmt diesesmal sehr zur empfindung nicht.
der junge Göthe 1, 33 (an madem. Öser).
gedichte in prosa aber auch schon im 17. jahrh., z. b.: Nathan und Jotham, d. i. geistliche und weltliche lehrgedichte u. s. w. von Harsdörfer, Nürnb. 1659, es sind fast durchaus kleine aufsätze in prosa. das reicht aber rückwärts dem älteren gebrauch u. 2, b die hand, wo z. b. prosa als gedicht on versch erklärt wird, eigentlich schriftwerk überhaupt.
g)
damit erklärt sich auch die bezeichnung gebundnes gedicht, poetisches, reimgedicht u. ä.: das ander buch sehr herrliche, schöne, artliche und gebundene gedicht, titel des 2. theils von den gedichten des H. Sachs Nürnb. 1560; ein poetisches italianisches gedicht. Schuppius 567; reimgedichte Romplers Straszb. 1647; ein poetisches gedicht, a poem, a poetical composition Ludwig 706.
7)
der begriff fand aber noch andere erweiterung.
a)
gleich dichtung, das ja selbst auch für gedicht im vorigen sinne eintritt (wie poeterei im 16. 17. jahrh. auch), das dichten des dichters oder gedichte als ganzes gedacht, poesie (schon mhd., s. unter 6, a): poesis, getichte, geticht u. ä. (neben tichtunge). Dief. 443ᶜ; hab ich meine garstige und schnöde poeterei odder geticht lassen faren. Luther bei Dietz 2, 33ᵇ;
als ich Hans Sachs alt ware ..
lust und begir wurt schwach und öd
zu höflichem gedichte.
H. Sachs 1, 320 Göd.;
meinst, ich hätte dich darum erwählt (zum freunde), um einen zu haben, von dem ich in mein gedicht plaudern kann! Schiller I, 59, 29 (brief an Scharfenstein), was jetzt in meine gedichte oder dichtung heiszen würde;
eine kunde (sage), drin geschichte
sich schön verwoben mit gedichte.
Uhland (1847) 342, die drei schlösser,
wozu übrigens 5, b, β zu vergleichen. auch nl. früher z. b. in gedicht schrijven, jetzt in dicht, in poesie.
b)
gedicht für gedichtart, bestimmte gattung oder form: wan her (für wannen her) das sonnet ... seinen namen habe ... weisz ich anders nichts zue sagen, als ... disz getichte vielleicht von wegen seiner hin und wieder geschrenkten reime ... also sei getaufet worden. Opitz poet. G 4ᵇ (s. 44 Br.).
c)
übertragen z. b. auf malerei:
farbe her! dein meisterwille
schafft ein sichtliches gedicht.
Göthe 2, 166 (2, 401 Hemp.), an Tischbein;
ähnlich spricht man von tondichtung, wol auch tongedicht. gleich künstlerische schöpfung: Lilar (der fürstengarten) ist das naturspiel und bukolische gedicht der romantischen und gaukelhaften phantasie des alten fürsten. J. Paul Tit. 2, 48.
gedicht adj
Fundstelle: Lfg. 10 (1878), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 2013, Z. 34
gleich dicht, wie es mhd. vorwiegend gedîhte hiesz (wb. 1, 329ᵃ), als adv.; nhd. auch als adj., im 16. jahrh.: darum soll man keine kirsbaum in gemist und gedicht erdrich setzen. Sebiz feldb. 347; disz schnuͤrlein ist sehr künstlich mit .. knöpfen (knoten) in einander geflochten, und stehn so gedicht und fest an einander, dasz vil hohe meister auf strick verknipfen u. s. w. (s. u.knopf 10, b). Fischart bienk. 69ᵇ; und das loch soll ain decklein haben fein gedücht (so) darauf gedräet. Schmeller 1, 355 aus einem feuerbuch von 1591. Noch landschaftlich, z. b. auf der Eifel gedicht, genau (genau ist eig. nahe) und im treffen gewandt Schmitz 1, 225ᵃ, das letztere deutlich vom schusse, der nahe zum ziel getroffen, auf den schützen übertragen. Auch mnd. gedichte ( : gesichte) Sch. u. L. 2, 29ᵃ und mnl. gedichte adj. und adv., s. Oudem. 2, 388 fg., im reim auf gesichte, also mit kurzem vocal, wie noch nl. dicht (nicht dijcht), wonach auch fürs mhd. neben gedîhte eine form gedihte mit kürze zu vermuten ist, wie nhd. anfangs nebeneinander gehn dicht und deicht (s. d.). zu dem ge- vergl. sp. 1611 fg., auch 1617 (ε), es ist vermutlich gleich mit übernommen von seinem stammwort gedîhen (s. gedeihen).
gedicht part
Fundstelle: Lfg. 10 (1878), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 2013, Z. 54
gleich gedichtet, wie geacht für geachtet, veracht (Göthe an frau v. Stein 1, 156) u. ähnl., galt lange für tadellos: gedichte heiligkeit ist zwifechtige bosheit. Luther tischr. 299ᵇ, künstlich gemachte, erlogene; gedichte freundschaft. 278ᵇ, ebenso; dise haben nur einen gedichten won, aus fleisch und pluͦt erschöpft. H. Sachs dial. 58, 4, selbstgemachte einbildung; gedichte demuͦt. Frank weltb. 100ᵇ; der schein und das gleiszen der gedichten erbarkeit kann in der not nit bestehen. Agricola spr. 31ᵃ. noch im 17. 18. jh. einzeln:
hier bei dem hellen hochzeit-lichte
verschwindet alles nur gedichte
als zweifelhaft und ungewiss.
Chr. Gryphius 1, 611;
göttlich lied! was das gedicht ist! Fr. Müller 1, 173.
Zitationshilfe
„gedicht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gedicht>, abgerufen am 19.04.2019.

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