gaukler m
Fundstelle: Lfg. 7 (1876), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1563, Z. 51
der das gaukeln als kunst treibt, ahd. gougulâri, coucalâri, gouggilâri u. ähnl., s. Graff 4, 134 ff., mhd. gougelære, goukelære, rheinisch auch gouchelêre, gûchelêre (sp. 1554), wie mnl. guichelaer, jetzt goochelaar, s. darüber wie über die andern formen unter gaukeln I, 2. in der übergangszeit und nhd. besonders auch gaugler, geukeler, geukler, gogler, gockler, kaukler, keukler, jaukeler, kekeler, gekeler, nrh. geuchler (s. u. 2), keuchler, kocheler, coechler, nd. gokeler, goͤkeler, kokeler, kocheler, jokeler. auch altn. kuklari, dän. gjögler, schwed. gycklare, s. mehr unter gaukeln I, 3, b. hd. auch gaukelmann und kurz gaukel (s. d. 4). vom verhältnis zu mlat. jocularius u. ä. s.gaukeln I am ende.
1)
zauberer, ahd. mhd. magus, praestigiator, maleficus, ariolus, s. die wbb., auch Dief. s. vv., dazu gaukeln II, 5; im 16. jh. z. b.: fiton, ein gaukler, zauberer gemma Straszb. 1518 Y 7ᵇ; praestigiator, gaugkler, zauberer Junius 363ᵇ, goͤgeler, toͤverer, de den lüden de ogen vorblendet Chytraeus 272, was denn in die taschenspielerkunst übergeht, vergl. gaukeln II, 5, c, auch tausendkünstler u. ähnl. V, 2707 m.; wenn ein geugler künde ein auge machen, das da lebet oder ein elle weit sehen möchte. Luther 5, 209ᵃ; recht wie ein erzlesterlicher geukler, zeuberer und abgötter (der papst). 8, 113ᵇ; er (gott) feret nicht erab, das er allein wolle ein ledig gesicht (blosze vision) zeigen, als ein schemen oder gespenst, wie ein gaukler. ders. von der taufe (1535) G ijᵃ, vgl. gaukelbild. wie beide begriffe verwachsen waren, zeigt, dasz selbst gesticulator mit zeuberer glossiert wird Dief. 261ᶜ.
2)
gaukler als künstler, und zwar eigentlich als zusammenfassender name für mancherlei wandernde künstler, z. b.: die unseligen gaukler, seiltänzer, taschenspieler, comoedianten, feuerfresser, kloppfechter und wie das geschmeisz alles mag genennet werden. Gerber sünden 577; eine grosze gesellschaft: seiltänzer, springer und gaukler .. waren mit weib und kindern eingezogen. Göthe 18, 141, gemeint ist wesentlich: und andere gaukler. daher im 16. jh. auch gleich spielmann: gelasinus, joculator, spilman, gaufman, gaukeler. Alberus Cc 2ᵇ, vgl. Dief. s. v. jocularius, baratro. sie waren gleich den spielleuten unehrlich, daher noch im 18. jahrh., wie Chr. Gerbers geschmeisz vorhin, die klage eines schneiders über ein reichsgutachten, das den begriff der unehrlichkeit für die zünfte aufhob: aber in einem kleinen städtgen ist es sehr empfindlich, wenn kesselbüszer (kesselflicker) ... schornsteinfeger, geuchler, lotterbuben .. und andere dergleichen abentheurer, wie sie in herrn Wilhelms herzogen zu Gülich policeyordnung zusammengesetzt sind, sich in unsre gesellschaft eindringen und aller ehren fähig werden. Möser phant. 2, 161 (nr. 32), vergl. Frisch 1, 325ᶜ; eben mit lotterbuben und abenteurern werden sie früh zusammen genannt (z. b. unter e), s. auch baratro u. ä., luderer, geukeler Diefenb. 68ᵃ, ludrer oder unkeuscher oder gaugler, balatro, balator, histrio voc. 1482 t iijᵃ. sie schlugen ein zelt auf (vgl.gauklerszelt): es were denn, das der bapst und seine bepstischen inen selbs ein eigen himel, wie der gaukler von leinen tüchern in der fastnacht bawen wolten. Luther 1, 409ᵃ. Insbesondere hieszen auch so
a)
taschenspieler (vgl. unter 1), schon mhd. z. b.:
genuoge hêrren sint (mit versprechen) gelîch den gougelæren ...
der spricht 'sich her, waʒ ist under disem huote?' u. s. w.
Walther 37, 34,
unter dem hute erscheint dann bei wechselndem aufheben ein falke, pfau u. dergl., es ist aber eine gougelbühse (s.gaukelbüchse) im spiele, aus welcher asche stiubet in diu ougen, d. h. die zur blendung der augen dient, von der bei taschenspielerei viel die rede ist (s.gaukeln II, 5, c). auch von der tasche des gauklers ist schon damals die rede (s. gaukeltasche):
der goukler sprichet 'wider in die taschen!'
Renner 22500.
beides noch nhd.: geukler, die unter dem hütlin spielen. Luther 6, 106ᵇ; gaukler, der mit kügelinen und buͤcheren gauklet, pilarius. Maaler 158ᵇ, vgl. Abele unter gaukeltasche; gaukler machen angesichts ein betbuch zum kartenspiel. Lehman flor. 1, 640;
(musik) die mit den tönen spielt, wie gaukler aus der taschen,
und immer blenden will und immer überraschen.
Wieland Amadis 2, 98 (13. ges.).
b)
kunstspringer, an die wir noch jetzt bei gaukler zuerst denken (vgl.gaukelsprung): sie sprangen herum wie gaukler und fastnachtnarren. Simpl. K. 205; petaurista, der sich geschwind durch ein reif schwenken kan, gaugkler. Junius 363ᵃ; gaukler, der ringe leibsuͤbungen und luftsprüng treibt, ventilator, cybisteter. Maaler 158ᵇ; gaugkler, abentheürer, der ein mülrad macht, cybisteter. dictionariolum Zür. 1556 87ᵃ (die das mülerad genant springend und bürzlend Frisius 360ᵇ); der gaukler machet mancherlei schauspiele durch geschwindigkeit des leibs, gehend auf den händen oder springend durch den reif u. s. f., zuweilen auch danzet er vermummet. Comenius orb. pictus 1, 271; einem gaukler ähnlich der auf dem kopfe tanzet. Liscow 516. auch kunstreiter nach folg.: desultorius (it. joculator), gogkler. Dief. 177ᵃ, nd. goͤkeler n. gl. 132ᵃ, und dasselbe ist wol entstellt gawkler defulcarius voc. 1482 k iijᵃ. auch folgendes wird hierher gehören:
auch kürzweilten zwen gaukler da ...
die machten kurzweil auf dem dopf.
H. Sachs 1, 426ᵃ.
c)
seiltänzer (s. u.gaukeln II, 4, b): gaukler, der auf einem sail geen kan, cenobates. voc. 1482 k iijᵃ; cenobates, ain gockler der uf dem sail gaut. Dief. 517ᶜ; den 25. märz a. 1593 ist ein kökler vom schloszthurm auf einer leine herunter gelaufen, seinen sohn vor sich auf einem karren herabgeschoben u. s. w. (schlieszlich auch in feuerwerk). Hennig preusz. wb. 129 aus einer gleichzeitigen hs. chronik. noch bei Stieler 616 auch gaukeler funambulus. vgl.gaukelseil, gauklerseil.
d)
bauchredner: wolst darumb nicht Kunz heiszen, weil .. die gaukler Kunz hinderm ofen rufen? Fischart Garg. 109ᵃ (Sch. 194), s. das genauere V, 2752. dasz auch das mit zauberei und teufelei vermischt wurde, zeigt folg.: bauchgeist, gastrimargus, ventriloquus, ein teufel der eim in leib fert und redet aus dem bauch. Alberus BB 3ᵃ.
e)
geberdenspieler: gaukler, gesticulator. voc. inc. teut. h iijᵃ. voc. 1482 k iijᵃ, diesz lat. wort ist nebst joculator der gewöhnlichste beisatz des deutschen (wie gesticulari bei gaukeln): gawgkler, panthonomus vel pathonimus. voc. 1482 das., vgl. Dief. s. v. pantomimus; gaukler oder fursneider, cironomon, ital. ioculator. voc. 1482 das., chironomus ist loterbub, gaukler Dief. 123ᵇ, ein gaugkler der vil seltzame bossen mit den henden treibt (auch kunsttänzer) Junius 363ᵃ, bei Stieler 616 handgauklerei chironomia. vgl. auch ossidium, ↗ein gauklerei quae fit ex apertione oris, in dem gewen (s.gäuen) von dem mund gemma Str. 1518 R 3ᵈ, vgl. dazu von Springinsfeld Simpl. 3, 183. 157.
f)
schauspieler, mit dem vorigen sich mischend: coucalara scenici Graff 4, 135, in den späteren vocab. ist mimus oft gaukeler, gaugler, auch goͤgl (s.gaukel 4) und lotterer, abenteurer Dief. 361ᶜ, auch histrio voc. 1482 t iijᵃ, Teuth. 53ᵃ; weiteres, aus späterer zeit, unter gaukelspieler und besonders gaukeln 4, a zuletzt;
gleich dem gaukler in dem opernhaus.
Schiller 1, 343 Göd.
mit masken (vergl. Comenius unter b): die goukler, die kind erschrecken mit iren frömden weisen und butzenantlitter. Keisersb. irrig schaf G 5ᵇ, vergl.coechler manducus Teuth. 53ᵃ. als marionettenspieler s. untergauklerszelt.
g)
bären- und affenführer u. ä.:
oder wie gaukler heut hantieren,
die adler, löwen umher füren.
Fischart flöhh. 867 Sch.;
wo etwa ein geugler kompt, der auf dem seile gehet oder affen feil hat. Luther 5, 209ᵃ; die ganze gemeinde (Mies in Böhmen) haben wir in fröligkeit gefunden, denn ein liederlicher gaukler und daschenspieler hatte ein kleinen hund bei sich, wolte ihnen seine und des hunds ausbündige bossen sehen lassen. Möhner reise 42. s. auch Springinsfelds bei sich habende fremde thier Simpl. 3, 203 Kurz.
h)
quacksalber, marktschreier: circulator, gaukler, zanbrecher. Dief. 121ᶜ, vergl.gaukelbühne. von quacksalberei wol auch: venenificus, geukeler, kokeler. 610ᵇ, das schlieszt sich zugleich an den zauberer an. noch jetzt heiszt in schwed. mundarten kukkla auch kurz quacksalbern Rietz 362ᵇ.
i)
auch als kunstredner oder sprecher scheinen die gaukler aufgetreten zu sein mit rätseln, schwänken, scherzen u. dgl., wie sie ja bei taschenspielern und marktschreiern auch zum geschäft gehören: wir sollen wissen, das Christus nicht ein solcher geukler ist, der mit halben worten redet. Luther 5, 369ᵃ, vgl.geugkeln, ↗das mans mancherlei deuten mag 5, 453ᵃ (gaukeln II, 4, c); s. auch V, 2752 aus Mathesius vom Cunz hinterm ofen, der zweideutige rätsel gibt und löst, und vom gaukelbruder oben, dem man nicht glauben darf; s. auch unter gauklerisch.
k)
musikanten, s. gaugler und musicus unter 3 und die angaben von der lehre Springinsfelds als gauklerknab Simpl. 3, 202 Kurz; jeder strebte möglichst viele der genannten künste zu vereinigen.
3)
vielfach bildlich, wie gaukeln (s. d. II, 4, c): ir habt alles verkeret .. o spötter, o geugler, o heuchler. Luther 5, 193ᵇ; so weren auch wir nichts denn des teufels geukler und lügner. 6, 226ᵇ; sein (des neuen statisten) mund gibet einen gaugler und musicum des teufels ab. Butschky Patm. 298; gleich wie unter den comedianten der pickelhering vor die schwerste person gehalten und folgends gemeiniglich von dem meister (director) selbst vorgestellet wird, also auch unterweilen zu hofe die vornehmsten die grösten gaukler sein. Wernike 75 (53 Bodm.); mit unverzeihlichem leichtsinn hüpft der französische gaukler über die schwersten punkte dahin. Schiller 1, 87 Göd.; als die heidnischen heiligen und propheten verstummten, traten christliche gaukler an ihre stelle. Schlosser weltg. 4, 445; die puppen der nachtschmetterlinge, der gaukler in künftigen frühlingsnächten. J. Paul Hesp. 4, 189.
4)
zuweilen auch gleich narr, wie gaukelmann 2 (s. d.), z. b.: also haben die juristen und sophisten die kirche regirt und geleret bisher, das Christus hat mit seiner lere und auslegung ir narr und geukler müssen sein. Luther 5, 344ᵃ, nach ihrem willen narrenspossen lehren und treiben. bildlich von kleinen kindern (vgl. mhd. aus Berthold unter gaukel 4):
wenn er (der gatte) auf ihrem (der gattin) schosze
die kleinen gaukler scherzen sieht.
Seume 7, 68.
5)
noch anders langer gaukler, der zu seiner länge übel proportionirt, longurio. Henisch 1374, gaukler Stieler 616, s.gaukeln II, 1, b.
Zitationshilfe
„gaukler“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/gaukler>, abgerufen am 20.05.2019.

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