finster f
Fundstelle: Lfg. 7 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1668, Z. 28
caligo, ahd. finstarî, mhd. vinster, vinstri und vinsterîn:
unz daʒ diu naht ane gienc
und ëʒ diu vinster undervienc.
Iw. 7348;
dër vinster man vil gar vergaʒ.
Parz. 82, 21;
vërre ûʒ einer vinster.
Nib. 1775, 3;
ettelîche sprëchent, si sîn in einer vinstrî. myst. 1, 268; sie schieden daʒ lieht von dër vinster. 1, 332; ô wol die sêle wart, dër vinster in diz lieht verwandelt ist. 1, 369; iedoch schreibt man, daʒ Titus der kaiser in der vinster sæh, wenn er waht, reht als an dem liehten tac. Megenberg 9, 35; diu eselinne, wenne si gepern schol, so fleuht si daʒ lieht und suocht die vinster. 120, 19; sô wirt diu vinster seiner augen verzert von der sunnen hitz. 166, 19; unser frawe sichert den sündær vor den nahtvorhten und vor der vinster des êwigen tôdes. 442, 22; und werft aus den unnützen knecht in die euszersten vinster, da wirt weinen und grisgrammen der zen. bibel 1483, 482ᵇ = Matth. 25, 30;
wie wol es in der finster ist.
fastn. 387, 32;
reiszende wölf und lemle milt,
so einer pett (betét), der ander schilt,
und liecht bei finster, grosz und klein,
der gegenwürf sin vil gemein.
Schwarzenberg 129, 2;
in der finster an liecht.
H. Sachs I, 392ᵇ;
als Jesus starb zur none,
ein grosze finstre ward.
Soltau 507 (1632);
da han ich oft groszen hunger ghan und bin übel erfroren, darumb das ich oft bis um mitte nacht in der finstre han mieszen umbher gan singen umb brot. Tho. Plater 27; doch von der finster wegen der nacht, ersahe er inner dem holz ein groszes fewer. Amadis 135; des fisches gall in die augen geschmiert nimpt hin die tünkele und finstere der augen. Forer 29ᵇ; derjenige so mich in der finstere visitieren wollen. Simpl. K. 262; wir thäten eine kleine reise in der finstre. Birken OL. 92; weil er in der finstere keine gelegenheit (abtritt) finden können. fliegenwadel 107; in der finster ligen. Abele gerichtsh. vorr.; lockvögel soll man im martio in die finstere setzen. Hohberg 1, 111ᵃ. zuweilen mit schwacher flexion, wo nicht für finsterîn:
hort mich, ich gieng ein nacht spacieren,
wart mit der finstern mich umbthieren.
fastn. 339;
ich kan dich in der finstern nicht erkennen. Butschky kanzl. 914; wann die vögel in der finstern krank werden. Hohberg 2, 689ᵇ; in dera finstern. Weikerts nürnb. ged. 200; znachts in der finstern drausz. Grübel 3, 208. doch alle diese weiblichen formen weichen allmälich dem adjectivischen 'in dem finstern', oder den substantivbildungen finsternis und finsterheit.
finster
Fundstelle: Lfg. 7 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1666, Z. 19
tenebrosus, ahd. finstar, mhd. vinster, eins der kennzeichen hochdeutsches idioms, denn weder ags. engl. fries. nl. noch in den nordischen dialecten ist das wort bekannt, nur Hel. 12, 7 und 131, 20 hat die alliteration finistri statt des alts. thiustri herbeigeführt, wie auch in heutigen nd. mundarten blosz die substantiva finster und finsternisse vorkommen (Schambach 270ᵃ). neben finstar erscheint schon im vocabularium sancti Galli 193 dinstar und neben mhd. vinster ausnahmsweise dinster (wb. 1, 361ᵃ). sichtbar entsprechen sich din in dinstar, ten im lat. tenebrosus, tam im lit. tamsas obscurus, lett. tumśs, skr. tamas caligo, altsl. t'ma caligo, russ. temnyi, böhm. temny, poln. ciemny obscurus, ir. deim, welches für teim wie das ags. engl. dim für thim steht. im alts. thimm obscurus, ahd. dëmar crepusculum und jenem dinstar für dimstar ist alles recht lautverschoben. diesen linguallauten sämtlich tritt nun, wie bereits oben sp. 1211 angemerkt ist, labialanlautend das finn. pimeä, estn. pimme, livische pimd zur seite, mit welchen das fin unseres finster zusammentrift, die formen finster und dinster reichen uns ein wiederholtes beispiel des consonantwechsels dar, den wir in feile und þiöl, in fest und þvast, fime und dime sp. 1638 gewahrten, in fein und dünn mutmaszten. leider entgeht uns, ob der goth. sprache der anlaut fim oder þim zusagte, wie sie auch weiter das wort gebildet haben mag, denn schwerlich stand ihr nur riqis und riqizeins zu gebot, die im N. T. σκότος und σκοτεινός übertragen. mit ausfallendem m oder n (wie in feister für fenster sp. 1519) lautet die alts. form thiustri, ags. þeostre, þystre, nnl. duister, nd. düster, das zuletzt auch ins nhd. eindrang (2, 1761). wie der diphthong iu, eo hier entsprang ist noch nicht aufgeklärt. die nahverwandten ahd. timpar, mhd. timber, nhd. timmer (2, 1152), ahd. tunchal, nhd. dunkel, alts. dunkar, altn. döckr bleiben unbesprochen; zu den farbbestimmungen verwandte die frühere sprache oft finster statt des heutigen dunkel.
a)
sinnliche bedeutungen von finster.
1)
unpersönlich, es ist, es wird finster: und es war finster auf der tiefe, καὶ σκότος ἐπάνω τοῦ ἀβύσσου, et tenebrae erant super faciem abyssi. 1 Mos. 1, 2, wo Luther doch wol das adj. meint; recke deine hand gen himel, das (dasz es) so finster werde in Egyptenland, das mans greifen mag, vulg. et sint tenebrae super terram Egypti tam densae, ut palpari queant. 2 Mos. 2, 21, wieder deutlich das adj.; und es war schon finster worden, καὶ σκοτία ἤδη ἐγεγόνει, vulg. et tenebrae jam factae erant, goth. jah riqis juþan varþ. Joh. 6, 17; frühe da es noch finster war, πρωὶ σκοτίας ἔτι οὔσης, vulg. mane cum adhuc tenebrae essent. Joh. 20, 1. ebenso sagen wir es wird hell, heiter, dunkel, verstärkt, es ist stockfinster, stockpechfinster: ins land, da es stockdickefinster ist. Hiob 10, 22; ach es wird mir ganz finster vor den augen! Weisze kom. opern 2, 18.
2)
die finstre nacht, wie sonst die schwarze, die eitle (sp. 385); der selbe tag müsse finster sein, dies illa vertatur in tenebras. Hiob 3, 4; ire sterne müssen finster sein in irer demmerung, vulg. obtenebrentur stellae caligine ejus. 3, 9; ein finster tag, ein tunkel tag, vulg. dies tenebrarum et caliginis. Joel 2, 2, wo auch die Züricher bibel ein finsterer tunkler tag; finster wetter, tenebricosissimum tempus. Maaler 136ᵇ; die tröstende liebe leitete seinen zweifelnden fusz durch die finstre nacht. Wilhelmine 80; der andere tröstete sich heimlich, dasz es in seinem gehirne so finster, wie eine durchnebelte winternacht, aussah. 112; der finster mond, der neumond. Rütte 24; zum finsteren sternen, caput finis terrae. Maaler 136ᵇ, aus misverstand des lat. worts. perg, die zuͦ mitternacht leuchten als der finster steren. Steinhöwel dec. 475, 26, wo Bocc. che rilucon di mezza notte vatti con dio. vgl. die unter finsterlings aus Mathesius gegebne stelle.
3)
es war aber ein finster wolken und erleuchtet die nacht, vulg. et erat nubes tenebrosa et illuminans noctem. 2 Mos. 14, 20.
4)
und ob ich schon wandert im finstern tal, fürchte ich kein unglück. ps. 23, 4; wir giengen durch den finstern wald; finstere hölzer nennen die jäger nadelhölzer gegenüber den lichten laubhölzern.
5)
der finstere kerker, die finstere kammer:
ein schnit brots gib ich im all tag fru,
kleckts nit, so esz er halt bonen zu,
der lign vil in der finstern kammer
darin er badt in angst nnd jammer.
H. Sachs V, 340ᵈ;
wie künd mein herr sein guter ding,
dieweil er sitzt in einer finstern kammer
verspert, gfangen, in trübsal jammer.
V. 341ᶜ;
du habest Ernsten darum eingesperrt
in einen tiefen und sehr finstern thurm,
damit ich desto reicher werden soll.
Uhlands Ernst 8;
und er musz sitzen, fühlend, in der nacht,
im ewig finstern.
Schiller 523ᵃ.
den Slaven drückt das einfache subst. schon gefängnis aus: altsl. t'm'nitza, böhm. temnice, poln. ciemnica = die finstre. die stube ist sehr finster; das zimmer finster machen, die vorhänge herablassen.
6)
finsteres brot, schwarzbrot. Weinhold schl. wb. 20ᵇ; ein finstres, trübes glas:
geit im ein schein als ein vinsters glas.
fastn. 681, 7.
als seine augen finster worden. pers. baumg. 1, 3; darumb ist auch unser herz betrübt, und unser augen sind finster worden. klagl. Jerem. 5, 17. doch ein schwarzes, dunkles auge nennt niemand ein finsteres.
7)
ungewöhnlich von haar und locke statt dunkel:
und sein kinn umsproszte der finsteren locken gekräusel (Voss),
und es umsproszte das kinn ein dunkelschwärzlicher kinnbart (Uschner).
κυάνεαι δ' ἐγένοντο γενειάδες ἀμφὶ γένειον.
Od. 16, 176.
vgl. die zusammensetzung finstergelockt.
8)
gleich ungewöhnlich vom staub:
empor stieg unter dem fusztritt
finsterer staub in die luft.
es flog von den tritten der füsze
wirbelnder staub in die höh
(Uschner).
ποδῶν δ' ὑπένερθε κονίη
ἵστατ' ἀειρομένη.
Il. 2, 151.
9)
im finstern ist gut mausen (wie im dunkeln ist gut munkeln); im finstern bricht er zu heusern ein, perfodit in tenebris domos. Hiob 24, 16; denn sie sind müde in angst und gehen irre im finstern. Es. 8, 22 (rührt bister, irre, nnl. bijster an finster?); wer ist unter euch der den herrn fürchtet, der seines knechts stim gehorche, der im finstern wandelt, vulg. quis ambulabit in tenebris. 50, 10; er legt mich ins finster, wie die todten in der welt, collocavit me in obscuris sicut mortuos seculi. ps. 143, 3; gelegenheit im finstern zu schiffen (zu betriegen). Kirchhof wendunm. 446ᵇ. du tappst im finstern;
gott, der in das finster sieht.
Ayrer 397ᵇ.
b)
bildliche, abgezogne anwendungen.
1)
der text ist hie finster, das ist seer ebreisch. Luther 3, 255ᵃ; ist der spruch auch finster? 3, 367ᵇ; also auch mag der thalmud finster unluter und verborgen mainungen in sich halten, die anders von inen verstanden werden. Reuchlin verst. 7ᵃ; man hat in den finstern zeiten oft sehr grosze männer gesehn. Lichtenberg 1, 179. wir sagen heute meist dunkel.
2)
ein finsteres gesicht oder auge machen; etliche finstere gesichter machen. Gellert 4, 136; o werden sie mit zehn finstern mienen herausfahren. 4, 140; die verse, wobei man so finster aussieht, können unmöglich gerathen. Lessing 1, 291; seht nicht mit eins so finster!; ein finsterer blick. Gotter 1, 6;
dein blick ist finster, deine stirn gefurcht.
Uhlands Ernst 77;
nicht diesen starren blick! nicht diese finstre
betäubung, königin.
Gotter 2, 238;
ihr blick ist finstrer ränke leer.
1, 111.
3)
welcher finstere schmerz hat sich ihrer bemächtiget? Lessing 2, 87;
schon viele tage seh ichs schweigend an,
wie finstrer trübsinn deine stirne furcht.
Schiller 519ᵃ;
soll er in diesem finstern kummer scheiden?
542ᵇ.
4)
er hat ein finsteres (mürrisches) wesen;
denkt euch ein mädchen, das jetzt hold,
jetzt finster sich gestaltet.
Gotter 1, 89.
5)
vier jahrgänge finsterer predigten hatt er also geendigt. Wilhelmine 21; das sind finstere (trübe) vorstellungen; du machst dir finstere gedanken; die finstere nachricht ihrer entführung. J. P. Hesp. 1, 225.
6)
eigenthümlich verwendet Frank finster für unbekannt, obscur von völkern: disz volk (die Litauer) ist etwan finster und den Reuszen oder Retzen unterthenig gewesen. weltbuch 30ᵇ; Germania ist etwan gewesen ein rauch, unbeüwig, fruchtlos land, mit grobem volk besetzt, welche sich einfeltig von dem vihe also nöreten, brauchten weder gold, kunst noch silber, deshalb von disem finsteren, beurischen land wenig ge schichtschreiber zu sagen wissen. 42ᵃ; parthisch land, ist erstlich nit grosz und auch noch zu der Meder und Persier zeit ein finster volk und gleich on nammen iedermans raub gwesen. 183ᵃ. ebenso dunkel. in den abstracten bedeutungen 2—6 läszt sich finster, d. i. trüb, traurig, mürrisch, böse, unheimlich, roh nicht durch dunkel vertreten, wie umgekehrt manche bedeutungen von dunkel kein finster gestatten. ebenso scheiden sich verfinstern und verdunkeln in manchen fällen. überhaupt genommen ist finster (und düster) mehr tenebrosus, caliginosus, dunkel mehr obscurus, opacus.
Zitationshilfe
„finster“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/finster>, abgerufen am 16.06.2019.

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