fabel f
Fundstelle: Lfg. 6 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1213, Z. 12
fabula, it. favola und umgestellt fiaba, sp. habla, fabla, fr. fable scheint bei uns seit dem 15 jh. recht in gang gekommen, Steinhöwel hat es im dec. 19, 11. 39, 6 und noch öfter, Diefenbach führt es aus der gemma gemmarum 1518 an und schon in dem älteren fastnachtspiel von Elslin Tragdenknaben heiszt es 892, 29:
das sind doch wunderselzam sachen,
der wilden fablen musz ich lachen;
mhd. belege folgen unter 3, doch Stricker und Boner bedienen sich keiner andern als der deutschen ausdrücke bîspël, bîschaft, mære.
1)
rede, geschwätz der leute: ich wurd iederman zuͦ einer fabel. Nic. von Wyle 53, 17; und Israel wird ein sprichwort und fabel sein unter allen völkern (eritque Israel in proverbium et fabulam). 1 kön. 9, 7; und werde es zum sprichwort geben und zur fabel unter allen völkern. 2 chron. 7, 20; das sie sollen zu schanden werden, zum sprichwort, zur fabel und zum fluch an allen orten, dahin ich sie verstoszen werde. Jer. 24, 9; sie soll die fabel von ganz Wien werden. Klinger 1, 473.
2)
erdichtung, im gegensatz der wahrheit: und werden die ohren von der wahrheit wenden und sich zu den fabeln kehren. 2 Tim. 4, 4, goth. af sunjai hausein afvandjand, iþ du spillam gavandjand sik;
der letzte tag in ihrem bunde,
der letzte kus von ihrem munde
nahm, wie der erste sie noch ein.
sie starben. wenn? wie kannst du fragen?
acht tage nach den hochzeittagen,
sonst würden dies nur fabeln sein.
Gellert 1, 146;
jede erdichtung, womit der poet eine gewisse absicht verbindet, heiszt eine fabel. Lessing 5, 358; die aufgabe sei fabel oder geschichte. Göthe 38, 16;
dieses ist der sinn des gesangs, in welchem der dichter
fabel und wahrheit gemischt.
40, 229;
aufrichtig ist die wahre Melpomene,
sie kündigt nichts als eine fabel an,
und weisz durch tiefe wahrheit zu entzücken,
die falsche stellt sich wahr um zu berücken.
Schiller 100ᵃ;
es sind eitle fabeln, unwahrheiten, lügen; die sache ist nichts als fabel; er tischte uns eine pure fabel auf.
3)
besonders aber eine schon umgehende, niedergesetzte dichtung,
a)
das märchen, μῦθος. mhd.
fabeln, zale und spël.
Herbort 3150;
die fabelen, die hier under sint,
die sol ich wërfen an den wint.
Trist. 463, 29;
als ëʒ diu welsche fabele hât.
Flore 6814;
diu fabel an dem buoche.
krone 18113;
swaʒ mir ie diu fabel bôt.
18179;
als diu fabel seit.
22202;
daʒ iu dar an iht benëm
mîn unmuoʒ dër fabeln sage.
23217;
nhd. auch nicht acht haben auf die fabeln, μηδὲ προσέχειν μύθοις, goth. niþþan atsaihvaina spillê. 1 Tim. 1, 4; und nicht achten auf die jüdischen fabeln, μὴ προσέχοντες ἰουδαϊκοῖς μύθοις, goth. ni atsaihvandans judaiviskaizê spillê. Tit. 1, 14; der ungeistlichen aber und altvettelschen fabeln entschlahe dich, τοὺς δὲ βεβήλους καὶ γραώδεις μύθους παραιτοῦ, vulg. ineptas autem et aniles fabulas devita, goth. þô usveihôna svê usalþanaizô spilla bivandei. 1 Tim. 4, 7;
die fabel ist der liebe heimatswelt,
gern wohnt sie unter feen, talismanen,
glaubt gern an götter, weil sie göttlich ist.
Schiller 348ᵃ.
b)
die griechische sage, mythologie: in der zeit der fabel oder der heroischen geschichte. Winkelmann 2, 452; bekannte bilder aus der fabel. 2, 477; die vorstellungen der griech. künstler waren aus ihrer eigenen fabel und heldengeschichte genommen. 3, iv; die geschichte der Herakliden grenzet noch mit der fabel. 3, xxvii; werke die von der fabel und von der heldengeschichte handeln. 3, xxxi; eine untergottheit der fabel. Kant 6, 9.
c)
die aesopische fabel, thierfabel, ἀπόλογος. fabeln und erzählungen. Gellert 1, 37; nachricht von alten deutschen fabeln. 1, 5; fabeln. drei bücher. Lessing 1, 130; ich erzehlte eine blosze fabel, aus der du selbst die lehre gezogen. ebenda; ich hatte mich bei keiner gattung von gedichten länger verweilet als bei der fabel. 5, 356; die fabel musz eine lehre enthalten, denn
die fabel, die nicht lehrt, kehrt sich in leere dünste,
und füllt das haupt mit rauch.   das sind der Perser künste.
Lichtwers fabeln. 1775, 141;
feierlich leg ich indessen dem publicum das gelübd ab, keine zeile fabel mehr zu schreiben oder aufzulegen, es müste denn die wenige quintessenz von diesen sein. Burmanns fabeln vorrede; neue originalfabeln und erzählende dichtungen von August Doyé. Berlin 1856.
4)
die handlung, der factische inhalt eines schauspiels heiszt die fabel des stücks und schon bei den Römern fabula: Menedemus mit dem rechen, von welchem die fabel als von dem, der sich selbst krütziget (heauton timorumenos), den namen genummen hat. Terenz von 1499, 84ᵇ; die fabel des stücks ist anziehend, aber die darstellung verunglückt. in solchem sinn redet man von einer tragischen fabel als dem gehalt des trauerspiels.
Zitationshilfe
„fabel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/fabel>, abgerufen am 22.10.2019.

Weitere Informationen …