fühlen n.
Fundstelle: Lfg. 2 (1866), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 415, Z. 70
der inf. des vorigen verbums substantivisch. im 14. jh. steht in derselben weise das zusammengesetzte gefüelen: aber die sëlben, sô sie hër nâch mê minne gewinnent, sô haben sie lîhte niht als vil gefüelens und enpfindens. Eckhart 553, 32. einfach das fühlen findet sich erst nhd. und zwar in allen bedeutungen des transitiven fühlen.
1)
prüfendes berühren mit den fingerspitzen, prüfendes angreifen, überhaupt prüfendes berühren: mit tappen (palpando) suchen wir, was wir nicht sehen. und das ist der erste sinn, nemlich das fühlen (tactus). Comenius sprachenthür s. 97 nr. 323; das fülen ist der grund aller sinnen, tactus omnium sensuum basis et fundamentum est. Stieler 580; alle drei gelenke (der fühlhörner der groszen kothwanze) sind, wegen des fühlens, mit sehr subtilen härlein besetzt. Frisch beschreibung v. allerlei insecten (Berl. 1720) 10, 23.
2)
eine wahrnehmung durch wirkung auf die finger, eine wahrnehmung durch wirkung auf einen körpertheil oder auf den körper. in letzterem sinne: Gehasi ... legt den stab dem knaben aufs andlitz, da war aber kein stim noch fülen. 2 kön. 4, 31.
3)
empfänglichkeit für sinnliche oder geistige erregung, wahrnehmung durch sinnliche oder geistige erregung: richte und urtheile nit nach deinem fühlen, sondern nach gottes wort. Luther tischreden 260ᵇ; diese (räthe) griff i. f. gnaden mit ehrenrührigen worten harte an ... aber es war gleichwol bei ihnen wenig fühlen. Schweinichen 1, 307; ein heimliches fülen im herzen, praesagium. Stieler 580;
noch hast du nicht gewagt, ein römisch lied zu spielen,
das von gedanken strotzt, doch minder hat zum fühlen.
Lessing 1, 173;
seine küsse — paradiesisch fühlen!
Schiller 124ᵃ.
auch wie das eigentliche subst. gefühl gebraucht:
gibt auch des künstlers hand den farben geist und fühlen?
Drollinger 75.
im 16. jh. selbst in dem sinne des reflexivs sich fühlen substantivisch: darum lasz dein dünkel und fühlen fahren und halte viel von diesem buch. Luther tischr. 1, 78. Zuletzt zur unterscheidung von empfinden, n., eine stelle, auf die schon vorhin bei dem verbum fühlen am schlusse hingewiesen wurde, was man nachsehe.
ich weisz nicht, ob sie sich dünkt fürs altar zu gut,
wo nicht, so hat an ihr das fühlen kein empfinden
und unser liebesöl braucht sie für kalte flut.
Lohenstein ged. 32.
fühlen
Fundstelle: Lfg. 2 (1866), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 405, Z. 76
praet. fühlete, jetzt kürzer und üblicher fühlte, part. praet. gefühlet, jetzt meist kürzer gefühlt, ahd. fuolan, fualan, auch mit noch nicht zu uo, ua entfaltetem ô fôlan, praet. fuolta, fualta, mhd. vüelen, wofür aber, da sich der nicht häufig vorkommende ausdruck auf Mitteldeutschland beschränkt, die diesem eigne form vûlen vorkommt, alts. fôlian, aber nur in dem zusammengesetzten gifôlian, mnd. völen, nnd. fölen, mnl. nnl. voelen, ags. fêlan in dem zusammengesetzten gefêlan, engl. feel, altfries. fêla. die goth. form, die fôljan gelautet haben würde, geht ab, auch gebricht der ausdruck dem altnordischen, das in dem sinne mit der hand tasten, fühlen þreifa, schw. trefva hat. vgl. Jacob Grimm bei Haupt 6, 7. dän. föle ist aus dem deutschen entlehnt. das wort führt offenbar auf ein starkes goth. falan praet. fôl, ahd. falan praet. fuol, von dessen praesens das mit verdunkelung des a der wurzel zu o (vgl. gramm. 1³, 78) für falma stehende ahd. folma f., die flache hand (Graff 3, 517), ags. folm f., alts. folm m., dann altn. fâlma, unsicher tasten, abgeleitet ist, welche wörter der lautverschiebung gemäsz genau mit gr. παλάμη, lat. palma, die flache hand, stimmen. hiernach kommt jene wurzel falan überein mit der in der ersten silbe des griechischen und lateinischen wortes, παλ, pal, sich zeigenden, zu welcher auch noch lat. palpare, betasten, gehört, und die bedeutung dürfte etwa gewesen sein: mit der hand oder den fingern ins ungewisse prüfend kommen. ahd. fuolan wäre dann davon das factitiv, gerade so wie ahd. fuoran nhd. führen (s. d.) das factitiv von ahd. faran nhd. fahren ist, und würde ursprünglich bedeuten: die hand oder die finger ins ungewisse prüfend kommen machen, d. h. mit der hand oder mit den fingern prüfend oder forschend berühren, betasten. dasz dies aber die älteste bedeutung sei, scheint durch ahd. glossen des 8. und 9. jh., wie fôlit, palpat (gl. hrab. 971ᵃ, wo fôhlit steht, welches Graff Diut. 3, 195 aus der handschrift berichtigt), und kifualit wësan, palpari (gl. jun. 219), bestätigt zu werden. man stellt deshalb mit fug dieselbe vorauf, und nach ihr ordnen sich dann die übrigen bedeutungen. es wurde vorhin bemerkt, dasz das wort im mhd. nicht mehr üblich sei, sondern sich auf das mitteldeutsche beschränke. in jenem kommt dafür enphinden, enpfinden, unser heutiges empfinden vor, wie schon die 3, 426 angeführten stellen zeigen, und fühlen ist in manchen gegenden Süddeutschlands dem volke allmählich so fremd geworden, namentlich in dem südwesten und der Schweiz, dasz der 1523 zu Basel erschienene nachdruck von Luthers übersetzung des neuen testamentes als ein gleichsam unbekanntes wort in dem bl. 361ᵇ ff. angehängten wortverzeichnisse fuͤlen eben durch enpfinden erklärt. auch verzeichnet Sebastian Helber, der kaiserlicher notar zu Freiburg im Breisgau war, s. 47 f. unter den wörtern mit üe kein füelen, und schweizerisch kennt man noch heute kein füela, füele, das, wenn es vorkäme, sicher bei Tobler aufgenommen sein würde. ferner scheint in den heutigen mundarten Süddeutschlands fühlen trotz seiner üblichkeit in der schriftsprache kein gewöhnliches wort, wenigstens wird bair. füeln von Schmeller 1, 525 als unvolksüblich bezeichnet, wenn gleich weit minder als die gleichbedeutend gebrauchten empfinden, spüren, greifen. völlig geläufig jedoch ist das wort bei dem volke in Mittel- und Norddeutschland. neben nd. fölen, das bereits oben angegeben ist, erscheint clevisch füle (Geerling die clevische volksmundart, Wesel 1841, s. 36), göttingisch-grubenhagenisch foilen (Schamb. 274ᵃ), und wetterauisch sagt man foile. aus der sprache Mitteldeutschlands ist dann fühlen in die nhd. sprache gekommen. Nun zu den bedeutungen und fügungen, zunächst wenn das wort, wie es sein ursprung fordert,
I.
transitiv steht, wobei zugleich angegeben werden wird, wo übergang in intransitive stellung und also diese selbst stattfindet. Hier bedeutet fühlen
1)
mit den fingern prüfend oder forschend berühren, mit den fingern prüfend oder forschend greifen, überhaupt prüfend oder forschend berühren. so mitteld. in aufzählung der fünf sinne sëhen, hôren, vûlen, smeckin unde rîchen. Hoffmanns fundgr. 1, 369ᵇ. nhd. das (dasz) sie allerlei götzen der heiden für götter halten, welcher augen nicht sehen, noch ire nasen luft holen, noch ire ohren hören, noch die finger an iren henden fülen können. weish. 15, 15. fühlen, berühren. (Harsdörfer) poet. trichter 3, 213.
a)
mit beigesetztem acc.: sehet meine hende und meine füsze, ich bins selber, fület mich und sehet, denn ein geist hat nicht fleisch und bein, wie ir sehet, das ich habe. Luc. 24, 39. das (dasz) sie den herrn suchen solten, ob sie doch in fülen (in der vulg. attrectent) und finden möchten. apostelgesch. 17, 27. der arzt fühlt den leib eines an einer entzündung in demselben daniederliegenden kranken, um den sitz des übels zu erforschen. obscen ist er fühlte ein frauenzimmer, tangebat foeminam. Steinbach 1, 520. vgl.matronam tangere, matronas tangere bei Horat. sat. 1, 2, 54. 28. die hühner, die enten fühlen, im gemeinen leben, dem huhn, der ente mit einem finger in den darm am bürzel fühlen, um zu erfahren, ob das legen eines eies nahe ist. hierher gehört auch fühlen als bergmännischer ausdruck, wenn der bergmann mit dem handfäustel das gestein oder eine gesteinswand beklopft, um zu hören, ob sie lauten d. h. einen holen, dumpfen ton von sich geben, an welchem man nemlich erkennt, dasz die masse los ist und einen risz bekommen hat. Hübner handlungslex. (1712) s. 541. mineral- und bergwerkslex. s. 223ᵇ. Wenckenbach bergmänn. wb. (Wiesb. 1864) s. 50. der bergmann fühlte das gestein. in der berg- und hüttensprache Östreichs jedoch scheint der ausdruck, da er bei Scheuchenstuel 86 fehlt, nicht üblich zu sein.
b)
mit dat. der person und acc. der sache. (einem) den puls fühlen, venam tentare, pulsum arteriae explorare. Stieler 580.
endlich Äskulap, der göttern und göttinnen
zweimal des tags mit groszer feirlichkeit
den puls fühlt.
Wieland 5, 214 (d. verkl. Amor 5, 159).
danach dann einem den puls fühlen auch bildlich für: einen zum versuche, wie es mit ihm steht, prüfen, ihn nur einigermaszen prüfen, einen versuch machen ihn auszuforschen. fühle ihm ein wenig den puls, tenta, degusta eum, expiscare. Serz 120ᵇ. in gleicher weise, eigentlich wie bildlich, auch mit dem dat. der person und einer praep. vor dem acc. einem an den puls fühlen. Steinbach 2, 204. er fühlte ihm an den puls, carpo ejus manum admovebat. ebenda. doch sagt man in der bildlichen anwendung, nemlich in dem sinne von aliquem tentare, gewöhnlich einem auf den puls fühlen (Steinbach 1, 520), und noch üblicher ist die redensart einem auf den zahn fühlen, welche ursprünglich so viel alsdentem alicujus tangere“ (Steinbach ebenda), einem den zahn anrühren, ihm auf den zahn greifen, wol um zu erforschen, ob er schmerzt, bedeutet, woraus dann die bildliche bedeutung hervorgieng. übrigens begegnen beide redensarten einem auf den puls fühlen und einem auf den zahn fühlen zuerst im 18. jh. und zwar bei Steinbach a. a. o., der sie durch „tentare aliquemerklärt, während sich der spätere Frisch 2, 463ᶜ bei der letzten redensart umständlicher ausdrücktexplorare alicujus voluntatem vel eruditionem.“ er fühlt mir auf den zahn, rem a me expiscari vult. Serz 180ᵃ. das heisze ich kurz abgebrochen! er wird doch nicht verdrieszlich geworden sein, dasz ich ihm ein wenig auf den zahn fühlte? Lessing 1, 410, eben so im ersten drucke des freigeistes in der ausg. der schriften v. j. 1755 5, 58 und dann in den lustspielen 1767 2, 49, weshalb Adelung bei anführung der stelle mit unrecht ihn setzt und ihm in klammern nur beifügt. allerdings sagt man auch mit dem acc. der person statt des dativs einen auf den zahn fühlen (Campe 2, 101ᵇ), aber der dat. ist weit geläufiger, und auch Campe 5, 808ᵇ setzt in der redensart der eben angeführten frühern angabe entgegen, einem.
c)
in intransitive stellung übergegangen, ohne casus: mitteld.
sô grîf daran mit dër hant
und vûle, wie dû sîst geblant
dër wârheit.
pass. K. 641, 86.
nhd. und wie er tappt, und wie er fühlt.
Göthe 1, 182. 10, 250, vgl. erwühlen.
fühle einmal, wie mir das herz schlägt; im dunkeln musz man fühlen, ob man auf den boden gefallenes wieder findet; er fühlte im finstern, um die thüre zu finden.
2)
durch wirkung auf die finger wahrnehmen, überhaupt durch wirkung auf einen körpertheil oder auf den körper wahrnehmen, eine mehr passive bedeutung der vorhergehenden gegenüber.
a)
mit beigesetztem acc.: ich wollte rosen pflücken, muste aber bald die dorne fühlen; eine verwundung fühlen; einen verursachten schmerz fühlen, hitze fühlen, kälte fühlen, ein frösteln fühlen. sie schlahen mich, aber es thut mir nicht weh, sie kloppen mich, aber ich füle es nicht. spr. 23, 35; dazu (hast du) die silbern, gülden, ehrne, eisern, hülzene, steinern götter gelobet, die weder sehen, noch hören, noch fülen. Dan. 5, 23; und da Ephraim seine krankheit und Juda seine wunden fület. Hos. 5, 13; sich nicht berauschen, das heiszt er gar nicht trinken. er will zwar nicht betrunken sein, aber doch so lange den geschmack des weins fühlen, als ihn der gaumen fühlen kann. Kleanth wird ein säufer, aber ein ordentlicher säufer. Gellert moral. vorles. 421;
fühlst du, beim seligen verlieren
in des vergangnen zauberland
ein lindes, geistiges berühren,
wie zephyrs kus, an lipp und hand.
Matthisson 206;
ich will doch sehen, ob auch ich diesen degen fühle. Schiller 194ᵇ (kabale und liebe 2, 7);
was! gnügt ihm (dem feinde) nicht in mitternacht zu herschen,
und soll auch noch der friedliche mittag
des krieges geisel fühlen?
Schiller jungfrau von Orl., erster u. zweiter druck s. 18, in spätern ausgaben fehlt die stelle, vgl. friedlich.
die glieder fühlen, wirkung von denselben in sich wahrnehmen, gefühl in denselben haben; doch gerne mit verneinung: einen finger, einen arm, einen fusz nicht fühlen, keine wirkung von denselben auf den körper wahrnehmen, kein gefühl von denselben haben. göttingisch-grubenhagenisch ek foile mîne arme nich, wenn sie übermäszig in erschöpfender arbeit angestrengt worden sind. s. Schambach 274. ich fühle meinen fusz nicht, er ist eingeschlafen und ich kann nicht vom flecke.
er ritte noch, wofern ihn Raspinette (des ritters pferd),
die keinen fusz (vor müdigkeit) mehr fühlt, nicht abgemahnet hätte.
Wieland Idris 1, 14.
b)
mit dat. der person und acc. der sache, doch nur indem der inf. fühlen bei dem verbum lassen steht. den ausgeruhten pferden die sporen fühlen lassen. irrgarten 80; der menschliche verstand läszt sich zwar ein joch auflegen, so bald man es ihm aber zu sehr fühlen läszt, so bald schüttelt er es ab. Lessing 11, 26; einer frau, welche so viel muth hat wie diese, ihrem manne es fühlen zu lassen, dasz sie frau ist. Rabener 4, 369. diese fügung ist allerdings selten, häufiger und angemessener dagegen wird hier fühlen mit acc. der person und acc. der sache gesetzt: und er nam die eltesten der stad und dornen aus der wüsten und hecken und lies es die leute zu Sucoth fülen. richt. 8, 16. frau und kinder zu hause liesz er ärger und verdrusz fühlen, die ihm in seinem amte bereitet wurden; er liesz ihn die unterstützung, die er ihm einst hatte zu theil werden lassen, oft genug fühlen. statt des acc. der sache kann auch ein satz stehn: sie soll ihn fühlen lassen, was es heiszt, ein edles herz hintergehen. Gellert lustsp. (1748) 88.
c)
mit dem inf.:
er fühlt der nymfe herz an seinem busen schlagen,
der glückliche! wie schnell, wie stark, wie warm!
Wieland Oberon 3, 64.
aber im perfectum: er hat ihr herz schlagen fühlen, und im plusquamperfectum: er hatte ihr herz schlagen fühlen, wo der inf. fühlen für das part. praet. gefühlt gesetzt ist, so dasz hier zwei infinitive zusammenkommen. gleiches findet sich bei helfen, hören, lehren, lernen, z. b. in ich habe ihm suchen helfen, er hat irgendwo läuten hören, ihn hat die noth beten lehren, er hat ihn lesen lernen. es ist dies eine verwendung des inf. nach misverstandenem vorbilde, indem man können, wissen statt gekonnt, gewust z. b. in er hat nicht schlafen können, er hat es nicht zu sagen wissen, eben so heiszen, lassen, sehen statt geheiszen, gelassen, gesehen z. b. in ich habe es ihn thun heiszen u. s. w. für infinitive nahm, da sie doch nichts anders als wirkliche participien ohne das vorgesetzte ge- sind, die so mit den infinitiven in der form zufällig übereinstimmen. übrigens setzt die heutige sprache lieber ich habe oder hatte sein herz schlagen gefühlt, also das wirkliche particip. vgl. gramm. 4, 169.
d)
mit dem part. praet.:
doch die rosse fühlen kaum den wagen
nur gelenkt von unvorsichtgem muth,
so beginnen sie erzürnt zu jagen.
Gries ged. 1, 12,
anders früher in Schillers musenalm. 1798 s. 173.
e)
in intransitive stellung übergegangen, ohne casus:
ich bring, hochwährte herrn! den vorlauf meiner trauben,
so niemals noch gevihlt, wie stark die khälterschrauben.
Rompler erstes gebüseh, in der dedication s. 1.
nun fühlst du, wie weh es thut, wenn man frieren musz. Im besondern ist fühlen in sich steigernder bedeutung auch so viel als durch starke wirkung auf einen körpertheil oder auf den körper in erhöhtem grade wahrnehmen, eindringlich wahrnehmen, schmerzlich wahrnehmen.
a)
mit einem acc. gefügt: man mus dem bösen wehren mit harter strafe und mit ernsten schlegen die man fület. spr. 20, 30. gib dem bösen buben schläge, aber tüchtig, dasz er sie fühlt. es könnte auch gesagt werden dasz er es fühlt. dieses es wäre aber ebenfalls der acc., der bei fühlen nhd. ganz an die stelle des genitivs getreten ist, in welchem das object ahd., alts. und mitteld. bis ins 14. jh. stand, worüber gleich nachher beispiele beigebracht werden sollen. dasz bei Luther es der acc. ist, kann nicht in zweifel gezogen werden, denn er fügt das wort sonst überall mit diesem casus: ich wil die einwoner des landes auf dis mal verschleudern und wil sie engsten, das sie es fülen sollen. Jer. 10, 18.
b)
auch intransitiv verwandt, ohne casus. das thier fühlt wie der mensch, ist fähig, sinnliche eindrücke an sich wahrzunehmen. man musz schon fühlen, ob das tuch rauh oder glatt oder zart ist. sprichwörtlich wer nicht hören will musz fühlen (Simrock 4939), nd. de (der) nig hören will mot fölen (Dähnert 128ᵃ), göttingisch-grubenhagenisch wër nich höæren wil mot foilen (Schambach 274ᵃ), d. d. wer nicht aufs wort merken, rath annehmen und so folgen will, der musz dafür leiden, dem bleibt das schlimme nicht aus.
3)
an sich oder in sich durch oder als sinnliche oder geistige erregung wahrnehmen.
a)
alts. und ahd. mit dem object im gen., nicht im acc.: hie ... gifuolda iro fêgnes, er fühlte ihre falschheit. Hêl. 168, 25. ahd.
si fualta sâr (= alsbald) dës guates.
O. III. 14, 28;
thës ih ofto fualta.
IV. 31, 34;
(ër) zalta, wës ër fualta,   ioh waʒ thâr inan ruarta.
III. 20, 110;
fualen wir ës harto.
17, 26;
thaʒ leid, thaʒ inan ruarta,   thaʒ gënêr ës ni fualta.
V. 9, 16;
s. gramm. 4, 662. auch mhd. oder vielmehr mitteld. erscheint noch dieser gen.: und wille und vernunft sinken und fûlen dës êwigen wortes daʒ dër vater von himelrîche in in gebirt und offinbârt. Hermann von Fritslar in den myst. 1, 22, 12;
alle sîne sûche gelac (seine ganze krankheit hörte auf),
dër ër nicht ënvûlde.
pass. K. 61, 79.
aber daneben taucht der acc. an der stelle des genitivs auf:
in ein sûche ër (nemlich der tod) in (den heil. Bernhard) warf,
darinne ër vil genende (sehr muthig)
vûlte an im daʒ ende.
pass. K. 411, 70.
diese fügung mit dem acc. ist freilich anfangs sehr selten, hat aber bereits beim beginne der nhd. sprache die ursprüngliche mit dem gen. ganz verdrängt. denn wo inen der morgen kompt, ists inen wie ein finsternis, denn er fület das schrecken der finsternis. Hiob 24, 17;
seht, wie der mann der herde
den morgen fühlt,
und auf der frischen erde
den buhler spielt!
Hagedorn 3, 109;
Silvie. beschreib mir doch die liebe.
Damöt. die liebe fühlt man recht. sie läuft durchs ganze blut,
man sieht einander an und ist einander gut,
und fühlt — ich weisz nicht was: verlangst du mehr zu wissen,
so weisz ich keinen rath, als den, ich musz dich küssen.
Silvie. warum denn? geh doch nur! Amarillis. nein, er hat recht. ein kus
ist das, wodurch man erst die liebe fühlen musz.
Rost schäferged. 134;
ich sah dich und ich liebte dich:
doch ach! was fühltest du für mich?
„ich fühlte deine feuervollen blicke
und wandte schnell die meinigen zurücke
schon traut' ich ihnen selbst nicht mehr,
denn, ach! sie liebten dich zu sehr.“
Ramler 1, 90;
ja! ja! es ist kein wahn! ich fühls, ich fühls,
was deine adern schwellt, ist götterblut!
Wieland 26, 159;
welch eine nie gekannte glut
fühl ich in meinem herzen!
es klopft die brust, es wallt mein blut,
weh mir, welch süsze schmerzen!
Weisze kom. op. 2, 186;
der, fern vom purpur, fern von wechselbänken,
in eignen schatten, durch den west gekühlet,
sein leben fühlet.
E. von Kleist (1778) 1, 25;
fühl tugenden, so fühlst du glück!
59;
fühlst du noch meinen letzten blick,
gibst meinem staube deine thränen,
und denkest nicht dahin zurück,
wo du die schönste warst der schönen?
Boie im Göttinger musenalm. 1773 s. 100;
die bewegung beider war fürchterlich. sie fühlten ihr eignes elend in dem schicksale der edlen, fühlten es zusammen, und ihre thränen vereinigten sich. Göthe 16, 176; je mehr sich die seele erhebt zu dem gefühl der verhältnisse, die allein schön und von ewigkeit sind, deren hauptaccorde man beweisen, deren geheimnisse man nur fühlen kann. 39, 349; ich hatte doch die innern proportionen des ganzen (es ist der Straszburger münster gemeint) gefühlt. 359; deswegen gibts doch eine form (dramatischer stücke), ... die nicht mit händen gegriffen, die gefühlt sein will. 44, 2; nur ein einziges peinvolles gefühl sollst du fühlen. Klinger 3, 296;
ich allein, ich fühle deine schmerzen,
theures opfer, und beweine dich!
(Reitzenstein) Lotte bei Werthers grabe im teutschen Merkur 1775 juni s. 194;
kaum sprach der bube (Cypripor ist gemeint) so,
so schosz er und entfloh:
so fühlte schon mein herz
noch ungefühlten schmerz.
Uz (1768) 1, 15;
jetzt fühlt der engel was ich fühle,
ihr herz gewann ich mir beim spiele.
Göthe 56, 61;
weil alles hier (auf erden) den wechsel fühlet.
Gotter 1, 5;
ich fühlt es in der tiefsten tiefe
des herzens!
Kl. Schmidt poet. br. 142;
einen wunsch nur kann ich geben:
fühl die freuden immer neu.
Fr. Schlegel ged. 89.
drückt der acc. eine person aus, so hat hier fühlen den sinn: durch geistige erregung inne werden wer die person sei, durch das gefühl merken:
wenn Martial vertraut selbst mit dem kaiser spricht
und dreusten spott auf hoh' und niedre schüttet,
fühl' ich den Römer.
Göckingk 3, 257.
der verbrecher
fühlt' (im donner der posaunen) den rächer,
und erfüllte nun den bund.
Schubart ged. (1787) 2, 101;
Isabeau. ich darf ihn hassen, ich hab ihn geboren.
Talbot. wohl, an der rache fühlt er seine mutter!
Schiller 462ᵇ;
aber der sinn von fühlen kann auch sein: durch erregung der seele sich vergegenwärtigen, sich durch das gefühl vorstellen. er fühlte ihn (den mörder) so unglücklich, er fand ihn als verbrecher selbst so schuldlos, er setzte sich so tief in seine lage, dasz er gewisz glaubte, auch andere davon zu überzeugen. Göthe 16, 147;
als Gellert, der geliebte, schied,
manch gutes herz im stillen weinte, ...
stand Öser seitwärts von den leuten
und fühlte den geschiednen, sann
ein bleibend bild, ein lieblich deuten
auf den verschwundnen werthen mann.
2, 153;
an diese brust zu sinken,
die ihn nur fühlt.
F. Schlegel Alarcos s. 34.
b)
mit dem inf. oder vielmehr einer dem acc. mit dem inf. vergleichbaren fügung. so schon mitteld. in dem sinne von wahrnehmen:
dô quam Rûben ûʒer tur
in dëme bungarten sô hër vur
unde begunde wêrlich vûlen
einen man aldâ wûlen (wühlen)
in dëm obʒe, dër ëʒ las.
pass. H. 316, 34.
nhd. ich fühl es wahrheit sein, und ist doch nur ein wahn.
Lohenstein in auserlesene ged. 1, 271 (276),
= ich fühle dasz es wahrheit sei;
und rafft er auch einmal sich auf und will
sein was er war in Hektors heldentagen,
so fühlt er bald die sennen ihm versagen.
Wieland 5, 186;
ich fühl ein herz in meinem busen schlagen.
26, 158, vgl. oben 2) c);
er fühlte sein herz gegen den unbekannten aufgehen. 30, 347; wer fühlte nicht an ihrem arme himmel und erde in wonnevollsten harmonien zusammenflieszen. Göthe 44, 5;
ich fühle junges heilges lebensglück
neuglühend mir durch nerv und adern rinnen.
12, 32;
ich stand, als ich zum erstenmal bemerkte
die füsze stehn,
und reichte, da ich
diese hände reichen fühlte.
33, 243.
doch hat fühlen auch, freilich selten, den inf. mit zu bei sich: dieses letztere, das schwerere unstreitig, hat er (Göthe, im Egmont) vorgezogen, weniger vermuthlich aus zu groszer achtung für die historische wahrheit, als weil er die armuth seines stoffs durch den reichthum seines genies ersetzen zu können fühlte. Schiller 1237ᵇ.
c)
mit dem part. praet. gefügt:
ich fühls, du schwebst um mich, erflehter geist
enthülle dich!
ha! wies in meinem herzen reiszt!
zu neuen gefühlen
all meine sinnen sich erwühlen!
ich fühle ganz mein herz dir hingegeben!
Göthe 12, 34.
d)
in intransitive stellung übergegangen, ohne casus: der mensch fühlt, hat wahrnehmung durch sinnliche oder geistige erregung an oder in sich.
wenn sie nicht hören, reden, fühlen,
noch sehn, was thun sie denn? sie spielen.
Lichtwer fab. 4 nr. 3.
mit einem adj. oder adv.: fein fühlen; zart fühlen.
wer sein herz bedürftig fühlt,
findt überall einen propheten.
Göthe 13, 99;
dergleichen naturen fühlen menschlich weich. Schiller 161ᵇ; gott da empfand sie nichts? fühlte nichts, als ihren anschlag gelungen? nichts, als ihren reizen geschmeichelt? 201ᵃ;
doch warum fühlt diesz grosze herz so sehr,
das Marcius verräth?
Brawe trauersp. 82.
oder mit einer praep.: die gott für einen zornigen, ungnedigen fülen. Luther 3, 23; der fürst fühlt in der kunst und würde noch stärker fühlen, wenn er nicht durch das garstige wissenschaftliche wesen und durch die gewöhnliche terminologie eingeschränkt wäre. Göthe 16, 114; es ist billig, sagte der wirth, dasz ich Ihre neugierde befriedige, um so mehr als ich an Ihnen fühle, dasz sie im stande sind, auch das wunderliche ernsthaft zu nehmen, wenn es auf einem ernsten grunde beruht. 21, 19. da in der stelle von Luther aber statt für auch die demonstrative conjunction als gesetzt werden könnte, wenn es der zeit nach angienge, so ist hier gleich mit anzuführen, dasz fühlen dieses als mitunter bei sich hat: jetzt fangen erst die bäume, die felsen, ja Rom selbst an mir lieb zu werden: bisher hab ich sie immer nur als fremd gefühlt (d. h. so gefühlt dasz sie mir eine fremde erscheinung waren, keine vertraute). Göthe 29, 5. fühlen ohne beigesetztes object kann auch geradezu bedeuten liebe fühlen. bisher wuste er nicht, was liebe ist, aber jetzt fühlt er. vollständiger und allgemein üblich ist jedoch für jemand fühlen, für etwas fühlen. sie fühlte für ihn, liebte ihn. er fühlte für die schönheit der natur, hatte liebe für sie, gefühl für sie. ebenso steht empfinden, s. empfinden 4).
e)
mit einem abhängigen satze, zumal wenn dieser durch dasz verbunden einem acc. zu vergleichen ist, so dasz hier fühlen seinem ursprunge gemäsz transitiv erscheint: mitteld.
dô ëʒ quam an dën sëchsten tac
und ër in im vûlte wol
daʒ got sîne herten dol
ûf ein ende wolde jagen,
dô bat ër alsô kranc sich tragen
in die kirchen.
pass. K. 232, 3;
nu hôret, sprach si, ich vûle
daʒ mich dër liebe Jêsus Crist
wil nëmen in vil kurzer vrist.
337, 84;
wand ich, sprach ër, vûle
daʒ mir zene unde munt
wërden kalt in der stunt.
401, 82;
die brûdere ër alle rûfen lie
und vûlete wol daʒ ir gebët
dise kraft an im tët
und ër hie noch mûste sîn.
405, 43.
nhd. ich wil Ihren kummer so wohl wissen, als Ihr vergnügen und in beiden fällen fühlen, dasz ich Sie liebe. Gellert briefe (Leipz. 1758) s. 119; bis ans ende sollen sie fühlen, dasz ich nicht zu ihnen gehöre. Göthe 42, 423;
die schlechteste gesellschaft läszt dich fühlen,
dasz du ein mensch mit menschen bist.
12, 83;
du rührst mich, du hast groszmuth ausgeübt
an mir allein, ich fühle, dasz mein hasz
verschwindet, ich musz antheil an dir nehmen.
Schiller 473ᵇ;
warum kommt er nicht,
um meinen letzten segen zu empfangen?
ich fühle, dasz es schleunig mit mir endet.
542ᵃ.
vgl. noch dasz 1). aber nach fühlen wird auch zunächst der acc. es als nachdrücklich gesetzt, worauf dann erst der satz mit dasz folgt: und sie fülets am leibe, das (dasz) sie von irer plage war gesund worden. Marc. 5, 29; es ist mir aber immer, als wenn ich keinen (von den freunden als reisegefährten) mitnehmen würde. ich kann nicht sagen, warum? aber ich fühle es, dasz wir sie nicht brauchen. Gellert briefe (1758) 225;
ich fühls, dasz ich der mann des schicksals bin.
Schiller 382ᵇ.
ferner steht das wort auch mit einem diesen sätzen mit dasz vergleichbaren satze ohne diese conjunction, der wie aus einem mit derselben gebildeten verkürzt erscheint. so schon mitteld., aber in dem sinne von wahrnehmen, merken:
ër vûlte, dës in wundirte,
sîn hâr, daʒ im was benumin,
hatte ër sô vollinkumin
an brâin und an barte
und ûf dës houbtis swarte
daʒ nîman mocht irkennin
noch keine stat benennin
an sîme lîbe ubiral
di î gewësin wêre kal.
Jeroschin 18909, Pf. s. 272.
nhd. wer will wohl dem das glück entwenden,
der in sich selber fühlt, er hab es gut gemeint.
Günther 907.
als intransitiv aber ist fühlen anzusehen, wenn es mit andern sätzen gefügt wird:
dann fühle, verräther, dann fühle wies thut,
an ehr und an glück zu verzweifeln!
Bürger 62ᵃ;
o lerne fühlen, welches stamms du bist!
Schiller 526ᵃ.
Nach der eben behandelten bedeutung werden die participien fühlend und gefühlt als adjective gebraucht. s. beide. Aber aus fühlen in seiner transitiven kraft geht hervor
II.
reflexives sich fühlen, und dieses bedeutet
1)
sich tastend bewegen, sich tastend finden: sich im dunkeln aus der stube bis an die hausthüre fühlen; er fühlte sich in dem finstern zimmer bis zum bette; ich konnte mich, als ich nachts nach hause kam, in dem hausgange nicht zurecht fühlen; er fühlte sich an der wand fort bis zur treppe. bildlich:
und, gott! das feld (der medicin) ist gar zu weit;
wenn man einen fingerzeig nur hat,
läszt sichs schon eher weiter fühlen.
Göthe 12, 99.
2)
in beziehung auf sich durch sinnliche oder geistige errregung innerlich wahrnehmen. hier steht das wort
a)
mit dem reflexiven dativ und mit dem acc. der sache, in der bedeutung: durch sinnliche oder geistige erregung in sich oder an sich innerlich wahrnehmen. er sah im traume seine blühende gattin ... sein herz erglühte — er fühlte sich flügel — sie trugen ihn zu der geliebten. Klinger 5, 353; ich stehe hoch und kann und musz noch höher steigen: ich fühle mir hoffnung, muth und kraft. Göthe 8, 216; das bittende sieht dich so freundlich an wie die gabe. niemand sieht erbärmlich aus, der sich einiges recht fühlt, fordern zu dürfen. Göthe 17, 310;
weltgeistlicher. jeder ernste blick
in diesen trüben tagen ist auf dich,
auf deinen werth, auf deine kraft gerichtet.
herzog. der glückliche nur fühlt sich werth (das subst.) und kraft.
9, 324;
denn an der braut, die der mann sich erwählt, läszt gleich sich erkennen,
welches geistes er ist und ob er sich eigenen werth fühlt.
40, 326;
du fühltest dir noch kräfte, dich hervor
zu wagen und der sonne licht zu sehn.
Schiller 610ᵇ.
hierher gehört auch, wenn an der stelle des accusativs ein adv. steht, wie viel, genug, die der acc. sg. des neutr. von adjectiven sind und einen gen. oder statt dessen das unflectierte subst. neben sich führen: ich glaubte selbst nicht, dasz man sich so viel gewalt fühlt, wenn man recht hat. ich habe auf euer geheisz manchen haufen durch vorstellungen abgehalten, durch drohungen geschreckt. Göthe 42, 420; fühlt sich der moderne griechischen geistes genug, um bei aller widerspenstigkeit seines stoffs mit den Griechen auf ihrem eignen felde, nämlich im felde naiver dichtung, zu ringen, so ... Schiller 1207ᵇ; sich mit dem schimmernden gefolge einer grösze begnügen, zu deren gründlichem gebrauch er sich muth und kräfte genug fühlte. 713ᵃ;
fühlst du dir stärke genug, der kämpfe schwersten zu kämpfen,
wenn sich verstand und herz, sinn und gedanken entzwein.
99ᵃ.
In allen diesen stellen, in denen der reflexive dativ steht, liesze sich auch das blosze verbum ohne diesen setzen, und wirklich hat Göthe 8, 59 er ... fühlte einen neuen zug nach Bamberg, während er 42, 75 in der ersten bearbeitung des Götz an der nemlichen stelle gesetzt hatte er fühlte sich einen neuen zug nach Bamberg.
b)
mit dem reflexiven acc. und dem acc. der person, in dem sinne: sich durch sinnliche oder geistige erregung innerlich wahrnehmen als —, sich in der seele fühlen als —. ich fühlte mich wieder denselben, der ich war, da du mich in deinem hause zu Smyrna verlieszest. Wieland 3, 168;
sie (Diana) kennt sich selbst nicht mehr und fühlt in ihrem leben
sich izt zum erstenmal ein weib.
10, 146 (Endym. 438 f.);
noch fühl ich mich denselben, der ich war!
Schiller 380ᵇ;
bube! wenn du genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen gott mich fühlte. 202ᵃ. aber für den acc. kann auch der nom. eintreten:
dann übt der jüngling streitend seine kräfte,
fühlt was er ist, und fühlt sich bald ein mann.
Göthe 9, 113;
der lanzknecht fühlt sich frisches blut.
4, 64,
wo frisches blut auch acc. sein könnte, wenn sich bei Göthe sonst sichere belege der fügung mit diesem falle, insofern er eine person anzeigt, bei sich fühlen darböten. gleiches gilt von den beiden folgenden stellen dieses dichters:
dein eigensinn verkennt die wonne
wenn die götter, du,
die deinigen und welt und himmel all
sich ein innig ganzes fühlten.
33, 247;
wie hätt ich widerstanden! diese nahm ich auf!
mich vater fühlend, schlosz an meine brust ich sie.
40, 409;
ich fühle mich nun wieder der mann, der ich war. Klinger 5, 135; ich, der ich mich auf der Khalifen thron mehr mensch fühle, als der bettler auf der nackten erde. 209. um das, was der acc. oder der nom. ausdrücken, mehr hervorzuheben, wird auch noch vor dieselben das demonstrative als gesetzt, welches jedoch von geringer wirksamkeit ist. vgl. 1, 254—256. so empfand sie, dasz sie sein zartes gemüth verletzt habe und fühlte sich als seine schuldnerin. Göthe 17, 269.
c)
mit einer praeposition, in der bedeutung: sich in der seele fühlen.
wenn fremde sich in unsre lage fühlen,
sind sie wohl näher als die nächsten.
Göthe 9, 336;
sie begegnen sich, und eins im andern
fühlt sich ganz und fühlet ganz das andre.
40, 422;
er
wird Bajä gern mit ihnen tauschen,
und sich auf besserer erde fühlen.
Herder Terps. 1, 24;
fühlst du dich nicht in deine brüder,
so fühlt in dich sich niemand wieder.
werke, z. sch. lit. 15, 328.
d)
mit einem inf. gefügt. endlich griff ich nach den briefen und las. ich fühlte mich besser darnach werden. Bürger 499ᵇ; geht! geht! die arie zu hören, wo der junge mann, der sich sterben fühlt, ausruft: mon coeur s'en va! Göthe 36, 108. auch mit dem inf. mit zu: sie fühlte sich ein wurm zu sein. Jung-Stilling gesch. des herrn v. Morgenthau 2, 139; ich fühle mich, wohl etwas besseres leisten zu können, als mein leben und meine kräfte an geschäfte zu verschwenden, wozu jeder gemeine schreiber leicht gut genug wäre. Bürger 476ᵇ.
e)
mit einem particip oder einem adj., das dann den sinn bestimmt. vgl. sich empfinden bd. 3, 428. indem nun die pflanzen immer mehr wurzel schlugen und zweige trieben, fühlte sich auch Ottilie immer mehr an diese räume gefesselt. Göthe 17, 306; wenn man sich besonders gut gegen ihn gesinnt fühlte. 21, 19;
ein jeder fühle sich vom himmel aufgefodert.
Wieland 26, 195;
auch eben recht wirds für den weisen sein,
der sich berufen fühlt, so sonderlich zu wohnen,
wie der von Sinope.
Kl. Schmidt poet. br. 175;
er fühlt sich getroffen, fühlt, dasz das, was ein andrer sagt oder thut, auf ihn passt, auf ihn anwendbar ist; sich gedrückt fühlen, vgl.drücken 7 c; sich beleidigt fühlen; sich gekränkt fühlen; sich verletzt fühlen, auch uneigentlich in dem sinne sich in etwas zum verdrusse schmerzlich berührt, in etwas empfindlich gekränkt fühlen; sich gehoben fühlen, körperlich und geistig gekräftigt, in eine anregende, zur thatkraft anspannendere stimmung versetzt.
das abendmal halt mässiglich,
wilt du frühe lustig fühlen dich.
Henisch 1278, 69;
er, an ihre brust gedrückt,
fühlt sich unsterblich, wird zum gotte
in ihrem arm.
Wieland Oberon 7, 42;
zertummelt da, zerhummelt hie
wird manche krank sich fühlen.
Bürger 89ᵃ;
klein fühl ich mich in diesem furchtbargroszen.
Schiller 498ᵃ.
der wandrer fühlt sich nach dem weiten wege müde; der genesende fühlt sich noch schwach; er fühlt sich von der groszen anstrengung matt; der verlassene fühlt sich elend; doch bleibt es hier ungewis, ob lustig, unsterblich, krank, klein, müde, schwach, matt, elend wirklich adjective oder adverbien sind, zumal da sich fühlen auch mit wörtern gefügt wird, die unbezweifelt dieser letzten wortart angehören: ich fühle mich wol, ich bin nun wol auf. Henisch 1278, 60; die hausfrau — ich fühlte mich zufrieden, sie nicht als witwe denken zu dürfen — zeigte sich erwünscht erst am fenster, dann an der thüre. Göthe 23, 183; was meinen Sie wohl, dasz bei dem entzückten liebhaber, bei dem ruhigen gesetzten manne, dieser spott eines menschen, den er so herzlich verachtet, über den er sich so weit hinausfühlt (= sich so hoch erhaben fühlt), für wirkung thun könnte? Engel 1, 162. der fügung mit viel und genug wurde vorhin unter a) gedacht. dann ist noch hierher zu setzen:
in seinem (des zephyrs) säuseln fühlte
sie (die rose im winter) sich dem sturme preis.
Blumauer ged. 2, 161.
Bei der fügung mit einem particip kann häufig vor dieses eben so und mit derselben geringen wirksamkeit, wie vor dem von sich fühlen abhängigen subst. das demonstrative als gesetzt werden, zumal wenn es zur bestimmtheit des ausdrucks beiträgt: es darf sich einer nur für frei erklären, so fühlt er sich den augenblick als bedingt. wagt er es sich für bedingt zu erklären, so fühlt er sich frei. Göthe 17, 262, wo bedingt ohne als wie zu augenblick gehörig angesehen werden könnte. vor dem adj. oder adv. dagegen wird als nicht gesetzt. wir sagen sich glücklich fühlen, aber ein sich als glücklich fühlen dürfte schwerlich vorkommen, obgleich es nicht unzulässig wäre. vgl. 1, 256.
f)
ohne einen abhängigen casus oder nähere bestimmung, zunächst in der bedeutung: in sich seinen zustand, sei dieser körperlich oder geistig, wahrnehmen, in sich seine unvollkommenheit, seine schwäche, seine abnehmenden kräfte wahrnehmen.
aber menschen schweren frechlich, wenn sie sich gleich selbsten fühlen,
denn sie denken durch das schweren zu gewinnen, wie durch spielen.
Logau 2, 26, 96;
denn wem Egyptens hof und dienstbarkeit gefällt
wird schwerlich nach der kost des süszen manna ringen,
er fühlt sich, dasz er dort nichts gutes hoffen kann.
Chr. Gryphius poet. wälder 1, 443;
als er den 23. psalm seinen jungen studenten erklärte, da fühlete er sich (= fühlte er sich schwach, krank) und sprach: liebe zuhörer, ich werde in eine andere schul berufen. Otho 468. der kranke fühlt sich, fühlt seine krankheit, seine schwäche. du brichst mit fleisz ab, weil du dich fühlst (Gellert), weil du deine schwachheit fühlst, wie Adelung erklärt. Cäcilie. Sie halten sich auch für schwächer, als Sie sind. fürst. ich fühle mich. — unmittelbar empfind ich nichts mehr. nur éin kanal ist noch übrig, durch den sich süszes und bitters in mein herz ergieszen kann, — das sind meine kinder. Leisewitz Jul. v. Tarent 1, 7 = s. 27; wenn wir uns itzo nicht sehen, so geschieht es niemals: man lebt nur wenige augenblicke, ich fühle mich (es ist gemeint dem tode näher). Sturz 2, 16. aber dann g) ohne einen abhängigen casus am üblichsten in dem sinne: ein lebhaftes gefühl von sich haben, seinen werth, seine geltung vor andern in sich wahrnehmen und davon lebhaft erfüllt sein. diese bedeutung läszt sich jedoch erst aus dem 18. jh. nachweisen.
sie wacht. ist diesz wohl wunderbar zu nennen?
ein mädgen, das sich fühlt, wird selten schlafen können!
Jac. Friedr. Lamprecht die nachtigall (1744) in Rosts verm. ged. s. 102;
was du mit zittern glaubst und bald aus stolz verschmähest,
und bald, wenn du dich fühlst, vom himmel trotzig flehest.
Lessing 1, 185;
das licht des tages verlassen, ist schmerzlich: schmerzlich ist es, sich vielleicht selbst verlassen müssen, aufhören sich zu fühlen, sich sagen zu können: das bist du! das gilt dir! 2, 575;
munter erhellt sich des gestärkten
greises blick! mehr noch fühlt
sich der jüngling: er enteilt mit des rehes
leichterem sprung dem heerd.
Klopstock 1, 258 (303);
kaum begann er zu blühn, fühlte sich selber kaum,
als ihm röthe für sie
schon entglühte.
2, 58 (65);
die grazien fühlten sich selbst noch nicht genug, um Amorn ganz zu verstehen. Wieland 10, 48; die nation, welche sich damals noch fühlte. Möser 1, 381;
hier meine welt, mein all!
hier fühl ich mich.
Göthe 33, 247;
ich fühle mich. was Ihre Alba leisten,
das kann auch Karl und Karl kann mehr.
Schiller 255ᵇ;
fasz dich, Johanna. fühle dich. die unschuld
hat eine sprache, einen siegerblick,
der die verläumdung mächtig niederblitzt!
in edelm zorn erhebe dich.
479ᵇ;
wenn die männer um länder sich messen, dürfen auch die weiber sich fühlen. 174ᵇ. er fühlt sich recht. aber er fühlt sich gebrauchen wir auch in dem gesteigerten sinne: er zeigt sich übermüthig, er erhebt sich in seiner meinung über andere. das unglück hatte ihn gedemüthigt, aber nun fühlt er sich wieder.
3)
bergmännisch vom gestein: theilweise und so weit aus dem natürlichen zusammenhange gelöst sein, dasz sich diesz beim anschlagen mit einem fäustel durch den klang bemerken läszt. Gätzschmann 31. Wenckenbach 50. das gestein, die gesteinsmasse fühlt sich. schön in einer predigt vor bergleuten angewandt auf das erkennen, dasz die härte sich gelöst und in milde verwandelt hat: als aber die rathdiener sanct Pauli schutzrede und klage an ire herren gelangen lassen, fület sich das gestein in irem herzen und begint zu podern, zumal weil sie sich an römischen bürgern, die inns keysers und römischen senats handt und schutz stunden, heftig vergrieffen hatten. Mathesius Sarepta (1562) 306ᵃ. vgl. oben sp. 407.
4)
in der dritten person er, sie, es fühlt sich: wird durch das gefühl wahrgenommen, macht sich in der seele oder durch wirkung auf den körper oder den geist bemerkbar. in dieser stellung begegnet sich fühlen am frühsten. so fület sichs auch im gewissen. Luther 3, 212ᵇ; er (der knabe) wüszte nichts zu sagen, er vermag nicht über den verlust zu denken. verlust denkt sich nicht, er fühlt sich nur. Göthe 39, 200;
da fühlte sich — o dasz es ewig bliebe! —
das doppelglück der töne wie der liebe.
3, 30.
Blickt man zum schlusse auf sämmtliche bedeutungen zurück, so ist das allen gemeinsame wahrnehmen, weil aus sinnlicher oder zugleich geistiger erregung hervorgehend, kein deutliches, vielmehr haftet an ihm etwas nicht ganz gewisses, nicht ganz klares, etwas dem dunkeln verwandtes. deshalb auch scheidet fühlen sich strenge von wissen, erklären, erkennen, denken, überhaupt von allem was eine aufs gewisse, aufs deutliche gerichtete geistige thätigkeit ausdrückt: man kann sich gesund fühlen (aus dem behaglichen gefühl seines lebens urtheilen), nie aber wissen, dasz man gesund sei. Kant 1, 301; der, welcher sich gesund fühlte, nicht wuszte, dasz er krank war. 1, 302; das kind fühlt das unrecht wohl, allein weil es ein kind ist, weisz es das unrecht nicht auseinander zu setzen. Lessing 12, 579;
ich sah sie an, mein leben hieng
mit diesem blick an ihrem leben:
ich fühlt es wohl und wuszt es nicht.
Klopstock 1, 105;
diesz — was ich besser fühlen
als mir erklären kann.
Wieland 26, 158;
sollst uns dereinst in Tassos liedern zeigen,
was wir gefühlt und was nur du erkennst.
Göthe 9, 132;
dies éine fühl ich und erkenn es klar:
das leben ist der güter höchstes nicht,
der übel gröstes aber ist die schuld.
Schiller 515ᵇ;
sie fragte sich immer selbst: ist diesz auch wahr? fühlst oder denkst du wirklich, was der autor will dasz du denken und fühlen sollst? und wo nicht, liegt die schuld an dir oder an ihm? Wieland 38, 227;
bedenkt —. „bedenke nichts. sag wie dus fühlst.“
Schiller 386ᵃ;
der zweifel ists der gutes böse macht.
bedenke nicht, gewähre wie dus fühlst.
Göthe 9, 90;
ich untersuche nicht, ich fühle nur.
s. 74.
zuletzt ist die sinnverwandtschaft mit empfinden nicht unbeachtet zu lassen, die schon 3, 426 besprochen wurde. wie Klopstock fühlen und empfinden völlig gleich gebraucht, ist durch mehrere stellen belegt, aber auch bei andern finden sich beide verba ununterschieden: musz man denn diese traurige plage fühlen? nein, meine schwester irrt, es geht an, sie nicht zu empfinden. Gellert lustsp. 15; ein paar eheleute, die keine zärtlichkeit gegen einander empfunden haben, ehe sie sich verehelichten, die werden auch keine liebe gegen einander fühlen und wenn sie hundert jahre beisammen lebten. 311.
was Jakob dort gefühlt, was David hier empfunden.
Gottsched ged. 2, 611;
fühle, was diesz herz empfindet,
reiche frei mir deine hand.
Göthe 1, 82;
wenn dich zu preisen, dir zu danken sich
mein herz entfaltet, dann empfind ich erst
das reinste glück, das menschen fühlen können.
9, 143;
(er) fühlte seinen (den eignen) schmerz,
sich wieder in dem schmerz — empfand
sein schaudervolles dasein.
Klinger 5, 353.
s. auch die stelle von Schiller 201ᵃ oben unter I 3) d). findet unterscheidung statt, dann ist, zumal jetzt, nach Jacob Grimms treffender bemerkung, fühlen sinnlicher, empfinden geistiger und abstracter, was auch durch die unter fühlen, n., anzuführende stelle von Lohenstein belegt wird, so wie wenn Lessing im 3. stücke seiner hamb. dram. sagt: die empfindung ist etwas inneres, von dem wir nur nach seinen äuszern merkmalen urtheilen können. vgl. auch unter fühllos die stelle aus Gellerts lustsp. 129. in der ersten bedeutung, in der das transitive fühlen steht, ist es mit empfinden nicht synonym.
Zitationshilfe
„fühlen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/f%C3%BChlen>, abgerufen am 24.05.2019.

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