erscheinung f.
Fundstelle: Lfg. 4 (1860), Bd. III (1862), Sp. 958, Z. 3
ein heute viel gebrauchtes wort,
1)
sichtbarwerdung, mit der idee des lichtes, glanzes im hintergrund, göttliche, geisterhafte. die erscheinung unseres heilandes 2 Tim. 1, 10 ist goth. gabairhtei nasjandis unsaris, gr. ἐπιφάνεια, vulg. illuminatio. ebenso die erscheinung des engels, geistes, des gespenstes, teufels. er hat erscheinungen, glaubt an erscheinungen, nächtliche erscheinungen, traumgesichte: du hast erscheinungen meine tochter! Gotter 3, 119; sie fiengen nun an von ahnungen, erscheinungen und dergleichen zu sprechen. Göthe 18, 318;
ach die erscheinung war so riesengrosz,
dasz ich mich recht als zwerg empfinden sollte.
12, 39.
leicht wendet sich diese dargebung des höheren auf das schöne, liebliche, anmutige menschlicher natur, eine liebliche erscheinung, die gestalt, δέμας, species selbst, φαινόμενον: der könig liebkosete dem schönen kinde und aller augen waren auf die erscheinung hingerichtet. Tieck ges. nov. 4, 335; sie war eine vorübergehende erscheinung, gleich dem gestirn, das wieder verschwindet. vgl.lufterscheinung, ↗traumerscheinung.
2)
wirklicher eintritt, vortritt, ankunft, gegenwart,
a)
die erscheinung, brechung, refraction der farben, strahlenbrechung, emicatio.
b)
erscheinung einer bestimmten zeit: bei erscheinung des angesetzten jahres, monats, tages; erscheinung der frist, des termins.
c)
auftritt, kunft: bis auf die erscheinung unsers herrn. 1 Tim. 6, 14, wo der urtext wieder ἐπιφάνεια, die vulg. aber adventus und auch Ulfilas hat und qum fraujins, ebenso: allen die seine erscheinung lieb haben (allaim þaiei frijônd qum is). 2 Tim. 4, 8; bei erscheinung des feindes flohen die leute aus der stadt in den wald; die erscheinung der cholera im land erschreckt alle menschen; eine grosze gesellschaft seiltänzer machten, indem sie sich auf eine öffentliche erscheinung bereiteten, einen unfug über den andern. Göthe 18, 141. erscheinung heiszt technisch, was fr. comparution, it. comparita, comparizione, das erscheinen, sich stellen vor gericht.
d)
veröffentlichung, bekanntmachung eines werks: da es seit erscheinung des Idris und Oberon zur ausgemachten wahrheit geworden ist, dasz die achtzeiligen stanzen für das grosze einen ausdruck haben. Schiller 28ᵃ; von deutschen productionen war mir Olfried und Lisena eine höchst willkommene erscheinung. Göthe 32, 176; die lebhafte sensation, welche dieses stück bei seiner erscheinung erregte. 32, 205.
e)
überhaupt manifestation: zur erscheinung kommen, anschaubar werden, zur erscheinung bringen, vorführen, thatsächlich bewähren; reife kritik, bei deren erscheinung alle streithändel von selbst wegfallen müssen. Kant 2, 562; bracht ich nun nach seiner vollendung dieses dreifache werk (Wallenstein) gemeinschaftlich mit meinem freunde auf das theater, erduldete ich ... den verdrusz, dasz denn doch zuletzt nicht alles gehörig zur erscheinung gelangte. Göthe 46, 266; jede grosze idee, sobald sie in die erscheinung tritt, wirkt tyrannisch. 22, 241; wenn ein organisches wesen in die erscheinung hervortritt. 50, 64; spreu von geriebenem bernstein angezogen, steht mit dem ungeheuersten donnerwetter in verwandtschaft, ja ist eine und dieselbe erscheinung. 50, 73; dann verwirft er wieder die veränderung an den dingen als eine erscheinung der erscheinungen. 20, 30.
3)
im gegensatz zur zweiten bedeutung, welche die verwirklichung einer sache oder eines zustandes ausdrückt, und im anschlusz an die erste, die den bloszen teuschenden schein enthalten kann, verwendet der philosophische sprachgebrauch erscheinung von den gegenständen, insofern sie nicht als dinge an sich selbst, sondern als sinnliche anschauungen erfaszt werden. so bei Kant häufigst: der unbestimmte gegenstand einer empirischen anschauung heiszt erscheinung. 2, 60; was gar nicht am objecte an sich selbst, jederzeit aber im verhältnisse desselben zum subjecte anzutreffen und von der vorstellung des ersteren unzertrennlich ist, ist erscheinung. 2, 85.
Zitationshilfe
„erscheinung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/erscheinung>, abgerufen am 27.05.2019.

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