bock m
Fundstelle: Lfg. 1 (1854), Bd. II (1860), Sp. 201, Z. 40
caper, hircus, ahd. pocch (Graff 3, 30), mhd. boc, gen. bockes (Ben. 1, 220ᵃ), nnl. bok, ags. bucca, engl. buck, altn. bokki, schw. bock, dän. buk, finn. pukki, des goth. wortes würden wir nicht entbehren, wenn sich die verdeutschung des A. T. erhalten hätte, doch selbst Matth. 25, 32. 33 mangelt uns. mlat. buccus: si quis buccum furaverit. lex sal. 6 (bei Merkel erst in den novellen 276). zu Virdun lebte im j. 588 ein abt Buciovaldus, den man seines hochmuts wegen spöttisch buccus validus nannte (Greg. turon. 9, 23); nach analogie der namen Perolt, Wolfolt, Tierolt (= ags. Deorveald) könnte Buciovald sehr gut mit bock gebildet sein, vielleicht ist auch ein ahd. Poccholt, Puccholt aufzuweisen, dem ags. bucca entspricht der mannsname Pucco bei Neugart nᵒ 821 (a. 1036), noch heute ist Bock verbreiteter geschlechtsname. buccus aber ist aus der deutschen sprache geholt, franz. bouc, prov. boc, sp. boque, it. becco, wahrscheinlich auch ir. poc (in alten glossen bei Zeusz 1115 boch), welsch bwch, arm. buc'h, bouc'h. denn die keltische und lat. sprache haben keine wurzel dafür, bucca maul ist unverwandt, unser bock aber, wie diesmal Wachter einsah, stammt aus bochen stoszen, da der nächsten sinnlichen betrachtung das thier als ein hornstoszendes auffällt. in der thierfabel ist auch der name des widders Colvarianus von colve, ahd. cholbo, clava, cestus herzuleiten (plîînêm cholpom pivillan, plumbatis tundi. Graff 4, 393) vgl. hernach 4. 5. 6. die hochdeutsche tenuis bock für boch ist zu fassen wie in pauke = ahd. pouchan, vielleicht auch aus einflusz eines zwischentretenden i ein pucchio für pucho, wozu jener name Buciovaldus stimmt. bock und pauke sind einer und derselben wurzel, bock das thier, welches stöszt, die pauke das werkzeug, welches gestoszen wird, tympanum. Alle bedeutungen von bock flieszen aus diesem begrif.
1)
bock bezeichnet allgemein mehrere horntragende männliche thiere, den hirschbock, rehbock, tannbock, steinbock, schafbock, geiszbock, ziegenbock, gemsenbock, welche alle, im gegensatz zu den weibchen, blosz bock heiszen. doch dem stier kommt nie der name bock zu. auch ein groszer schwimmvogel wird alenbock genannt (1, 1439). im eigensten sinn aber ist bock der bärtige caper (altn. hafr, ags. häfer) oder hircus, gr. τράγος, das männchen der geisz. heilbock, ein verschnittner bock. figürlich, ein steifer bock, ein hölzerner mensch, ein alter bock, alter, verliebter geck; bock, geiszbock, ein schneider.
2)
für dies geschlechtsverhältnis bemerke man folgende stellen:
jeniu geiʒ und dirre bock
wærn basen kint, wan ein stock,
über den der bock eins tages sprank,
von dem diu sippe ist worden krank.
Renn. 7514,
d. h. wenn nicht ein stock gewesen wäre, über den der bock fortsprang.
so werden sie des koufes eis (eins),
wie man ein bock geb umb ein geisz.
Brant 61, 30,
d. h. wie sich eine dirne mit einem burschen einige. die wallonische sprache sagt boc et gate (bock und geisz) für hermaphrodit, franz. bique et bouc (Grandgagnage 1, 54); die welsche hifyn hafog; vgl. bidibidi (1, 1810); bei Tobler 51ᵇ bidibeidé.
3)
bock in folgenden bibelstellen ist immer τράγος, χίμαρος, ἔριφος und dem widder, κριός, aries gegenüberstehend: und sonderte des tages die sprenkliche und bunte böcke und alle fleckete und bunte ziegen. 1 Mos. 30, 35; zweihundert ziegen, zwenzig böcke, zweihundert schafe, zwenzig wider. 32, 14; denn ich hab den bock gesand. 38, 23; seine hand auf des bocks heubt legen und in schlachten. 3 Mos. 4, 24; und sol den bock, auf welchen des herrn losz fellet, opfern zum sündopfer. 16, 9; das also der bock alle ire missethat auf im in eine wildnis trage. 16, 22; ich wil dir feiszte brandopfer thun von gebranten widdern, ich wil opfern rinder mit böcken. ps. 66, 15; so gehe hinaus auf die fuszstapfen der schafe und weide deine böcke bei den hirtenheusern. hohelied 1, 8; des herrn schwert ist vol bluts und dick von fettem, vom blut der lemmer und böcke. Es. 34, 6; stellet euch als böcke fur der herde her. Jer. 50, 8; ich wil richten zwischen schaf und schaf, und zwischen widdern und böcken (ἀναμέσον κριῶν καὶ τράγων). Ez. 34, 17 vgl. 39, 18; und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein hirte die schafe von den böcken scheidet. Matth. 25, 32.
4)
dennoch setzt Luther ein paarmal böcke auch für schafböcke oder widder: feiste widder und böcke (ἀρνῶν καὶ κριῶν). 5 Mos. 32, 14; kelber, lemmer, böcke (μόσχους, κριοὺς, ἀμνούς) Esr. 7, 17, untadelhaft, weil die schafe gleich den böcken stoszen. heiszt doch ein kriegsgerät zum einstosz der mauern, an dessen spitze ein widderkopf ausgeschnitten war, lat. aries, gr. κριός, sl. baran, uns aber bock, sturmbock, ramm, ramme, z. b. mache eine belegerung drümb und stelle böcke rings umb sie her. Ez. 4, 2; das er böcke füren solle wider die thore. 21, 22; er wird mit böcken deine mauren zustoszen. 26, 9; in denen belagerungen wurden die böcke, katze und der krebs die mauer zu zerbrechen gebraucht. Hahn 5, 221. it. montone, franz. bélier d. i. widder, von bêler, balare, der blökende, wie er in der thierfabel Belin, Belinus, aber auch Berfridus genannt wird, und berfroi, beffroi, berfredus zu unserm bergfriede (1, 1511) stimmt.
5)
man sagt im sprichwort: der bock weisz, dasz er hörner hat; alte böcke, steife hörner; je älter der bock, je härter das horn; die welt lohnt wie der bock, wenn er hörner kriegt; ich hatte mich drauf verlassen wie der bock auf die hörner; darauf man sich, wie ein bock auf seine hörner verlassen sollen. Reinhard Werth. ded. 1, 206; er heult, dasz ihn der bock stöszt, stoszweise, schluchzend.
der bock auch manchen knecht hart stiesz,
das er ein par flüch fallen liesz.
H. Sachs I, 506ᵇ.
6)
der fluch 'dasz dich der bock stosze!' 'dasz dich der bock schände!' gewinnt mythische bedeutung, da der teufel in bocksgestalt und gehörnt gedacht wurde (mythol. 947). hierfür sind schon 1, 229. 230 belege gegeben,
ei nun geb im bock alle franzen!
H. Sachs III. 3, 24ᶜ;
Gret, dir ist der belz verbrennt,
das dich bock schend,
wie blast am hindern end!
groszm. 36,
Grete hatte sich am warmen ofen stehend verbrannt.
lauf, dasz dich der bock stosz!
ped. schulf. 210. 212.
viele solcher scheltenden und verwundernden formeln pflegten aber mit dem gen. bocks (box) zu beginnen, der von einem nachfolgenden oder in gedanken zu ergänzenden subst. abhängt, vgl.botz undkotz:
ei pox, wie haben sie die gröszten beuch,
als ob sie all zuschwollen weren gleich!
Hans Tyrolfs verdeutschung von Naogeorgs babstum 1540. J 6ᵇ;
es schend sie pox leber und lung!
H. Sachs III. 3, 62ᶜ;
das mich box hoden schend und blend!
III. 3, 30ᵇ;
ich schwuͦr box werder lung!
allegor. ged. von 1486 C 5ᵃ;
swig, das dich box sners schende! was gat es dich an? Schreibers freib. urk. 2, 67;
bocks marter! was hab ich vergessen.
Haupt 3, 246;
und fluchet box marter! Alberus vom interim Kᵇ; der ist sammer bocks marter! ein guͦt gesel. Frank spr. 2, 148ᵇ; box donder, box blix! Frey garteng. cap. 21;
bocks bart! ich bin nicht voll gewesn,
so hab ich heut kein erbes gessn,
dasz ich durch dhülsen sehen solt.
Gilhusius gramm. 83;
bocks ziegenbart! heut disen tag
war eben disz auch meine frag.
67;
unde hatte ouch gar vil lute vorloren, die im abegeslagin wurdin, unde box scheisz habe ir selen! Lindenblatts chronik s. 123. alle bücher des 15. 16 jh. sind voll dieser rohen flüche, die betheuerungen bei dem namen gottes parodieren sollten; wie man bei Christi marter und wunden schwur, wird das hier auf den teufel umgedreht und des bocks donner und blitz tritt an die stelle des himmlischen donners und blitzes, vielleicht noch mit einem nebengedanken an des heidnischen donnerers bocksgespann. nähere ausführung anderswo.
7)
unsicher und mehrdeutig ist die redensart vom angehen des bocks, wozu man angehen 1, 340 vergleiche.
der bock gehet schon gewaltig an.
H. Sachs II. 1, 6ᶜ;
im zorn aber der pock angeht.
III. 3, 31ᶜ,
es scheint, die noth ist grosz, der teufel ist los. dagegen hat es in folgenden neueren stellen aus Schwaben den sinn eines glück und geld bringenden angangs: du host reacht geld eingnomma, dir ist der bock anganga. Wagners ernennung des schulmeisters zu Blindheim s. 76; so sott mir der bock au a mol a gau, no wär i a kerle ufem platz. es gibt doch noch eine hochzeit s. 20; ja deam schreiner ist der bock reacht anganga. 26; so sott mir der bock au amol a gau! 32. nimmt man an, dasz der teufel als bock, wie sonst als drache geld und schätze herbeitrage?
8)
andre redensarten. sie rumpfen ir stirn wie ein bock. bienenk. 199ᵇ;
du sollst stehen als ein stock
und starr sehen als ein bock.
N. Hocker deutsch. volksgl. 220ᵇ;
das ist hart, sagte der bock, da sollte er lammen; blumenpfingsten, wenn die böcke lammen, ad graecas kalendas; der belachenswerthe anblick, dasz einer den bock melkt, der andere das sieb unterhält. Kant 2, 94; ein bock, lapsus, einen bock schieszen, labi; das war ein groszer bock, fehler; lauter böcke schieszen. J. P. flegelj. 1, 30; die sängerin hat einen bock geschossen, im singen gefehlt;
oft glückts ihm, kühn betrog er die gefahr,
doch auch ein bock macht ihm kein graues haar.
Göthe 13, 138;
und het ein feler da geschossen.
H. Sachs I, 516ᵃ;
ich fürcht, du werst ein fäler schieszen.
I, 536ᵃ.
die Böhmen sagen dafür kozla odřjti = einen bock schinden (Jungm. 2, 150ᵇ), die Polen ba̜ka wystrzelić, eine bremse oder hummel abschieszen, hiernach schiene in unsrer redensart schieszen nicht erlegen, sondern losschieszen, vgl. einen blinden schieszen sp. 124 und einen bock, einen pudel machen. einem bock stehn, sich auf die hände und füsze gestützt niederlegen, damit der andere auf den rücken treten und ein pferd, einen zaun, eine mauer besteigen könne, wie der fuchs aus dem brunnen über den bock oder wolf springt; man musz den bock nicht zum gärtner setzen;
dasz dir nit die nachtnebel klein
deine augen verdunkeln than,
sechst ein bock für ein gärtner an.
H. Sachs IV. 3, 13ᵇ;
wie man denn sagt, ein trunken mann
seh ein bock für ein gärtner an.
IV. 3, 113ᶜ;
Benvenuto hat den bock zum gärtner gesetzt (aveva dato la guardia la lattuga ai paperi). Göthe 35, 100; mancher ziert die gesellschaft wie ein bock den marstall, wie ein muck den brei. Lehmann 175.
9)
der bock stinkt, wie lat. hircus und gr. τράγος zumal foetor alarum; da sprach der ein zu dem andern, wiltu ein stinkender bock geheiszen werden, so frag in, warumb er lache. Steinhöwel Es. 6ᵇ;
man liebt dich, Paula, nicht nach riechen,
der bock ist bei dir eingeschlichen.
Logau 3, zug. 42;
es farzt die hexe, es stinkt der bock.
Göthe 12, 207;
ein geiler bock, wie er im nouveau Renart Luxurieus heiszt; ein geil schielender bock, wie lat. hircus, angulus oculorum, der schielende, starre blick; pock oder augenwinkel, hircus. voc. 1482 z 4ᵇ. tragus heiszt auch am ohr die knorplichte erhöhung vor der öfnung des gehörganges, so wie antitragus die gegenüberstehende.
10)
figürlich, bock ein hölzernes gestell, das steif auf drei oder vier füszen steht, namentlich das untergestell der windmühle, worauf sie nach der windrichtung drehbar ist, daher bockmühle, bockmüller. eisbock an der brücke, schräg aufgestellter balke, die eisschollen abzuhalten; bock, eine art folter. sägebock, holzbock gestell, worauf das holz zum sägen gelegt wird; brandbock, feuerbock am herd, zum auflegen der scheiter; bock ein hebel für schwere lasten, sonst auch geisz genannt; waschbock, worauf die waschbütte steht. bock, das dreibeinige gestell, auf dem man vor einem pult sitzt oder reitet; kutschbock, hoher sitz des kutschers: der hochbepackte wagen, von dessen bocke zwei bedienten herabsprangen. Göthe 18, 238. von drei zusammengewachsnen holzspitzen wird ein bock gemacht, um damit raubvögel auf dem horste zu fangen. Döbel 2, 161. bock heiszt der erste armvoll getraide, den man nach dem schnitt aufsetzt, ein heuhaufe, ziegelhaufe, auch der kleine kohlenmeiler, der am schlusse des brandes aus den resten des groszen meilers gebildet wird; bock im bergbau, ein rost, der nicht den gewöhnlichen erzgehalt hat, den bock umbringen, das geröstete erz eines solchen bockes in ein anderes feuer bringen. vier bossen flachses zusammengedreht. in Östreich gilt bock noch von andern aus vier theilen bestehenden sachen, z. b. ein bock biren, vier birnen. bock, krücke im billard.
11)
bock, dolch: mit einem bock oder dolchen in einer hülzen scheiden umbgürtet. Kirchhof wendunm. 150ᵇ.
12)
Adelung leugnet die figur in den unter 10 angeführten benennungen und setzt dafür besondere wörter an, deren wurzel er aufsucht. ihn widerlegt schon der analoge gebrauch von τράγος und aries, so wie von geisz (w. m. s.).
Zitationshilfe
„bock“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/bock>, abgerufen am 12.11.2019.

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