blöde, blöd
Fundstelle: Lfg. 1 (1854), Bd. II (1860), Sp. 138, Z. 19
hebes, infirmus, timidus, ahd. plôdi (Graff 3, 251), mhd. blœde (Ben. 1, 212ᵃ), alts. blôthi, nnl. bloode, blood, ags. bleáđe (Cœdm. 206, 17), altn. blauđr und blautr, schw. blöt, dän. blöd. ein goth. blauþs zu vermuten, das sich zu plôdi wie auþs zu ôdi, ags. eáđe verhält, gablauþjan setzt Ulfilas im sinne von abschaffen. erwägt man, dasz zwischen unserm diphth. au kehllaute auszufallen pflegen (bauan facere, goth. naus = νέκυς), so läszt sich bei blauþs an lat. flaccus (für flacvus, wie siccus, succus für sicvus, sucvus) und flaccidus welk, schlaf denken, doch entspricht dem flaccus sonst goth. þlaqus. flaccidus μαλακός, μαλθακός wäre geradezu blöde = blagviþs, für welche erweiterung auch blaug, bleug (sp. 113) in betracht käme, vgl. böhm. plachy scheu, poln. płochy, auch ahd. prôdi, mhd. brœde.
1)
blöde vom gewächs, mhd. zarte (zerrte)
von im die starke sarwât,
gelîche als wærʒ ein blœdeʒ blat.
krone 13502;
gerade wie bei Plinius 17, 30, 39 folio maximo flaccidoque et albicante. die blöd aufgehende gerste (geräth noch oft). Hohberg 2, 39ᵇ. auch von anderen sachen, dünn, gebrechlich, schwach, leicht: ein leichter und blöder boden. Sebiz 502; blöde (ungesalzne) suppe; das hemde wird blöde (dünn); ein blöder faden. Lehmann 1, 230;
lasz der flammen rauch und licht
durch die blöden dächer fahren.
Weise nothw. ged. 29.
2)
blöde vom leib, zumal magen und leber: ich werde mit blödem (schwachem) leibe geplagt. Mich. Neander im menschensp.; ein dienlich essen denen, so ein blöden magen haben (stomachum infirmum, invalidum, languentem). Forer fischb. 146ᵃ; die weil ir der magen damals noch zu blöd darzu war. Fischart bienenk. 21ᵇ. 23ᵃ; ein zu blöder magen. Lohenst. Arm. 2, 72; vorwärts liegen soll den augen schädlich, zur kochung aber des blöden magens verhülflich sein. Hohberg 1, 166ᵇ; zimmetöl ist denen, die einen blöden magen haben, inwendig und auswendig nützlich. 1, 241ᵇ; ihr decoctum hat eine sondere kraft, die blöde leber zu stärken. 1, 673ᵇ; keine nahrung für blöde magen. Wieland 14, 57.
3)
blödes haupt, gehirn: als der ber gefragt ward von dem wolf, warumb er das antlit also gebogen und gehenkt trüg? antwortet er im, darumb das ich ein blöd haupt hab. Cyrillus 34ᵇ; wer ein schwach und blöd hirn oder kopf hat, dem thuͦt dises buͦchstabens (nemlich des N) nennung wehe. Ickelsamer B 1ᵃ; conserve zu blöden haupt. Hohberg 3, 196ᵇ; die bohnenblühe schadet dem blöden gehirn und denjenigen personen, welche blöd im haupt sind. 3, 2, 40ᵃ; blöde köpfe sind einfältig genug gewesen, diese zeichen für sachen anzusehn. Wieland 7, 31; er hat ein blöden kopf. Keisersb. s. d. m. 9ᵃ.
4)
von gesicht und augen: oculi attoniti, blöd, als ob einer sich entsetz. Alberus; aber Lea hatte ein blöde gesicht (lippis erat oculis), Rahel war hubsch und schön. 1 Mos. 29, 17;
der blöden augen liecht ist wie ein dicker dampf.
Fleming 19;
von tausend thränen blöd.
Gryphius 1, 25;
wiewol er seines blöden gesichts wegen eine brille dazu vonnöthen hatte. Wieland 12, 162; freilich sind diese züge des gemäldes manchem unsichtbar, aber sind sie deswegen nicht da, weils leute mit blöden augen gibt? Klopstock 12, 144; sie sind blöde genug, sich von andern mit ofnen augen betrügen zu lassen. Wieland 7, 142;
blöd auch sein dir die augen, die vormals stralten von anmut.
Voss Od. 13, 399;
ohne dasz es die alte mit ihren blöden augen bemerkte. Arnim kronenw. 1, 284.
5)
blöde überhaupt leiblich schwach: mhd. ein blœde wîp. klage 511; diu kranken, blœden wîp. frauend. 305, 9. nhd. zwen ritter waren, die zogen gemeinlich mit einander in den krieg, der ein war blöd und schwach, der ander stark. sch. und ernst cap. 47; ein verwundter ist starker, der ander blöder. Würtz pract. 64; in diesen euszersten vorhof dorft jedermann gehen, allein die blöden (menstruierenden) weiber ausgenommen. Reiszner 1, 53ᵃ; enthaltet euch von eweren frawen, so sie blöd seind, und gehn nit zuͦ in ein bisz sie gereinigt werden. Frank weltb. 121ᵇ; auch das ganz jar, so sie (die ehfrau) blöd ist (menstruiert), helt es der mann der masz (hoc modo) mit ir. 153ᵃ; soll ich etwa ein kaffe machen? es ist mir neue so blöd (so schwach). Gotthelf schuldenb. 42. von thieren: blöde lämmlin. Sebiz 138, den starken entgegengesetzt; die pfauen werden gemeiniglich blöde, wann sie eier legen, da musz man sie mit in hönigwasser geschwellten waizen, habern und gerösten bohnen erwärmen. Hohberg 2, 343ᵃ.
6)
blöde, scheu, unerfahren, furchtsam, feige, verzagt, in gutem und bösem sinn: wer blöde und verzagt ist, der kere umb. richt. 7, 3; denn Rehabeam war jung und eins blöden herzen, das er sich fur inen nicht wehret. 2 chron. 13, 7; gott hat mein herz blöde gemacht und der allmechtige hat mich erschreckt. Hiob 23, 16; das blöde herz des narren. Sir. 22, 22; die armen macht das armut blöde. spr. Sal. 10, 15; wo ein könig vil volks hat, das ist seine herlichkeit, wo aber wenig volks ist, das macht einen herrn blöde. 14, 28; werd nicht blöde, denn du solt nicht zu spot werden. Es. 54, 4; die kriegsleute seien blöde worden. Jer. 51, 32; mit den worten macht man blöde, weiche, lose herzen. Luther 1, 79ᵃ; hiemit haben die alten veter und lerer getröstet die blöden und schwachen christen. 6, 90ᵃ; wenn viel christen auf einmal sich lieszen umb Christus willen martern, sol wol daselbs einer mutig werden auch mit zu leiden, der sonst vieleicht allein zu blöde were. das.; eine meinung, die den festen nit nachteilig und den blöden nit vorteilig oder ärgerlich wäre. Zwingli 1, 579; und doch der blöden, unwissenden noch so vile, dasz man die mess on ärgernus der blöden nit gach abstricken mag. 1, 580;
all diser weibsbild tugendstand (2 Macc. 7, 20)
wirt plöden mannen sein ein schand.
Schwarzenberg 159, 1;
dacht derhalben, wie er sich aus dem fürstenthumb hinweg wenden möcht, und ertichtet als ein bloder, feiger heuchler ein grosze lügen, richtet einen ertichten brief zuͦ in seines vaters namen, als ob sein vater ihn von Nimeck gen Fach heim fordert.
Alberus wider Witzel H 3ᵃ;
wenn ich denn jung und blöde war, machte ich mir ein herz.
Schweinichen 1, 160;
als welche in diesen natürlichen dingen so unbekant und blöde war, dasz sie kaum wuste, was durch zwei herzen in einem leibe gemeint war.
pol. stockf. 360;
fürwar ich bin zu weich und blöt,
ein schreck mir durch mein herz ausget.
Ayrer fastn. 5ᵃ;
daher sie dan das herz, von trübsal eng und blöd
erquicket und erweitert.
Weckherlin 68;
die sanften Pierinnen
sind hartes nicht gewohnt, sie haben blöde sinnen.
Fleming 97;
sie schärft den blöden sinn.
Gryphius 1, 194;
ach der (mund der geliebten) mein blödes herz bis auf den tod verwundt.
1, 125;
die vor mehr denn blöd, itzt kluge schar.
2, 357;
dem (aberglauben) allein
die blöde menschheit zu vertrauen, bis
sie hellern wahrheitstag gewöhne.
Lessing 2, 312;
diese Athener stellten sich meiner beleidigten eigenliebe als ein abschätziger haufe blöder thoren dar. Wieland 2, 128; können wir blöde genug sein uns einzubilden. 15, 285; gut, herr wirt, wir sind auch nicht blöde, und am wenigsten musz man im gasthof blöde sein. Lessing 1, 529;
(rede) nicht so geheimnisvoll, sei gegen uns nicht blöde.
Göthe 7, 27;
das kind ist noch blöde; ein blödes jüngelchen; sei nicht so blöde und komm näher!; thu nur nicht so blöde!; er ist nicht blöde (fordert unverschämt). sprichwort, ein blöder hund wird selten fett. die vorstellung des scheuen mischt sich mit der des kurzsichtigen (4), schwachsinnigen (3) und schwachen (5).
7)
abstractionen, in verschiednem sinn. mhd.
unser blœdeʒ vehten
gezimt niht guoten knehten,
unser slege gênt niht manlîchen,
wir vehten lasterlîchen.
Er. 901;
ob eʒ iwer muot niht vervât
für zageheit, sô ist mîn rât,
daʒ wir ditz blœde vehten lân
und eine wîle ruowen gân.
907,
von unmännlichem kampf, wie er mehr blöden weibern anstünde. nhd. wann ich zuͦ arm bin sölch verachtlich umbtreiben usz zuͦ warten, dem ir ein blöde gestalt geben. Geszlers rethorik 61ᵃ, ein schwaches, falsches, unziemliches ansehn. oft ein blödes (schwaches, furchtsames) gewissen: wir aber leren also, das man in sol lernen kennen und ansehen, als der da sitze für die armen blöden gewissen, so an in gleuben, nicht als ein richter. Luther 6, 41ᵃ; man sol die beicht oder absolutio bei leib nicht lassen abkomen in der kirchen, sonderlich umb der blöden gewissen willen. 6, 520ᵃ; weil viel blöder gewissen sich erholet und erquickt haben an diser heilbertigen ler. Alberus wider Witzel F 5ᵇ; zum trost und stärkung des blöden gewissens. Schweinichen 1, 6; das gewissen der sünde ist blöde, welches ein rauschendes blatt und der schatten der wand furchtsam machen kann. pol. stockf. 158;
und mag kein vormund hier der blöden faulheit sein.
Canitz 62;
steht und gaft
mit blöder bewundrung groszem auge
das ausland an.
Klopstock 2, 36;
blöde verlegenheit, die eine wirkung der knechtschaft ist. Kant 10, 3;
was wehrt es mir denn menschensatzung, blosz
aus blödem wahn, in Mollys wonneschosz
von lieb und lust bezwungen, hinzufallen?
Bürger;
drum schleicht in meinen schlichten sinn
kein blöder stolz sich ein.
Gotter 1, 239.
durch ihre blöden zweifel sind sie vielleicht schuld, dasz der edle kämpfer, nahe am ziel, umwendet. Claudius 8, 210; bei dem blöden glauben an einen tausendmal höhern tugendgehalt Lianens, als deiner ist. J. Paul Tit. 1, 135.
Zitationshilfe
„blöd“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/bl%C3%B6d>, abgerufen am 16.10.2019.

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